Ganz ehrlich: Wir haben uns die Überquerung des Atlantiks von Ost nach West ganz anders vorgestellt. Eigentlich ist diese Route ja durch die vorherrschenden Passatwinde für die Seglercommunity eine der beliebtesten. Vor einigen Jahren ist Mike mit der KAMI die entgegengesetzte Route, also von West nach Ost, gesegelt. Diese Route meiden wiederum viele Segler. Sie hat uns (Mike) aber viel besser gefallen. Hier gab es mal ein, zwei schöne Flautentage mit Badespaß im Atlantik und immer wieder mal verschiedene Segelkurse. Damals haben wir 5.200 Seemeilen in 42 Tagen gemeistert. Die jetzige absolvierte Route war in Summe 3.049 nm lang, und wir haben 22 Tage für die Passage gebraucht.
Der Passatwind war auf unserer Überfahrt nicht sehr beständig. Der Wind drehte andauernd von NNW, NE, Ost mit einigen Ausreißern. Über die Hälfte der Zeit hatten wir eher mäßigen Wind, und oft stimmte der benötigte Windwinkel für unser Schiff nicht (so dachten wir anfänglich). Nun ja, wir sind ja mehr oder weniger Segelanfänger – hätten wir uns eher getraut, mit Gennaker und Genua im Schmetterling zu fahren, hätten wir gut und gerne eineinhalb bis zwei Tage an Zeit gespart. Aber gut, wir sind ja noch in der Lernphase – do it yourself! Unsere durchschnittliche Geschwindigkeit betrug 5,8 kn. Unser höchstes Peak lag bei 14,3 kn, während wir eine Böe in unseren Segeln eingefangen haben. Viele der anderen Segler, die sich zur gleichen Zeit auf den Weg über den Atlantik gemacht haben, hatten einen Parasailor an Bord. Das ist ein großes, vor dem Schiff „fliegendes“ Leichtwindsegel, das das Schiff kontinuierlich und entspannt vorwärts zieht. Die Investition in solch ein zusätzliches Segel ist nicht ohne. Wir haben aber für uns schon entschieden, so ein Segel müssen wir uns unbedingt zulegen. Gerade später, wenn es auf den Pazifik geht und die Entfernungen noch gewaltiger werden, wollen wir es uns so leicht wie möglich mit dem gewünschten Vortrieb machen. Mal sehen, ob wir irgendwo in der Karibik einen Parasailor ergattern können.
Was wir damals auf unserer Atlantikroute von West nach Ost auch nicht hatten, waren die vielen nächtlichen Squalls. Oft kündigen sie sich auf dem Radarbild an und man kann teilweise den Kurs noch etwas verändern, meistens ist es aber schon zu spät. Hier gilt, mindestens in den Nachtstunden eine konservative Besegelung auszubringen. Also Reffs in das Großsegel einbinden und die Segelflächen der Vorsegel verkleinern – je nachdem wie doll es bläst. Segeln am Limit erhöht das Risiko von Materialverschleiß und Mastbruch. Dann doch bitte eher behutsamer. Nach der Hälfte der Wegstrecke über den Atlantik mussten wir uns von der anfänglich von wetterwelt.com versprochenen entspannten Überfahrt verabschieden. Ein Tiefdruckgebiet aus dem Nordosten wird uns heimsuchen. Vorhergesagt waren 3 bis 4 Meter Welle und bis zu 35 kn in Böen.
In Deutschland hatten wir bei wetterwelt.de ein Wetterrouting von Europa bis in die Karibik angefragt. Schnell waren wir uns im Juli preislich einig geworden und haben bis hier in die Karibik ein individuelles Streckenrouting per E-Mail erhalten. Parallel dazu haben wir bei Windy und PredictWind auch auf eigene Faust Planungen und Kalkulationen angestellt. Zusammenfassend können wir sagen, dass wir die Routenplanungen auch allein hinbekommen hätten. Oft lagen die Vorhersagen aus Deutschland weit neben der Realität hier draußen auf dem Atlantik. Auch konnten wir das eine oder andere mal die übermittelten Wegpunkte gar nicht ansegeln, da es nicht zum Polardiagramm der KAMI passte (segelbare Windwinkel). Zum Ende der Passage haben wir nach unserem Bauchgefühl Kurs gesetzt – und sind damit auch nicht schlecht gefahren. Das Wetterrouting war für uns Anfänger eine Art „Sicherheit“. Wir trauen uns aber jetzt für die Zukunft eine eigene Routenplanung zu – natürlich mit der entsprechenden Software und unserer Datenverbindung via Starlink.
Während der Überfahrt hatten wir nur kurz einmal Begegnung mit einer kleineren Delfinschule. Unsere Angelbemühungen brachten lediglich den Fang eines einzigen, sehr wohlschmeckenden Mahi Mahi.
Größere Schäden am Boot blieben uns erspart. Eher kleinere Patzer oder Mängel, wie ein abgebrochener Schrankknopf, ein verbogener Karabiner, eine gebrochene Segellattenhalterung, eine tropfende Deckenlampe oder eine lose Rettungsinsel in der Heckhalterung. Die Zylinderhalterung des Autopiloten hatte sich gelockert, und der Motor des Wassermachers macht zeitweise komische hochfrequente Schleifgeräusche.
Gesundheitlich waren wir in den drei Wochen abwechselnd etwas angeschlagen. Kathi hatte eine ganze Weile mit einer milden Seekrankheit zu kämpfen und bekam plötzlich ein „Musauge“ – woher, wissen wir nicht. Mike hatte sich ja zu Beginn der Reise an der linken Hand verletzt und war einige Tage leicht erkältet.
Das durch die hohen Wellen verursachte Schlafdefizit hat uns alle drei erwischt. Die erste Nacht im Hafen Pointe du Bout in Martinique war für uns alle eine Tiefschlafphase, wie wir sie so noch nicht erlebt haben. Unsere Körper haben sich den fehlenden Schlaf geholt. Diese Nacht war eine echte Wohltat.
Wir haben die Passage auch ohne Buddyboot oder Sicherheitsbegleitung einer ARC (gemeinsame Rallye von 150 Booten) geschafft. Wir sind nach wie vor Segelanfänger, auch wenn Mike nun schon fast 10.000 Seemeilen für sich verzeichnen kann. Gemeinsam sind wir stolz, es geschafft zu haben, und freuen uns jetzt auf schöne und erholsame Tage auf Martinique. Wir freuen uns sehr auf den Besuch von Lea-Marie über die Weihnachtstage und auf den anstehenden Jahreswechsel, bis es weiter nördlich in Richtung Guadeloupe gehen soll.
Wir starten pünktlich gegen 8 Uhr und verlassen die Marina in Santa Cruz de La Palma. Die Sonne scheint, der Wind bläst mäßig. Am Samstagnachmittag haben wir die Routing-Mail von Alina (wetterwelt.com) bekommen und die geplanten Wegpunkte für die ersten zehn Seetage in unseren Plotter eingegeben. Sie hat eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 5,6 Knoten angesetzt. Insgesamt sind es etwa 2.550 Seemeilen bis Martinique, geplante ETA ist der 5. Dezember.
Nachdem wir den Hafen verlassen haben, setzen wir Großsegel und Genua und machen zunächst um die 5 Knoten Fahrt. Leider schläft der Wind rasch ein, und wir befinden uns in der Landabdeckung. Also Großsegel runter und Genua weg. Stattdessen rollen wir den Gennaker, unser Leichtwindsegel, aus und machen so weiter zwischen 4 und 5 Knoten Fahrt. Gegen Abend wollen wir eine Halse fahren und ziehen uns dabei aus Versehen das Relingsnetz in den Steuerbord-Gennakerblock. Ich (Mike) greife schnell hinterher (leider ohne meinen Grips einzuschalten) und quetsche mir den linken Ringfinger und verbrenne mir den Zeigefinger. Ein lauter Schrei hallt über das Meer, und Kathi kommt sofort zu Hilfe. Die Schmerzen an den Fingern sind kaum zu ertragen. Warum habe ich meine Handschuhe nicht angezogen? Ein Eispack und zwei Ibuprofen helfen mir über die nächsten Stunden. Ärgerlich.
Gegen 18:30 Uhr wird es dunkel und wir entscheiden uns, mit Genua und Backbord-Maschine durch die Nacht zu fahren – in der Hoffnung, dass der Wind endlich stabiler wird und wir aus der Abdeckung der Insel La Palma kommen. Die Nacht ist sehr schwellig. Wellenberge von bis zu 3 Metern treffen uns seitlich an Steuerbord und schlagen unter der Gondel (der Mitte des Katamarans) zusammen. Das gibt fürchterliche Rumpel- und Rumpsgeräusche, super laut. Schlaf finden wir nur schwer. Kathi leidet schon wieder an leichter Übelkeit (meistens in den ersten Tagen auf Passage), findet aber gegen Mitternacht Schlaf und Träume.
Piper kommt mit dem Start der Atlantiküberquerung sehr gut klar. Sie schläft viel und schmust gerne. Ich sitze – wie so oft – um Mitternacht am Kartentisch, als mir ein weißes Blinken in unserer achterlichen Kabine auffällt. Ich gehe runter und sehe, wie ein Deckenstrahler blitzt und blinkt. Das Gehäuse ist heiß und der Strahler lässt sich nicht ausschalten. Was ist das? Schnell hole ich einen passenden Innensechskantschlüssel aus der Schublade und montiere den Deckenstrahler ab. Dabei kommt mir ein Schwall Salzwasser entgegen – das Bettlaken ist nass. Ich schaue verdutzt und trenne die Funzel schnell vom 12-Volt-Strom. Kurzschluss! Na prima – was für ein toller erster Seetag. Leider lässt sich nicht herausfinden, wo das Wasser oben aus der Kabinendecke herkommt. Ich lege erst einmal ein Handtuch und Küchenrolle aus.
Gegen 2 Uhr lege ich mich auch auf unser Schlaflager im Salon. Piper schnarcht und Kathi ist im Land der Träume. Ich stelle Plotter und Radaralarm ein und richte mir Timer im Zweistundenrhythmus ein. So richtig komme ich aber nicht zur Ruhe. Erst als es gegen 7:30 Uhr langsam hell wird, falle ich in einen kurzen Tiefschlaf. Seit gestern Abend konnten wir kein Schiff in unserer Nähe oder auf unserer Kurslinie ausmachen.
Gegen 9 Uhr stehen wir auf und trinken einen Kaffee. Piper hat schon wieder Hunger und fordert ihr Frühstück ein. Für uns gibt es eine Tasse mit Crunchy und Kellogg’s. Nach dem Frühstück setzen wir wieder das Großsegel und die Genua und stellen die Backbord-Maschine ab. Bei einem Windwinkel von 140 Grad halten wir unseren Kurs grob in Richtung des nächsten Wegpunkts. Vormittags versuche ich mein Glück mit der Angel. Es gibt tatsächlich einen kräftigen Biss, doch nach der Hälfte der eingeholten Angelschnur verlieren wir das Sushi. Schade. Weiterprobieren.
(Klick auf das Foto für vergrößerte Ansicht)
Blick auf den PlotterHafen Santa Cruz La PalmaLa Palma achternAdios La PalmaGroßsegel durchholenWassereinbruch durch LampensockelDemolierte Hand
Wir dösen im Salon, das Wetter ist wechselhaft. Wir machen etwa 6 Knoten Fahrt und unser nächster Wegpunkt ist 73 Seemeilen entfernt. Kathi kämpft noch mit ihrer Übelkeit, und ich will versuchen, sie wenigstens zu einer kleinen Mahlzeit am Abend zu überreden. In weiser Voraussicht hat sie auf La Palma für fünf Tage vorgekocht – gut so. Der Schwell ist mit 2,5 bis 3 Metern noch immer sehr unangenehm. Morgen soll er langsam nachlassen und sich um die 2 Meter einpendeln. Mitte der Woche lässt der Schwell hoffentlich noch weiter nach. So wäre die Überfahrt deutlich entspannter und ruhiger. Wir sind gespannt.
Bis zum Nachmittag machen wir kein einziges Schiff aus. Viele der Atlantikstarter haben ihren Kurs südlich in Richtung Kapverden abgesetzt. Nur eine Handvoll anderer Segler zieht es direkt hinüber in die Karibik. Am Sonntag kommt dann der Pulk der rund 150 Segelboote der ARC, startend von Gran Canaria in Richtung Karibik, Saint Lucia. Zu diesem Zeitpunkt haben wir – sofern alles gut geht und der Wind uns nicht hängen lässt – schon eine Woche Vorsprung mit knapp 1.000 Seemeilen im Kielwasser.
Die Nacht ist durch den immensen Schwell sehr laut. Die Wellenberge donnern gegen und unter das Schiff, an erholsamen Schlaf ist nicht zu denken. Dazu kommt, dass der Wind ständig hin- und herdrehst und wir keinen richtigen Kurs finden. Mit voller Besegelung gehen wir auf südlichen Kurs und verlassen damit eigentlich unsere geplante Wegpunktroute. Gegen 6 Uhr dreht der Wind weiter auf Südost, wir würden nun völlig in die falsche Richtung fahren. Also fahren wir eine Halse und gehen auf Gegenkurs. Auch hier finden wir keinen beständigen Wind und holen eine Stunde später Großsegel und Genua ein.
Wir rollen den großen Gennaker aus und setzen den Kurs auf den 155 Seemeilen entfernten Wegpunkt ab. Der Wind brist auf 25 Knoten auf – eigentlich viel zu viel für das Leichtwindsegel – und wir machen um die 8 Knoten Fahrt. In Anbetracht unseres nächtlichen Wegverlustes erfreulich. Dann höre ich die Angelrute klicken: ein Biss. Ich hole die Angelschnur ein und merke nach gut der Hälfte, dass sich der Haken gelöst haben muss. Wieder kein Angelglück.
Als ich meinen Kopf zum Heck drehe, sehe ich unsere Rettungsinsel, die sich aus der Halterung gelöst hat und „auf halb acht“ hängt. Oh nein. Schnell öffne ich den Seezaun und versuche, den Container, in dem sich die Rettungsinsel befindet, mit einem Gurtband zu fixieren. Das gelingt, sie scheint erst einmal wieder fest zu sitzen. Die hohen Wellen haben die Rettungsinsel ständig in der Halterung nach oben gedrückt, dadurch muss sich ein Fixierband gelockert haben. Gut, dass mir das aufgefallen ist. Nicht auszumalen, wenn wir die Insel unbemerkt verloren hätten oder sie ins sprudelnde Heckwasser gefallen wäre.
Bis jetzt war jeder Tag aufregend. Langsam darf es bitte etwas ruhiger werden. Besonders der krasse Schwell macht uns zu schaffen.
Noch ein Nachtrag: Heute früh haben wir auf der Steuerbordseite während unserer ersten Gassirunde an Deck riesige Fischschuppen und eine bräunliche Blutspur an der Mittelklampe entdeckt. Abenteuerlich. Was war hier in der Nacht los? Es sind keine Überreste von Meeresbewohnern an Deck zu finden, nur Schuppen und Blut. Die Nacht war und ist stockdunkel, und von 18:30 Uhr bis 7:30 Uhr fühlt sie sich auch besonders lang an.
3. Seetag – Dienstag, 18.11. Zweites Etmal: 136 Seemeilen Gesamt: 270 Seemeilen Bis Martinique: 2.354 Seemeilen Windstärke zwischen 5 und 6 Beaufort Gennaker voll bei 144 Grad
Der heftige Atlantikschwell sitzt uns noch immer in den Knochen, aber wir kommen gut voran und hoffen auf ein gutes nächstes Etmal (Zeitmessung von 12 Uhr mittags bis zum nächsten Tag um 12 Uhr). Wir ruhen uns aus, soweit das bei dem Geschaukel möglich ist, und essen abends selbst gekochten weißen Bohneneintopf. Lecker. Gegen 18:15 Uhr wird es dunkel und kurz darauf ist wieder pechschwarze Nacht. Wir machen es uns im Salon bequem und schauen über Starlink und VPN-Tunnel ein, zwei deutsche Komödien.
Gegen 23 Uhr hören wir einen Knall in der Nähe unseres achterlichen Cockpits. Piper schreckt auf, schaut sich um und fängt an zu bellen und zu schimpfen. Sie läuft zur Salontür und ihr Fell stellt sich auf. Was hat sie nur entdeckt? Wir können nichts erkennen und versuchen, sie wieder zu beruhigen. Das gelingt recht schnell und wir legen uns wieder auf unser selbstgebautes Passagebett im Salon und schlafen ein.
In der Nacht löst der Radaralarm aus. Kein annäherndes Schiff, sondern ein Squall, eine Schlechtwetterzelle mit Regen und Gewitter, etwa 5 Meilen südlich unserer Position. Sie zieht rasch vorbei, und so vergeht die Nacht ohne weitere Kontakte, bis es langsam gegen 7:20 Uhr hell wird. Draußen nieselt es. Kathi geht mit Piperli zur morgendlichen Decksrunde, und kaum ist sie draußen, höre ich ein lautes „Iiihh“. Hinten liegt ein toter fliegender Fisch. Seine Schuppen sind über die Stufen verteilt und kleben überall am GFK. Wir ziehen Piper vom Fisch weg – zu gerne würde sie kosten, so sieht es jedenfalls aus.
Nach dem morgendlichen Schreck gibt es ein schönes Frühstück mit selbst gebackenem Brot und Spiegeleiern. Köstlich. Gegen halb elf passiert uns an der Backbordseite ein kleineres Kreuzfahrtschiff mit Namen „MARINA“. Es ist in La Gomera auf den Kanaren gestartet und hat Barbados in der Karibik als Zielhafen. „Hey, warte und zieh uns hinterher“, denken wir uns im Spaß. Der Wind hat nachgelassen und wir machen gerade einmal 4 Knoten Fahrt, also rund 7 km/h. Da kommt uns das von hinten überholende Kreuzfahrtschiff mit seinen knapp 18 Knoten Fahrt wie ein Speedboot vor.
Die Sonne ist wieder da und wir hören chillige Musik. Piper liegt an Deck in der Sonne und schlummert. Die Angel ist draußen. Mike hat sich nun zusätzlich zu seinem kleinen Handunfall auch noch eine Erkältung eingefangen. Was soll’s – bis Martinique ist hoffentlich alles wieder okay.
Piper entspanntBesuch an BordSchleppangeln
4. Seetag – Mittwoch, 19.11. Drittes Etmal: 140 Seemeilen Gesamt: 400 Seemeilen Bis Martinique: 2.084 Seemeilen Windstärke zwischen 4 und 5 Beaufort Gennaker voll bei 147 Grad – teilweise läuft die Maschine mit
Der Schwell beruhigt sich langsam, und je näher der Abend rückt, desto mehr schläft der Wind ein. Dafür sind wir jetzt regelmäßig von Squalls umzingelt – der Radaralarm piept fast im Viertelstundentakt, und wir sehen die Regengebiete um uns herumziehen. Wir essen zum Abend die letzte Portion weißen Bohneneintopf und bereiten uns für die Nacht vor. Mike nimmt Paracetamol sowie frischen Pfefferminztee mit Ingwer zur Schlafförderung ein.
Dann holen uns die Regenfronten ein, und die KAMI wird ordentlich abgeduscht – zu unserer Freude, denn so wird die Salzkruste auf dem Schiff über Bord gespült. Gegen Mitternacht fällt der Wind auf 6 Knoten ab, und wir machen nur noch 2 bis 3 Knoten Fahrt. Der Gennaker flattert wie ein altes Handtuch auf der Wäscheleine, also holen wir ihn ein und fahren mit einer Maschine weiter. Wir nutzen die Flaute, um unseren Kurs zu korrigieren, den wir zuvor wegen des nicht optimalen Windwinkels nicht halten konnten. Die Maschine dreht mit 1.800 U/min, und wir machen 4 bis 5 Knoten Fahrt. So brummt es wieder durch die stockdunklen Nachtstunden.
Der Atlantik beruhigt sich mehr und mehr, der Schwell wird endlich erträglich, sodass wir längere Schlafphasen genießen können. Morgens weckt uns die Sonne; die Regengebiete liegen nun fast 30 Seemeilen entfernt, und wir fahren weiter Richtung Westen. Die Flaute soll bis morgen Nachmittag anhalten. Wir nutzen die ruhige See, füllen 50 Liter Diesel in den Backbordtank nach, und Kathi wirft eine Waschmaschine an und befreit den Salon von Staub und Hundehaaren.
Mir fällt auf, dass wieder Wasser durch den Deckenlampensockel in unserer Kabine getropft ist – bei den nächtlichen Regengüssen kein Wunder. An Deck entdecke ich in der Nähe eine lose Persenninghalterung: Die Schraube steckt nur locker und greift nicht mehr. Ich entferne sie und verschließe die Löcher provisorisch mit Panzertape. Beim nächsten Regenguss werden wir sehen, ob hier das Problem des Wassereinbruchs liegt – sonst könnten wir uns keinen Reim darauf machen. Auch an diesem Seetag kein Anglerglück. Ich versuche, das Schleppangel-Setup zu verbessern (andere Köder + mehr Blei). Wir werden sehen.
5. Seetag – Donnerstag, 20.11. Viertes Etmal: 115 Seemeilen Gesamt: 515 Seemeilen Bis Martinique: 2.107 Seemeilen Windstärke zwischen 0 Flaute und 1 Keine Segel – wir motoren
Wir motoren weiter, denn die Flaute soll noch bis zum Nachmittag anhalten. Wir arbeiten ein wenig digital und beschäftigen uns mit dem Wetterrouting von Predictwind. Sehr interessant: Nach der Routenberechnung sollen wir in 17 Tagen in Martinique eintreffen. Niemals!
Durch die Flaute haben wir endlich Ruhe im Schiff. Wir nutzen die Zeit für einen kleinen Rundumschlag. Die Sonne scheint, und bei Wind könnte man von Champagnersegeln sprechen. Wir hoffen, dass der Wind bald wiederkommt. Die Nacht ist ruhig, und wir finden alle drei mal wieder tiefen Schlaf. Gegen Morgen ist das Meer fast spiegelglatt. Wir lesen 1,6 Knoten Windgeschwindigkeit ab und stellen die ersten Treibstoffrechnungen an. Bisheriger Verbrauch durch die Motorstunden: knapp 90 Liter. Das macht 3 bis 4 Liter pro Stunde bei 1.800 U/min und 4,5 Knoten Fahrt. Mit unserem gesamten Diesel kämen wir auf ca. 900 Seemeilen. Wir hoffen aber, dass der Wind heute Nachmittag oder abends wieder einsetzt und wir segeln können. Das Motorenbrummen reicht erst einmal.
Ich werfe gleich nach Tagesanbruch die Angel erneut aus. Gegen 10 Uhr ist er endlich da – der richtige Biss! Wir holen einen schönen Mahi-Mahi an Bord. Das Heck sieht aus wie nach einer Schlachtung. Wir halten uns ran, den Fisch zu filetieren und das Boot danach zu putzen. Welch eine Freude – endlich ein richtiger Fang! Abends geht er auf den Grill. Wir sind happy.
6. Seetag – Freitag, 21.11. Fünftes Etmal: 111 Seemeilen Gesamt: 626 Seemeilen Bis Martinique: 1.990 Seemeilen Flaute Wir motoren
Der Wassermacher läuft, und wir füllen unsere Frischwassertanks mit 150 Litern nach. Wir wollen die Tanks mit 600 Litern Volumen nicht mehr ganz füllen – das Gewicht bremst uns nur aus. Wir einigen uns auf die Hälfte, das reicht noch zum täglichen Duschen, Abwaschen und für die eine oder andere Waschmaschine. Zur Not produzieren wir pro Stunde 100 Liter nach.
In den letzten 24 Stunden haben wir kein einziges Schiff gesehen. Nachmittags taucht die polnische „Meteor“ auf dem Plotter auf – ein Segelboot mit vermeintlich gleichem Kurs hinüber in die Karibik. Die „Meteor“ hatte uns letzte Nacht überholt, jetzt dümpelt sie ohne Fahrt im Flautenfeld. Wir motoren langsam vorbei und sind gespannt, ob und wann sie uns wieder einholt, wenn der Wind zurückkehrt. Zum Abend bereitet Kathi den frisch gefangenen Mahi-Mahi auf dem Herd zu. Er landet doch nicht auf dem Grill, sondern zu einem Drittel gedünstet in Pipers Fressnapf und zu zwei Dritteln im Backofen mit Zitronenbutter bestrichen plus Microgreens-Petersilie aus dem Schiffssalon. Eine Delikatesse – das Abendbrot ist perfekt und schmeckt himmlisch.
Nachdem die Sonne gegen 19 Uhr untergegangen ist, machen wir es uns wieder auf unserem Salonlager bequem. Auf einer externen Festplatte haben wir über 400 Spielfilme und Serien dabei. Davon schauen wir zwei, und so geht es in die Nacht. Gegen Mitternacht kommt langsam der Wind zurück, und einige Squalls ziehen dicht an uns vorbei. Zur Prävention legen wir die externen Festplatten, das Sat-Telefon, ein Handy, eine Handfunk und Mikes Laptop in den Backofen – er wirkt bei einem etwaigen Blitzeinschlag wie ein Faradayscher Käfig. Wir haben Glück, und die Gewitterzellen ziehen vorbei.
Gegen 3 Uhr bringen wir den Gennaker wieder aus und schalten die zuvor laufende Backbord-Maschine ab. Zwar ändert sich der Kurs durch die neue Windrichtung, aber grob passt es erst einmal. Durch den Wind nimmt die Welle wieder zu, und es wird laut im Schiff – so laut, dass diesmal Kathi keinen Schlaf findet. Gegen Morgen klagt sie über starke Kopfschmerzen und Halsweh. Sie bekommt Medikamente, einen Kräutertee und legt sich zu einem ausgiebigen Vormittagsschlaf hin.
Wir teilen mit PiperPipers DinnerUnser Dinner
7. Seetag – Samstag, 22.11. Sechstes Etmal: 128 Seemeilen Gesamt: 754 Seemeilen Bis Martinique: 1.886 Seemeilen Flaute bis 3 Uhr nachts – danach 3 bis 4 Beaufort Wir motoren bis 3 Uhr, danach unter Gennaker
Wir haben ordentliche Windsee, und die KAMI wird kräftig durchgeschüttelt. Dieser Zustand soll nun einige Tage anhalten. Der Wind hat aufgefrischt, und wir machen gute Fahrt. Leider ist der Windwinkel für unseren eigentlichen Kurs nicht optimal, sodass wir mit 145 Grad kreuzen müssen, um voranzukommen. Gegen Abend entscheiden wir uns für einen südlicheren Kurs und machen gut Strecke. Der Nachteil: Wir kommen unserem Ziel nicht viel näher. Durch das Kreuzen geht viel Zeit und Weg verloren. Trotzdem tasten wir uns langsam heran – Stück für Stück.
Seit Tagen kein Schiff in Sicht – das ändert sich heute. Auf dem Plotter taucht eine AIS-Linie auf, die frontal auf uns zukommt: der Frachter „Donaugracht“. Wir berechnen die Kurse, und uns wird es mulmig. Je näher wir kommen, desto öfter kreuzen sich die Linien. Das liegt auch daran, dass die KAMI im „Windmodus“ des Autopiloten fährt und bei der hohen Windsee die Kurslinie ständig springt. Ein schneller Kurswechsel wäre hier schwierig – wir müssten halsen und Segel einholen. Als wir nur noch wenige Meilen entfernt sind, tritt Piper auf den Plan: Sie bellt und schimpft in Richtung Frachter. Security Dog im Einsatz. Sweet! Wir passieren recht nah an seiner Backbordseite und fragen uns warum er nicht mehr abgedreht hat? Wer weiß.
Humpelig geht es in die Nacht. Auf dem Radar sind etliche Squalls zu sehen, und wir hoffen, ohne Kontakt durchzuschlüpfen. Reines Wunschdenken! Der Wind nimmt zu, die KAMI läuft immer schneller – in Spitzen bis 12,5 Knoten. Zu viel. Wir wünschen uns, dass die wahre Windgeschwindigkeit abnimmt – da geht ein Schlag durch die KAMI, wir hören lautes Rauschen und spüren ein Schlingern. Der Plotter zeigt: 31,5 Knoten wahrer Wind! Schockstarre! Unbemerkt sind wir in einen Squall geraten. Wir springen auf, ziehen Rettungswesten an und stürzen zum Steuerstand, um den voll ausgeholten Gennaker wegzunehmen. Ein Leichtwindsegel für bis 15 Knoten – über 30 geht gar nicht, Rigg oder Tuch könnten beschädigt werden. Beim Einholen lässt die Bö nach, und wir rollen es ohne Risiko gut weg. Glück gehabt. Es gießt wie aus Eimern, wir sind in zwei Minuten nass bis auf die Haut. Wir setzen die Genua, Großsegel im 2. Reff – safe Setup, gute Fahrt.
Der Entgegenkommer auf unserem PlotterPiper schimpftMS Donaugracht
8. Seetag – Sonntag, 23.11. Siebtes Etmal: 141 Seemeilen Gesamt: 893 Seemeilen Bis Martinique: 1.767 Seemeilen Windstärke zwischen 4 und 5 Beaufort Großsegel im 2. Reff – Gennaker ab 0 Uhr Wechsel auf Genua
Wir kommen einigermaßen gut voran. Der Wind bläst aus Ost-Nordost, und wir segeln „Vorwind“ – der Wind bläst achterlich ins Segel. Aufgrund der Bauart unseres Katamarans können wir leider nur bei Vorwindkursen mit einem Winkel zum wahren Wind von maximal 145 Grad fahren. Das heißt, die KAMI braucht Wind schräg von hinten, sonst müssen wir etwas eindrehen. So ist es gerade bei uns. Einen direkten Kurs westwärts können wir nicht nehmen, sondern nur Südwest oder Nordwest segeln. Deshalb müssen wir regelmäßig halsen und die Kurslinie kreuzen. Dadurch benötigen wir mehr Zeit und Strecke als andere Segler, die direkt vor den Wind segeln können.
In der Praxis werden wir von Segelbooten überholt, die mit uns in Richtung Karibik gestartet sind. Das sorgt bei uns für ein wenig Frust, und wir rechnen damit, dass wir unseren angestrebten Ankunftstermin in Martinique nicht halten können. Natürlich haben wir alle Zeit der Welt – trotzdem ärgern wir uns ein bisschen darüber, dass wir segeltechnisch durch den Katamaranaufbau eingeschränkt sind.
Nachmittags werfen wir die Angel wieder aus und haben tatsächlich einen kräftigen Biss. Wir schaffen es kaum, die Leine mit der Rolle einzudrehen, bis sich der Fisch im letzten Moment doch noch befreit. Wahrscheinlich waren wir zu schnell. Wir probieren es weiter.
Abgesehen von der kräftigen 2-Meter-Windsee war der Tag recht entspannt. Kathi hat sich mit unserer 3D-Kamera Insta 360+ beschäftigt, und Mike las ein Ebook von Segelaussteigern. Abends gab es einen Schweinebraten mit Kartoffelstampf – super lecker!
Die erste Nachthälfte war sehr laut und unruhig. Erst als Mike auf Gegenkurs wechselte, kehrte etwas Ruhe ein und wir alle fanden Schlaf.
Seit den Morgenstunden läuft der Generator. Durch die erschwerten Ruderbedingungen in der Nacht hat unser hydraulischer Autopilot ordentlich Strom verbraucht, sodass die Batteriebänke auf 77% gefallen sind. Trotz Solarertrag werden wir einige Stunden zum Laden brauchen. Nebenbei produzieren wir heißes Wasser und Frischwasser mit dem Watermaker.
9. Seetag – Montag, 24.11. Achtes Etmal: 135 Seemeilen Gesamt: 1.038 Seemeilen Bis Martinique: 1.658 Seemeilen Windstärke zwischen 4 und 5 Beaufort Großsegel im 2. Reff – Genua ab 9 Uhr Wechsel auf Gennaker
Wir kreuzen nach wie vor und nutzen die raumen Kurse. Dadurch verplempern wir weiter Zeit und Strecke, und der Abstand zu den anderen Seglern wird immer größer. In der Nacht wechseln wir wieder von Gennaker auf Genua – zu sehr rauschen die Wellen achterlich ans Schiff. Die KAMI ächzt und knarrt, Schlaf finden wir so nicht. Wir gehen auf Gegenkurs und ändern die Besegelung. Der Wind ist so stark, dass Mike den Gennaker kaum einrollen kann – der Druck im Tuch ist enorm. Nach großer Anstrengung meistern wir das Manöver und gehen gegen 1 Uhr ins Bett.
