Wir haben in Sint Maarten ausklariert und verlassen die Bucht in Richtung Bahamas. Das Wetter ist angenehm, wir setzen unseren Gennaker und machen gute Fahrt. In der Nacht passieren wir die nördlichste Insel der Britischen Jungferninseln, und am Folgetag liegt Puerto Rico an unserer Backbordseite. Online prüfen wir bei Windy das Wetter – ein Sturm zieht auf! Zwei große Tiefdruckgebiete kommen direkt auf uns zu. Eines bewegt sich von Florida her und bringt kühle Luft, Böen bis 60 Knoten und Wellen bis 12 Meter.
Was nun? Wir müssen eine geschützte Ankerbucht finden und das Sturmtief abwarten, bevor wir weitersegeln können. Zuerst denken wir an die Dominikanische Republik, würden dort aber laut Berechnung erst in der Nacht ankommen. Für unbekannte Gewässer ist das keine gute Idee – Riffe und Flachwasserzonen müssen sicher umschifft werden. Kathi recherchiert und macht nach einer Weile den verhängnisvollen Vorschlag, lieber an der Westküste von Puerto Rico einen geschützten Platz anzulaufen.
Der Wind nimmt immer mehr zu, und wir entscheiden uns bei 20 Knoten, den Gennaker einzuholen – was trotz diverser Tricks diesmal einfach nicht gelingen will. Wie wild schlägt das riesige Leichtwindsegel im Wind, bis Mike völlig erschöpft versucht, es mit dem Endlosfurler einzudrehen. Das Problem: Die Endlosleine rutscht durch den Furler, und der Wind dreht das Segel immer wieder heraus. Nach bangen Minuten schaffen wir es schließlich gemeinsam, das Tuch einzuholen. Wir sind körperlich fertig – Mikes Arme und Beine schmerzen, das Energielevel liegt bei null. Der Furler muss dringend gewartet werden und kommt auf die To-do-Liste.
Am späten Sonntagnachmittag, dem 1. Februar, erreichen wir schließlich die Ankerbucht. Mit Hilfe einer App versuchen wir, elektronisch nach Puerto Rico einzuklarieren. Leider bedenken wir dabei nicht, dass Puerto Rico zu den USA gehört. Damit nimmt unsere Pechsträhne ihren Lauf. Über die „Customs and Border Protection ROAM“-App werden wir von einem Officer kontaktiert. Er fragt nach Pässen und Visa. Wir besitzen jedoch kein Visum, nur ein abgelaufenes ESTA. Wir erklären dem Beamten, dass wir lediglich dem herannahenden Sturm ausweichen wollen – doch es hilft nichts. Wir müssen am nächsten Tag persönlich beim Department of Homeland Security am internationalen Flughafen der Insel erscheinen.
Kathi organisiert noch am Sonntagabend ein Taxi, und wir fahren Montag früh um 7:00 Uhr zu dem 1,5 Stunden entfernten Flughafen im Norden der Insel. Dort angekommen, begeben wir uns in das Customs Office – und werden fünf Stunden lang von zwei Beamten „bearbeitet“. Fingerabdrücke werden genommen, Fotos gemacht, und nach mehreren ernsten Belehrungen erhalten wir eine Sondergenehmigung, die mit 1.400 USD „honoriert“ wird. Immerhin sind die Beamten freundlich, und wir zeigen uns reumütig mit gesenkten Köpfen. Wie konnte uns das nur passieren? Wir waren so vertieft in die Wettermodelle, dass wir nicht nachrecherchiert haben, ob die Einreise nach Puerto Rico überhaupt erlaubt ist – dumm gelaufen.
Am frühen Nachmittag kehren wir erschöpft zum Schiff zurück. Der Taxifahrer, der geduldig auf uns gewartet hatte, brachte uns freundlicherweise wieder zurück. Seine Dienste belohnen wir mit 300 USD.
Um das Tageserlebnis perfekt zu machen, hat Mike dann die glänzende Idee, in die Maschinenräume zu schauen. Und was entdeckt er wohl erneut? Wasser und Öl! Oh nein – wir hatten doch das Getriebe auf Sint Maarten von Gregory warten lassen. Scheinbar war das gar nicht die Ursache des Öllecks. Wie ärgerlich!
Wir diskutieren, wägen Optionen ab, und nach einigen Tränen machen wir uns am Dienstag daran, die Maschinenräume gründlich zu säubern.
Wir prüfen erneut das Wetter und überlegen, am Mittwoch Richtung Dominikanische Republik weiterzusegeln, um dort in einem Hafen auf besseres Wetter zu warten. Wir fragen in Punta Cana nach einem Liegeplatz, erhalten aber keine Antwort. Also entscheiden wir uns, trotz nicht optimaler Bedingungen, in Richtung Bahamas weiterzufahren und gehen am Mittwochmorgen Anker auf.
Nachdem wir den Riffgürtel passiert haben, wollen wir das Großsegel setzen – doch es bewegt sich keinen Millimeter. Einige Mastrutscher an den Segellatten klemmen in der Schiene und verhindern das Durchholen. Als wir das Problem untersuchen, sehen wir: Die aus Aluminium bestehende Mastschiene ist beschädigt, vermutlich beim letzten Mastaufstieg durch das Gurtzeug oder den Bootsmannsstuhl. Mit einer Feile ließe sich der Schaden beheben, aber bei 2,8 Meter Welle ist daran nicht zu denken. Also verstauen wir das Großsegel wieder und segeln auf spitzem Amwindkurs nur mit der Genua. Bei 20 Knoten Wind machen wir immerhin 6,5 Knoten Fahrt.
Wir werden wohl auch motoren müssen – bis nach Inagua, der ersten Insel der Bahamas, sind es rund 450 Seemeilen. Die Reparatur der Mastschiene muss warten, und auch für das ölende Saildrive müssen wir uns noch etwas überlegen.
Nachts ist es derzeit mit 17 Grad erstaunlich frisch – ganz und gar nicht karibisch. Selbst hier scheint das Klima aus dem Gleichgewicht geraten zu sein. Es wird von Jahr zu Jahr besorgniserregender. Auf Kuba werden aktuell 0 Grad gemessen!! Das ist historisch einmalig.
Wir hoffen, dass diese trüben Tage bald vorbei sind – voller Optimismus blicken wir nach vorn!
Ankerbucht auf Puerto RicoWir sind optimistischBordhund im WachdiensstWir sind im US System erkennungsdienstlich erfasstDas Großsegel will nicht hochEiskalte Karibik
Nachdem wir die Marina Pointe du Bout verlassen haben, werfen wir den Anker vor „Le Carbet“. Wir genießen drei Tage dort und besuchen die Bar Le Wahoo. Hier gibt es den Mega-Cocktail Despejito – eine Mischung aus Mojito und Desperados. Unglaublich lecker! Dann geht es für uns weiter.
Wir liegen in der traumhaften Bucht Anse Couleuvre auf Martinique vor Anker, um unsere nächste Überfahrt zur Insel Marie-Galante vorzubereiten. Am nächsten Tag werden wir in den frühen Morgenstunden plötzlich von einem merkwürdigen Piepton geweckt. Wir schrecken hoch und stellen fest, dass wir keinen Strom mehr an Bord haben. Panisch rennen wir durch die KAMI und suchen den Fehler, prüfen Sicherungen, Systeme, Schalter – alles drin, alles normal … nur eben komplett ohne Strom. Die Batterien liefern nur noch rund 10 Volt. Mike ruft kurzerhand unseren Elektriker Matthias an, der die komplette Elektrik auf der KAMI neu aufgebaut hat. Zum Glück geht er sofort ans Telefon. Nach einem kurzen Gespräch schaltet er sich von Mallorca aus auf unser Victron-System und prüft alles remote. Und dann kommt der Hammer: Unsere Batterien sind komplett leer, obwohl das System am Abend vorher noch 60 % Kapazität angezeigt hatte!
Laut Matthias war die Kalibrierung fehlerhaft – vermutlich durch ein Server-Update von Victron. Offenbar waren wir schon länger mit viel zu wenig Spannung unterwegs, ohne es zu wissen. Zum Glück hatte Mike damals darauf bestanden, den Generator mit einer separaten Batterie abzusichern, denn wir konnten nicht einmal die Maschinen starten. Also: Generator an, durchatmen und weiter. Matthias setzt die Batterieanzeige komplett auf null. Jetzt muss der Generator laufen, bis wir wieder bei echten 100 % sind – und diesmal sind 100 % auch wirklich 100 %. Bei LiFePO₄-Batterien entspricht das 14,7 Volt.
Eigentlich wollten wir erst am nächsten Morgen gegen fünf Uhr nach Marie-Galante starten, aber da der Generator die ganze Nacht hätte laufen müssen, wollten wir unseren Ankernachbarn den Krach nicht antun. Also ziehen wir die Abfahrt auf den Nachmittag vor und gehen gegen 17 Uhr Anker auf. Für die 65 Seemeilen brauchen wir rund 13 Stunden.
Wir starten am Nachmittag, setzen die Genua – doch plötzlich funktioniert eine unserer drei elektrischen Winschen im Cockpit nicht mehr. Na toll – was denn jetzt noch alles … Aber dank Kurbel und Muskelkraft geht es auch so. Für Kathi ist es allerdings ziemlich mühsam, weil die Winsch relativ weit oben sitzt und sie aufgrund ihrer Körpergröße auf dem Steuerstand-Sitz knien muss, um sie bedienen zu können. Sieht witzig aus – und funktioniert. Am nächsten Morgen gegen 10 Uhr erreichen wir Marie-Galante. Auf dem Weg in die Ankerbucht schlängeln wir uns durch unzählige Fischerbojen (manchmal nur leere Getränkeflaschen) – so etwas haben wir noch nie erlebt. Wir fahren Slalom bis kurz vor den Strand. Es hat sich gelohnt: Die Bucht ist ein Traum. Weißer Sand, türkisfarbenes Wasser, und bis auf vier andere Ankerlieger nur wenige Besucher am Strand. Es ist herrlich ruhig. Wir verbringen dort drei wunderschöne Tage, schwimmen, genießen das Wasser und die Stille. Piper übt fleißig das Schwimmen und verliert mehr und mehr ihre Angst vor dem Wasser. Kathi muss zwischenzeitlich „in den Mast“. Unsere Flaggenleine ist gerissen – die Sonne hat mit ihren UV-Strahlen das Gewebe der dünnen Leine völlig zersetzt.
Wir segeln weiter nach Guadeloupe, in die Hauptstadt Pointe-à-Pitre. Sie ist nur drei Stunden entfernt. Dort gibt es einen riesigen Hafen, diverse Yachthändler, und wir hoffen auf das passende Ersatzteil. Die elektronische Steuerbox hat ihren Dienst quittiert und muss ersetzt werden. Wir hatten hierzu auch mit dem Kundendienst des Herstellers (HARKEN Deutschland) telefoniert. Leider wird Mike in keinem der Shops fündig. Wir ankern so nah an der Fahrrinne, dass wir die vorbeifahrenden Kreuzfahrtschiffe fast mit der Hand berühren können. Uns ist etwas unwohl – also geht es am nächsten Tag weiter nach Saint-Barthélemy – rund 190 Seemeilen, etwa 38 Stunden Passagezeit.
Wir haben uns als Ziel die wunderschöne Bucht Anse du Gouverneur ausgesucht – abseits von Städten und Trubel. Es ist zwar etwas schwellig, aber auf unserer KAMI gut auszuhalten. Nach einem Schnorchelausflug – inklusive Sichtung eines Rochens – fahren wir mit Piper an den Strand. Der ist nicht nur traumhaft schön, sondern auch Brutstätte für Landschildkröten, die überall über den Sand laufen. Wahnsinn! Piper schaut etwas verdattert, interessiert sich aber erstaunlicherweise wenig für die süßen Tierchen.
Zurück an Bord meint Mike plötzlich: „Du, lass uns mal die Motorräume und die Bilgen prüfen, ob alles safe ist.“ Also los – und dann beginnt das Unheil. Die Bilgen sind trocken – super! – aber im Steuerbord-Motorraum steht Wasser. Bei genauerem Hinsehen entdecken wir, dass die erst letztes Jahr neu eingebaute Wasserpumpe völlig korrodiert ist. Grrr! Schlimmer kann es ja nicht mehr werden … oder doch? Im Backbord-Motorraum steht Öl. Und das geht wirklich gar nicht. Die Motoren sind – neben Generator und Wassermacher – die wichtigsten Bauteile an Bord. Wir machen alles sauber und entscheiden uns sofort, am nächsten Morgen die Bucht zu verlassen und nach Saint-Martin in die Nähe der Hauptstadt Marigot zu segeln – nur etwa drei Stunden entfernt.
Die Infrastruktur der Insel ist gut, es gibt diverse Yachthändler, und wir hoffen auf passende Ersatzteile – zumindest für die Winsch und die Wasserpumpe, die wir selbst tauschen können. Für den Motor brauchen wir professionelle Hilfe. Auf der Insel gibt es einen Yanmar-Händler und diverse andere Yachtausrüster.
Wir ankern in der riesigen Bucht Baie de Marigot direkt vor der Hauptstadt. Überall Dinghy-Docks und unfassbar viele Schiffe – darunter auch Superyachten mit eigenem Helikopter-Landeplatz. Als Erstes fahren wir mit dem Dinghy zum Marine-Shop Île Marine. Dort treffen wir auf Fabian, einen supernetten Berater, der sofort hilft, das richtige Teil für die Winsch zu finden, und uns den Kontakt zu Fabrice gibt – ein Mechaniker, der „sehr gut sein soll“. Kathi schreibt Fabrice sofort, schickt Bilder vom öligen Motorraum und klärt, ob er die vermutlich defekten Dichtungen am Saildrive (Getriebe) wechseln kann und Zeit hat. Er antwortet: „Kein Problem.“ Er geht zu Île Marine, erklärt Fabian, welche Dichtungen wir brauchen, und Fabian bestellt sowohl die Dichtung als auch unsere Wasserpumpe in Miami (USA) – per FedEx, Lieferzeit etwa fünf Tage. Heute ist Freitag, also sollten die Teile Mittwoch oder Donnerstag da sein.
Wir reparieren in der Zwischenzeit die Winsch – klappt super – und kaufen Haltbares für unsere kommende Zeit auf den Bahamas ein.
Das heißt: mehrere Supermarktbesuche, schleppen, ins Dinghy laden, an Bord verstauen – und wieder von vorn. Es dauert, aber wir haben ja Zeit. Wir besuchen mit Piper eine kleine Tierarztpraxis in Marigot. Impfungen auffrischen, Krallen schneiden und der Rundumcheck für das Gesundheitszertifikat (zum Einklarieren auf den Bahamas) stehen auf dem Programm. Die junge Ärztin ist toll – sie küsst Piper sogar auf den Kopf und geht sehr liebevoll mit unserem Fratz um.
Mit dem Mietwagen erkunden wir noch etwas die Insel, fahren nach Philipsburg, der niederländischen „Hauptstadt“, und schlendern mit Piper über die kleine Strandpromenade.
Dann, am Donnerstag, kommt endlich der ersehnte Anruf: Die Ersatzteile sind da! Kathi schreibt sofort Fabrice. Er antwortet, er komme Freitag früh um 10 Uhr. Pünktlich um 10 Uhr steht Fabrice an Bord. Wir haben vorher schon die Zugänge zu den Maschinenräumen freigeräumt. Doch sein Gesichtsausdruck, als er in den Motorraum schaut, verheißt nichts Gutes. „Bei diesem Schwell hier in der Bucht kann ich nicht arbeiten“, sagt er nur. Super. Eine Woche warten – für nichts.
Es ist 10:30 Uhr, Fabrice verlässt die KAMI mit seinem Dinghy. Wir schauen uns an, und Kathi sagt: „Komm, um 12 Uhr müssen wir den Mietwagen abgeben. In der Nähe von Philipsburg gibt es einen Yanmar-Händler und Reparaturservice. Da fahren wir jetzt noch schnell hin.“ Gesagt, getan. Ein sehr netter älterer Herr sitzt am Tresen. Wir schildern unser Problem. Er blättert im Kalender – wir halten die Luft an – und dann sagt er: „Donnerstag nächste Woche – frühestens.“ Unser Grinsen konnte man vermutlich vom Parkplatz aus sehen. Natürlich nehmen wir den Termin, kaufen gleich den passenden Dichtungssatz und geben noch 10 Dollar Trinkgeld mit der Bitte, uns vorzuziehen, falls jemand abspringt. Das bedeutet allerdings, dass wir vom französischen Teil der Insel in den niederländischen segeln müssen. Die Insel hat eine Lagune, die beide Seiten verbindet, aber auf der französischen Seite wird die Klappbrücke seit einem lokalen Aufstand in der letzten Woche bestreikt. Für uns heißt das: außen herum.
Am Samstag wird zuerst die Wasserpumpe gewechselt. Nach Rücksprache mit Nico, unserem Techniker aus der Heimat, gehen wir ans Werk. Neue Pumpe vorbereiten, fetten, montieren – dann die alte Pumpe vom Motorblock ausbauen und die neue vorsichtig einsetzen. Klingt einfach, wäre da nicht der kaum vorhandene Platz in unseren Maschinenräumen. Aber wir schaffen es! Probelauf – alles dicht. Sehr gutes Gefühl.
Am Sonntag machen wir uns auf den Weg zur Simpson Bay Bridge im niederländischen Teil der Insel. Nach einem kurzen Telefonat mit dem Brückenwärter müssen wir erst vor der Brücke ankern und die Durchfahrtsgebühr von 41 US-Dollar bezahlen. Wir nehmen alle Dokumente mit, denn wir müssen auf diesem Teil der Insel noch „klassisch“ einklarieren – das heißt vor Ort mit vielen Formularen, nicht so fortschrittlich digital wie auf den französischen Überseeinseln.
Im Polizeigebäude treffen wir auf eine freundliche junge dunkelhäutige Dame, die gerade das „Mittagspause“-Schild umdrehen will. Sie lächelt, fragt, ob sie uns noch helfen kann, und meldet die KAMI zur nächsten Brückenöffnung an. Einklarieren können wir allerdings noch nicht, da wir uns in Frankreich nicht abgemeldet haben. Das war uns neu – in Frankreich geht so etwas bequem online. Sie druckt die nötigen Formulare aus und erklärt uns den Ablauf. Wir geben noch 5 US-Dollar Trinkgeld und wünschen ihr eine erholsame Mittagspause. Nach der Brückenöffnung gegen 14 Uhr fahren wir in die Lagune – und staunen nicht schlecht: Wir haben noch nie so viele Mega-Yachten auf einem Haufen gesehen. Wahnsinn!
Nachdem wir einen freien Ankerplatz gefunden haben, fahren wir zurück zur Immigration. Drei Paare warten bereits vor uns. Plötzlich kommt eine Polizistin heraus, erkennt uns wieder, nimmt unsere Dokumente entgegen – und drei Minuten später haben wir unsere Einreisepapiere. Reibungslos! Wow! Lag es vielleicht an unserem kleinen Trinkgeld vorhin? Ohne Witz: Direkt an der Scheibe des Schalters steht ein transparenter Kunststoffbehälter mit der Aufschrift „Tip“. In Deutschland undenkbar – aber gut, uns hat es Wartezeit erspart, und die Damen dort waren wirklich sehr nett und freundlich.
Am Nachmittag haben wir noch einen Video-Call mit Mikes Familie und machen uns danach auf den Weg, den Hafen und die Stadt zu erkunden. Piper bleibt an Bord – der ganze Trubel wäre ihr zu viel. Also entspannt sie zu Hundemusik auf Apple Music und genießt die Ruhe.
