Atlantic Crossing – Seetagebuch

1. Seetag – Sonntag, 16.11.

Wir starten pünktlich gegen 8 Uhr und verlassen die Marina in Santa Cruz de La Palma. Die Sonne scheint, der Wind bläst mäßig. Am Samstagnachmittag haben wir die Routing-Mail von Alina (wetterwelt.com) bekommen und die geplanten Wegpunkte für die ersten zehn Seetage in unseren Plotter eingegeben. Sie hat eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 5,6 Knoten angesetzt. Insgesamt sind es etwa 2.550 Seemeilen bis Martinique, geplante ETA ist der 5. Dezember.

Nachdem wir den Hafen verlassen haben, setzen wir Großsegel und Genua und machen zunächst um die 5 Knoten Fahrt. Leider schläft der Wind rasch ein, und wir befinden uns in der Landabdeckung. Also Großsegel runter und Genua weg. Stattdessen rollen wir den Gennaker, unser Leichtwindsegel, aus und machen so weiter zwischen 4 und 5 Knoten Fahrt. Gegen Abend wollen wir eine Halse fahren und ziehen uns dabei aus Versehen das Relingsnetz in den Steuerbord-Gennakerblock. Ich (Mike) greife schnell hinterher (leider ohne meinen Grips einzuschalten) und quetsche mir den linken Ringfinger und verbrenne mir den Zeigefinger. Ein lauter Schrei hallt über das Meer, und Kathi kommt sofort zu Hilfe. Die Schmerzen an den Fingern sind kaum zu ertragen. Warum habe ich meine Handschuhe nicht angezogen? Ein Eispack und zwei Ibuprofen helfen mir über die nächsten Stunden. Ärgerlich.

Gegen 18:30 Uhr wird es dunkel und wir entscheiden uns, mit Genua und Backbord-Maschine durch die Nacht zu fahren – in der Hoffnung, dass der Wind endlich stabiler wird und wir aus der Abdeckung der Insel La Palma kommen. Die Nacht ist sehr schwellig. Wellenberge von bis zu 3 Metern treffen uns seitlich an Steuerbord und schlagen unter der Gondel (der Mitte des Katamarans) zusammen. Das gibt fürchterliche Rumpel- und Rumpsgeräusche, super laut. Schlaf finden wir nur schwer. Kathi leidet schon wieder an leichter Übelkeit (meistens in den ersten Tagen auf Passage), findet aber gegen Mitternacht Schlaf und Träume.

Piper kommt mit dem Start der Atlantiküberquerung sehr gut klar. Sie schläft viel und schmust gerne. Ich sitze – wie so oft – um Mitternacht am Kartentisch, als mir ein weißes Blinken in unserer achterlichen Kabine auffällt. Ich gehe runter und sehe, wie ein Deckenstrahler blitzt und blinkt. Das Gehäuse ist heiß und der Strahler lässt sich nicht ausschalten. Was ist das? Schnell hole ich einen passenden Innensechskantschlüssel aus der Schublade und montiere den Deckenstrahler ab. Dabei kommt mir ein Schwall Salzwasser entgegen – das Bettlaken ist nass. Ich schaue verdutzt und trenne die Funzel schnell vom 12-Volt-Strom. Kurzschluss! Na prima – was für ein toller erster Seetag. Leider lässt sich nicht herausfinden, wo das Wasser oben aus der Kabinendecke herkommt. Ich lege erst einmal ein Handtuch und Küchenrolle aus.

Gegen 2 Uhr lege ich mich auch auf unser Schlaflager im Salon. Piper schnarcht und Kathi ist im Land der Träume. Ich stelle Plotter und Radaralarm ein und richte mir Timer im Zweistundenrhythmus ein. So richtig komme ich aber nicht zur Ruhe. Erst als es gegen 7:30 Uhr langsam hell wird, falle ich in einen kurzen Tiefschlaf. Seit gestern Abend konnten wir kein Schiff in unserer Nähe oder auf unserer Kurslinie ausmachen.

Gegen 9 Uhr stehen wir auf und trinken einen Kaffee. Piper hat schon wieder Hunger und fordert ihr Frühstück ein. Für uns gibt es eine Tasse mit Crunchy und Kellogg’s. Nach dem Frühstück setzen wir wieder das Großsegel und die Genua und stellen die Backbord-Maschine ab. Bei einem Windwinkel von 140 Grad halten wir unseren Kurs grob in Richtung des nächsten Wegpunkts. Vormittags versuche ich mein Glück mit der Angel. Es gibt tatsächlich einen kräftigen Biss, doch nach der Hälfte der eingeholten Angelschnur verlieren wir das Sushi. Schade. Weiterprobieren.

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2. Seetag – Montag, 17.11.
Erstes Etmal: 135 Seemeilen (24 Stunden)
Windstärke zwischen 2 und 4 Beaufort (max. kurzzeitig 21 Knoten)
Großsegel voll – Genua voll

Wir dösen im Salon, das Wetter ist wechselhaft. Wir machen etwa 6 Knoten Fahrt und unser nächster Wegpunkt ist 73 Seemeilen entfernt. Kathi kämpft noch mit ihrer Übelkeit, und ich will versuchen, sie wenigstens zu einer kleinen Mahlzeit am Abend zu überreden. In weiser Voraussicht hat sie auf La Palma für fünf Tage vorgekocht – gut so. Der Schwell ist mit 2,5 bis 3 Metern noch immer sehr unangenehm. Morgen soll er langsam nachlassen und sich um die 2 Meter einpendeln. Mitte der Woche lässt der Schwell hoffentlich noch weiter nach. So wäre die Überfahrt deutlich entspannter und ruhiger. Wir sind gespannt.

Bis zum Nachmittag machen wir kein einziges Schiff aus. Viele der Atlantikstarter haben ihren Kurs südlich in Richtung Kapverden abgesetzt. Nur eine Handvoll anderer Segler zieht es direkt hinüber in die Karibik. Am Sonntag kommt dann der Pulk der rund 150 Segelboote der ARC, startend von Gran Canaria in Richtung Karibik, Saint Lucia. Zu diesem Zeitpunkt haben wir – sofern alles gut geht und der Wind uns nicht hängen lässt – schon eine Woche Vorsprung mit knapp 1.000 Seemeilen im Kielwasser.

Die Nacht ist durch den immensen Schwell sehr laut. Die Wellenberge donnern gegen und unter das Schiff, an erholsamen Schlaf ist nicht zu denken. Dazu kommt, dass der Wind ständig hin- und herdrehst und wir keinen richtigen Kurs finden. Mit voller Besegelung gehen wir auf südlichen Kurs und verlassen damit eigentlich unsere geplante Wegpunktroute. Gegen 6 Uhr dreht der Wind weiter auf Südost, wir würden nun völlig in die falsche Richtung fahren. Also fahren wir eine Halse und gehen auf Gegenkurs. Auch hier finden wir keinen beständigen Wind und holen eine Stunde später Großsegel und Genua ein.

Wir rollen den großen Gennaker aus und setzen den Kurs auf den 155 Seemeilen entfernten Wegpunkt ab. Der Wind brist auf 25 Knoten auf – eigentlich viel zu viel für das Leichtwindsegel – und wir machen um die 8 Knoten Fahrt. In Anbetracht unseres nächtlichen Wegverlustes erfreulich. Dann höre ich die Angelrute klicken: ein Biss. Ich hole die Angelschnur ein und merke nach gut der Hälfte, dass sich der Haken gelöst haben muss. Wieder kein Angelglück.

Als ich meinen Kopf zum Heck drehe, sehe ich unsere Rettungsinsel, die sich aus der Halterung gelöst hat und „auf halb acht“ hängt. Oh nein. Schnell öffne ich den Seezaun und versuche, den Container, in dem sich die Rettungsinsel befindet, mit einem Gurtband zu fixieren. Das gelingt, sie scheint erst einmal wieder fest zu sitzen. Die hohen Wellen haben die Rettungsinsel ständig in der Halterung nach oben gedrückt, dadurch muss sich ein Fixierband gelockert haben. Gut, dass mir das aufgefallen ist. Nicht auszumalen, wenn wir die Insel unbemerkt verloren hätten oder sie ins sprudelnde Heckwasser gefallen wäre.

Bis jetzt war jeder Tag aufregend. Langsam darf es bitte etwas ruhiger werden. Besonders der krasse Schwell macht uns zu schaffen.

Noch ein Nachtrag: Heute früh haben wir auf der Steuerbordseite während unserer ersten Gassirunde an Deck riesige Fischschuppen und eine bräunliche Blutspur an der Mittelklampe entdeckt. Abenteuerlich. Was war hier in der Nacht los? Es sind keine Überreste von Meeresbewohnern an Deck zu finden, nur Schuppen und Blut. Die Nacht war und ist stockdunkel, und von 18:30 Uhr bis 7:30 Uhr fühlt sie sich auch besonders lang an.

3. Seetag – Dienstag, 18.11.
Zweites Etmal: 136 Seemeilen
Gesamt: 270 Seemeilen
Bis Martinique: 2.354 Seemeilen
Windstärke zwischen 5 und 6 Beaufort
Gennaker voll bei 144 Grad

Der heftige Atlantikschwell sitzt uns noch immer in den Knochen, aber wir kommen gut voran und hoffen auf ein gutes nächstes Etmal (Zeitmessung von 12 Uhr mittags bis zum nächsten Tag um 12 Uhr). Wir ruhen uns aus, soweit das bei dem Geschaukel möglich ist, und essen abends selbst gekochten weißen Bohneneintopf. Lecker. Gegen 18:15 Uhr wird es dunkel und kurz darauf ist wieder pechschwarze Nacht. Wir machen es uns im Salon bequem und schauen über Starlink und VPN-Tunnel ein, zwei deutsche Komödien.

Gegen 23 Uhr hören wir einen Knall in der Nähe unseres achterlichen Cockpits. Piper schreckt auf, schaut sich um und fängt an zu bellen und zu schimpfen. Sie läuft zur Salontür und ihr Fell stellt sich auf. Was hat sie nur entdeckt? Wir können nichts erkennen und versuchen, sie wieder zu beruhigen. Das gelingt recht schnell und wir legen uns wieder auf unser selbstgebautes Passagebett im Salon und schlafen ein.

In der Nacht löst der Radaralarm aus. Kein annäherndes Schiff, sondern ein Squall, eine Schlechtwetterzelle mit Regen und Gewitter, etwa 5 Meilen südlich unserer Position. Sie zieht rasch vorbei, und so vergeht die Nacht ohne weitere Kontakte, bis es langsam gegen 7:20 Uhr hell wird. Draußen nieselt es. Kathi geht mit Piperli zur morgendlichen Decksrunde, und kaum ist sie draußen, höre ich ein lautes „Iiihh“. Hinten liegt ein toter fliegender Fisch. Seine Schuppen sind über die Stufen verteilt und kleben überall am GFK. Wir ziehen Piper vom Fisch weg – zu gerne würde sie kosten, so sieht es jedenfalls aus.

Nach dem morgendlichen Schreck gibt es ein schönes Frühstück mit selbst gebackenem Brot und Spiegeleiern. Köstlich. Gegen halb elf passiert uns an der Backbordseite ein kleineres Kreuzfahrtschiff mit Namen „MARINA“. Es ist in La Gomera auf den Kanaren gestartet und hat Barbados in der Karibik als Zielhafen. „Hey, warte und zieh uns hinterher“, denken wir uns im Spaß. Der Wind hat nachgelassen und wir machen gerade einmal 4 Knoten Fahrt, also rund 7 km/h. Da kommt uns das von hinten überholende Kreuzfahrtschiff mit seinen knapp 18 Knoten Fahrt wie ein Speedboot vor.

Die Sonne ist wieder da und wir hören chillige Musik. Piper liegt an Deck in der Sonne und schlummert. Die Angel ist draußen. Mike hat sich nun zusätzlich zu seinem kleinen Handunfall auch noch eine Erkältung eingefangen. Was soll’s – bis Martinique ist hoffentlich alles wieder okay.

4. Seetag – Mittwoch, 19.11.
Drittes Etmal: 140 Seemeilen
Gesamt: 400 Seemeilen
Bis Martinique: 2.084 Seemeilen
Windstärke zwischen 4 und 5 Beaufort
Gennaker voll bei 147 Grad – teilweise läuft die Maschine mit

Der Schwell beruhigt sich langsam, und je näher der Abend rückt, desto mehr schläft der Wind ein. Dafür sind wir jetzt regelmäßig von Squalls umzingelt – der Radaralarm piept fast im Viertelstundentakt, und wir sehen die Regengebiete um uns herumziehen. Wir essen zum Abend die letzte Portion weißen Bohneneintopf und bereiten uns für die Nacht vor. Mike nimmt Paracetamol sowie frischen Pfefferminztee mit Ingwer zur Schlafförderung ein.

Dann holen uns die Regenfronten ein, und die KAMI wird ordentlich abgeduscht – zu unserer Freude, denn so wird die Salzkruste auf dem Schiff über Bord gespült. Gegen Mitternacht fällt der Wind auf 6 Knoten ab, und wir machen nur noch 2 bis 3 Knoten Fahrt. Der Gennaker flattert wie ein altes Handtuch auf der Wäscheleine, also holen wir ihn ein und fahren mit einer Maschine weiter. Wir nutzen die Flaute, um unseren Kurs zu korrigieren, den wir zuvor wegen des nicht optimalen Windwinkels nicht halten konnten. Die Maschine dreht mit 1.800 U/min, und wir machen 4 bis 5 Knoten Fahrt. So brummt es wieder durch die stockdunklen Nachtstunden.

Der Atlantik beruhigt sich mehr und mehr, der Schwell wird endlich erträglich, sodass wir längere Schlafphasen genießen können. Morgens weckt uns die Sonne; die Regengebiete liegen nun fast 30 Seemeilen entfernt, und wir fahren weiter Richtung Westen. Die Flaute soll bis morgen Nachmittag anhalten. Wir nutzen die ruhige See, füllen 50 Liter Diesel in den Backbordtank nach, und Kathi wirft eine Waschmaschine an und befreit den Salon von Staub und Hundehaaren.

Mir fällt auf, dass wieder Wasser durch den Deckenlampensockel in unserer Kabine getropft ist – bei den nächtlichen Regengüssen kein Wunder. An Deck entdecke ich in der Nähe eine lose Persenninghalterung: Die Schraube steckt nur locker und greift nicht mehr. Ich entferne sie und verschließe die Löcher provisorisch mit Panzertape. Beim nächsten Regenguss werden wir sehen, ob hier das Problem des Wassereinbruchs liegt – sonst könnten wir uns keinen Reim darauf machen. Auch an diesem Seetag kein Anglerglück. Ich versuche, das Schleppangel-Setup zu verbessern (andere Köder + mehr Blei). Wir werden sehen.

5. Seetag – Donnerstag, 20.11.
Viertes Etmal: 115 Seemeilen
Gesamt: 515 Seemeilen
Bis Martinique: 2.107 Seemeilen
Windstärke zwischen 0 Flaute und 1
Keine Segel – wir motoren

Wir motoren weiter, denn die Flaute soll noch bis zum Nachmittag anhalten. Wir arbeiten ein wenig digital und beschäftigen uns mit dem Wetterrouting von Predictwind. Sehr interessant: Nach der Routenberechnung sollen wir in 17 Tagen in Martinique eintreffen. Niemals!

Durch die Flaute haben wir endlich Ruhe im Schiff. Wir nutzen die Zeit für einen kleinen Rundumschlag. Die Sonne scheint, und bei Wind könnte man von Champagnersegeln sprechen. Wir hoffen, dass der Wind bald wiederkommt. Die Nacht ist ruhig, und wir finden alle drei mal wieder tiefen Schlaf. Gegen Morgen ist das Meer fast spiegelglatt. Wir lesen 1,6 Knoten Windgeschwindigkeit ab und stellen die ersten Treibstoffrechnungen an. Bisheriger Verbrauch durch die Motorstunden: knapp 90 Liter. Das macht 3 bis 4 Liter pro Stunde bei 1.800 U/min und 4,5 Knoten Fahrt. Mit unserem gesamten Diesel kämen wir auf ca. 900 Seemeilen. Wir hoffen aber, dass der Wind heute Nachmittag oder abends wieder einsetzt und wir segeln können. Das Motorenbrummen reicht erst einmal.

Ich werfe gleich nach Tagesanbruch die Angel erneut aus. Gegen 10 Uhr ist er endlich da – der richtige Biss! Wir holen einen schönen Mahi-Mahi an Bord. Das Heck sieht aus wie nach einer Schlachtung. Wir halten uns ran, den Fisch zu filetieren und das Boot danach zu putzen. Welch eine Freude – endlich ein richtiger Fang! Abends geht er auf den Grill.
Wir sind happy.

6. Seetag – Freitag, 21.11.
Fünftes Etmal: 111 Seemeilen
Gesamt: 626 Seemeilen
Bis Martinique: 1.990 Seemeilen
Flaute
Wir motoren

Der Wassermacher läuft, und wir füllen unsere Frischwassertanks mit 150 Litern nach. Wir wollen die Tanks mit 600 Litern Volumen nicht mehr ganz füllen – das Gewicht bremst uns nur aus. Wir einigen uns auf die Hälfte, das reicht noch zum täglichen Duschen, Abwaschen und für die eine oder andere Waschmaschine. Zur Not produzieren wir pro Stunde 100 Liter nach.