Kathi übernimmt den Großteil der Nachtwache und sieht auf dem Plotter, wie die zwei Segler in unserer Nähe an uns vorbeiziehen. In den Morgenstunden entlädt sich eine Schauerzelle über der KAMI – wie eine Fahrt durch die Waschanlage. Regenwasser strömt vom Oberdeck nach unten, und wieder tropft es aus dem Lampensockel in unserer Kabine. Wo kommt es nur genau her? Wir forschen weiter.
Langsam geht frisches Obst und Gemüse zur Neige. Die Bananen haben sich zuerst verabschiedet, gefolgt von den Birnen. Noch ein paar Äpfel und Südfrüchte halten durch. Täglich checken wir und sortieren angegangenes Obst/Gemüse aus. Die Angel ist draußen, doch durch zunehmendes Sargassum wirds schwieriger – die Algen verfangen sich in Leine und Köder. Nachmittags Videocall mit Basti: Toll, dass wir dank Starlink hier draußen gute Datenverbindungen haben. Sonst nichts Neues. Die Zeit vergeht schnell – obwohl wir langsam unterwegs sind.
10. Seetag – Dienstag, 25.11. Neuntes Etmal: 125 Seemeilen Gesamt: 1.297 Seemeilen Bis Martinique: 1.445 Seemeilen Windstärke zwischen 2 und 2 Beaufort Großsegel im 2. Reff – Gennaker voll / ab 2:00 Uhr motoren
In der Nacht nehmen wir ein immer lauter werdendes Knarzen aus dem Heckbereich wahr. Mike vermutet den hydraulischen Autopiloten als Ursache, und tatsächlich: Im Backbordmaschinenraum stellen wir fest, dass sich die Halterung des Hydraulikzylinders, der mit der Lenkstange verbunden ist, etwas gelöst hat. Wegen der Bewegungen drückt der gelockerte Zylinderfuß in die hölzerne Befestigungsplatte.
Wir ziehen raschg alle vier Befestigungsbolzen wieder fest, und die störenden Geräusche verschwinden. Im Hafen werden wir die Bolzen nochmals nachziehen und mit Loctite sichern.
Nach dem Frühstück sehen wir erstmals seit Beginn der Passage wieder Delfine. Eine kleine Dreiergruppe zeigt sich für einige Minuten unter unserem Trampolin im Bugbereich. Die Wassertemperatur liegt jetzt bei 28 Grad Celsius – auf den Kanaren waren es noch 24 Grad. Wir kommen also unserem Ziel näher.
Auch nachts ist es im Salon durchgehend warm, und wir bedecken uns nur noch mit leichten Tüchern – normales Bettzeug ist nicht mehr angenehm.
Am Vormittag erhalten wir Post von Alina (wetterwelt.com): Der Wind soll noch weiter nachlassen, und ab dem 1. Dezember rollt ein Tiefdruckgebiet aus Norden über uns mit Böen bis 32 Knoten und Squalls mit Gewittern. Klasse. Wir studieren verschiedene Wettermodelle im Detail und beschließen, uns mehr südlich zu halten, um den zahlreichen angekündigten Squalls möglichst aus dem Weg zu gehen. Wind und über 3 Meter hohe Wellen werden uns dennoch erreichen.
So richtig kommen wir mit unseren Segel-Setups nicht voran, da wir verschiedene Parameter wie Windrichtung, Windwinkel, Geschwindigkeit und Windstärke beachten müssen. Anders als Einrumpfsegler können wir wegen des stehenden Guts bei Katamaranen nicht beliebig segeln, sondern nur bei raumen Kursen. Bei achterlichem Wind (um 180 Grad) geht nichts mehr.
Deshalb durchforsten wir online hilfreiche Informationen zu Segelstellungen mit und ohne Hilfsmittel wie Barbarholer & Co. Auf YouTube finden wir einige gute Videos und planen, die Segelstellung „Butterfly“ am nächsten Tag auszuprobieren. Wir wissen jetzt schon: Ein Parasailer soll her, ein freifliegendes Segel, das bei achterlichen Winden für ruhigen und konstanten Vortrieb sorgt. Wir werden in der Karibik entsprechend Ausschau halten.
Segelstellung ButterflyGenießerfrühstückBordhund auf Wache
11. Seetag – Mittwoch, 26.11. Zehntes Etmal: 125 Seemeilen Gesamt: 1.422 Seemeilen Bis Martinique: 1.320 Seemeilen Windstärke zwischen 2 und 3 Beaufort Großsegel im 2. Reff – Gennaker voll / ab 2:00 Uhr motoren
Nachdem wir die Nacht bei nur 4 Knoten Wind durchgemotort haben, setzen wir gleich nach dem Frühstück unser Vorhaben um: die Segelstellung „Butterfly“. Damit können wir bis zu 175 Grad zum Wind fahren – ein direkterer Kurs Richtung Martinique ist möglich, das ständige Kreuzen entfällt. Wir setzen den Gennaker auf Backbord und die Genua auf Steuerbord. Die Genua „ausbaumen“ wir leicht nach außen, damit sie nicht einfällt. Und tatsächlich klappt es: Bei 10 Knoten Wind machen wir gut 5 Knoten Fahrt. Cool – wieder etwas dazugelernt! Learning by doing! Anders geht es ja auch nicht.
In weiser Voraussicht auf das kommende Tiefdruckgebiet befüllen wir die Treibstofftanks erneut. Insgesamt 200 Liter Diesel haben wir schon verbraucht (Generator + Backbord-Maschine während der Flauten). Noch 500 Liter stehen zur Verfügung – das ist okay.
Unsere Brotvorräte neigen sich dem Ende zu. Also backen wir noch ein leckeres Sauerteigbrot, bevor die ruppigen Seetage ab 1. Dezember beginnen. Heute Abend nehmen wir an einem Online-Microseminar unseres Vereins teil: Thema „Proviantieren für Langfahrt“. Wir erhoffen uns Tipps zur Lagerung von frischem Obst und Gemüse. Mit der Zeitzone klappt es um 17:30 Uhr. Besonders nützlich: Tipps zu Hühnereiern – mit Öl abreiben, luftig lagern, regelmäßig drehen. So sollen Eier monatelang ohne Kühlung haltbar sein. Die Tipps setzen wir gleich nächsten Vormittag um.
Die Nacht fahren wir weiter im Schmetterling. Bei durchschnittlich 10 Knoten Wind machen wir 4 bis 5 Knoten Fahrt. Vermutlich wird das kommende Etmal unser bisher schlechtestes – aber bei mäßigem Wind ist momentan nichts mehr rauszuholen (jedenfalls für uns Segelanfänger).
So weit das Meer …BordbäckereiVereiert …
12. Seetag – Donnerstag, 27.11. Elftes Etmal: 109 Seemeilen Gesamt: 1.406 Seemeilen Bis Martinique: 1.344 Seemeilen Windstärke zwischen 2 und 3 Beaufort Gennaker und Genua im Schmetterling (bis 7:00 Uhr danach – Großsegel im 2. Reff und Gennaker)
Tagsüber beschäftigen wir uns wieder mit den Wind- und Wetterprognosen. Ab Samstag soll es mit Böen bis 35 Knoten ruppiger werden. Wir vorsorgen: Trinkwassertanks auffüllen, für uns und Piper vorkochen. Das gestern angesetzte Sauerteigbrot backt bei 170 Grad für eine Stunde aus. Momentan pusten noch 10 Knoten Wind, wir machen um die 5 Knoten Fahrt. Erst ab morgen früh 4 Uhr soll der Wind zurückkommen und sich stetig aufbauen. Dann wechseln wir das Segel-Setup wieder: Großsegel im 2. Reff mit Genua als Vorsegel – hoffentlich gute und vor allem sichere Fahrt.
Bergfest!
Die Hälfte ist geschafft. Bei günstigem Wetter erreichen wir Martinique am 8. Dezember – perfekt zum gebuchten Liegeplatz ab 8.12. in der Marina Pointe du Bout. Zur Feier gibt’s heute Abend einen „milden“ Gin-Tonic auf die gemeisterte Strecke. Ausnahme von unserer Bordregel: während Passagen kein Alkohol.
Der leichte Wind schiebt die KAMI mit 4,5 Knoten weiter Richtung Südwest. Abends schauen wir von unserer Medienfestplatte wieder zwei leichte Schmunzelfilme, eine Art von Unterhaltung, die gemütlich dahinplätschert und keine große Konzentration erfordert. Gegen 23 Uhr legen wir uns hin und genießen eine relativ ruhige Nacht.
13. Seetag – Freitag 28.11. Zwölftes Etmal: 120 Seemeilen Gesamt: 1.526 Seemeilen Bis Martinique: 1.229 Seemeilen Windstärke zwischen 4 und 5 Beaufort Großsegel im 2. Reff und Gennaker
In Erwartung der anrollenden Schlechtwetterfront bereiten wir die KAMI so gut wie möglich vor. Leinen werden geklariert, die Rettungsinsel durch ein zusätzliches Spannband nochmals gesichert, Kathi kocht für die nächsten Tage für uns und Piper vor. Wir verstauen alles sorgfältig und sichern bewegliche Ausrüstungsgegenstände.
Fast täglich erhalten wir von unserer Wetterscouterin Alina E-Mails mit Einschätzungen und Routenempfehlungen. Eins steht fest: Der Schlechtwetterwalze, die auf uns zukommt, entkommen wir nicht. Wir versuchen, uns so weit wie möglich südlich zu halten, um dem Gröbsten – 3 bis 4 Meter Wellen und Starkwindböen – zu entgehen. So die Theorie. Wer weiß, wie es wirklich kommt. Wir sind etwas angespannt; das Wetterthema beschäftigt uns täglich stundenlang. Wir vergleichen Vorhersagemodelle und Satellitenbilder. „Los“ geht es heute Nacht bzw. Samstag früh – dann werden wir Squalls mit Gewittern und Regenmassen ausweichen, soweit möglich. Ab Montag/Dienstag soll das Schlimmste vorbei sein. Ob wir in der Zeit Schlaf finden?
Langsam zählen wir die Tage bis zur Karibik. Es wird merklich wärmer, die Wassertemperatur hat fast 29 Grad erreicht. Die Luft wird feuchter, Nächte milder. Tausende Sterne funkeln nachts, Mondschein spiegelt sich auf dem Wasser. Ein wahnsinniges Erlebnis – so erhaben, so beeindruckend. Hier auf dem Atlantik mitten im Nirgendwo fühlt man sich klein, der Natur ausgesetzt.
Schlechtwetterzelle vorausSquall auf dem Radarbild
14. Seetag – Samstag, 29.11. Dreizehntes Etmal: 142 Seemeilen Gesamt: 1.666 Seemeilen Bis Martinique: 1.132 Seemeilen Windstärke zwischen 4 und 5 Beaufort Großsegel im 2. Reff – Genua voll
Langsam wird es immer unruhiger an Bord. Besonders in den Nachtstunden nehmen Wind und Wellen erheblich zu. Es ist wieder sehr laut im Schiff. In der Nacht wechseln wir mehrmals unseren Zickzack-Kurs und nähern uns damit langsam unserem nächsten Wegpunkt. Der Wind frischt in Böen nun bis 21 Knoten auf, und auf dem Radar können wir die ersten Schlechtwetterzellen schon in 32 Seemeilen Entfernung sehen.
Morgens kommt die erwartete E-Mail von Alina. Sie schreibt, dass die vorhergesagte Störung sich nun doch schneller entwickelt als gestern prognostiziert. Sie empfiehlt, den Kurs auf 16°N 48°W weiter anzusteuern – für uns die beste Option, um Wind und Wellen in den nächsten Tagen zu reduzieren. Wir steuern also weiter Zickzack auf die Koordinaten zu. Im Moment sind Wellen und Wind erträglich. Die Sonne ist schon hinter Wolken verschwunden, und wir machen bei 13 Knoten Wind um die 5 bis 6 Knoten Fahrt.
Gerne würden wir den Gennaker ausrollen, um etwas Speed zu machen. Da wir aber stündlich mit der Gewitter- und Regenfront rechnen, belassen wir es bei der jetzigen Besegelung. Gestern war es schon sehr schwer, unter 17 Knoten Winddruck den Gennaker einzurollen. Mit unserem Leichtwindsegel werden wir uns wohl noch bis Mitte der Woche gedulden müssen, bis das Schlechtwettergebiet durchgezogen ist. Uns ist im Moment wichtig, dass wir einigermaßen durch die anstehenden rauen Tage kommen – auch wenn wir dafür wieder einen zeitlichen Umweg machen müssen. Na und, dann kommen wir halt ein paar Tage später an. Hauptsache frei von Seekrankheit und gröberen Schäden am Boot.
Durch den Versatz des Schiffs durch die immer höher werdenden Wellen benötigt unser hydraulischer Autopilot viel Energie. Er ist richtig hungrig danach. Innerhalb von 12 Stunden saugt er uns 15% Leistung aus den Batterien. Wir müssen nun schon in den frühen Morgenstunden unseren 7,5-kW-Stromgenerator anwerfen, um die Batteriebänke wieder zu laden und nicht zu sehr ins Minus zu rutschen.
Durch den bewölkten Himmel ist der Solarertrag unserer drei Heckpanele momentan sehr gering. Der Generator lädt mit 500 bis 2.500 Watt unsere Batteriebänke (je nach momentaner Kapazität). Für ein Ladevolumen von 10% benötigt er ca. drei Stunden.
Trotz der erschwerten Wetterbedingungen schaffen wir es in der Nacht, ein paar Stunden Schlaf zu finden. Gestern Abend ist noch ein Squall über uns hinweggerollt, brachte kurzzeitig 34 Knoten Wind und beschleunigte die KAMI auf dem Wellenritt für einen Moment auf 14 Knoten.
So unangenehm die Reisebedingungen im Moment sind – wir machen Fahrt, und das ist gut.
15. Seetag – Sonntag 30.11.
Vierzehntes Etmal: 144 Seemeilen Gesamt: 1.810 Seemeilen Bis Martinique: 1.000 Seemeilen Windstärke zwischen 4 und 7 Beaufort Großsegel im 2. Reff – Genua voll – Nachts Genua 80%
Durch die Zunahme des Windes machen wir ein wenig Strecke, jedoch quälen uns die Wellen, die seitlich von hinten auf die KAMI zudonnern.
Das Problem mit dem wasserlassenden Deckenstrahler besteht weiterhin. Wir hatten oben an Deck sämtliche Planenhalter demontiert und die Befestigungslöcher mit Panzertape verschlossen. Danach dachten wir schon, wir hätten das verursachende Problem gefunden – doch heute Nacht wurden wir wieder eines Besseren belehrt. Nachdem der große Squall einige Badewannen voll Wasser über der KAMI ausgeschüttet hat, war es kurz danach noch alles trocken in der Kabine. Erst ca. 1,5 Stunden später fing der Deckenstrahler wieder an zu tropfen. Wir kombinieren: Der Wassereintritt muss weiter weg sein, denn das Wasser braucht Zeit, um bis zum Endpunkt (hier der Deckenstrahler) zu gelangen. An Deck können wir nichts feststellen. Was machen wir jetzt nur? Die Innenverkleidung lässt sich augenscheinlich nicht mal so nebenbei ausbauen. Ratlosigkeit. Abends nimmt das anfängliche Tropfen immer mehr zu, so dass wir uns entscheiden eine große Plastikkiste unter den Deckenstrahler zu stellen.
Wir müssen prüfen, ob es sich bei dem eintretenden Wasser um Salz- oder Süßwasser (Regenwasser) handelt, um den Herkunftsort besser eingrenzen zu können. Wir telefonieren mit einem deutschsprachigen GFK-Spezialisten in Le Marin auf Martinique und fragen, ob er uns bei der Lecksuche unterstützen kann. Schnell haben wir das Gefühl, dass das nicht zu seinen Wunscharbeiten gehört. Das Gespräch nimmt einen negativen Verlauf: Es sei schwierig, bei solchen Booten Lecks zu finden, man müsse mit eingefärbtem Wasser arbeiten, und im Hafen ginge das ohnehin kaum, weil sich das Schiff dort nicht bewegt. Diese Suche könne schnell um die 3.000 Euro kosten, und in dem Zeitraum im Januar, in dem wir nicht mehr im Hafen liegen, sei er außerdem in Europa im Urlaub.
Wir betteln schon fast, ob er uns nicht jemanden empfehlen kann, der uns unterstützen könnte. Er will „mal überlegen“ und sich wieder melden. Wir sind gespannt, aber wenig zuversichtlich. So, wie es im Moment ist, kann es nicht bleiben. Wenn wir in Martinique angekommen sind und im Hafen liegen, wollen wir selbst intensiver nach der Ursache des Wassereinbruchs suchen. Eine kleine Endoskopkamera haben wir dabei – vielleicht können wir damit in die Deckenkonstruktion schauen. Eventuell kommen wir auch vom Cockpit an die Innenseite der Deckenverkleidung heran. Mal sehen. Hier draußen bei momentan 3 Metern Welle geht das nicht – wir müssen abwarten.
Tagsüber lässt sich die Sonne mehrmals blicken, und der Wind lässt nach und pendelt sich bei 10 Knoten ein. So sind wir wieder langsamer unterwegs. Alina hat sich mit den neuesten Wetterprognosen gemeldet. Wir sollen weiter auf den 246 Meilen entfernten Wegpunkt zuhalten und danach möglichst den Kurs nach West auf 16°N 53°W richten. Damit könnten wir eventuell dem sich in den nächsten Tagen noch weiter aufbauenden Schwell und dem Starkwindfeld entkommen. Ab dem 5.12. soll es sich mit Wind, Welle und Schwell wieder beruhigen.
16. Seetag – Montag 01.12.
Fünfzehntes Etmal: 147 Seemeilen Gesamt: 1.956 Seemeilen Bis Martinique: 880 Seemeilen Windstärke zwischen 5 und 7 Beaufort Großsegel im 2. Reff – Genua voll
Nachmittags gießt Kathi ihre Microgreening-Kräuter und Pflanzen im Salon, als sie vom Deck aus ein metallisches Klacken hört. Sie schaut nach draußen und sieht zwei Metallspangen auf dem Deck liegen. Eine Segellattenbefestigung am Mastrutscher hat sich gelöst und ist abgefallen. Schnell flitzen wir nach vorne und kriechen auf allen Vieren, um die Teile einzusammeln – bei dem ordentlichen Seegang von 3 Metern eine echte Herausforderung.
Ein Blick nach oben zum Mast bestätigt: Die erste Halterung von oben ist gebrochen, und die Segellatte flattert lose im Wind. Mist. Es nützt nichts, wir müssen das Großsegel einholen – und das bei dem Wind und Seegang. Zuvor überlegen wir, wie wir die Halterung wieder befestigen können. Der eigentliche kleine Befestigungsbolzen samt Feder liegt nicht mehr an Deck und muss wohl über Bord gegangen sein. Wir suchen und kramen schließlich eine passende Edelstahlschraube mit Unterlegscheiben und selbstsichernden Muttern aus der Werkzeugkiste.
Wir drehen uns in den Wind und lassen das Großsegel herunter. Zu zweit fummeln wir die Lattenhalterung in die Metallspangen und befestigen sie mit der Edelstahlschraube. Während wir auf dem Oberdeck auf Zehenspitzen arbeiten, tänzelt die KAMI auf den hohen Wellen, und wir haben alle Hände voll zu tun, uns festzuhalten. Unser Vorhaben ist glücklicherweise erfolgreich, so dass wir das Großsegel anschließend wieder setzen und das zweite Reff einbinden können. Wieder ein Schreck!
Nach einigen Stunden gehen wir mit Piper die wacklige Decksrunde, wohl wissend, dass sie sich wohl gleich erleichtern wird. Für einen Moment sind wir nicht ganz aufmerksam und sehen nur aus dem Augenwinkel, wie Piper auf einen kleinen, auf dem Deck liegenden fliegenden Fisch springt, ihn sofort ins Maul nimmt und vertilgt. Im Bruchteil einer Sekunde – wir konnten gar nicht so schnell reagieren. Das rächt sich für sie: Den Rest des Tages benimmt sie sich komisch, hechelt die ganze Zeit und zieht sich zurück. So bleibt es einige Stunden. Ob sie Bauchschmerzen hat? Erst am nächsten Morgen ist sie wieder ganz die Alte. Wir müssen mehr auf ungebetenen Besuch achten. Insgesamt hatten wir auf unserer Passage schon acht fliegende Fische, von handflächengroß bis etwa 20 cm, auf dem Bootsdeck. Die Schuppen der Flieger kleben überall. Irgendwie nicht so toll. Meistens segeln sie nachts an Deck; tagsüber konnten wir sie noch nie sehen, wie sie anfliegen.
Derzeit haben wir guten Wind um die 20 Knoten und machen zwischen 6 und 7 Knoten Fahrt pro Stunde. Das ist gut und soll bis Sonntag so bleiben. Die Welle kommt aus der gleichen Richtung wie der Wind – aus Osten. Sie ist mit 2,8 Metern schon beeindruckend, und in den nächsten Tagen soll sie um einen halben Meter zulegen.
Wir kreuzen bei Ostwind die Kurslinie Richtung Westen. In der Nacht haben wir uns etwas südlich gehalten und sind jetzt auf Gegenkurs. Langsam nähern wir uns der karibischen See, ganz langsam. In der Nacht sind wir durch ein schnelles Manöver einer großen, dunklen Schlechtwetterzelle mit vielen Blitzaktivitäten entkommen. Im Moment scheint die Sonne, und nur wenige Wolken sind am Himmel. Es wird schwül. Besonders im Salon laufen die Deckenventilatoren jetzt rund um die Uhr, da es sehr stickig ist.
17. Seetag – Dienstag 02.12.
Sechszehntes Etmal: 153 Seemeilen Gesamt: 2.109 Seemeilen Bis Martinique: 750 Seemeilen Windstärke zwischen 5 und 7 Beaufort Großsegel im 2. Reff – Genua voll
Die See baut sich immer weiter auf und wir können uns nur noch mit viel Anstrengung halbwegs an Bord bewegen. Die Wellen werfen die KAMI von einer zur anderen Seite, und die vorbeiziehenden Squalls drücken in Böen bis zu 35 Knoten Wind in die Segel, sodass wir nur noch tosend durch die Wellentäler surfen. Nein, so macht Reisen keinen Spaß. Wir müssen uns bei jeder Bewegung im Boot festklammern, damit wir nicht durch den Salon purzeln. Das mag zwar von außen lustig aussehen, aber nach Tagen in diesem Zustand verliert sich der Humor.
Langsam haben wir alle drei genug von der tosenden See, vom Krach im Schiff und von dieser ständigen Unruhe. Der Schlafmangel steckt uns in den Knochen, die Vorräte gehen zur Neige. Frische Lebensmittel sind aufgebraucht, und auch die Getränke werden knapp. Es ist zwar nicht mehr wahnsinnig weit bis Martinique, doch durch das Gekreuze zwischen Südwest und Nordwest verlieren wir Zeit und müssen zusätzliche Strecke machen. Einen Schmetterling können wir bei diesem Wind nicht mehr fahren, und die Squall-Dichte ist weiterhin zu hoch. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als unseren Zickzack-Kurs beizubehalten. In den letzten 24 Stunden sind wir mindestens sechs Halsen gefahren, immer um unsere Kurslinie herum.
Nach den neuesten Vorhersagen wird sich das Wetter in den nächsten Tagen kaum ändern. Wir rechnen großzügig mit einer ETA am kommenden Dienstag in Martinique und müssen unsere Reservierung in der Marina wohl um einen Tag nach hinten schieben.
Die ersten Segler aus unserem Passagenfeld haben ihre Ziele in der Karibik, zum Beispiel Barbados, bereits erreicht. Wir fragen uns, wie sie das geschafft haben und welche Taktik sie genutzt haben, um so gut voranzukommen. Auf NoForeignLand sehen wir jedoch, dass noch viele andere Boote in unserer Umgebung unterwegs sind, die fast zur gleichen Zeit gestartet sind. Wir sind also nicht die Bummelletzten – das tut gut.
Außer tagsüber ein wenig am Laptop zu arbeiten, machen wir nicht viel. Durch das ständige Festkrallen an allen möglichen Oberflächen sieht das Schiff innen wie außen schlimm aus. Dazu kommen Staub und Salz. Es kribbelt uns in den Fingern, endlich wieder richtig klar Schiff machen zu können. Die Luftfeuchtigkeit nimmt weiter zu, wir sitzen und schwitzen.
18. Seetag – Mittwoch 03.12.
Siebzehntes Etmal: 171 Seemeilen Gesamt: 2.280 Seemeilen Bis Martinique: 610 Seemeilen Windstärke zwischen 5 und 7 Beaufort Großsegel im 2. Reff – Genua voll
Unser bestes Etmal bis jetzt. Kein Wunder: In den letzten 24 Stunden bläst es ordentlich und konstant mit rund 20 Knoten. Das mag die KAMI – sie läuft gut und schneidet sauber durch die Wellen. Wir kreuzen die Kurslinie, wobei wir in der Nacht ein ordentliches Stück südwärts gefahren sind. Seit heute Morgen sind wir wieder auf Gegenkurs. Die Südspitze von Martinique (in der Nähe von Le Marin) liegt bei 14°17′ N und ist noch etwa 600 Seemeilen entfernt. Wir pendeln aktuell um 15°00′ N und rutschen so Stück für Stück weiter westlich. Etwa 11 Längengrade müssen wir noch gutmachen.
Unser Autopilot hat beim unentwegten Surfen über die 3 bis 4 Meter hohen, achterlich anlaufenden Wellen ordentlich zu tun. Das kostet Strom, viel Strom, und wir sind froh, dass wir mit unserem Generator das tägliche Defizit ausgleichen können – die Solarenergie reicht im Moment nicht aus. Insgesamt haben wir seit dem letzten Nachtanken rund 60 Liter Diesel allein für die Stromerzeugung verbraucht. Angesichts fehlender Sonne und hoher Wellen ist das noch akzeptabel.
Nach dem Frühstück klarieren wir schon einmal online in Martinique ein und geben dort den 07.12. als ETA an. Wir sollen jetzt einen digitalen Einreisestempel erhalten, und das war’s auch schon. Ein persönliches Vorsprechen bei den Behörden nach der Ankunft ist für EU-Bürger nicht mehr nötig. Großartig – so müssen wir uns nicht mit Immigration und Customs herumschlagen. Das nennen wir verschlankte Bürokratie. Top!
Nachmittags kramen wir die WLAN-Endoskopkamera aus Lagerkiste 5. Beim Projekt „tropfender Deckenstrahler“ wollen wir weiterkommen. Leider bringt der Einsatz der Kamera keine neuen Erkenntnisse. Schade. Die Kiste unter dem Strahler war heute früh wieder nass – dabei hat es gar nicht geregnet. Das Wasser schmeckt salzig. Vielleicht doch Seewasser, das seinen Weg ins Innere findet? Spannende Ursachenforschung – hoffentlich mit gutem Ausgang. Im Moment sind wir weiter ratlos.
Kathi bereitet Weihnachtskarten für unser Team vor, und ich bestelle für Mamas Geburtstag einen Strauß rote Rosen samt Lindt-Nascherei bei Fleurop. Nachmittags wollen wir noch die Autovermietungen auf Martinique checken. So günstig wie auf Madeira oder Lanzarote/La Palma werden wir auf der französischen Insel wohl nichts mieten können. Also durchforsten wir das Netz.
19. Seetag – Donnerstag 04.12.
Achtzehntes Etmal: 160 Seemeilen Gesamt: 2.440 Seemeilen Bis Martinique: 488 Seemeilen Windstärke zwischen 4 und 7 Beaufort Großsegel im 2. Reff – Genua voll
Die anhaltende Unruhe und ständige Bewegung im Schiff zwingen uns, alle körperlichen Aktivitäten stark herunterzufahren. Das Risiko für blaue Flecken ist zu groß, wenn die KAMI vor den Wellen quer schlägt oder plötzlich anfängt zu surfen. So dösen wir den ganzen Tag auf unserem Salonlager, toben ein wenig mit Piper und erstellen schon mal eine To-Do-Liste für unseren Hafenaufenthalt in Martinique. Die Zeit zieht sich zäh wie ein Gummiband.
Durch unsere Zickzack-Kreuzkurse haben wir in den letzten 24 Stunden ganze 38 Meilen verloren. Wir überlegen, die Kreuzkurse enger zu fahren, um zu sehen, ob wir so die Mehrmeilen verringern können. Nach unseren Berechnungen wird die ETA jetzt auf kommenden Montag gegen Abend geschätzt.
Die Nacht war eine der schlimmsten. Wir bekommen kaum ein Auge zu. Draußen haben sich durch Wellen und Schwell Kreuzseen gebildet. Die KAMI rumpelt stundenlang, und es ist extrem laut im Schiff. Aus allen Ecken sind Knarzgeräusche zu hören, wenn die Wellen unten gegen die Gondel schlagen. Wir sitzen alle senkrecht – so laut und ungemütlich. Dieses Wellengeschlinger begleitet uns nun schon fast eine Woche. Ganz ehrlich: Davon haben wir wirklich die Schnauze voll. Erholsamen Schlaf findet man nicht, und auch Aktivitäten wie Sport oder Angeln sind kaum möglich. Was für eine blöde Überfahrt.
20. Seetag – Freitag 05.12.
Neunzehntes Etmal: 150 Seemeilen Gesamt: 2.590 Seemeilen Bis Martinique: 350 Seemeilen Windstärke zwischen 4 und 5 Beaufort Großsegel im 2. Reff – Genua voll Mama hat Geburtstag! Happy Birthday!
Tagsüber duschen wir Piper mit der Heckdusche ab – danach ist ihr Fell wieder seidenweich, und sie schnuppert gut. Zum Abendbrot gibt es heute klassische Nudeln mit Tomatensoße nach ostdeutschem Rezept. Hmm, lecker! Für die Soße nutzen wir den guten Werder-Ketchup aus der alten Heimat.
Wir kommen weiter gut voran: Der Wind bläst konstant um die 20 Knoten, und wir machen ordentliche Fahrt. Nach aktuellen Berechnungen sind es noch gut 2,5 Tage bis zum Ziel. Die Welle hat sich langsam beruhigt und nimmt von 3 Metern auf 2,80 bis 2,50 Meter weiter ab. Bis zur Ankunft in Martinique soll sich das Wind- und Wetterfenster nicht groß ändern. Einzig die Regen- und Gewitterwahrscheinlichkeit steigt wieder, je weiter wir westlich kommen. Also wieder auf Squalls einstellen.
Im Moment haben wir fast Vollmond. Die Fahrt durch die Nacht wirkt richtig mystisch, wenn sich der Mondschein auf den Wellen spiegelt. Man kann sich gar nicht satt sehen. Nach dem Frühstück gehen wir unserem Wassereinbruchproblem durch den Lampensockel weiter auf den Grund. Wir entfernen die Seitenverkleidung in der Küche und schauen hinter die Baugruppe – können aber nichts ausmachen. Kein Wasser, keine Feuchtigkeit. Die Vermutung liegt nahe, dass das Wasser von der Elektroleitung kommt. Wir testen das heute aus: Wir verlängern die aus dem Sockel hängende Elektroleitung mit einer kurzen Leine, stopfen das Innere des Sockels mit Microfasertüchern aus und warten ab, was passiert. Gefühlt wird das Wasser, das wir durch die darunter gestellte Wanne auffangen, immer mehr. Komisch. Selbst wenn das Wasser durch die Elektroleitung kommt (Kapillareffekt), wissen wir noch immer nicht, wo das salzige Wasser von außen hereinkommt. Im Moment können wir nur nach dem Auschlussverfahren vorgehen. Falls die Stelle gar nicht auffindbar ist, müssten wir über eine Ableitung nach außen nachdenken. Wir haben da schon ein paar Ideen. Eine saubere Lösung wäre das aber nicht.
21. Seetag – Samstag 06.12.
Zwanzigstes Etmal: 154 Seemeilen Gesamt: 2.744 Seemeilen Bis Martinique: 246 Seemeilen Windstärke zwischen 5 und 7 Beaufort Großsegel im 2. Reff – Genua voll
Wir rücken dem Staub im Salon zu Leibe, und Mike geht danach ans Heck, um den Staubbehälter zu leeren. Dabei klopft er kräftig auf die hintere Heckklampe auf der Backbordseite und sieht noch, wie der Deckel des Behälters wegfliegt. Oh nein – das ist ja doof. Mit schwarzem Panzertape verschließen wir den Behälter notdürftig; ohne Staubsauger geht es an Bord gar nicht. Allein die verlorenen Haare von Piper saugen wir im Salon mindestens zwei Mal am Tag weg. In Martinique werden wir uns wohl einen neuen Handstaubsauger kaufen müssen. Nicht zu ändern – trotzdem ärgerlich.