Am Montagmorgen will Kathi dem Yanmar-Service schreiben, dass wir in der Bucht liegen. Doch nach dem Aufwachen gegen 7:30 Uhr entdeckt sie einen Anruf in Abwesenheit – Vorwahl +1, das kann nur von hier sein – vielleicht Yanmar? Sie ruft zurück, und ein freundlicher Mechaniker namens Gregory meldet sich. Er fragt, ob wir schon da sind und ob wir ihn am Dinghy-Dock abholen können. Na klar können wir! Mike wird aus dem Schlaf gerissen, springt ins Dinghy, holt Gregory ab, und zehn Minuten später steht er bei uns an Bord und beginnt sofort mit der Arbeit. Mithilfe eines Flaschenzugs, der an unserer Dirk befestigt wird, hebt er den Motor an, um ihn vom Getriebe zu trennen. Der Schaden ist größer als gedacht – und laut seiner Aussage war das Getriebe falsch eingebaut. Deshalb war das Getriebeöl bereits tiefschwarz und die Kupplungsscheiben vorzeitig verschlissen. Durch die beschädigten Dichtungen trat Öl in den Maschinenraum aus. Mike fährt mit Gregory zur Firma, um die beschädigte Getriebewelle reparieren zu lassen. Gott sei Dank sind die dazu benötigten Kupplungsteile vorrätig. Nach einer Stunde geht es zurück zur KAMI, und Gregory macht sich unverzüglich an den Zusammenbau. Gegen 14 Uhr ist das Werk getan – und die Maschine läuft wieder! Kein Ölaustritt mehr.
Gregory beim Motor anhebenBlick auf die GetriebewelleDas alte GetriebeölRegenschutz für Gregory
Wir fahren gemeinsam mit Gregory zurück zur Yanmar-Werkstatt und bezahlen beim netten älteren Herrn von letzter Woche. Bei der dankbaren Verabschiedung drücken wir Gregory noch ein ordentliches Trinkgeld in die Hand. Er grinst über beide Wangen und freut sich. Wir sind zutiefst dankbar für die rasche und professionelle Hilfe.
Zurück an Bord machen wir gleich eine Wetterrouting-Planung. Es sieht für die nächsten Tage nicht ganz optimal aus. Wir wollen jetzt so schnell wie möglich auf die Bahamas – endlich wieder in kristallklarem Wasser tauchen und die vielen kleinen Inseln mit schneeweißen Stränden genießen. Ab Samstag sieht es windtechnisch ganz gut aus, also legen wir den Start darauf fest. Geschätzte Passagezeit: fünf Tage. Vorher müssen wir noch einmal Pipers Gesundheitszertifikat aktualisieren lassen, ausklarieren und verderbliche Lebensmittel aufproviantieren. Die Kühlschranktür muss noch nachgestellt und das Schiff segelfertig gemacht werden (Dinghy verzurren, Lagerkisten sichern usw.).
Wir freuen uns sehr auf die Exumas – und auf den bevorstehenden Besuch aus Deutschland Anfang März.
Piper auf WacheRestaurantbesuchWartezeit in der LaundryUnter dem RegenbogenMikes LeibspeiseSchrottboote i.d. LaguneVon Locals bewohntEinfach stehen gelassenGeld regiert die WeltSuperyachten in Sint MaartenBegrüßung vor der Polizeistation
Wir starten pünktlich gegen 8 Uhr und verlassen die Marina in Santa Cruz de La Palma. Die Sonne scheint, der Wind bläst mäßig. Am Samstagnachmittag haben wir die Routing-Mail von Alina (wetterwelt.com) bekommen und die geplanten Wegpunkte für die ersten zehn Seetage in unseren Plotter eingegeben. Sie hat eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 5,6 Knoten angesetzt. Insgesamt sind es etwa 2.550 Seemeilen bis Martinique, geplante ETA ist der 5. Dezember.
Nachdem wir den Hafen verlassen haben, setzen wir Großsegel und Genua und machen zunächst um die 5 Knoten Fahrt. Leider schläft der Wind rasch ein, und wir befinden uns in der Landabdeckung. Also Großsegel runter und Genua weg. Stattdessen rollen wir den Gennaker, unser Leichtwindsegel, aus und machen so weiter zwischen 4 und 5 Knoten Fahrt. Gegen Abend wollen wir eine Halse fahren und ziehen uns dabei aus Versehen das Relingsnetz in den Steuerbord-Gennakerblock. Ich (Mike) greife schnell hinterher (leider ohne meinen Grips einzuschalten) und quetsche mir den linken Ringfinger und verbrenne mir den Zeigefinger. Ein lauter Schrei hallt über das Meer, und Kathi kommt sofort zu Hilfe. Die Schmerzen an den Fingern sind kaum zu ertragen. Warum habe ich meine Handschuhe nicht angezogen? Ein Eispack und zwei Ibuprofen helfen mir über die nächsten Stunden. Ärgerlich.
Gegen 18:30 Uhr wird es dunkel und wir entscheiden uns, mit Genua und Backbord-Maschine durch die Nacht zu fahren – in der Hoffnung, dass der Wind endlich stabiler wird und wir aus der Abdeckung der Insel La Palma kommen. Die Nacht ist sehr schwellig. Wellenberge von bis zu 3 Metern treffen uns seitlich an Steuerbord und schlagen unter der Gondel (der Mitte des Katamarans) zusammen. Das gibt fürchterliche Rumpel- und Rumpsgeräusche, super laut. Schlaf finden wir nur schwer. Kathi leidet schon wieder an leichter Übelkeit (meistens in den ersten Tagen auf Passage), findet aber gegen Mitternacht Schlaf und Träume.
Piper kommt mit dem Start der Atlantiküberquerung sehr gut klar. Sie schläft viel und schmust gerne. Ich sitze – wie so oft – um Mitternacht am Kartentisch, als mir ein weißes Blinken in unserer achterlichen Kabine auffällt. Ich gehe runter und sehe, wie ein Deckenstrahler blitzt und blinkt. Das Gehäuse ist heiß und der Strahler lässt sich nicht ausschalten. Was ist das? Schnell hole ich einen passenden Innensechskantschlüssel aus der Schublade und montiere den Deckenstrahler ab. Dabei kommt mir ein Schwall Salzwasser entgegen – das Bettlaken ist nass. Ich schaue verdutzt und trenne die Funzel schnell vom 12-Volt-Strom. Kurzschluss! Na prima – was für ein toller erster Seetag. Leider lässt sich nicht herausfinden, wo das Wasser oben aus der Kabinendecke herkommt. Ich lege erst einmal ein Handtuch und Küchenrolle aus.
Gegen 2 Uhr lege ich mich auch auf unser Schlaflager im Salon. Piper schnarcht und Kathi ist im Land der Träume. Ich stelle Plotter und Radaralarm ein und richte mir Timer im Zweistundenrhythmus ein. So richtig komme ich aber nicht zur Ruhe. Erst als es gegen 7:30 Uhr langsam hell wird, falle ich in einen kurzen Tiefschlaf. Seit gestern Abend konnten wir kein Schiff in unserer Nähe oder auf unserer Kurslinie ausmachen.
Gegen 9 Uhr stehen wir auf und trinken einen Kaffee. Piper hat schon wieder Hunger und fordert ihr Frühstück ein. Für uns gibt es eine Tasse mit Crunchy und Kellogg’s. Nach dem Frühstück setzen wir wieder das Großsegel und die Genua und stellen die Backbord-Maschine ab. Bei einem Windwinkel von 140 Grad halten wir unseren Kurs grob in Richtung des nächsten Wegpunkts. Vormittags versuche ich mein Glück mit der Angel. Es gibt tatsächlich einen kräftigen Biss, doch nach der Hälfte der eingeholten Angelschnur verlieren wir das Sushi. Schade. Weiterprobieren.
(Klick auf das Foto für vergrößerte Ansicht)
Blick auf den PlotterHafen Santa Cruz La PalmaLa Palma achternAdios La PalmaGroßsegel durchholenWassereinbruch durch LampensockelDemolierte Hand
Wir dösen im Salon, das Wetter ist wechselhaft. Wir machen etwa 6 Knoten Fahrt und unser nächster Wegpunkt ist 73 Seemeilen entfernt. Kathi kämpft noch mit ihrer Übelkeit, und ich will versuchen, sie wenigstens zu einer kleinen Mahlzeit am Abend zu überreden. In weiser Voraussicht hat sie auf La Palma für fünf Tage vorgekocht – gut so. Der Schwell ist mit 2,5 bis 3 Metern noch immer sehr unangenehm. Morgen soll er langsam nachlassen und sich um die 2 Meter einpendeln. Mitte der Woche lässt der Schwell hoffentlich noch weiter nach. So wäre die Überfahrt deutlich entspannter und ruhiger. Wir sind gespannt.
Bis zum Nachmittag machen wir kein einziges Schiff aus. Viele der Atlantikstarter haben ihren Kurs südlich in Richtung Kapverden abgesetzt. Nur eine Handvoll anderer Segler zieht es direkt hinüber in die Karibik. Am Sonntag kommt dann der Pulk der rund 150 Segelboote der ARC, startend von Gran Canaria in Richtung Karibik, Saint Lucia. Zu diesem Zeitpunkt haben wir – sofern alles gut geht und der Wind uns nicht hängen lässt – schon eine Woche Vorsprung mit knapp 1.000 Seemeilen im Kielwasser.
Die Nacht ist durch den immensen Schwell sehr laut. Die Wellenberge donnern gegen und unter das Schiff, an erholsamen Schlaf ist nicht zu denken. Dazu kommt, dass der Wind ständig hin- und herdrehst und wir keinen richtigen Kurs finden. Mit voller Besegelung gehen wir auf südlichen Kurs und verlassen damit eigentlich unsere geplante Wegpunktroute. Gegen 6 Uhr dreht der Wind weiter auf Südost, wir würden nun völlig in die falsche Richtung fahren. Also fahren wir eine Halse und gehen auf Gegenkurs. Auch hier finden wir keinen beständigen Wind und holen eine Stunde später Großsegel und Genua ein.
Wir rollen den großen Gennaker aus und setzen den Kurs auf den 155 Seemeilen entfernten Wegpunkt ab. Der Wind brist auf 25 Knoten auf – eigentlich viel zu viel für das Leichtwindsegel – und wir machen um die 8 Knoten Fahrt. In Anbetracht unseres nächtlichen Wegverlustes erfreulich. Dann höre ich die Angelrute klicken: ein Biss. Ich hole die Angelschnur ein und merke nach gut der Hälfte, dass sich der Haken gelöst haben muss. Wieder kein Angelglück.
Als ich meinen Kopf zum Heck drehe, sehe ich unsere Rettungsinsel, die sich aus der Halterung gelöst hat und „auf halb acht“ hängt. Oh nein. Schnell öffne ich den Seezaun und versuche, den Container, in dem sich die Rettungsinsel befindet, mit einem Gurtband zu fixieren. Das gelingt, sie scheint erst einmal wieder fest zu sitzen. Die hohen Wellen haben die Rettungsinsel ständig in der Halterung nach oben gedrückt, dadurch muss sich ein Fixierband gelockert haben. Gut, dass mir das aufgefallen ist. Nicht auszumalen, wenn wir die Insel unbemerkt verloren hätten oder sie ins sprudelnde Heckwasser gefallen wäre.
Bis jetzt war jeder Tag aufregend. Langsam darf es bitte etwas ruhiger werden. Besonders der krasse Schwell macht uns zu schaffen.
Noch ein Nachtrag: Heute früh haben wir auf der Steuerbordseite während unserer ersten Gassirunde an Deck riesige Fischschuppen und eine bräunliche Blutspur an der Mittelklampe entdeckt. Abenteuerlich. Was war hier in der Nacht los? Es sind keine Überreste von Meeresbewohnern an Deck zu finden, nur Schuppen und Blut. Die Nacht war und ist stockdunkel, und von 18:30 Uhr bis 7:30 Uhr fühlt sie sich auch besonders lang an.
3. Seetag – Dienstag, 18.11. Zweites Etmal: 136 Seemeilen Gesamt: 270 Seemeilen Bis Martinique: 2.354 Seemeilen Windstärke zwischen 5 und 6 Beaufort Gennaker voll bei 144 Grad
Der heftige Atlantikschwell sitzt uns noch immer in den Knochen, aber wir kommen gut voran und hoffen auf ein gutes nächstes Etmal (Zeitmessung von 12 Uhr mittags bis zum nächsten Tag um 12 Uhr). Wir ruhen uns aus, soweit das bei dem Geschaukel möglich ist, und essen abends selbst gekochten weißen Bohneneintopf. Lecker. Gegen 18:15 Uhr wird es dunkel und kurz darauf ist wieder pechschwarze Nacht. Wir machen es uns im Salon bequem und schauen über Starlink und VPN-Tunnel ein, zwei deutsche Komödien.
Gegen 23 Uhr hören wir einen Knall in der Nähe unseres achterlichen Cockpits. Piper schreckt auf, schaut sich um und fängt an zu bellen und zu schimpfen. Sie läuft zur Salontür und ihr Fell stellt sich auf. Was hat sie nur entdeckt? Wir können nichts erkennen und versuchen, sie wieder zu beruhigen. Das gelingt recht schnell und wir legen uns wieder auf unser selbstgebautes Passagebett im Salon und schlafen ein.
In der Nacht löst der Radaralarm aus. Kein annäherndes Schiff, sondern ein Squall, eine Schlechtwetterzelle mit Regen und Gewitter, etwa 5 Meilen südlich unserer Position. Sie zieht rasch vorbei, und so vergeht die Nacht ohne weitere Kontakte, bis es langsam gegen 7:20 Uhr hell wird. Draußen nieselt es. Kathi geht mit Piperli zur morgendlichen Decksrunde, und kaum ist sie draußen, höre ich ein lautes „Iiihh“. Hinten liegt ein toter fliegender Fisch. Seine Schuppen sind über die Stufen verteilt und kleben überall am GFK. Wir ziehen Piper vom Fisch weg – zu gerne würde sie kosten, so sieht es jedenfalls aus.
Nach dem morgendlichen Schreck gibt es ein schönes Frühstück mit selbst gebackenem Brot und Spiegeleiern. Köstlich. Gegen halb elf passiert uns an der Backbordseite ein kleineres Kreuzfahrtschiff mit Namen „MARINA“. Es ist in La Gomera auf den Kanaren gestartet und hat Barbados in der Karibik als Zielhafen. „Hey, warte und zieh uns hinterher“, denken wir uns im Spaß. Der Wind hat nachgelassen und wir machen gerade einmal 4 Knoten Fahrt, also rund 7 km/h. Da kommt uns das von hinten überholende Kreuzfahrtschiff mit seinen knapp 18 Knoten Fahrt wie ein Speedboot vor.
Die Sonne ist wieder da und wir hören chillige Musik. Piper liegt an Deck in der Sonne und schlummert. Die Angel ist draußen. Mike hat sich nun zusätzlich zu seinem kleinen Handunfall auch noch eine Erkältung eingefangen. Was soll’s – bis Martinique ist hoffentlich alles wieder okay.
Piper entspanntBesuch an BordSchleppangeln
4. Seetag – Mittwoch, 19.11. Drittes Etmal: 140 Seemeilen Gesamt: 400 Seemeilen Bis Martinique: 2.084 Seemeilen Windstärke zwischen 4 und 5 Beaufort Gennaker voll bei 147 Grad – teilweise läuft die Maschine mit
Der Schwell beruhigt sich langsam, und je näher der Abend rückt, desto mehr schläft der Wind ein. Dafür sind wir jetzt regelmäßig von Squalls umzingelt – der Radaralarm piept fast im Viertelstundentakt, und wir sehen die Regengebiete um uns herumziehen. Wir essen zum Abend die letzte Portion weißen Bohneneintopf und bereiten uns für die Nacht vor. Mike nimmt Paracetamol sowie frischen Pfefferminztee mit Ingwer zur Schlafförderung ein.
Dann holen uns die Regenfronten ein, und die KAMI wird ordentlich abgeduscht – zu unserer Freude, denn so wird die Salzkruste auf dem Schiff über Bord gespült. Gegen Mitternacht fällt der Wind auf 6 Knoten ab, und wir machen nur noch 2 bis 3 Knoten Fahrt. Der Gennaker flattert wie ein altes Handtuch auf der Wäscheleine, also holen wir ihn ein und fahren mit einer Maschine weiter. Wir nutzen die Flaute, um unseren Kurs zu korrigieren, den wir zuvor wegen des nicht optimalen Windwinkels nicht halten konnten. Die Maschine dreht mit 1.800 U/min, und wir machen 4 bis 5 Knoten Fahrt. So brummt es wieder durch die stockdunklen Nachtstunden.
Der Atlantik beruhigt sich mehr und mehr, der Schwell wird endlich erträglich, sodass wir längere Schlafphasen genießen können. Morgens weckt uns die Sonne; die Regengebiete liegen nun fast 30 Seemeilen entfernt, und wir fahren weiter Richtung Westen. Die Flaute soll bis morgen Nachmittag anhalten. Wir nutzen die ruhige See, füllen 50 Liter Diesel in den Backbordtank nach, und Kathi wirft eine Waschmaschine an und befreit den Salon von Staub und Hundehaaren.
Mir fällt auf, dass wieder Wasser durch den Deckenlampensockel in unserer Kabine getropft ist – bei den nächtlichen Regengüssen kein Wunder. An Deck entdecke ich in der Nähe eine lose Persenninghalterung: Die Schraube steckt nur locker und greift nicht mehr. Ich entferne sie und verschließe die Löcher provisorisch mit Panzertape. Beim nächsten Regenguss werden wir sehen, ob hier das Problem des Wassereinbruchs liegt – sonst könnten wir uns keinen Reim darauf machen. Auch an diesem Seetag kein Anglerglück. Ich versuche, das Schleppangel-Setup zu verbessern (andere Köder + mehr Blei). Wir werden sehen.
5. Seetag – Donnerstag, 20.11. Viertes Etmal: 115 Seemeilen Gesamt: 515 Seemeilen Bis Martinique: 2.107 Seemeilen Windstärke zwischen 0 Flaute und 1 Keine Segel – wir motoren
Wir motoren weiter, denn die Flaute soll noch bis zum Nachmittag anhalten. Wir arbeiten ein wenig digital und beschäftigen uns mit dem Wetterrouting von Predictwind. Sehr interessant: Nach der Routenberechnung sollen wir in 17 Tagen in Martinique eintreffen. Niemals!
Durch die Flaute haben wir endlich Ruhe im Schiff. Wir nutzen die Zeit für einen kleinen Rundumschlag. Die Sonne scheint, und bei Wind könnte man von Champagnersegeln sprechen. Wir hoffen, dass der Wind bald wiederkommt. Die Nacht ist ruhig, und wir finden alle drei mal wieder tiefen Schlaf. Gegen Morgen ist das Meer fast spiegelglatt. Wir lesen 1,6 Knoten Windgeschwindigkeit ab und stellen die ersten Treibstoffrechnungen an. Bisheriger Verbrauch durch die Motorstunden: knapp 90 Liter. Das macht 3 bis 4 Liter pro Stunde bei 1.800 U/min und 4,5 Knoten Fahrt. Mit unserem gesamten Diesel kämen wir auf ca. 900 Seemeilen. Wir hoffen aber, dass der Wind heute Nachmittag oder abends wieder einsetzt und wir segeln können. Das Motorenbrummen reicht erst einmal.
Ich werfe gleich nach Tagesanbruch die Angel erneut aus. Gegen 10 Uhr ist er endlich da – der richtige Biss! Wir holen einen schönen Mahi-Mahi an Bord. Das Heck sieht aus wie nach einer Schlachtung. Wir halten uns ran, den Fisch zu filetieren und das Boot danach zu putzen. Welch eine Freude – endlich ein richtiger Fang! Abends geht er auf den Grill. Wir sind happy.
6. Seetag – Freitag, 21.11. Fünftes Etmal: 111 Seemeilen Gesamt: 626 Seemeilen Bis Martinique: 1.990 Seemeilen Flaute Wir motoren
Der Wassermacher läuft, und wir füllen unsere Frischwassertanks mit 150 Litern nach. Wir wollen die Tanks mit 600 Litern Volumen nicht mehr ganz füllen – das Gewicht bremst uns nur aus. Wir einigen uns auf die Hälfte, das reicht noch zum täglichen Duschen, Abwaschen und für die eine oder andere Waschmaschine. Zur Not produzieren wir pro Stunde 100 Liter nach.