In den letzten 24 Stunden haben wir kein einziges Schiff gesehen. Nachmittags taucht die polnische „Meteor“ auf dem Plotter auf – ein Segelboot mit vermeintlich gleichem Kurs hinüber in die Karibik. Die „Meteor“ hatte uns letzte Nacht überholt, jetzt dümpelt sie ohne Fahrt im Flautenfeld. Wir motoren langsam vorbei und sind gespannt, ob und wann sie uns wieder einholt, wenn der Wind zurückkehrt. Zum Abend bereitet Kathi den frisch gefangenen Mahi-Mahi auf dem Herd zu. Er landet doch nicht auf dem Grill, sondern zu einem Drittel gedünstet in Pipers Fressnapf und zu zwei Dritteln im Backofen mit Zitronenbutter bestrichen plus Microgreens-Petersilie aus dem Schiffssalon. Eine Delikatesse – das Abendbrot ist perfekt und schmeckt himmlisch.

Nachdem die Sonne gegen 19 Uhr untergegangen ist, machen wir es uns wieder auf unserem Salonlager bequem. Auf einer externen Festplatte haben wir über 400 Spielfilme und Serien dabei. Davon schauen wir zwei, und so geht es in die Nacht. Gegen Mitternacht kommt langsam der Wind zurück, und einige Squalls ziehen dicht an uns vorbei. Zur Prävention legen wir die externen Festplatten, das Sat-Telefon, ein Handy, eine Handfunk und Mikes Laptop in den Backofen – er wirkt bei einem etwaigen Blitzeinschlag wie ein Faradayscher Käfig. Wir haben Glück, und die Gewitterzellen ziehen vorbei.

Gegen 3 Uhr bringen wir den Gennaker wieder aus und schalten die zuvor laufende Backbord-Maschine ab. Zwar ändert sich der Kurs durch die neue Windrichtung, aber grob passt es erst einmal. Durch den Wind nimmt die Welle wieder zu, und es wird laut im Schiff – so laut, dass diesmal Kathi keinen Schlaf findet. Gegen Morgen klagt sie über starke Kopfschmerzen und Halsweh. Sie bekommt Medikamente, einen Kräutertee und legt sich zu einem ausgiebigen Vormittagsschlaf hin.

7. Seetag – Samstag, 22.11.
Sechstes Etmal: 128 Seemeilen
Gesamt: 754 Seemeilen
Bis Martinique: 1.886 Seemeilen
Flaute bis 3 Uhr nachts – danach 3 bis 4 Beaufort
Wir motoren bis 3 Uhr, danach unter Gennaker

Wir haben ordentliche Windsee, und die KAMI wird kräftig durchgeschüttelt. Dieser Zustand soll nun einige Tage anhalten. Der Wind hat aufgefrischt, und wir machen gute Fahrt. Leider ist der Windwinkel für unseren eigentlichen Kurs nicht optimal, sodass wir mit 145 Grad kreuzen müssen, um voranzukommen. Gegen Abend entscheiden wir uns für einen südlicheren Kurs und machen gut Strecke. Der Nachteil: Wir kommen unserem Ziel nicht viel näher. Durch das Kreuzen geht viel Zeit und Weg verloren. Trotzdem tasten wir uns langsam heran – Stück für Stück.

Seit Tagen kein Schiff in Sicht – das ändert sich heute. Auf dem Plotter taucht eine AIS-Linie auf, die frontal auf uns zukommt: der Frachter „Donaugracht“. Wir berechnen die Kurse, und uns wird es mulmig. Je näher wir kommen, desto öfter kreuzen sich die Linien. Das liegt auch daran, dass die KAMI im „Windmodus“ des Autopiloten fährt und bei der hohen Windsee die Kurslinie ständig springt. Ein schneller Kurswechsel wäre hier schwierig – wir müssten halsen und Segel einholen. Als wir nur noch wenige Meilen entfernt sind, tritt Piper auf den Plan: Sie bellt und schimpft in Richtung Frachter. Security Dog im Einsatz. Sweet! Wir passieren recht nah an seiner Backbordseite und fragen uns warum er nicht mehr abgedreht hat? Wer weiß.

Humpelig geht es in die Nacht. Auf dem Radar sind etliche Squalls zu sehen, und wir hoffen, ohne Kontakt durchzuschlüpfen. Reines Wunschdenken! Der Wind nimmt zu, die KAMI läuft immer schneller – in Spitzen bis 12,5 Knoten. Zu viel. Wir wünschen uns, dass die wahre Windgeschwindigkeit abnimmt – da geht ein Schlag durch die KAMI, wir hören lautes Rauschen und spüren ein Schlingern. Der Plotter zeigt: 31,5 Knoten wahrer Wind! Schockstarre! Unbemerkt sind wir in einen Squall geraten. Wir springen auf, ziehen Rettungswesten an und stürzen zum Steuerstand, um den voll ausgeholten Gennaker wegzunehmen. Ein Leichtwindsegel für bis 15 Knoten – über 30 geht gar nicht, Rigg oder Tuch könnten beschädigt werden. Beim Einholen lässt die Bö nach, und wir rollen es ohne Risiko gut weg. Glück gehabt. Es gießt wie aus Eimern, wir sind in zwei Minuten nass bis auf die Haut. Wir setzen die Genua, Großsegel im 2. Reff – safe Setup, gute Fahrt.

8. Seetag – Sonntag, 23.11.
Siebtes Etmal: 141 Seemeilen
Gesamt: 893 Seemeilen
Bis Martinique: 1.767 Seemeilen
Windstärke zwischen 4 und 5 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Gennaker ab 0 Uhr Wechsel auf Genua

Wir kommen einigermaßen gut voran. Der Wind bläst aus Ost-Nordost, und wir segeln „Vorwind“ – der Wind bläst achterlich ins Segel. Aufgrund der Bauart unseres Katamarans können wir leider nur bei Vorwindkursen mit einem Winkel zum wahren Wind von maximal 145 Grad fahren. Das heißt, die KAMI braucht Wind schräg von hinten, sonst müssen wir etwas eindrehen. So ist es gerade bei uns. Einen direkten Kurs westwärts können wir nicht nehmen, sondern nur Südwest oder Nordwest segeln. Deshalb müssen wir regelmäßig halsen und die Kurslinie kreuzen. Dadurch benötigen wir mehr Zeit und Strecke als andere Segler, die direkt vor den Wind segeln können.

In der Praxis werden wir von Segelbooten überholt, die mit uns in Richtung Karibik gestartet sind. Das sorgt bei uns für ein wenig Frust, und wir rechnen damit, dass wir unseren angestrebten Ankunftstermin in Martinique nicht halten können. Natürlich haben wir alle Zeit der Welt – trotzdem ärgern wir uns ein bisschen darüber, dass wir segeltechnisch durch den Katamaranaufbau eingeschränkt sind.

Nachmittags werfen wir die Angel wieder aus und haben tatsächlich einen kräftigen Biss. Wir schaffen es kaum, die Leine mit der Rolle einzudrehen, bis sich der Fisch im letzten Moment doch noch befreit. Wahrscheinlich waren wir zu schnell. Wir probieren es weiter.

Abgesehen von der kräftigen 2-Meter-Windsee war der Tag recht entspannt. Kathi hat sich mit unserer 3D-Kamera Insta 360+ beschäftigt, und Mike las ein Ebook von Segelaussteigern. Abends gab es einen Schweinebraten mit Kartoffelstampf – super lecker!

Die erste Nachthälfte war sehr laut und unruhig. Erst als Mike auf Gegenkurs wechselte, kehrte etwas Ruhe ein und wir alle fanden Schlaf.

Seit den Morgenstunden läuft der Generator. Durch die erschwerten Ruderbedingungen in der Nacht hat unser hydraulischer Autopilot ordentlich Strom verbraucht, sodass die Batteriebänke auf 77% gefallen sind. Trotz Solarertrag werden wir einige Stunden zum Laden brauchen. Nebenbei produzieren wir heißes Wasser und Frischwasser mit dem Watermaker.

9. Seetag – Montag, 24.11.
Achtes Etmal: 135 Seemeilen
Gesamt: 1.038 Seemeilen
Bis Martinique: 1.658 Seemeilen
Windstärke zwischen 4 und 5 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Genua ab 9 Uhr Wechsel auf Gennaker

Wir kreuzen nach wie vor und nutzen die raumen Kurse. Dadurch verplempern wir weiter Zeit und Strecke, und der Abstand zu den anderen Seglern wird immer größer. In der Nacht wechseln wir wieder von Gennaker auf Genua – zu sehr rauschen die Wellen achterlich ans Schiff. Die KAMI ächzt und knarrt, Schlaf finden wir so nicht. Wir gehen auf Gegenkurs und ändern die Besegelung. Der Wind ist so stark, dass Mike den Gennaker kaum einrollen kann – der Druck im Tuch ist enorm. Nach großer Anstrengung meistern wir das Manöver und gehen gegen 1 Uhr ins Bett.

Kathi übernimmt den Großteil der Nachtwache und sieht auf dem Plotter, wie die zwei Segler in unserer Nähe an uns vorbeiziehen. In den Morgenstunden entlädt sich eine Schauerzelle über der KAMI – wie eine Fahrt durch die Waschanlage. Regenwasser strömt vom Oberdeck nach unten, und wieder tropft es aus dem Lampensockel in unserer Kabine. Wo kommt es nur genau her? Wir forschen weiter.

Langsam geht frisches Obst und Gemüse zur Neige. Die Bananen haben sich zuerst verabschiedet, gefolgt von den Birnen. Noch ein paar Äpfel und Südfrüchte halten durch. Täglich checken wir und sortieren angegangenes Obst/Gemüse aus. Die Angel ist draußen, doch durch zunehmendes Sargassum wirds schwieriger – die Algen verfangen sich in Leine und Köder. Nachmittags Videocall mit Basti: Toll, dass wir dank Starlink hier draußen gute Datenverbindungen haben. Sonst nichts Neues. Die Zeit vergeht schnell – obwohl wir langsam unterwegs sind.

10. Seetag – Dienstag, 25.11.
Neuntes Etmal: 125 Seemeilen
Gesamt: 1.297 Seemeilen
Bis Martinique: 1.445 Seemeilen
Windstärke zwischen 2 und 2 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Gennaker voll / ab 2:00 Uhr motoren

In der Nacht nehmen wir ein immer lauter werdendes Knarzen aus dem Heckbereich wahr. Mike vermutet den hydraulischen Autopiloten als Ursache, und tatsächlich: Im Backbordmaschinenraum stellen wir fest, dass sich die Halterung des Hydraulikzylinders, der mit der Lenkstange verbunden ist, etwas gelöst hat. Wegen der Bewegungen drückt der gelockerte Zylinderfuß in die hölzerne Befestigungsplatte.

Wir ziehen raschg alle vier Befestigungsbolzen wieder fest, und die störenden Geräusche verschwinden. Im Hafen werden wir die Bolzen nochmals nachziehen und mit Loctite sichern.

Nach dem Frühstück sehen wir erstmals seit Beginn der Passage wieder Delfine. Eine kleine Dreiergruppe zeigt sich für einige Minuten unter unserem Trampolin im Bugbereich. Die Wassertemperatur liegt jetzt bei 28 Grad Celsius – auf den Kanaren waren es noch 24 Grad. Wir kommen also unserem Ziel näher.

Auch nachts ist es im Salon durchgehend warm, und wir bedecken uns nur noch mit leichten Tüchern – normales Bettzeug ist nicht mehr angenehm.

Am Vormittag erhalten wir Post von Alina (wetterwelt.com): Der Wind soll noch weiter nachlassen, und ab dem 1. Dezember rollt ein Tiefdruckgebiet aus Norden über uns mit Böen bis 32 Knoten und Squalls mit Gewittern. Klasse. Wir studieren verschiedene Wettermodelle im Detail und beschließen, uns mehr südlich zu halten, um den zahlreichen angekündigten Squalls möglichst aus dem Weg zu gehen. Wind und über 3 Meter hohe Wellen werden uns dennoch erreichen.

So richtig kommen wir mit unseren Segel-Setups nicht voran, da wir verschiedene Parameter wie Windrichtung, Windwinkel, Geschwindigkeit und Windstärke beachten müssen. Anders als Einrumpfsegler können wir wegen des stehenden Guts bei Katamaranen nicht beliebig segeln, sondern nur bei raumen Kursen. Bei achterlichem Wind (um 180 Grad) geht nichts mehr.

Deshalb durchforsten wir online hilfreiche Informationen zu Segelstellungen mit und ohne Hilfsmittel wie Barbarholer & Co. Auf YouTube finden wir einige gute Videos und planen, die Segelstellung „Butterfly“ am nächsten Tag auszuprobieren. Wir wissen jetzt schon: Ein Parasailer soll her, ein freifliegendes Segel, das bei achterlichen Winden für ruhigen und konstanten Vortrieb sorgt. Wir werden in der Karibik entsprechend Ausschau halten.

11. Seetag – Mittwoch, 26.11.
Zehntes Etmal: 125 Seemeilen
Gesamt: 1.422 Seemeilen
Bis Martinique: 1.320 Seemeilen
Windstärke zwischen 2 und 3 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Gennaker voll / ab 2:00 Uhr motoren

Nachdem wir die Nacht bei nur 4 Knoten Wind durchgemotort haben, setzen wir gleich nach dem Frühstück unser Vorhaben um: die Segelstellung „Butterfly“. Damit können wir bis zu 175 Grad zum Wind fahren – ein direkterer Kurs Richtung Martinique ist möglich, das ständige Kreuzen entfällt. Wir setzen den Gennaker auf Backbord und die Genua auf Steuerbord. Die Genua „ausbaumen“ wir leicht nach außen, damit sie nicht einfällt. Und tatsächlich klappt es: Bei 10 Knoten Wind machen wir gut 5 Knoten Fahrt. Cool – wieder etwas dazugelernt! Learning by doing! Anders geht es ja auch nicht.

In weiser Voraussicht auf das kommende Tiefdruckgebiet befüllen wir die Treibstofftanks erneut. Insgesamt 200 Liter Diesel haben wir schon verbraucht (Generator + Backbord-Maschine während der Flauten). Noch 500 Liter stehen zur Verfügung – das ist okay.

Unsere Brotvorräte neigen sich dem Ende zu. Also backen wir noch ein leckeres Sauerteigbrot, bevor die ruppigen Seetage ab 1. Dezember beginnen. Heute Abend nehmen wir an einem Online-Microseminar unseres Vereins teil: Thema „Proviantieren für Langfahrt“. Wir erhoffen uns Tipps zur Lagerung von frischem Obst und Gemüse. Mit der Zeitzone klappt es um 17:30 Uhr. Besonders nützlich: Tipps zu Hühnereiern – mit Öl abreiben, luftig lagern, regelmäßig drehen. So sollen Eier monatelang ohne Kühlung haltbar sein. Die Tipps setzen wir gleich nächsten Vormittag um.

Die Nacht fahren wir weiter im Schmetterling. Bei durchschnittlich 10 Knoten Wind machen wir 4 bis 5 Knoten Fahrt. Vermutlich wird das kommende Etmal unser bisher schlechtestes – aber bei mäßigem Wind ist momentan nichts mehr rauszuholen (jedenfalls für uns Segelanfänger).

12. Seetag – Donnerstag, 27.11.
Elftes Etmal: 109 Seemeilen
Gesamt: 1.406 Seemeilen
Bis Martinique: 1.344 Seemeilen
Windstärke zwischen 2 und 3 Beaufort
Gennaker und Genua im Schmetterling (bis 7:00 Uhr danach – Großsegel im 2. Reff und Gennaker)

Tagsüber beschäftigen wir uns wieder mit den Wind- und Wetterprognosen. Ab Samstag soll es mit Böen bis 35 Knoten ruppiger werden. Wir vorsorgen: Trinkwassertanks auffüllen, für uns und Piper vorkochen. Das gestern angesetzte Sauerteigbrot backt bei 170 Grad für eine Stunde aus. Momentan pusten noch 10 Knoten Wind, wir machen um die 5 Knoten Fahrt. Erst ab morgen früh 4 Uhr soll der Wind zurückkommen und sich stetig aufbauen. Dann wechseln wir das Segel-Setup wieder: Großsegel im 2. Reff mit Genua als Vorsegel – hoffentlich gute und vor allem sichere Fahrt.

Bergfest!

Die Hälfte ist geschafft. Bei günstigem Wetter erreichen wir Martinique am 8. Dezember – perfekt zum gebuchten Liegeplatz ab 8.12. in der Marina Pointe du Bout. Zur Feier gibt’s heute Abend einen „milden“ Gin-Tonic auf die gemeisterte Strecke. Ausnahme von unserer Bordregel: während Passagen kein Alkohol.

Der leichte Wind schiebt die KAMI mit 4,5 Knoten weiter Richtung Südwest. Abends schauen wir von unserer Medienfestplatte wieder zwei leichte Schmunzelfilme, eine Art von Unterhaltung, die gemütlich dahinplätschert und keine große Konzentration erfordert. Gegen 23 Uhr legen wir uns hin und genießen eine relativ ruhige Nacht.

13. Seetag – Freitag 28.11.
Zwölftes Etmal: 120 Seemeilen
Gesamt: 1.526 Seemeilen
Bis Martinique: 1.229 Seemeilen
Windstärke zwischen 4 und 5 Beaufort
Großsegel im 2. Reff und Gennaker

In Erwartung der anrollenden Schlechtwetterfront bereiten wir die KAMI so gut wie möglich vor. Leinen werden geklariert, die Rettungsinsel durch ein zusätzliches Spannband nochmals gesichert, Kathi kocht für die nächsten Tage für uns und Piper vor. Wir verstauen alles sorgfältig und sichern bewegliche Ausrüstungsgegenstände.