Die Nacht ist wieder super unruhig. Die Wetterberuhigung, die Alina orakelt hatte, ist leider nicht eingetroffen – im Gegenteil. Die Welle nimmt in der Nacht wieder extrem zu, sodass wir zwei Halsen fahren müssen, weil der Krach im Schiff kaum auszuhalten ist. Der Wind bläst jetzt mit 22 Knoten aufwärts, und die KAMI schlittert erneut von Wellental zu Wellental. Zwar haben wir mit 154 Seemeilen ein gutes Etmal, dem Gekreuze müssen wir aber wieder über 40 Meilen zuschreiben. Gefühlt kommen wir nur elendig langsam voran – was natürlich Quatsch ist. Der Wunsch, endlich anzukommen, wird von Stunde zu Stunde stärker, und das Ergebnis sorgt für etwas schlechte Laune.
Dazu kommt, dass es Kathi nicht gut geht. Wie aus dem Nichts hat sie ein „Musauge“ (entzündetes Auge) bekommen – es sieht schlimm aus. Sofort kramen wir aus unserer Medibox Augentropfen mit Antibiotikum hervor. Nach 12 Stunden sieht es langsam wieder etwas besser aus: Es ist zwar noch sehr geschwollen, aber die Rötung ist etwas zurückgegangen – gut so. Ihr Magen macht sich ebenfalls wieder bemerkbar – droht auf den letzten Meilen ein Totalausfall? Unsere Hoffnung, vielleicht schon morgen Abend in der Nähe der Marina den Anker fallen zu lassen, haben wir aufgegeben. Es wird wohl doch erst am Montag etwas mit unserer Ankunft.
22. Seetag – Sonntag 07.12.
Einundzwanzigstes Etmal: 164 Seemeilen Gesamt: 2.908 Seemeilen Bis Martinique: 112 Seemeilen Windstärke zwischen 5 und 7 Beaufort Großsegel im 2. Reff – Genua voll
Vor Reisebeginn hatte ich mir noch Segelhandschuhe von Gill gekauft, in der Hoffnung, sie lange nutzen zu können. Leider haben sie die Passage nicht einmal ansatzweise überlebt. Schade. Die Segelhandschuhe von Kathi sind von der Firma Bauhaus, Linie „Nautic“. Komischerweise sind ihre Handschuhe okay – natürlich mit Nutzungsspuren, aber ohne Löcher oder Materialrisse. In Martinique werde ich mir Ersatzhandschuhe besorgen. Auf verbrannte Finger habe ich keine Lust mehr, also lieber auf Nummer sicher. Die nächsten werden nicht von Gill sein, sorry.
Am frühen Nachmittag kommt uns die Sea Cloud II entgegen, ein großes Segelschiff mit drei Masten. Sie ist auf dem Weg nach Barbados, kommt von La Palma und macht 12 Knoten Fahrt. So große Segelschiffe sehen schon beeindruckend aus. Man fragt sich unwillkürlich, was man für einen Törn auf so einem Schiff wohl bezahlen darf.
Kathi bucht über das Internet einen Mietwagen für uns. Wir können ihn am 10. Dezember am Flughafen in Martinique abholen, und er steht uns dann bis zum 3. Januar zur Verfügung. Das ist gut. Wir müssen unsere Vorräte wieder aufstocken und rund 400 Liter Diesel nachbunkern. Das bedeutet: 16 Kanister à 25 Liter wollen bewegt werden – ohne Mietwagen wäre das schwierig. Außerdem stehen auf unserer To-do-Liste noch Supermärkte, Decathlon, der Elektronikmarkt Darty, Schiffsausrüster und Baumarkt. Unser Weihnachtsbesuch aus der Heimat möchte natürlich auch gerne vom Airport abgeholt werden. Kurz gesagt: So ein Mietwägelchen ist schon was Schönes.
Gegen Abend fahren wir fast die Segelyacht CAVA über den Haufen. Nur durch ein beherztes Ausweichmanöver können wir eine Kollision hier mitten auf dem Atlantik verhindern. Verrückt. An Bord ist eine belgische Crew, ein älteres Pärchen, ebenfalls mit Hund unterwegs. Wir funken und stellen fest, dass wir beide das gleiche Ziel haben. Die CAVA fährt nur unter einem kleinen Vorsegel, dafür aber im Gegensatz zu uns auf Direktkurs Martinique. So wie wir sie verstanden haben, steuern sie die gleiche Marina an. Wir sind gespannt. Die CAVA plant, am Montag in den Morgenstunden in der Marina anzukommen.
23. Seetag – Montag 08.12.
Zweiundzwanzigstes Etmal: 141 Seemeilen Gesamt: 3.049 Seemeilen Ankunft in Martinique Windstärke zwischen 3 und 5 Beaufort Genua & Motoren
Wir schätzen unsere Ankunft in den frühen Morgenstunden und bereiten schon jetzt die Festmacherleinen sowie die inflatables Fender vor. Das Großsegel wird ordentlich im Lazy Bag verstaut und das Großfall gegen das Schlagen am Mast gesichert. Wir sind nun für den anstehenden Landfall nach über 3.000 Seemeilen gewappnet. Der tosende Atlantik liegt endlich hinter uns, der über zehn Tage andauernde Wellenritt im letzten Drittel der Reise hat uns körperlich doch zugesetzt, denn an erholsamen Schlaf war nicht zu denken.
Endlich – wir haben es geschafft. Der Atlantik ist bezwungen. Nach 22 Tagen machen wir in der Marina Pointe du Bout fest. Yippieh – den Anlege-Gin-Tonic haben wir uns mehr als verdient.
Martinique empfängt uns mit dicken Wolken und intervallartigen Regengüssen. Ab 11 Uhr dürfen wir in die Marina. Kurz vor der Ankunft erleben wir einen Wolkenbruch der Extraklasse. Wir brechen die Anfahrt zur Marina ab und werfen den Anker in unmittelbarer Nähe. Als das Unwetter abgezogen ist, wollen wir Anker auf gehen. Die Winsch macht noch einmal kurze Geräusche – dann ist Schluss. Sie hat ihren Dienst aufgegeben.
Völlig übermüdet holen wir die ausgebrachten 13 Meter Kette samt 25-kg-Spade-Anker von Hand ein. Wow, was für eine körperliche Anstrengung. Es gelingt, und wir bekommen den Anker nach oben. In weiser Voraussicht haben wir bereits eine Ersatzwinsch an Bord. Diese werden wir hier in Martinique in der Marina einbauen. Es bleibt also immer etwas zu tun. Willkommen, Karibik – willkommen Martinique!
Es ist früher Nachmittag, als wir mit dem letzten Energieschub Madeira erreichen. Wir steuern die Marina „Quinta do Lorde“ im Osten der Insel an. Kurz vor dem Eintreffen funken wir die Marina an und bitten um Zuweisung eines Liegeplatzes sowie um einen Pick-up am Hafeneingang. Wir sollen einfahren und Kurs auf den Steg „D“ nehmen. Wir biegen in den Hafen ein und sehen in der Mitte drei Marineros in hellblauen Poloshirts, die uns aufgeregt zuwinken. Mit ordentlich Seitenwind machen wir am Schwimmsteg fest. Vertäut geht es schnurstracks zum Marinabüro. Dort sitzen zwei Damen, die uns freundlich empfangen. Wir klarieren für zehn Tage ein, mieten für den nächsten Tag einen Kleinwagen und fragen nach technischem Support für unsere Funkanlage. Wir bekommen eine Visitenkarte von „Oliver“, den wir direkt im Anschluss per WhatsApp kontaktieren. Er will uns am Donnerstag besuchen.
Wir erkunden den Hafen, der inmitten einer großen Ferienanlage liegt. Das „Dreams“ wurde vor kurzem von Hyatt übernommen. Besonders die kleine Bar an der Hafenmole zieht unsere Aufmerksamkeit auf sich. Ein kurzer Stopp entpuppt sich leider als Flop: Die Getränke sind eher mittelmäßig, der Burger mit Pommes fast ungenießbar – enttäuschend. Ein kleiner Eisladen daneben bietet Kugeln für 2,50 € an. Wir versuchen es – alle Sorten schmecken gleich: künstlich und süß. Hm.
Oliver besucht uns im Hafen von Quinta do Lorde und misst als Erstes die Signalstärke unserer VHF-Antenne. Die Messergebnisse sind gut, alle Stecker sind in Ordnung und es gibt keine Korrosion. Einen Fehler an unserer Funk- oder AIS-Anlage kann er nicht finden – eigenartig. Nach anderthalb Stunden brechen wir die Fehlersuche ab. Wir fragen, was wir ihm für seine Hilfe zahlen dürfen. Oliver ist es offenbar unangenehm, trotz erfolgloser Fehlersuche ein Honorar zu verlangen. Schließlich nennt er 50 Euro. Das finden wir mehr als fair. Zwei Tage später kommt Christian von der SY Fuchur zu uns an den Steg und berichtet von exakt denselben Problemen auf seinem Segelboot: Auch er hat AIS-Ausfälle und gelegentlich Schwierigkeiten mit der Funkverbindung. Das kann doch kein Zufall sein! Vielleicht liegt ja gar kein technischer Defekt vor? Wir sind ratlos.
Wir bemerken, dass wir uns den Steg „D“ mit Tagesausflüglern der örtlichen Tauchbasis sowie der Delfin- und Walbeobachtungsstation teilen müssen. Mehrmals am Tag, ab 9 Uhr morgens, hasten bis zu 20 Gäste über den Steg und springen in die Schlauchboote. Das zieht sich bis in den späten Nachmittag. Piper, natürlich wachsam, ist ständig am Bellen. Die Angestellten der Tauchbasis interagieren immer wieder mit ihr, rufen und streicheln sie durch den Seezaun.
Am nächsten Tag wird uns ganz unkompliziert der Mietwagen direkt am Steg übergeben. Im Hafen liegen zwei weitere Segelboote unseres Vereins (TransOcean). Die Crew der „Fuchur“ schreibt uns via WhatsApp und begrüßt uns, die Crew der „Hyperion“ kommt direkt vorbei und sucht das Gespräch. Es ergeben sich schnell nette Kontakte, und wir beschließen, am Abend mit Silke und Peter von der Hyperion in einer 16 km entfernten, von Einheimischen empfohlenen Gaststätte zu essen. Dort soll es die traditionellen Fleischspieße geben, die am Tisch aufgehängt werden. Mitten in den Bergen finden wir das Lokal. Der erste Hinweis: „Hunde nicht erlaubt“. Nach langem Diskutieren mit dem Wirt und Unterstützung durch die sprachgewandte Silke dürfen wir Piper doch mitnehmen. Es wird ein schöner Abend, den wir genießen.
Am nächsten Tag rücken wir der Salzkruste zu Leibe, die sich während der Überfahrt wie ein Schleier um das Schiff gelegt hat. Nach drei Stunden glänzt die KAMI wieder und die Spuren der Offshore-Passage sind beseitigt. Mit unseren 25-Liter-Kanistern fahren wir zu einer nahegelegenen Tankstelle und füllen die Dieselvorräte auf – insgesamt lagern wir Treibstoff für knapp 700 Euro ein. Die Tour zur Tankstelle machen wir zweimal.
Quinta do Lorde liegt sehr abgelegen. Für die Fahrt nach Funchal, der Hauptstadt, benötigen wir etwa 30 Minuten. In der Hauptstadt suchen wir zunächst eine Decathlon-Filiale. Auch hier sind Hunde nicht erlaubt, wir tricksen und setzen Piper in den Einkaufswagen – so lässt man uns gewähren. Wir kaufen eine Fitnessmatte und zwei Angelköder und besuchen anschließend ein Anglergeschäft. Dort finden wir eine Multirolle für die Trollingangel.
Weiter geht es nach Machico. Dort gibt es ein Restaurant namens „Munchis“. Auch auf Bermuda gab es einst einen Imbiss namens „Munchi“. Die Burger dort waren richtig lecker – 2023 war ich mit Karsten Stammgast. Das Munchi hier auf Madeira muss also auch getestet werden. Wir werden herzlich empfangen und draußen mit Piper bewirtet. Getränke und Essen schmecken super. Wir sind begeistert und nehmen uns vor, wiederzukommen.
MUNCHI TableMUNCHI Außenbereich
Leider ist die Waschmaschine im Hafen kaputt und der Waschraum riecht unangenehm. Also organisieren wir in Funchal einen Laundry-Service, wo unsere Bettwäsche und Handtücher für 18 Euro express gewaschen werden. Die Wartezeit verbringen wir in einer kleinen Bar an der Küste. Der Chef spricht ein paar Brocken Deutsch, kommt aus Brasilien und lebt mit seiner „Schmetterling“ – wie er seine Partnerin liebevoll nennt – auf Madeira. Wir unterhalten uns bei einem Mojito fast eine Stunde mit ihm. Im Hintergrund läuft chillige Musik. Wir fragen danach und bekommen den Link zur Spotify-Playlist. Genau unser Ding: smooth und entspannt – schön.
Am Wochenende nutzen wir die Zeit und starten Teams-Meetings mit Lea und Madeleine. Schön, mal wieder etwas aus der Heimat zu hören. Tagsüber arbeitet Kathi an ihrem Ausbildungshandbuch für Brandschutzhelfer und möchte eine gebundene Ausgabe für die Schulungsteilnehmer erstellen. Mike erledigt kleinere Reparaturen am Schiff. So vergeht die Zeit im Hafen und auf der Insel wie im Flug.
Das Wetter auf Madeira ist sehr wechselhaft: Morgens scheint die Sonne, mittags stürmt der Wind und nachmittags gibt es Regen. Mit dem Mietwagen sind wir unterwegs und suchen einen Strand, wo Piper ins Wasser kann. Leider ist das fast unmöglich – alle öffentlichen Strände mit Eintritt sind während der Saison für Hunde tabu. Ärgerlich. Wir finden einen kleinen, steinigen Strandabschnitt abseits, wo einige Surfer unterwegs sind. Nicht gerade einladend, aber zum kurzen Baden reicht es. Piper genießt es, wir auch – bis uns eine größere Welle bis zur Hüfte erwischt. Wir stehen in nassen Sachen da. Mist! Schnell aufs Schiff und umgezogen.
Abends fahren wir ohne Piper nach Canical in ein abgelegenes Restaurant mit guter Tripadvisor-Bewertung. Der Kellner ist nett, aber das Essen überzeugt uns nicht. Hier zeigt sich wieder, wie unterschiedlich Meinungen und Geschmäcker sein können.
In Funchal besuchen wir einen Obst- und Gemüseladen. Der Verkäufer spricht Deutsch und erklärt die tropischen Früchte in der Auslage. Wir nehmen drei verschiedene Drachenfrüchte und eine Monstera-Frucht mit. Zum Frühstück wollen wir probieren – nur eine der drei Drachenfrüchte schmeckt uns richtig gut. Die Monstera erinnert an eine Mischung aus Banane und Ananas, die Konsistenz ist eher breiig.
Unsere Suche nach einem schönen Sandstrand endet in Funchal, in der Nähe des Madeira Forum. Laut Internet sind dort Hunde erlaubt – das wollen wir sofort ausprobieren. Wie im B5-Center in Dallgow sind auch hier die Shops über Außenbereiche zugänglich. Leider dürfen wir mit Hund die meisten Geschäfte nicht betreten. Also ein Reinfall! Schade! Über den „schönen Sandstrand“ (Ironie aus) freut sich immerhin Piper – und eins steht fest: Unser nächster Halt auf den Kanaren wird von der Aussicht auf „weißen, feinkörnigen Sand“ abhängig gemacht.
Am vorletzten Abend bekommen wir auf der KAMI spätabends unerwarteten Besuch: Mike entdeckt im Salon auf der Lehne ein Krabbeltier spazieren. Zuerst denken wir an eine Eidechse (davon gibt es hier ja unzählige), doch der Besucher entpuppt sich als riesige Schabe. Wie vom Blitz getroffen springen wir auf, schalten das Licht an und greifen nach der elektronischen Fliegenfalle (die aussieht wie ein Tennisschläger). Nach mehreren wilden Sprüngen durch den Salon landet die afrikanische Kakerlake schließlich unter der Fliegenfalle. Mit Hilfe einer Küchenrolle fliegt sie im hohen Bogen über die Reling ins Freie. Wie eklig!
Natürlich googeln wir sofort – und finden Schlagzeilen wie „Madeira, Hochburg der Schaben“ oder „Kakerlakenplage in Portugal“. Kathi ekelt sich so sehr, dass sie direkt einen Herpesausschlag bekommt. Die Nacht ist unruhig, und am nächsten Morgen wird das gesamte Schiff auf den Kopf gestellt. Zum Glück finden wir keine Nester, Eier oder weitere Tiere. Gott sei Dank! Hoffentlich war es nur eine einzelne nächtliche Besucherin, die über eine Festmacherleine an Bord gelangt ist. Wachsam bleiben wir jedenfalls und behalten unsere Vorräte gut im Auge.
Am letzten Abend sind wir bei Silke und Peter auf ihrer Hyperion eingeladen. Bei einer Flasche Roséwein philosophieren wir über die nächsten Reisepläne. Auch die Crew der Hyperion möchte Ende des Jahres den Sprung über den Atlantik in die Karibik wagen. Im Gegensatz zu uns wollen sie jedoch noch einige Wochen auf Madeira bleiben. Für uns wäre das keine Option – wir vermissen schlicht die schönen Strände und wünschen uns noch ein paar Grad wärmere Temperaturen.
Madeira ist abgehakt. Man kann die Insel besuchen – muss man aber nicht unbedingt. Für Liebhaber von Blumen, Pflanzen und steilen Bergen sicherlich eine Bereicherung.
Go to Canary Islands (Lanzarote 270 sm) … erstes Ziel: Playa Francesa auf La Graciosa
Es ist Montag Nacht, 23:26 Uhr UTC. Der Kurs steht auf 206 Grad, Ziel ist Madeira. Noch rund 90 Seemeilen, dann laufen wir in den Hafen der Marina da Quinta do Lorde ein – und unsere erste große Passage von etwa 1.300 Seemeilen liegt hinter uns. So richtig „Traumfahrt in den Süden“ war diese Überfahrt allerdings nicht. Die Überreste des Hurrikans Erin hatten uns in den letzten Tagen ordentlich auf Trab gehalten: Sturmwarnungen, Vorhersagen mit bis zu 12 Meter hohen Wellen und ständig Druck, Richtung Süden auszuweichen.
Der Wind stand dabei ungünstig – zwischen 150 und 180 Grad – normales Segeln fast unmöglich. Zum Glück hatten wir unseren Gennaker und konnten so wenigstens mit dem Leichtwindsegel Strecke machen, auch wenn dabei eine der Maschinen zwei Drittel der Zeit mitlaufen musste. Seit dem Nachmittag spürten wir dann die vollen Ausläufer von Erin: hohe Wellen, erst seitlich, später achterlich. Nicht unbedingt angenehm – besonders für Kathi, die sich fragte, ob so ein Katamaran tatsächlich auch kentern könne. Nach einigen Gesprächen konnte ich sie aber wieder beruhigen. Piper, unsere treue Bordhündin, musste am Abend ein wenig medizinische Unterstützung bekommen, um in der Nacht entspannen und schlafen zu können. Mit Erfolg!
Trotz aller Strapazen – wir haben die 2.000-Seemeilen-Marke jetzt überschritten und die erste richtige Blauwasserfahrt erfolgreich gemeistert. Mehr noch: wir sind zu einem richtig guten Bordteam zusammengewachsen. Jeder kennt seine Aufgaben – es läuft.
Angelversuch
Technik und Reparatur – der ständige Begleiter Wie wohl bei allen Langfahrtseglern gilt: Auf Passage gehen fast immer Dinge kaputt, die besser halten sollten. Auch bei uns. Drei Luken waren undicht und ließen Wasser ins Schiff – aber mit Butylband konnten wir sie innerhalb eines Vormittags abdichten. Ein fehlerhaft angeschlossener Lüfter für die beiden Victron Quattros wurde während der Überfahrt repariert. Dazu kamen Probleme mit Funk und AIS. Ein Frachter ließ sich in der vorletzten Nacht nicht sauber anfunken, und die ständigen AIS-Aussetzer sind ebenfalls nicht normal. Meine Vermutung: die Antenne am Mast ist das Problem. Das steht nun auf der Madeira-Checkliste. Ebenfalls zu klären: die ausgefallene Fernbedienung unseres Autopiloten und die Wartung der Ankerwinsch (Motorwechsel nötig wegen Brandspuren). Wenn wir die Kanaren erreichen, soll zudem ein neues AIS-System eingebaut werden – für uns eine zentrale Sicherheitskomponente, gerade zur Kollisionsvermeidung. Die Wartungs- und Reparaturliste wächst jedenfalls Schritt für Schritt, unter anderem kommen auch die Elektrowinschen bald dran.
Ankunftsmodus – Alltag nach der Passage Aber jetzt heißt es erst einmal: ankommen, ausschlafen, das Schiff vom Salz der letzten Tage befreien. Klar Schiff machen! Außerdem muss Diesel nachgebunkert werden und unsere Proviantvorräte gehören aufgefüllt. Mit einem Mietwagen möchten wir dazu nach Funchal fahren, Madeiras Hauptstadt. Ein Besuch im Anglerfachgeschäft steht ebenfalls auf dem Plan – ich brauche dringend eine gute Multirolle fürs Schleppangeln. Unsere Idee ist, ungefähr zehn Tage auf Madeira zu bleiben, bevor es weitergeht zu den Kanarischen Inseln. Dort wollen wir die Inseln nach und nach absegeln, endlich wieder unsere Tauchausrüstung aus der Backskiste holen und die Unterwasserwelt erkunden. Außerdem steht Kathis Geburtstag an – und aus Deutschland erwarten wir Pakete mit dringend benötigten Ersatzteilen.
Alltag an Bord – unser „Neues Normal“ So langsam finden wir uns in unseren Bordalltag ein: Trinkwasser machen, Wäsche waschen, kleine Reparaturen erledigen, Routen planen, zwei Mal täglich die Wetterberichte über Windy oder PredictWind checken, Piper beschäftigen und regelmäßig über Deck führen. Und zwischendurch immer wieder ein bisschen Büroarbeit.
Logbuch Madeira Location: Quinta do Lorde, Madeira Wassertemperatur Atlantik: 25,2 °C Lufttemperatur: endlich Sommer, 26–30 °C Trip-Stunden: 372 Trip-Seemeilen: 2.012
Es war keine leichte Überfahrt, aber wir haben sie geschafft. Englischer Kanal – Biskaya – Nordatlantik – Wir haben gelernt, viel repariert, sind miteinander gewachsen – und der nächste Abschnitt wartet schon. Weiter so!
Es ist Montag früh, gegen 8 Uhr stehen wir auf. Wie so oft vor einer längeren Überseepassage haben wir beide schlecht geschlafen. Wir träumen komische Sachen, werden mehrmals in der Nacht wach, liegen mit vielen Gedanken im Bett und versuchen, ein wenig Ruhe zu finden.
Eigentlich wollten wir erst mittags „Anker auf“ gehen, doch wir haben Hummeln im Bauch und starten nach dem Frühstückskaffee aus der Ankerbucht in Camaret-sur-Mer. Langsam tuckern wir mit 5 Knoten um die Landzunge – und landen im dichten Nebel. Vor uns zeichnen sich schemenhaft mehrere Kriegsschiffe der französischen Marine ab. Dann trifft die erwartete Mail von Sebastian Wache ein – keine guten Nachrichten! Das nervt mittlerweile. Nicht nur, dass wir wochenlang in jedem zweiten Hafen abwettern müssen, auch das richtige Sommer-Reisefeeling will einfach nicht aufkommen. Sebastian schreibt, dass der Hurrikan Erin seine Ausläufer nach Europa schicken wird – und das verheißt nichts Gutes. Meteorologen erwarten Stürme und bis zu 5 Meter hohe Wellen. Besonders die Küste Frankreichs soll es hart treffen, rund um den 28. August. Für uns gibt es zwei Optionen: Weiter in einem französischen Hafen abwettern – und dort die volle Wucht abbekommen. Verkürzt über die Biskaya starten, dann schnell nach Süden abfallen und hoffen, damit den schlimmsten Winden zu entkommen. Aber: Die erwarteten 5-Meter-Wellen werden wir wohl trotzdem aushalten müssen. Na klasse!
Delfinbegleitung & erste Etappe Noch im dichten Nebel aus der Bucht von Camaret-sur-Mer motorend, wagen wir es und machen uns trotz der angsteinflößenden Prognosen auf den Weg nach Madeira. Schon am Vormittag, draußen vor Brest, begleiten uns fast eine Stunde lang Delfine. Piper ist völlig aus dem Häuschen, rennt aufgeregt über das Bootsdeck und beobachtet das Schauspiel durchs Trampolin. Die Delfine springen und vollführen wunderschöne Pirouetten knapp unter der Oberfläche. Und die Überraschungen gehen weiter: Wenig später landet ein kleiner Vogel – ein Trauerschnäpper – bei uns am Steuerstand. Zutraulich lässt er sich fotografieren und bleibt rund eine halbe Stunde, bevor er weiterfliegt. Fast märchenhaft: Nebel über dem Wasser, winkende Robben und nun dieser Vogelbesuch.
Die ersten Wellen und die erste Nacht Am Nachmittag kommt endlich Wind und Sonne. Der Nebel ist vertrieben und die KAMI nimmt Fahrt auf in Richtung unseres ersten Wegpunkts. Der Wind bläst noch spitz von vorn und unbeständig, die KAMI springt über die Wellen – Kathi wird seekrank. Zum Glück haben wir eine gute Bordapotheke, und dank Götz’ verschriebener Medis ist schnell Linderung da. Piper bleibt diesmal seegängig, was uns sehr beruhigt. Ich baue unser „Schlaflager“ im Salon auf, damit wir drei nah beieinander sind – bewährt für lange Passagen. Bald darauf liegen Kathi und Piper zusammen eingerollt und schlafen tief. Abends entfällt die Bordküche, wir gehen in die erste Nacht. Ritualgemäß übernehme ich die Nachtwache. Kein Problem: Zwei Segler aus Österreich kreuzen unseren Kurs, wie in einem Dreieck fahren wir parallel durch die Nacht. Erst in den Morgenstunden trennen sich unsere Wege: Sie steuern A Coruña an, wir dagegen halten Kurs ins offene Blauwasser gen Süden. Das tiefe Blau – es ist überwältigend, ich liebe es einfach!
Alltag auf See Um ordentlich Strecke zu machen, lassen wir bei unter 10 Knoten Wind eine Maschine mit geringer Drehzahl laufen – so laden wir auch unsere Energiespeicher auf, denn die Solarausbeute war zuletzt dürftig. Gegen 5 Uhr UTC (zwei Stunden vor deutscher Zeit) übernimmt Kathi die Wache am Kartentisch. Noch geht es ihr nicht besonders, wir probieren ein anderes Präparat. Ich döse tagsüber nur in Etappen, echter Tiefschlaf will nicht kommen. Am frühen Nachmittag kehrt der Wind zurück. Gemeinsam setzen wir das Großsegel und rollen die Genua aus – klappt schon richtig gut. Ich bin überzeugt: Spätestens ab Madeira kann Kathi die KAMI allein segeln. Tagsüber probiere ich mich mit unserer neuen Trollingangel – noch ohne Erfolg. Vielleicht liegt’s am Köder oder an unseren Einstellungen. Aber wir üben weiter, denn frischer Fisch soll in unser Proviantkonzept integriert werden. Auch Piper würde davon profitieren: Neben Trockenfutter wollen wir ihr immer wieder frisches Gemüse und Fleisch/Fisch abkochen.
Zweite Nacht – Verkehr in der Biskaya Die zweite Nacht segeln wir unter vollen Segeln. 17 Knoten Wind aus Nordwest bringen uns gute Fahrt – 7 Knoten im Schnitt. Wenn es so bleibt, erwischen uns die Ausläufer von „Erin“ nicht mehr. ETA Madeira: Mittwoch nächster Woche. Mit etwas Glück sogar Dienstag früh. Doch die Nacht ist anstrengend: Wir kämpfen uns durch dichten Schiffsverkehr – Fracht-, Container- und Fischerboote, Fähren, Kreuzfahrer. Gegen 23 Uhr sind wir von über 20 Schiffen umzingelt. Bei einem Containerriesen muss ich funken, da er auf Kollisionskurs bleibt. Seine Antwort: „Ja, wir sehen Sie – Sie sind genau voraus.“ Aber er ändert den Kurs nicht. Erst 500 Meter hinter uns zieht er nach Backbord ab. Die Heckwelle kracht unter die KAMI, Gischt spritzt übers Deck – was für ein Schreckmoment! Marinetraffic zeigt das Szenario wie ein Spalier aus bunten Schiffssymbolen. Mittendrin die Fischer, die Yachten, ein einziges Gewimmel. Hoffentlich sind wir bald aus der Hauptachse raus. Ein Trost: Bei dem dichten Verkehr wäre im Notfall sofort Hilfe da – die Medaille hat eben zwei Seiten. lach
Screenshot
Sorge: Orcas an Iberiens Küste Ein Thema bleibt uns noch im Kopf: die Meldungen über Orca-Angriffe vor Spanien und Portugal. Schon seit einigen Jahren attackieren Schwertwale dort Segelboote und beschädigen Ruderblätter – einige Yachten sind dadurch sogar gesunken! Warum gerade diese Gruppe von Tieren dieses Verhalten zeigt, ist nicht klar. Besonders gefährlich ist die Straße von Gibraltar. Da man Orcas nicht vertreiben darf und Schutzversuche mit Lärm oder Sand nichts gebracht haben, bleibt Skippern nur, die Gebiete weiträumig zu umfahren. Unser Plan: deutlich abgesetzt von der Küste und weit draußen im Tiefwasser (bis 5000 m) gen Madeira segeln. Besonders viel Glück schadet da nicht – also: Daumen drücken!
Jetzt ist es 00:47 Uhr UTC (= 02:47 Uhr MESZ). Auf dem Radar taucht schon der nächste Pulk Frachter auf. Meine Augen kleben am Plotter, die Müdigkeit kommt langsam. Sonnenaufgang ist um 05:30 Uhr UTC, dann darf Kathi übernehmen.
05.07.2023 – 12:00 Uhr MEZ 41. Seetag Etmal: 88 sm Gesamtsumme: 5152 sm Wind aus SW – W Segelstellung: Genua voll – Groß unten Speed über Grund: 7 kn
Aktuell: Im Schutzhafen Helgoland! Wir erreichen gegen 3 Uhr die Insel Helgoland. Im Dunkeln fahren wir in den Südhafen ein und suchen uns einen Liegeplatz, was sich als gar nicht so leicht herausstellt. Wir sind nicht die einzigen, die hier gerade Schutz suchen. Wir machen am Ende eines Steges fest und stellen später fest, dass das Anlegen dort untersagt ist (das Schild war in der Dunkelheit kaum zu sehen). Wir entscheiden uns erst einmal, liegen zu bleiben, und bringen alle Fender und Festmacherleinen aus, um das Schiff sicher zu vertäuen.
Die KAMI im Nothafen auf Helgoland.
In den Morgenstunden donnert die erste Sturmwand über die Insel. Die Boote an den Stegen wippen wie Joghurtbecher auf und ab – unsere KAMI mittendrin. Einige kleine Blessuren hat sie sich schon am Rumpf eingefangen. Wieder eine schlaflose Nacht, jedenfalls für mich – immer mit einem Ohr in Richtung Leinen und Fender. Gegen 8 Uhr kommt die Hafenmeisterin, in dickes Ölzeug gehüllt, schnurstracks auf die KAMI zu. Sie ruft: „Hier können Sie nicht liegen bleiben – der Steg hält das nicht!“ Ich antworte, dass es bei dem jetzigen Sturm völlig undenkbar ist, das Schiff zu verlegen. Sie knurrt mich an: „Dann bezahlen Sie den Steg, wenn etwas kaputt geht.“ „Ja, danke – bis später!“ erwidere ich.
Gegen 9 Uhr kann ich die KAMI mit zwei netten Stegnachbarn noch ein Stück nach vorne verlegen. Karsten ist inzwischen auf dem Weg zum Edeka, um das Nötigste und frische Brötchen zu holen. Gegen 10 Uhr mache ich mich auf zum Hafenmeisterbüro, um die Gastliegegebühr von 18 Euro (inklusive 2x Kurtaxe) für eine Nacht zu entrichten. Die Hafenmeisterin hat sich nun auch beruhigt und bedankt sich, dass wir die KAMI noch ein Stück verlegt haben. Ich hinterlasse 2 Euro für die Kaffeekasse und laufe zurück zum Schiff.