In den letzten 24 Stunden haben wir kein einziges Schiff gesehen. Nachmittags taucht die polnische „Meteor“ auf dem Plotter auf – ein Segelboot mit vermeintlich gleichem Kurs hinüber in die Karibik. Die „Meteor“ hatte uns letzte Nacht überholt, jetzt dümpelt sie ohne Fahrt im Flautenfeld. Wir motoren langsam vorbei und sind gespannt, ob und wann sie uns wieder einholt, wenn der Wind zurückkehrt. Zum Abend bereitet Kathi den frisch gefangenen Mahi-Mahi auf dem Herd zu. Er landet doch nicht auf dem Grill, sondern zu einem Drittel gedünstet in Pipers Fressnapf und zu zwei Dritteln im Backofen mit Zitronenbutter bestrichen plus Microgreens-Petersilie aus dem Schiffssalon. Eine Delikatesse – das Abendbrot ist perfekt und schmeckt himmlisch.
Nachdem die Sonne gegen 19 Uhr untergegangen ist, machen wir es uns wieder auf unserem Salonlager bequem. Auf einer externen Festplatte haben wir über 400 Spielfilme und Serien dabei. Davon schauen wir zwei, und so geht es in die Nacht. Gegen Mitternacht kommt langsam der Wind zurück, und einige Squalls ziehen dicht an uns vorbei. Zur Prävention legen wir die externen Festplatten, das Sat-Telefon, ein Handy, eine Handfunk und Mikes Laptop in den Backofen – er wirkt bei einem etwaigen Blitzeinschlag wie ein Faradayscher Käfig. Wir haben Glück, und die Gewitterzellen ziehen vorbei.
Gegen 3 Uhr bringen wir den Gennaker wieder aus und schalten die zuvor laufende Backbord-Maschine ab. Zwar ändert sich der Kurs durch die neue Windrichtung, aber grob passt es erst einmal. Durch den Wind nimmt die Welle wieder zu, und es wird laut im Schiff – so laut, dass diesmal Kathi keinen Schlaf findet. Gegen Morgen klagt sie über starke Kopfschmerzen und Halsweh. Sie bekommt Medikamente, einen Kräutertee und legt sich zu einem ausgiebigen Vormittagsschlaf hin.
Wir teilen mit PiperPipers DinnerUnser Dinner
7. Seetag – Samstag, 22.11. Sechstes Etmal: 128 Seemeilen Gesamt: 754 Seemeilen Bis Martinique: 1.886 Seemeilen Flaute bis 3 Uhr nachts – danach 3 bis 4 Beaufort Wir motoren bis 3 Uhr, danach unter Gennaker
Wir haben ordentliche Windsee, und die KAMI wird kräftig durchgeschüttelt. Dieser Zustand soll nun einige Tage anhalten. Der Wind hat aufgefrischt, und wir machen gute Fahrt. Leider ist der Windwinkel für unseren eigentlichen Kurs nicht optimal, sodass wir mit 145 Grad kreuzen müssen, um voranzukommen. Gegen Abend entscheiden wir uns für einen südlicheren Kurs und machen gut Strecke. Der Nachteil: Wir kommen unserem Ziel nicht viel näher. Durch das Kreuzen geht viel Zeit und Weg verloren. Trotzdem tasten wir uns langsam heran – Stück für Stück.
Seit Tagen kein Schiff in Sicht – das ändert sich heute. Auf dem Plotter taucht eine AIS-Linie auf, die frontal auf uns zukommt: der Frachter „Donaugracht“. Wir berechnen die Kurse, und uns wird es mulmig. Je näher wir kommen, desto öfter kreuzen sich die Linien. Das liegt auch daran, dass die KAMI im „Windmodus“ des Autopiloten fährt und bei der hohen Windsee die Kurslinie ständig springt. Ein schneller Kurswechsel wäre hier schwierig – wir müssten halsen und Segel einholen. Als wir nur noch wenige Meilen entfernt sind, tritt Piper auf den Plan: Sie bellt und schimpft in Richtung Frachter. Security Dog im Einsatz. Sweet! Wir passieren recht nah an seiner Backbordseite und fragen uns warum er nicht mehr abgedreht hat? Wer weiß.
Humpelig geht es in die Nacht. Auf dem Radar sind etliche Squalls zu sehen, und wir hoffen, ohne Kontakt durchzuschlüpfen. Reines Wunschdenken! Der Wind nimmt zu, die KAMI läuft immer schneller – in Spitzen bis 12,5 Knoten. Zu viel. Wir wünschen uns, dass die wahre Windgeschwindigkeit abnimmt – da geht ein Schlag durch die KAMI, wir hören lautes Rauschen und spüren ein Schlingern. Der Plotter zeigt: 31,5 Knoten wahrer Wind! Schockstarre! Unbemerkt sind wir in einen Squall geraten. Wir springen auf, ziehen Rettungswesten an und stürzen zum Steuerstand, um den voll ausgeholten Gennaker wegzunehmen. Ein Leichtwindsegel für bis 15 Knoten – über 30 geht gar nicht, Rigg oder Tuch könnten beschädigt werden. Beim Einholen lässt die Bö nach, und wir rollen es ohne Risiko gut weg. Glück gehabt. Es gießt wie aus Eimern, wir sind in zwei Minuten nass bis auf die Haut. Wir setzen die Genua, Großsegel im 2. Reff – safe Setup, gute Fahrt.
Der Entgegenkommer auf unserem PlotterPiper schimpftMS Donaugracht
8. Seetag – Sonntag, 23.11. Siebtes Etmal: 141 Seemeilen Gesamt: 893 Seemeilen Bis Martinique: 1.767 Seemeilen Windstärke zwischen 4 und 5 Beaufort Großsegel im 2. Reff – Gennaker ab 0 Uhr Wechsel auf Genua
Wir kommen einigermaßen gut voran. Der Wind bläst aus Ost-Nordost, und wir segeln „Vorwind“ – der Wind bläst achterlich ins Segel. Aufgrund der Bauart unseres Katamarans können wir leider nur bei Vorwindkursen mit einem Winkel zum wahren Wind von maximal 145 Grad fahren. Das heißt, die KAMI braucht Wind schräg von hinten, sonst müssen wir etwas eindrehen. So ist es gerade bei uns. Einen direkten Kurs westwärts können wir nicht nehmen, sondern nur Südwest oder Nordwest segeln. Deshalb müssen wir regelmäßig halsen und die Kurslinie kreuzen. Dadurch benötigen wir mehr Zeit und Strecke als andere Segler, die direkt vor den Wind segeln können.
In der Praxis werden wir von Segelbooten überholt, die mit uns in Richtung Karibik gestartet sind. Das sorgt bei uns für ein wenig Frust, und wir rechnen damit, dass wir unseren angestrebten Ankunftstermin in Martinique nicht halten können. Natürlich haben wir alle Zeit der Welt – trotzdem ärgern wir uns ein bisschen darüber, dass wir segeltechnisch durch den Katamaranaufbau eingeschränkt sind.
Nachmittags werfen wir die Angel wieder aus und haben tatsächlich einen kräftigen Biss. Wir schaffen es kaum, die Leine mit der Rolle einzudrehen, bis sich der Fisch im letzten Moment doch noch befreit. Wahrscheinlich waren wir zu schnell. Wir probieren es weiter.
Abgesehen von der kräftigen 2-Meter-Windsee war der Tag recht entspannt. Kathi hat sich mit unserer 3D-Kamera Insta 360+ beschäftigt, und Mike las ein Ebook von Segelaussteigern. Abends gab es einen Schweinebraten mit Kartoffelstampf – super lecker!
Die erste Nachthälfte war sehr laut und unruhig. Erst als Mike auf Gegenkurs wechselte, kehrte etwas Ruhe ein und wir alle fanden Schlaf.
Seit den Morgenstunden läuft der Generator. Durch die erschwerten Ruderbedingungen in der Nacht hat unser hydraulischer Autopilot ordentlich Strom verbraucht, sodass die Batteriebänke auf 77% gefallen sind. Trotz Solarertrag werden wir einige Stunden zum Laden brauchen. Nebenbei produzieren wir heißes Wasser und Frischwasser mit dem Watermaker.
9. Seetag – Montag, 24.11. Achtes Etmal: 135 Seemeilen Gesamt: 1.038 Seemeilen Bis Martinique: 1.658 Seemeilen Windstärke zwischen 4 und 5 Beaufort Großsegel im 2. Reff – Genua ab 9 Uhr Wechsel auf Gennaker
Wir kreuzen nach wie vor und nutzen die raumen Kurse. Dadurch verplempern wir weiter Zeit und Strecke, und der Abstand zu den anderen Seglern wird immer größer. In der Nacht wechseln wir wieder von Gennaker auf Genua – zu sehr rauschen die Wellen achterlich ans Schiff. Die KAMI ächzt und knarrt, Schlaf finden wir so nicht. Wir gehen auf Gegenkurs und ändern die Besegelung. Der Wind ist so stark, dass Mike den Gennaker kaum einrollen kann – der Druck im Tuch ist enorm. Nach großer Anstrengung meistern wir das Manöver und gehen gegen 1 Uhr ins Bett.
Kathi übernimmt den Großteil der Nachtwache und sieht auf dem Plotter, wie die zwei Segler in unserer Nähe an uns vorbeiziehen. In den Morgenstunden entlädt sich eine Schauerzelle über der KAMI – wie eine Fahrt durch die Waschanlage. Regenwasser strömt vom Oberdeck nach unten, und wieder tropft es aus dem Lampensockel in unserer Kabine. Wo kommt es nur genau her? Wir forschen weiter.
Langsam geht frisches Obst und Gemüse zur Neige. Die Bananen haben sich zuerst verabschiedet, gefolgt von den Birnen. Noch ein paar Äpfel und Südfrüchte halten durch. Täglich checken wir und sortieren angegangenes Obst/Gemüse aus. Die Angel ist draußen, doch durch zunehmendes Sargassum wirds schwieriger – die Algen verfangen sich in Leine und Köder. Nachmittags Videocall mit Basti: Toll, dass wir dank Starlink hier draußen gute Datenverbindungen haben. Sonst nichts Neues. Die Zeit vergeht schnell – obwohl wir langsam unterwegs sind.
10. Seetag – Dienstag, 25.11. Neuntes Etmal: 125 Seemeilen Gesamt: 1.297 Seemeilen Bis Martinique: 1.445 Seemeilen Windstärke zwischen 2 und 2 Beaufort Großsegel im 2. Reff – Gennaker voll / ab 2:00 Uhr motoren
In der Nacht nehmen wir ein immer lauter werdendes Knarzen aus dem Heckbereich wahr. Mike vermutet den hydraulischen Autopiloten als Ursache, und tatsächlich: Im Backbordmaschinenraum stellen wir fest, dass sich die Halterung des Hydraulikzylinders, der mit der Lenkstange verbunden ist, etwas gelöst hat. Wegen der Bewegungen drückt der gelockerte Zylinderfuß in die hölzerne Befestigungsplatte.
Wir ziehen raschg alle vier Befestigungsbolzen wieder fest, und die störenden Geräusche verschwinden. Im Hafen werden wir die Bolzen nochmals nachziehen und mit Loctite sichern.
Nach dem Frühstück sehen wir erstmals seit Beginn der Passage wieder Delfine. Eine kleine Dreiergruppe zeigt sich für einige Minuten unter unserem Trampolin im Bugbereich. Die Wassertemperatur liegt jetzt bei 28 Grad Celsius – auf den Kanaren waren es noch 24 Grad. Wir kommen also unserem Ziel näher.
Auch nachts ist es im Salon durchgehend warm, und wir bedecken uns nur noch mit leichten Tüchern – normales Bettzeug ist nicht mehr angenehm.
Am Vormittag erhalten wir Post von Alina (wetterwelt.com): Der Wind soll noch weiter nachlassen, und ab dem 1. Dezember rollt ein Tiefdruckgebiet aus Norden über uns mit Böen bis 32 Knoten und Squalls mit Gewittern. Klasse. Wir studieren verschiedene Wettermodelle im Detail und beschließen, uns mehr südlich zu halten, um den zahlreichen angekündigten Squalls möglichst aus dem Weg zu gehen. Wind und über 3 Meter hohe Wellen werden uns dennoch erreichen.
So richtig kommen wir mit unseren Segel-Setups nicht voran, da wir verschiedene Parameter wie Windrichtung, Windwinkel, Geschwindigkeit und Windstärke beachten müssen. Anders als Einrumpfsegler können wir wegen des stehenden Guts bei Katamaranen nicht beliebig segeln, sondern nur bei raumen Kursen. Bei achterlichem Wind (um 180 Grad) geht nichts mehr.
Deshalb durchforsten wir online hilfreiche Informationen zu Segelstellungen mit und ohne Hilfsmittel wie Barbarholer & Co. Auf YouTube finden wir einige gute Videos und planen, die Segelstellung „Butterfly“ am nächsten Tag auszuprobieren. Wir wissen jetzt schon: Ein Parasailer soll her, ein freifliegendes Segel, das bei achterlichen Winden für ruhigen und konstanten Vortrieb sorgt. Wir werden in der Karibik entsprechend Ausschau halten.
Segelstellung ButterflyGenießerfrühstückBordhund auf Wache
11. Seetag – Mittwoch, 26.11. Zehntes Etmal: 125 Seemeilen Gesamt: 1.422 Seemeilen Bis Martinique: 1.320 Seemeilen Windstärke zwischen 2 und 3 Beaufort Großsegel im 2. Reff – Gennaker voll / ab 2:00 Uhr motoren
Nachdem wir die Nacht bei nur 4 Knoten Wind durchgemotort haben, setzen wir gleich nach dem Frühstück unser Vorhaben um: die Segelstellung „Butterfly“. Damit können wir bis zu 175 Grad zum Wind fahren – ein direkterer Kurs Richtung Martinique ist möglich, das ständige Kreuzen entfällt. Wir setzen den Gennaker auf Backbord und die Genua auf Steuerbord. Die Genua „ausbaumen“ wir leicht nach außen, damit sie nicht einfällt. Und tatsächlich klappt es: Bei 10 Knoten Wind machen wir gut 5 Knoten Fahrt. Cool – wieder etwas dazugelernt! Learning by doing! Anders geht es ja auch nicht.
In weiser Voraussicht auf das kommende Tiefdruckgebiet befüllen wir die Treibstofftanks erneut. Insgesamt 200 Liter Diesel haben wir schon verbraucht (Generator + Backbord-Maschine während der Flauten). Noch 500 Liter stehen zur Verfügung – das ist okay.
Unsere Brotvorräte neigen sich dem Ende zu. Also backen wir noch ein leckeres Sauerteigbrot, bevor die ruppigen Seetage ab 1. Dezember beginnen. Heute Abend nehmen wir an einem Online-Microseminar unseres Vereins teil: Thema „Proviantieren für Langfahrt“. Wir erhoffen uns Tipps zur Lagerung von frischem Obst und Gemüse. Mit der Zeitzone klappt es um 17:30 Uhr. Besonders nützlich: Tipps zu Hühnereiern – mit Öl abreiben, luftig lagern, regelmäßig drehen. So sollen Eier monatelang ohne Kühlung haltbar sein. Die Tipps setzen wir gleich nächsten Vormittag um.
Die Nacht fahren wir weiter im Schmetterling. Bei durchschnittlich 10 Knoten Wind machen wir 4 bis 5 Knoten Fahrt. Vermutlich wird das kommende Etmal unser bisher schlechtestes – aber bei mäßigem Wind ist momentan nichts mehr rauszuholen (jedenfalls für uns Segelanfänger).
So weit das Meer …BordbäckereiVereiert …
12. Seetag – Donnerstag, 27.11. Elftes Etmal: 109 Seemeilen Gesamt: 1.406 Seemeilen Bis Martinique: 1.344 Seemeilen Windstärke zwischen 2 und 3 Beaufort Gennaker und Genua im Schmetterling (bis 7:00 Uhr danach – Großsegel im 2. Reff und Gennaker)
Tagsüber beschäftigen wir uns wieder mit den Wind- und Wetterprognosen. Ab Samstag soll es mit Böen bis 35 Knoten ruppiger werden. Wir vorsorgen: Trinkwassertanks auffüllen, für uns und Piper vorkochen. Das gestern angesetzte Sauerteigbrot backt bei 170 Grad für eine Stunde aus. Momentan pusten noch 10 Knoten Wind, wir machen um die 5 Knoten Fahrt. Erst ab morgen früh 4 Uhr soll der Wind zurückkommen und sich stetig aufbauen. Dann wechseln wir das Segel-Setup wieder: Großsegel im 2. Reff mit Genua als Vorsegel – hoffentlich gute und vor allem sichere Fahrt.
Bergfest!
Die Hälfte ist geschafft. Bei günstigem Wetter erreichen wir Martinique am 8. Dezember – perfekt zum gebuchten Liegeplatz ab 8.12. in der Marina Pointe du Bout. Zur Feier gibt’s heute Abend einen „milden“ Gin-Tonic auf die gemeisterte Strecke. Ausnahme von unserer Bordregel: während Passagen kein Alkohol.
Der leichte Wind schiebt die KAMI mit 4,5 Knoten weiter Richtung Südwest. Abends schauen wir von unserer Medienfestplatte wieder zwei leichte Schmunzelfilme, eine Art von Unterhaltung, die gemütlich dahinplätschert und keine große Konzentration erfordert. Gegen 23 Uhr legen wir uns hin und genießen eine relativ ruhige Nacht.
13. Seetag – Freitag 28.11. Zwölftes Etmal: 120 Seemeilen Gesamt: 1.526 Seemeilen Bis Martinique: 1.229 Seemeilen Windstärke zwischen 4 und 5 Beaufort Großsegel im 2. Reff und Gennaker
In Erwartung der anrollenden Schlechtwetterfront bereiten wir die KAMI so gut wie möglich vor. Leinen werden geklariert, die Rettungsinsel durch ein zusätzliches Spannband nochmals gesichert, Kathi kocht für die nächsten Tage für uns und Piper vor. Wir verstauen alles sorgfältig und sichern bewegliche Ausrüstungsgegenstände.
Fast täglich erhalten wir von unserer Wetterscouterin Alina E-Mails mit Einschätzungen und Routenempfehlungen. Eins steht fest: Der Schlechtwetterwalze, die auf uns zukommt, entkommen wir nicht. Wir versuchen, uns so weit wie möglich südlich zu halten, um dem Gröbsten – 3 bis 4 Meter Wellen und Starkwindböen – zu entgehen. So die Theorie. Wer weiß, wie es wirklich kommt. Wir sind etwas angespannt; das Wetterthema beschäftigt uns täglich stundenlang. Wir vergleichen Vorhersagemodelle und Satellitenbilder. „Los“ geht es heute Nacht bzw. Samstag früh – dann werden wir Squalls mit Gewittern und Regenmassen ausweichen, soweit möglich. Ab Montag/Dienstag soll das Schlimmste vorbei sein. Ob wir in der Zeit Schlaf finden?
Langsam zählen wir die Tage bis zur Karibik. Es wird merklich wärmer, die Wassertemperatur hat fast 29 Grad erreicht. Die Luft wird feuchter, Nächte milder. Tausende Sterne funkeln nachts, Mondschein spiegelt sich auf dem Wasser. Ein wahnsinniges Erlebnis – so erhaben, so beeindruckend. Hier auf dem Atlantik mitten im Nirgendwo fühlt man sich klein, der Natur ausgesetzt.
Schlechtwetterzelle vorausSquall auf dem Radarbild
14. Seetag – Samstag, 29.11. Dreizehntes Etmal: 142 Seemeilen Gesamt: 1.666 Seemeilen Bis Martinique: 1.132 Seemeilen Windstärke zwischen 4 und 5 Beaufort Großsegel im 2. Reff – Genua voll
Langsam wird es immer unruhiger an Bord. Besonders in den Nachtstunden nehmen Wind und Wellen erheblich zu. Es ist wieder sehr laut im Schiff. In der Nacht wechseln wir mehrmals unseren Zickzack-Kurs und nähern uns damit langsam unserem nächsten Wegpunkt. Der Wind frischt in Böen nun bis 21 Knoten auf, und auf dem Radar können wir die ersten Schlechtwetterzellen schon in 32 Seemeilen Entfernung sehen.