Fast täglich erhalten wir von unserer Wetterscouterin Alina E-Mails mit Einschätzungen und Routenempfehlungen. Eins steht fest: Der Schlechtwetterwalze, die auf uns zukommt, entkommen wir nicht. Wir versuchen, uns so weit wie möglich südlich zu halten, um dem Gröbsten – 3 bis 4 Meter Wellen und Starkwindböen – zu entgehen. So die Theorie. Wer weiß, wie es wirklich kommt. Wir sind etwas angespannt; das Wetterthema beschäftigt uns täglich stundenlang. Wir vergleichen Vorhersagemodelle und Satellitenbilder. „Los“ geht es heute Nacht bzw. Samstag früh – dann werden wir Squalls mit Gewittern und Regenmassen ausweichen, soweit möglich. Ab Montag/Dienstag soll das Schlimmste vorbei sein. Ob wir in der Zeit Schlaf finden?

Langsam zählen wir die Tage bis zur Karibik. Es wird merklich wärmer, die Wassertemperatur hat fast 29 Grad erreicht. Die Luft wird feuchter, Nächte milder. Tausende Sterne funkeln nachts, Mondschein spiegelt sich auf dem Wasser. Ein wahnsinniges Erlebnis – so erhaben, so beeindruckend. Hier auf dem Atlantik mitten im Nirgendwo fühlt man sich klein, der Natur ausgesetzt.

14. Seetag – Samstag, 29.11.
Dreizehntes Etmal: 142 Seemeilen
Gesamt: 1.666 Seemeilen
Bis Martinique: 1.132 Seemeilen
Windstärke zwischen 4 und 5 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Genua voll

Langsam wird es immer unruhiger an Bord. Besonders in den Nachtstunden nehmen Wind und Wellen erheblich zu. Es ist wieder sehr laut im Schiff. In der Nacht wechseln wir mehrmals unseren Zickzack-Kurs und nähern uns damit langsam unserem nächsten Wegpunkt. Der Wind frischt in Böen nun bis 21 Knoten auf, und auf dem Radar können wir die ersten Schlechtwetterzellen schon in 32 Seemeilen Entfernung sehen.

Morgens kommt die erwartete E-Mail von Alina. Sie schreibt, dass die vorhergesagte Störung sich nun doch schneller entwickelt als gestern prognostiziert. Sie empfiehlt, den Kurs auf 16°N 48°W weiter anzusteuern – für uns die beste Option, um Wind und Wellen in den nächsten Tagen zu reduzieren. Wir steuern also weiter Zickzack auf die Koordinaten zu. Im Moment sind Wellen und Wind erträglich. Die Sonne ist schon hinter Wolken verschwunden, und wir machen bei 13 Knoten Wind um die 5 bis 6 Knoten Fahrt.

Gerne würden wir den Gennaker ausrollen, um etwas Speed zu machen. Da wir aber stündlich mit der Gewitter- und Regenfront rechnen, belassen wir es bei der jetzigen Besegelung. Gestern war es schon sehr schwer, unter 17 Knoten Winddruck den Gennaker einzurollen. Mit unserem Leichtwindsegel werden wir uns wohl noch bis Mitte der Woche gedulden müssen, bis das Schlechtwettergebiet durchgezogen ist. Uns ist im Moment wichtig, dass wir einigermaßen durch die anstehenden rauen Tage kommen – auch wenn wir dafür wieder einen zeitlichen Umweg machen müssen. Na und, dann kommen wir halt ein paar Tage später an. Hauptsache frei von Seekrankheit und gröberen Schäden am Boot.

Durch den Versatz des Schiffs durch die immer höher werdenden Wellen benötigt unser hydraulischer Autopilot viel Energie. Er ist richtig hungrig danach. Innerhalb von 12 Stunden saugt er uns 15% Leistung aus den Batterien. Wir müssen nun schon in den frühen Morgenstunden unseren 7,5-kW-Stromgenerator anwerfen, um die Batteriebänke wieder zu laden und nicht zu sehr ins Minus zu rutschen.

Durch den bewölkten Himmel ist der Solarertrag unserer drei Heckpanele momentan sehr gering. Der Generator lädt mit 500 bis 2.500 Watt unsere Batteriebänke (je nach momentaner Kapazität). Für ein Ladevolumen von 10% benötigt er ca. drei Stunden.

Trotz der erschwerten Wetterbedingungen schaffen wir es in der Nacht, ein paar Stunden Schlaf zu finden. Gestern Abend ist noch ein Squall über uns hinweggerollt, brachte kurzzeitig 34 Knoten Wind und beschleunigte die KAMI auf dem Wellenritt für einen Moment auf 14 Knoten.

So unangenehm die Reisebedingungen im Moment sind – wir machen Fahrt, und das ist gut.

15. Seetag – Sonntag 30.11.

Vierzehntes Etmal: 144 Seemeilen
Gesamt: 1.810 Seemeilen
Bis Martinique: 1.000 Seemeilen
Windstärke zwischen 4 und 7 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Genua voll – Nachts Genua 80%

Durch die Zunahme des Windes machen wir ein wenig Strecke, jedoch quälen uns die Wellen, die seitlich von hinten auf die KAMI zudonnern.

Das Problem mit dem wasserlassenden Deckenstrahler besteht weiterhin. Wir hatten oben an Deck sämtliche Planenhalter demontiert und die Befestigungslöcher mit Panzertape verschlossen. Danach dachten wir schon, wir hätten das verursachende Problem gefunden – doch heute Nacht wurden wir wieder eines Besseren belehrt. Nachdem der große Squall einige Badewannen voll Wasser über der KAMI ausgeschüttet hat, war es kurz danach noch alles trocken in der Kabine. Erst ca. 1,5 Stunden später fing der Deckenstrahler wieder an zu tropfen. Wir kombinieren: Der Wassereintritt muss weiter weg sein, denn das Wasser braucht Zeit, um bis zum Endpunkt (hier der Deckenstrahler) zu gelangen. An Deck können wir nichts feststellen. Was machen wir jetzt nur? Die Innenverkleidung lässt sich augenscheinlich nicht mal so nebenbei ausbauen. Ratlosigkeit. Abends nimmt das anfängliche Tropfen immer mehr zu, so dass wir uns entscheiden eine große Plastikkiste unter den Deckenstrahler zu stellen.

Wir müssen prüfen, ob es sich bei dem eintretenden Wasser um Salz- oder Süßwasser (Regenwasser) handelt, um den Herkunftsort besser eingrenzen zu können. Wir telefonieren mit einem deutschsprachigen GFK-Spezialisten in Le Marin auf Martinique und fragen, ob er uns bei der Lecksuche unterstützen kann. Schnell haben wir das Gefühl, dass das nicht zu seinen Wunscharbeiten gehört. Das Gespräch nimmt einen negativen Verlauf: Es sei schwierig, bei solchen Booten Lecks zu finden, man müsse mit eingefärbtem Wasser arbeiten, und im Hafen ginge das ohnehin kaum, weil sich das Schiff dort nicht bewegt. Diese Suche könne schnell um die 3.000 Euro kosten, und in dem Zeitraum im Januar, in dem wir nicht mehr im Hafen liegen, sei er außerdem in Europa im Urlaub.

Wir betteln schon fast, ob er uns nicht jemanden empfehlen kann, der uns unterstützen könnte. Er will „mal überlegen“ und sich wieder melden. Wir sind gespannt, aber wenig zuversichtlich. So, wie es im Moment ist, kann es nicht bleiben. Wenn wir in Martinique angekommen sind und im Hafen liegen, wollen wir selbst intensiver nach der Ursache des Wassereinbruchs suchen. Eine kleine Endoskopkamera haben wir dabei – vielleicht können wir damit in die Deckenkonstruktion schauen. Eventuell kommen wir auch vom Cockpit an die Innenseite der Deckenverkleidung heran. Mal sehen. Hier draußen bei momentan 3 Metern Welle geht das nicht – wir müssen abwarten.

Tagsüber lässt sich die Sonne mehrmals blicken, und der Wind lässt nach und pendelt sich bei 10 Knoten ein. So sind wir wieder langsamer unterwegs. Alina hat sich mit den neuesten Wetterprognosen gemeldet. Wir sollen weiter auf den 246 Meilen entfernten Wegpunkt zuhalten und danach möglichst den Kurs nach West auf 16°N 53°W richten. Damit könnten wir eventuell dem sich in den nächsten Tagen noch weiter aufbauenden Schwell und dem Starkwindfeld entkommen. Ab dem 5.12. soll es sich mit Wind, Welle und Schwell wieder beruhigen.

16. Seetag – Montag 01.12.

Fünfzehntes Etmal: 147 Seemeilen
Gesamt: 1.956 Seemeilen
Bis Martinique: 880 Seemeilen
Windstärke zwischen 5 und 7 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Genua voll

Nachmittags gießt Kathi ihre Microgreening-Kräuter und Pflanzen im Salon, als sie vom Deck aus ein metallisches Klacken hört. Sie schaut nach draußen und sieht zwei Metallspangen auf dem Deck liegen. Eine Segellattenbefestigung am Mastrutscher hat sich gelöst und ist abgefallen. Schnell flitzen wir nach vorne und kriechen auf allen Vieren, um die Teile einzusammeln – bei dem ordentlichen Seegang von 3 Metern eine echte Herausforderung.

Ein Blick nach oben zum Mast bestätigt: Die erste Halterung von oben ist gebrochen, und die Segellatte flattert lose im Wind. Mist. Es nützt nichts, wir müssen das Großsegel einholen – und das bei dem Wind und Seegang. Zuvor überlegen wir, wie wir die Halterung wieder befestigen können. Der eigentliche kleine Befestigungsbolzen samt Feder liegt nicht mehr an Deck und muss wohl über Bord gegangen sein. Wir suchen und kramen schließlich eine passende Edelstahlschraube mit Unterlegscheiben und selbstsichernden Muttern aus der Werkzeugkiste.

Wir drehen uns in den Wind und lassen das Großsegel herunter. Zu zweit fummeln wir die Lattenhalterung in die Metallspangen und befestigen sie mit der Edelstahlschraube. Während wir auf dem Oberdeck auf Zehenspitzen arbeiten, tänzelt die KAMI auf den hohen Wellen, und wir haben alle Hände voll zu tun, uns festzuhalten. Unser Vorhaben ist glücklicherweise erfolgreich, so dass wir das Großsegel anschließend wieder setzen und das zweite Reff einbinden können. Wieder ein Schreck!

Nach einigen Stunden gehen wir mit Piper die wacklige Decksrunde, wohl wissend, dass sie sich wohl gleich erleichtern wird. Für einen Moment sind wir nicht ganz aufmerksam und sehen nur aus dem Augenwinkel, wie Piper auf einen kleinen, auf dem Deck liegenden fliegenden Fisch springt, ihn sofort ins Maul nimmt und vertilgt. Im Bruchteil einer Sekunde – wir konnten gar nicht so schnell reagieren. Das rächt sich für sie: Den Rest des Tages benimmt sie sich komisch, hechelt die ganze Zeit und zieht sich zurück. So bleibt es einige Stunden. Ob sie Bauchschmerzen hat? Erst am nächsten Morgen ist sie wieder ganz die Alte. Wir müssen mehr auf ungebetenen Besuch achten. Insgesamt hatten wir auf unserer Passage schon acht fliegende Fische, von handflächengroß bis etwa 20 cm, auf dem Bootsdeck. Die Schuppen der Flieger kleben überall. Irgendwie nicht so toll. Meistens segeln sie nachts an Deck; tagsüber konnten wir sie noch nie sehen, wie sie anfliegen.

Derzeit haben wir guten Wind um die 20 Knoten und machen zwischen 6 und 7 Knoten Fahrt pro Stunde. Das ist gut und soll bis Sonntag so bleiben. Die Welle kommt aus der gleichen Richtung wie der Wind – aus Osten. Sie ist mit 2,8 Metern schon beeindruckend, und in den nächsten Tagen soll sie um einen halben Meter zulegen.

Wir kreuzen bei Ostwind die Kurslinie Richtung Westen. In der Nacht haben wir uns etwas südlich gehalten und sind jetzt auf Gegenkurs. Langsam nähern wir uns der karibischen See, ganz langsam. In der Nacht sind wir durch ein schnelles Manöver einer großen, dunklen Schlechtwetterzelle mit vielen Blitzaktivitäten entkommen. Im Moment scheint die Sonne, und nur wenige Wolken sind am Himmel. Es wird schwül. Besonders im Salon laufen die Deckenventilatoren jetzt rund um die Uhr, da es sehr stickig ist.

17. Seetag – Dienstag 02.12.

Sechszehntes Etmal: 153 Seemeilen
Gesamt: 2.109 Seemeilen
Bis Martinique: 750 Seemeilen
Windstärke zwischen 5 und 7 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Genua voll

Die See baut sich immer weiter auf und wir können uns nur noch mit viel Anstrengung halbwegs an Bord bewegen. Die Wellen werfen die KAMI von einer zur anderen Seite, und die vorbeiziehenden Squalls drücken in Böen bis zu 35 Knoten Wind in die Segel, sodass wir nur noch tosend durch die Wellentäler surfen. Nein, so macht Reisen keinen Spaß. Wir müssen uns bei jeder Bewegung im Boot festklammern, damit wir nicht durch den Salon purzeln. Das mag zwar von außen lustig aussehen, aber nach Tagen in diesem Zustand verliert sich der Humor.

Langsam haben wir alle drei genug von der tosenden See, vom Krach im Schiff und von dieser ständigen Unruhe. Der Schlafmangel steckt uns in den Knochen, die Vorräte gehen zur Neige. Frische Lebensmittel sind aufgebraucht, und auch die Getränke werden knapp. Es ist zwar nicht mehr wahnsinnig weit bis Martinique, doch durch das Gekreuze zwischen Südwest und Nordwest verlieren wir Zeit und müssen zusätzliche Strecke machen. Einen Schmetterling können wir bei diesem Wind nicht mehr fahren, und die Squall-Dichte ist weiterhin zu hoch. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als unseren Zickzack-Kurs beizubehalten. In den letzten 24 Stunden sind wir mindestens sechs Halsen gefahren, immer um unsere Kurslinie herum.

Nach den neuesten Vorhersagen wird sich das Wetter in den nächsten Tagen kaum ändern. Wir rechnen großzügig mit einer ETA am kommenden Dienstag in Martinique und müssen unsere Reservierung in der Marina wohl um einen Tag nach hinten schieben.

Die ersten Segler aus unserem Passagenfeld haben ihre Ziele in der Karibik, zum Beispiel Barbados, bereits erreicht. Wir fragen uns, wie sie das geschafft haben und welche Taktik sie genutzt haben, um so gut voranzukommen. Auf NoForeignLand sehen wir jedoch, dass noch viele andere Boote in unserer Umgebung unterwegs sind, die fast zur gleichen Zeit gestartet sind. Wir sind also nicht die Bummelletzten – das tut gut.

Außer tagsüber ein wenig am Laptop zu arbeiten, machen wir nicht viel. Durch das ständige Festkrallen an allen möglichen Oberflächen sieht das Schiff innen wie außen schlimm aus. Dazu kommen Staub und Salz. Es kribbelt uns in den Fingern, endlich wieder richtig klar Schiff machen zu können. Die Luftfeuchtigkeit nimmt weiter zu, wir sitzen und schwitzen.

18. Seetag – Mittwoch 03.12.

Siebzehntes Etmal: 171 Seemeilen
Gesamt: 2.280 Seemeilen
Bis Martinique: 610 Seemeilen
Windstärke zwischen 5 und 7 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Genua voll

Unser bestes Etmal bis jetzt. Kein Wunder: In den letzten 24 Stunden bläst es ordentlich und konstant mit rund 20 Knoten. Das mag die KAMI – sie läuft gut und schneidet sauber durch die Wellen. Wir kreuzen die Kurslinie, wobei wir in der Nacht ein ordentliches Stück südwärts gefahren sind. Seit heute Morgen sind wir wieder auf Gegenkurs. Die Südspitze von Martinique (in der Nähe von Le Marin) liegt bei 14°17′ N und ist noch etwa 600 Seemeilen entfernt. Wir pendeln aktuell um 15°00′ N und rutschen so Stück für Stück weiter westlich. Etwa 11 Längengrade müssen wir noch gutmachen.

Unser Autopilot hat beim unentwegten Surfen über die 3 bis 4 Meter hohen, achterlich anlaufenden Wellen ordentlich zu tun. Das kostet Strom, viel Strom, und wir sind froh, dass wir mit unserem Generator das tägliche Defizit ausgleichen können – die Solarenergie reicht im Moment nicht aus. Insgesamt haben wir seit dem letzten Nachtanken rund 60 Liter Diesel allein für die Stromerzeugung verbraucht. Angesichts fehlender Sonne und hoher Wellen ist das noch akzeptabel.

Nach dem Frühstück klarieren wir schon einmal online in Martinique ein und geben dort den 07.12. als ETA an. Wir sollen jetzt einen digitalen Einreisestempel erhalten, und das war’s auch schon. Ein persönliches Vorsprechen bei den Behörden nach der Ankunft ist für EU-Bürger nicht mehr nötig. Großartig – so müssen wir uns nicht mit Immigration und Customs herumschlagen. Das nennen wir verschlankte Bürokratie. Top!

Nachmittags kramen wir die WLAN-Endoskopkamera aus Lagerkiste 5. Beim Projekt „tropfender Deckenstrahler“ wollen wir weiterkommen. Leider bringt der Einsatz der Kamera keine neuen Erkenntnisse. Schade. Die Kiste unter dem Strahler war heute früh wieder nass – dabei hat es gar nicht geregnet. Das Wasser schmeckt salzig. Vielleicht doch Seewasser, das seinen Weg ins Innere findet? Spannende Ursachenforschung – hoffentlich mit gutem Ausgang. Im Moment sind wir weiter ratlos.