Dort wartet schon ein Frühstück mit frischen Brötchen auf mich. Nach der langen Zeit auf dem Atlantik genießen wir die Teilchen im Salon. Später wollen wir noch einige Läden auf Helgoland erkunden (falls der Sturm es zulässt). Man kann hier überall steuerfrei einkaufen. Wir werden getrennt gehen müssen, da wir bei dem Wind und der Welle das Schiff nicht allein im Hafen lassen können. Zu groß ist die Gefahr, dass Fender verrutschen oder vielleicht eine Trosse bricht. Sicher ist sicher! Wir erwarten heute Mittag bis Abend noch Sturmböen bis 58 Knoten (110 km/h).
Der Plan ist, nach dem Durchzug des Sturmtiefs „Poly“ die Fahrt Richtung Brunsbüttel fortzusetzen. Wir wollen morgen in den NOK schleusen, damit wir es vielleicht schaffen, die 80 Kilometer lange Kanalpassage an einem Tag zu fahren. Ankunft in „Kiel“ ist für Freitagabend geplant. Mal sehen. Wir warten also, bis Poly durch ist (vielleicht heute Nacht – spätestens morgen früh). Drückt uns die Daumen, dass in den nächsten 12 bis 18 Stunden alles gut geht und die KAMI – und natürlich auch wir – heil bleiben!!!
04.07.2023 – 12:00 Uhr MEZ 40. Seetag Etmal: 140 sm Gesamtsumme: 5064 sm Wind aus SW – W Segelstellung: Genua voll – Groß unten Speed über Grund: 7 kn
Am Nachmittag haben wir relativ gutes Wetter. Lediglich die Wellenfrequenz hier in der Nordsee hat es in sich, aber dafür ist sie ja (gemeinsam mit der Ostsee) bekannt. Beide Meere sind relativ flach (etwa 30 Meter tief), da türmen sich die Wellenberge anders auf als zum Beispiel im Atlantik, wo die Wellen eher langgezogen sind. Ich glaube, man spricht hier von der Wellenfrequenz.
Am frühen Abend trifft uns eine Gewitterzelle, die es in sich hat. Gut zwei Stunden lang werden wir mit heftigen Windböen und gefühlt 4 Meter hohen Wellen gequält, die zum Glück achterlich auf die KAMI treffen. In den Spitzen „rennt“ das Schiff mit 12 Knoten voraus. Das fühlt sich komisch an, wenn man zuvor stundenlang nur mit 2 bis 3 Knoten unterwegs war. lach
Die Nacht verläuft ohne besondere Vorkommnisse. Wir stellen jedoch fest, dass das Seekartenmaterial auf dem Plotter nicht mehr ganz aktuell ist. Einige Windparks fehlen, und auch die VTGs haben sich teilweise etwas geändert. Aber kein Problem, wir haben auf dem iPad als Backup eine brandneue Seekarte geladen, sodass wir zeitweise mit zwei Anzeigen fahren.
Das Highlight der Nacht: >>>>> 5.000 Seemeilen <<<<< haben wir jetzt im Fahrwasser zurückgelegt! Ich glaube, darauf können wir schon stolz sein. Welcher Newbie oder Laie ohne Segelpraxis und fundiertes Wissen nimmt so ein Abenteuer auf sich? Selbst gestandene Segler meiden die Überquerung von West nach Ost über die Nordkreisroute und holen sich dafür lieber einen Honorarskipper an Bord! Bei den herrschenden Wetter- und Windbedingungen wissen wir jetzt auch warum.
Die „Schönwettersegler“, die im November/Dezember den Atlantik auf der Barfußroute von Ost nach West überqueren, gibt es dagegen zuhauf. Fast 40 Tage – 24 Stunden am Tag – learning by doing. Dank durchgehendem Internet und Telefon ist das kein Problem. Viele Informationen googeln wir uns, schauen Videos auf YouTube zu bestimmten Manövern oder holen uns telefonischen Rat beim Nachbarn (ein ambitionierter Segler). Aus einer Facebook-Gruppe fischen wir uns Tipps zum Trimmen der Segel bei bestimmten Windwinkeln heraus.
Ich muss gerade an den Leitspruch von Bert Frisch (Marineoffizier a.D. und Macher im Verein TransOcean e.V.) denken: „Wann hast du das letzte Mal etwas zum ersten Mal gemacht?!“ Einfach machen – so wie der Start ins Blauwasserleben! Ich freue mich schon sehr auf 2025. Ein ganz anderes Leben erwartet mich und Kathi – unser Zuhause wird viele Jahre dort sein, wo der Wind uns hinträgt. Very romantic!
UPDATE: E-Mail von Sebastian – Wetterwelt. Ein Tief mit Orkanpotenzial (bis 60 kn oder mehr) wird sich bilden und morgen über Nord- und Ostsee ziehen. Wir müssen zwingend einen Schutzhafen anlaufen, und das bis spätestens morgen Mittag um 12:00 Uhr. Dann geht der Hexentanz los. Wir haben jetzt schon etwas Puls! Bis zur Insel Helgoland sind es knapp 90 Seemeilen, bis Brunsbüttel (Einfahrt NOK – Elbe) 135 Seemeilen. Jetzt kommt es auf Geschwindigkeit an – Genua ausbaumen und in der Nacht beide Maschinen auf volle Kraft!
03.07.2023 – 12:00 Uhr UTC – wir stellen wieder auf die lokale europäische Zeit also 14:00 Uhr 39. Seetag Etmal: 108 sm Gesamtsumme: 4926 sm Wind aus SW Segelstellung: Genua voll – Groß unten Speed über Grund: 6 kn
Die Nacht hält wieder einige Überraschungen bereit. Während wir brav dem VTG folgen, treffen wir in der Dunkelheit auf einen riesigen Offshore-Windpark an unserer Steuerbordseite. Tausende rote Lichter blinken am Horizont von den Windrädern – das sieht beeindruckend aus. Leider gelingt es uns nicht, das Spektakel mit unseren Handykameras festzuhalten, aber den achterlichen „Fast“-Vollmond haben wir fotografiert.
Kurz vor einem Ankerfeld werden wir gegen 1 Uhr angefunkt. Es ist ein „Guard“, der die vor Ort liegenden Pipelineschiffe bewacht. Ich habe Wache, während Karsten unten schläft. Mit meinem schlechten Englisch kann ich den Funkspruch nicht vollständig verstehen. Ich entschuldige mich am Mikrofon, eile nach unten und hole Karsten, der glücklicherweise gerade dabei ist, aufzuwachen, um seine Schicht zu übernehmen. Karsten eilt zum Funkgerät, und wir werden gefragt, ob wir irgendwelche Manöver fahren wollen oder im Ankerfeld bleiben möchten. Wir verneinen und wünschen uns gegenseitig eine gute weitere Nacht.
Das Erlebte zeigt mir erneut, wie wichtig die englische Kommunikation auf See ist. Das Funken muss ich bis 2025 unbedingt hinbekommen! Wenigstens die Standard-Seesprüche und Grundkommunikation. Ich glaube, ich werde mir einen Nachhilfelehrer suchen, der mir das beibringt – vielleicht über Zoom.
Am Vormittag haben wir das Gebiet „Rotterdam“ passiert. Hier kreuzen hunderte Schiffe aus allen Richtungen oder liegen vor dem Hafen auf Reede. Wieder sehen wir auf unserem Kurs Fischerboote und neu hinzugekommen sind Militärschiffe. Unser Plotter ist weiterhin voll mit Schiffsmarkierungen. Wir versuchen, die richtige Route zu finden und dabei Wellen, Strömung und Wind zu berücksichtigen. In den letzten fünf Stunden konnten wir wieder segeln. Leider wird der Kurs immer ungünstiger zum Wind, und wir werden wieder eine Zeit lang motoren müssen. Wichtig ist jetzt einfach, dass wir vorankommen.
Aktuell streben wir den Sonntag für den Hafeneinlauf an. Haben wir eine Chance?
02.07.2023 – 12:00 Uhr UTC 38. Seetag Etmal: 104 sm Gesamtsumme: 4817 sm Wind aus W Segelstellung: Genua voll – mit Bb. Maschine Speed über Grund: 6 kn
Langsam schieben wir uns in das Nadelöhr des Ärmelkanals, die 19 Meilen breite Engstelle zwischen Dover und Calais. Wir fahren weiterhin unter Maschine gegen Strömung und Gezeiten.
Am Nachmittag tanken wir 120 Liter Diesel nach. Nun haben wir insgesamt 9 leere Kanister zu je 5 Gallonen in der Backskiste. Nur noch ein voller Kanister ist übrig. Das passt!
Am Nachmittag entdeckt Karsten einen geflügelten blinden Passagier an Bord. Womöglich handelt es sich um eine Zuchttaube, die oben auf der Sprayhood sitzt und uns aus nur 10 cm Entfernung beobachtet. Die Taube ist doppelt beringt (einmal gelb und einmal rot) und erschreckend zutraulich. Wir versuchen mehrmals, sie zu verscheuchen, doch es gelingt uns nicht. Sie spaziert über das Vordeck und bleibt von unseren Bemühungen, sie zu vertreiben, völlig unbeeindruckt. Wir lassen sie erst einmal in Ruhe und beobachten sie. Leider muss ich feststellen, dass sie sich inzwischen an mehr als drei Stellen auf dem Boot verewigt hat – nicht gerade erfreulich. Sie bleibt vor den Fenstern des Salons sitzen und scheint ein Schläfchen machen zu wollen. Okay, wir haben nichts dagegen, vielleicht muss sie sich einfach nur ausruhen.
Kurz vor dem Abendessen wird die Taube wieder wach und läuft schnurstracks auf unseren Steuerstand und unser Cockpit zu. Nein, das geht nicht – jetzt ist unsere Gastfreundschaft ausgereizt und beendet. Mit einem Handtuch bewaffnet gehe ich nun etwas energischer gegen die Taube vor. Sie fliegt mehrmals um die KAMI und jeder Landeversuch wird von mir vereitelt. So geht das einige Minuten, bis der Vogel schließlich abdreht und das Weite sucht. An Bord bleiben nur einige Daunenfedern und mehrere „Häufchen“ zurück. Hoffentlich kommt sie nicht wieder. Sie ward nicht mehr gesehen!
Um 17:45 Uhr überqueren wir auf der Höhe von Greenwich den Nullmeridian. Wir befinden uns also genau auf 000° 00.000! Das Ende der Reise rückt nun immer näher.
Die Nacht verläuft ruhig, und am Morgen sehen wir in Abständen rote und gelbe Kanister treiben. Wir wundern uns, denn wir fahren nach wie vor im Verkehrstrennungsgebiet. Mindestens 20 Doppelkanister (gelb und rot) können wir auf einer Strecke von fünf Seemeilen ausmachen. Gott sei Dank befanden sich keine in unserem direkten Fahrwasser und damit in einer unserer Schrauben. Wir vermuten, dass die Kanister an Netzen oder Krabbenkäfigen befestigt sind – hier im VTG bestimmt nicht legal!
In der Nähe von Calais begegnen uns große Algenteppiche, durchsetzt mit Plastikmüll, Netzresten und anderem Unrat. Die KAMI gräbt sich unbeirrt durch den Müll, und wir hoffen, dass nichts davon an unseren Ruderblättern oder Schrauben hängen bleibt. Wir haben Glück.
Kurz vor unserem heutigen Etmal haben wir Dover-Calais passiert. In der Engstelle werden wir gleichzeitig von sechs Schnellfähren überholt. Was für ein Erlebnis! Karsten kann es jedoch nicht so richtig genießen – die Angst ist natürlich unbegründet. Die Fähren fahren mit ordentlichem Abstand um uns herum. Alles ist gut und passt! Weiter geht es in Richtung Rotterdam – gemeinsam und im Strom der VTGs mit den Großpötten.
Die Sonne scheint, und trotz des Verkehrsaufkommens fühlen wir uns wohl.
01.07.2023 – 12:00 Uhr UTC 37. Seetag Etmal: 114 sm Gesamtsumme: 4714 sm Wind aus W Segelstellung: alle Segel unten – wir motoren Speed über Grund: 4 kn
Unser erstes Verkehrstrennungsgebiet haben wir gut gemeistert. Nach dessen Ausfahrt fährt hinter uns querab ein LNG-Tanker, der in regelmäßigen Abständen einen langen Ton abgibt. Wir fragen uns, ob dieser akustische Hinweis uns gelten soll?! Wir haben doch Funk an Bord. Wir ändern unseren Kurs ein wenig nach Steuerbord und lassen den LNG-Tanker mit ordentlichem Abstand an uns vorbeifahren. Dann verstummt auch dessen Signalhorn.
Leider hat sich der Wind noch immer nicht aus der Westrichtung verändert, sodass wir weiter in Richtung Dover-Calais motoren müssen. Die Nacht vergeht ohne Probleme, und so halten wir auf das nächste Trennungsgebiet zu. In den frühen Morgenstunden sehen wir wieder einige Segler (Franzosen und Engländer), die unseren Kurs im 90°-Winkel kreuzen. Da wir unter Maschine laufen, sind wir ausweichpflichtig. Wir sind also wachsam.
Wie aus dem Nichts taucht auf einmal ein kleines Segelboot an unserer Backbordseite auf. Durch Zufall hat Karsten es erspäht. Es ist weder auf dem AIS-Bildschirm noch auf dem Radar zu sehen. Spinnt der? Wie kann man hier ohne Radarreflektor unterwegs sein – also im Blindflug?! Völliges Unverständnis macht sich bei uns breit.
Kein Wunder, dass die Segler in der Seefahrt so einen schlechten Ruf genießen. Ein komisches Volk – jetzt gehören wir auch dazu. Also: Fremdschämen!
Gegen 10:00 Uhr schlägt unsere Funkanlage „Alarm“. Wieder ein Mayday! Diesmal wurde es automatisch über das Funksystem versendet. Wir eilen zum Kartentisch und lesen die Distress-Nachricht auf dem Display der Funkanlage. Im Notruf stehen nur die Koordinaten und die Uhrzeit, aber nicht der Grund. Wir lauschen auf dem Notrufkanal „16“, ob die Berufsschifffahrt reagiert. Es vergehen einige Minuten, dann funkt die englische Küstenwache und „relayed“ das zuvor empfangene Mayday. Ein Segelboot hat Probleme, und die Schifffahrt in der Nähe wird aufgefordert, die Koordinaten des Havaristen anzulaufen. Da nicht genau erkennbar ist, welches Problem auf dem Segelboot besteht, soll vor Ort beobachtet und die Küstenwache danach informiert werden. Nach einer Stunde wird das Mayday von der Küstenwache „geschlossen“. Erst später hören wir auf dem Kanal, dass das Segelboot gekentert war und einige Personen im Wasser waren. Die See ist heute mit 1,5 Meter Wellen, moderatem Wind und 19° Temperatur nicht allzu problematisch. Wir denken, dass keiner der Segler in echte Schwierigkeiten geraten ist. Ach, was für eine Aufregung!
Gut über die Hälfte des Kanals haben wir geschafft, und es dauert nicht mehr lange, bis wir in das größte und aufregendste VTG einfahren. Hier geht es dann durch die Engstelle zwischen Dover und Calais in die Nordsee. Wir hoffen, dass wir dann endlich wieder die Segel setzen können. Ständig unter Maschine zu fahren, macht keinen Spaß. Auch die motorte Geschwindigkeit mit 4 Knoten ist eher bescheiden. Da lieber wieder Wind in den Segeln und mit 6 bis 7 Knoten in Richtung Heimathafen unterwegs sein.
Heute Nachmittag soll sich noch die Sonne zeigen. Wir sind gespannt. Das tägliche Grau hängt uns ordentlich zum Hals heraus. Jetzt kann es bitte endlich besser und gerne auch sommerlicher werden. Den Heizkörper würden wir auch gerne wieder verpacken und verstauen.
Auf unserer Aufgabenliste steht heute noch, den Steuerbordtank mit Diesel aus den Vorratskanistern nachzufüllen. Es müssten jetzt etwa 120 Liter verbraucht sein – also sechs Kanister.
30.06.2023 – 12:00 Uhr UTC 36. Seetag Etmal: 126 sm Gesamtsumme: 4600 sm Wind aus W Segelstellung: alle Segel unten – wir motoren Speed über Grund: 4 kn
Am Nachmittag stecken wir wieder in einem Fischereifeld fest und werden über Funk gebeten, unseren Kurs nach Süden zu ändern, da Fanggeschirr ausgebracht wurde. Also schlagen wir einen Haken und beschließen, einen großen Bogen um die Fischereifahrzeuge zu machen. Es scheint sicherer, sich in der Nähe der Großschiffe aufzuhalten – sie halten ihren Kurs und sind berechenbar, ganz im Gegensatz zu den unvorhersehbaren Fischerbooten.
Wir nehmen Kurs Richtung Süden, bis wir die Fahrbahnen der Frachter, Containerschiffe und Fähren erreichen. Dort reihen wir uns artig in den nicht enden wollenden Strom der Berufsschifffahrt ein. Am späten Abend dreht der Wind auf West, was für uns bedeutet, die Segel zu bergen, da wir mit Westwind keinen vernünftigen Windwinkel zum Segeln finden. Also starten wir die Steuerbordmaschine und navigieren uns durch das Fahrgebiet auf die rechte Außenseite, entlang des Randes des Verkehrstrennungsgebiets (VTG) „Platte Fougere.“ Heute gegen 14 Uhr werden wir in das VTG einfahren und dabei den großen Schiffen bis auf 100 Meter nahe kommen.
Die Regeln im VTG sind streng, und sie werden von der Küstenwache sowie den Koordinierungsstellen an Land genau überwacht. Ein Segler wurde kürzlich zu einer Geldstrafe von 9.000 Pfund verurteilt, weil er die Fahrbahnen nicht im vorgeschriebenen 90°-Winkel gekreuzt und dadurch die Berufsschifffahrt gefährdet hat. Mit dem VTG ist also definitiv nicht zu spaßen.
Es gibt mehrere Verkehrstrennungsgebiete im Ärmelkanal, insbesondere in den Engstellen nahe der Kanalinseln. Stellt euch das wie eine Autobahn für Schiffe vor: Auf der rechten Seite fahren alle in Richtung Steuerbord, auf der gegenüberliegenden nach Backbord. Zwischen den Bahnen gibt es keinen Grünstreifen, sondern einen „Blaustreifen“ – eine bis zu fünf Meilen breite Trennzone.
Unsere Geschwindigkeit im Ärmelkanal variiert stark, da wir mit Ebbe und Flut fahren. Einige Stunden am Tag profitieren wir von der Strömung und machen sechs Knoten, dann wieder kämpfen wir gegen die Strömung und kommen nur auf vier Knoten. Diesen Unterschied sehen wir deutlich auf unserem Kartenplotter, der sowohl die Geschwindigkeit über Grund als auch die Geschwindigkeit im Wasser anzeigt.
Das Wetter ist, wie so oft, grau und regnerisch. Von Sebastian haben wir schon seit über einer Woche nichts mehr gehört. Vielleicht ist er krank?
Unterdessen schlagen wir uns weiter entlang der Ränder der Fahrbahnen und nutzen die Maschine. Sollte sich kein guter Wind mehr einstellen, könnten wir theoretisch bis Deutschland unter Motor fahren. Unser Dieselverbrauch liegt bei etwa zwei Litern pro Stunde, was uns eine Geschwindigkeit von rund vier Knoten ermöglicht. Im Nord-Ostsee-Kanal könnten wir nachtanken, falls nötig – aktuell haben wir von insgesamt 600 Litern Diesel etwa 160 Liter verbraucht. Damit sind wir auf jeden Fall gut versorgt!
29.06.2023 – 12:00 Uhr UTC 35. Seetag Etmal: 162 sm Gesamtsumme: 4473 sm Wind aus SW Segelstellung: Großsegel 1. Reff, Genua 80% Speed über Grund: 6 kn
Am Nachmittag kommt die Sonne heraus, und wir genießen die warmen Strahlen im Cockpit. Doch sobald es dunkel wird, ändert sich unsere Stimmung – fast stündlich. Die KAMI wird wieder heftig hin- und hergeschleudert, und wir trauen der Windvorhersage nicht. Deshalb reffen wir die Genua um bis zu 80%. Die Wellen schlagen mit voller Wucht gegen das Boot, und an Schlaf ist nicht zu denken. Mitten in einer französischen Fischfangflotte versuchen wir, unseren Kurs zu halten, müssen aber häufig ausweichen und kleine Haken schlagen. All das in der stockfinsteren Nacht – es macht wirklich keinen Spaß und zehrt gewaltig an unseren Kräften. Wir sind erschöpft und übermüdet, was die Konzentration erschwert.
Gegen 2 Uhr nachts hören wir einen Funkspruch, der uns das Blut in den Adern gefrieren lässt – ein Mayday Relay! Die Tonqualität ist sehr schlecht, verrauscht und verzerrt, sodass wir nur mit Mühe verstehen, dass ein blau-weißes Segelboot mit einer Person an Bord dringend Hilfe benötigt. Was genau passiert ist, bleibt unklar. Die See ist in dieser Nacht wieder extrem rau und unbarmherzig. Wir hoffen inständig, dass der Segler gerettet werden kann und nicht sein Leben verliert. Der Vorfall macht uns betroffen und nachdenklich; Gedanken rasen durch unsere Köpfe, begleitet von Selbstzweifeln und der Angst zu versagen.
Der Ozean ist wahrlich kein Kinderspielplatz – es ist eine harte Prüfung für uns selbst.
Am Eingang des Englischen Kanals nimmt die Verkehrsdichte weiter zu. Auf dem Kartenplotter sehen wir nur noch Schiffe, wohin wir auch blicken – ein Wahnsinn! Mindestens drei anstrengende Tage liegen vor uns, in denen uns noch einiges abverlangt wird. Der Wind soll bald auf West drehen, was unserem Kurs überhaupt nicht entgegenkommt. Wenn nötig, werden wir motoren, bis sich der Wind auf Nordwest oder Südwest dreht. Jetzt heißt es, irgendwie durchzukommen – wir hoffen nur, dass das Wetter einigermaßen mitspielt.
28.06.2023 – 13:30 Uhr UTC 34. Seetag Etmal: 140 sm Gesamtsumme: 4311 sm Wind aus SW Segelstellung: Großsegel 1. Reff, Genua voll Speed über Grund: 7 kn
Heute gibt es nicht viel Neues zu berichten. Die Dichte der Fischereifahrzeuge hat deutlich zugenommen, was uns in der Nacht einige Herausforderungen beschert hat. Zum einen ändern die Fischerboote ständig ihre Position, und zum anderen sind ihre Kurse kaum vorhersehbar. In der Nacht hatten wir ein Fischereischiff neben uns, das offenbar ein großes Netz ausgebracht hatte. Alle 100 Meter war eine AIS-Boje befestigt, was auf unserem Kartenplotter durchaus spannend aussah.
Mit dem zunehmenden Schiffsverkehr – schon vor dem Ärmelkanal – ist an Ruhepausen während der Wache nicht mehr zu denken. Um sicher voranzukommen, heißt es jetzt „scharf Ausschau halten“. Ab sofort müssen wir Tag und Nacht aufmerksam sein, denn die entspannte Reisezeit auf dem offenen Atlantik ist vorbei. Jetzt wird es verkehrstechnisch eng und „kuschelig“.
Trotz allem kommen wir weiterhin gut voran und machen Strecke! Wind und Wellen sind erträglich.
27.06.2023 – 12:00 Uhr UTC 33. Seetag Etmal: 155 sm Gesamtsumme: 4171 sm Wind aus SW Segelstellung: Großsegel 2. Reff, Genua voll Speed über Grund: 7 kn
Immer noch gefangen im Tiefdruckgebiet pflügt die KAMI unermüdlich durch die Wellen in Richtung Ärmelkanal. Der Himmel ist grau, es ist neblig und insgesamt recht trist. Auf unserer Strecke begleiten uns nun ständig Großschiffe in unmittelbarer Nähe. In der Regel sehen wir drei bis fünf Schiffe auf unserem Kartenplotter. Es bleibt spannend, wenn sich unser Kurs mit dem der Berufsschifffahrt kreuzt.
Eine Amada von Frachtschiffen steuert durch den Ärmelkanal.
Am späten Nachmittag werden wir über Funk informiert, dass in der Nähe militärische Übungen stattfinden und wir vorsorglich unseren Kurs auf 90° abändern sollen. Leider verstehen wir den gesamten Funkspruch nicht genau. Der Sprecher übermittelt Koordinaten und Zeitangaben, die wir jedoch nicht schnell genug notieren können. Mithilfe von „Google“ finden wir Informationen über ein großes NATO-Manöver in der Region.
Den Abend verbringen wir mit der Routenplanung durch den Ärmelkanal. Dazu haben wir eine separate App auf das iPad geladen. Bei der Planung müssen wir eine Vielzahl von Faktoren berücksichtigen, wie zum Beispiel: Strömungen, Gezeiten (Ebbe und Flut), Verkehrstrennungsgebiete, militärische Sperrzonen, Offshore-Parks, Fischereiflotten, Untiefen, Fährlinien, Naturschutzgebiete und hunderte Wracks.
Unter Berücksichtigung der aktuellen Wetter- und Windprognosen ergibt sich folgende Zeitplanung: Wir planen, den Ärmelkanal am Freitagmorgen zu erreichen. Die Durchfahrt sollte bis Montag abgeschlossen sein, sofern alles reibungslos verläuft. Danach geht es weiter in der Nordsee Richtung Elbmündung, um schließlich den Nord-Ostsee-Kanal zu erreichen. Wann genau das passieren wird, ist allerdings noch zu früh abzusehen.
Kleine Wetten sind erlaubt: Karsten tippt auf den 9. Juli für den Hafeneinlauf, ich eher auf den 10. Juli! Das schnellstmögliche Szenario – unter Idealbedingungen – wäre der 8. Juli. Wenn der Wind und die Passage durch den Kanal jedoch nicht optimal sind, könnte es auch der 14. Juli werden. Es bleibt also alles offen …
26.06.2023 – 12:30 Uhr UTC 32. Seetag Etmal: 139 sm Gesamtsumme: 4017 sm Wind aus SW Segelstellung: Großsegel 2. Reff, Genua voll Speed über Grund: 7 kn
Wir haben es geschafft: Die 4.000-Seemeilen-Marke ist geknackt! Insgesamt sind wir nun 7.440 Kilometer mit der KAMI unterwegs, bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 5,4 Knoten, also etwa 10 km/h – zügiges Gehtempo! lach In Strecke ausgedrückt, fahren wir pro Tag einmal die Tour von Werder (Havel) nach Rostock-Warnemünde über die Autobahnen A19 und A24.
Wow, Geschwindigkeit mal anders erleben!
In der Nacht hatten wir wieder ungebetenen Besuch: Ein Kalmar (Tintenfisch) lag heute früh tot auf unserem Poopdeck (Achterdeck). Ein Foto des Tieres könnt ihr hier bestaunen.
Mit derzeit 7 Knoten Fahrt kommen wir gut voran. Der Wind hat nun auf Südwest gedreht, und wir können unsere Route direkt segeln. Die Wellen kommen jetzt von achtern, sodass die KAMI sie schön abreiten kann – das macht es an Bord etwas erträglicher. Gegen Abend nehmen Wind und Böen wieder zu. Wir hoffen, dass die Windrichtung stabil bleibt und die zunehmend höheren Wellenberge schön von hinten kommen. Ärmelkanal, wir kommen!
Nun befinden wir uns auf der Route „North American East Coast – English Channel“, die mit 2.720 nautischen Meilen die kürzeste Verbindung zwischen den Kontinenten über den Atlantik darstellt. Dementsprechend begegnen uns jetzt viele Frachter, Tanker und Containerschiffe aus Richtung Ärmelkanal. Kurioserweise finden die meisten dieser Begegnungen in den Nachtstunden statt. Während unserer Wache sitzen wir oft vor dem Kartenplotter und studieren die AIS- und Radardaten, um sicherzustellen, dass sich die Kurse der Schiffe sicher mit unserem kreuzen.
Die schiere Masse an Schiffen, die hier in Richtung Hamburg und Rotterdam unterwegs ist, ist überwältigend. Wir schauen häufig im Internet auf der MarineTraffic-Seite nach, woher die Schiffe kommen, welchen Hafen sie ansteuern, was sie geladen haben, wann sie ihr Ziel voraussichtlich erreichen und unter welcher Flagge sie fahren. Das ist zu einem kleinen Zeitvertreib auf der KAMI geworden. Ihr glaubt gar nicht, wie viele LNG-Tanker in Richtung Deutschland unterwegs sind. Was für ein ökologischer Unsinn – typisch deutsch! Wir finden das einfach daneben.
Unsere Vorräte neigen sich allmählich dem Ende zu. Schokolade, Kekse, Nüsse und Chips sind aufgebraucht, und die Cerealien reichen noch für etwa vier Tage. Ein Brot liegt noch im Tiefkühler, und wir haben 1,5 kg Dinkelmehl, aus dem wir noch drei Brote backen können. Apropos Backen: Der Gasofen bereitet mir Schwierigkeiten. Es ist nahezu unmöglich, eine konstante Temperatur im Inneren zu halten. Entweder ist sie zu niedrig oder zu hoch. Zwar gibt es am Regler Skalen von 1 bis 8, doch das Thermometer zeigt ständig andere Werte an. Das macht das Backen etwas knifflig. Da ich gerne backe, werde ich den Ofen wohl gegen einen elektrischen tauschen müssen.
Auch der Kühlschrank leert sich merklich. Obst und Gemüse haben wir nur noch in Konservenform an Bord. Wir müssen uns einschränken! Mindestens 14 Tage liegen noch vor uns.
25.06.2023 – 12:00 Uhr UTC 31. Seetag Etmal: 151 sm Gesamtsumme: 3878 sm Wind aus W Segelstellung: Großsegel 2. Reff, Genua 80% Speed über Grund: 7 kn
Wir kreuzen weiter in Richtung Ärmelkanal und genießen am Nachmittag ein paar Sonnenstunden, die wir gleich mit einem Kaffee im luftigen Cockpit verbinden. Erneut sichten wir einen Wal in der Nähe. Kurz sehen wir den „Blas“ und die dunkle Rückenflosse aus dem welligen Wasser auftauchen, doch dann verschwindet der Kollege wieder in den Tiefen.
Zum Abend hin wird es wieder ungemütlich, und es fühlt sich an, als stünden wir 24 Stunden lang auf einem Balanceboard. Die Wellen werfen die KAMI in alle Richtungen, und manchmal sehen wir durch die Fenster nur Wasser. Wir zählen bereits die Tage bis zur Ankunft im Kanal, wo Wind und Wellen hoffentlich wieder entspannter werden.
Unsere Weltkarte im Salon.
Den ganzen Tag und die Nacht über segeln wir bei 20 bis 30 Knoten Wind (bis zu 35 in Böen) in Richtung Osten. Ab morgen früh soll der Wind auf Südwest drehen, und das lästige Hin- und Herkreuzen hat dann endlich ein Ende. Ab dann zählt wieder jede zurückgelegte Seemeile.
Wir kommen einfach nicht aus den Tiefs heraus – kein Urlaubsflair und kein „happy feeling“, sondern nur stumpfes Gebolze unter grauem Himmel und regelmäßige heftige Decksduschen. Lieber Reiseveranstalter, so war das nicht gebucht! lach
24.06.2023 – 12:00 Uhr UTC 30. Seetag Etmal: 144 sm Gesamtsumme: 3727 sm Wind aus W Segelstellung: Großsegel 2. Reff, Genua voll Speed über Grund: 6 kn
Am Nachmittag erreicht uns die Freitagsmail von Sebastian Wache. Ihr erinnert euch: Sebastian ist Diplom-Meteorologe und betreut uns während der Überfahrt. Die Nachrichten sind nicht gut. Wie sich das Wetter aktuell entwickelt, besteht die Gefahr, dass wir ab der Höhe Irlands und weiter in Richtung Schottland in ein ausgeprägtes Tiefdruckgebiet geraten. Dort erwarten uns Winde bis zu 45 Knoten und sehr raue Bedingungen. Sebastian empfiehlt uns daher den „sicheren“ Weg durch den Ärmelkanal (Englischen Kanal) in die Nordsee und dann weiter durch den 80 Kilometer langen Nord-Ostsee-Kanal (Kiel-Kanal) in die Ostsee zu nehmen. Wir folgen diesem Rat gern und markieren die entsprechenden Wegpunkte in unserem Kartenplotter an Bord.
Die Fahrt durch den Ärmelkanal wird anspruchsvoll. Dieses Seegebiet gehört zu den meistbefahrenen Schifffahrtsstraßen der Welt. Täglich verkehren hier bis zu 400 Großschiffe (Tanker, Frachter, Fähren) in Richtung Rotterdam und Hamburg und zurück. Das Nadelöhr zwischen Calais und Dover ist nur 34 Kilometer breit. Es gibt streng überwachte Verkehrstrennungsgebiete sowie Offshore-Parks, die nicht befahren werden dürfen. Dazu kommen Fischereifahrzeuge, die oft nur mit Radar sichtbar sind. Die Tidenströmungen und Wellensituationen im Kanal sind beachtlich und erfordern eine sorgfältige Zeitplanung. Für uns ist das eine neue Herausforderung!