Morgens kommt die erwartete E-Mail von Alina. Sie schreibt, dass die vorhergesagte Störung sich nun doch schneller entwickelt als gestern prognostiziert. Sie empfiehlt, den Kurs auf 16°N 48°W weiter anzusteuern – für uns die beste Option, um Wind und Wellen in den nächsten Tagen zu reduzieren. Wir steuern also weiter Zickzack auf die Koordinaten zu. Im Moment sind Wellen und Wind erträglich. Die Sonne ist schon hinter Wolken verschwunden, und wir machen bei 13 Knoten Wind um die 5 bis 6 Knoten Fahrt.
Gerne würden wir den Gennaker ausrollen, um etwas Speed zu machen. Da wir aber stündlich mit der Gewitter- und Regenfront rechnen, belassen wir es bei der jetzigen Besegelung. Gestern war es schon sehr schwer, unter 17 Knoten Winddruck den Gennaker einzurollen. Mit unserem Leichtwindsegel werden wir uns wohl noch bis Mitte der Woche gedulden müssen, bis das Schlechtwettergebiet durchgezogen ist. Uns ist im Moment wichtig, dass wir einigermaßen durch die anstehenden rauen Tage kommen – auch wenn wir dafür wieder einen zeitlichen Umweg machen müssen. Na und, dann kommen wir halt ein paar Tage später an. Hauptsache frei von Seekrankheit und gröberen Schäden am Boot.
Durch den Versatz des Schiffs durch die immer höher werdenden Wellen benötigt unser hydraulischer Autopilot viel Energie. Er ist richtig hungrig danach. Innerhalb von 12 Stunden saugt er uns 15% Leistung aus den Batterien. Wir müssen nun schon in den frühen Morgenstunden unseren 7,5-kW-Stromgenerator anwerfen, um die Batteriebänke wieder zu laden und nicht zu sehr ins Minus zu rutschen.
Durch den bewölkten Himmel ist der Solarertrag unserer drei Heckpanele momentan sehr gering. Der Generator lädt mit 500 bis 2.500 Watt unsere Batteriebänke (je nach momentaner Kapazität). Für ein Ladevolumen von 10% benötigt er ca. drei Stunden.
Trotz der erschwerten Wetterbedingungen schaffen wir es in der Nacht, ein paar Stunden Schlaf zu finden. Gestern Abend ist noch ein Squall über uns hinweggerollt, brachte kurzzeitig 34 Knoten Wind und beschleunigte die KAMI auf dem Wellenritt für einen Moment auf 14 Knoten.
So unangenehm die Reisebedingungen im Moment sind – wir machen Fahrt, und das ist gut.
15. Seetag – Sonntag 30.11.
Vierzehntes Etmal: 144 Seemeilen Gesamt: 1.810 Seemeilen Bis Martinique: 1.000 Seemeilen Windstärke zwischen 4 und 7 Beaufort Großsegel im 2. Reff – Genua voll – Nachts Genua 80%
Durch die Zunahme des Windes machen wir ein wenig Strecke, jedoch quälen uns die Wellen, die seitlich von hinten auf die KAMI zudonnern.
Das Problem mit dem wasserlassenden Deckenstrahler besteht weiterhin. Wir hatten oben an Deck sämtliche Planenhalter demontiert und die Befestigungslöcher mit Panzertape verschlossen. Danach dachten wir schon, wir hätten das verursachende Problem gefunden – doch heute Nacht wurden wir wieder eines Besseren belehrt. Nachdem der große Squall einige Badewannen voll Wasser über der KAMI ausgeschüttet hat, war es kurz danach noch alles trocken in der Kabine. Erst ca. 1,5 Stunden später fing der Deckenstrahler wieder an zu tropfen. Wir kombinieren: Der Wassereintritt muss weiter weg sein, denn das Wasser braucht Zeit, um bis zum Endpunkt (hier der Deckenstrahler) zu gelangen. An Deck können wir nichts feststellen. Was machen wir jetzt nur? Die Innenverkleidung lässt sich augenscheinlich nicht mal so nebenbei ausbauen. Ratlosigkeit. Abends nimmt das anfängliche Tropfen immer mehr zu, so dass wir uns entscheiden eine große Plastikkiste unter den Deckenstrahler zu stellen.
Wir müssen prüfen, ob es sich bei dem eintretenden Wasser um Salz- oder Süßwasser (Regenwasser) handelt, um den Herkunftsort besser eingrenzen zu können. Wir telefonieren mit einem deutschsprachigen GFK-Spezialisten in Le Marin auf Martinique und fragen, ob er uns bei der Lecksuche unterstützen kann. Schnell haben wir das Gefühl, dass das nicht zu seinen Wunscharbeiten gehört. Das Gespräch nimmt einen negativen Verlauf: Es sei schwierig, bei solchen Booten Lecks zu finden, man müsse mit eingefärbtem Wasser arbeiten, und im Hafen ginge das ohnehin kaum, weil sich das Schiff dort nicht bewegt. Diese Suche könne schnell um die 3.000 Euro kosten, und in dem Zeitraum im Januar, in dem wir nicht mehr im Hafen liegen, sei er außerdem in Europa im Urlaub.
Wir betteln schon fast, ob er uns nicht jemanden empfehlen kann, der uns unterstützen könnte. Er will „mal überlegen“ und sich wieder melden. Wir sind gespannt, aber wenig zuversichtlich. So, wie es im Moment ist, kann es nicht bleiben. Wenn wir in Martinique angekommen sind und im Hafen liegen, wollen wir selbst intensiver nach der Ursache des Wassereinbruchs suchen. Eine kleine Endoskopkamera haben wir dabei – vielleicht können wir damit in die Deckenkonstruktion schauen. Eventuell kommen wir auch vom Cockpit an die Innenseite der Deckenverkleidung heran. Mal sehen. Hier draußen bei momentan 3 Metern Welle geht das nicht – wir müssen abwarten.
Tagsüber lässt sich die Sonne mehrmals blicken, und der Wind lässt nach und pendelt sich bei 10 Knoten ein. So sind wir wieder langsamer unterwegs. Alina hat sich mit den neuesten Wetterprognosen gemeldet. Wir sollen weiter auf den 246 Meilen entfernten Wegpunkt zuhalten und danach möglichst den Kurs nach West auf 16°N 53°W richten. Damit könnten wir eventuell dem sich in den nächsten Tagen noch weiter aufbauenden Schwell und dem Starkwindfeld entkommen. Ab dem 5.12. soll es sich mit Wind, Welle und Schwell wieder beruhigen.
16. Seetag – Montag 01.12.
Fünfzehntes Etmal: 147 Seemeilen Gesamt: 1.956 Seemeilen Bis Martinique: 880 Seemeilen Windstärke zwischen 5 und 7 Beaufort Großsegel im 2. Reff – Genua voll
Nachmittags gießt Kathi ihre Microgreening-Kräuter und Pflanzen im Salon, als sie vom Deck aus ein metallisches Klacken hört. Sie schaut nach draußen und sieht zwei Metallspangen auf dem Deck liegen. Eine Segellattenbefestigung am Mastrutscher hat sich gelöst und ist abgefallen. Schnell flitzen wir nach vorne und kriechen auf allen Vieren, um die Teile einzusammeln – bei dem ordentlichen Seegang von 3 Metern eine echte Herausforderung.
Ein Blick nach oben zum Mast bestätigt: Die erste Halterung von oben ist gebrochen, und die Segellatte flattert lose im Wind. Mist. Es nützt nichts, wir müssen das Großsegel einholen – und das bei dem Wind und Seegang. Zuvor überlegen wir, wie wir die Halterung wieder befestigen können. Der eigentliche kleine Befestigungsbolzen samt Feder liegt nicht mehr an Deck und muss wohl über Bord gegangen sein. Wir suchen und kramen schließlich eine passende Edelstahlschraube mit Unterlegscheiben und selbstsichernden Muttern aus der Werkzeugkiste.
Wir drehen uns in den Wind und lassen das Großsegel herunter. Zu zweit fummeln wir die Lattenhalterung in die Metallspangen und befestigen sie mit der Edelstahlschraube. Während wir auf dem Oberdeck auf Zehenspitzen arbeiten, tänzelt die KAMI auf den hohen Wellen, und wir haben alle Hände voll zu tun, uns festzuhalten. Unser Vorhaben ist glücklicherweise erfolgreich, so dass wir das Großsegel anschließend wieder setzen und das zweite Reff einbinden können. Wieder ein Schreck!
Nach einigen Stunden gehen wir mit Piper die wacklige Decksrunde, wohl wissend, dass sie sich wohl gleich erleichtern wird. Für einen Moment sind wir nicht ganz aufmerksam und sehen nur aus dem Augenwinkel, wie Piper auf einen kleinen, auf dem Deck liegenden fliegenden Fisch springt, ihn sofort ins Maul nimmt und vertilgt. Im Bruchteil einer Sekunde – wir konnten gar nicht so schnell reagieren. Das rächt sich für sie: Den Rest des Tages benimmt sie sich komisch, hechelt die ganze Zeit und zieht sich zurück. So bleibt es einige Stunden. Ob sie Bauchschmerzen hat? Erst am nächsten Morgen ist sie wieder ganz die Alte. Wir müssen mehr auf ungebetenen Besuch achten. Insgesamt hatten wir auf unserer Passage schon acht fliegende Fische, von handflächengroß bis etwa 20 cm, auf dem Bootsdeck. Die Schuppen der Flieger kleben überall. Irgendwie nicht so toll. Meistens segeln sie nachts an Deck; tagsüber konnten wir sie noch nie sehen, wie sie anfliegen.
Derzeit haben wir guten Wind um die 20 Knoten und machen zwischen 6 und 7 Knoten Fahrt pro Stunde. Das ist gut und soll bis Sonntag so bleiben. Die Welle kommt aus der gleichen Richtung wie der Wind – aus Osten. Sie ist mit 2,8 Metern schon beeindruckend, und in den nächsten Tagen soll sie um einen halben Meter zulegen.
Wir kreuzen bei Ostwind die Kurslinie Richtung Westen. In der Nacht haben wir uns etwas südlich gehalten und sind jetzt auf Gegenkurs. Langsam nähern wir uns der karibischen See, ganz langsam. In der Nacht sind wir durch ein schnelles Manöver einer großen, dunklen Schlechtwetterzelle mit vielen Blitzaktivitäten entkommen. Im Moment scheint die Sonne, und nur wenige Wolken sind am Himmel. Es wird schwül. Besonders im Salon laufen die Deckenventilatoren jetzt rund um die Uhr, da es sehr stickig ist.
17. Seetag – Dienstag 02.12.
Sechszehntes Etmal: 153 Seemeilen Gesamt: 2.109 Seemeilen Bis Martinique: 750 Seemeilen Windstärke zwischen 5 und 7 Beaufort Großsegel im 2. Reff – Genua voll
Die See baut sich immer weiter auf und wir können uns nur noch mit viel Anstrengung halbwegs an Bord bewegen. Die Wellen werfen die KAMI von einer zur anderen Seite, und die vorbeiziehenden Squalls drücken in Böen bis zu 35 Knoten Wind in die Segel, sodass wir nur noch tosend durch die Wellentäler surfen. Nein, so macht Reisen keinen Spaß. Wir müssen uns bei jeder Bewegung im Boot festklammern, damit wir nicht durch den Salon purzeln. Das mag zwar von außen lustig aussehen, aber nach Tagen in diesem Zustand verliert sich der Humor.
Langsam haben wir alle drei genug von der tosenden See, vom Krach im Schiff und von dieser ständigen Unruhe. Der Schlafmangel steckt uns in den Knochen, die Vorräte gehen zur Neige. Frische Lebensmittel sind aufgebraucht, und auch die Getränke werden knapp. Es ist zwar nicht mehr wahnsinnig weit bis Martinique, doch durch das Gekreuze zwischen Südwest und Nordwest verlieren wir Zeit und müssen zusätzliche Strecke machen. Einen Schmetterling können wir bei diesem Wind nicht mehr fahren, und die Squall-Dichte ist weiterhin zu hoch. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als unseren Zickzack-Kurs beizubehalten. In den letzten 24 Stunden sind wir mindestens sechs Halsen gefahren, immer um unsere Kurslinie herum.
Nach den neuesten Vorhersagen wird sich das Wetter in den nächsten Tagen kaum ändern. Wir rechnen großzügig mit einer ETA am kommenden Dienstag in Martinique und müssen unsere Reservierung in der Marina wohl um einen Tag nach hinten schieben.
Die ersten Segler aus unserem Passagenfeld haben ihre Ziele in der Karibik, zum Beispiel Barbados, bereits erreicht. Wir fragen uns, wie sie das geschafft haben und welche Taktik sie genutzt haben, um so gut voranzukommen. Auf NoForeignLand sehen wir jedoch, dass noch viele andere Boote in unserer Umgebung unterwegs sind, die fast zur gleichen Zeit gestartet sind. Wir sind also nicht die Bummelletzten – das tut gut.
Außer tagsüber ein wenig am Laptop zu arbeiten, machen wir nicht viel. Durch das ständige Festkrallen an allen möglichen Oberflächen sieht das Schiff innen wie außen schlimm aus. Dazu kommen Staub und Salz. Es kribbelt uns in den Fingern, endlich wieder richtig klar Schiff machen zu können. Die Luftfeuchtigkeit nimmt weiter zu, wir sitzen und schwitzen.
18. Seetag – Mittwoch 03.12.
Siebzehntes Etmal: 171 Seemeilen Gesamt: 2.280 Seemeilen Bis Martinique: 610 Seemeilen Windstärke zwischen 5 und 7 Beaufort Großsegel im 2. Reff – Genua voll
Unser bestes Etmal bis jetzt. Kein Wunder: In den letzten 24 Stunden bläst es ordentlich und konstant mit rund 20 Knoten. Das mag die KAMI – sie läuft gut und schneidet sauber durch die Wellen. Wir kreuzen die Kurslinie, wobei wir in der Nacht ein ordentliches Stück südwärts gefahren sind. Seit heute Morgen sind wir wieder auf Gegenkurs. Die Südspitze von Martinique (in der Nähe von Le Marin) liegt bei 14°17′ N und ist noch etwa 600 Seemeilen entfernt. Wir pendeln aktuell um 15°00′ N und rutschen so Stück für Stück weiter westlich. Etwa 11 Längengrade müssen wir noch gutmachen.
Unser Autopilot hat beim unentwegten Surfen über die 3 bis 4 Meter hohen, achterlich anlaufenden Wellen ordentlich zu tun. Das kostet Strom, viel Strom, und wir sind froh, dass wir mit unserem Generator das tägliche Defizit ausgleichen können – die Solarenergie reicht im Moment nicht aus. Insgesamt haben wir seit dem letzten Nachtanken rund 60 Liter Diesel allein für die Stromerzeugung verbraucht. Angesichts fehlender Sonne und hoher Wellen ist das noch akzeptabel.
Nach dem Frühstück klarieren wir schon einmal online in Martinique ein und geben dort den 07.12. als ETA an. Wir sollen jetzt einen digitalen Einreisestempel erhalten, und das war’s auch schon. Ein persönliches Vorsprechen bei den Behörden nach der Ankunft ist für EU-Bürger nicht mehr nötig. Großartig – so müssen wir uns nicht mit Immigration und Customs herumschlagen. Das nennen wir verschlankte Bürokratie. Top!
Nachmittags kramen wir die WLAN-Endoskopkamera aus Lagerkiste 5. Beim Projekt „tropfender Deckenstrahler“ wollen wir weiterkommen. Leider bringt der Einsatz der Kamera keine neuen Erkenntnisse. Schade. Die Kiste unter dem Strahler war heute früh wieder nass – dabei hat es gar nicht geregnet. Das Wasser schmeckt salzig. Vielleicht doch Seewasser, das seinen Weg ins Innere findet? Spannende Ursachenforschung – hoffentlich mit gutem Ausgang. Im Moment sind wir weiter ratlos.
Kathi bereitet Weihnachtskarten für unser Team vor, und ich bestelle für Mamas Geburtstag einen Strauß rote Rosen samt Lindt-Nascherei bei Fleurop. Nachmittags wollen wir noch die Autovermietungen auf Martinique checken. So günstig wie auf Madeira oder Lanzarote/La Palma werden wir auf der französischen Insel wohl nichts mieten können. Also durchforsten wir das Netz.
19. Seetag – Donnerstag 04.12.
Achtzehntes Etmal: 160 Seemeilen Gesamt: 2.440 Seemeilen Bis Martinique: 488 Seemeilen Windstärke zwischen 4 und 7 Beaufort Großsegel im 2. Reff – Genua voll
Die anhaltende Unruhe und ständige Bewegung im Schiff zwingen uns, alle körperlichen Aktivitäten stark herunterzufahren. Das Risiko für blaue Flecken ist zu groß, wenn die KAMI vor den Wellen quer schlägt oder plötzlich anfängt zu surfen. So dösen wir den ganzen Tag auf unserem Salonlager, toben ein wenig mit Piper und erstellen schon mal eine To-Do-Liste für unseren Hafenaufenthalt in Martinique. Die Zeit zieht sich zäh wie ein Gummiband.
Durch unsere Zickzack-Kreuzkurse haben wir in den letzten 24 Stunden ganze 38 Meilen verloren. Wir überlegen, die Kreuzkurse enger zu fahren, um zu sehen, ob wir so die Mehrmeilen verringern können. Nach unseren Berechnungen wird die ETA jetzt auf kommenden Montag gegen Abend geschätzt.
Die Nacht war eine der schlimmsten. Wir bekommen kaum ein Auge zu. Draußen haben sich durch Wellen und Schwell Kreuzseen gebildet. Die KAMI rumpelt stundenlang, und es ist extrem laut im Schiff. Aus allen Ecken sind Knarzgeräusche zu hören, wenn die Wellen unten gegen die Gondel schlagen. Wir sitzen alle senkrecht – so laut und ungemütlich. Dieses Wellengeschlinger begleitet uns nun schon fast eine Woche. Ganz ehrlich: Davon haben wir wirklich die Schnauze voll. Erholsamen Schlaf findet man nicht, und auch Aktivitäten wie Sport oder Angeln sind kaum möglich. Was für eine blöde Überfahrt.
20. Seetag – Freitag 05.12.
Neunzehntes Etmal: 150 Seemeilen Gesamt: 2.590 Seemeilen Bis Martinique: 350 Seemeilen Windstärke zwischen 4 und 5 Beaufort Großsegel im 2. Reff – Genua voll Mama hat Geburtstag! Happy Birthday!
Tagsüber duschen wir Piper mit der Heckdusche ab – danach ist ihr Fell wieder seidenweich, und sie schnuppert gut. Zum Abendbrot gibt es heute klassische Nudeln mit Tomatensoße nach ostdeutschem Rezept. Hmm, lecker! Für die Soße nutzen wir den guten Werder-Ketchup aus der alten Heimat.
Wir kommen weiter gut voran: Der Wind bläst konstant um die 20 Knoten, und wir machen ordentliche Fahrt. Nach aktuellen Berechnungen sind es noch gut 2,5 Tage bis zum Ziel. Die Welle hat sich langsam beruhigt und nimmt von 3 Metern auf 2,80 bis 2,50 Meter weiter ab. Bis zur Ankunft in Martinique soll sich das Wind- und Wetterfenster nicht groß ändern. Einzig die Regen- und Gewitterwahrscheinlichkeit steigt wieder, je weiter wir westlich kommen. Also wieder auf Squalls einstellen.