Kathi bereitet Weihnachtskarten für unser Team vor, und ich bestelle für Mamas Geburtstag einen Strauß rote Rosen samt Lindt-Nascherei bei Fleurop. Nachmittags wollen wir noch die Autovermietungen auf Martinique checken. So günstig wie auf Madeira oder Lanzarote/La Palma werden wir auf der französischen Insel wohl nichts mieten können. Also durchforsten wir das Netz.

19. Seetag – Donnerstag 04.12.

Achtzehntes Etmal: 160 Seemeilen
Gesamt: 2.440 Seemeilen
Bis Martinique: 488 Seemeilen
Windstärke zwischen 4 und 7 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Genua voll

Die anhaltende Unruhe und ständige Bewegung im Schiff zwingen uns, alle körperlichen Aktivitäten stark herunterzufahren. Das Risiko für blaue Flecken ist zu groß, wenn die KAMI vor den Wellen quer schlägt oder plötzlich anfängt zu surfen. So dösen wir den ganzen Tag auf unserem Salonlager, toben ein wenig mit Piper und erstellen schon mal eine To-Do-Liste für unseren Hafenaufenthalt in Martinique. Die Zeit zieht sich zäh wie ein Gummiband.

Durch unsere Zickzack-Kreuzkurse haben wir in den letzten 24 Stunden ganze 38 Meilen verloren. Wir überlegen, die Kreuzkurse enger zu fahren, um zu sehen, ob wir so die Mehrmeilen verringern können. Nach unseren Berechnungen wird die ETA jetzt auf kommenden Montag gegen Abend geschätzt.

Die Nacht war eine der schlimmsten. Wir bekommen kaum ein Auge zu. Draußen haben sich durch Wellen und Schwell Kreuzseen gebildet. Die KAMI rumpelt stundenlang, und es ist extrem laut im Schiff. Aus allen Ecken sind Knarzgeräusche zu hören, wenn die Wellen unten gegen die Gondel schlagen. Wir sitzen alle senkrecht – so laut und ungemütlich. Dieses Wellengeschlinger begleitet uns nun schon fast eine Woche. Ganz ehrlich: Davon haben wir wirklich die Schnauze voll. Erholsamen Schlaf findet man nicht, und auch Aktivitäten wie Sport oder Angeln sind kaum möglich. Was für eine blöde Überfahrt.

20. Seetag – Freitag 05.12.

Neunzehntes Etmal: 150 Seemeilen
Gesamt: 2.590 Seemeilen
Bis Martinique: 350 Seemeilen
Windstärke zwischen 4 und 5 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Genua voll
Mama hat Geburtstag! Happy Birthday!


Tagsüber duschen wir Piper mit der Heckdusche ab – danach ist ihr Fell wieder seidenweich, und sie schnuppert gut. Zum Abendbrot gibt es heute klassische Nudeln mit Tomatensoße nach ostdeutschem Rezept. Hmm, lecker! Für die Soße nutzen wir den guten Werder-Ketchup aus der alten Heimat.

Wir kommen weiter gut voran: Der Wind bläst konstant um die 20 Knoten, und wir machen ordentliche Fahrt. Nach aktuellen Berechnungen sind es noch gut 2,5 Tage bis zum Ziel. Die Welle hat sich langsam beruhigt und nimmt von 3 Metern auf 2,80 bis 2,50 Meter weiter ab. Bis zur Ankunft in Martinique soll sich das Wind- und Wetterfenster nicht groß ändern. Einzig die Regen- und Gewitterwahrscheinlichkeit steigt wieder, je weiter wir westlich kommen. Also wieder auf Squalls einstellen.

Im Moment haben wir fast Vollmond. Die Fahrt durch die Nacht wirkt richtig mystisch, wenn sich der Mondschein auf den Wellen spiegelt. Man kann sich gar nicht satt sehen. Nach dem Frühstück gehen wir unserem Wassereinbruchproblem durch den Lampensockel weiter auf den Grund. Wir entfernen die Seitenverkleidung in der Küche und schauen hinter die Baugruppe – können aber nichts ausmachen. Kein Wasser, keine Feuchtigkeit. Die Vermutung liegt nahe, dass das Wasser von der Elektroleitung kommt.
Wir testen das heute aus: Wir verlängern die aus dem Sockel hängende Elektroleitung mit einer kurzen Leine, stopfen das Innere des Sockels mit Microfasertüchern aus und warten ab, was passiert. Gefühlt wird das Wasser, das wir durch die darunter gestellte Wanne auffangen, immer mehr. Komisch. Selbst wenn das Wasser durch die Elektroleitung kommt (Kapillareffekt), wissen wir noch immer nicht, wo das salzige Wasser von außen hereinkommt. Im Moment können wir nur nach dem Auschlussverfahren vorgehen.
Falls die Stelle gar nicht auffindbar ist, müssten wir über eine Ableitung nach außen nachdenken. Wir haben da schon ein paar Ideen. Eine saubere Lösung wäre das aber nicht.

21. Seetag – Samstag 06.12.

Zwanzigstes Etmal: 154 Seemeilen
Gesamt: 2.744 Seemeilen
Bis Martinique: 246 Seemeilen
Windstärke zwischen 5 und 7 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Genua voll

Wir rücken dem Staub im Salon zu Leibe, und Mike geht danach ans Heck, um den Staubbehälter zu leeren. Dabei klopft er kräftig auf die hintere Heckklampe auf der Backbordseite und sieht noch, wie der Deckel des Behälters wegfliegt. Oh nein – das ist ja doof. Mit schwarzem Panzertape verschließen wir den Behälter notdürftig; ohne Staubsauger geht es an Bord gar nicht. Allein die verlorenen Haare von Piper saugen wir im Salon mindestens zwei Mal am Tag weg. In Martinique werden wir uns wohl einen neuen Handstaubsauger kaufen müssen. Nicht zu ändern – trotzdem ärgerlich.

Die Nacht ist wieder super unruhig. Die Wetterberuhigung, die Alina orakelt hatte, ist leider nicht eingetroffen – im Gegenteil. Die Welle nimmt in der Nacht wieder extrem zu, sodass wir zwei Halsen fahren müssen, weil der Krach im Schiff kaum auszuhalten ist. Der Wind bläst jetzt mit 22 Knoten aufwärts, und die KAMI schlittert erneut von Wellental zu Wellental. Zwar haben wir mit 154 Seemeilen ein gutes Etmal, dem Gekreuze müssen wir aber wieder über 40 Meilen zuschreiben. Gefühlt kommen wir nur elendig langsam voran – was natürlich Quatsch ist. Der Wunsch, endlich anzukommen, wird von Stunde zu Stunde stärker, und das Ergebnis sorgt für etwas schlechte Laune.

Dazu kommt, dass es Kathi nicht gut geht. Wie aus dem Nichts hat sie ein „Musauge“ (entzündetes Auge) bekommen – es sieht schlimm aus. Sofort kramen wir aus unserer Medibox Augentropfen mit Antibiotikum hervor. Nach 12 Stunden sieht es langsam wieder etwas besser aus: Es ist zwar noch sehr geschwollen, aber die Rötung ist etwas zurückgegangen – gut so. Ihr Magen macht sich ebenfalls wieder bemerkbar – droht auf den letzten Meilen ein Totalausfall? Unsere Hoffnung, vielleicht schon morgen Abend in der Nähe der Marina den Anker fallen zu lassen, haben wir aufgegeben. Es wird wohl doch erst am Montag etwas mit unserer Ankunft.

22. Seetag – Sonntag 07.12.

Einundzwanzigstes Etmal: 164 Seemeilen
Gesamt: 2.908 Seemeilen
Bis Martinique: 112 Seemeilen
Windstärke zwischen 5 und 7 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Genua voll

Vor Reisebeginn hatte ich mir noch Segelhandschuhe von Gill gekauft, in der Hoffnung, sie lange nutzen zu können. Leider haben sie die Passage nicht einmal ansatzweise überlebt. Schade. Die Segelhandschuhe von Kathi sind von der Firma Bauhaus, Linie „Nautic“. Komischerweise sind ihre Handschuhe okay – natürlich mit Nutzungsspuren, aber ohne Löcher oder Materialrisse. In Martinique werde ich mir Ersatzhandschuhe besorgen. Auf verbrannte Finger habe ich keine Lust mehr, also lieber auf Nummer sicher. Die nächsten werden nicht von Gill sein, sorry.

Am frühen Nachmittag kommt uns die Sea Cloud II entgegen, ein großes Segelschiff mit drei Masten. Sie ist auf dem Weg nach Barbados, kommt von La Palma und macht 12 Knoten Fahrt. So große Segelschiffe sehen schon beeindruckend aus. Man fragt sich unwillkürlich, was man für einen Törn auf so einem Schiff wohl bezahlen darf.

Kathi bucht über das Internet einen Mietwagen für uns. Wir können ihn am 10. Dezember am Flughafen in Martinique abholen, und er steht uns dann bis zum 3. Januar zur Verfügung. Das ist gut. Wir müssen unsere Vorräte wieder aufstocken und rund 400 Liter Diesel nachbunkern. Das bedeutet: 16 Kanister à 25 Liter wollen bewegt werden – ohne Mietwagen wäre das schwierig. Außerdem stehen auf unserer To-do-Liste noch Supermärkte, Decathlon, der Elektronikmarkt Darty, Schiffsausrüster und Baumarkt. Unser Weihnachtsbesuch aus der Heimat möchte natürlich auch gerne vom Airport abgeholt werden. Kurz gesagt: So ein Mietwägelchen ist schon was Schönes.

Gegen Abend fahren wir fast die Segelyacht CAVA über den Haufen. Nur durch ein beherztes Ausweichmanöver können wir eine Kollision hier mitten auf dem Atlantik verhindern. Verrückt. An Bord ist eine belgische Crew, ein älteres Pärchen, ebenfalls mit Hund unterwegs. Wir funken und stellen fest, dass wir beide das gleiche Ziel haben. Die CAVA fährt nur unter einem kleinen Vorsegel, dafür aber im Gegensatz zu uns auf Direktkurs Martinique. So wie wir sie verstanden haben, steuern sie die gleiche Marina an. Wir sind gespannt. Die CAVA plant, am Montag in den Morgenstunden in der Marina anzukommen.

23. Seetag – Montag 08.12.

Zweiundzwanzigstes Etmal: 141 Seemeilen
Gesamt: 3.049 Seemeilen
Ankunft in Martinique
Windstärke zwischen 3 und 5 Beaufort
Genua & Motoren

Wir schätzen unsere Ankunft in den frühen Morgenstunden und bereiten schon jetzt die Festmacherleinen sowie die inflatables Fender vor. Das Großsegel wird ordentlich im Lazy Bag verstaut und das Großfall gegen das Schlagen am Mast gesichert. Wir sind nun für den anstehenden Landfall nach über 3.000 Seemeilen gewappnet. Der tosende Atlantik liegt endlich hinter uns, der über zehn Tage andauernde Wellenritt im letzten Drittel der Reise hat uns körperlich doch zugesetzt, denn an erholsamen Schlaf war nicht zu denken.

Endlich – wir haben es geschafft. Der Atlantik ist bezwungen. Nach 22 Tagen machen wir in der Marina Pointe du Bout fest. Yippieh – den Anlege-Gin-Tonic haben wir uns mehr als verdient.

Martinique empfängt uns mit dicken Wolken und intervallartigen Regengüssen. Ab 11 Uhr dürfen wir in die Marina. Kurz vor der Ankunft erleben wir einen Wolkenbruch der Extraklasse. Wir brechen die Anfahrt zur Marina ab und werfen den Anker in unmittelbarer Nähe. Als das Unwetter abgezogen ist, wollen wir Anker auf gehen. Die Winsch macht noch einmal kurze Geräusche – dann ist Schluss. Sie hat ihren Dienst aufgegeben.

Völlig übermüdet holen wir die ausgebrachten 13 Meter Kette samt 25-kg-Spade-Anker von Hand ein. Wow, was für eine körperliche Anstrengung. Es gelingt, und wir bekommen den Anker nach oben. In weiser Voraussicht haben wir bereits eine Ersatzwinsch an Bord. Diese werden wir hier in Martinique in der Marina einbauen. Es bleibt also immer etwas zu tun. Willkommen, Karibik – willkommen Martinique!

Unser Resümee zur Atlantikpassage folgt … 
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Endlich… Blauwasser

Es ist Montag früh, gegen 8 Uhr stehen wir auf. Wie so oft vor einer längeren Überseepassage haben wir beide schlecht geschlafen. Wir träumen komische Sachen, werden mehrmals in der Nacht wach, liegen mit vielen Gedanken im Bett und versuchen, ein wenig Ruhe zu finden.

Eigentlich wollten wir erst mittags „Anker auf“ gehen, doch wir haben Hummeln im Bauch und starten nach dem Frühstückskaffee aus der Ankerbucht in Camaret-sur-Mer. Langsam tuckern wir mit 5 Knoten um die Landzunge – und landen im dichten Nebel. Vor uns zeichnen sich schemenhaft mehrere Kriegsschiffe der französischen Marine ab.
Dann trifft die erwartete Mail von Sebastian Wache ein – keine guten Nachrichten! Das nervt mittlerweile. Nicht nur, dass wir wochenlang in jedem zweiten Hafen abwettern müssen, auch das richtige Sommer-Reisefeeling will einfach nicht aufkommen.
Sebastian schreibt, dass der Hurrikan Erin seine Ausläufer nach Europa schicken wird – und das verheißt nichts Gutes. Meteorologen erwarten Stürme und bis zu 5 Meter hohe Wellen. Besonders die Küste Frankreichs soll es hart treffen, rund um den 28. August. Für uns gibt es zwei Optionen:
Weiter in einem französischen Hafen abwettern – und dort die volle Wucht abbekommen.
Verkürzt über die Biskaya starten, dann schnell nach Süden abfallen und hoffen, damit den schlimmsten Winden zu entkommen.
Aber: Die erwarteten 5-Meter-Wellen werden wir wohl trotzdem aushalten müssen.
Na klasse!

Delfinbegleitung & erste Etappe
Noch im dichten Nebel aus der Bucht von Camaret-sur-Mer motorend, wagen wir es und machen uns trotz der angsteinflößenden Prognosen auf den Weg nach Madeira. Schon am Vormittag, draußen vor Brest, begleiten uns fast eine Stunde lang Delfine.
Piper ist völlig aus dem Häuschen, rennt aufgeregt über das Bootsdeck und beobachtet das Schauspiel durchs Trampolin. Die Delfine springen und vollführen wunderschöne Pirouetten knapp unter der Oberfläche.
Und die Überraschungen gehen weiter: Wenig später landet ein kleiner Vogel – ein Trauerschnäpper – bei uns am Steuerstand. Zutraulich lässt er sich fotografieren und bleibt rund eine halbe Stunde, bevor er weiterfliegt. Fast märchenhaft: Nebel über dem Wasser, winkende Robben und nun dieser Vogelbesuch.

Die ersten Wellen und die erste Nacht
Am Nachmittag kommt endlich Wind und Sonne. Der Nebel ist vertrieben und die KAMI nimmt Fahrt auf in Richtung unseres ersten Wegpunkts. Der Wind bläst noch spitz von vorn und unbeständig, die KAMI springt über die Wellen – Kathi wird seekrank.
Zum Glück haben wir eine gute Bordapotheke, und dank Götz’ verschriebener Medis ist schnell Linderung da. Piper bleibt diesmal seegängig, was uns sehr beruhigt. Ich baue unser „Schlaflager“ im Salon auf, damit wir drei nah beieinander sind – bewährt für lange Passagen. Bald darauf liegen Kathi und Piper zusammen eingerollt und schlafen tief.
Abends entfällt die Bordküche, wir gehen in die erste Nacht. Ritualgemäß übernehme ich die Nachtwache. Kein Problem: Zwei Segler aus Österreich kreuzen unseren Kurs, wie in einem Dreieck fahren wir parallel durch die Nacht. Erst in den Morgenstunden trennen sich unsere Wege: Sie steuern A Coruña an, wir dagegen halten Kurs ins offene Blauwasser gen Süden. Das tiefe Blau – es ist überwältigend, ich liebe es einfach!

Alltag auf See
Um ordentlich Strecke zu machen, lassen wir bei unter 10 Knoten Wind eine Maschine mit geringer Drehzahl laufen – so laden wir auch unsere Energiespeicher auf, denn die Solarausbeute war zuletzt dürftig.
Gegen 5 Uhr UTC (zwei Stunden vor deutscher Zeit) übernimmt Kathi die Wache am Kartentisch. Noch geht es ihr nicht besonders, wir probieren ein anderes Präparat. Ich döse tagsüber nur in Etappen, echter Tiefschlaf will nicht kommen.
Am frühen Nachmittag kehrt der Wind zurück. Gemeinsam setzen wir das Großsegel und rollen die Genua aus – klappt schon richtig gut. Ich bin überzeugt: Spätestens ab Madeira kann Kathi die KAMI allein segeln.
Tagsüber probiere ich mich mit unserer neuen Trollingangel – noch ohne Erfolg. Vielleicht liegt’s am Köder oder an unseren Einstellungen. Aber wir üben weiter, denn frischer Fisch soll in unser Proviantkonzept integriert werden. Auch Piper würde davon profitieren: Neben Trockenfutter wollen wir ihr immer wieder frisches Gemüse und Fleisch/Fisch abkochen.