Am Abend dreht der Wind auf West. Da wir Richtung Osten müssen, bedeutet das, dass wir zwischen den Wegpunkten kreuzen müssen, was wieder Zeit kostet. Der Wind bläst kräftig, und die bis zu 4 Meter hohen Wellen setzen uns zu. Leider trifft der Welleneinfallswinkel die KAMI oft seitlich, was das Bewegen im Salon, in der Koje oder im Bad erschwert. Die Wellen schlagen unaufhörlich gegen das Schiff; es rumst, donnert und vibriert ohne Pause. Gischt sprüht über das Deck. Für die nächsten Tage ist keine große Wetteränderung in Sicht, und die unruhige See bleibt uns erhalten. In vier Tagen sollten wir den westlichen Eingang des Kanals erreichen.
Trotz der starken Schaukelei gibt es heute frisches Brot, das wir uns gleich nach dem Backen mit deutscher Salami schmecken lassen. Der Duft von frisch gebackenem Brot – ein Hauch von Heimat.
23.06.2023 – 12:00 Uhr UTC 29. Seetag Etmal: 140 sm Gesamtsumme: 3583 sm Wind aus W Segelstellung: Großsegel 2. Reff, Genua 80% Speed über Grund: 6 kn
Am Nachmittag entdeckt Karsten erneut eine Delfinschule an unserer Steuerbordseite. Er eilt nach draußen, um Filmaufnahmen zu machen – leider wieder nicht in der gewünschten Qualität. Bei dem bedeckten und regnerischen Wetter entstehen eben keine kinoreifen Aufnahmen. Insgesamt hatten wir jetzt bereits viermal Besuch von Delfinen. Es ist wirklich faszinierend, ihnen zuzuschauen.
Trotz einer sehr konservativen Segelstellung machen wir wieder ein gutes Etmal. Heute Nachmittag, gegen 17 Uhr, erwarten wir für ein paar Stunden Starkwind mit Böen über 35 Knoten und Wellenhöhen von 5 bis 6 Metern. Die derzeit noch ruhige Phase haben wir für ein ausgiebiges Frühstück genutzt und sitzen nun im Salon, wartend auf das, was kommen mag.
Letzte Nacht war es auf der KAMI so bitterkalt, dass wir den Ölradiator zweimal einschalten mussten, um wenigstens ein paar Grad mehr im Salon zu erreichen. Nachts haben wir hier etwa 13 Grad, und unten in den Kojen (Bugkabinen) ist es wahrscheinlich noch 3 Grad kälter. Tagsüber klettert das Thermometer nicht über 15 Grad, und es soll in den nächsten Tagen sogar noch kälter werden!
Den Ölradiator für etwas Wärme in der Nacht haben wir im Salon am Tischbein festgetäut.
Wir sitzen hier im Zwiebelschalenlook: doppelte Socken, Beanie auf dem Kopf und mehrere Schichten Kleidung. Ab der nächsten Nacht kommen wahrscheinlich auch noch zwei lange Unterhosen dazu. Durch die fehlende Bewegung an Bord kühlt man sehr schnell aus. Wir frieren – und langsam beginnt der Hals zu kratzen. Mist!
22.06.2023 – 12:00 Uhr UTC 28. Seetag Etmal: 147 sm Gesamtsumme: 3442 sm Wind aus SW Segelstellung: Großsegel 1. Reff, Genua voll Speed über Grund: 7 kn
Am Nachmittag mache ich die Koje sauber und stelle dabei fest, dass die Bettdecke schon wieder klamm und feucht ist. Daraufhin inspiziere ich die fest verschlossene Luke, und tatsächlich – es tropft. Es sind zwar nicht viele Tropfen, aber bestimmt zwei bis drei pro Minute. Außer ein Handtuch darunter zu legen oder bei starkem Regen eine kleine Schüssel aufzustellen, kann ich im Moment nicht viel tun. Der Vorbesitzer hat im Vorschiff eine nagelneue Luke verstaut. Ich werde sie wohl im Hafen austauschen müssen. Auch eine kleine Luke im Backbordrumpf, im Bereich der Toilette, scheint undicht zu sein (laut Karsten). Das muss ebenfalls kontrolliert werden.
Es tropft von der Luke
Eine weitere Kuriosität: Morgens setze ich mich im Salon in die Sitzecke und entdecke einen Wassertropfen auf der Ablage in der Nähe des Mastes. Darüber ist die Verkleidung leicht feucht. Bei dem derzeitigen Dauerregen vielleicht nicht überraschend, aber normal ist das auch nicht. Die „Erledigungs- bzw. Reparaturliste“ hat mittlerweile eine beachtliche Länge angenommen.
Der Wind bläst ordentlich, und wir kommen wieder gut voran. Wir sind derzeit so zügig unterwegs, dass wir der Wegpunktplanung von Sebastian Wache bereits um einen Tag voraus sind. Gestern Abend, bei mäßigem Wind, haben wir mit der Segelstellung experimentiert und versucht, einen Schmetterling zu fahren. Dabei ist das Großsegel auf Backbord und die Genua auf Steuerbord ausgebracht. Beide Segel werden mit „Barber Haul“ und „Preventer“ gesichert, sodass sie nicht zurückschlagen können. Das Manöver hat mit ein paar kleinen Schnitzern ganz gut geklappt, doch der Wind ist im Moment so unbeständig, dass wir zur sicheren normalen Segelstellung zurückgekehrt sind.
Der Himmel ist grau, und die Temperaturen sind weiter gesunken. In der Nacht ist es unten in den Bugkabinen kaum noch auszuhalten, und selbst oben im Salon frösteln wir, eingewickelt in Decken. Heute werden wir den Elektroheizkörper nach oben holen und ihn einschalten, sobald der Generator wieder läuft, um die Batterien aufzuladen.
21.06.2023 – 12:00 Uhr UTC 27. Seetag Etmal: 148 sm Gesamtsumme: 3295 sm Wind aus SW Segelstellung: Großsegel voll, Genua voll Speed über Grund: 4 – 5 kn
Der Wind bringt uns am Nachmittag und in der Nacht gut voran, bis er am Morgen auf Südwest dreht. Dann lässt er wieder nach, sodass wir uns entscheiden, in Richtung Osten zu motoren, bis sich der Windwinkel zu unseren Gunsten ändert und der Wind wieder stärker bläst.
Sonst gibt es heute nichts weiter zu berichten. Wir hoffen weiterhin, Ende Juni die Spitze Schottlands zu erreichen. Drückt uns die Daumen …
20.06.2023 – 12:00 Uhr UTC 26. Seetag Etmal: 115 sm Gesamtsumme: 3147 sm Wind aus E – SE Segelstellung: Großsegel voll, Genua voll Speed über Grund: 5 kn
Am Nachmittag schlägt das Wetter um, und die Sonne lässt sich doch noch blicken. Auch der Wind kehrt zurück und bläst mit 7 bis 12 Knoten. Wir nehmen wieder etwas Fahrt auf und schaffen es tatsächlich, 5 Knoten zu erreichen. Nicht schlecht! Gegen 18 Uhr sehen wir auf der Steuerbordseite, in einem Abstand von etwa einer halben Meile, die ersten Wale. Wir entdecken mehrere „Blas“ (die nach dem Tauchvorgang ausgeatmete Atemluft der Wale) und ab und zu kleinere, graue Rückenflossen. Für Fotos sind die Tiere leider zu weit entfernt. Schade!
Das kurzzeitig gute Wetter haben wir auch genutzt, um zwei Waschmaschinenladungen zu waschen und 280 Liter Trinkwasser zu produzieren. Wer weiß, wie sich das Wetter in den nächsten Tagen entwickelt.
Aktuell planen wir, im Laufe der nächsten Woche Schottland zu umrunden und dann vom Atlantik in die Nordsee einzubiegen.
Am Abend entdecken wir auf dem Vorschiff eine verbogene Rolle am Genuaschlitten. Wir bauen die Rolle ab und richten die Profile mit einer Rohrzange. Wieder eingesetzt, funktioniert alles wie vorher. Glücklicherweise haben wir die Rolle nicht verloren. In diesem Zusammenhang stellen wir fest, dass viele Blöcke, Umlenkrollen und Klemmen sehr schwergängig sind. Eine Rolle quietscht, eine andere lässt sich gar nicht drehen, da sie fest sitzt. Auch hier warten einige Arbeiten im Heimathafen auf uns. Insgesamt sind wir enttäuscht vom derzeitigen Zustand der segeltechnischen Komponenten. Der Vorbesitzer hat in den letzten Monaten offenbar nicht mehr viel Wartung betrieben.
Die Nacht verläuft ruhig und stressfrei. Mit voller Besegelung läuft die KAMI wieder mit 5 bis 6 Knoten. Die Wellen sind erträglich.
Am Morgen weckt uns die Sonne – endlich mal wieder ein freundlicher Tag. Als wir gegen 9 Uhr die Kartenplotter vom Nacht- in den Tagesmodus umschalten wollen, entdecken wir auf dem Kartenplotter am Steuerstand einen schwarzen Fleck, etwa so groß wie ein Ein-Euro-Stück, in der unteren linken Ecke des Bildschirms. Ist das jetzt der nächste Mangel oder Defekt? Geht eine Atlantiküberquerung so sehr auf das Material? Unglaublich.
Wir machen gerade sehr gute Fahrt und bolzen nach der Kurskorrektur zum nächsten Wegpunkt wieder schräg gegen die Wellen. Im Zeitplan liegen wir derzeit sehr gut. Der Wasserkessel pfeift auf dem Herd – es gibt jetzt eine Tasse Kaffee.
Gestern ist unsere zweite Propangasflasche leer geworden, und wir müssen jetzt mit einer größeren Gasflasche improvisieren, die wir auf den Bahamas gekauft haben. Leider passt sie nicht in das dafür vorgesehene Fach, sodass wir hier etwas basteln müssen.
19.06.2023 – 12:00 Uhr UTC 25. Seetag Etmal: 77 sm (kaum Wind) Gesamtsumme: 3032 sm Wind aus E – SE Segelstellung: Großsegel kompl. gerefft, Genua voll Speed über Grund: 3 kn
Wir hängen nach wie vor im Flautengebiet fest und treiben mit gesetzter Genua in Richtung Nordost, mit durchschnittlich 3 Knoten. Der Wind weht mit maximal 7 Knoten.
Bis Mittwoch wird die Flautenlage voraussichtlich anhalten, mit durchschnittlichen Windgeschwindigkeiten von 6 Knoten. Da können wir nicht viel an Fahrt herausholen – die KAMI ist mit fast 11 Tonnen einfach zu schwer.
Der Himmel ist größtenteils bedeckt, nur selten zeigt sich die Sonne. Vielleicht versuchen wir es heute einmal mit dem Gennaker, dem großen Leichtwindsegel. Mal sehen …
18.06.2023 – 12:00 Uhr UTC 24. Seetag Etmal: 112 sm (kaum Wind) Gesamtsumme: 2955 sm Wind aus S – SW Segelstellung: Großsegel kompl. gerefft, Genua voll Speed über Grund: 5 kn
Nach unserem gelangweilten Nachmittag gehen wir mit 7 Knoten Fahrt in die Nacht. Es scheint tatsächlich so, dass wir die meisten Erlebnisse während der Nachtstunden haben – so auch in dieser.
Gegen 21 Uhr lege ich mich in die Koje. Mein Kopf schmerzt etwas, da mir der regelmäßige Schlaf fehlt. Nach etwa einer Stunde werde ich vom Schlagen des Großsegels geweckt. Karsten steht oben am Steuerstand und probiert verschiedene Kurseinstellungen, doch es hilft nichts – Flaute!
Um das Material zu schonen (die Segel schlagen bei Flaute zu stark, wenn eine Böe kommt), beschließen wir, die Segel einzuholen – was wir dann auch unverzüglich im einsetzenden Regen tun. Währenddessen tauchen plötzlich drei Frachtschiffe auf unserem Kartenplotter auf. Den ganzen Tag über hatten wir keine anderen Schiffe gesichtet, und jetzt auf einmal drei gleichzeitig?
Eines der Containerschiffe ruft uns sogar über Funk. Man erkundigt sich, ob bei uns alles in Ordnung sei, da man hier, mitten im Nordatlantik, selten Segelboote sehe. Wir freuen uns über das Interesse des Containerriesen und wünschen uns gegenseitig eine gute Weiterfahrt.
Sebastian hatte uns in seiner letzten E-Mail mindestens vier Flautentage vorhergesagt – Tage mit wenig bis gar keinem Wind. Es gibt derzeit keine besseren Alternativen für uns. Wir entscheiden uns, die Maschine zu starten, um zumindest ein paar Meilen zu machen. Zuvor informieren wir uns noch einmal im Netz über den Dieselverbrauch der verbauten Yanmar-Schiffsdiesel. Bei 1.200 Umdrehungen, was etwa 3 Knoten pro Stunde entspricht, verbrauchen wir ca. 1,6 Liter Diesel. Das würde am Tag etwa 40 Liter Diesel für 72 Seemeilen bedeuten.
Wir stellen den Autopiloten auf 48° Nordost ein und lassen die KAMI unter Maschinenkraft in diese Richtung schieben. Gegen 3 Uhr morgens ertönt plötzlich ein Alarm. Hochgeschreckt vom Piepen lese ich die Meldung „Kurs kann nicht gehalten werden“. Ich gehe nach oben zum Steuerstand und spüre kräftigen Wind. Wie aus dem Nichts bläst es auf einmal mit 23 Knoten. Die Maschine, die fast im Standgas lief, konnte dagegen nicht gegensteuern. Ich öffne die Genua (Vorsegel), und schon nimmt die KAMI wieder Fahrt auf – 4 bis 5 Knoten. Das freut mich, die Maschine kann nun wieder aus.
Als ich danach den Salon betrete, fällt mir eine blinkende rote Anzeige am Schaltpanel auf – Bilgenalarm im Backbordrumpf. Ich eile nach unten und nehme die Bodenplatten hoch. Tatsächlich stehen dort etwa 2 Liter klares Wasser. Wo kommt das denn jetzt wieder her? Das Wasser in der Steuerbordbilge kennen wir ja, aber nun auch im Backbordrumpf? Unverständnis macht sich breit. Wir müssen das im Auge behalten. Kleine Mengen werden von der Automatikpumpe zum Glück schnell abgesaugt.
Zum Frühstück gibt es heute aufgebackene Sonntagsbrötchen, und wir genießen sie. Angetrieben nur von unserem Vorsegel steuern wir weiter auf das nächste Flautengebiet zu. Es zieht sich sehr im Moment … wir schaffen nur kleine Etmale.
17.06.2023 – 12:00 Uhr UTC 23. Seetag Etmal: 82 sm (Flaute) Gesamtsumme: 2843 sm Wind aus S Segelstellung: Großsegel 2. Reff, Genua 60% Speed über Grund: 6 kn
Flautentag! Mit gerefften Segeln treiben wir im Atlantik in einem Flautengebiet. Erst am späten Nachmittag setzt langsam wieder etwas Wind ein (8 Knoten), und wir setzen die Segel. Wie in Zeitlupe bewegt sich das Schiff Richtung Nordosten. Langsam nehmen wir wieder etwas Fahrt auf, und so geht es in die Nacht. Im Durchschnitt macht die KAMI jetzt 7 Knoten. Am Morgen nehmen dann auch die Wellen wieder zu, und wir segeln am Rand eines kleinen Tiefdruckgebiets entlang.
Flautentage werden zum ausgiebigen Baden im Ozean genutzt.
So wird es erst einmal weitergehen, bis wir am Montagmorgen vermutlich im nächsten Flautengebiet feststecken. Wir versuchen, uns von Tag zu Tag weiter nach Norden vorzuarbeiten, um schließlich die Spitze Schottlands zu erreichen. Im Moment ist es sehr mühsam! Auch die Sonne bekommen wir kaum zu sehen. Es ist wolkig, bedeckt und regnet seit heute früh fast ununterbrochen. Momentan fegen erneut kräftige Windböen über uns hinweg. Die Wellenberge tragen weiße Schaumkronen, und das Seewasser spritzt aus allen Richtungen aufs Vorschiff. Der Wind pfeift durch die Türritzen.
16.06.2023 – 13:30 Uhr Ortszeit – 14:30 UTC 22. Seetag Etmal: 129 sm Gesamtsumme: 2761 sm Wind aus SW Segelstellung: Großsegel 1. Reff, Genua 80% Speed über Grund: 6 kn
Wir machen am Nachmittag noch gute Fahrt und überlegen, was wir zum Abendessen zubereiten wollen. Im Kühlschrank haben wir noch etwas Mischgemüse, dazu möchten wir Bratwurst und Reis kochen. Als wir jedoch im Salon unter der Sitzecke die Vorratskiste öffnen, schlägt uns ein seltsamer Geruch entgegen – eine Mischung aus Apfelessig und saurer Sahne. Es muss Wasser eingedrungen sein. Eine Katastrophe! nDer große Reissack ist zu zwei Dritteln verdorben (6 kg schlecht), fünf Nudelpackungen sind hinüber, und auch die Linsen und Spaghetti sind unbrauchbar. Was für ein Verlust! Aber mit den verbleibenden 3 kg Reis, 2 kg Nudeln und mindestens 5 kg Kartoffeln werden wir nicht verhungern.
In der Nacht kommen uns fünf Frachtschiffe entgegen, darunter drei große Containerschiffe der Reederei Maersk, ein LNG-Tanker und ein normales Frachtschiff. Wir nähern uns bis auf 2 Meilen, aber alles verläuft reibungslos, und wir passieren uns sicher. Trotzdem sind wir vor allem nachts immer sehr angespannt, wenn wir auf dem Kartenplotter entgegenkommende Schiffe erkennen.
Karsten studiert die Seekarte
Seit heute Vormittag stecken wir in einer Flaute fest. Erst in der Nacht soll sich wieder etwas Wind einstellen. Wir nutzen die windstille Zeit für Putzarbeiten, füllen die Dieseltanks aus den Kanistern nach und produzieren frisches Wasser. Morgen wird uns ein Tiefausläufer aus südlichen Richtungen mit Regen und Windböen bis zu 30 Knoten treffen. Heute Abend kehrt also Ruhe auf dem Schiff ein – die perfekte Gelegenheit für einen Grillabend.
15.06.2023 – 13:30 Uhr Ortszeit – 14:30 UTC 21. Seetag Etmal: 140 sm Gesamtsumme: 2.632 sm Wind aus SW Segelstellung: Großsegel voll, Genua voll Speed über Grund: 6 kn
Der restliche Tag vergeht eher unspektakulär. Am späteren Nachmittag füllen wir unsere Wassertanks mit 300 Litern frisch produziertem Wasser. Zum Abend gönnen wir uns wieder eine heiße Dusche. Die Temperaturen sind zurzeit mit tagsüber 16 bis 18 Grad und nachts um die 14 Grad nicht besonders sommerlich. Wir laufen daher nur in langen Klamotten auf der KAMI herum, abends und nachts zusätzlich noch mit einer Fleecejacke.
Mit guter Fahrt tauchen wir in die Nacht ein. Das Schiff pflügt wieder mit 6 bis 10 Knoten durch die Wellen. Der Mast und die Schoten knarzen im Wind, und wir finden unten in den Kojen mal wieder keinen Schlaf. Im Salon legen wir unsere Köpfe auf die Kissen, und einer nach dem anderen döst ein. Alle 60 Minuten wachen wir kurz auf und werfen einen Blick auf den Kartenplotter. Alles in Ordnung – kein Schiff in der Nähe. Schon sind die Augen wieder zu. So zieht sich das Prozedere bis zum späten Vormittag hin.
Der Himmel ist grau und es ist immer noch kühl. Die KAMI macht weiterhin gute Strecke. Wir frühstücken sehr spät und besprechen unseren weiteren Tagesablauf. Vielleicht abends mal die Angel auswerfen? Und sonst? Hmm … Bei dem Wellengang fällt es schwer, richtig „klar Schiff“ zu machen.
Wir entscheiden uns, morgen, bei dem erwarteten Schwachwind, mal wieder „aktiv“ zu werden. Auf der Liste stehen: Teibstofftanks aus den Kanistern nachfüllen, Salon wischen, Küchenschränke reinigen (es finden sich immer noch Spuren des Orangensaft-Malheurs), zwei Waschmaschinen durchlaufen lassen und die Bäder putzen.
Uns geht es gut – es läuft – und die KAMI macht trotz ihrer Blessuren einen guten Job!
14.06.2023 – 12:00 Uhr Ortszeit – 14:00 UTC 20. Seetag Etmal: 163 sm Gesamtsumme: 2.490 sm Wind aus W / SW Segelstellung: Großsegel voll, Genua voll Speed über Grund: 6 kn
Nachmittags, beim Reffen des Großsegels, muss ich aufs Vorschiff und mich nach hinten zum Baum hangeln, um das abgelassene Tuch ordentlich im Lazy Bag zu verstauen. Natürlich mit Weste und ordentlich gesichert (eingepickt) – der Bereich rund um den Baum ist an Bord der gefährlichste, hier wurden schon etliche Segler erschlagen. Beim Verstauen des Segeltuchs entdecke ich oben auf dem Bimini-Dach einen etwa 20 cm langen Riss. Ach, wie ärgerlich … Vor zwei Tagen im Starkwind hatten wir bereits bemerkt, dass der Baum bei Wellengang und Böen gelegentlich das Bimini-Gestell touchiert. Auf den Social-Media-Kanälen lesen wir, dass auch andere Lagoon-Besitzer über diesen werftseitigen Konstruktionsmangel klagen. Die Lösung wäre, eine niedrigere Sprayhood zu installieren. Die Kosten inklusive Rahmen und neuer Verdeckteile würden sich auf knapp 4.000 Euro belaufen. Grrrr …
Riss im BIMINI Dach
Bei 4 Meter hohen Wellen gehen wir in den Abend und in die Nacht. Ganz nach dem Motto „Und täglich grüßt das Murmeltier“ machen wir, wie in der vorherigen Nacht, ordentlich Fahrt. Mit Böen bis zu 36 Knoten kämpfen wir uns durch die steilen Wellenberge. Erst am Vormittag beruhigt sich die Lage etwas.
Heute wäre eigentlich unser „Bergfest“. Doch die gerade eingetroffene E-Mail von Sebastian verdirbt uns die Stimmung. Wir werden den Anschluss an das jetzige Tief leider rasch verlieren (wir sind zu langsam) und stehen deshalb mindestens sechs windarme Tage bevor. Oh nein!
Das nachrückende Tiefdruckgebiet, auf das wir gehofft haben, wird uns wohl verfehlen. Das sich gerade neu bildende Tiefdruckgebiet aus Richtung Bahamas braucht mindestens eine Woche, um uns zu erreichen. Für Samstag ist sogar eine „0“-Flaute vorhergesagt. Es wird also erst mal im Schneckentempo weitergehen. Das Wetter ist wirklich nicht normal! Momentan leiden auch hunderte andere Segler – ein schwacher Trost.
Wir verschieben unsere Ankunftsprognose vom 7.7. auf den 14.7.!
Heute Nachmittag werden Wind und Wellen einschlafen. Wir setzen dann wieder alles an Segeln, was wir haben, in der Hoffnung, noch ein paar Meilen zu hamstern. Unser Wassertank ist auch fast leer. Um den Vorrat aufzufüllen, müssen wir den Wassermacher eine Stunde laufen lassen, um 100 Liter Trinkwasser zu erzeugen.
Gerade eben haben wir uns mal wieder ein „gutes“ Frühstück gegönnt: Zwei Spiegeleier auf Toast mit gebratenem Bacon. Hmm, lecker … In den letzten Tagen gab es aufgrund der Wellen meist nur Müsli & Co.
Für den „0“-Tag am Samstag haben wir uns vorgenommen, den Bordaußengrill anzuwerfen. Der Tiefkühler ist noch ordentlich mit Steaks & Co. gefüllt. Ich werde mich auch mal mit dem Gasbackofen beschäftigen. Karsten hat ja Dinkelmehl aus Deutschland mitgebracht. Also werden wir am Wochenende mal ein Brot backen!
Der Brotteig wird angesetzt und darf dann ordentlich „gehen“.
13.06.2023 – 12:00 Uhr Ortszeit – 14:00 UTC 19. Seetag Etmal: 185 sm Gesamtsumme: 2.327 sm Wind aus W Segelstellung: Großsegel 1. Reff, Genua 80% Speed über Grund: 8 kn
Im Laufe des gestrigen Nachmittags hat sich das Wetter ein wenig beruhigt. Für drei Stunden kam die Sonne heraus, und die Wellen flachten auf etwa 2 Meter ab. Wir nutzten die Nachmittagsstunden zum Ausruhen und Schlafen, denn in der vorherigen Nacht war daran ja nicht zu denken.
Abends nahmen Wind und Wellen wieder zu. Wir saßen im Cockpit und diskutierten unsere weitere Routenplanung. Nach reichlicher Abwägung entschieden wir, Schottland doch in unsere Auswahl aufzunehmen. Jetzt müssen nur noch die Bedingungen passen … Wir werden sehen – wir sind ja flexibel!
Nachdem wir unsere Position auf der Nordatlantikkarte markiert hatten, stellten wir fest, dass morgen unser mathematisches „Bergfest“ ist. Von den geplanten 4.500 Seemeilen haben wir dann die Hälfte geschafft, und auch bei der Tageskalkulation (ca. 40 Seetage) liegen wir zur Hälfte. Unter Idealbedingungen könnten wir am 7. Juli in Rostock einlaufen. Hmm, wir sind aber Segler (oder gehören halb dazu) – daher machen wir uns hier nicht allzu viel Hoffnung. Wer weiß, wie oft und wie lange wir noch kreuzen müssen, um voranzukommen, und wie viel Zeit dadurch noch verloren geht.
Bis zur Dunkelheit blieben wir draußen im Cockpit und machten uns einen musikalischen Abend. Jeder spielte über Apple Music einen Musiktitel an, und der andere musste Titel und Band erraten. Wir aßen Fertigpizza und gefüllte Pizzataschen (geschmacklich so lala) und tranken Cola. So verging die Zeit wie im Flug, und wir gingen in die Nacht.
Wie erwartet, dauerte es nicht lange, und das Gebolze begann genauso wie in der vergangenen Nacht. Lediglich der Auftreffwinkel der Wellen war ein wenig anders, sodass es für uns etwas erträglicher war. In den Morgenstunden nahm die Wellenintensität weiter zu, und wir hatten nun etwa 4 Meter hohe Wellen mit einigen größeren Ausreißern. Schreckmoment: Beim Auftreffen einer Welle beschleunigte die KAMI auf 17,2 Knoten – das ist viel zu schnell! Lagoon gibt eine Maximalgeschwindigkeit unter Segeln von 15 Knoten vor. Wir werden wohl noch mehr Segelfläche einholen müssen. Von der Wellenreiterei sind wir etwas genervt, denn man kann sich kaum vernünftig bewegen. Wir müssen auch wieder Wasser machen und hoffen, dass sich das Wellenbild in den nächsten Tagen wieder normalisiert. Wir würden morgen Abend gerne zur Feier des Tages den Grill anwerfen, aber im Moment ist das undenkbar.
Da heute noch stärkere Böen von bis zu 36 Knoten zu erwarten sind, wollen wir später ins zweite Reff gehen. Lieber konservativer segeln. In der letzten Nacht waren wir einfach zu schnell unterwegs …
12.06.2023 – 12:00 Uhr Ortszeit – 14:00 UTC 18. Seetag Etmal: 179 sm Gesamtsumme: 2.142 sm Wind aus SW Segelstellung: Großsegel 1. Reff, Genua voll Speed über Grund: 8 kn
Am Nachmittag kommt etwas die Sonne heraus, und die KAMI fährt mit korrektem Kurs auf Nordost. Durch das Absurfen und das Gegenstemmen der Wellen hat Karsten wieder Probleme mit seinem Magen (Seekrankheit?). Mit einem Vitamin-C-Kaugummi liegt er jetzt draußen im Cockpit und ruht. Hoffentlich fällt er mir nicht aus.
Die Wellenfahrt wird sich in den nächsten Tagen leider kaum ändern. Wir machen um die 7 Knoten Fahrt, werden aber abends ins erste Reff gehen, da für die Nacht Böen über 23 Knoten vorhergesagt sind.
Die Tagesetmale werden auf der Seekarte vermerkt.
Ich nutze den Nachmittag für etwas Internet-Recherche zu unserer Route und finde Hinweise von anderen Seglern. Das Seegebiet Schottland – Skagerrak – Kattegat soll sehr anspruchsvoll sein. Zum einen ist das Verkehrsaufkommen dort sehr hoch, zum anderen herrschen wegen der Gezeiten und Strömungen schwierige Bedingungen. Auch das Wetter spielt eine große Rolle. Ich schreibe Sebastian von Wetterwelt an und frage nach seiner Einschätzung. Außerdem kontaktiere ich Martin Daldrup von der „Jambo“, der vor einigen Jahren ebenfalls von West nach Ost über den Atlantik und dann über Schottland in die Nordsee gesegelt ist. Er segelt derzeit mit seiner Lebensgefährtin Anke in den USA. Schon nach 15 Minuten erhalte ich über den Facebook-Messenger seine Antwort: „Hallo Mike, im Pentland Firth etwas aufpassen, ansonsten alles easy. Gute Fahrt!“
Nun warte ich noch auf Sebastians Antwort, die vermutlich im Laufe des Tages (Montag) per E-Mail kommen wird. Plan B wäre (falls das Wetter nicht mitspielt), über die Azoren, die Biskaya und den Ärmelkanal in den Nord-Ostsee-Kanal (NOK) und dann in die Ostsee zu fahren – was ich eigentlich vermeiden möchte. Mal sehen …
Die Nacht bricht herein, und Poseidon ist mehr als schlecht gelaunt. Innerhalb einer Stunde fallen Starkwinde über uns her, die uns Hören und Sehen vergehen lassen. Die schlimmste Nacht der letzten 16 Seetage erwartet uns, begleitet von einem höllischen Gebrüll und donnernden Wellen von durchschnittlich 3 Metern Höhe. Immer wieder werden wir von einzelnen Wellen von bis zu 4 Metern getroffen. Die Wellen schlagen mit solch enormer Kraft auf das Schiff ein, dass sich alles Bewegliche an Bord selbstständig macht. Lampen, Tassen und Handys fliegen durch den Salon. Nicht gesicherte Schranktüren schlagen auf, und deren Inhalte verteilen sich schlagartig in den Ecken. Der Wind pfeift durch Türen und Luken, dass es einem graust. Ein Wasserschwall nach dem anderen schießt durch das Trampolin auf das Vorschiff. Die Gischt, die beim abrupten Eintauchen der KAMI in die Wellen entsteht, wirkt fast explosionsartig. Besonders beunruhigt sind wir, wenn die Wellen uns schräg von achtern treffen, das Schiff seitlich versetzen und wir uns wie auf einem Teller drehen. In diesen Momenten erreicht das Schiff eine Gleitgeschwindigkeit von bis zu 14 Knoten, bremst aber bald wieder auf 7 Knoten ab. Unser Autopilot leistet Schwerstarbeit. Wir müssen in der Nacht zweimal den Generator anwerfen, um den enormen Energieverlust auszugleichen. An Schlaf ist in dieser Nacht nicht zu denken. Wir klammern uns im Salon in halb liegender, halb sitzender Position an Sitzbank und Tisch. Wir sind erschöpft, und unsere Körper fallen in intervallartigen Sekunden- und Minutenschlaf. In diesem Zustand harren wir aus, bis der Tag anbricht und die Sonne die Dunkelheit verdrängt. Endlich können wir die bedrohlichen Wellenberge sehen und nicht nur hören.
Langsam beruhigt es sich „etwas“. Wir kochen uns unter artistischen Verrenkungen einen Kaffee und knabbern an kleinen Schokocookies. Wir setzen unseren Kurs noch etwas weiter nach Osten ab und holpern nun auf 70°. Immer wieder purzelt ein Gegenstand durch den Salon …
In den kommenden Stunden müssen wir unbedingt etwas Schlaf finden, denn die nächste Nacht verspricht kaum besser zu werden. Laut unserer Planung wird sich die Lage im Großen und Ganzen auch bis Dienstag kaum ändern. Vielleicht reffen wir heute Abend die Genua noch etwas ein.
Karsten brät uns ein wenig Speck, dazu gibt es Toast und vielleicht ein Ei. Das wird unser heutiges Bordmahl sein. Die See nimmt schon wieder zu, obwohl wir erst die Mittagsstunden erreicht haben.
Mit gesenktem Blick und tiefer Ehrfurcht rufen wir Poseidon an – sei milde mit uns!