Im Moment haben wir fast Vollmond. Die Fahrt durch die Nacht wirkt richtig mystisch, wenn sich der Mondschein auf den Wellen spiegelt. Man kann sich gar nicht satt sehen. Nach dem Frühstück gehen wir unserem Wassereinbruchproblem durch den Lampensockel weiter auf den Grund. Wir entfernen die Seitenverkleidung in der Küche und schauen hinter die Baugruppe – können aber nichts ausmachen. Kein Wasser, keine Feuchtigkeit. Die Vermutung liegt nahe, dass das Wasser von der Elektroleitung kommt. Wir testen das heute aus: Wir verlängern die aus dem Sockel hängende Elektroleitung mit einer kurzen Leine, stopfen das Innere des Sockels mit Microfasertüchern aus und warten ab, was passiert. Gefühlt wird das Wasser, das wir durch die darunter gestellte Wanne auffangen, immer mehr. Komisch. Selbst wenn das Wasser durch die Elektroleitung kommt (Kapillareffekt), wissen wir noch immer nicht, wo das salzige Wasser von außen hereinkommt. Im Moment können wir nur nach dem Auschlussverfahren vorgehen. Falls die Stelle gar nicht auffindbar ist, müssten wir über eine Ableitung nach außen nachdenken. Wir haben da schon ein paar Ideen. Eine saubere Lösung wäre das aber nicht.
21. Seetag – Samstag 06.12.
Zwanzigstes Etmal: 154 Seemeilen Gesamt: 2.744 Seemeilen Bis Martinique: 246 Seemeilen Windstärke zwischen 5 und 7 Beaufort Großsegel im 2. Reff – Genua voll
Wir rücken dem Staub im Salon zu Leibe, und Mike geht danach ans Heck, um den Staubbehälter zu leeren. Dabei klopft er kräftig auf die hintere Heckklampe auf der Backbordseite und sieht noch, wie der Deckel des Behälters wegfliegt. Oh nein – das ist ja doof. Mit schwarzem Panzertape verschließen wir den Behälter notdürftig; ohne Staubsauger geht es an Bord gar nicht. Allein die verlorenen Haare von Piper saugen wir im Salon mindestens zwei Mal am Tag weg. In Martinique werden wir uns wohl einen neuen Handstaubsauger kaufen müssen. Nicht zu ändern – trotzdem ärgerlich.
Die Nacht ist wieder super unruhig. Die Wetterberuhigung, die Alina orakelt hatte, ist leider nicht eingetroffen – im Gegenteil. Die Welle nimmt in der Nacht wieder extrem zu, sodass wir zwei Halsen fahren müssen, weil der Krach im Schiff kaum auszuhalten ist. Der Wind bläst jetzt mit 22 Knoten aufwärts, und die KAMI schlittert erneut von Wellental zu Wellental. Zwar haben wir mit 154 Seemeilen ein gutes Etmal, dem Gekreuze müssen wir aber wieder über 40 Meilen zuschreiben. Gefühlt kommen wir nur elendig langsam voran – was natürlich Quatsch ist. Der Wunsch, endlich anzukommen, wird von Stunde zu Stunde stärker, und das Ergebnis sorgt für etwas schlechte Laune.
Dazu kommt, dass es Kathi nicht gut geht. Wie aus dem Nichts hat sie ein „Musauge“ (entzündetes Auge) bekommen – es sieht schlimm aus. Sofort kramen wir aus unserer Medibox Augentropfen mit Antibiotikum hervor. Nach 12 Stunden sieht es langsam wieder etwas besser aus: Es ist zwar noch sehr geschwollen, aber die Rötung ist etwas zurückgegangen – gut so. Ihr Magen macht sich ebenfalls wieder bemerkbar – droht auf den letzten Meilen ein Totalausfall? Unsere Hoffnung, vielleicht schon morgen Abend in der Nähe der Marina den Anker fallen zu lassen, haben wir aufgegeben. Es wird wohl doch erst am Montag etwas mit unserer Ankunft.
22. Seetag – Sonntag 07.12.
Einundzwanzigstes Etmal: 164 Seemeilen Gesamt: 2.908 Seemeilen Bis Martinique: 112 Seemeilen Windstärke zwischen 5 und 7 Beaufort Großsegel im 2. Reff – Genua voll
Vor Reisebeginn hatte ich mir noch Segelhandschuhe von Gill gekauft, in der Hoffnung, sie lange nutzen zu können. Leider haben sie die Passage nicht einmal ansatzweise überlebt. Schade. Die Segelhandschuhe von Kathi sind von der Firma Bauhaus, Linie „Nautic“. Komischerweise sind ihre Handschuhe okay – natürlich mit Nutzungsspuren, aber ohne Löcher oder Materialrisse. In Martinique werde ich mir Ersatzhandschuhe besorgen. Auf verbrannte Finger habe ich keine Lust mehr, also lieber auf Nummer sicher. Die nächsten werden nicht von Gill sein, sorry.
Am frühen Nachmittag kommt uns die Sea Cloud II entgegen, ein großes Segelschiff mit drei Masten. Sie ist auf dem Weg nach Barbados, kommt von La Palma und macht 12 Knoten Fahrt. So große Segelschiffe sehen schon beeindruckend aus. Man fragt sich unwillkürlich, was man für einen Törn auf so einem Schiff wohl bezahlen darf.
Kathi bucht über das Internet einen Mietwagen für uns. Wir können ihn am 10. Dezember am Flughafen in Martinique abholen, und er steht uns dann bis zum 3. Januar zur Verfügung. Das ist gut. Wir müssen unsere Vorräte wieder aufstocken und rund 400 Liter Diesel nachbunkern. Das bedeutet: 16 Kanister à 25 Liter wollen bewegt werden – ohne Mietwagen wäre das schwierig. Außerdem stehen auf unserer To-do-Liste noch Supermärkte, Decathlon, der Elektronikmarkt Darty, Schiffsausrüster und Baumarkt. Unser Weihnachtsbesuch aus der Heimat möchte natürlich auch gerne vom Airport abgeholt werden. Kurz gesagt: So ein Mietwägelchen ist schon was Schönes.
Gegen Abend fahren wir fast die Segelyacht CAVA über den Haufen. Nur durch ein beherztes Ausweichmanöver können wir eine Kollision hier mitten auf dem Atlantik verhindern. Verrückt. An Bord ist eine belgische Crew, ein älteres Pärchen, ebenfalls mit Hund unterwegs. Wir funken und stellen fest, dass wir beide das gleiche Ziel haben. Die CAVA fährt nur unter einem kleinen Vorsegel, dafür aber im Gegensatz zu uns auf Direktkurs Martinique. So wie wir sie verstanden haben, steuern sie die gleiche Marina an. Wir sind gespannt. Die CAVA plant, am Montag in den Morgenstunden in der Marina anzukommen.
23. Seetag – Montag 08.12.
Zweiundzwanzigstes Etmal: 141 Seemeilen Gesamt: 3.049 Seemeilen Ankunft in Martinique Windstärke zwischen 3 und 5 Beaufort Genua & Motoren
Wir schätzen unsere Ankunft in den frühen Morgenstunden und bereiten schon jetzt die Festmacherleinen sowie die inflatables Fender vor. Das Großsegel wird ordentlich im Lazy Bag verstaut und das Großfall gegen das Schlagen am Mast gesichert. Wir sind nun für den anstehenden Landfall nach über 3.000 Seemeilen gewappnet. Der tosende Atlantik liegt endlich hinter uns, der über zehn Tage andauernde Wellenritt im letzten Drittel der Reise hat uns körperlich doch zugesetzt, denn an erholsamen Schlaf war nicht zu denken.
Endlich – wir haben es geschafft. Der Atlantik ist bezwungen. Nach 22 Tagen machen wir in der Marina Pointe du Bout fest. Yippieh – den Anlege-Gin-Tonic haben wir uns mehr als verdient.
Martinique empfängt uns mit dicken Wolken und intervallartigen Regengüssen. Ab 11 Uhr dürfen wir in die Marina. Kurz vor der Ankunft erleben wir einen Wolkenbruch der Extraklasse. Wir brechen die Anfahrt zur Marina ab und werfen den Anker in unmittelbarer Nähe. Als das Unwetter abgezogen ist, wollen wir Anker auf gehen. Die Winsch macht noch einmal kurze Geräusche – dann ist Schluss. Sie hat ihren Dienst aufgegeben.
Völlig übermüdet holen wir die ausgebrachten 13 Meter Kette samt 25-kg-Spade-Anker von Hand ein. Wow, was für eine körperliche Anstrengung. Es gelingt, und wir bekommen den Anker nach oben. In weiser Voraussicht haben wir bereits eine Ersatzwinsch an Bord. Diese werden wir hier in Martinique in der Marina einbauen. Es bleibt also immer etwas zu tun. Willkommen, Karibik – willkommen Martinique!
Wir liegen in der Ankerbucht vor Postermen in der Bretagne, nahe Brest, und genießen die Ruhe. Leider zeigt sich das Wetter auch hier wenig sommerlich: Der Himmel ist grau, und in regelmäßigen Abständen wird unser Schiff von oben mit Niederschlägen „gereinigt“. Die Sonne lässt sich seit zwei Tagen kaum blicken, und wir bemerken ganz nebenbei, dass unsere Batteriebänke nur noch 56% Kapazität haben. Also werfen wir den Generator an (das Gebrumme erinnert uns sofort an die Fahrt hierher) und berechnen, wie lange es wohl dauert, bis die Batterien wieder voll sind. Nach einer Generatorstunde haben wir gerade mal 2,2% nachgeladen – und das bei knapp 900 Watt Ladestrom!
Die Zeit mit laufendem Generator nutzen wir, um den Wassermacher zu betreiben und eine Ladung Wäsche zu waschen. Nach sechs Stunden schalten wir das Gerät allerdings wieder ab – das ständige Brummen unter der Sitzbank im Cockpit nervt einfach zu sehr. Morgen soll endlich die Sonne scheinen, dann werden die Batterien bestimmt wieder per Solar geladen – denken wir zumindest.
Pustekuchen!
Wir wundern uns über die geringe Solarleistung von nur 180 Watt. Dabei haben wir doch drei große Solarpaneele mit jeweils 280 Watt auf dem Geräteträger – also insgesamt 840 Watt! Irgendetwas stimmt ganz und gar nicht. Fast alles an der KAMI haben wir in den letzten zwei Jahren überholt, an die Solaranlage hat dabei aber niemand gedacht. Ich recherchiere im Internet, wie man mit einer Stromzange die tatsächliche Leistung der Paneele messen kann, ohne eine elektrische Verbindung herstellen zu müssen. Ich prüfe die Spannung bei einer der drei Platten – die anderen beiden sind tot. Das darf doch nicht wahr sein.
Wir machen den Test: Ein großes Strandtuch auf die einzige funktionierende Platte gelegt, und siehe da – auch die letzten 140 bis 180 Watt verschwinden in unserem Victron Cerbo GX, die Anzeige zeigt „0“. Und nun? Ständig den Generator laufen lassen? Nein, das muss wirklich nicht sein. Klar, vielleicht sollten wir künftig größere Energieabnahmen wie den Backofen oder Wassermacher mit dem Generator abpuffern, aber im Alltag sollte die Solaranlage den normalen Verbrauch abdecken. Mit einer halb funktionierenden Solaranlage wird das nichts. Also muss Ersatz her. Gemeinsam sitzen wir an den Laptops und durchforsten das Netz nach passenden Ersatzmodellen. Wir mailen diverse Firmen rund um Brest und suchen auch in Deutschland nach möglichen Lieferanten.
Den Gedanken, das Problem erst auf den Kanarischen Inseln zu lösen, verwerfen wir schnell wieder, als wir lesen, dass Pakete aus dem EU-Raum über 150 Euro Warenwert dort mit Einfuhrsteuer belegt werden. Die Solaranlage muss also noch auf dem europäischen Festland in Ordnung gebracht werden.
Sonntag Nachmittag meldet sich eine französische Solarfirma: Man will uns helfen! Übersetzen und Schreiben auf Französisch läuft dank Perplexity KI super. Der französische Solarspezialist erklärt, dass er eigentlich schon im Urlaub ist, aber erst Donnerstagabend mit der Familie verreist. Bis dahin könnte er versuchen, passende Panele zu beschaffen. Kurze Zeit später folgt jedoch die Nachricht, dass die vorrätigen Platten leider nicht passen, und es sei aktuell schwierig, neue zu organisieren – Ferienzeit eben. Mist!
Wir suchen weiter und stoßen tatsächlich auf eine Dachdeckerfirma nahe Chemnitz, die passende Solarpaneele auf Lager hat. Bestellt für ein früheres Projekt, jetzt über 100 Stück übrig, der Hersteller existiert allerdings nicht mehr – ein echter Glücksfund.
Wir rufen sofort an, und die freundliche Dame am Telefon bietet uns die Platten direkt zur Abholung für 100 Euro das Stück an. Perfekt! Wir beschließen, direkt alle drei zu tauschen – jeweils 300 Watt, macht zusammen 900 Watt Gesamtleistung. Jetzt stellt sich nur noch die Frage: Wie schnell bekommen wir die Platten nach Brest?
Unser Nico macht sich noch am Montag von Werder nach Chemnitz auf den Weg und holt die drei Solarpaneele unkompliziert ab. Zeitgleich recherchiert Micha im Office nach Expressversand-Optionen. Jetzt wird’s spannend: Die Platten wiegen zusammen fast 60 Kilo, ein kleines Paket wird das nicht. Eher eine Palette. Wir checken UPS, FedEx, Hermes, GLS und DHL. Bei den Maßen 170 cm x 100 cm x 3 cm und dem Gewicht finden wir lange keinen Anbieter. Letztlich bleibt nur DHL Express als Geschäftskunde – Versandkosten hoch, aber angesichts des günstigen Kaufpreises akzeptabel.
Wir schreiben dem französischen Solarunternehmer, und er erklärt sich bereit, seine Adresse für die Lieferung zu nutzen. Treffen für den Tausch ist Donnerstagmorgen um 9 Uhr im Hafen von Brest. Ob das wohl klappt? Bis Dienstag 16 Uhr will DHL die Platten abholen und bis Mittwoch 16 Uhr sollen sie in Brest sein – schwer vorstellbar, bei knapp 1.500 Kilometern von Werder bis hierher.
Dienstag, 16 Uhr: Von DHL ist noch nichts zu sehen. Typisch. Alle (Micha, Basti, Mike, Kathi und Nico) sind angespannt. Nach mehreren Telefonaten mit dem Kundendienst stellt sich heraus: Der Fahrer war schon vormittags da, aber unser Büro war nicht besetzt. Wirklich? Er kommt ein zweites Mal zwischen 16 und 17 Uhr – diesmal klappt es. Die Platten werden auf der Palette in den gelben DHL-Transporter verladen, und los geht es. Wir bekommen einen Tracking-Link und verfolgen gespannt alle paar Stunden die Sendungsverfolgung. Gegen 20 Uhr sind die Platten schon im Verteilerzentrum Leipzig, und vermutlich per Frachtflugzeug um 4 Uhr früh bei Paris. Ab Mittwochnachmittag verfolgen wir fast im Minutentakt den Status, bis um 15:50 Uhr: „Sendung zugestellt“ in der Statusanzeige erscheint. Yeah! Wir freuen uns riesig. Jetzt muss morgen früh nur noch alles mit dem Solarexperten klappen.
Am Mittwoch nutze ich die Zeit, um die Verschraubungen und zahllosen Kabelbinder der alten Solarpaneele zu lösen. Die Edelstahlschrauben, Unterlegscheiben und Muttern lege ich in ein Phosphorsäurebad – zwei Flaschen davon haben wir an Bord, um dem Flugrost auf Edelstahlteilen den Garaus zu machen. Das klappt super, alles sieht danach wie neu aus. Wenn wir morgen die alten Platten abbauen, werde ich den Edelstahlrahmen noch mit Drahtbürste und Politur auf Vordermann bringen – zwischen den Platten und dem Rahmen sitzt eine ordentliche Salzkruste von der Gischt der vergangenen Seemeilen.
Während ich mich mit dem Solarpanel beschäftige, putzt Kathi das Schiff von außen. Dabei wird sie von einigen Franzosen beobachtet, die auf der über uns liegenden Hafenmole stehen. Einige rufen etwas hinunter, woraufhin Piper sofort anschlägt und mit lautem Bellen ihren Unmut kundtut. Die Waschmaschine läuft hier im Hafen in Dauerschleife – Strom und Wasser sind inklusive.
Wir hoffen, die drei alten Platten können wir hier in Brest entsorgen, vielleicht nimmt der nette Franzose sie ja mit. Mal sehen.
Es ist schon verrückt, was wir alles am Schiff erneuern mussten – aber so ist das eben auf Langfahrt. Zwei Liegeplätze weiter liegt übrigens auch eine TO-Yacht: Auch dort wird gebastelt und repariert. Vor uns am Steg eine schwedische Segelyacht, dort waren den ganzen Vormittag Flex- und Schleifgeräusch zu hören. Hier macht jeder sein Schiff fit für die Biskaya.
Wir sind froh, wenn wir Brest bald verlassen können. Der Hafen ist laut, schmutzig und nicht wirklich erholsam. Da liegen wir doch lieber in einer geschützten Ankerbucht – günstiger, entspannter, und mit dem Dinghi sind wir für Einkäufe und Besorgungen trotzdem fix an Land.
Für unsere drei Nächte hier im Hafen von Brest durften wir übrigens 210 Euro bezahlen; die vierte Nacht wäre kostenlos gewesen. Wenn morgen alles mit dem Paneeltausch klappt, sind wir spätestens Freitagvormittag wieder weg – zurück in die Bucht von Camaret-sur-Mer und, wenn Alina das meteorologische „Go“ gibt, weiter hinaus auf den Atlantik.
Der Dienstag begrüßt uns mit Sonne und Wärme, doch wieder bleibt uns der ersehnte Segelwind verwehrt – also schieben uns die Diesel weiter Richtung Westen. Piper lege ich vorsorglich auf eine Kühlmatte ins Cockpit. Sie scheint es zu genießen und wirkt mit ihren 1,5 Jahren immer knuffiger. Bei Wellengang weicht sie kaum von meiner Seite, schaut ständig nach mir und kuschelt sich während der Nachtwache dicht an mich. Kathi ist, glaube ich, schon ein wenig eifersüchtig. Es ist einfach schön, Piper dabei zu haben. Leider fehlen ihr noch die Seebeine, weshalb wir ihr bei ruppigem Wetter ab und zu ein Mittelchen zur Beruhigung geben müssen. Wenn es knallt und kracht oder die Wellen von vorn kommen, sucht sie Nähe und Schutz bei uns – ihrem kleinen Rudel. Eigentlich gilt ihre Rasse als schwierig in den ersten drei Jahren, doch auf Piper trifft das kaum zu. Klar, manchmal hat sie ihren Sturkopf, aber meistens ist sie einfach nur Zucker.
Trotzdem kommen wir ganz gut voran. Nachts mache ich ein Foto vom Plotter: 666,6 nautische Meilen liegen nun hinter uns – leider meist unter Motor. Das soll sich mit der Biskayaüberquerung hoffentlich ändern.
Die langen Nachtwachen gehen nicht spurlos an mir vorbei. Mein Körper sendet Warnsignale: massive Bauchkrämpfe, Herzrasen. Zwei bis drei Stunden Schlaf in 24 reichen einfach nicht aus. Zum Glück ist der Englische Kanal bald geschafft – wir alle sind am Limit. Seit Samstag kämpfen wir uns Richtung Kanalausgang (Brest), und das bescheidene Wetter drückt mächtig auf die Stimmung.
Gerade in der letzten Nacht werden wir überraschend von der Segelyacht „Cocoon“ – ebenfalls ein Katamaran mit Ziel Mallorca – angefunkt. Es stellt sich heraus, dass wir uns vor zwei Monaten in Warnemünde begegnet sind. Der Skipper warnt uns: Unser AIS-Signal fällt ständig aus, vermutlich ein Defekt an der VHF-Funkantenne. Er hat Ersatz an Bord, wir verabreden uns für Mittwoch in einem kleinen französischen Hafen nahe Brest und wollen nach dem Fehler suchen. Tatsächlich finde ich tagsüber heraus, dass es im Kanal häufiger Probleme mit AIS-Signalen gibt. Vielleicht liegt überhaupt kein technischer Defekt vor. Wir bleiben wachsam.