Zweite Nacht – Verkehr in der Biskaya
Die zweite Nacht segeln wir unter vollen Segeln. 17 Knoten Wind aus Nordwest bringen uns gute Fahrt – 7 Knoten im Schnitt. Wenn es so bleibt, erwischen uns die Ausläufer von „Erin“ nicht mehr. ETA Madeira: Mittwoch nächster Woche. Mit etwas Glück sogar Dienstag früh.
Doch die Nacht ist anstrengend: Wir kämpfen uns durch dichten Schiffsverkehr – Fracht-, Container- und Fischerboote, Fähren, Kreuzfahrer. Gegen 23 Uhr sind wir von über 20 Schiffen umzingelt. Bei einem Containerriesen muss ich funken, da er auf Kollisionskurs bleibt. Seine Antwort: „Ja, wir sehen Sie – Sie sind genau voraus.“ Aber er ändert den Kurs nicht. Erst 500 Meter hinter uns zieht er nach Backbord ab. Die Heckwelle kracht unter die KAMI, Gischt spritzt übers Deck – was für ein Schreckmoment!
Marinetraffic zeigt das Szenario wie ein Spalier aus bunten Schiffssymbolen. Mittendrin die Fischer, die Yachten, ein einziges Gewimmel. Hoffentlich sind wir bald aus der Hauptachse raus. Ein Trost: Bei dem dichten Verkehr wäre im Notfall sofort Hilfe da – die Medaille hat eben zwei Seiten. lach

Sorge: Orcas an Iberiens Küste
Ein Thema bleibt uns noch im Kopf: die Meldungen über Orca-Angriffe vor Spanien und Portugal. Schon seit einigen Jahren attackieren Schwertwale dort Segelboote und beschädigen Ruderblätter – einige Yachten sind dadurch sogar gesunken!
Warum gerade diese Gruppe von Tieren dieses Verhalten zeigt, ist nicht klar. Besonders gefährlich ist die Straße von Gibraltar. Da man Orcas nicht vertreiben darf und Schutzversuche mit Lärm oder Sand nichts gebracht haben, bleibt Skippern nur, die Gebiete weiträumig zu umfahren. Unser Plan: deutlich abgesetzt von der Küste und weit draußen im Tiefwasser (bis 5000 m) gen Madeira segeln. Besonders viel Glück schadet da nicht – also: Daumen drücken!

Jetzt ist es 00:47 Uhr UTC (= 02:47 Uhr MESZ). Auf dem Radar taucht schon der nächste Pulk Frachter auf. Meine Augen kleben am Plotter, die Müdigkeit kommt langsam. Sonnenaufgang ist um 05:30 Uhr UTC, dann darf Kathi übernehmen.

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Durch die Nacht im Kanal

Es wird Abend, als wir in die Straße von Dover einbiegen. Mitten im Kanal verläuft ein Verkehrstrennungsgebiet – eine Art Autobahn nur für Schiffe aller Größen. Auf der englischen Seite fahren die Pötte Richtung Biskaya, auf der französischen gen Nordsee.

Wir halten uns am Rand auf der französischen Seite auf und haben entsprechend Gegenverkehr. Kein Grund zur Sorge: Die Berufsschifffahrt hält sich streng ans VTG. In der Dämmerung sehen wir einige französische Kriegsschiffe patrouillieren – vermutlich halten sie Ausschau nach Flüchtlingsbooten. Immer wieder versuchen Migranten mit Schlauchbooten von Frankreich nach England überzusetzen.

Kathi und Piper haben es sich im Salon gemütlich gemacht. Bereits gegen 20 Uhr schlafen beide ein, und ich übernehme wieder die Nachtwache. Eine große Regenzelle zieht von England herüber, wandert über die KAMI hinweg zum französischen Festland – nicht ohne einen ordentlichen Schauer zu hinterlassen. Durch das Springen in den Wellen ist das ganze Schiff von salziger Gischt glitzernd dekoriert. Alles, was wir an Deck anfassen – Fallen, Schoten und Leinen – hinterlässt nun klebrige Hände. Dem Salz werden wir in Brest mit unserem Kärcher zu Leibe rücken.

Den frühen Abend haben wir für einen Testlauf unseres Wassermachers genutzt. Das Wasser hier im Kanal ist überraschend sauber. Nur ab und zu sieht man leere Kanister in der Strömung treiben oder etwas Unrat auf den Wellenbergen schwimmen. Der Wassermacher tut, was er soll, und füllt unsere Frischwassertanks nach. Wir nutzen das sofort für eine heiße Dusche – schließlich klebt an uns ebenfalls das Salz.

Die Nacht bricht herein, und ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt so eine tiefschwarze Finsternis erlebt habe. Der Wind nimmt wieder zu; ich eile an Deck und rolle die Genua aus. Durch die Gegenströmung machen wir stellenweise nur 2 Knoten Fahrt über Grund. Vielleicht hilft die Genua ja, einen Knoten mehr herauszuholen.

Kartentisch im Salon der KAMI

Ich sitze am Kartentisch und steuere das Schiff von hier aus. Über die iPads, die die beiden Plotter spiegeln, bediene ich den Autopiloten. Auf dem linken iPad sehe ich das Radarbild, eingestellt auf einen Radius von 4 Seemeilen. Alle Anzeigen laufen im Nachtmodus, das heißt, weiße Schrift erscheint rot und die Helligkeit ist heruntergedimmt. Eine kleine Lampe spendet weiteres rotes Licht – so gewöhnen sich die Augen an die Dunkelheit, und mein nächtlicher Arbeitsplatz strahlt eine angenehme Gemütlichkeit aus. Auf dem rechten iPad liegt die digitale Seekarte mit den AIS-Signalen der Schiffe in der Nähe. Um meinen Hals hängt eine kleine Fernbedienung; mit ihr kann ich den Autopiloten in Zehn- oder Ein-Grad-Schritten steuern. Da wir an der Außenseite des Verkehrstrennungsgebietes fahren, muss ich regelmäßig unseren Kurs korrigieren – durch Gezeitenströmung, Seitenwind und Wellen versetzt es die KAMI immer mal wieder, aber das ist schnell behoben.

Um Kathi und Piper nicht zu stören, setze ich meine Kopfhörer auf und höre verschiedene Alben, um der Müdigkeit zu trotzen. Gerade läuft ein Album von Mike Oldfield, während ich per Marinetraffic-App auf dem Handy nach den anderen bekannten Seglern aus unserem TO-Verein schaue. Irgendwie muss ich mir die Zeit vertreiben – bei diesem wahnsinnig rasanten Reisetempo (Ironie aus). Lach.

Kathi wird in der Nacht hin und wieder wach und fragt, ob sie mich ablösen soll. Eigentlich keine schlechte Idee, aber ich möchte sie in dieser verkehrsreichen Nacht nicht allein fahren lassen. Ich weiß, dass sie noch großen Respekt hat und sich schwertut, Entfernungen zu anderen Schiffen abzuschätzen. Der Blick nach draußen verliert sich in absoluter Schwärze. Es ist fast wie ein Videospiel – das Schiff wird nachts komplett über die Instrumente gesteuert. Klar, ich könnte mich auch ans Steuerrad setzen und von Hand steuern – aber man sieht nichts, und bei den Temperaturen sitzt es sich drinnen wirklich angenehmer.

Es ist 04:45 Uhr. In einer Stunde müsste das erste Licht am Horizont erscheinen, dann könnte Kathi übernehmen. Ich bin wieder ziemlich übernächtigt – bei einer kleinen Zwei-Personen-Crew aber ganz normal, besonders bei Überfahrten und längeren Passagen. Uns erwarten noch ein bis zwei weitere Nächte, bis wir unser Zwischenziel Brest in Frankreich erreichen.

In der letzten Stunde habe ich um die 40 Frachtschiffe, Tanker, Containerschiffe und Fähren gezählt – was für ein Verkehr! Wenn man bedenkt, dass täglich mehr als 6.000 Containerschiffe auf den Weltmeeren unterwegs sind – nur Containerschiffe! Wahnsinn, oder?

Bald ist es 5 Uhr. Im Schneckentempo taucht am Horizont der neue Tag auf. Ich bin müde, die Konzentration lässt nach, das Funkgerät läuft in Dauerschleife – nur Geplapper, nichts Interessantes.

Meine Gedanken schweifen ab … Welche Abenteuer warten auf uns, und wann wird es endlich warm genug, um die KAMI von den Persenningen zu befreien und die Hängematte aufzuspannen?

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IJmuiden – Erholung, Erkundung & neue Pläne

Nachdem wir uns von der letzten, ziemlich kräftezehrenden Passage nach IJmuiden erholt hatten, kehrte so langsam wieder Alltag auf der KAMI ein. Schlaf nachholen, Eindrücke sortieren, neue Energie tanken. Und irgendwann kam der Punkt, an dem wir beschlossen: Jetzt möchten wir auch mal ein wenig von der Gegend sehen.

Auf der Suche nach der Innenstadt

Am zweiten Tag nach unserer Ankunft machten wir uns zu Fuß auf den Weg – Ziel: die Innenstadt von IJmuiden. Der Blick ging vorab auf die Karte: Es schien machbar, vielleicht nicht ganz um die Ecke, aber gut erreichbar. Also packten wir einen Regenschirm ein, schnappten Piper – und los ging’s.
Der Weg führte vorbei an großen Lagerhallen, Logistikfirmen, Industrie – ein klassisches Gewerbegebiet eben. Und er zog sich. Immer weiter geradeaus, kein Ende in Sicht. Nach gut 4,5 Kilometern tauchte endlich eine erste Wohnsiedlung auf. Unsere Hoffnung stieg … aber die erhoffte Innenstadt? Fehlanzeige. Stattdessen ein kleiner Supermarkt – immerhin. Wir stöberten ein wenig durch das Sortiment, holten ein paar Kleinigkeiten und machten uns dann wieder auf den Rückweg. Zu weit, zu monoton – vor allem auch für Piper.
Und natürlich – wie sollte es anders sein – auf dem Rückweg erwischte uns ein ordentlicher Wolkenbruch. Zu dritt unter unserem großen Regenschirm warteten wir mitten auf dem Gehweg, bis der Regen etwas nachließ. Zurück auf der KAMI waren wir uns einig: Morgen probieren wir es mit dem Bus – diesmal soll es nach Haarlem gehen.

Haarlem – Ein echtes Highlight

Am Dienstag gegen Mittag stiegen wir in den Bus Richtung Haarlem. Kathi hatte alles perfekt recherchiert: Umstieg, Fahrzeiten, Ticketpreise – und natürlich, ob Piper mitfahren darf (darf sie – Leine und Maulkorb griffbereit). Die freundliche Busfahrerin wies uns gleich beim Einsteigen darauf hin, wo wir umsteigen müssen – alle sehr hilfsbereit.
Nach etwa 45 Minuten erreichten wir den Bahnhof von Haarlem. Von dort waren es noch rund 10 Minuten zu Fuß bis in die Altstadt – und dann: Wow. Kleine, charmante Gassen, hübsche Läden, Cafés mit Außensitzplätzen, Kopfsteinpflaster, Fahrräder überall. Ein bisschen Amsterdam, aber entspannter. Wir schlenderten bis 17 Uhr durch die Straßen, schauten in Geschäfte, gönnten uns einen Kaffee und kauften ein paar Kleinigkeiten ein.
Der Rückweg verlief reibungslos. Piper hatte den Ausflug super mitgemacht – ein rundum gelungener Tag, der uns allen richtig gutgetan hat.

Der Strand direkt hinter dem Hafen

Am Mittwoch entdeckten wir zufällig den Strand von IJmuiden – nur ein paar Schritte hinter dem Hafengebäude. Weitläufig, bei Ebbe fast endlos, mit feinem, hellem Sand. Die Sonne ließ sich blicken, das Thermometer kletterte auf angenehme 22 Grad – und Piper tobte glücklich über den Strand, schnüffelte in kleinen Krebs-Löchern und rannte durch die Wellen.
Das Wasser war mit 21 Grad überraschend warm – wir gingen zumindest mit den Füßen rein. Danach ließen wir den Nachmittag in einer kleinen Beachbar ausklingen. In der Sonne sitzen, aufs Meer schauen, das Salz auf der Haut – ein perfekter Seglertag ohne Segeln.

Wetterplanung – und eine Mail zur rechten Zeit

Am Donnerstag stand – wie so oft – das Wetter im Mittelpunkt. Nach dem Frühstück setzten wir uns mit Kaffee und iPad ins Cockpit und checkten die Modelle. Unsere Frage: Wie weit kommen wir beim nächsten Fenster?
Und genau in dem Moment: eine Mail von Alina. Timing perfekt. Sie schrieb, dass sich ab Samstagabend ein passendes Windfenster auftun würde – mit guten Bedingungen bis mindestens Montag. Unsere innere Ungeduld war geweckt, aber gleichzeitig war uns klar: Wenn’s passt, dann früh los – mit der ersten Tide.

Vorbereitungen für die Weiterfahrt

Also planten wir Freitag noch einmal einen kleinen Einkauf. Kathi kümmerte sich um Proviant und Kleinkram, Mike ging nochmal zur Tankstelle. Die nette Dame im Hafenbüro hatte uns bestätigt, dass man dort an einem Terminal selbst zahlen könne – also eine klassische Self-Service-Tankstelle. Mike schaute nochmal ob auch genug Platz zum Anlegen ist, alles perfekt.
Am Samstagmorgen dann unser Fahrplan: Noch ein letzter Kaffee, dann gegen 8 Uhr zum tanken, um spätestens 9 Uhr ablegen zu können – die Tide sollte uns ein wenig Schub geben. Doch wie es halt so ist: An der Tankstelle hängt plötzlich ein Schild. „DEFECT – geöffnet nur von 10–17 Uhr.“ Kein Terminal in Betrieb. Natürlich.
Wir versuchten es telefonisch – keiner erreichbar. Also Funkgerät raus. Mike ruft den Hafenmeister auf Kanal 74. Zum Glück die Antwort: „Ich bin in 20 Minuten da.“ Er kam tatsächlich, öffnete die Zapfanlage manuell, und wir konnten unsere Tanks füllen. Der Zeitplan passte – gerade so.

Weiter geht’s – unter erschwerten Bedingungen

Nach dem Tanken machten wir uns direkt auf den Weg. Doch die Bedingungen waren alles andere als komfortabel: Gegen Wind und Welle kämpften wir uns mit der Strömung mühsam voran. Die KAMI hatte ordentlich zu tun, um überhaupt Fahrt über Grund zu machen.
Wie so oft: Wind direkt von vorn – an Segeln war nicht zu denken. Kathi versuchte währenddessen, Piper zu beruhigen, die den ständigen Seegang nicht wirklich mochte. Mike gab dem Großsegel noch eine Chance, doch schnell wurde klar: aussichtslos.
Also blieb es beim Motoren – wieder einmal.
Gegen Abend dann endlich die Wende: Der Wind drehte, wie von Alina vorhergesagt. Wir konnten die Genua setzen – und sofort lief es deutlich besser. Ruhigere See, mehr Geschwindigkeit, endlich etwas Segelfeeling! In der Nacht schlief der Wind noch einmal kurz ein, kam aber am frühen Morgen zurück.

Mike übernahm wie gewohnt die erste Nachtwache – und die hatte es in sich: Nicht nur herrschte dichter Verkehr auf der Route, auch die Ein- und Ausfahrten der Großhäfen Rotterdam und Zeebrügge lagen auf unserem Weg. Große Container- und Frachtschiffe kreuzten mit hoher Geschwindigkeit – volle Konzentration war gefragt. Kathi löste ihn gegen 5:30 Uhr ab.
In der Nacht kam plötzlich ein Funkspruch von der Küstenfunkstelle Zeebrügge direkt an die KAMI – Kathi war sofort hellwach. Die Dame fragte auf Englisch, wohin wir unterwegs seien und welchen Kurs wir fahren würden. Mike antwortete über Funk, während Kathi unterstützend zur Seite stand. Offenbar waren wir aus ihrer Sicht ein wenig zu nah an ein Arbeitsschiff zur Kabelverlegung herangefahren – man wollte einfach kontrollieren, wer wir sind und was wir vorhaben.
Ein kleiner Schreckmoment für uns – aber alles halb so wild. Wir hatten genügend Abstand gehalten, die Situation war ruhig und freundlich. Trotzdem: Ein klares Zeichen, dass in diesen stark frequentierten Gewässern auch die „Kleinen“ genau beobachtet werden.
In solchen Momenten sind wir froh über unser umgebautes Bett im Salon – wir schlafen in Reichweite zueinander, jederzeit bereit, im Notfall sofort zu reagieren. Auch Piper findet unser kleines Nest super gemütlich und bleibt am liebsten die ganze Zeit dort. So ist es auch für sie ein Stückchen angenehmer unterwegs zu sein.

Jetzt, gegen 12 Uhr mittags, sind wir kurz vor Calais – dem Eingang zum Englischen Kanal. Wenn alles wie geplant läuft, werden wir am Dienstag / Mittwoch in Brest ankommen. Das ist unser Ziel. Aber wie immer auf See: Mal sehen, was passiert …

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Kurs IJmuiden – endlich geht es los!

Nach fast 18 Tagen im Cuxhavener Seglerhafen entscheiden wir uns, endlich abzulegen und Kurs auf IJmuiden in den Niederlanden zu nehmen. Das Wetter und die Vorhersagen bei Windy passen einigermaßen für die rund 200 Seemeilen lange Etappe – und wir wollen jetzt auch einfach mal weiter.

Bevor wir am Freitagabend gegen 20 Uhr mit der ablaufenden Tide starten, füllen wir an der SB-Tankstelle im Hafen beide Tanks mit jeweils 72 Litern Diesel nach. Dann geht es los. Bei schönstem Abendsonnenschein biegen wir in die Elbmündung ein und motoren Richtung Nordsee zum ersten VTG (Verkehrstrennungsgebiet) „Jade Approach“.
Die ablaufende Flut aus Hamburg schiebt uns mit rund 2 Knoten – super.