11.06.2023 – 12:00 Uhr Ortszeit – 15:00 UTC 17. Seetag Etmal: 141 sm Gesamtsumme: 1.964 sm Wind aus W Segelstellung: Großsegel voll, Genua voll Speed über Grund: 7 kn
Wir haben die nächste Zeitzone erreicht und somit verringert sich der Zeitunterschied nach Hause auf -4 Stunden. Auf der Papierkarte des Atlantiks tragen wir unsere Position ein und stellen fest, dass wir jetzt „richtig“ draußen sind – mitten auf dem Atlantik, weit weg von jeder Küste. Wahnsinn!
Gestern Abend fällt unser Abendessen mal wieder etwas üppiger aus. Vielleicht liegt es daran, dass sich das Wellenbild etwas beruhigt hat und wir dadurch mehr Appetit bekommen haben. Unsere letzten frischen Vorräte sind nun fast vollständig aufgebraucht oder verdorben. Karsten zaubert uns einen letzten leckeren Salat mit Tomaten, Paprika, Zwiebeln und Eisbergsalat. Dazu gibt es eingelegte amerikanische Gewürzgurken und scharfe Bratwürste. Fantastisch!
Karsten beim Abendbrot zaubern.
Unser Obst, abgesehen von ein paar Äpfeln, hat nur 7 bis 10 Tage überlebt. Besonders die Bananen und Südfrüchte sind schnell schlecht geworden. An Gemüse haben wir noch einige Kartoffeln, Zwiebeln und Möhren. In der warmen, salzigen Seeluft scheint alles rasend schnell zu verderben. Bevor es 2025 auf Langfahrt geht, müssen wir uns in dieser Hinsicht noch etwas einfallen lassen (zum Beispiel Vakuumieren, Einkochen usw.).
Vermutlich durch die heftigen Regenfälle der letzten Tage scheint alles auf dem Schiff „klamm“ zu sein. Selbst Bettzeug und Kissen trocknen nicht richtig, sodass man sich immer wieder in feuchte Betten legen muss – wahrlich kein angenehmer Zustand. Auch die frische Wäsche im Schrank fühlt sich feucht an. Nicht schön! Wir werden uns wohl einige dicht schließende Plastikkisten besorgen und ein Lager- und Staukonzept entwickeln müssen, um dem in Zukunft entgegenzuwirken.
Die Nacht war wieder sehr laut, und es kam viel Wasser von oben. Ein Weißschwanz-Tropikvogel hat uns stundenlang umkreist. Besonders unser grünes Positionslicht auf der Steuerbordseite scheint ihm gefallen zu haben. Selbst in den Sturmböen flog er mit einer beeindruckenden Leichtigkeit.
In den Morgenstunden halsen wir mit der KAMI auf Kurs Nordost. Das angekündigte Starkwindpeak gegen 8 Uhr blieb aus, und so haben wir das Schiff in den nun herrschenden Westwind gedreht. Das Manöver hat uns wieder etwas dazulernen lassen. Es blies mit 20 Knoten, und wir versuchten mehrmals, selbst mit Hilfe der Maschinen die KAMI in den Wind zu drehen – ohne Erfolg. Also erst die Segel wieder runter, beide Maschinen dazu, in den Wind gedreht und das Großsegel bis zur Hälfte gesetzt. Danach der Dreher in Zeitlupe, und anschließend mit etwas Druck das restliche Segeltuch ausgebracht. Profis hätten das wahrscheinlich in 5 bis 10 Minuten geschafft, bei uns dauerte der „Tanz“ fünfmal so lange.
Aber: Alles ist heil geblieben, wir sind auf Kurs und machen Fahrt!
Apropos alles heil: Der Schaden am Vorsegel hat sich ausgeweitet. Nun scheint sich das Cover über die gesamte Länge (1 Meter) gelöst zu haben. Trotzdem wirkt das Segel stabil, und wir hoffen weiterhin, dass es sich bei dem gelösten Stück Tuch nur um eine Art „Aufnäher“ zur Verstärkung oder einen vernähten UV-Schutz handelt. Die darunterliegende Tuchschicht müsste also das eigentliche Segelmaterial sein. Ein Loch oder Riss ist jedenfalls nicht zu sehen. Wir behalten es im Auge!
Zwischenzeitlich hat sich der Himmel wieder zugezogen, und mit Wellen von achtern und seitlich an Backbord steuern wir Richtung Nordost. Laut Vorhersage bleibt der Wind in den nächsten Tagen auf West bis West-Nordwest. Das passt perfekt. Wir müssen nur nah genug am ablaufenden Tief bleiben, um dessen Wind einzufangen. Hinter uns kündigt sich bereits das nächste Hochdruckgebiet an, was wir segeltechnisch gar nicht gebrauchen können, denn damit sind oft Flauten verbunden. Bleibt abzuwarten, wie sich das Wetter in den kommenden Tagen entwickelt.
10.06.2023 – 12:00 Uhr Ortszeit – 15:00 UTC 16. Seetag Etmal: 110 sm Gesamtsumme: 1.823 sm Wind aus S – SW Segelstellung: Großsegel im 2. Reff, Genua voll Speed über Grund: 7 kn
Das Tiefdruckgebiet beruhigt sich am späten Nachmittag, und es kommt sogar kurz die Sonne heraus.
Wir überprüfen die Segel und stellen das nächste Malheur fest: An unserem Genuasegel (Vorsegel) hat sich in der Höhe der ersten Saling (Querstrebe am Mast) das Segeltuch – oder vermutlich ein aufgenähtes Cover (es sieht aus wie ein 1×1 Meter großer verstärkender Flicken) – etwas abgelöst und flattert im Wind. Es sieht aus wie ein zerfetztes Stück Stoff. Vermutlich haben wir bei einem Reffmanöver das Tuch nicht straff genug geholt, sodass das Segel an der Saling gescheuert (schamfielt) hat und sich dadurch die Naht gelöst hat. Es könnte aber auch sein, dass dieser besagte Flicken nur aufgeklebt war. Von unten ist das nicht auszumachen. Da die Genua auf einer Rollreffanlage montiert ist, können wir das komplette Genuafall bei den aktuellen Windbedingungen nicht herunterlassen. Wir müssen den Schaden im Auge behalten und hoffen, dass der Grundstoff des Segels nicht einreißt. Ab sofort ist also ein besonders vorsichtiger Umgang mit der Genua angesagt.
Wir gehen mit der gesicherten Segelstellung im Reff in die Nacht, da einige kräftige Böen gemeldet sind. Spätestens ab heute Morgen müssen wir das nächste Tiefdruckgebiet durchsegeln, und es sind Starkwinde mit größeren Böen vorhergesagt. Der Nachteil unserer konservativen Segelstellung ist der Geschwindigkeitsverlust, was das heutige Etmal (die gesegelte Strecke) gut zeigt.
In der Nacht bemerke ich, dass sich das Segelboot „Calinka“ unserer Position bedenklich nähert. Das ist nachts nicht besonders angenehm, denn unter Segeln lassen sich Ausweichmanöver, besonders bei starkem Wind, nicht so schnell umsetzen. Zudem ist es stockdunkel da draußen. Da unsere Batteriekapazitäten wieder in Richtung 11 Volt sinken, entscheide ich, die Steuerbordmaschine zu starten, um uns von dem nahen Segelboot abzusetzen und einen akzeptablen Sicherheitsabstand zu erreichen. Nach einer Stunde liegt die „Calinka“ etwa 3 Seemeilen hinter uns, was ausreichend sein sollte. Also Maschine wieder aus.
Ein Blick auf den Kartenplotter zeigt, dass das Segelboot beharrlich unserer Kurslinie folgt. Wollen die sich wirklich an uns, zwei Segelanfänger, heften? Unglaublich! Seit nunmehr 36 Stunden „klebt“ das schwedische Segelboot an uns. Hmm…
In den frühen Morgenstunden höre ich über Funk jemanden das „Segelboot“ rufen. Ich schaue auf unseren Kartenplotter und sehe einen großen Tanker in unmittelbarer Nähe (1,5 sm) zur „Calinka“. Kollisionskurs! Der Tanker wiederholt seinen Funkruf insgesamt sechs Mal, doch von der „Calinka“ kommt keine Reaktion. Mit einem Manöver in letzter Sekunde macht der Tanker einen Schlenker, weicht dem Segelboot aus und setzt sich dann schnell mit 15 Knoten Fahrt ab. Völlig verwirrt versuche ich, das Erlebte zu analysieren. Mir fällt ein, dass Karsten bei seinem gestrigen Funkgespräch mit der „Calinka“ nach deren Anruf darum bat, vom allgemeinen Anruf- und Notrufkanal 16 auf den Arbeitskanal 6 (Ship-to-Ship) zu wechseln – gut gemacht, Karsten! Das macht man, um den Notrufkanal für die übrige Schifffahrt freizuhalten. Vielleicht hat die „Calinka“ vergessen, nach dem Gespräch wieder auf Kanal 16 zurückzuschalten? Das würde erklären, warum der Tanker keine Antwort bekam. Oder vielleicht hat der Skipper einfach nur geschlafen. Es bleibt mysteriös!
Heute früh gönnen wir uns wieder einen Kaffee und ein ordentliches Frühstück. Kurz danach nutzen wir die etwas ruhigere Zeit, um die Bordduschen zu verwenden. Ich selbst verspüre das Bedürfnis, mich zu rasieren, während Karsten seinem „Gangerl-Style“ treu bleibt, lach. Gegen 10:30 Uhr kommt es dann wie erwartet: Die Wellen beginnen sich aufzutürmen und drücken mit ordentlich Wind von achtern in das Schiff. Schnell nehmen wir Fahrt auf und erreichen in den Peaks und Wellentälern, die wir absurfen, bis zu 10 Knoten Geschwindigkeit. Im Schnitt liegen wir momentan zwischen 7 und 8 Knoten. Perfekt! Mit den achterlichen Wellen ist es auch im Schiff einigermaßen auszuhalten. Wir entspannen uns, frisch geduscht, im Salon und hören Podcasts rund ums Segeln.
Bis morgen Vormittag soll es im „Groben“ so bleiben: Windstärken von 5 bis 6 Beaufort, in Böen 7. Ein paar Starkböen werden uns noch treffen, aber am Sonntag beruhigt sich das Wetter wieder, und der Wind dreht in den kommenden Tagen auf West, sodass wir unseren Kurs weiter nördlich absetzen können (Richtung Azoren).
Auf dem Foto seht ihr das Plotterbild der Beinahe-Kollision: Die beiden weißen Dreiecke im oberen Bereich. Die gestrichelten Linien vor den Dreiecken zeigen den Fahrtenabstand der nächsten 60 Minuten. Unten seht ihr die KAMI. Die blaue Linie zeigt den reinen Steuerkurs über 60 Minuten, die rote Linie den tatsächlichen Kurs, inklusive Versatz durch Wind, Strömung und Wellen.
09.06.2023 – 12:20 Uhr Ortszeit – 15:20 UTC 15. Seetag Etmal: 146 sm Gesamtsumme: 1.714 sm Wind aus S – SW Segelstellung: Großsegel im 2. Reff, Genua 80% Speed über Grund: 7 kn
Am Nachmittag schauen wir hoch zum Großsegel und stellen fest, dass die Dirk (ein Seil von der Mastspitze zum Ende des Baums) an mehreren Stellen durchgescheuert ist. Wir hatten am Tag zuvor vergessen, die Dirk nach einem Manöver wieder richtig frei zu geben. So lag sie unter Spannung auf dem durch Wind ausgebauchten Großsegel und rieb an den mittleren Segellatten. An einer Stelle hielt die Dirk nur noch an zwei Polyesterseelen – sie war also kurz davor, komplett zu reißen. Wir schnitten die beschädigten Teile, etwa zwei Meter, mit dem Messer heraus und verknoteten die Enden mit Palstek-Knoten. Dieses Provisorium muss nun bis Rostock halten. Es war ohnehin geplant, das laufende Gut durch neue Leinen zu ersetzen.
Die durchgescheuerte Dirk muss repariert werden.
Am Abend nimmt der Wind immer weiter zu, und die Wellen schütteln die KAMI ordentlich durch. Da für die Nacht und den frühen Morgen Windböen von über 28 Knoten vorhergesagt sind, reffen wir das Großsegel ins zweite Reff und rollen in den Morgenstunden auch das Genuasegel auf 80 % ein. Sicher ist sicher! Unermüdlich gräbt sich die KAMI durch die nun etwa drei Meter hohen Atlantikwellen. Trotz der gerefften Segel machen wir etwa 7 Knoten Fahrt, beim Absurfen der Wellen erreichen wir sogar 10 Knoten. Der Autopilot muss kräftig arbeiten, um das Schiff durch die Wellen zu steuern. Kein Wunder also, dass wir in der Nacht mehrmals den Stromgenerator starten müssen, um die Batterien wieder aufzuladen. Gegen 4 Uhr fällt mir jedoch auf, dass die Ladeanzeige eher abnimmt als zunimmt. Irgendetwas stimmt nicht. Obwohl das Tuckern des Generators zu hören ist, zeigt das Voltmeter „0“ an. Komisch – was ist jetzt schon wieder los?
Ich erinnere mich, wo der Sicherungskasten des Generators ist, und schaue nach. Alle Sicherungen stehen auf „off“. Ich vermute einen Kurzschluss im Warmwasserboiler (Heizelement), da ich mir den Ausfall sonst nicht erklären kann. Nachdem ich den Boiler ausgeschaltet habe und die Sicherungen wieder einlege, läuft der Generator wieder einwandfrei und produziert fleißig Strom. Situation gerettet! Das Thema Warmwasserboiler stellen wir erstmal hinten an – im Moment bläst es draußen viel zu stark, und unser Fokus liegt gerade auf der Besegelung.
Das Tiefdruckgebiet tobt weiterhin unerbittlich, sodass wir seit dem Morgengrauen jeder nur einen Apfel gegessen haben. An Kaffee kochen ist gerade nicht zu denken, es sei denn, wir hätten eine artistische Ausbildung. Stellt euch vor, ihr steht auf einem Balanceboard und versucht, kochendes Wasser in eine Kanne zu gießen – keine gute Idee!
Der Höhepunkt des Tiefs soll gegen 14 Uhr erreicht sein. Wir hoffen, dass sich die See bis dahin etwas beruhigt, damit wir wieder unserem Tagwerk nachgehen können. Im Moment sitzen wir fest auf der Salonbank, und selbst ein Toilettengang fühlt sich wie eine Kirmesfahrt an. In den nächsten Stunden wird der Wind etwas nachlassen, doch leider bleibt uns das raue Wetter auch am Abend erhalten. Am Sonntagmorgen könnten wir Glück haben und ein paar Sonnenstrahlen erhaschen. Danach sollte es wieder etwas angenehmer werden.
Seit heute Nacht fährt das schwedische Segelboot „Calinka“ vor uns her. Wie festgeklebt bleibt der Abstand zwischen uns gleich, und wir verfolgen sie regelmäßig auf dem Kartenplotter (AIS). Auch die „Calinka“ ist zur selben Zeit wie wir von den Bermudas aufgebrochen. Wir vermuten, dass sie ebenfalls Kurs auf die Azoren nimmt. Mal sehen, wie lange unsere kleine Zwei-Boot-Gruppe zusammenbleibt – derzeit ist sie etwa 7 Seemeilen entfernt.
Top-Update: Gerade funkt uns der Skipper der „Calinka“ an und fragt nach Informationen zum aktuellen Sturm. Karsten gibt sein Bestes und teilt ihm in gebrochenem Englisch unsere Wegpunkte mit. Im Großen und Ganzen sagen wir ihm, dass wir Kurs „Osten“ fahren: von 54° West nach 47° West in den kommenden Tagen. In einer Woche dann gerne bei 38° West – Kurs Azoren!
Das Positive im Moment: Wir machen Fahrt (auch wenn es kein Kreuzfahrtfeeling ist) und sind hier draußen nicht ganz allein!
08.06.2023 – 12:00 Uhr Ortszeit – 15:00 UTC 14. Seetag Etmal: 143,5 sm Gesamtsumme: 1.567 sm Wind aus S – SW Segelstellung: Großsegel voll, Genua voll Speed über Grund: 6 kn
Wir sitzen im Salon und raufen uns die Köpfe. Das Thema Segelkurse beschäftigt uns nun schon seit Tagen: Welchen Windwinkel verkraftet die KAMI, wenn der Wind von vorne (Amwind) oder seitlich von hinten (Vorwind) kommt? Wie bekommen wir die Windwinkel und die gewünschten Steuerkurse in Einklang? Aufgrund eines Tiefdruckgebiets, das sich im Norden festsetzt, rät uns Sebastian Wache, den Kurs zunächst auf „Osten“ zu setzen. Leider fehlt uns dafür gerade der passende Wind. Um nach Osten zu segeln, bräuchten wir Nordwest- oder Südwestwind. Was aber, wenn der Wind aus Süden bläst? Wir können also nur kreuzen. Doch wie viel Zeit verlieren wir dabei? Wir segeln acht Stunden Umwege, für eine Strecke, die bei idealem Wind in nur drei bis vier Stunden machbar wäre.
Ist das nicht deprimierend? Haben wir einen Denkfehler?
Mit der Nordatlantikkarte auf dem Tisch, bewaffnet mit Kursdreieck und Winkelmesser, spielen wir verschiedene Windszenarien durch. Wir müssen nach Osten! Motoren bis zu den Azoren, die etwa 1.200 Seemeilen entfernt sind, ist keine Option – das schaffen wir nicht mit 600 Litern Diesel. Wir grübeln, googeln und diskutieren. Plötzlich erscheint auf dem Kartenplotter neben uns das Segelboot „Ariadne“ aus Schweden. Sie war mit uns vor Tagen aus Bermuda ausgelaufen und verschwand nach etwa zehn Stunden aus unserem Kursbereich. Völlig verblüfft sehen wir uns an. Die „Ariadne“ fährt Kurs 102 Grad, also östlich. Sofort halsen wir die KAMI (wenden das Heck durch den Wind) und erreichen fast den gleichen Kurs wie die „Ariadne“ – Richtung Osten, leicht südlich. Hat der Wind tatsächlich auf Südwest gedreht? Verrückt! Mit 6,5 Knoten Fahrt nehmen wir Kurs 110° und segeln in die Nacht. Für die Nacht sind 4 bis 5 Beaufort vorhergesagt. Das könnte wieder ein gutes Etmal werden, sofern der Wind nicht ungünstig dreht oder an Stärke verliert.
Ein Tanker ist weit voraus auszumachen.
Wieder wird uns bewusst, dass wir noch lange keine erfahrenen Segler sind. Zwar funktionieren die Manöver mit Großsegel und Genua schon sehr gut, und auch das Trimmen der Segel klappt von Tag zu Tag besser, aber der ganze Kopfsalat mit den Gradzahlen – das müssen wir noch üben.
Den Gennaker haben wir bisher auch noch nicht gesetzt. Es ist ein großes Leichtwindsegel, das bei 110° Windwinkel und bis zu maximal 16 Knoten genutzt werden kann. Bei der Bootsübergabe hatte der Voreigner den Gennaker kurz gesetzt, und die KAMI fuhr direkt über 10 Knoten. Doch wir trauen uns noch nicht so recht ran und warten auf den richtigen Windwinkel und weniger Wind, um es auszuprobieren. Das Problem beim Gennaker ist, dass er bei zu starkem Wind nur schwer wieder eingeholt werden kann. Außerdem besteht die Gefahr, dass er bei einem Winddreher ins Wasser fällt – ihn dann nass an Bord zu holen, muss eine Tortur sein. Wenn wir den Gennaker setzen wollen, müssen die anderen Segel eingeholt werden – das bedeutet wieder Arbeit!
Heute wollen wir uns um die Einhausung des Cockpits (Anschlusspersenning) kümmern. Im Moment sind nur einige Sonnenschutzelemente um die hintere Sitzecke angebracht. Diese rollen wir ein und verstauen sie im Vorschiff. Dann setzen wir den Keder in die Schiene und befestigen daran die Persenningteile. Ab Freitag soll das Wetter ungemütlicher werden, und so hätten wir im Cockpit mehr Schutz vor Wind und Regen. Außerdem fallen die Temperaturen in der Nacht bereits auf 16 Grad – wir müssen draußen in der Nähe des Steuerstands für mehr Behaglichkeit sorgen. Hoffentlich bleiben dann auch die Polster trocken.
Abends nehmen wir das Großsegel in das 2. Reff, da Wind über 23 Knoten (in Böen bis zu 26) vorhergesagt ist. Die Werftgarantie für die Vollbesegelung liegt bei Vorwindkursen bei 0 bis 23 Knoten – darüber hinaus muss gerefft werden. Also tun wir das, zumal wir noch Anfänger im Segelsport sind.
Wie heißt es so schön: „Learning by Doing!“ Genau mein Ding! Wenn wir in ein paar Wochen in Rostock ankommen, werden wir schon einiges mehr draufhaben – ganz bestimmt!
07.06.2023 – 12:00 Uhr Ortszeit – 15:00 UTC 13. Seetag Etmal: 155 sm Gesamtsumme: 1.423 sm Wind aus S – SW Segelstellung: Großsegel voll, Genua voll Speed über Grund: 8 kn
Nachmittags stellt sich endlich der erhoffte Wind ein, und die KAMI nimmt wieder Fahrt auf. Von Stunde zu Stunde frischt der Wind auf, und es kommt richtig Bewegung ins Schiff. Unser Begleiter, das Segelboot Javelin auf der Steuerbordseite, ist jedoch nicht mehr auf unserem Kartenplotter zu sehen. Wir vermuten eine Kursänderung nach Südosten, fragen uns aber, warum wir keine AIS-Signale bzw. Symbole mehr auf dem Display sehen.
Wieder ein technisches Problem? Wir wissen es nicht und entscheiden daher, in der Nacht sicherheitshalber das Radar laufen zu lassen. Morgens um 8 Uhr sehen wir glücklicherweise wieder ein AIS-Signal, diesmal von einem Tanker. Das AIS-System funktioniert also. Gut so.
Am Abend schauen wir gemeinsam eine Dokumentation von Arte über die Tiefsee im Mittelmeer. Gegen 22 Uhr machen wir das Schiff für die Nacht fertig: Der Kartenplotter wird in den Nachtmodus geschaltet (rote Beleuchtung), elektrisches Kerzenlicht eingeschaltet, die Positionslampen aktiviert und die Thermoskanne mit Kräutertee gefüllt. Wer schläft wohl rasch wieder ein? Richtig – der liebe Karsten. Das Schiff springt von Welle zu Welle und macht bis zu 9 Knoten Fahrt. So kann es gern weitergehen – wir machen endlich Strecke, wenn man das so nennen kann. Auch ich schlafe im Salon ein und hebe mein Haupt alle 60 Minuten, um blinzelnd auf den Kartenplotter zu schauen. Nichts zu sehen. Ab und an schlagen die Segel im Wind, besonders wenn Windböen mit bis zu 23 Knoten auf die KAMI treffen – dann rumpelt es ordentlich über und unter dem Schiff.
Ich sitze am Kartentisch und vertreibe mir die Zeit, indem ich meinem Schwimmfreund Frank per WhatsApp schreibe. Gegen 4 Uhr wird Karsten wieder wach, und ich gehe in meine Koje, wo ich noch zwei Stunden schlafe. Doch die Wellen nehmen weiter zu, und bei dem Gepolter an Bord finde ich keine Ruhe mehr.
Nach Sonnenaufgang beratschlagen wir den weiteren Kurs. Im Moment fällt der Wind so ein, dass die KAMI zu nördlich läuft. Sebastian Wache hat uns geraten, einen östlichen Kurs einzuschlagen, um einem sich möglicherweise bildenden Sturmtief auszuweichen. Wir machen gerade richtig gute Fahrt und entscheiden uns, einen Zick-Zack-Kurs zu fahren, um weiter östlich zu kommen. Am Freitag könnte es dann etwas schwieriger werden, da ein Tiefdruckgebiet unseren Kurs kreuzen wird. Mal sehen, wie weit wir bis dahin kommen – vielleicht rutschen wir knapp daran vorbei.
Unser 1-kg-Orangennetz (17,50 USD) sieht mittlerweile nicht mehr so ansehnlich aus, also presse ich daraus zwei größere Gläser frischen Orangensaft. Ich stelle die Gläser in der Küche auf die Arbeitsplatte, um die ausgepressten Schalen zu entsorgen, doch dann springt die KAMI auf eine seitliche Welle und beide Gläser ergießen sich abrupt im Salon. Klasse! Ein wenig Abwechslung ist doch schön.
Ach, wie ärgerlich.
Nach den Reinigungsarbeiten verlegen wir das Datenkabel der Starlink-Antenne über zwei Revisionsklappen ins Schiffsinnere. Nachts wird es jetzt doch schon recht kühl, und wenn der Wind achterlich einfällt, ist es im Salon nicht mehr so behaglich. Wir konnten wegen des Datenkabels die Salontür bisher nicht schließen, aber dank unseres improvisierten Provisoriums geht das ab heute.
Nach dem Frühstück (leider ohne Orangensaft), das aus einer kleinen Schale Müsli besteht, werfe ich die Waschmaschine an. Bei dem heutigen Wind sollte die Wäsche schnell trocknen. Insgesamt laufen zwei Maschinen (à 3 kg) durch, jeweils 40 Minuten. Generator und Wassermacher laufen parallel.
An unsere ausgebrachte Angel (Trollingleine) will nichts beißen. Gerne würden wir zum Abendessen ein Stück gebratenen Mahi-Mahi verspeisen, aber das Schiff läuft gerade viel zu schnell für die Fangköder. Also bleibt der Teller bis auf Nudeln, Gemüse und etwas Pute (als Ersatz) leer.
Sonst gibt es nichts zu tun – außer schlafen, dösen und an unsere Lieben daheim denken.
06.06.2023 – 12:03 Uhr Ortszeit – 15:03 UTC 12. Seetag Etmal: 70 sm Gesamtsumme: 1.268 sm Wind aus SW Segelstellung: Alles draussen was geht (außer Gennaker) Speed über Grund: 5,7 kn
Wir kommen nicht richtig voran. Die Flautenbereiche haben uns fest im Griff. Die Nacht ist sehr ruhig. Mehrmals schläft der Wind auf „0“ ein, und der Alarm des Autopiloten ertönt, da er seinen befohlenen Kurs nicht halten kann. Also starten wir kurz die Maschine und bewegen uns mit 2 bis 3 Knoten in Richtung des nächsten Wegpunkts. Dann frischt der Wind wieder bis auf 7 Knoten auf. Rasch die Maschine aus und die Genua ausgerichtet. Dieses Spielchen wiederholt sich zwei- bis dreimal in der Nacht.
7 Meilen an unserer Steuerbordseite sehen wir seit dem späten Nachmittag auf dem AIS („Automatic Identification System“) das Segelboot „Javelin“. Nach ihrer MMSI (Funkkennung) zu urteilen, müsste es sich um ein niederländisches Schiff handeln. Leider finden wir im Netz keine weiteren Informationen über das Boot. Die Javelin fährt nun schon seit 14 Stunden auf gleicher Höhe an unserer Steuerbordseite – Richtung Nordost. Wir können sie nicht sehen, sie ist mit aktuell 9,23 Meilen zu weit entfernt. So merkwürdig es klingt, aber wir freuen uns, das eine oder andere Segelboot hier draußen zu sehen.
Gestern wurden wir über Funk gerufen. Ich war gerade im Bad, und Karsten, der sich langsam als richtiger Funkprofi entpuppt, sprach mit einem französischen Katamaran. Wir wurden gefragt, ob wir wissen, wann der Wind wiederkommt, und man wünschte uns eine gute Fahrt durch die Nacht. Abschließend wurde uns vorgeschlagen, uns doch in „Horta“ auf den Azoren in einem Café zu treffen. Mit dem französischen Katamaran, der mit voller Besegelung in der Flaute unter Maschine fuhr, sahen wir vielleicht 3 Meilen dahinter noch zwei weitere Kats. Diese hatten keine Segel gesetzt und schienen nur unter Motor zu fahren. Selbst als wieder ein bisschen Wind aufkam (5 bis 7 Knoten), motorisierten die drei Katamarane weiter. Erst zum Sundowner (hinter den Wolken) sahen wir einen der Katamarane doch noch seine Segel setzen, in der Hoffnung, die Nacht würde etwas Wind bringen. Leider sollte der Plan nicht aufgehen.
Die KAMI schiebt sich mit durchschnittlich 2 Knoten durch die Dunkelheit. Nachdem wir uns eine heiße Dusche gegönnt hatten, bauten wir unser Lager im Salon auf. Jeder machte es sich auf einer Seite der Sitzecke bequem. Wir überlegen, die Sitzecke zu einem durchgängigen Schlaflager umzubauen – vielleicht in den nächsten Tagen?! Nach einem Blick auf den Kartenplotter (die Javelin ist in sicherem Abstand) und leiser Chill-out-Musik im Ohr schlafen wir beide tief und fest ein. Moment mal, wer hätte eigentlich Wache? Ich werde nach 2 Stunden wach und schaue mich ringsum um. Wegen der Flaute gibt es kaum Wellen. Alles ist in Ordnung. Gegen 4 Uhr nasche ich einen Mr.Tom und belebe mich mit einer echten US-Coke, die übrigens ganz anders schmeckt als unsere in Deutschland. Karsten schläft – wie immer! Wie er das macht: Er legt sich hin und ist nach 2 Minuten schon im Traumland. Ich bekomme das nicht hin. Irgendwie habe ich immer eine „Grundnervosität“ in mir. Gedanken wie: „Kreuzt uns ein anderes Schiff?“, „Schlagen die Segel?“, „Ist alles sicher?“ – wecken mich nach relativ kurzen Schlafintervallen. Es ist kein Problem – durch die viele Seeluft fühlt man sich gut, und die Müdigkeit verfliegt schnell. Dann müssen tagsüber eben noch ein paar Powernaps gemacht werden.
Gegen 6 Uhr gehe ich aufs Vorschiff und setze wieder alles an Tuch, was geht. Etwas schneller laufen wir der aufgehenden Sonne entgegen. Danach gibt’s den ersten Kaffee des Tages. Mein Wachpartner schläft noch immer, nicht mal der Geruch von frischem Kaffee erweckt seine Lebensgeister. Pennbeutel!lach Ich checke mit der Kaffeetasse in der Hand meine E-Mails. Wieder Post von Sebastian Wache: Heute soll sich noch achterlicher Wind einstellen, der uns etwas zügiger voranbringen wird. Oh ja, das wäre schön. Wir sind gespannt.
Wir freuen uns über die E-Mail von Sebastian Wache von Wetterwelt.
Gestern Nachmittag flog ein Pärchen Weißschwanz-Tropikvögel mindestens 1,5 Stunden um die KAMI. Sehr hübsche Tiere und unglaublich kunstvolle Flieger. Dann fiel uns im Wasser ein Lebewesen auf, das wie ein aufgeblasener Folienhandschuh aussah. Zuerst dachten wir, es wäre Plastikmüll, doch bei genauerem Hinsehen lösten wir das Rätsel: Es war eine Portugiesische Galeere – eine Seeblase, die zu den giftigen Staatsquallen gehört. Stunden später zählten wir noch immer etliche dieser Tiere, die an der KAMI vorbeitrieben. Selbst heute früh sieht man sie überall auf dem Atlantik – Baden fällt also erstmal aus.
05.06.2023 – 12:45 Uhr Ortszeit – 15:45 UTC 11. Seetag Etmal: 129 sm Gesamtsumme: 1.198 sm Wind aus SW Segelstellung: wir motoren bei 3 kn Wind Speed über Grund: 2,6 kn
Heute Nacht, in den frühen Morgenstunden, drehte der Wind von NW auf SW und weiter auf S, jetzt wieder SW. Wir mussten unseren Kurs mehrmals anpassen (der sichtbare Haken auf der Karte). Bei Tagesanbruch sahen wir für 1,5 Stunden die Sonne, doch dann kam das nächste Regengebiet, und seitdem regnet es unaufhörlich wie aus Eimern. Leider ist der Wind auch komplett eingeschlafen (1 bis 5 Knoten), sodass wir unsere Segel reffen mussten. Nun motoren wir mit 1.200 Umdrehungen, um wenigstens einigermaßen die Richtung zum nächsten Wegpunkt zu halten. Unsere Geschwindigkeit beträgt jetzt mit Unterstützung der Backbordmaschine 2,8 Knoten. Zum späteren Nachmittag hoffen wir auf mehr Wind, damit wir die Maschine wieder abstellen und die Segel setzen können.
Wir müssen Diesel sparen!