Nach unserer Funkverbindung steuern wir die KAMI in stockfinsterer Nacht viel zu dicht an die Rocks bei Alderney vorbei – der Puls schießt hoch! Hinter der Insel tobt eine gewaltige Kabbelsee. Mit dem ersten Licht rollen riesige Wellen aus allen Richtungen auf uns zu. Die KAMI stampft tief in eine vier Meter hohe Welle, ein gewaltiger Wasserschwall fegt durch das Trampolin über Deck. Wie eine Boje tanzen wir im Wellental, dann der nächste Brecher – wie Faustschläge krachen Wassermassen auf unser Boot. Es rumpelt, knallt, und wir fühlen uns hundeelend. Unser Abenteuerstart – ganz anders als erträumt! Ich stehe am Steuerrad, raffe alle Kräfte aus meinem übermüdeten Körper zusammen und versuche, die KAMI zurück auf Kurs zu bringen.
Wie ein Magnet zieht es unser Schiff Richtung Küstenspitze mit steinigen Geröllbrüchen. Schnell werfe ich den zweiten Motor an, gebe alles. Das Stampfen wird schlimmer, aber irgendwie kommen wir frei. Tausend Gedanken rasen durch meinen Kopf: Wie geht es Kathi unten im Salon, wie Piper? Zittert Piper wieder vor Angst? Sobald wir wieder halbwegs Kurs haben, überlasse ich dem Autopiloten das Steuer, haste in den Salon – alles okay! Beide liegen beieinander, Kathi schaut mich fragend an. Ich versuche, das Erlebte herunterzuspielen, um sie nicht zu ängstigen.
Vielleicht fragt ihr euch, warum? Die Antwort ist einfach: Sollte Kathi oder Piper das Leben an Bord dauerhaft nicht ertragen – wegen Seekrankheit, Angst oder ständiger Unruhe – würden wir spätestens auf den Kanaren aussteigen. Unser gemeinsamer Traum wäre dann vorbei. Und das darf nicht passieren. Der holprige Start mit schlechtem Wetter, tagelangem Motoren gegen Wind und Wellen und gnadenlosen Gezeitenströmen (letzte Nacht schlichen wir mit nur 0,3 Knoten über Grund – so sehr bremst die Strömung gegenan!) fordert Tribut. Zeit für ein Verwöhnprogramm! In dieser Nacht plane ich für morgen und die nächsten Tage eine kleine Ankerbuchten-Rundtour durch die schönsten Landschaften. Wenn dann noch die Sonne lacht und wir unser Schlafdefizit ausgleichen können, steigt die Laune ganz bestimmt. Französisches Baguette, bummeln durch malerische Häfen, ein Glas Wein – einfach mal genießen. Klingt nach einem Plan, oder?
Natürlich ruft das Schiff: Neben der AIS-Anlage müssen auch die Vorräte ergänzt, zwei Anoden an den Faltpropellern getauscht, Ölstände geprüft, Seewasserfilter gereinigt und Salz von Deck gespült werden – klar Schiff! Ich will die Liegezeiten nutzen, um Brot zu backen. Kathi wünscht sich Walnussbrot, und wenn der Sauerteig erst einmal fertig ist, gibt’s gleich noch mein Spezialkörnerbrot. Danach portionieren wir alles und frieren es ein – so gibt’s für zwei Wochen Frühstücksschnittchen.
Ihr seht: Bei uns kommt keine Langeweile auf. Jetzt brauchen wir aber erst mal ein wenig Ruhe und Entspannung, um Energie für den bevorstehenden großen Atlantiktrip (1..200 sm) zu tanken.
Die zum Segeln notwendige Windrichtung und die Prognosen sind immer noch nicht optimal. Wir bekommen aber langsam in Warnemünde einen „Lagerkoller“ und entschließen uns daher, die Leinen loszuwerfen und in Richtung NOK (Nord-Ostsee-Kanal) aufzubrechen.
Die Nacht vor unserem Start schlafen wir beide schlecht. Aufregung? Zu viele Gedanken, die im Kopf kreisen? Wir wissen es nicht genau und stehen gegen 6 Uhr früh auf, um mit der aufgehenden Sonne die Leinen loszuwerfen. Die Motoren schnurren mit 1800 Umdrehungen, und wir machen bei Windstärke „0“ und fast spiegelglattem Wasser 6 Knoten Fahrt. Wir stellen den Autopiloten auf die Insel Fehmarn ein, die wir umrunden müssen, um nach Kiel zu gelangen.
Nach dem frühen Start aus Warnemünde genießen wir unser erstes Aussteigerfrühstück gegen 9 Uhr morgens. Very romantic!
Die lange Fahrtzeit hat Kathi genutzt, um den MOB-Sender (Mann-über-Bord-Sender), den wir extra für Piper gekauft haben, an ihre Schwimmweste zu nähen. Leider gibt es keine fertige Lösung für Offshore-Rettungswesten für Hunde. Also hier: Selbst ist die Frau!
Nach fast 13 Stunden Fahrt unter Motor treffen wir in den Abendstunden in Kiel-Holtenau ein. Über Funk werden wir vom Schleusenwärter gefragt, ob wir noch in den NOK einfahren wollen. Da wir alle drei vom Gebrumme der Maschinen müde sind, verneinen wir, bedanken uns für die höfliche Nachfrage und werfen den Anker gegenüber der Schleuseneinfahrt. Hier liegen bereits etliche große und kleine Freizeitboote und ein größerer Tanker auf Reede.
Die Nacht ist wieder kurz. Gegen 5 Uhr weckt uns Kathis Handy mit einem dröhnenden Alarmgeräusch – die Ankeralarm-App. Wir hatten am Vorabend bei fast 10 Metern Tiefe ca. 50 Meter Ankerkette gesteckt und haben uns in der Nacht mit dem Wind um 180 Grad gedreht. Das quittierte die App mit einem lauten Alarm. Guten Morgen! Wir sind völlig knülle, raufen uns aber rasch auf und schielen rüber zur Schleuse. Komm, lass uns gleich einschleusen. Anker auf und Motoren an – es geht mit einem großen Containerschiff und sechs Segelbooten in die Schleusenkammer. Der Schleusenwärter gibt über Funk durch: „Die Sportschifffahrt bitte an der Backbordseite festmachen.“ An der Steuerbordseite liegt das große Containerschiff und produziert ordentlich Schraubenwasser (sieht aus wie ein brodelnder Whirlpool). Bei der Einfahrt in die Schleuse wundern wir uns, dass das erste Segelboot (ein Trimaran) an der Steuerbordseite anlegt und nicht wie vom Schleusenwärter gefordert an der Backbordseite. Gruppenzwang – wir folgen alle. Aber was macht der Trimaranfahrer? Er stoppt auf der Hälfte der Schleusenlänge und macht sich fest. Da passen wir nicht dahinter. Kathi hat schon Fender und Leinen an der Steuerbordseite angebracht, da kommt der Funkspruch vom Schleusenwärter, wir können auch auf der Backbordseite anlegen. Kathi schnauft und schimpft vor sich hin, löst alle Fender und Leinen und wechselt, während wir schon einfahren, die Seite. Mit etwas zu viel Dampf rauschen wir gegen den in der Schleuse vorhandenen Schwimmsteg. Grrrr … Das war Mikes Schuld. Gott sei Dank keine Beschädigungen am Schiff – nochmal gut gegangen. Wir liegen vertäut in der Schleuse und springen zwischen KAMI und Schwimmsteg hin und her, um Leinen und Fender auszurichten. Die Schwimmstege sind mit einer dicken Algenschicht überwachsen, entsprechend sieht nach der Schleusung unser weißes Deck nicht mehr weiß aus, sondern … Bahhhh …
Gegen 7:15 Uhr fahren wir dann endlich in Kolonne mit den anderen Booten die ersten 28 Kilometer bis zum Borgstedter See. Hier wollen wir direkt an der Autobahnbrücke der A7 den heißen Tag mit 37 Grad verbringen (baden und den Grill anwerfen) und morgen früh weiter bis zum Ende des NOK (noch 70 Kilometer) fahren. Geplant ist dann das Ausschleusen am Abend, und mit der anfänglichen Gezeitenflut wollen wir in den Amerikahafen in Cuxhaven fahren und dort für ein paar Tage festmachen. Unsere Ankerwinsch lässt sich sporadisch nicht mehr einfahren, was uns heute im Borgstedter See in eine brenzlige Lage gebracht hat. Wir hatten den Anker ausgebracht und sind dann in Richtung der Signaltonnen abgetrieben. Wir wollten den Anker schnell wieder aufholen und unsere Lage korrigieren – leider versagte in diesem Moment die Ankerwinsch. Kurzzeitig Panik. Gemeinsam haben wir dann mit reiner Muskelkraft 10 Meter Kette mit dem anhängenden 25-Kilo-Anker aus dem Wasser gezogen. Als wir das Boot danach etwa 100 Meter verholt hatten, fanden wir den Fehler relativ schnell: ein Kabelbruch an der Elektrowinsch. Das muss repariert werden. Wir werden uns in Cuxhaven einen Monteur suchen, der uns helfen kann. Wir sind optimistisch.
Leider sehen die Wetter- und Windprognosen bis zum Wochenende wieder bescheiden aus. Wann wir weiter nach Helgoland kommen, ist noch offen. Derzeit ändern sich ja die Vorhersagen fast stündlich. Gerade jetzt zieht ein Gewitter mit Regen über uns her, das war schon vor sechs Stunden angekündigt. Wir nutzen den Regen und schrubben das durch die Schleusenaktion verdreckte Deck, bis alles wieder blitzeblank ist. Es ist ja unser Zuhause. Da hat man es gerne ordentlich und rein. lach
Piper leidet auch unter der Hitze. Wir legen sie tagsüber auf Kühlmatten, geben ihr ab und an einen Eiswürfel zum Knabbern und ziehen ihr eine Kühlweste an. Ihr Geschäft hat sie gestern tatsächlich erst abends auf dem Boot verrichtet. Was haben wir sie gelobt! Sie tut sich noch sehr schwer mit dem „Lösen“. Aber wir sind guter Hoffnung. Sie ist ja mit 1,5 Jahren noch ein Teenager. Das klappt schon bald besser. Bestimmt!
Gestern haben wir noch gegen Nachmittag Post von unseren Warnemünder Stegnachbarn erhalten. Sie haben uns eine gute Reise gewünscht und ein Foto, aufgenommen von ihrer Two Princess, von der KAMI beigefügt. Darüber haben wir uns sehr gefreut.
Alles in allem haben uns eine Vielzahl von Wünschen und guten Zusprüchen erreicht, selbst von Seglern, die wir gar nicht richtig persönlich kennen. Toll. Danke dafür!
16.06.2023 – 13:30 Uhr Ortszeit – 14:30 UTC 22. Seetag Etmal: 129 sm Gesamtsumme: 2761 sm Wind aus SW Segelstellung: Großsegel 1. Reff, Genua 80% Speed über Grund: 6 kn
Wir machen am Nachmittag noch gute Fahrt und überlegen, was wir zum Abendessen zubereiten wollen. Im Kühlschrank haben wir noch etwas Mischgemüse, dazu möchten wir Bratwurst und Reis kochen. Als wir jedoch im Salon unter der Sitzecke die Vorratskiste öffnen, schlägt uns ein seltsamer Geruch entgegen – eine Mischung aus Apfelessig und saurer Sahne. Es muss Wasser eingedrungen sein. Eine Katastrophe! nDer große Reissack ist zu zwei Dritteln verdorben (6 kg schlecht), fünf Nudelpackungen sind hinüber, und auch die Linsen und Spaghetti sind unbrauchbar. Was für ein Verlust! Aber mit den verbleibenden 3 kg Reis, 2 kg Nudeln und mindestens 5 kg Kartoffeln werden wir nicht verhungern.
In der Nacht kommen uns fünf Frachtschiffe entgegen, darunter drei große Containerschiffe der Reederei Maersk, ein LNG-Tanker und ein normales Frachtschiff. Wir nähern uns bis auf 2 Meilen, aber alles verläuft reibungslos, und wir passieren uns sicher. Trotzdem sind wir vor allem nachts immer sehr angespannt, wenn wir auf dem Kartenplotter entgegenkommende Schiffe erkennen.
Karsten studiert die Seekarte
Seit heute Vormittag stecken wir in einer Flaute fest. Erst in der Nacht soll sich wieder etwas Wind einstellen. Wir nutzen die windstille Zeit für Putzarbeiten, füllen die Dieseltanks aus den Kanistern nach und produzieren frisches Wasser. Morgen wird uns ein Tiefausläufer aus südlichen Richtungen mit Regen und Windböen bis zu 30 Knoten treffen. Heute Abend kehrt also Ruhe auf dem Schiff ein – die perfekte Gelegenheit für einen Grillabend.
14.06.2023 – 12:00 Uhr Ortszeit – 14:00 UTC 20. Seetag Etmal: 163 sm Gesamtsumme: 2.490 sm Wind aus W / SW Segelstellung: Großsegel voll, Genua voll Speed über Grund: 6 kn
Nachmittags, beim Reffen des Großsegels, muss ich aufs Vorschiff und mich nach hinten zum Baum hangeln, um das abgelassene Tuch ordentlich im Lazy Bag zu verstauen. Natürlich mit Weste und ordentlich gesichert (eingepickt) – der Bereich rund um den Baum ist an Bord der gefährlichste, hier wurden schon etliche Segler erschlagen. Beim Verstauen des Segeltuchs entdecke ich oben auf dem Bimini-Dach einen etwa 20 cm langen Riss. Ach, wie ärgerlich … Vor zwei Tagen im Starkwind hatten wir bereits bemerkt, dass der Baum bei Wellengang und Böen gelegentlich das Bimini-Gestell touchiert. Auf den Social-Media-Kanälen lesen wir, dass auch andere Lagoon-Besitzer über diesen werftseitigen Konstruktionsmangel klagen. Die Lösung wäre, eine niedrigere Sprayhood zu installieren. Die Kosten inklusive Rahmen und neuer Verdeckteile würden sich auf knapp 4.000 Euro belaufen. Grrrr …
Riss im BIMINI Dach
Bei 4 Meter hohen Wellen gehen wir in den Abend und in die Nacht. Ganz nach dem Motto „Und täglich grüßt das Murmeltier“ machen wir, wie in der vorherigen Nacht, ordentlich Fahrt. Mit Böen bis zu 36 Knoten kämpfen wir uns durch die steilen Wellenberge. Erst am Vormittag beruhigt sich die Lage etwas.
Heute wäre eigentlich unser „Bergfest“. Doch die gerade eingetroffene E-Mail von Sebastian verdirbt uns die Stimmung. Wir werden den Anschluss an das jetzige Tief leider rasch verlieren (wir sind zu langsam) und stehen deshalb mindestens sechs windarme Tage bevor. Oh nein!
Das nachrückende Tiefdruckgebiet, auf das wir gehofft haben, wird uns wohl verfehlen. Das sich gerade neu bildende Tiefdruckgebiet aus Richtung Bahamas braucht mindestens eine Woche, um uns zu erreichen. Für Samstag ist sogar eine „0“-Flaute vorhergesagt. Es wird also erst mal im Schneckentempo weitergehen. Das Wetter ist wirklich nicht normal! Momentan leiden auch hunderte andere Segler – ein schwacher Trost.
Wir verschieben unsere Ankunftsprognose vom 7.7. auf den 14.7.!
Heute Nachmittag werden Wind und Wellen einschlafen. Wir setzen dann wieder alles an Segeln, was wir haben, in der Hoffnung, noch ein paar Meilen zu hamstern. Unser Wassertank ist auch fast leer. Um den Vorrat aufzufüllen, müssen wir den Wassermacher eine Stunde laufen lassen, um 100 Liter Trinkwasser zu erzeugen.
Gerade eben haben wir uns mal wieder ein „gutes“ Frühstück gegönnt: Zwei Spiegeleier auf Toast mit gebratenem Bacon. Hmm, lecker … In den letzten Tagen gab es aufgrund der Wellen meist nur Müsli & Co.
Für den „0“-Tag am Samstag haben wir uns vorgenommen, den Bordaußengrill anzuwerfen. Der Tiefkühler ist noch ordentlich mit Steaks & Co. gefüllt. Ich werde mich auch mal mit dem Gasbackofen beschäftigen. Karsten hat ja Dinkelmehl aus Deutschland mitgebracht. Also werden wir am Wochenende mal ein Brot backen!
Der Brotteig wird angesetzt und darf dann ordentlich „gehen“.
11.06.2023 – 12:00 Uhr Ortszeit – 15:00 UTC 17. Seetag Etmal: 141 sm Gesamtsumme: 1.964 sm Wind aus W Segelstellung: Großsegel voll, Genua voll Speed über Grund: 7 kn
Wir haben die nächste Zeitzone erreicht und somit verringert sich der Zeitunterschied nach Hause auf -4 Stunden. Auf der Papierkarte des Atlantiks tragen wir unsere Position ein und stellen fest, dass wir jetzt „richtig“ draußen sind – mitten auf dem Atlantik, weit weg von jeder Küste. Wahnsinn!
Gestern Abend fällt unser Abendessen mal wieder etwas üppiger aus. Vielleicht liegt es daran, dass sich das Wellenbild etwas beruhigt hat und wir dadurch mehr Appetit bekommen haben. Unsere letzten frischen Vorräte sind nun fast vollständig aufgebraucht oder verdorben. Karsten zaubert uns einen letzten leckeren Salat mit Tomaten, Paprika, Zwiebeln und Eisbergsalat. Dazu gibt es eingelegte amerikanische Gewürzgurken und scharfe Bratwürste. Fantastisch!
Karsten beim Abendbrot zaubern.
Unser Obst, abgesehen von ein paar Äpfeln, hat nur 7 bis 10 Tage überlebt. Besonders die Bananen und Südfrüchte sind schnell schlecht geworden. An Gemüse haben wir noch einige Kartoffeln, Zwiebeln und Möhren. In der warmen, salzigen Seeluft scheint alles rasend schnell zu verderben. Bevor es 2025 auf Langfahrt geht, müssen wir uns in dieser Hinsicht noch etwas einfallen lassen (zum Beispiel Vakuumieren, Einkochen usw.).
Vermutlich durch die heftigen Regenfälle der letzten Tage scheint alles auf dem Schiff „klamm“ zu sein. Selbst Bettzeug und Kissen trocknen nicht richtig, sodass man sich immer wieder in feuchte Betten legen muss – wahrlich kein angenehmer Zustand. Auch die frische Wäsche im Schrank fühlt sich feucht an. Nicht schön! Wir werden uns wohl einige dicht schließende Plastikkisten besorgen und ein Lager- und Staukonzept entwickeln müssen, um dem in Zukunft entgegenzuwirken.
Die Nacht war wieder sehr laut, und es kam viel Wasser von oben. Ein Weißschwanz-Tropikvogel hat uns stundenlang umkreist. Besonders unser grünes Positionslicht auf der Steuerbordseite scheint ihm gefallen zu haben. Selbst in den Sturmböen flog er mit einer beeindruckenden Leichtigkeit.
In den Morgenstunden halsen wir mit der KAMI auf Kurs Nordost. Das angekündigte Starkwindpeak gegen 8 Uhr blieb aus, und so haben wir das Schiff in den nun herrschenden Westwind gedreht. Das Manöver hat uns wieder etwas dazulernen lassen. Es blies mit 20 Knoten, und wir versuchten mehrmals, selbst mit Hilfe der Maschinen die KAMI in den Wind zu drehen – ohne Erfolg. Also erst die Segel wieder runter, beide Maschinen dazu, in den Wind gedreht und das Großsegel bis zur Hälfte gesetzt. Danach der Dreher in Zeitlupe, und anschließend mit etwas Druck das restliche Segeltuch ausgebracht. Profis hätten das wahrscheinlich in 5 bis 10 Minuten geschafft, bei uns dauerte der „Tanz“ fünfmal so lange.
Aber: Alles ist heil geblieben, wir sind auf Kurs und machen Fahrt!
Apropos alles heil: Der Schaden am Vorsegel hat sich ausgeweitet. Nun scheint sich das Cover über die gesamte Länge (1 Meter) gelöst zu haben. Trotzdem wirkt das Segel stabil, und wir hoffen weiterhin, dass es sich bei dem gelösten Stück Tuch nur um eine Art „Aufnäher“ zur Verstärkung oder einen vernähten UV-Schutz handelt. Die darunterliegende Tuchschicht müsste also das eigentliche Segelmaterial sein. Ein Loch oder Riss ist jedenfalls nicht zu sehen. Wir behalten es im Auge!