Diesmal lassen wir nur eine Maschine laufen, um Sprit zu sparen und eine erste Verbrauchskalkulation zu machen. Natürlich ist das bei Strömung, Gegenwind und Welle nur bedingt aussagekräftig, aber für einen Mittelwert sollte es reichen.
Am Ende der Etappe rechnen wir hoch: 700 Liter Diesel ergeben eine Reichweite von ca. 1.000–1.200 Seemeilen, also rund 2.000 Kilometer. Nicht, dass ihr denkt, wir wollen absichtlich motoren – ganz im Gegenteil! Das dumpfe Gebrumme nervt uns wahnsinnig und geht irgendwann richtig auf den Kopf. Wir wollen segeln. Aber der Wind muss eben mitspielen.

Erste Nachtfahrt – neue Erfahrungen

Wir motoren also in die Nacht hinein. Laut Vorhersage soll es in den frühen Morgenstunden Wind geben. Ich schicke Kathi gegen 23 Uhr in die Koje und übernehme die komplette erste Nacht bis 8 Uhr morgens. Irgendwann kommt sie nochmal hoch und fragt: „Soll ich dich ablösen?“ Ich verneine, sie geht wieder schlafen.


Unsere Hündin Piper erlebt ihre erste Nachtfahrt – und ist völlig unentspannt. Sie weicht mir nicht von der Seite, schläft nur kurz, und wenn ich mich einmal bewege oder mir ein Getränk aus dem Kühlschrank hole, schaut sie mich mit ihren müden Augen an, als wolle sie sagen: Warum bewegt sich hier alles?! Sie muss sich natürlich erst daran gewöhnen, Tag und Nacht an Bord zu verbringen.
Beim „Lösen“ klappt es schon richtig gut: Wir gehen mit ihr auf das Vorschiff, geben den Befehl „Piper, los!“ – und sie macht brav ihr Geschäft. Danach wird wie auf See üblich alles mit Schlauch und Pütz abgespült. Natur zur Natur!

Wind? Fehlanzeige.

Am Samstagmorgen um 8 Uhr übernimmt Kathi die Wache, ich lege mich in den Salon in ihre Nähe und sage noch: Weck mich, wenn dir was komisch vorkommt oder du mit Radar oder AIS nicht klar kommst. Nach 20 Minuten bin ich wieder wach – Schlaf will sich einfach nicht einstellen. Also trinken wir einen Kaffee, und ich rolle die Genua aus. Immerhin: 9 Knoten Wind! Vielleicht reicht das für ein wenig Segelbetrieb?
Leider nicht. Nach zwei Stunden schläft der Wind wieder ein und das Segel fällt back. Also Genua einrollen. Wir tuckern weiter unter Maschine. Die Tide ist mittlerweile gekippt, der Strom kommt jetzt von vorn – unsere Geschwindigkeit sinkt auf nur noch 2,5 Knoten. Gerade einmal 4,6 km/h! Das ist langsamer als Gehen.

Tagsüber nutzt die Sonne jede Gelegenheit, vorbei zu schauen. Ich versuche, mal im Salon, mal im Cockpit ein Nickerchen zu machen – vergeblich. Ich finde keinen Schlaf.
Ab dem Nachmittag baut sich die See auf – 2,5 Meter Welle schiebt uns von hinten. Der Wind frischt auf: 10 bis 12 Knoten. Endlich! Aber: direkt von achtern, 180 Grad. Für unseren Katamaran KAMI denkbar ungünstig – wir können nur zwischen 40 und 135 Grad segeln. Also: Maschine bleibt an.

Wach bleiben um jeden Preis

Am Abend wird’s wolkig, wir sehen kaum noch Schiffe. Nach dem Abendbrot übernehme ich erneut die Nachtwache. Kathi geht schlafen – Kopfhörer auf, ich höre mal wieder „Domian“. Gegen Mitternacht schreibt meine Mom, dass sie nicht schlafen kann. Wir tauschen ein paar WhatsApp-Nachrichten aus. Ich vermisse Sie und meine Gedanken sind oft bei ihr.
Gegen 2 Uhr steht plötzlich Kathi bei mir. „Willst du dich ablösen lassen?“ fragt sie. Ich schicke sie nochmal in ihre Koje. Natürlich bin ich noch fit. Oder etwa nicht? Irgendwie hatte sie wohl eine Vorahnung. Immerhin bin ich zu dem Zeitpunkt schon fast einen ganzen Tag wach.

Um 4 Uhr werde ich richtig müde. Augenlider schwer, auf dem Plotter nichts, Radar leer, kein Verkehr – Langeweile macht sich breit. Und dann der gefährlichste Moment: Sekundenschlaf. Ich spüre, wie mein Körper ein klares Alarmsignal sendet. Nicht einschlafen! Also gehe ich sofort runter und wecke Kathi. Sie übernimmt ohne zu zögern.
Nach zwei Stunden narkotischen Tiefschlaf wache ich wieder auf. Es wird hell, Kathi steuert die KAMI mit Autopilot die Küste entlang. Aber weit sind wir noch nicht gekommen – kein Wunder bei der Gegenströmung. Unsere kalkulierten 34 Stunden für die Überfahrt nach IJmuiden werden wir nicht schaffen, am Ende sind es 40 Stunden.

Kontrolle auf See

Am Sonntag gegen 10 Uhr – mittlerweile haben wir sieben Stunden Verspätung – entdecke ich an Steuerbord ein großes Schiff der niederländischen Küstenwache. Kurz darauf wird ein RIB zu Wasser gelassen und rast mit Highspeed achteraus. Ich ahne schon: Die kommen zu uns.
Ein paar Minuten später liegen sie längsseits. „Woher kommen Sie?“, ruft einer der Beamten auf perfektem Deutsch. Ich antworte freundlich (trotz Müdigkeit) und erzähle von unserer Weltumsegelung. Nach ein paar Fragen und einem kurzen Gespräch wünschen sie uns alles Gute – und brausen wieder ab. Unsere erste Kontrolle auf See!

IJmuiden – der erste Stop außerhalb Deutschlands

Eine Stunde später erreichen wir IJmuiden. Wir funken den Hafenmeister auf Kanal 74 an. Kathi hatte dort zuvor angerufen, die Dame hatte einen freien Liegeplatz zugesagt – auf Deutsch. Jetzt fordert man uns über Funk auf, auf Englisch umzuschalten. Kathi übernimmt entspannt.
Wir motoren mit 15 Knoten Gegenwind in den Hafen. Ein „Marinero“ kommt im Dinghy entgegen und winkt uns, wir sollen folgen. Unser Liegeplatz ist in Reihe „F“. Die Ansteuerung klappt fast wie bei den Profis. Danach geht’s direkt ins Hafenmeisterbüro – wir buchen für eine Woche.

Nächste Schritte: Der Atlantik ruft!

Schon in der Nacht hatten wir via Podcast von Sebastian Wache (wetterwelt.com) gehört, dass das Wetter weiterhin suboptimal bleibt. Unser Plan: notfalls motoren bis Brest – raus aus dem Ärmelkanal, rein in den Atlantik.
Denn wir wollen endlich ins Warme! Segeln! Türkisfarbenes Wasser!

Bis dahin sind es noch ca. 600–700 Seemeilen. Aber: Gegenwelle und Gegenströmung sind das, was am meisten belastet – auch für unsere Piper. Sie musste schon Reisetabletten nehmen, um etwas zu entspannen. Sie ist ein wichtiger Teil der Crew – auch ihr Wohlbefinden steht für uns an erster Stelle.


Die Infos schicke ich in der Nacht an Alina. Direkt am Sonntagvormittag kommt ihre Antwort: Gegen Ende der Woche will sie sich mit neuen Wetterdaten melden.

Ankommen, schlafen, Pläne schmieden

Sonntagnachmittag gönnen wir uns ein Erholungsschläfchen – drei Stunden tiefster, erholsamer Schlaf. Der Körper holt sich, was er braucht. Am Abend fühlen wir uns wieder frisch und erkunden den Hafen und die Umgebung.

Seebeine wachsen nicht über Nacht – und wir sind froh, dass wir nicht ausschließlich auf Wind angewiesen sind. Wer nur auf’s Segeln gesetzt hätte, würde womöglich heute noch in der Ostsee treiben. Gut, dass wir auf einem Katamaran leben – die Vorteile gegenüber einer Monohülle sind enorm. Wir haben größten Respekt vor all unseren Mitseglern, mit denen wir über WhatsApp im Austausch stehen: die anderen Lossegler 2025.

Was kommt als Nächstes?

Am 26. Juli startet das legendäre Rolex Fastnet Race von Cowes nach Cherbourg. Über 400 Yachten nehmen teil. In den umliegenden Häfen wird es voll, laut – und spannend! Für uns ein weiterer Grund, so bald wie möglich durch den Ärmelkanal zu kommen.

Unsere Wunschroute:
 Noch einmal in IJmuiden auftanken, dann durch den Kanal nach Brest. Von dort aus Proviant und Diesel auffüllen – und auf Alinas „GO“ warten. Dann geht’s rüber über die Biskaya in einem weiten Atlantik-Bogen nach Madeira.
Dort ist gerade genau unser Wetter: Sonne, 32 Grad – Happy Feeling.

Jetzt beobachten wir aus den Niederlanden weiter die Wetterkapriolen. Die Wetterentwicklung wird immer rasanter, kurzfristiger, unberechenbarer.

Zur Stunde tobt ein höllisches Gewitter über dem Hafen…

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15. Etmal 110 Seemeilen

10.06.2023 – 12:00 Uhr Ortszeit – 15:00 UTC

16. Seetag

Etmal: 110 sm

Gesamtsumme: 1.823 sm


Wind aus S – SW
Segelstellung: Großsegel im 2. Reff, Genua voll

Speed über Grund: 7 kn

Das Tiefdruckgebiet beruhigt sich am späten Nachmittag, und es kommt sogar kurz die Sonne heraus.

Wir überprüfen die Segel und stellen das nächste Malheur fest:
An unserem Genuasegel (Vorsegel) hat sich in der Höhe der ersten Saling (Querstrebe am Mast) das Segeltuch – oder vermutlich ein aufgenähtes Cover (es sieht aus wie ein 1×1 Meter großer verstärkender Flicken) – etwas abgelöst und flattert im Wind. Es sieht aus wie ein zerfetztes Stück Stoff.
Vermutlich haben wir bei einem Reffmanöver das Tuch nicht straff genug geholt, sodass das Segel an der Saling gescheuert (schamfielt) hat und sich dadurch die Naht gelöst hat. Es könnte aber auch sein, dass dieser besagte Flicken nur aufgeklebt war. Von unten ist das nicht auszumachen. Da die Genua auf einer Rollreffanlage montiert ist, können wir das komplette Genuafall bei den aktuellen Windbedingungen nicht herunterlassen. Wir müssen den Schaden im Auge behalten und hoffen, dass der Grundstoff des Segels nicht einreißt. Ab sofort ist also ein besonders vorsichtiger Umgang mit der Genua angesagt.

Wir gehen mit der gesicherten Segelstellung im Reff in die Nacht, da einige kräftige Böen gemeldet sind. Spätestens ab heute Morgen müssen wir das nächste Tiefdruckgebiet durchsegeln, und es sind Starkwinde mit größeren Böen vorhergesagt. Der Nachteil unserer konservativen Segelstellung ist der Geschwindigkeitsverlust, was das heutige Etmal (die gesegelte Strecke) gut zeigt.

In der Nacht bemerke ich, dass sich das Segelboot „Calinka“ unserer Position bedenklich nähert. Das ist nachts nicht besonders angenehm, denn unter Segeln lassen sich Ausweichmanöver, besonders bei starkem Wind, nicht so schnell umsetzen. Zudem ist es stockdunkel da draußen. Da unsere Batteriekapazitäten wieder in Richtung 11 Volt sinken, entscheide ich, die Steuerbordmaschine zu starten, um uns von dem nahen Segelboot abzusetzen und einen akzeptablen Sicherheitsabstand zu erreichen. Nach einer Stunde liegt die „Calinka“ etwa 3 Seemeilen hinter uns, was ausreichend sein sollte. Also Maschine wieder aus.

Ein Blick auf den Kartenplotter zeigt, dass das Segelboot beharrlich unserer Kurslinie folgt. Wollen die sich wirklich an uns, zwei Segelanfänger, heften? Unglaublich! Seit nunmehr 36 Stunden „klebt“ das schwedische Segelboot an uns. Hmm…

In den frühen Morgenstunden höre ich über Funk jemanden das „Segelboot“ rufen. Ich schaue auf unseren Kartenplotter und sehe einen großen Tanker in unmittelbarer Nähe (1,5 sm) zur „Calinka“.
Kollisionskurs!
Der Tanker wiederholt seinen Funkruf insgesamt sechs Mal, doch von der „Calinka“ kommt keine Reaktion. Mit einem Manöver in letzter Sekunde macht der Tanker einen Schlenker, weicht dem Segelboot aus und setzt sich dann schnell mit 15 Knoten Fahrt ab. Völlig verwirrt versuche ich, das Erlebte zu analysieren. Mir fällt ein, dass Karsten bei seinem gestrigen Funkgespräch mit der „Calinka“ nach deren Anruf darum bat, vom allgemeinen Anruf- und Notrufkanal 16 auf den Arbeitskanal 6 (Ship-to-Ship) zu wechseln – gut gemacht, Karsten! Das macht man, um den Notrufkanal für die übrige Schifffahrt freizuhalten. Vielleicht hat die „Calinka“ vergessen, nach dem Gespräch wieder auf Kanal 16 zurückzuschalten? Das würde erklären, warum der Tanker keine Antwort bekam. Oder vielleicht hat der Skipper einfach nur geschlafen. Es bleibt mysteriös!

Heute früh gönnen wir uns wieder einen Kaffee und ein ordentliches Frühstück. Kurz danach nutzen wir die etwas ruhigere Zeit, um die Bordduschen zu verwenden. Ich selbst verspüre das Bedürfnis, mich zu rasieren, während Karsten seinem „Gangerl-Style“ treu bleibt, lach. Gegen 10:30 Uhr kommt es dann wie erwartet: Die Wellen beginnen sich aufzutürmen und drücken mit ordentlich Wind von achtern in das Schiff. Schnell nehmen wir Fahrt auf und erreichen in den Peaks und Wellentälern, die wir absurfen, bis zu 10 Knoten Geschwindigkeit. Im Schnitt liegen wir momentan zwischen 7 und 8 Knoten. Perfekt! Mit den achterlichen Wellen ist es auch im Schiff einigermaßen auszuhalten. Wir entspannen uns, frisch geduscht, im Salon und hören Podcasts rund ums Segeln.

Bis morgen Vormittag soll es im „Groben“ so bleiben: Windstärken von 5 bis 6 Beaufort, in Böen 7. Ein paar Starkböen werden uns noch treffen, aber am Sonntag beruhigt sich das Wetter wieder, und der Wind dreht in den kommenden Tagen auf West, sodass wir unseren Kurs weiter nördlich absetzen können (Richtung Azoren).

Auf dem Foto seht ihr das Plotterbild der Beinahe-Kollision: Die beiden weißen Dreiecke im oberen Bereich. Die gestrichelten Linien vor den Dreiecken zeigen den Fahrtenabstand der nächsten 60 Minuten. Unten seht ihr die KAMI. Die blaue Linie zeigt den reinen Steuerkurs über 60 Minuten, die rote Linie den tatsächlichen Kurs, inklusive Versatz durch Wind, Strömung und Wellen.

14. Etmal 146 Seemeilen

09.06.2023 – 12:20 Uhr Ortszeit – 15:20 UTC

15. Seetag
Etmal: 146 sm

Gesamtsumme: 1.714 sm

Wind aus S – SW

Segelstellung: Großsegel im 2. Reff, Genua 80%

Speed über Grund: 7 kn

Am Nachmittag schauen wir hoch zum Großsegel und stellen fest, dass die Dirk (ein Seil von der Mastspitze zum Ende des Baums) an mehreren Stellen durchgescheuert ist. Wir hatten am Tag zuvor vergessen, die Dirk nach einem Manöver wieder richtig frei zu geben. So lag sie unter Spannung auf dem durch Wind ausgebauchten Großsegel und rieb an den mittleren Segellatten. An einer Stelle hielt die Dirk nur noch an zwei Polyesterseelen – sie war also kurz davor, komplett zu reißen.
Wir schnitten die beschädigten Teile, etwa zwei Meter, mit dem Messer heraus und verknoteten die Enden mit Palstek-Knoten. Dieses Provisorium muss nun bis Rostock halten. Es war ohnehin geplant, das laufende Gut durch neue Leinen zu ersetzen.

Die durchgescheuerte Dirk muss repariert werden.

Am Abend nimmt der Wind immer weiter zu, und die Wellen schütteln die KAMI ordentlich durch. Da für die Nacht und den frühen Morgen Windböen von über 28 Knoten vorhergesagt sind, reffen wir das Großsegel ins zweite Reff und rollen in den Morgenstunden auch das Genuasegel auf 80 % ein. Sicher ist sicher! Unermüdlich gräbt sich die KAMI durch die nun etwa drei Meter hohen Atlantikwellen. Trotz der gerefften Segel machen wir etwa 7 Knoten Fahrt, beim Absurfen der Wellen erreichen wir sogar 10 Knoten.
Der Autopilot muss kräftig arbeiten, um das Schiff durch die Wellen zu steuern. Kein Wunder also, dass wir in der Nacht mehrmals den Stromgenerator starten müssen, um die Batterien wieder aufzuladen. Gegen 4 Uhr fällt mir jedoch auf, dass die Ladeanzeige eher abnimmt als zunimmt. Irgendetwas stimmt nicht. Obwohl das Tuckern des Generators zu hören ist, zeigt das Voltmeter „0“ an. Komisch – was ist jetzt schon wieder los?