Im Abstand von 3 bis 18 Seemeilen werden wir auf unserer Kurslinie von drei weiteren Segelbooten begleitet. Wir verfolgen sie auf unserem Radarbildschirm und stellen fest, dass auch sie „gähnend langsam“ unterwegs sind – genau wie wir. Alle Boote fahren in Richtung Azoren – auch wir werden diese Woche die Azoren anpeilen und hoffen, dann irgendwann später weiter nördlich abfallen zu können.
Sebastian Wache hat uns wieder geschrieben und neue Wegpunkte übermittelt. Wir müssen allerdings feststellen, dass die Vorhersagen doch oft etwas „daneben“ liegen. Im Großen und Ganzen passt das aber schon. Wir haben ihm heute zurückgeschrieben, dass seine Wegpunktplanung „zu straff“ für die KAMI ist. Wir kommen nicht hinterher.
Karsten hat sich heute früh (noch vor Tagesanbruch) mit den Angeln versucht. Außer Sargassum war nichts am Haken. Für kurze Aufregung sorgte das Einholen der Trollingleine, als sie unter dem Boot feststeckte – vielleicht sogar an der Schraube. Mit Geduld haben wir sie im strömenden Regen freibekommen und konnten sie dann an Bord ziehen. Gott sei Dank! Also, das nächste Mal angeln – erst wieder bei Wind und Fahrt!
Blick aus dem Salon – Backbordseite
Ab Mittwoch soll sich ein Hochdruckgebiet zeigen. Darauf freuen wir uns, denn Sonne und Wärme vermissen wir sehr. Wir müssen unbedingt zwei, drei Waschmaschinen ansetzen, und bei freundlichem Wetter trocknet die Wäsche dann auch relativ schnell.
Zum Wochenende hin wird es mit Regenschauern und Gewittern wieder ungemütlich. Das haben wir so nicht bestellt! lach
Der Regen prasselt aufs Dach, und im Salon läuft leise chillige Jazzmusik, à la Hohe Düne-Klavierspieler.
Das graue Wetter setzt uns ein wenig zu, unsere Gedanken sind oft zu Hause – aber jetzt bloß nicht schwermütig werden …!!!
Gegen 8 Uhr klarieren wir aus und legen kurz danach am Tanksteg an. Der Liter Diesel kostet hier 2,07 Euro. Wir füllen unsere Tanks mit insgesamt 320 Litern.
Bei 3 Meter Welle verlassen wir den Hafen gemeinsam mit anderen Seglern bei strahlendem Sonnenschein. Jeder fährt seinen eigenen Kurs, und die Abstände werden nach und nach größer. Mit gut 6 bis 7 Knoten durchpflügen wir die seitlich auftreffenden Wellen.
Wir laufen gemeinsam mit anderen Segelbooten aus … (Plotterbild)
Karsten ist schon wieder blass um die Nase, sein Frühstück fällt heute sehr übersichtlich aus.
Wir machen gute Fahrt und hoffen, dass sich die See noch etwas beruhigt. Am Horizont achteraus verschwindet die Insel Bermuda, und wir steuern unseren nächsten Wegpunkt an … endlich!
Wieder herrschte eine super Stimmung gestern Abend im Wahoo. Nachdem Karsten unser Abendessen ausgegeben hatte, tranken wir vorn an der Bar noch einige Getränke „aufs Haus“. Geza versprach uns, in der Frühe gegen 8 Uhr von der KAMI abzuholen, um mit uns eine Inseltour zu unternehmen. So kam es dann auch. Pünktlich hupt es auf dem Parkplatz, und wir steigen in Gezas Kia ein. Es geht Richtung Süden, und während der Fahrt inspizieren wir die Gegenden der Millionäre und Milliardäre. Hotels, die Kirk Douglas gehörten, und ganze Straßenzüge in der Hand von Bill Gates – das ist Bermuda (die schöne Seite). Wir besuchen einige Strände, die trotz Nieselregen und bedecktem Himmel bei 22 Grad von amerikanischen Tagesgästen überflutet sind. Im Süden der Insel liegen die großen Kreuzfahrtschiffe, und Massen von Touristen wuseln auf den Straßen und Wegen herum.
Geza verpflichtet uns, auf dem Rückweg am „Swizzle In“ einen Stopp einzulegen. Es ist die angesagteste Location auf der Insel, und jeder „muss“ hier kurz einkehren. Das tun wir dann auch, und überraschend lädt uns Geza zu einem kleinen Imbiss sowie zu einem „Bermuda Swizzle Rum – Recipe“ ein. Es schmeckt wie Orangensaft mit Rum – ganz lecker. An der Decke im Swizzle In hängen etwa 10.000 Ein-Dollar-Noten (Schätzung von Geza), auf denen sich vergangene Gäste verewigt haben. Das wollen wir natürlich auch, und schwups, hängt eine Dollarnote mit der Aufschrift: „Mike und Karsten – SY KAMI – 3.6.23“ mit einem Reißnagel an der Decke.
Karsten, Geza und ich im „Swizzle In“
Zurück in St. George’s gehen wir gleich in den Supermarkt, um die letzte Einkaufsrunde zu machen. Leider gibt es keine H-Milch, sodass wir uns zwei frische Liter mitnehmen müssen. Wir bereiten noch die KAMI für die Abfahrt morgen früh vor. Das Dinghy wird ordentlich vertäut, und dann sind wir soweit „ready“.
Die reparierte Winsch lief gestern Abend, als wir vom Wahoo zurückkamen, schon wieder. Scheinbar hat der Elektriker doch keine so gute Arbeit geleistet. Wir haben erst einmal die Sicherungen herausgenommen. Bei dem Dauerregen könnte schon wieder Feuchtigkeit in den Fußschalter eingedrungen sein. Kommt mit auf die Reparaturliste in Deutschland.
Karsten geht gleich noch einmal kurz in die fußläufig erreichbare Stadt. Er sucht noch ein, zwei Souvenirs für daheim.
Morgen früh geht es um 6 Uhr rüber zum Ausklarieren und danach zur Tankstelle, um Diesel nachzubunkern. Direkt danach wollen wir den Hafen verlassen und unsere Reise Richtung Nord-Nordost fortsetzen!
Seit gestern Mittag regnet es fast pausenlos, sodass wir auf der KAMI festsitzen. Den Vormittag hat Karsten noch für einen Fußmarsch zur nahegelegenen Tobacco Bay genutzt. Als er wieder da war, fiel er erschöpft in seine Koje und machte einen ausgiebigen Mittagsschlaf. Nachmittags laufen wir im Regen noch einmal zum Mini-Supermarkt um die Ecke und holen uns eine Flasche Gin, etwas Tonic, zwei Croissants zum Frühstück und eine Paprika. Zum Abendbrot zaubert uns Karsten einen frischen Salat (köstlich), den wir mit einem „Munchiesburger“ von nebenan etwas verfeinern. lach
Abends schauen wir zwei Seglerdokus auf dem Laptop und krabbeln gegen 22 Uhr in die Koje.
Gegen 9 Uhr werden wir wach, weil das Schiff hin und her schlingert und auf und ab tanzt. Blinzelnd überlege ich, ob wir schon los sind, hechte dann nach vorn ins Bad und schaue aus der Luke nach draußen. Der Wind hat zugenommen, und im Hafen hat sich eine Kabbelsee gebildet; Wellen klatschen aus allen Richtungen zusammen, und Starkregen prasselt oben aufs Deck. Karsten sitzt schon oben mit der ersten Tasse Kaffee in der Hand. Ich frage ihn scherzhaft, ob er schon losgesegelt ist, worauf er mit einem Grinsen antwortet, dass Regen und Welle bis zum nächsten Tag so bleiben sollen. Na toll!
Der Wind drückt die KAMI fest an die Kaimauer; die ausgebrachten Fender quietschen und knarzen unter dem Druck. Können Fender eigentlich platzen? Uns ist leicht unwohl.
Da seit Tagen eine ordentliche Sonnenperiode für unsere Solarzellen fehlt, meckert zum Frühstück unser Bordcomputer mit einem lautstarken Gepiepse (Spannung nur noch 11,5 Volt). Wir werfen den Generator an, um die Batterien wieder aufzuladen.
Ich sitze mit meinem ersten Kaffee in der Hand und checke die Bordmails. Ersehnte Post von Sebastian! Er schreibt, dass wir am 04. oder am 05. Juni die Fahrt fortsetzen können. Es bleibt aber eher durchwachsen – egal – wir wollen jetzt auch langsam weiter Richtung Heimat.
Ausflug auf Bermuda mit Karsten
Wir entscheiden uns, am Sonntag früh aufzubrechen. Morgen soll der Regen ja aufhören, das heißt, wir können in Ruhe das Dinghy wieder verzurren und letzte Einkäufe tätigen. Sonntag früh um 6 wollen wir gegenüber bei den Offiziellen ausklarieren und danach zur Tankstelle fahren, die um 7 Uhr öffnet. Wir haben jetzt aktuell ca. 240 Liter Diesel verbraucht, die es wieder aufzufüllen gilt.
Nach dem Tankstopp geht es ohne Umwege wieder raus auf den Atlantik, und wir steuern den ersten von Sebastian Wache übermittelten Wegpunkt an. So der Plan!
Den heutigen Regentag verbringen wir im Salon. Lesen, schlafen, dösen und eventuell heute Abend ein letzter Besuch im Wahoo. Mal sehen …!!!
Mit einiger Verspätung kam gestern dann noch der Elektriker, den wir am Großfall mit der Winsch auf die Mastspitze befördert haben. Leider konnte er oben nichts entdecken, was auf einen Mangel an der Windfahne hindeuten könnte. Schade! Wir werden wohl so weitersegeln müssen. Die Vermutung liegt nahe, dass ein Kontakt an der Leitung, die im Mast verläuft, durch das Schlagen des Mastes im Wind einen Wackelkontakt hat – eventuell aufgrund von Materialermüdung. Seine Dienste lässt sich der Elektriker von uns mit insgesamt 300 USD honorieren.
Der Elektriker hoch oben im Mast.
Nachmittags haben wir uns ein Taxi geschnappt und sind in die Hauptstadt „Hamilton“ gefahren. Mit dem Besuch des Aquariums und des kleinen Zoos waren wir nach 3 Stunden wieder zurück in St. George’s.
Ihr könnt euch also denken, wie der Ausflug verlaufen ist. lach
In Hamilton sieht man ausschließlich Businessgebäude. Im „Flanierbereich“ des Hafens steht jeder dritte Laden leer und wird durch ein Schild zur Miete angeboten. Wir haben drei Boutiquen gefunden, die insgesamt das gleiche Angebot hatten (Nippes, Shirts, Souvenirs). Sonst gab es ein paar Schmuck- und Uhrenläden – nichts Aufregendes. In einem Café in der Seitenstraße haben wir uns zwei Paninis und zwei Cola für 46 USD gegönnt.
Zurück in St. George’s machen wir die erste Einkaufsrunde. Auf unserem Proviantzettel stehen Cola, Tonic, Cornflakes, Äpfel und Milch. Der Supermarkt ist fußläufig erreichbar. Wir werden mit unseren Rucksäcken zwei- bis dreimal hinlaufen müssen, bis der Vorrat an Bord wieder aufgefüllt ist.
Abends holen wir uns am „Munchies“ (Imbissbude direkt neben unserem Boot) einen Munchiburger mit Fries. Pro Burger zahlen wir 14 USD. Er schmeckt sehr gut! Ihr denkt euch jetzt bestimmt, warum wir nicht selbst kochen und an Bord essen?! Wir wollen natürlich möglichst nicht an unsere Vorräte gehen, und die Preise im Supermarkt sind auch jenseits von gut und böse. Jeden Abend im Wahoo essen zu gehen, ist auch keine Option. Unter 100 USD kommen wir dort nicht weg, und wir wollen es ja auch nicht übertreiben.
Karsten ist gerade unterwegs und schaut sich einige Sehenswürdigkeiten in der Nähe an. Da ich nicht so der Läufer bin, bleibe ich an Bord und nutze die Zeit für kleinere Reparaturarbeiten.
Bei dem bescheidenen Wetter (bewölkt, böig, frisch 25 °C) kann man hier nicht viel machen. Also warten wir (mal wieder) auf den Wind, der hoffentlich ab Montag wiederkommt. Sebastian Wache von Wetterwelt wird sich bei uns mit den neuesten Prognosen melden und ein Feedback geben …
Geza war so lieb und hat uns einen Bekannten, der Elektriker ist, aufs Boot geschickt. Nach zweistündiger Fehlersuche war klar, dass sich im Fußschalter der Elektro-Winsch ein Kurzschluss durch Nässe und Bewegung gebildet hat. Mit Lötkolben und Sikaflex wurde das Problem behoben. Die Winsch funktioniert also wieder. Prima!
Die Windanzeige, die wir seit unserer Ankunft hier betreiben, ist nicht wieder ausgefallen, was uns sehr verwundert. Wahrscheinlich liegen wir hier zu ruhig an der Kaimauer, und die Bewegungen reichen nicht aus, damit der Fehler wieder auftritt. Der Elektriker will heute Mittag hoch in den Mast (22 Meter), um nachzuschauen, ob die elektrischen Verbindungen direkt an der Windfahne „fest“ sitzen oder ob sich durch Wellen und Wind etwas gelöst hat. Wir sind gespannt und erwarten ihn in den nächsten 30 Minuten.
Gestern Abend waren wir bei Geza im „Wahoo“, um „meinen“ Tag etwas zu feiern. Schon als wir ankamen, war die Stimmung super – laute Musik, ausgelassene Leute … Eine schwarze Dame spricht uns auf Deutsch an; sie lebt hier mit einem Amerikaner. Schnell waren wir im Gespräch, und um uns herum bildete sich eine Traube von Menschen. Der eine spendierte uns ein Bier, der nächste einen speziellen Wahoo-Drink (Kaffeelikör, Manhattan, Rum). Je später der Abend wurde, desto lauter wurde es im Bistro-Patio (schuld ist bestimmt der ansteigende Alkoholspiegel der Gäste).
Es war ein klasse Abend!
Heute oder morgen wollen wir nach Hamilton. Das ist die kleinste und wohl auch teuerste Hauptstadt der Welt. Auf dem Plan steht ein Besuch des Aquariums, dann wollen wir uns noch in einem Marineshop ein Windhandmessgerät holen (als Backup) und die eine oder andere Sehenswürdigkeit beäugen.
Der Supermarkt ist nur 400 Meter von unserem Liegeplatz entfernt. Gestern waren wir schon einmal kurz schauen. Die Dose Cola kostet 2,45 USD, eine kleine Packung Cornflakes 7,50 USD, und für eine Flasche Mundspülung plus einen kleinen Marsriegel habe ich 14 USD bezahlt. Hier wird einem wieder bewusst, wie günstig wir in Deutschland Lebensmittel kaufen können! Mein Bestand an Bargeld (USD) hat reichlich abgenommen. Ich werde wohl noch einmal zum Automaten traben müssen.
Neben uns hat gestern ein Segelboot mit zwei deutschen Jungs aus Cuxhaven festgemacht. Sie kamen bei New York in schweres Wetter und haben einige Schäden, die sie unbedingt reparieren müssen. Wenn das Wetter besser wird, wollen sie auch Richtung Europa – Azoren. Hier liegen viele Boote, die durch den Sturm beschädigt wurden. Bei einem amerikanischen Pärchen hat es den Mast umgeknickt, bei anderen Seglern sind Solarmodule gebrochen, und einige haben Elektroprobleme. Bermuda ist DER Reparatur-Anlaufpunkt für Yachten, die weiter nach Europa wollen, also für die West- > East-Route.
Sonst stehen im Hafen überall die Segler zusammen und tauschen sich aus: Woher kommt ihr? Wo geht’s hin? Habt ihr Probleme? Es ist ein ganz besonderes Flair, das sich schwer beschreiben lässt.
Wir fühlen uns gerade sehr wohl, sind richtig ausgeschlafen und genießen (wartend auf den Elektriker) ein wenig die Sonne.
Nachdem wir über Funk von „Radio Bermuda“ die Erlaubnis zum Einlaufen in den Hafen bekommen haben, legen wir gegen 19:45 Uhr am Steg der Customs Immigration an. Prompt setzt wieder ein sturzflutartiger Niederschlag ein, sodass wir beide trotz Regenbekleidung innerhalb von 10 Minuten durchgeweicht sind.
Was ist das hier bloß für ein Wetter (seit Tagen)?
Die Beamten sind durchweg super nett und höflich. Schon beim Festmachen am „Amtssteg“ haben wir ihnen den einen oder anderen Schmunzler ins Gesicht gezaubert – so war schnell das „Eis“ gebrochen, und der Akt des offiziellen Einklarierens war rasch vollzogen.
Mit dem neuen Schiff war es für mich das erste Anlegemanöver. Ihr könnt euch sicherlich vorstellen, wie es bei strömendem Regen und Unerfahrenheit so ist. Wir haben es aber geschafft (ohne Schäden), und das Zusammenspiel zwischen mir und Karsten, der das Leinenhandling übernahm, war top. Optimierungsbedarf sehe ich noch beim Knoten schlagen. So beim Üben klappt das eigentlich, doch dann im Manöver hat man öfter ein Brett vorm Kopf. lach
Gegenüber der Einklarierungsbehörde dürfen wir ganz ohne Kosten final an der Kaimauer festmachen. Dort liegt bereits ein großer, mindestens 50 Fuß langer Katamaran. Auch hier haben unsere komischen Anlegemanöver (vor, zurück, hin, her und im Kreis – Anlegen über alle Himmelsrichtungen) Interesse geweckt, worauf der Nachbar-Skipper in voller Regenmontur herüberkommt und uns beim Anlegen hilft. Oh, danke! Ah, stimmt – das ist so unter Seglern. Immer hilfsbereit!
Danach schnell aus den nassen Sachen und bei 90 % Luftfeuchtigkeit alles aufgehängt. Trocknen die Sachen eigentlich auf Dauer?
Blick von der KAMI rüber zum „Amtssteg“ der Customs Immigration
Wir ziehen uns um und laufen in den Ort. Der Regen hat aufgehört, und die Zikaden machen einen unglaublichen Lärm. Wir kehren im Wahoo (bei Alfred und Geza) ein und bestellen uns das wohlverdiente Anlegebier und essen köstlich Abendbrot. Zurück auf der KAMI kosten wir noch einen an Bord befindlichen französischen Cognac „Clement“ VSOP aus Martinique. Danach krabbeln wir „fertig“ in die Kojen.
Karsten steht gegen 08:30 Uhr auf, und Geza kommt angefahren und bespricht mit ihm das weitere Vorgehen. Gegen 11 Uhr sollen die ersten Monteure kommen, die sich der Windanzeige annehmen. Später kommt noch jemand wegen des Problems mit der elektrischen Winsch. Wir sind gespannt.
Ich stehe gegen halb 10 auf und freue mich über die vielen Glückwünsche auf meinem Handy. Nach dem morgendlichen Geburtstagskaffee wird gefrühstückt, Müll an Land entsorgt, die „Q“-Flagge am Schiff eingeholt und eine Einkaufsliste erstellt.
29.05.2023 – 12:00 Uhr Ortszeit – 16:00 UTC 10. Seetag Etmal: 137 sm Gesamtsumme: 1.029 sm Wind aus E – NE Segelstellung: wir motoren bei 4 kn Wind Speed über Grund: 6 kn
Der gestrige Tag verlief ganz ruhig, und wir haben die Zeit genutzt, um uns mit der Angel (Trollingleine) zu beschäftigen. Leider hat aber nichts gebissen – wir vermuten, dass die laufende Maschine der Grund dafür ist.
Die Nacht war ebenfalls entspannt. Durch die Flaute hatten wir kaum Welle, und so war es ruhig im Schiff.
Der Tag erwacht auf dem Atlantik …
Wir laufen jetzt St. George’s auf Bermuda im Nordosten der Insel an und müssten nach unserer Rechnung gegen 20:00 Uhr dort sein. Sebastian Wache hat heute früh noch eine E-Mail geschickt, in der er uns mitgeteilt hat, dass wir das um den 04. Juni aufziehende Tief noch abwarten müssen, bevor es weitergehen kann. Eventuell könnten wir ab dem 05. Juni mit Nordwestwind die Tour fortsetzen. Die Entwicklung muss weiterhin beobachtet werden.
Das Schiff und die Mannschaft sind bereit zum Einlaufen. Fender und Festmacherleinen liegen bereit.
28.05.2023 – 12:00 Uhr Ortszeit – 16:00 UTC 9. Seetag Etmal: 125 sm Gesamtsumme: 893 sm Wind aus E – NE Segelstellung: wir motoren bei 4 kn Wind Speed über Grund: 6 kn
Wir haben den Abstand von 200 Meilen zur Insel Bermuda unterschritten und können nun davon ausgehen, dass wir morgen Abend gegen 20 Uhr in Saint George’s an der Nordostküste von Bermuda einlaufen werden. Wir fahren unter Maschine, da kaum Wind ist und wir nur sehr schwer mit Besegelung vorankommen würden.
Bermuda
Sebastian Wache hat uns mit seiner E-Mail von heute früh auch ans Herz gelegt, Bermuda anzulaufen, denn es ist am 30. Mai überall großflächig flau. Danach soll sich das USA-Hoch durchsetzen, und es stellt sich ein Ost- bis Nordost Wind ein. Spätestens dann müssen wir sowieso weiter nach Norden. Hoffentlich klappt das in der kurzen Liegezeit mit der erhofften Reparatur unserer Windanzeige.
Der gestrige Tag war eher unspektakulär. Es war der erste Tag, an dem es mal ruhiger auf dem Schiff war (abgesehen vom Brummen der Maschine). Wir nutzten die Zeit für zwei Waschmaschinenladungen und haben viel geschlafen und gedöst. Nachmittags zeigte sich für zwei, drei Stunden die Sonne – da war eine kühle Deckdusche eine Wohltat. Sonst gab es keine neuen Schäden oder entdeckten Mängel – yeah, so kann’s bleiben (Holzklopf).
Ich bin gestern Abend um 20 Uhr in die Koje und heute Morgen um 3 Uhr wieder hoch. Das erste Mal auf See habe ich sieben Stunden tief und fest geschlafen. Das hat gut getan! Karsten hat da nicht so seine Probleme, Ruhe zu finden und zu schlafen. Er kann immer!
Jetzt wollen wir dem Standortleiter des TO in Bermuda, Geza Wolf, noch eine E-Mail mit unseren geplanten Ankunftsdaten schreiben. Da wir auf Deutsch kommunizieren können, ist das für die Verständigung ganz gut. Geza betreibt das Restaurant Wahoo in Hafennähe. Dort werden wir wohl am Dienstagabend zu meinem 55. Geburtstag einkehren.
Heute liegt nichts Weiteres bei uns an. Unseren Gennaker konnten wir noch nicht ausprobieren, da entweder die Windrichtung oder allgemein das Wetter nicht passten. Aber wir haben ja noch ein großes Zeitfenster vor uns – da wird sich schon noch die Möglichkeit zeigen.
Jetzt, kurz vor dem Etmal, schon wieder: Gewitter, Regen, Regen, Regen und Kreuzwellen, die den Kat gut 2,5 Meter springen lassen. War heute nicht eine entspannte Flaute angesagt?
27.05.2023 – 12:20 Uhr Ortszeit – 16:00 UTC 8. Seetag Etmal: 126 sm Gesamtsumme: 767 sm Wind aus S bis SW Segelstellung – Großsegel 1. Reff – Genua voll – Vorwindkurs um 110° Speed über Grund: 7 kn
Es ist 6:30 Uhr, und der Wasserkessel pfeift auf dem Gasherd. Wir genehmigen uns einen starken Kaffee zum Wachwerden und holen die ersten Daten für die Windy-App aus dem Internet. In der Nacht hatten wir guten Wind und machten zügige Fahrt – meistens um die 6 Knoten.
Ich hole die Seekarte für den Nordatlantik aus dem Schrank und trage mit einem Bleistift unseren aktuellen Standort ein. Wir haben bereits 700 Seemeilen geschafft, sind aber erst 380 Seemeilen von Nassau entfernt?! Durch das Kreuzen auf spitzen Amwindkursen haben wir die Hälfte der Zeit und Entfernung verloren.
Wir schauen gemeinsam auf die Nordatlantikseekarte. Es ist noch so wahnsinnig weit bis nach Hause. Das wird uns spätestens jetzt richtig bewusst.
Gestern hatten wir ja das Thema Zwischenstopp auf „Bermuda“. Bermuda ist ein britisches Überseegebiet im Atlantik. Nach dem Frühstück finden wir heraus, dass der Verein „Trans-Ocean e.V.“, bei dem ich seit zwei Jahren Mitglied bin, einen deutschsprachigen Basisleiter auf der Insel hat. Karsten sendet dem Basisleiter eine E-Mail und bekommt schon sehr zeitnah eine Rückmeldung. Wir sind willkommen, und man könnte uns sicherlich mit unseren kleineren technischen Problemen, wie der ständig ausfallenden Windanzeige, helfen. Da die Wetterprognose für die nächsten Tage eher schlecht ist, beschließen wir, direkt die Bermudainseln anzulaufen (sie liegen auf unserer Kurslinie nach Hause), um einen kurzen Stopp einzulegen – je nach Wetterprognose.
Bis nach Bermuda sind es noch knapp 350 Seemeilen. Wir könnten am Pfingstmontag dort ankommen. Karsten möchte den Zwischenstopp auch nutzen, um Coca-Cola und Tonic nachzuprovientieren. Wir würden außerdem unsere Dieseltanks auffüllen und eventuell noch die eine oder andere kleine Besorgung machen. Am 30. Mai habe ich Geburtstag, da wäre doch ein Abendessen auf der Insel eine feine Sache.
Am Nachmittag werden wir von einem Frachtschiff angefunkt. Leider können wir den Anrufer nicht verstehen, da er so schnell und undeutlich Englisch spricht. Wir bitten mehrmals um langsame Wiederholung des Funkspruchs, bekommen aber keine Reaktion mehr. Wir vermuten, dass er uns vor einem Unwetter warnen wollte, mit dem wir schon für den Abend rechnen.
Kurz vor dem Sundowner ruft Karsten vom Steuerstand: „DELFINEEEE!!!“ Mindestens 20 Tiere begleiten unsere Fahrt für etwa 10 Minuten, bis sie weiterziehen. Einige der Tümmler springen 2 bis 3 Meter aus dem Wasser und drehen sich dabei wie ein Korkenzieher. Wir hatten schon gehört, dass Delfine gerne Katamarane begleiten – was für ein tolles Erlebnis.
Immer wieder ein Erlebnis, wenn ganze Delfinschulen die KAMI begleiten …
Es wird Abend, und die gewaltige Gewitterfront rückt auf uns zu. Ich beschließe, alle Segel zu reffen und zur Sicherheit über die Nacht zu motoren. Wir werfen die Steuerbordmaschine an und machen mit 2.000 Umdrehungen etwa 5 bis 6 Knoten Fahrt über Grund. In einer Stunde verbrauchen wir so ca. 4 Liter Diesel. Wir werden in Bermuda nachtanken.
Mit dem laufenden Motor produzieren wir nebenbei Heißwasser, da macht das Duschen am Abend richtig Spaß. Der Wassermacher läuft auch nebenbei und produziert in einer Stunde ca. 100 Liter Trinkwasser. Nachdem der Tank „3/4“ (450 Liter) anzeigt, schalten wir den Wassermacher wieder ab.
Bei dem Wind und Starkregen haben wir es uns in der Nacht im Salon gemütlich gemacht. Der Motor läuft und folgt via Autopilot unserer vorgegebenen Kurslinie nach Bermuda bzw. dem nächsten Wegpunkt. Wir lassen das Radar bei diesem schlechten Wetter als Sicherheitsoption mitlaufen und schauen gebannt nach draußen, wo die Blitze den Nachthimmel erleuchten.
Nachts bemerken wir, dass Karstens Rettungsweste im Cockpit automatisch ausgelöst hat. Der Wind und die gefühlten 1.000 Liter Regenwasser pro Minute müssen daran schuld gewesen sein. Jetzt sind wir schlauer und lassen die Weste bei solch einem Wetter nicht mehr draußen. Gott sei Dank haben wir noch vier weitere Westen an Bord. Sicherheit ist also gegeben.
In den frühen Morgenstunden die nächste Überraschung: Eine unserer elektrischen Winschen läuft plötzlich ohne unser Zutun los. Was für ein Krach! Ich renne in die achterliche Backbordkabine und schalte den Hauptschalter auf „off“. Der Regen muss hier einen Kurzschluss verursacht haben.
Das nächtliche Brummen der Maschine drückt uns die Augen zu. Nach dem Regengebiet haben sich die Wellen gelegt, und wir wollen nur noch in den Schlaf fallen …
26.05.2023 – 12:00 Uhr Ortszeit – 16:00 UTC 7. Seetag Etmal: 133 sm Gesamtsumme: 641,5 sm Wind aus S bis SW Segelstellung – Großsegel voll – Genua voll – Vorwindkurs 110° Speed über Grund: 7,7 kn
Wir freuen uns über die E-Mail von Sebastian Wache, unserem Wetterguide, der uns aus Deutschland betreut. Leider gibt es nicht wirklich gute Nachrichten. Der gesamte Atlantik ist derzeit mit Hochdruckgebieten übersät, und die für den Wind nötigen Tiefs sind kaum in Sicht. Sebastian empfiehlt (als eine Option), Bermuda anzulaufen und dort auf ein passendes Tief mit entsprechendem Wind zu warten. Zitat von Sebastian: „Und man muss schon beten, dass endlich mal ein Tief kommt und Wind bringt …“
Wir finden die Idee gar nicht so schlecht, zumal unsere Getränkevorräte (die CO2-haltigen) langsam zur Neige gehen. Kein Wunder, bei der Hitze hier. Außerdem könnten wir in Bermuda unsere Tanks auffüllen und versuchen, Hilfe für unsere ständig ausfallende Windanzeige zu finden. Bis nach Bermuda sind es noch gut 700 Seemeilen. Bei den derzeit eher bescheidenen Tagesetappen würden wir etwa 6 bis 7 Tage benötigen, um dort einzutreffen. Vielleicht könnten wir auch mit zeitweiser Maschinenunterstützung weiterfahren. Wir müssen sehen, wie sich der Wind heute (derzeit sieht es mit 14 Knoten ganz gut aus) und in den nächsten Tagen entwickelt. Heute nutzen wir den Tag, um zu googeln, ob wir kurzfristige Hilfe auf Bermuda bekommen könnten.
Es ist also noch offen, ob wir einen Zwischenstopp einlegen oder uns weiter nach Osten durchkämpfen. Wir entscheiden das kurzfristig, je nach Feedback der Marinas auf Bermuda.
Unsere Nacht war recht gut, allerdings ist mir während der Wache beim Naschen eines Snickers ein Stück vom Schneidezahn abgebrochen. Mist!
Am Morgen haben wir einen Gast an Bord entdeckt, dem leider nicht mehr zu helfen war. Gerne würden wir uns einen leckeren Fisch fangen, aber Angeln ist hier nicht möglich. Überall treiben Sargassum-Algen (sehen aus wie grüner Salat) – die würden sofort in der Angelschnur hängen bleiben. Heute lassen wir es ruhig angehen (so der Plan). Karsten kocht gerade Kaffee, und ich werde gleich noch einmal aufs Deck gehen, um nach den Segeln zu schauen.
Fliegende Fische sind oft nächtliche Besucher an Bord.
Uns geht es gut, und wir sind froh, dass es die Internettechnologie wie „Starlink“ gibt, um hier mitten auf dem Ozean mit Freunden und Familie in Kontakt zu bleiben.
25.05.2023 – 12:00 Uhr Ortszeit – 16:00 UTC 6. Seetag Etmal: 97 sm Gesamtsumme: 508 sm ENDLICH Wind aus SW zwischen 8 und 12 Knoten Segelstellung – Großsegel voll – Genua voll – Raumwindkurs 110° Speed über Grund: gerade um die 7,2 kn
Wir befinden uns in völliger Flaute, kein Lüftchen ist zu spüren. Wir nutzen die Gelegenheit, springen ins fantastische 5.000 Meter tiefe blaue Wasser und kühlen uns etwas ab. Danach bauen wir eine Angel zusammen und machen das Schiff klar.
Baden mitten auf dem Atlantik – dieses tiefblaue Wasser ist einfach phänomenal.
Der Flautentag neigt sich dem Ende zu, und am späten Nachmittag setzt leichter Wind mit 4 bis 5 Knoten ein. Wir setzen die Segel und steuern noch den alten Ostkurs weiter, da die Winddrehung auf Südost noch auf sich warten lässt. Langsam kehrt der Wind zurück, und es geht in die Nacht.
In den späten Nachtstunden müssen wir zwei Tankern ausweichen. Einen davon funken wir an; es antwortet eine Dame auf Englisch und bittet uns, sie zuerst passieren zu lassen. Das machen wir natürlich und fahren eine Ausweichwende.