Zwischenzeitlich hat sich der Himmel wieder zugezogen, und mit Wellen von achtern und seitlich an Backbord steuern wir Richtung Nordost. Laut Vorhersage bleibt der Wind in den nächsten Tagen auf West bis West-Nordwest. Das passt perfekt. Wir müssen nur nah genug am ablaufenden Tief bleiben, um dessen Wind einzufangen. Hinter uns kündigt sich bereits das nächste Hochdruckgebiet an, was wir segeltechnisch gar nicht gebrauchen können, denn damit sind oft Flauten verbunden. Bleibt abzuwarten, wie sich das Wetter in den kommenden Tagen entwickelt.
10.06.2023 – 12:00 Uhr Ortszeit – 15:00 UTC 16. Seetag Etmal: 110 sm Gesamtsumme: 1.823 sm Wind aus S – SW Segelstellung: Großsegel im 2. Reff, Genua voll Speed über Grund: 7 kn
Das Tiefdruckgebiet beruhigt sich am späten Nachmittag, und es kommt sogar kurz die Sonne heraus.
Wir überprüfen die Segel und stellen das nächste Malheur fest: An unserem Genuasegel (Vorsegel) hat sich in der Höhe der ersten Saling (Querstrebe am Mast) das Segeltuch – oder vermutlich ein aufgenähtes Cover (es sieht aus wie ein 1×1 Meter großer verstärkender Flicken) – etwas abgelöst und flattert im Wind. Es sieht aus wie ein zerfetztes Stück Stoff. Vermutlich haben wir bei einem Reffmanöver das Tuch nicht straff genug geholt, sodass das Segel an der Saling gescheuert (schamfielt) hat und sich dadurch die Naht gelöst hat. Es könnte aber auch sein, dass dieser besagte Flicken nur aufgeklebt war. Von unten ist das nicht auszumachen. Da die Genua auf einer Rollreffanlage montiert ist, können wir das komplette Genuafall bei den aktuellen Windbedingungen nicht herunterlassen. Wir müssen den Schaden im Auge behalten und hoffen, dass der Grundstoff des Segels nicht einreißt. Ab sofort ist also ein besonders vorsichtiger Umgang mit der Genua angesagt.
Wir gehen mit der gesicherten Segelstellung im Reff in die Nacht, da einige kräftige Böen gemeldet sind. Spätestens ab heute Morgen müssen wir das nächste Tiefdruckgebiet durchsegeln, und es sind Starkwinde mit größeren Böen vorhergesagt. Der Nachteil unserer konservativen Segelstellung ist der Geschwindigkeitsverlust, was das heutige Etmal (die gesegelte Strecke) gut zeigt.
In der Nacht bemerke ich, dass sich das Segelboot „Calinka“ unserer Position bedenklich nähert. Das ist nachts nicht besonders angenehm, denn unter Segeln lassen sich Ausweichmanöver, besonders bei starkem Wind, nicht so schnell umsetzen. Zudem ist es stockdunkel da draußen. Da unsere Batteriekapazitäten wieder in Richtung 11 Volt sinken, entscheide ich, die Steuerbordmaschine zu starten, um uns von dem nahen Segelboot abzusetzen und einen akzeptablen Sicherheitsabstand zu erreichen. Nach einer Stunde liegt die „Calinka“ etwa 3 Seemeilen hinter uns, was ausreichend sein sollte. Also Maschine wieder aus.
Ein Blick auf den Kartenplotter zeigt, dass das Segelboot beharrlich unserer Kurslinie folgt. Wollen die sich wirklich an uns, zwei Segelanfänger, heften? Unglaublich! Seit nunmehr 36 Stunden „klebt“ das schwedische Segelboot an uns. Hmm…
In den frühen Morgenstunden höre ich über Funk jemanden das „Segelboot“ rufen. Ich schaue auf unseren Kartenplotter und sehe einen großen Tanker in unmittelbarer Nähe (1,5 sm) zur „Calinka“. Kollisionskurs! Der Tanker wiederholt seinen Funkruf insgesamt sechs Mal, doch von der „Calinka“ kommt keine Reaktion. Mit einem Manöver in letzter Sekunde macht der Tanker einen Schlenker, weicht dem Segelboot aus und setzt sich dann schnell mit 15 Knoten Fahrt ab. Völlig verwirrt versuche ich, das Erlebte zu analysieren. Mir fällt ein, dass Karsten bei seinem gestrigen Funkgespräch mit der „Calinka“ nach deren Anruf darum bat, vom allgemeinen Anruf- und Notrufkanal 16 auf den Arbeitskanal 6 (Ship-to-Ship) zu wechseln – gut gemacht, Karsten! Das macht man, um den Notrufkanal für die übrige Schifffahrt freizuhalten. Vielleicht hat die „Calinka“ vergessen, nach dem Gespräch wieder auf Kanal 16 zurückzuschalten? Das würde erklären, warum der Tanker keine Antwort bekam. Oder vielleicht hat der Skipper einfach nur geschlafen. Es bleibt mysteriös!
Heute früh gönnen wir uns wieder einen Kaffee und ein ordentliches Frühstück. Kurz danach nutzen wir die etwas ruhigere Zeit, um die Bordduschen zu verwenden. Ich selbst verspüre das Bedürfnis, mich zu rasieren, während Karsten seinem „Gangerl-Style“ treu bleibt, lach. Gegen 10:30 Uhr kommt es dann wie erwartet: Die Wellen beginnen sich aufzutürmen und drücken mit ordentlich Wind von achtern in das Schiff. Schnell nehmen wir Fahrt auf und erreichen in den Peaks und Wellentälern, die wir absurfen, bis zu 10 Knoten Geschwindigkeit. Im Schnitt liegen wir momentan zwischen 7 und 8 Knoten. Perfekt! Mit den achterlichen Wellen ist es auch im Schiff einigermaßen auszuhalten. Wir entspannen uns, frisch geduscht, im Salon und hören Podcasts rund ums Segeln.
Bis morgen Vormittag soll es im „Groben“ so bleiben: Windstärken von 5 bis 6 Beaufort, in Böen 7. Ein paar Starkböen werden uns noch treffen, aber am Sonntag beruhigt sich das Wetter wieder, und der Wind dreht in den kommenden Tagen auf West, sodass wir unseren Kurs weiter nördlich absetzen können (Richtung Azoren).
Auf dem Foto seht ihr das Plotterbild der Beinahe-Kollision: Die beiden weißen Dreiecke im oberen Bereich. Die gestrichelten Linien vor den Dreiecken zeigen den Fahrtenabstand der nächsten 60 Minuten. Unten seht ihr die KAMI. Die blaue Linie zeigt den reinen Steuerkurs über 60 Minuten, die rote Linie den tatsächlichen Kurs, inklusive Versatz durch Wind, Strömung und Wellen.
09.06.2023 – 12:20 Uhr Ortszeit – 15:20 UTC 15. Seetag Etmal: 146 sm Gesamtsumme: 1.714 sm Wind aus S – SW Segelstellung: Großsegel im 2. Reff, Genua 80% Speed über Grund: 7 kn
Am Nachmittag schauen wir hoch zum Großsegel und stellen fest, dass die Dirk (ein Seil von der Mastspitze zum Ende des Baums) an mehreren Stellen durchgescheuert ist. Wir hatten am Tag zuvor vergessen, die Dirk nach einem Manöver wieder richtig frei zu geben. So lag sie unter Spannung auf dem durch Wind ausgebauchten Großsegel und rieb an den mittleren Segellatten. An einer Stelle hielt die Dirk nur noch an zwei Polyesterseelen – sie war also kurz davor, komplett zu reißen. Wir schnitten die beschädigten Teile, etwa zwei Meter, mit dem Messer heraus und verknoteten die Enden mit Palstek-Knoten. Dieses Provisorium muss nun bis Rostock halten. Es war ohnehin geplant, das laufende Gut durch neue Leinen zu ersetzen.
Die durchgescheuerte Dirk muss repariert werden.
Am Abend nimmt der Wind immer weiter zu, und die Wellen schütteln die KAMI ordentlich durch. Da für die Nacht und den frühen Morgen Windböen von über 28 Knoten vorhergesagt sind, reffen wir das Großsegel ins zweite Reff und rollen in den Morgenstunden auch das Genuasegel auf 80 % ein. Sicher ist sicher! Unermüdlich gräbt sich die KAMI durch die nun etwa drei Meter hohen Atlantikwellen. Trotz der gerefften Segel machen wir etwa 7 Knoten Fahrt, beim Absurfen der Wellen erreichen wir sogar 10 Knoten. Der Autopilot muss kräftig arbeiten, um das Schiff durch die Wellen zu steuern. Kein Wunder also, dass wir in der Nacht mehrmals den Stromgenerator starten müssen, um die Batterien wieder aufzuladen. Gegen 4 Uhr fällt mir jedoch auf, dass die Ladeanzeige eher abnimmt als zunimmt. Irgendetwas stimmt nicht. Obwohl das Tuckern des Generators zu hören ist, zeigt das Voltmeter „0“ an. Komisch – was ist jetzt schon wieder los?
Ich erinnere mich, wo der Sicherungskasten des Generators ist, und schaue nach. Alle Sicherungen stehen auf „off“. Ich vermute einen Kurzschluss im Warmwasserboiler (Heizelement), da ich mir den Ausfall sonst nicht erklären kann. Nachdem ich den Boiler ausgeschaltet habe und die Sicherungen wieder einlege, läuft der Generator wieder einwandfrei und produziert fleißig Strom. Situation gerettet! Das Thema Warmwasserboiler stellen wir erstmal hinten an – im Moment bläst es draußen viel zu stark, und unser Fokus liegt gerade auf der Besegelung.
Das Tiefdruckgebiet tobt weiterhin unerbittlich, sodass wir seit dem Morgengrauen jeder nur einen Apfel gegessen haben. An Kaffee kochen ist gerade nicht zu denken, es sei denn, wir hätten eine artistische Ausbildung. Stellt euch vor, ihr steht auf einem Balanceboard und versucht, kochendes Wasser in eine Kanne zu gießen – keine gute Idee!
Der Höhepunkt des Tiefs soll gegen 14 Uhr erreicht sein. Wir hoffen, dass sich die See bis dahin etwas beruhigt, damit wir wieder unserem Tagwerk nachgehen können. Im Moment sitzen wir fest auf der Salonbank, und selbst ein Toilettengang fühlt sich wie eine Kirmesfahrt an. In den nächsten Stunden wird der Wind etwas nachlassen, doch leider bleibt uns das raue Wetter auch am Abend erhalten. Am Sonntagmorgen könnten wir Glück haben und ein paar Sonnenstrahlen erhaschen. Danach sollte es wieder etwas angenehmer werden.
Seit heute Nacht fährt das schwedische Segelboot „Calinka“ vor uns her. Wie festgeklebt bleibt der Abstand zwischen uns gleich, und wir verfolgen sie regelmäßig auf dem Kartenplotter (AIS). Auch die „Calinka“ ist zur selben Zeit wie wir von den Bermudas aufgebrochen. Wir vermuten, dass sie ebenfalls Kurs auf die Azoren nimmt. Mal sehen, wie lange unsere kleine Zwei-Boot-Gruppe zusammenbleibt – derzeit ist sie etwa 7 Seemeilen entfernt.
Top-Update: Gerade funkt uns der Skipper der „Calinka“ an und fragt nach Informationen zum aktuellen Sturm. Karsten gibt sein Bestes und teilt ihm in gebrochenem Englisch unsere Wegpunkte mit. Im Großen und Ganzen sagen wir ihm, dass wir Kurs „Osten“ fahren: von 54° West nach 47° West in den kommenden Tagen. In einer Woche dann gerne bei 38° West – Kurs Azoren!
Das Positive im Moment: Wir machen Fahrt (auch wenn es kein Kreuzfahrtfeeling ist) und sind hier draußen nicht ganz allein!
07.06.2023 – 12:00 Uhr Ortszeit – 15:00 UTC 13. Seetag Etmal: 155 sm Gesamtsumme: 1.423 sm Wind aus S – SW Segelstellung: Großsegel voll, Genua voll Speed über Grund: 8 kn
Nachmittags stellt sich endlich der erhoffte Wind ein, und die KAMI nimmt wieder Fahrt auf. Von Stunde zu Stunde frischt der Wind auf, und es kommt richtig Bewegung ins Schiff. Unser Begleiter, das Segelboot Javelin auf der Steuerbordseite, ist jedoch nicht mehr auf unserem Kartenplotter zu sehen. Wir vermuten eine Kursänderung nach Südosten, fragen uns aber, warum wir keine AIS-Signale bzw. Symbole mehr auf dem Display sehen.
Wieder ein technisches Problem? Wir wissen es nicht und entscheiden daher, in der Nacht sicherheitshalber das Radar laufen zu lassen. Morgens um 8 Uhr sehen wir glücklicherweise wieder ein AIS-Signal, diesmal von einem Tanker. Das AIS-System funktioniert also. Gut so.
Am Abend schauen wir gemeinsam eine Dokumentation von Arte über die Tiefsee im Mittelmeer. Gegen 22 Uhr machen wir das Schiff für die Nacht fertig: Der Kartenplotter wird in den Nachtmodus geschaltet (rote Beleuchtung), elektrisches Kerzenlicht eingeschaltet, die Positionslampen aktiviert und die Thermoskanne mit Kräutertee gefüllt. Wer schläft wohl rasch wieder ein? Richtig – der liebe Karsten. Das Schiff springt von Welle zu Welle und macht bis zu 9 Knoten Fahrt. So kann es gern weitergehen – wir machen endlich Strecke, wenn man das so nennen kann. Auch ich schlafe im Salon ein und hebe mein Haupt alle 60 Minuten, um blinzelnd auf den Kartenplotter zu schauen. Nichts zu sehen. Ab und an schlagen die Segel im Wind, besonders wenn Windböen mit bis zu 23 Knoten auf die KAMI treffen – dann rumpelt es ordentlich über und unter dem Schiff.
Ich sitze am Kartentisch und vertreibe mir die Zeit, indem ich meinem Schwimmfreund Frank per WhatsApp schreibe. Gegen 4 Uhr wird Karsten wieder wach, und ich gehe in meine Koje, wo ich noch zwei Stunden schlafe. Doch die Wellen nehmen weiter zu, und bei dem Gepolter an Bord finde ich keine Ruhe mehr.
Nach Sonnenaufgang beratschlagen wir den weiteren Kurs. Im Moment fällt der Wind so ein, dass die KAMI zu nördlich läuft. Sebastian Wache hat uns geraten, einen östlichen Kurs einzuschlagen, um einem sich möglicherweise bildenden Sturmtief auszuweichen. Wir machen gerade richtig gute Fahrt und entscheiden uns, einen Zick-Zack-Kurs zu fahren, um weiter östlich zu kommen. Am Freitag könnte es dann etwas schwieriger werden, da ein Tiefdruckgebiet unseren Kurs kreuzen wird. Mal sehen, wie weit wir bis dahin kommen – vielleicht rutschen wir knapp daran vorbei.
Unser 1-kg-Orangennetz (17,50 USD) sieht mittlerweile nicht mehr so ansehnlich aus, also presse ich daraus zwei größere Gläser frischen Orangensaft. Ich stelle die Gläser in der Küche auf die Arbeitsplatte, um die ausgepressten Schalen zu entsorgen, doch dann springt die KAMI auf eine seitliche Welle und beide Gläser ergießen sich abrupt im Salon. Klasse! Ein wenig Abwechslung ist doch schön.
Ach, wie ärgerlich.
Nach den Reinigungsarbeiten verlegen wir das Datenkabel der Starlink-Antenne über zwei Revisionsklappen ins Schiffsinnere. Nachts wird es jetzt doch schon recht kühl, und wenn der Wind achterlich einfällt, ist es im Salon nicht mehr so behaglich. Wir konnten wegen des Datenkabels die Salontür bisher nicht schließen, aber dank unseres improvisierten Provisoriums geht das ab heute.
Nach dem Frühstück (leider ohne Orangensaft), das aus einer kleinen Schale Müsli besteht, werfe ich die Waschmaschine an. Bei dem heutigen Wind sollte die Wäsche schnell trocknen. Insgesamt laufen zwei Maschinen (à 3 kg) durch, jeweils 40 Minuten. Generator und Wassermacher laufen parallel.
An unsere ausgebrachte Angel (Trollingleine) will nichts beißen. Gerne würden wir zum Abendessen ein Stück gebratenen Mahi-Mahi verspeisen, aber das Schiff läuft gerade viel zu schnell für die Fangköder. Also bleibt der Teller bis auf Nudeln, Gemüse und etwas Pute (als Ersatz) leer.
Sonst gibt es nichts zu tun – außer schlafen, dösen und an unsere Lieben daheim denken.
05.06.2023 – 12:45 Uhr Ortszeit – 15:45 UTC 11. Seetag Etmal: 129 sm Gesamtsumme: 1.198 sm Wind aus SW Segelstellung: wir motoren bei 3 kn Wind Speed über Grund: 2,6 kn
Heute Nacht, in den frühen Morgenstunden, drehte der Wind von NW auf SW und weiter auf S, jetzt wieder SW. Wir mussten unseren Kurs mehrmals anpassen (der sichtbare Haken auf der Karte). Bei Tagesanbruch sahen wir für 1,5 Stunden die Sonne, doch dann kam das nächste Regengebiet, und seitdem regnet es unaufhörlich wie aus Eimern. Leider ist der Wind auch komplett eingeschlafen (1 bis 5 Knoten), sodass wir unsere Segel reffen mussten. Nun motoren wir mit 1.200 Umdrehungen, um wenigstens einigermaßen die Richtung zum nächsten Wegpunkt zu halten. Unsere Geschwindigkeit beträgt jetzt mit Unterstützung der Backbordmaschine 2,8 Knoten. Zum späteren Nachmittag hoffen wir auf mehr Wind, damit wir die Maschine wieder abstellen und die Segel setzen können.
Wir müssen Diesel sparen!
Im Abstand von 3 bis 18 Seemeilen werden wir auf unserer Kurslinie von drei weiteren Segelbooten begleitet. Wir verfolgen sie auf unserem Radarbildschirm und stellen fest, dass auch sie „gähnend langsam“ unterwegs sind – genau wie wir. Alle Boote fahren in Richtung Azoren – auch wir werden diese Woche die Azoren anpeilen und hoffen, dann irgendwann später weiter nördlich abfallen zu können.
Sebastian Wache hat uns wieder geschrieben und neue Wegpunkte übermittelt. Wir müssen allerdings feststellen, dass die Vorhersagen doch oft etwas „daneben“ liegen. Im Großen und Ganzen passt das aber schon. Wir haben ihm heute zurückgeschrieben, dass seine Wegpunktplanung „zu straff“ für die KAMI ist. Wir kommen nicht hinterher.
Karsten hat sich heute früh (noch vor Tagesanbruch) mit den Angeln versucht. Außer Sargassum war nichts am Haken. Für kurze Aufregung sorgte das Einholen der Trollingleine, als sie unter dem Boot feststeckte – vielleicht sogar an der Schraube. Mit Geduld haben wir sie im strömenden Regen freibekommen und konnten sie dann an Bord ziehen. Gott sei Dank! Also, das nächste Mal angeln – erst wieder bei Wind und Fahrt!
Blick aus dem Salon – Backbordseite
Ab Mittwoch soll sich ein Hochdruckgebiet zeigen. Darauf freuen wir uns, denn Sonne und Wärme vermissen wir sehr. Wir müssen unbedingt zwei, drei Waschmaschinen ansetzen, und bei freundlichem Wetter trocknet die Wäsche dann auch relativ schnell.
Zum Wochenende hin wird es mit Regenschauern und Gewittern wieder ungemütlich. Das haben wir so nicht bestellt! lach
Der Regen prasselt aufs Dach, und im Salon läuft leise chillige Jazzmusik, à la Hohe Düne-Klavierspieler.