Ich erinnere mich, wo der Sicherungskasten des Generators ist, und schaue nach. Alle Sicherungen stehen auf „off“. Ich vermute einen Kurzschluss im Warmwasserboiler (Heizelement), da ich mir den Ausfall sonst nicht erklären kann. Nachdem ich den Boiler ausgeschaltet habe und die Sicherungen wieder einlege, läuft der Generator wieder einwandfrei und produziert fleißig Strom. Situation gerettet! Das Thema Warmwasserboiler stellen wir erstmal hinten an – im Moment bläst es draußen viel zu stark, und unser Fokus liegt gerade auf der Besegelung.

Das Tiefdruckgebiet tobt weiterhin unerbittlich, sodass wir seit dem Morgengrauen jeder nur einen Apfel gegessen haben. An Kaffee kochen ist gerade nicht zu denken, es sei denn, wir hätten eine artistische Ausbildung. Stellt euch vor, ihr steht auf einem Balanceboard und versucht, kochendes Wasser in eine Kanne zu gießen – keine gute Idee!

Der Höhepunkt des Tiefs soll gegen 14 Uhr erreicht sein. Wir hoffen, dass sich die See bis dahin etwas beruhigt, damit wir wieder unserem Tagwerk nachgehen können. Im Moment sitzen wir fest auf der Salonbank, und selbst ein Toilettengang fühlt sich wie eine Kirmesfahrt an. In den nächsten Stunden wird der Wind etwas nachlassen, doch leider bleibt uns das raue Wetter auch am Abend erhalten. Am Sonntagmorgen könnten wir Glück haben und ein paar Sonnenstrahlen erhaschen. Danach sollte es wieder etwas angenehmer werden.

Seit heute Nacht fährt das schwedische Segelboot „Calinka“ vor uns her. Wie festgeklebt bleibt der Abstand zwischen uns gleich, und wir verfolgen sie regelmäßig auf dem Kartenplotter (AIS). Auch die „Calinka“ ist zur selben Zeit wie wir von den Bermudas aufgebrochen. Wir vermuten, dass sie ebenfalls Kurs auf die Azoren nimmt. Mal sehen, wie lange unsere kleine Zwei-Boot-Gruppe zusammenbleibt – derzeit ist sie etwa 7 Seemeilen entfernt.

Top-Update: Gerade funkt uns der Skipper der „Calinka“ an und fragt nach Informationen zum aktuellen Sturm. Karsten gibt sein Bestes und teilt ihm in gebrochenem Englisch unsere Wegpunkte mit. Im Großen und Ganzen sagen wir ihm, dass wir Kurs „Osten“ fahren: von 54° West nach 47° West in den kommenden Tagen. In einer Woche dann gerne bei 38° West – Kurs Azoren!

Das Positive im Moment: Wir machen Fahrt (auch wenn es kein Kreuzfahrtfeeling ist) und sind hier draußen nicht ganz allein!

12. Etmal 155 Seemeilen

07.06.2023 – 12:00 Uhr Ortszeit – 15:00 UTC

13. Seetag
Etmal: 155 sm

Gesamtsumme: 1.423 sm

Wind aus S – SW

Segelstellung: Großsegel voll, Genua voll

Speed über Grund: 8 kn

Nachmittags stellt sich endlich der erhoffte Wind ein, und die KAMI nimmt wieder Fahrt auf. Von Stunde zu Stunde frischt der Wind auf, und es kommt richtig Bewegung ins Schiff. Unser Begleiter, das Segelboot Javelin auf der Steuerbordseite, ist jedoch nicht mehr auf unserem Kartenplotter zu sehen. Wir vermuten eine Kursänderung nach Südosten, fragen uns aber, warum wir keine AIS-Signale bzw. Symbole mehr auf dem Display sehen.

Wieder ein technisches Problem? Wir wissen es nicht und entscheiden daher, in der Nacht sicherheitshalber das Radar laufen zu lassen. Morgens um 8 Uhr sehen wir glücklicherweise wieder ein AIS-Signal, diesmal von einem Tanker. Das AIS-System funktioniert also. Gut so.

Am Abend schauen wir gemeinsam eine Dokumentation von Arte über die Tiefsee im Mittelmeer. Gegen 22 Uhr machen wir das Schiff für die Nacht fertig: Der Kartenplotter wird in den Nachtmodus geschaltet (rote Beleuchtung), elektrisches Kerzenlicht eingeschaltet, die Positionslampen aktiviert und die Thermoskanne mit Kräutertee gefüllt. Wer schläft wohl rasch wieder ein? Richtig – der liebe Karsten. Das Schiff springt von Welle zu Welle und macht bis zu 9 Knoten Fahrt. So kann es gern weitergehen – wir machen endlich Strecke, wenn man das so nennen kann. Auch ich schlafe im Salon ein und hebe mein Haupt alle 60 Minuten, um blinzelnd auf den Kartenplotter zu schauen. Nichts zu sehen. Ab und an schlagen die Segel im Wind, besonders wenn Windböen mit bis zu 23 Knoten auf die KAMI treffen – dann rumpelt es ordentlich über und unter dem Schiff.

Ich sitze am Kartentisch und vertreibe mir die Zeit, indem ich meinem Schwimmfreund Frank per WhatsApp schreibe. Gegen 4 Uhr wird Karsten wieder wach, und ich gehe in meine Koje, wo ich noch zwei Stunden schlafe. Doch die Wellen nehmen weiter zu, und bei dem Gepolter an Bord finde ich keine Ruhe mehr.

Nach Sonnenaufgang beratschlagen wir den weiteren Kurs. Im Moment fällt der Wind so ein, dass die KAMI zu nördlich läuft. Sebastian Wache hat uns geraten, einen östlichen Kurs einzuschlagen, um einem sich möglicherweise bildenden Sturmtief auszuweichen. Wir machen gerade richtig gute Fahrt und entscheiden uns, einen Zick-Zack-Kurs zu fahren, um weiter östlich zu kommen. Am Freitag könnte es dann etwas schwieriger werden, da ein Tiefdruckgebiet unseren Kurs kreuzen wird. Mal sehen, wie weit wir bis dahin kommen – vielleicht rutschen wir knapp daran vorbei.

Unser 1-kg-Orangennetz (17,50 USD) sieht mittlerweile nicht mehr so ansehnlich aus, also presse ich daraus zwei größere Gläser frischen Orangensaft. Ich stelle die Gläser in der Küche auf die Arbeitsplatte, um die ausgepressten Schalen zu entsorgen, doch dann springt die KAMI auf eine seitliche Welle und beide Gläser ergießen sich abrupt im Salon. Klasse! Ein wenig Abwechslung ist doch schön.

Ach, wie ärgerlich.

Nach den Reinigungsarbeiten verlegen wir das Datenkabel der Starlink-Antenne über zwei Revisionsklappen ins Schiffsinnere. Nachts wird es jetzt doch schon recht kühl, und wenn der Wind achterlich einfällt, ist es im Salon nicht mehr so behaglich. Wir konnten wegen des Datenkabels die Salontür bisher nicht schließen, aber dank unseres improvisierten Provisoriums geht das ab heute.

Nach dem Frühstück (leider ohne Orangensaft), das aus einer kleinen Schale Müsli besteht, werfe ich die Waschmaschine an. Bei dem heutigen Wind sollte die Wäsche schnell trocknen. Insgesamt laufen zwei Maschinen (à 3 kg) durch, jeweils 40 Minuten. Generator und Wassermacher laufen parallel.

An unsere ausgebrachte Angel (Trollingleine) will nichts beißen. Gerne würden wir zum Abendessen ein Stück gebratenen Mahi-Mahi verspeisen, aber das Schiff läuft gerade viel zu schnell für die Fangköder. Also bleibt der Teller bis auf Nudeln, Gemüse und etwas Pute (als Ersatz) leer.

Sonst gibt es nichts zu tun – außer schlafen, dösen und an unsere Lieben daheim denken.

11. Etmal 70 Seemeilen

06.06.2023 – 12:03 Uhr Ortszeit – 15:03 UTC
12. Seetag

Etmal: 70 sm

Gesamtsumme: 1.268 sm


Wind aus SW

Segelstellung: Alles draussen was geht (außer Gennaker)

Speed über Grund: 5,7 kn

Wir kommen nicht richtig voran. Die Flautenbereiche haben uns fest im Griff. Die Nacht ist sehr ruhig. Mehrmals schläft der Wind auf „0“ ein, und der Alarm des Autopiloten ertönt, da er seinen befohlenen Kurs nicht halten kann. Also starten wir kurz die Maschine und bewegen uns mit 2 bis 3 Knoten in Richtung des nächsten Wegpunkts. Dann frischt der Wind wieder bis auf 7 Knoten auf. Rasch die Maschine aus und die Genua ausgerichtet. Dieses Spielchen wiederholt sich zwei- bis dreimal in der Nacht.

7 Meilen an unserer Steuerbordseite sehen wir seit dem späten Nachmittag auf dem AIS („Automatic Identification System“) das Segelboot „Javelin“. Nach ihrer MMSI (Funkkennung) zu urteilen, müsste es sich um ein niederländisches Schiff handeln. Leider finden wir im Netz keine weiteren Informationen über das Boot. Die Javelin fährt nun schon seit 14 Stunden auf gleicher Höhe an unserer Steuerbordseite – Richtung Nordost. Wir können sie nicht sehen, sie ist mit aktuell 9,23 Meilen zu weit entfernt. So merkwürdig es klingt, aber wir freuen uns, das eine oder andere Segelboot hier draußen zu sehen.

Gestern wurden wir über Funk gerufen. Ich war gerade im Bad, und Karsten, der sich langsam als richtiger Funkprofi entpuppt, sprach mit einem französischen Katamaran. Wir wurden gefragt, ob wir wissen, wann der Wind wiederkommt, und man wünschte uns eine gute Fahrt durch die Nacht. Abschließend wurde uns vorgeschlagen, uns doch in „Horta“ auf den Azoren in einem Café zu treffen. Mit dem französischen Katamaran, der mit voller Besegelung in der Flaute unter Maschine fuhr, sahen wir vielleicht 3 Meilen dahinter noch zwei weitere Kats. Diese hatten keine Segel gesetzt und schienen nur unter Motor zu fahren. Selbst als wieder ein bisschen Wind aufkam (5 bis 7 Knoten), motorisierten die drei Katamarane weiter. Erst zum Sundowner (hinter den Wolken) sahen wir einen der Katamarane doch noch seine Segel setzen, in der Hoffnung, die Nacht würde etwas Wind bringen. Leider sollte der Plan nicht aufgehen.

Die KAMI schiebt sich mit durchschnittlich 2 Knoten durch die Dunkelheit. Nachdem wir uns eine heiße Dusche gegönnt hatten, bauten wir unser Lager im Salon auf. Jeder machte es sich auf einer Seite der Sitzecke bequem. Wir überlegen, die Sitzecke zu einem durchgängigen Schlaflager umzubauen – vielleicht in den nächsten Tagen?! Nach einem Blick auf den Kartenplotter (die Javelin ist in sicherem Abstand) und leiser Chill-out-Musik im Ohr schlafen wir beide tief und fest ein. Moment mal, wer hätte eigentlich Wache?
Ich werde nach 2 Stunden wach und schaue mich ringsum um. Wegen der Flaute gibt es kaum Wellen. Alles ist in Ordnung. Gegen 4 Uhr nasche ich einen Mr.Tom und belebe mich mit einer echten US-Coke, die übrigens ganz anders schmeckt als unsere in Deutschland. Karsten schläft – wie immer! Wie er das macht: Er legt sich hin und ist nach 2 Minuten schon im Traumland. Ich bekomme das nicht hin. Irgendwie habe ich immer eine „Grundnervosität“ in mir. Gedanken wie: „Kreuzt uns ein anderes Schiff?“, „Schlagen die Segel?“, „Ist alles sicher?“ – wecken mich nach relativ kurzen Schlafintervallen. Es ist kein Problem – durch die viele Seeluft fühlt man sich gut, und die Müdigkeit verfliegt schnell. Dann müssen tagsüber eben noch ein paar Powernaps gemacht werden.

Gegen 6 Uhr gehe ich aufs Vorschiff und setze wieder alles an Tuch, was geht. Etwas schneller laufen wir der aufgehenden Sonne entgegen. Danach gibt’s den ersten Kaffee des Tages. Mein Wachpartner schläft noch immer, nicht mal der Geruch von frischem Kaffee erweckt seine Lebensgeister. Pennbeutel! lach
Ich checke mit der Kaffeetasse in der Hand meine E-Mails. Wieder Post von Sebastian Wache: Heute soll sich noch achterlicher Wind einstellen, der uns etwas zügiger voranbringen wird. Oh ja, das wäre schön. Wir sind gespannt.

Wir freuen uns über die E-Mail von Sebastian Wache von Wetterwelt.

Gestern Nachmittag flog ein Pärchen Weißschwanz-Tropikvögel mindestens 1,5 Stunden um die KAMI. Sehr hübsche Tiere und unglaublich kunstvolle Flieger. Dann fiel uns im Wasser ein Lebewesen auf, das wie ein aufgeblasener Folienhandschuh aussah. Zuerst dachten wir, es wäre Plastikmüll, doch bei genauerem Hinsehen lösten wir das Rätsel: Es war eine Portugiesische Galeere – eine Seeblase, die zu den giftigen Staatsquallen gehört. Stunden später zählten wir noch immer etliche dieser Tiere, die an der KAMI vorbeitrieben. Selbst heute früh sieht man sie überall auf dem Atlantik – Baden fällt also erstmal aus.

Uns geht es gut.

3. Etmal 121,2 Seemeilen

23.05.2023 – 12:05 Uhr Ortszeit – 16:05 UTC

4. Seetag

Etmal: 121,2 sm

Gesamtsumme: 328,2 sm

Wind aus NW zwischen 11 und 17 Knoten

Segelstellung – Großsegel 1. Reff – Genua voll – spitzer Amwindkurs 47°

Speed über Grund: gerade um die 5,8 kn

Wir steuern seit gestern Abend hart auf Ost-Nordost und peilen die Wegpunkte an, die wir von Sebastian Wache per E-Mail bekommen haben. Wenn es ein Voting für die aufregendste Nachfahrt gäbe, wäre die vergangene Nacht derzeit auf Platz 1. Seit Sonnenuntergang segeln wir so extrem hart am Wind, dass wir die teils 3 bis 3,5 Meter hohen Wellen von schräg vorne (Backbord – Portside) direkt auf die Nase bekommen.

Eine Achterbahnfahrt auf der Kirmes wäre dagegen ein Kinderkarussell!

Wieder ist an erholsamen Schlaf nicht zu denken. Die Müdigkeit sitzt fest auf uns wie eine alte Mütze, die wir nicht ablegen können. Wir lümmeln beide im Salon, denn unten in der Koje ist es jetzt gar nicht mehr auszuhalten. Die Wellen schlagen von allen Seiten auf das Schiff ein, als wollen sie uns sagen, dass die Materialbelastung kaum noch im Akzeptanzbereich liegt. Natürlich sind das nur unsere Empfindungen – das Schiff muss das abkönnen, schließlich fahren wir ja nicht auf einem Dorfteich, sondern auf dem Atlantik. Jeder von uns nickt immer mal wieder für zwanzig bis dreißig Minuten ein. Unser vor der Reise aufgestellter Wachplan wird völlig ignoriert. Jeder macht das, wozu er gerade fähig ist und was der Körper noch hergibt.

Durch die Gischt, die sich wie Zuckerwatte ums Schiff legt, sind alle Oberflächen salzig und stumpf. Ich entscheide mich, die Dusche im Eignerbad das erste Mal auszuprobieren (in Nassau haben wir nur die Decksdusche im Freien genutzt). Das heiße Wasser tut sehr gut, und schon fühlt man sich ein wenig wohler und zufriedener.

Karsten, unser Smutje, hat das Abendbrot vorbereitet. Heute gibt es Burger. Eigentlich wollten wir den Tischgrill ausprobieren, aber bei diesem Wellenritt ist daran nicht zu denken. Also wird alles in der Pantry vorbereitet, und der Abendbrotstisch im Cockpit (Tisch achtern draußen) wird gedeckt. Wir wünschen uns guten Appetit, doch dann hält Karsten inne. Er bekommt nichts herunter, knabbert nur an einem Salatblatt und lässt seinen Burger fast unangetastet stehen. Mir geht es magenmäßig besser, und ich verputze zwei Burger (die übrigens aus Donut-Brötchen bestehen). Der Tisch wird wieder abgeräumt, denn die Ketchupflasche und unsere Kräutertee-Thermoskanne fliegen von rechts nach links und verlassen selbständig ihren zugewiesenen Platz.

Doch dann … Systemalarm!

Karsten ruft in meine Richtung, dass sämtliche Winddaten auf unserem Plotter verschwunden sind und der Autopilot von Segelsteuerung auf Maschinensteuerung umgestellt hat. Wir legen in Windeseile unsere Sicherheitswesten an, schlüpfen in die Decksschuhe und stürmen zum Steuerstand, wo wir uns zur Sicherheit erst einmal einpicken, damit wir bei den Wellenschlägen nicht über Bord katapultiert werden. Was nun? Die Gefahr ist groß, dass die KAMI in den Wind schlägt. Sofort drehen wir in den Wind, holen die Rollgenua ein und ziehen das Großsegel nach unten. Alle Segel sind unten! Unter Maschinenfahrt bleiben wir in der Windachse stehen, damit sich die Situation ein wenig beruhigt.