In weiter Ferne blitzen neben uns Gewitterzellen und erhellen den Nachthimmel. Das Gewittergebiet begleitet uns bis in die frühen Morgenstunden, kommt uns aber nicht zu nah. Nachts sehen wir in unserem Kielwasser „Meeresleuchten“ – mikroskopisch kleine Algen, die umso stärker glühen, je mehr die Wellen sich brechen (Biolumineszenz). Das sieht toll aus, aber wir bekommen es leider nicht auf ein Foto. Es ist einfach zu dunkel.
Gegen 4 Uhr kommt endlich der erwartete SW-Wind, und wir können unseren Kurs nach Nordost absetzen. Gerade jagt uns wieder eine Gewitterzelle vor sich her, in Böen bis zu 28 Knoten. Wir reffen vorsichtshalber die Segel etwas ein.
Wassermassen ergießen sich aufs Deck. Achtern wird es wieder heller, und wir warten, bis der Regen aufhört …
24.05.2023 – 12:10 Uhr Ortszeit – 16:10 UTC 5. Seetag – FLAUTENTAG Etmal: 83 sm Gesamtsumme: 412 sm Wind aus O zwischen 1 und 2 Knoten (derzeitig) Segelstellung – Großsegel 1. Reff – Genua voll – Amwindkurs 59° Speed über Grund: gerade um die 5 kn
Der gestrige Tag war bis zum späten Nachmittag entspannt und sonnig. Die Wellen hatten sich beruhigt, und wir konnten beide etwas Schlaf nachholen. Gegen 17 Uhr fiel der ohnehin kaum vorhandene Wind plötzlich auf „0“ ab.
Wieder Systemalarm!
Das Schiff stand wie angenagelt, die Segel fielen ein und flatterten leicht im Wind. Auf der Backbordseite zog schnell eine Squall (Regen- und Gewitterzelle) heran – das war wohl die Ruhe vor dem Sturm. Wir starteten das Radar und verfolgten, wie das Gebiet rasch näherkam. Was war jetzt zu tun? Wir bargen die Segel, warfen die Backbordmaschine an, kuppelten ein und setzten unseren Kurs mit 3 Knoten Richtung Osten fort. Wir holten Handtücher und andere Sachen von draußen herein und bereiteten uns auf den erwarteten starken Regenguss vor, der sich tatsächlich 15 Minuten später über uns ergoss. Ganze zwei Stunden prasselte der Regen aufs Schiff, und trotz Bimini-Verdeck war rings um den Steuerstand alles nass. So schnell wie die Regenzelle kam, verschwand sie auch wieder, und wir konnten noch einen halben Sundowner achter aus genießen. Wir stellten die Backbordmaschine ab und setzten die Besegelung für die Nacht.
Blick aus dem Salon zum Bug der KAMI
Kurz darauf ertönte erneut der Systemalarm – diesmal fiel die Elektronik des Autopiloten aus. Wir verstanden nicht, was gerade los war und warum sich diese Ausfälle seit gestern häuften. Wir setzten für den Autopiloten einen größeren Amwindkurs von 55° – so kamen wir ohne weitere Alarme durch die Nacht.
Die See war nachts etwas gnädiger zu uns, mit einem gemäßigten Wellenbild, sodass wir endlich längere Ruhephasen im Schiff hatten. Wir fanden beide Schlaf und träumten sehr intensiv. Während meiner Wache, gegen 3 Uhr, sah ich auf dem Kartenplotter zwei Tanker, die genau parallel zueinander auf uns zukamen. Der Abstand zu uns verringerte sich schnell, und ich scannte ständig den Plotter, um abzuschätzen, ob wir uns tatsächlich begegnen würden. Der erste Tanker zog im Abstand von 18 Seemeilen achtern an uns vorbei, der zweite folgte ihm und ich maß auf dem Plotter einen Abstand von nur 2,3 Seemeilen. Ich stürzte ins Cockpit, nahm das Fernglas mit und hielt Ausschau. Ah, da war er – ich verfolgte ihn noch eine Weile mit meinen Blicken und kehrte dann in den Salon zurück. Auf dem Plotter verfolgte ich die beiden Tanker weiter und merkte, wie mir langsam die Augen zufielen.
Oh ha … Kurz vor Sonnenaufgang kam Karsten nach oben, und ich ging sofort in meine Koje. Innerhalb von fünf Minuten fiel ich in einen tiefen Schlaf.
Der Autopilot bzw. die Steueranlage macht seit zwei Tagen laute quietschende Geräusche. Nach unserem morgendlichen Kaffee beschlossen wir, gut eingepickt (mit Weste und Lifeline gesichert) die Maschinenräume zu öffnen und dem Geräusch auf den Grund zu gehen. Zuerst vermuteten wir die Umlenkrollen der Lenkungszüge als Ursache, doch nach längerem Suchen unter Taschenlampenlicht entdeckten wir Schleifspuren auf der oberen Seite der Lenkstange (die beide Ruderblätter verbindet), die an dem darüberliegenden Aluminium-Kasten reibt. Mit WD40 bewaffnet, setzten wir einige beherzte Sprühstöße ab, bis das Quietschen leiser wurde und fast verschwand. Das muss in Rostock unbedingt näher untersucht und repariert werden – kommt also mit auf die ohnehin schon lange To-do-Liste.
Jetzt stecken wir in einer Flaute! Nur noch 3 Knoten Wind – das Schiff macht keine Fahrt mehr. Windy hatte uns das Flautengebiet vorhergesagt. Über Tage hinweg zu motoren, wollen wir am Anfang der Reise auf keinen Fall – wir wollen Diesel sparen. Wer weiß, welche Überraschungen uns das Schiff im weiteren Verlauf der Reise noch bietet. Wir sind daher vorsichtig und defensiv. Da sich die Sonne derzeit kaum zeigt, werden wir wohl heute Nachmittag den Generator anwerfen müssen, um die Batterien für die Nacht zu füllen. Es ist kaum zu glauben, dass auf solch einem Schiff das Energiekonzept nicht aufgeht. Die vorhandenen Bordstrombatterien sind ein Witz, wenn man nicht einmal richtig durch die Nacht kommt. Hier besteht definitiv Optimierungsbedarf – auch das kommt auf die To-do-Liste.
Morgen (Donnerstag) sollen am späten Nachmittag die so sehr erwarteten Südwinde kommen. Bis dahin dümpeln wir hier im Nirgendwo und stehen praktisch still. Wir überlegen, heute Abend den Außengrill (Gasgrill) anzuschmeißen, aber im Moment haben wir beide keinen großen Appetit. Vielleicht schlägt uns das Abenteuer doch etwas auf den Magen. Apropos: Karsten, unser Chef-Smutje, ging gestern Abend die Getränkevorräte durch. Coca-Cola neigt sich schon dem Ende zu, Tonic ist aufgebraucht, Sprudelwasser haben wir noch ein wenig. Da haben wir uns wohl mächtig verkalkuliert. Heißt jetzt also: mehr Wasser aus dem Wassermacher und Tee trinken.
Ach, so ein „Luxusurlaub“ auf einer Yacht ist schon was Feines! lach
Was steht heute noch auf dem Programm? Vielleicht probieren wir uns heute mal mit den Angeln. Drohnenaufnahmen unter Wolken sind nicht so toll, also warten wir ab, ob die Sonne noch rauskommt, damit wir hier noch ein paar schöne Aufnahmen machen können.
Und sonst? Schlafen, ausruhen und an unsere Lieben zu Hause denken.
23.05.2023 – 12:05 Uhr Ortszeit – 16:05 UTC 4. Seetag Etmal: 121,2 sm Gesamtsumme: 328,2 sm Wind aus NW zwischen 11 und 17 Knoten Segelstellung – Großsegel 1. Reff – Genua voll – spitzer Amwindkurs 47° Speed über Grund: gerade um die 5,8 kn
Wir steuern seit gestern Abend hart auf Ost-Nordost und peilen die Wegpunkte an, die wir von Sebastian Wache per E-Mail bekommen haben. Wenn es ein Voting für die aufregendste Nachfahrt gäbe, wäre die vergangene Nacht derzeit auf Platz 1. Seit Sonnenuntergang segeln wir so extrem hart am Wind, dass wir die teils 3 bis 3,5 Meter hohen Wellen von schräg vorne (Backbord – Portside) direkt auf die Nase bekommen.
Eine Achterbahnfahrt auf der Kirmes wäre dagegen ein Kinderkarussell!
Wieder ist an erholsamen Schlaf nicht zu denken. Die Müdigkeit sitzt fest auf uns wie eine alte Mütze, die wir nicht ablegen können. Wir lümmeln beide im Salon, denn unten in der Koje ist es jetzt gar nicht mehr auszuhalten. Die Wellen schlagen von allen Seiten auf das Schiff ein, als wollen sie uns sagen, dass die Materialbelastung kaum noch im Akzeptanzbereich liegt. Natürlich sind das nur unsere Empfindungen – das Schiff muss das abkönnen, schließlich fahren wir ja nicht auf einem Dorfteich, sondern auf dem Atlantik. Jeder von uns nickt immer mal wieder für zwanzig bis dreißig Minuten ein. Unser vor der Reise aufgestellter Wachplan wird völlig ignoriert. Jeder macht das, wozu er gerade fähig ist und was der Körper noch hergibt.
Durch die Gischt, die sich wie Zuckerwatte ums Schiff legt, sind alle Oberflächen salzig und stumpf. Ich entscheide mich, die Dusche im Eignerbad das erste Mal auszuprobieren (in Nassau haben wir nur die Decksdusche im Freien genutzt). Das heiße Wasser tut sehr gut, und schon fühlt man sich ein wenig wohler und zufriedener.
Karsten, unser Smutje, hat das Abendbrot vorbereitet. Heute gibt es Burger. Eigentlich wollten wir den Tischgrill ausprobieren, aber bei diesem Wellenritt ist daran nicht zu denken. Also wird alles in der Pantry vorbereitet, und der Abendbrotstisch im Cockpit (Tisch achtern draußen) wird gedeckt. Wir wünschen uns guten Appetit, doch dann hält Karsten inne. Er bekommt nichts herunter, knabbert nur an einem Salatblatt und lässt seinen Burger fast unangetastet stehen. Mir geht es magenmäßig besser, und ich verputze zwei Burger (die übrigens aus Donut-Brötchen bestehen). Der Tisch wird wieder abgeräumt, denn die Ketchupflasche und unsere Kräutertee-Thermoskanne fliegen von rechts nach links und verlassen selbständig ihren zugewiesenen Platz.
Doch dann … Systemalarm!
Karsten ruft in meine Richtung, dass sämtliche Winddaten auf unserem Plotter verschwunden sind und der Autopilot von Segelsteuerung auf Maschinensteuerung umgestellt hat. Wir legen in Windeseile unsere Sicherheitswesten an, schlüpfen in die Decksschuhe und stürmen zum Steuerstand, wo wir uns zur Sicherheit erst einmal einpicken, damit wir bei den Wellenschlägen nicht über Bord katapultiert werden. Was nun? Die Gefahr ist groß, dass die KAMI in den Wind schlägt. Sofort drehen wir in den Wind, holen die Rollgenua ein und ziehen das Großsegel nach unten. Alle Segel sind unten! Unter Maschinenfahrt bleiben wir in der Windachse stehen, damit sich die Situation ein wenig beruhigt.
Tausend Gedanken poltern durch meinen Kopf. Ohne funktionierende Windanzeige ist die Reise hier beendet. Wir könnten nur noch unter Maschine nach Nassau zurückfahren, um das Problem dort beheben zu lassen. So ein Mist! Das kann doch nicht sein … Karsten holt eine Taschenlampe, und wir wollen das Mast-Top ableuchten, da wir vermuten, dass die Windfahnen oben auf der Spitze durch das Hin- und Herschlagen des Schiffs verloren gegangen sind. Wir leuchten den Mast ab und sehen, dass oben alles in Ordnung ist. Da kommt mir der Gedanke, das ganze Navigationssystem einmal komplett auszuschalten und dann neu hochzufahren. Gesagt, getan – die Windanzeigen sind wieder da, sogar die verklemmte Anzeige für die Geschwindigkeit durch das Wasser funktioniert plötzlich wieder.
Habt ihr die zwei Steine plumpsen gehört?
Gott sei Dank – es scheint nur ein Softwaresystemfehler gewesen zu sein. Wir schauen uns fragend an und setzen wieder: „Segel auf“! Mit Motorkraft drehen wir das Schiff wieder an den „spitzen Amwind“, bis es wieder Fahrt aufnimmt und die Segel richtig stehen. Meine Duschaktion kurz davor war für die Katz (das Wasser läuft mir den Rücken herunter) – wir müssen uns erst einmal wieder akklimatisieren und setzen uns ins Cockpit. Was für eine aufregende Aktion! Wir wünschen uns gegenseitig, dass der Fehler nicht noch einmal auftritt, und besprechen bereits das Vorgehen bei einer möglichen Wiederholung.
Und als ob die Aufregung nicht schon genug wäre, sehe ich vom Cockpit aus, wie die Bilgenlampe für den Steuerbordrumpf ständig an- und ausgeht (leuchtet grün, wenn die Pumpe automatisch in Betrieb ist). Ich eile in den Eignerrumpf und nehme die Bodenplatten hoch. In der Bilge steht dunkles Wasser, vielleicht ein Liter. Ich nehme auch die benachbarten Bodenplatten auf (man bedenke, dass das Schiff durch den Wellenritt irre Bewegungen macht) und kann eine grobe Richtung der Wasserherkunft ausmachen. Ich lege die Bodenplatten wieder ein und beschließe, dem Problem bei ruhigerer See auf den Grund zu gehen.
In der Nacht springt die Pumpe ungefähr zwei bis drei Mal die Stunde für ein paar Sekunden an. Es scheint nichts Bedrohliches zu sein. Ich behalte das in den nächsten Tagen im Auge.
Gegen 3 Uhr liegen wir beide völlig erschöpft oben im Salon auf der Sitzbank. Durch die L-Form können wir uns dort gemütlich ausbreiten. Karsten schläft sofort ein (er tut sich mit dem Schlafen nicht so schwer), während ich an die Salondecke starre. Erste Zweifel tauchen in meinem Kopf auf. Inzwischen sind die Wellenschläge noch intensiver geworden. Das Quietschen des Autopiloten wird gefühlt immer lauter, die Reffleinen im Großsegel knarren, und meine Augen fallen für eine Viertelstunde zu.
Weit und breit ist kein Schiff mehr auszumachen, unter uns geht es jetzt 4.000 Meter in die Tiefe. Die Landkanten der Bahamas-Inseln sind nicht mehr zu sehen.
Jetzt sind wir wohl richtig draußen!! Schön, aber auch ein wenig ehrfurchtgebietend.
Gegen 5 Uhr kündigt sich der fünfte Seetag an. Genau vor uns im Osten wird es langsam heller, und die Sonne geht auf. Ich rappele mich auf, torkle nach draußen und setze mich an den Steuerstand. Dieses Morgengrauen, die warme, salzige Luft und die Wolkenformationen – so schön anzusehen. Schnell verfliegen die dunklen Gedanken der Nacht aus meinem Kopf, und ich schaue über den Ozean in Richtung Heimat. Prompt dröhnt der nächste Systemalarm: „Spannung unter 11 Volt“. Der Autopilot hat wohl in der Nacht zu viel leisten müssen. Ich eile nach drinnen und werfe den Generator an. Ich wundere mich jedoch fünf Minuten später, dass die Batterien immer noch keine höhere Spannung anzeigen. Was ist denn jetzt schon wieder los?! Langsam reicht es, und ich schimpfe vor mich hin. Da entdecke ich das Problem … Mein schlafender Passmann muss mit dem Rücken an das Bedienpanel am Kartentisch gekommen sein. Der Ladeschalter stand auf „off“! Nun erhalten die Batterien wieder genügend Ladespannung. Langsam wird es hell, und die Sonne bahnt sich ihren Weg durch die Wolken. Sobald sie das Solarpanel mit voller Leistung beschienen hat, wird der Generator wieder ausgeschaltet. Diesel sparen!
Der erste Kaffee des Tages wird gekocht, und wir sitzen mal wieder zusammen und machen Wetter- und Routenpläne. Wir segeln in ein richtiges Flautengebiet, bevor uns dann endlich am Donnerstag, spätestens Freitag, der ersehnte Südwind erreicht. Wir wollen den Flautentag nutzen, um den Außengrill anzuwerfen, die Filmdrohne mal nach oben zu schicken und ein Bad im tiefblauen Wasser zu nehmen – und vor allem endlich mal richtig zu schlafen. Die Angeln müssen wir auch noch vorbereiten, damit, wenn es weitergeht, auch der ein oder andere Mahi-Mahi (Goldmakrele) auf unseren Tellern landet. Die angekündigte Flaute wollen wir aussitzen (kein Segel, kein Motor).
Eine weitere Aufgabe: Ein Sicherheitsblick in die Backskiste. Dort lagern zwischen den Bootsfendern zehn Dieselkanister aus Kunststoff zu je 20 Litern sowie zwei kleine Kanister für den Dinghy-Sprit (Außenborder).
Wir hören Musik, und es geht uns gut. Der ein oder andere blaue Fleck vom Manövergetänzel stört uns nicht.
Ab dem dritten Seetag sollen einem ja „Seebeine“ wachsen. Das passt!
Im Moment läuft alles vor sich hin. Gleich gibt es ein „Spätfrühstück“, und dann wird nochmal geruht …
22.05.2023 – 12:15 Uhr Ortszeit – 16:15 UTC 3. Seetag Etmal: 107,6 sm Gesamtsumme: 206,9 sm Wind aus NO zwischen 8 und 10 Knoten Segelstellung – Großsegel voll – Genua voll – spitzer Amwindkurs um die 40° abfallend auf Halbwind Speed über Grund: 7 kn
In der vergangenen Nacht haben wir die letzte Bahamas-Insel hinter uns gelassen und fahren seither in weiten Zickzack-Kursen, zuerst nach Norden-Nordwesten gemäß den empfohlenen Wegpunkten von Sebastian Wache, nun nach Osten-Nordosten.
Gestern gegen 22 Uhr alarmierte uns unser B&G-Kartenplotter – Kollisionskurs mit einem anderen Segler. Nur noch 1,5 Seemeilen Abstand! Schnell beschließen wir, eine Ausweichwende zu fahren, beleuchten das Vordeck und sichern uns mit unseren Westen. Das Manöver gelingt, und der amerikanische Segler zieht an uns vorbei. Danach ziehen wir uns beide in den Salon zurück. Der nächtliche Wind nimmt bis auf 28 Knoten in Böen zu, und das Schiff erreicht zum ersten Mal seit unserer Abfahrt 8,5 Knoten. Wir fahren spitz gegen die vorherrschende 2,5-Meter-Welle. Gischt spritzt über das Schiff, und überall funkelt das Meersalz auf den Oberflächen.
An Schlaf ist unter diesen Bedingungen im Moment nicht zu denken. Wir überlegen, wie wir die Nacht weiter angehen wollen, und beschließen, das Großsegel ins erste Reff zu nehmen (also ein Stück herunterzunehmen -um die Segelfläche zu verkleinern). Unser gemeinsamer Beschluss wird sich rächen! Es heißt nicht umsonst: „Wenn du übers Reffen nachdenkst, ist es oft schon zu spät.“ Wir bereiten alles vor – draußen donnern die Wellen gegen und unter das Schiff (bei einem Katamaran unter dem Salon in der Mitte des Schiffs). Das sind beängstigende Geräusche, die man sich kaum vorstellen kann. Blitzschnell schießen uns Gedanken durch den Kopf: Wird der Mast halten? Sind die Schoten nicht schon zu alt und könnten brechen?
Wir bereiten uns auf das nächtliche Reffmanöver vor, legen die Westen an und sichern uns an Deck. Wir lassen das Großfall bis zum ersten Reffpunkt fallen und merken, dass die Reffleine klemmt. Die Elektrowinsch ächzt, und wir stoppen das Dichtholen der Reffleine. Mir bleibt nichts anderes übrig, als aufs Vorschiff zu gehen und die Reffleinen zu klarieren. Was passieren muss – passiert. Das Schiff springt von der Bugwelle ins Wellental, und es gibt einen donnernden Ruck. Ich rutsche dabei am Mast aus und hänge wie ein zusammengerollter Käfer in den Sicherheitsleinen. Ich spüre brennende Schmerzen an meinen Schienbeinen und stauche mir die Finger an der linken Hand. Karsten, der im Steuerstand an den Winschen steht, bekommt das gar nicht richtig mit und wundert sich, als ich mit schmerzverzerrtem Gesicht wieder zu ihm in die „Sicherheitszone“ des Steuerstands krabble – im wahrsten Sinne des Wortes. Schweißgebadet und etwas lädiert bringen wir das Manöver nach gut 50 Minuten zu Ende.
Nach dem Reffen und einer kleinen Kurskorrektur wird es etwas erträglicher an Bord. Karsten bietet mir an, die Augen zu schließen – ich lege mich neben ihm im Salon hin und falle sofort in einen zweistündigen Tiefschlaf. Gegen 5 Uhr schicke ich Karsten in seine Koje. Er sieht gar nicht gut aus und ist völlig am Ende. Schon einige Stunden vorher beim Reffmanöver fiel es ihm aufgrund des Schlafentzugs schwer, rechts und links – also Steuerbord und Backbord – zu unterscheiden.
Es ist gerade für uns beide eine Ausnahmesituation, aber wir wachsen daran!
Ich bin froh, dass Karsten mit an Bord ist und dass er mit meinem „Gebrumme“ (wenn ein Manöver nicht gleich so funktioniert) gut umgehen kann.
Die Sonne geht auf – der dritte Seetag beginnt. Karsten liegt unten und schnarcht, so laut, dass ich es bis oben hören kann. Sein Körper holt sich nun endlich den Schlaf, den er so dringend braucht. Ich sitze wieder im Salon am Kartentisch und höre erneut den „Domian – 1Live“-Podcast. Meine Augen brennen, und ich kämpfe gegen die Müdigkeit an. In den letzten 48 Stunden habe ich wohl insgesamt nicht mehr als fünf Stunden geschlafen. Ich gehe nach draußen, setze mich an den Steuerstand und traue meinen Augen nicht: Eine kleine Schule von Delfinen taucht unter der KAMI durch, vielleicht 20 Tiere. Ich eile in den Salon, um mein Handy zu holen und Fotos zu machen. Als ich wieder draußen bin, sind die Delfine leider schon zu weit weg, um sie festzuhalten. Etwas enttäuscht schaue ich in die Ferne und sehe einen fliegenden Fisch aus dem Wasser springen. Geschätzt segelt er 10 Meter über die Wasseroberfläche – leider zu weit weg für ein Foto.
Gegen 7 Uhr ist Karsten wieder oben. Ich falle sofort todmüde in die Koje und schlafe sofort ein. Nach zwei Stunden rappele ich mich wieder hoch. Die Sonne scheint durchs Fenster, und mich zieht es nach draußen. Karsten ist nicht traurig, denn wir können gemeinsam ein schönes Frühstück im Cockpit genießen und über das Wetter und die Kursplanung philosophieren. Wir freuen uns über eine Nachricht von Sebastian Wache, der uns mit seiner Wettervorhersage in die entgegengesetzte Richtung schickt. Wir wenden also die KAMI (wir spielen uns von Mal zu Mal besser ein) und steuern die von ihm übersandten Wetterwegpunkte an. Wir versuchen, hart nach Osten zu kreuzen, denn hier zieht in den nächsten Tagen ein „friedliches“ Tiefdruckgebiet durch, das südöstliche Winde mitbringt. Genau diese Winde bringen uns nach Hause. Wir freuen uns schon darauf, nicht mehr hart am Wind auf Amwindkursen bolzen zu müssen und endlich einen schönen Raumwindkurs (Wind von hinten seitlich) zu haben, damit die KAMI viel ruhiger und schneller durchs tiefblaue Wasser gleiten kann.
Nach dem Frühstück setzen wir das Großsegel wieder ganz. Ich schmeiße den Generator und den Wassermacher an und beschließe, eine Waschmaschine anzusetzen. Karsten macht ein Powernap im Salon, und ich behalte die frisch aufgehängte Wäsche im Blick.
Die Zickzack-Kurslinien der KAMI sehen schrecklich aus auf dem Kartenplotter. Es fehlt uns nach wie vor der richtige Wind. Dazu kommt, dass wir eher konservativ segeln wollen. Wir kennen das Schiff noch nicht gut und wissen nicht, was wir der KAMI zumuten können.
Es wird wohl in den nächsten Tagen so weitergehen, bis sich bessere Segelbedingungen einstellen.
21.05.2023 – 11.48 Uhr Ortszeit – 15.50 Uhr UTC 2. Seetag Etmal: 99,3 sm Gesamtsumme: 99,3 sm Wind aus NO zwischen 3 und 10 Knoten Segelstellung – Großsegel voll – Genua voll – spitzer Amwindkurs um die 40° Speed über Grund: gerade um die 3,5 kn
Wir kriechen weiter Richtung Norden und passieren „Great Abaco Island“ an unserer Backbordseite. Karsten kocht leckeren Kräutertee (wir sind beide sehr trinkfaul), und dabei hören wir den Seefunk mit. Nichts Spannendes! Abwechselnd versuchen wir, ein Powernap zu machen, was bei dem ständigen Wellengehüpfe nicht so leicht ist.
Wir suchen den Wind und hoffen, dass er in den nächsten Tagen auf Süd dreht, damit wir endlich einen vernünftigen Raumwindkurs segeln können – das würde mehr Ruhe ins Schiff bringen.
Im Moment sind die Aussichten für die nächsten Tage leider eher bescheiden. Der Wind schläft regelmäßig ein, und unser Autopilot läuft auf Hochtouren, um den Kurs irgendwie zu halten. Sebastian Wache von Wetterwelt schätzt eine „Besserung“ erst ab dem 26. Mai – dann könnten die südlichen Winde langsam zurückkehren (wenn wir Glück haben) und uns Richtung Heimat schieben.
21.05.2023 – 06:30 Uhr Ortszeit Wir sind durch die Nacht, und die Sonne steigt langsam am Horizont auf. Endlich hat das Inselgekreuze ein Ende – wir haben die Inselpassage hinter uns und machen bei 13 Knoten Wind etwa 6 Knoten Fahrt über Grund. In der Nacht mussten uns einige Schnellfähren und Tanker ausweichen.
Der Sternenhimmel ist unglaublich: Milliarden von funkelnden Lichtpunkten, fliegende Satelliten und vereinzelte Sternschnuppen. Der Anblick haut uns beide um – wow! Genauso beeindruckend ist das tiefblaue Wasser. Einfach irre!
Karsten liegt seit zwei Stunden in „Vollmontur“ im Salon und schläft. Eigentlich hätte er bis 5 Uhr Wache, aber da ich keine Ruhe in der Koje finden konnte und mir etwas flau im Magen war, löste ich ihn ab und ließ ihn ausruhen. Das Boot knarzt und ächzt, wenn die Wellen gegen den Rumpf schlagen. Die Wellen in der Nacht zwischen den Inseln waren wahrlich nicht zahm. Auch einige Böen, die in die Segel fuhren, ließen unseren Adrenalinspiegel steigen.
Ich bin jetzt seit 26 Stunden auf den Beinen. Auch bei mir setzt langsam die Müdigkeit ein, aber ich halte planmäßig bis 9 Uhr Wache und hoffe, dann etwas Schlaf nachholen zu können.
In der Nacht mussten wir den Generator anschalten, da die Bordspannung unter 11 Volt fiel. Der Autopilot verbraucht ordentlich Energie, ebenso wie der Kühl- und der Tiefkühlschrank. Deshalb haben wir beschlossen, in der nächsten Nacht alle nicht notwendigen Verbraucher (auch Starlink & Co.) auszuschalten, um Energie zu sparen. Keine Sorge, wenn sich der Trackingpunkt der KAMI mal für einen halben Tag nicht bewegt. Sobald die Sonne unsere Solarpaneele wieder auflädt, sind wir wieder online.
Ich sitze jetzt im Salon am Kartentisch, schaue auf den Kartenplotter vor mir und überprüfe unsere Kurslinie. Um nicht einzuschlafen, höre ich Podcasts, die ich mir zu Hause heruntergeladen habe (über 20 Stunden Tonmaterial).
Die Sonnenstrahlen des jungen Tages kitzeln meine Nase. Ich ziehe den Hoody aus, den ich mir heute früh um 4 Uhr angezogen habe (nachts im Wind ist es recht frisch), und träume vor mich hin.
20.05.2023 – 20.00 Uhr Ortszeit Der Wind steht so ungünstig, dass wir noch mindestens zwei Wendemanöver fahren müssen. Beim ersten Manöver haben wir uns beide ziemlich „laienhaft“ angestellt, sodass wir beide Maschinen starten mussten, um wieder auf Kurs zu kommen. Jetzt stehen die Segel wieder, und wir fahren einen Zickzack-Kurs. Wir schätzen, dass wir gegen Mitternacht zwischen den beiden letzten Bahamas-Inseln hindurchkommen und das offene Meer erreichen.
Karsten steht in der Pantry und brutzelt Speck in der Pfanne. Unser Abendbrot haben wir uns heute mehr als verdient. Vereinzelt sehen wir zwei, drei Segelboote in der Ferne und den einen oder anderen Tanker.
Wann wir richtig mit unserem geplanten 4-Stunden-Schlaf-Wach-Rhythmus beginnen, ist noch nicht ganz klar. Im Moment haben wir einfach noch zu viel Adrenalin im Körper. Dazu kommt, dass wir gerade gegen die Wellen bolzen und das Schiff hin und her tänzelt. Vor der ersten Nacht graut es uns beiden ein wenig. Mindestens zwei Wendemanöver stehen noch im Dunkeln an.
Spannend!
Getreu dem Motto: „Wann hast du das letzte Mal etwas zum ersten Mal gemacht?“ – stellen wir uns der Herausforderung. Wir sind froh, wenn das Gekreuze morgen endlich ein Ende hat und wir etwas Konstanz in unseren neuen Bordalltag bringen können.
Der Wind soll morgen genauso bescheiden sein wie heute. Wir planen daher, uns mit der Filmdrohne sowie mit dem Angelzeug zu beschäftigen. Mal sehen, wie es nach der Nacht um die Müdigkeit bestellt ist.
Die Sonne taucht blutrot hinter dem Horizont ab – bis morgen …
20.05.2023 – 09.00 Uhr Ortszeit 1. Seetag Das Disney-Kreuzfahrtschiff „Wish“ läuft in den Hafen von Nassau (New Providence) ein, und ein breites, dunkles Regen- und Gewittergebiet zieht achtern auf. Wir beschließen, „Anker auf“ zu gehen und wollen die KAMI (vor der Gewitterzelle) in Richtung Nordost steuern. Das Anker-auf-Manöver klappt gut, und wir verlassen unter beiden Maschinen den Hafen von Nassau auf den Bahamas. Der Wind pendelt zwischen 7 und 9 Knoten – eigentlich reicht das nicht, um die 11 Tonnen des Schiffs in Bewegung zu setzen, aber wir setzen hoffnungsvoll das Großsegel und rollen die Genua aus. Wir machen im Schnitt um die 5 Knoten Fahrt. Gähnend langsam schiebt sich die KAMI durch das Wasser. Wir setzen Kurs zwischen die Inseln Abaco und Spanish Wells und hoffen, bis zum Einbruch der Dunkelheit zwischen beiden Inseln hindurch zu sein.
Wunschdenken!!
Erste kleine Problemchen zeigen sich: Unsere Geschwindigkeitsanzeige „Wasser“, also die Geschwindigkeit des Bootes inklusive Strömung und Versatz, funktioniert nicht. Wir vermuten, dass das „Logge-Rädchen“ am Bug durch Bewuchs blockiert ist. Wir haben also nur die Anzeige „SOG“ (Speed over Ground) – die Geschwindigkeit über Grund – zur Verfügung, die sich durch GPS berechnet.
Das Mobilteil des VHF-Funkgerätes lässt sich nicht mit dem Bord-WLAN verbinden. Dank „Starlink“ schauen wir How-to-Videos und hoffen, das kleine Problem so lösen zu können.
Karsten steht am Steuerstand und übt, freihändig zu steuern – also ohne Hilfe des Autopiloten. Bei uns beiden müssen sich die ganzen Begriffe wie True Wind Course, True Wind Angle usw. erst einmal richtig ins Gehirn einprägen. Das schaffen wir schon!
Wir sind beide froh, dass die Fahrt so ruhig und entspannt beginnt. Die Wellen halten sich in Grenzen und die Sonne scheint uns ins Gesicht. In einer Stunde wollen wir uns den ersten auf „See“ Kaffee machen…