Tausend Gedanken poltern durch meinen Kopf. Ohne funktionierende Windanzeige ist die Reise hier beendet. Wir könnten nur noch unter Maschine nach Nassau zurückfahren, um das Problem dort beheben zu lassen. So ein Mist! Das kann doch nicht sein … Karsten holt eine Taschenlampe, und wir wollen das Mast-Top ableuchten, da wir vermuten, dass die Windfahnen oben auf der Spitze durch das Hin- und Herschlagen des Schiffs verloren gegangen sind. Wir leuchten den Mast ab und sehen, dass oben alles in Ordnung ist. Da kommt mir der Gedanke, das ganze Navigationssystem einmal komplett auszuschalten und dann neu hochzufahren. Gesagt, getan – die Windanzeigen sind wieder da, sogar die verklemmte Anzeige für die Geschwindigkeit durch das Wasser funktioniert plötzlich wieder.

Habt ihr die zwei Steine plumpsen gehört?

Gott sei Dank – es scheint nur ein Softwaresystemfehler gewesen zu sein. Wir schauen uns fragend an und setzen wieder: „Segel auf“! Mit Motorkraft drehen wir das Schiff wieder an den „spitzen Amwind“, bis es wieder Fahrt aufnimmt und die Segel richtig stehen. Meine Duschaktion kurz davor war für die Katz (das Wasser läuft mir den Rücken herunter) – wir müssen uns erst einmal wieder akklimatisieren und setzen uns ins Cockpit. Was für eine aufregende Aktion! Wir wünschen uns gegenseitig, dass der Fehler nicht noch einmal auftritt, und besprechen bereits das Vorgehen bei einer möglichen Wiederholung.

Und als ob die Aufregung nicht schon genug wäre, sehe ich vom Cockpit aus, wie die Bilgenlampe für den Steuerbordrumpf ständig an- und ausgeht (leuchtet grün, wenn die Pumpe automatisch in Betrieb ist). Ich eile in den Eignerrumpf und nehme die Bodenplatten hoch. In der Bilge steht dunkles Wasser, vielleicht ein Liter. Ich nehme auch die benachbarten Bodenplatten auf (man bedenke, dass das Schiff durch den Wellenritt irre Bewegungen macht) und kann eine grobe Richtung der Wasserherkunft ausmachen. Ich lege die Bodenplatten wieder ein und beschließe, dem Problem bei ruhigerer See auf den Grund zu gehen.

In der Nacht springt die Pumpe ungefähr zwei bis drei Mal die Stunde für ein paar Sekunden an. Es scheint nichts Bedrohliches zu sein. Ich behalte das in den nächsten Tagen im Auge.

Gegen 3 Uhr liegen wir beide völlig erschöpft oben im Salon auf der Sitzbank. Durch die L-Form können wir uns dort gemütlich ausbreiten. Karsten schläft sofort ein (er tut sich mit dem Schlafen nicht so schwer), während ich an die Salondecke starre. Erste Zweifel tauchen in meinem Kopf auf. Inzwischen sind die Wellenschläge noch intensiver geworden. Das Quietschen des Autopiloten wird gefühlt immer lauter, die Reffleinen im Großsegel knarren, und meine Augen fallen für eine Viertelstunde zu.

Weit und breit ist kein Schiff mehr auszumachen, unter uns geht es jetzt 4.000 Meter in die Tiefe. Die Landkanten der Bahamas-Inseln sind nicht mehr zu sehen.

Jetzt sind wir wohl richtig draußen!!
Schön, aber auch ein wenig ehrfurchtgebietend.

Gegen 5 Uhr kündigt sich der fünfte Seetag an. Genau vor uns im Osten wird es langsam heller, und die Sonne geht auf. Ich rappele mich auf, torkle nach draußen und setze mich an den Steuerstand. Dieses Morgengrauen, die warme, salzige Luft und die Wolkenformationen – so schön anzusehen. Schnell verfliegen die dunklen Gedanken der Nacht aus meinem Kopf, und ich schaue über den Ozean in Richtung Heimat. Prompt dröhnt der nächste Systemalarm: „Spannung unter 11 Volt“. Der Autopilot hat wohl in der Nacht zu viel leisten müssen. Ich eile nach drinnen und werfe den Generator an. Ich wundere mich jedoch fünf Minuten später, dass die Batterien immer noch keine höhere Spannung anzeigen. Was ist denn jetzt schon wieder los?! Langsam reicht es, und ich schimpfe vor mich hin. Da entdecke ich das Problem … Mein schlafender Passmann muss mit dem Rücken an das Bedienpanel am Kartentisch gekommen sein. Der Ladeschalter stand auf „off“! Nun erhalten die Batterien wieder genügend Ladespannung. Langsam wird es hell, und die Sonne bahnt sich ihren Weg durch die Wolken. Sobald sie das Solarpanel mit voller Leistung beschienen hat, wird der Generator wieder ausgeschaltet. Diesel sparen!

Der erste Kaffee des Tages wird gekocht, und wir sitzen mal wieder zusammen und machen Wetter- und Routenpläne. Wir segeln in ein richtiges Flautengebiet, bevor uns dann endlich am Donnerstag, spätestens Freitag, der ersehnte Südwind erreicht. Wir wollen den Flautentag nutzen, um den Außengrill anzuwerfen, die Filmdrohne mal nach oben zu schicken und ein Bad im tiefblauen Wasser zu nehmen – und vor allem endlich mal richtig zu schlafen. Die Angeln müssen wir auch noch vorbereiten, damit, wenn es weitergeht, auch der ein oder andere Mahi-Mahi (Goldmakrele) auf unseren Tellern landet. Die angekündigte Flaute wollen wir aussitzen (kein Segel, kein Motor).

Eine weitere Aufgabe: Ein Sicherheitsblick in die Backskiste. Dort lagern zwischen den Bootsfendern zehn Dieselkanister aus Kunststoff zu je 20 Litern sowie zwei kleine Kanister für den Dinghy-Sprit (Außenborder).

Wir hören Musik, und es geht uns gut. Der ein oder andere blaue Fleck vom Manövergetänzel stört uns nicht.

Ab dem dritten Seetag sollen einem ja „Seebeine“ wachsen. Das passt!

Im Moment läuft alles vor sich hin. Gleich gibt es ein „Spätfrühstück“, und dann wird nochmal geruht …

2. Etmal 107,6 Seemeilen

22.05.2023 – 12:15 Uhr Ortszeit – 16:15 UTC
3. Seetag
Etmal: 107,6 sm
Gesamtsumme: 206,9 sm
Wind aus NO zwischen 8 und 10 Knoten

Segelstellung – Großsegel voll – Genua voll – spitzer Amwindkurs um die 40° abfallend auf Halbwind

Speed über Grund: 7 kn

In der vergangenen Nacht haben wir die letzte Bahamas-Insel hinter uns gelassen und fahren seither in weiten Zickzack-Kursen, zuerst nach Norden-Nordwesten gemäß den empfohlenen Wegpunkten von Sebastian Wache, nun nach Osten-Nordosten.

Gestern gegen 22 Uhr alarmierte uns unser B&G-Kartenplotter – Kollisionskurs mit einem anderen Segler. Nur noch 1,5 Seemeilen Abstand! Schnell beschließen wir, eine Ausweichwende zu fahren, beleuchten das Vordeck und sichern uns mit unseren Westen. Das Manöver gelingt, und der amerikanische Segler zieht an uns vorbei. Danach ziehen wir uns beide in den Salon zurück. Der nächtliche Wind nimmt bis auf 28 Knoten in Böen zu, und das Schiff erreicht zum ersten Mal seit unserer Abfahrt 8,5 Knoten. Wir fahren spitz gegen die vorherrschende 2,5-Meter-Welle. Gischt spritzt über das Schiff, und überall funkelt das Meersalz auf den Oberflächen.

An Schlaf ist unter diesen Bedingungen im Moment nicht zu denken. Wir überlegen, wie wir die Nacht weiter angehen wollen, und beschließen, das Großsegel ins erste Reff zu nehmen (also ein Stück herunterzunehmen -um die Segelfläche zu verkleinern). Unser gemeinsamer Beschluss wird sich rächen! Es heißt nicht umsonst: „Wenn du übers Reffen nachdenkst, ist es oft schon zu spät.“ Wir bereiten alles vor – draußen donnern die Wellen gegen und unter das Schiff (bei einem Katamaran unter dem Salon in der Mitte des Schiffs). Das sind beängstigende Geräusche, die man sich kaum vorstellen kann. Blitzschnell schießen uns Gedanken durch den Kopf:
Wird der Mast halten?
Sind die Schoten nicht schon zu alt und könnten brechen?

Wir bereiten uns auf das nächtliche Reffmanöver vor, legen die Westen an und sichern uns an Deck. Wir lassen das Großfall bis zum ersten Reffpunkt fallen und merken, dass die Reffleine klemmt. Die Elektrowinsch ächzt, und wir stoppen das Dichtholen der Reffleine. Mir bleibt nichts anderes übrig, als aufs Vorschiff zu gehen und die Reffleinen zu klarieren.
Was passieren muss – passiert.
Das Schiff springt von der Bugwelle ins Wellental, und es gibt einen donnernden Ruck. Ich rutsche dabei am Mast aus und hänge wie ein zusammengerollter Käfer in den Sicherheitsleinen. Ich spüre brennende Schmerzen an meinen Schienbeinen und stauche mir die Finger an der linken Hand. Karsten, der im Steuerstand an den Winschen steht, bekommt das gar nicht richtig mit und wundert sich, als ich mit schmerzverzerrtem Gesicht wieder zu ihm in die „Sicherheitszone“ des Steuerstands krabble – im wahrsten Sinne des Wortes. Schweißgebadet und etwas lädiert bringen wir das Manöver nach gut 50 Minuten zu Ende.

Nach dem Reffen und einer kleinen Kurskorrektur wird es etwas erträglicher an Bord. Karsten bietet mir an, die Augen zu schließen – ich lege mich neben ihm im Salon hin und falle sofort in einen zweistündigen Tiefschlaf. Gegen 5 Uhr schicke ich Karsten in seine Koje. Er sieht gar nicht gut aus und ist völlig am Ende. Schon einige Stunden vorher beim Reffmanöver fiel es ihm aufgrund des Schlafentzugs schwer, rechts und links – also Steuerbord und Backbord – zu unterscheiden.

Es ist gerade für uns beide eine Ausnahmesituation, aber wir wachsen daran!

Ich bin froh, dass Karsten mit an Bord ist und dass er mit meinem „Gebrumme“ (wenn ein Manöver nicht gleich so funktioniert) gut umgehen kann.

Die Sonne geht auf – der dritte Seetag beginnt. Karsten liegt unten und schnarcht, so laut, dass ich es bis oben hören kann. Sein Körper holt sich nun endlich den Schlaf, den er so dringend braucht. Ich sitze wieder im Salon am Kartentisch und höre erneut den „Domian – 1Live“-Podcast. Meine Augen brennen, und ich kämpfe gegen die Müdigkeit an. In den letzten 48 Stunden habe ich wohl insgesamt nicht mehr als fünf Stunden geschlafen. Ich gehe nach draußen, setze mich an den Steuerstand und traue meinen Augen nicht: Eine kleine Schule von Delfinen taucht unter der KAMI durch, vielleicht 20 Tiere. Ich eile in den Salon, um mein Handy zu holen und Fotos zu machen. Als ich wieder draußen bin, sind die Delfine leider schon zu weit weg, um sie festzuhalten. Etwas enttäuscht schaue ich in die Ferne und sehe einen fliegenden Fisch aus dem Wasser springen. Geschätzt segelt er 10 Meter über die Wasseroberfläche – leider zu weit weg für ein Foto.

Gegen 7 Uhr ist Karsten wieder oben. Ich falle sofort todmüde in die Koje und schlafe sofort ein. Nach zwei Stunden rappele ich mich wieder hoch. Die Sonne scheint durchs Fenster, und mich zieht es nach draußen. Karsten ist nicht traurig, denn wir können gemeinsam ein schönes Frühstück im Cockpit genießen und über das Wetter und die Kursplanung philosophieren. Wir freuen uns über eine Nachricht von Sebastian Wache, der uns mit seiner Wettervorhersage in die entgegengesetzte Richtung schickt. Wir wenden also die KAMI (wir spielen uns von Mal zu Mal besser ein) und steuern die von ihm übersandten Wetterwegpunkte an. Wir versuchen, hart nach Osten zu kreuzen, denn hier zieht in den nächsten Tagen ein „friedliches“ Tiefdruckgebiet durch, das südöstliche Winde mitbringt. Genau diese Winde bringen uns nach Hause. Wir freuen uns schon darauf, nicht mehr hart am Wind auf Amwindkursen bolzen zu müssen und endlich einen schönen Raumwindkurs (Wind von hinten seitlich) zu haben, damit die KAMI viel ruhiger und schneller durchs tiefblaue Wasser gleiten kann.

Nach dem Frühstück setzen wir das Großsegel wieder ganz. Ich schmeiße den Generator und den Wassermacher an und beschließe, eine Waschmaschine anzusetzen. Karsten macht ein Powernap im Salon, und ich behalte die frisch aufgehängte Wäsche im Blick.

Die Zickzack-Kurslinien der KAMI sehen schrecklich aus auf dem Kartenplotter.
Es fehlt uns nach wie vor der richtige Wind. Dazu kommt, dass wir eher konservativ segeln wollen. Wir kennen das Schiff noch nicht gut und wissen nicht, was wir der KAMI zumuten können.

Es wird wohl in den nächsten Tagen so weitergehen, bis sich bessere Segelbedingungen einstellen.

Die erste Nacht ist überstanden

21.05.2023 – 06:30 Uhr Ortszeit
Wir sind durch die Nacht, und die Sonne steigt langsam am Horizont auf.
 Endlich hat das Inselgekreuze ein Ende – wir haben die Inselpassage hinter uns und machen bei 13 Knoten Wind etwa 6 Knoten Fahrt über Grund. In der Nacht mussten uns einige Schnellfähren und Tanker ausweichen.

Der Sternenhimmel ist unglaublich: Milliarden von funkelnden Lichtpunkten, fliegende Satelliten und vereinzelte Sternschnuppen. Der Anblick haut uns beide um – wow!
 Genauso beeindruckend ist das tiefblaue Wasser. Einfach irre!

Karsten liegt seit zwei Stunden in „Vollmontur“ im Salon und schläft. Eigentlich hätte er bis 5 Uhr Wache, aber da ich keine Ruhe in der Koje finden konnte und mir etwas flau im Magen war, löste ich ihn ab und ließ ihn ausruhen. Das Boot knarzt und ächzt, wenn die Wellen gegen den Rumpf schlagen. Die Wellen in der Nacht zwischen den Inseln waren wahrlich nicht zahm. Auch einige Böen, die in die Segel fuhren, ließen unseren Adrenalinspiegel steigen.

Ich bin jetzt seit 26 Stunden auf den Beinen. Auch bei mir setzt langsam die Müdigkeit ein, aber ich halte planmäßig bis 9 Uhr Wache und hoffe, dann etwas Schlaf nachholen zu können.

In der Nacht mussten wir den Generator anschalten, da die Bordspannung unter 11 Volt fiel. Der Autopilot verbraucht ordentlich Energie, ebenso wie der Kühl- und der Tiefkühlschrank. Deshalb haben wir beschlossen, in der nächsten Nacht alle nicht notwendigen Verbraucher (auch Starlink & Co.) auszuschalten, um Energie zu sparen. Keine Sorge, wenn sich der Trackingpunkt der KAMI mal für einen halben Tag nicht bewegt. Sobald die Sonne unsere Solarpaneele wieder auflädt, sind wir wieder online.

Ich sitze jetzt im Salon am Kartentisch, schaue auf den Kartenplotter vor mir und überprüfe unsere Kurslinie. Um nicht einzuschlafen, höre ich Podcasts, die ich mir zu Hause heruntergeladen habe (über 20 Stunden Tonmaterial).

Die Sonnenstrahlen des jungen Tages kitzeln meine Nase. Ich ziehe den Hoody aus, den ich mir heute früh um 4 Uhr angezogen habe (nachts im Wind ist es recht frisch), und träume vor mich hin.

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Der erste Abend

20.05.2023 – 20.00 Uhr Ortszeit
Der Wind steht so ungünstig, dass wir noch mindestens zwei Wendemanöver fahren müssen. Beim ersten Manöver haben wir uns beide ziemlich „laienhaft“ angestellt, sodass wir beide Maschinen starten mussten, um wieder auf Kurs zu kommen. Jetzt stehen die Segel wieder, und wir fahren einen Zickzack-Kurs. Wir schätzen, dass wir gegen Mitternacht zwischen den beiden letzten Bahamas-Inseln hindurchkommen und das offene Meer erreichen.

Karsten steht in der Pantry und brutzelt Speck in der Pfanne. Unser Abendbrot haben wir uns heute mehr als verdient. Vereinzelt sehen wir zwei, drei Segelboote in der Ferne und den einen oder anderen Tanker.

Wann wir richtig mit unserem geplanten 4-Stunden-Schlaf-Wach-Rhythmus beginnen, ist noch nicht ganz klar. Im Moment haben wir einfach noch zu viel Adrenalin im Körper. Dazu kommt, dass wir gerade gegen die Wellen bolzen und das Schiff hin und her tänzelt. Vor der ersten Nacht graut es uns beiden ein wenig. Mindestens zwei Wendemanöver stehen noch im Dunkeln an.

Spannend!

Getreu dem Motto: „Wann hast du das letzte Mal etwas zum ersten Mal gemacht?“ – stellen wir uns der Herausforderung. Wir sind froh, wenn das Gekreuze morgen endlich ein Ende hat und wir etwas Konstanz in unseren neuen Bordalltag bringen können.

Der Wind soll morgen genauso bescheiden sein wie heute. Wir planen daher, uns mit der Filmdrohne sowie mit dem Angelzeug zu beschäftigen. Mal sehen, wie es nach der Nacht um die Müdigkeit bestellt ist.

Die Sonne taucht blutrot hinter dem Horizont ab – bis morgen …