Das graue Wetter setzt uns ein wenig zu, unsere Gedanken sind oft zu Hause – aber jetzt bloß nicht schwermütig werden …!!!
Nachdem wir über Funk von „Radio Bermuda“ die Erlaubnis zum Einlaufen in den Hafen bekommen haben, legen wir gegen 19:45 Uhr am Steg der Customs Immigration an. Prompt setzt wieder ein sturzflutartiger Niederschlag ein, sodass wir beide trotz Regenbekleidung innerhalb von 10 Minuten durchgeweicht sind.
Was ist das hier bloß für ein Wetter (seit Tagen)?
Die Beamten sind durchweg super nett und höflich. Schon beim Festmachen am „Amtssteg“ haben wir ihnen den einen oder anderen Schmunzler ins Gesicht gezaubert – so war schnell das „Eis“ gebrochen, und der Akt des offiziellen Einklarierens war rasch vollzogen.
Mit dem neuen Schiff war es für mich das erste Anlegemanöver. Ihr könnt euch sicherlich vorstellen, wie es bei strömendem Regen und Unerfahrenheit so ist. Wir haben es aber geschafft (ohne Schäden), und das Zusammenspiel zwischen mir und Karsten, der das Leinenhandling übernahm, war top. Optimierungsbedarf sehe ich noch beim Knoten schlagen. So beim Üben klappt das eigentlich, doch dann im Manöver hat man öfter ein Brett vorm Kopf. lach
Gegenüber der Einklarierungsbehörde dürfen wir ganz ohne Kosten final an der Kaimauer festmachen. Dort liegt bereits ein großer, mindestens 50 Fuß langer Katamaran. Auch hier haben unsere komischen Anlegemanöver (vor, zurück, hin, her und im Kreis – Anlegen über alle Himmelsrichtungen) Interesse geweckt, worauf der Nachbar-Skipper in voller Regenmontur herüberkommt und uns beim Anlegen hilft. Oh, danke! Ah, stimmt – das ist so unter Seglern. Immer hilfsbereit!
Danach schnell aus den nassen Sachen und bei 90 % Luftfeuchtigkeit alles aufgehängt. Trocknen die Sachen eigentlich auf Dauer?
Blick von der KAMI rüber zum „Amtssteg“ der Customs Immigration
Wir ziehen uns um und laufen in den Ort. Der Regen hat aufgehört, und die Zikaden machen einen unglaublichen Lärm. Wir kehren im Wahoo (bei Alfred und Geza) ein und bestellen uns das wohlverdiente Anlegebier und essen köstlich Abendbrot. Zurück auf der KAMI kosten wir noch einen an Bord befindlichen französischen Cognac „Clement“ VSOP aus Martinique. Danach krabbeln wir „fertig“ in die Kojen.
Karsten steht gegen 08:30 Uhr auf, und Geza kommt angefahren und bespricht mit ihm das weitere Vorgehen. Gegen 11 Uhr sollen die ersten Monteure kommen, die sich der Windanzeige annehmen. Später kommt noch jemand wegen des Problems mit der elektrischen Winsch. Wir sind gespannt.
Ich stehe gegen halb 10 auf und freue mich über die vielen Glückwünsche auf meinem Handy. Nach dem morgendlichen Geburtstagskaffee wird gefrühstückt, Müll an Land entsorgt, die „Q“-Flagge am Schiff eingeholt und eine Einkaufsliste erstellt.
27.05.2023 – 12:20 Uhr Ortszeit – 16:00 UTC 8. Seetag Etmal: 126 sm Gesamtsumme: 767 sm Wind aus S bis SW Segelstellung – Großsegel 1. Reff – Genua voll – Vorwindkurs um 110° Speed über Grund: 7 kn
Es ist 6:30 Uhr, und der Wasserkessel pfeift auf dem Gasherd. Wir genehmigen uns einen starken Kaffee zum Wachwerden und holen die ersten Daten für die Windy-App aus dem Internet. In der Nacht hatten wir guten Wind und machten zügige Fahrt – meistens um die 6 Knoten.
Ich hole die Seekarte für den Nordatlantik aus dem Schrank und trage mit einem Bleistift unseren aktuellen Standort ein. Wir haben bereits 700 Seemeilen geschafft, sind aber erst 380 Seemeilen von Nassau entfernt?! Durch das Kreuzen auf spitzen Amwindkursen haben wir die Hälfte der Zeit und Entfernung verloren.
Wir schauen gemeinsam auf die Nordatlantikseekarte. Es ist noch so wahnsinnig weit bis nach Hause. Das wird uns spätestens jetzt richtig bewusst.
Gestern hatten wir ja das Thema Zwischenstopp auf „Bermuda“. Bermuda ist ein britisches Überseegebiet im Atlantik. Nach dem Frühstück finden wir heraus, dass der Verein „Trans-Ocean e.V.“, bei dem ich seit zwei Jahren Mitglied bin, einen deutschsprachigen Basisleiter auf der Insel hat. Karsten sendet dem Basisleiter eine E-Mail und bekommt schon sehr zeitnah eine Rückmeldung. Wir sind willkommen, und man könnte uns sicherlich mit unseren kleineren technischen Problemen, wie der ständig ausfallenden Windanzeige, helfen. Da die Wetterprognose für die nächsten Tage eher schlecht ist, beschließen wir, direkt die Bermudainseln anzulaufen (sie liegen auf unserer Kurslinie nach Hause), um einen kurzen Stopp einzulegen – je nach Wetterprognose.
Bis nach Bermuda sind es noch knapp 350 Seemeilen. Wir könnten am Pfingstmontag dort ankommen. Karsten möchte den Zwischenstopp auch nutzen, um Coca-Cola und Tonic nachzuprovientieren. Wir würden außerdem unsere Dieseltanks auffüllen und eventuell noch die eine oder andere kleine Besorgung machen. Am 30. Mai habe ich Geburtstag, da wäre doch ein Abendessen auf der Insel eine feine Sache.
Am Nachmittag werden wir von einem Frachtschiff angefunkt. Leider können wir den Anrufer nicht verstehen, da er so schnell und undeutlich Englisch spricht. Wir bitten mehrmals um langsame Wiederholung des Funkspruchs, bekommen aber keine Reaktion mehr. Wir vermuten, dass er uns vor einem Unwetter warnen wollte, mit dem wir schon für den Abend rechnen.
Kurz vor dem Sundowner ruft Karsten vom Steuerstand: „DELFINEEEE!!!“ Mindestens 20 Tiere begleiten unsere Fahrt für etwa 10 Minuten, bis sie weiterziehen. Einige der Tümmler springen 2 bis 3 Meter aus dem Wasser und drehen sich dabei wie ein Korkenzieher. Wir hatten schon gehört, dass Delfine gerne Katamarane begleiten – was für ein tolles Erlebnis.
Immer wieder ein Erlebnis, wenn ganze Delfinschulen die KAMI begleiten …
Es wird Abend, und die gewaltige Gewitterfront rückt auf uns zu. Ich beschließe, alle Segel zu reffen und zur Sicherheit über die Nacht zu motoren. Wir werfen die Steuerbordmaschine an und machen mit 2.000 Umdrehungen etwa 5 bis 6 Knoten Fahrt über Grund. In einer Stunde verbrauchen wir so ca. 4 Liter Diesel. Wir werden in Bermuda nachtanken.
Mit dem laufenden Motor produzieren wir nebenbei Heißwasser, da macht das Duschen am Abend richtig Spaß. Der Wassermacher läuft auch nebenbei und produziert in einer Stunde ca. 100 Liter Trinkwasser. Nachdem der Tank „3/4“ (450 Liter) anzeigt, schalten wir den Wassermacher wieder ab.
Bei dem Wind und Starkregen haben wir es uns in der Nacht im Salon gemütlich gemacht. Der Motor läuft und folgt via Autopilot unserer vorgegebenen Kurslinie nach Bermuda bzw. dem nächsten Wegpunkt. Wir lassen das Radar bei diesem schlechten Wetter als Sicherheitsoption mitlaufen und schauen gebannt nach draußen, wo die Blitze den Nachthimmel erleuchten.
Nachts bemerken wir, dass Karstens Rettungsweste im Cockpit automatisch ausgelöst hat. Der Wind und die gefühlten 1.000 Liter Regenwasser pro Minute müssen daran schuld gewesen sein. Jetzt sind wir schlauer und lassen die Weste bei solch einem Wetter nicht mehr draußen. Gott sei Dank haben wir noch vier weitere Westen an Bord. Sicherheit ist also gegeben.
In den frühen Morgenstunden die nächste Überraschung: Eine unserer elektrischen Winschen läuft plötzlich ohne unser Zutun los. Was für ein Krach! Ich renne in die achterliche Backbordkabine und schalte den Hauptschalter auf „off“. Der Regen muss hier einen Kurzschluss verursacht haben.
Das nächtliche Brummen der Maschine drückt uns die Augen zu. Nach dem Regengebiet haben sich die Wellen gelegt, und wir wollen nur noch in den Schlaf fallen …
26.05.2023 – 12:00 Uhr Ortszeit – 16:00 UTC 7. Seetag Etmal: 133 sm Gesamtsumme: 641,5 sm Wind aus S bis SW Segelstellung – Großsegel voll – Genua voll – Vorwindkurs 110° Speed über Grund: 7,7 kn
Wir freuen uns über die E-Mail von Sebastian Wache, unserem Wetterguide, der uns aus Deutschland betreut. Leider gibt es nicht wirklich gute Nachrichten. Der gesamte Atlantik ist derzeit mit Hochdruckgebieten übersät, und die für den Wind nötigen Tiefs sind kaum in Sicht. Sebastian empfiehlt (als eine Option), Bermuda anzulaufen und dort auf ein passendes Tief mit entsprechendem Wind zu warten. Zitat von Sebastian: „Und man muss schon beten, dass endlich mal ein Tief kommt und Wind bringt …“
Wir finden die Idee gar nicht so schlecht, zumal unsere Getränkevorräte (die CO2-haltigen) langsam zur Neige gehen. Kein Wunder, bei der Hitze hier. Außerdem könnten wir in Bermuda unsere Tanks auffüllen und versuchen, Hilfe für unsere ständig ausfallende Windanzeige zu finden. Bis nach Bermuda sind es noch gut 700 Seemeilen. Bei den derzeit eher bescheidenen Tagesetappen würden wir etwa 6 bis 7 Tage benötigen, um dort einzutreffen. Vielleicht könnten wir auch mit zeitweiser Maschinenunterstützung weiterfahren. Wir müssen sehen, wie sich der Wind heute (derzeit sieht es mit 14 Knoten ganz gut aus) und in den nächsten Tagen entwickelt. Heute nutzen wir den Tag, um zu googeln, ob wir kurzfristige Hilfe auf Bermuda bekommen könnten.
Es ist also noch offen, ob wir einen Zwischenstopp einlegen oder uns weiter nach Osten durchkämpfen. Wir entscheiden das kurzfristig, je nach Feedback der Marinas auf Bermuda.
Unsere Nacht war recht gut, allerdings ist mir während der Wache beim Naschen eines Snickers ein Stück vom Schneidezahn abgebrochen. Mist!
Am Morgen haben wir einen Gast an Bord entdeckt, dem leider nicht mehr zu helfen war. Gerne würden wir uns einen leckeren Fisch fangen, aber Angeln ist hier nicht möglich. Überall treiben Sargassum-Algen (sehen aus wie grüner Salat) – die würden sofort in der Angelschnur hängen bleiben. Heute lassen wir es ruhig angehen (so der Plan). Karsten kocht gerade Kaffee, und ich werde gleich noch einmal aufs Deck gehen, um nach den Segeln zu schauen.
Fliegende Fische sind oft nächtliche Besucher an Bord.
Uns geht es gut, und wir sind froh, dass es die Internettechnologie wie „Starlink“ gibt, um hier mitten auf dem Ozean mit Freunden und Familie in Kontakt zu bleiben.
24.05.2023 – 12:10 Uhr Ortszeit – 16:10 UTC 5. Seetag – FLAUTENTAG Etmal: 83 sm Gesamtsumme: 412 sm Wind aus O zwischen 1 und 2 Knoten (derzeitig) Segelstellung – Großsegel 1. Reff – Genua voll – Amwindkurs 59° Speed über Grund: gerade um die 5 kn
Der gestrige Tag war bis zum späten Nachmittag entspannt und sonnig. Die Wellen hatten sich beruhigt, und wir konnten beide etwas Schlaf nachholen. Gegen 17 Uhr fiel der ohnehin kaum vorhandene Wind plötzlich auf „0“ ab.
Wieder Systemalarm!
Das Schiff stand wie angenagelt, die Segel fielen ein und flatterten leicht im Wind. Auf der Backbordseite zog schnell eine Squall (Regen- und Gewitterzelle) heran – das war wohl die Ruhe vor dem Sturm. Wir starteten das Radar und verfolgten, wie das Gebiet rasch näherkam. Was war jetzt zu tun? Wir bargen die Segel, warfen die Backbordmaschine an, kuppelten ein und setzten unseren Kurs mit 3 Knoten Richtung Osten fort. Wir holten Handtücher und andere Sachen von draußen herein und bereiteten uns auf den erwarteten starken Regenguss vor, der sich tatsächlich 15 Minuten später über uns ergoss. Ganze zwei Stunden prasselte der Regen aufs Schiff, und trotz Bimini-Verdeck war rings um den Steuerstand alles nass. So schnell wie die Regenzelle kam, verschwand sie auch wieder, und wir konnten noch einen halben Sundowner achter aus genießen. Wir stellten die Backbordmaschine ab und setzten die Besegelung für die Nacht.
Blick aus dem Salon zum Bug der KAMI
Kurz darauf ertönte erneut der Systemalarm – diesmal fiel die Elektronik des Autopiloten aus. Wir verstanden nicht, was gerade los war und warum sich diese Ausfälle seit gestern häuften. Wir setzten für den Autopiloten einen größeren Amwindkurs von 55° – so kamen wir ohne weitere Alarme durch die Nacht.
Die See war nachts etwas gnädiger zu uns, mit einem gemäßigten Wellenbild, sodass wir endlich längere Ruhephasen im Schiff hatten. Wir fanden beide Schlaf und träumten sehr intensiv. Während meiner Wache, gegen 3 Uhr, sah ich auf dem Kartenplotter zwei Tanker, die genau parallel zueinander auf uns zukamen. Der Abstand zu uns verringerte sich schnell, und ich scannte ständig den Plotter, um abzuschätzen, ob wir uns tatsächlich begegnen würden. Der erste Tanker zog im Abstand von 18 Seemeilen achtern an uns vorbei, der zweite folgte ihm und ich maß auf dem Plotter einen Abstand von nur 2,3 Seemeilen. Ich stürzte ins Cockpit, nahm das Fernglas mit und hielt Ausschau. Ah, da war er – ich verfolgte ihn noch eine Weile mit meinen Blicken und kehrte dann in den Salon zurück. Auf dem Plotter verfolgte ich die beiden Tanker weiter und merkte, wie mir langsam die Augen zufielen.
Oh ha … Kurz vor Sonnenaufgang kam Karsten nach oben, und ich ging sofort in meine Koje. Innerhalb von fünf Minuten fiel ich in einen tiefen Schlaf.
Der Autopilot bzw. die Steueranlage macht seit zwei Tagen laute quietschende Geräusche. Nach unserem morgendlichen Kaffee beschlossen wir, gut eingepickt (mit Weste und Lifeline gesichert) die Maschinenräume zu öffnen und dem Geräusch auf den Grund zu gehen. Zuerst vermuteten wir die Umlenkrollen der Lenkungszüge als Ursache, doch nach längerem Suchen unter Taschenlampenlicht entdeckten wir Schleifspuren auf der oberen Seite der Lenkstange (die beide Ruderblätter verbindet), die an dem darüberliegenden Aluminium-Kasten reibt. Mit WD40 bewaffnet, setzten wir einige beherzte Sprühstöße ab, bis das Quietschen leiser wurde und fast verschwand. Das muss in Rostock unbedingt näher untersucht und repariert werden – kommt also mit auf die ohnehin schon lange To-do-Liste.
Jetzt stecken wir in einer Flaute! Nur noch 3 Knoten Wind – das Schiff macht keine Fahrt mehr. Windy hatte uns das Flautengebiet vorhergesagt. Über Tage hinweg zu motoren, wollen wir am Anfang der Reise auf keinen Fall – wir wollen Diesel sparen. Wer weiß, welche Überraschungen uns das Schiff im weiteren Verlauf der Reise noch bietet. Wir sind daher vorsichtig und defensiv. Da sich die Sonne derzeit kaum zeigt, werden wir wohl heute Nachmittag den Generator anwerfen müssen, um die Batterien für die Nacht zu füllen. Es ist kaum zu glauben, dass auf solch einem Schiff das Energiekonzept nicht aufgeht. Die vorhandenen Bordstrombatterien sind ein Witz, wenn man nicht einmal richtig durch die Nacht kommt. Hier besteht definitiv Optimierungsbedarf – auch das kommt auf die To-do-Liste.
Morgen (Donnerstag) sollen am späten Nachmittag die so sehr erwarteten Südwinde kommen. Bis dahin dümpeln wir hier im Nirgendwo und stehen praktisch still. Wir überlegen, heute Abend den Außengrill (Gasgrill) anzuschmeißen, aber im Moment haben wir beide keinen großen Appetit. Vielleicht schlägt uns das Abenteuer doch etwas auf den Magen. Apropos: Karsten, unser Chef-Smutje, ging gestern Abend die Getränkevorräte durch. Coca-Cola neigt sich schon dem Ende zu, Tonic ist aufgebraucht, Sprudelwasser haben wir noch ein wenig. Da haben wir uns wohl mächtig verkalkuliert. Heißt jetzt also: mehr Wasser aus dem Wassermacher und Tee trinken.
Ach, so ein „Luxusurlaub“ auf einer Yacht ist schon was Feines! lach
Was steht heute noch auf dem Programm? Vielleicht probieren wir uns heute mal mit den Angeln. Drohnenaufnahmen unter Wolken sind nicht so toll, also warten wir ab, ob die Sonne noch rauskommt, damit wir hier noch ein paar schöne Aufnahmen machen können.
Und sonst? Schlafen, ausruhen und an unsere Lieben zu Hause denken.
23.05.2023 – 12:05 Uhr Ortszeit – 16:05 UTC 4. Seetag Etmal: 121,2 sm Gesamtsumme: 328,2 sm Wind aus NW zwischen 11 und 17 Knoten Segelstellung – Großsegel 1. Reff – Genua voll – spitzer Amwindkurs 47° Speed über Grund: gerade um die 5,8 kn
Wir steuern seit gestern Abend hart auf Ost-Nordost und peilen die Wegpunkte an, die wir von Sebastian Wache per E-Mail bekommen haben. Wenn es ein Voting für die aufregendste Nachfahrt gäbe, wäre die vergangene Nacht derzeit auf Platz 1. Seit Sonnenuntergang segeln wir so extrem hart am Wind, dass wir die teils 3 bis 3,5 Meter hohen Wellen von schräg vorne (Backbord – Portside) direkt auf die Nase bekommen.
Eine Achterbahnfahrt auf der Kirmes wäre dagegen ein Kinderkarussell!
Wieder ist an erholsamen Schlaf nicht zu denken. Die Müdigkeit sitzt fest auf uns wie eine alte Mütze, die wir nicht ablegen können. Wir lümmeln beide im Salon, denn unten in der Koje ist es jetzt gar nicht mehr auszuhalten. Die Wellen schlagen von allen Seiten auf das Schiff ein, als wollen sie uns sagen, dass die Materialbelastung kaum noch im Akzeptanzbereich liegt. Natürlich sind das nur unsere Empfindungen – das Schiff muss das abkönnen, schließlich fahren wir ja nicht auf einem Dorfteich, sondern auf dem Atlantik. Jeder von uns nickt immer mal wieder für zwanzig bis dreißig Minuten ein. Unser vor der Reise aufgestellter Wachplan wird völlig ignoriert. Jeder macht das, wozu er gerade fähig ist und was der Körper noch hergibt.
Durch die Gischt, die sich wie Zuckerwatte ums Schiff legt, sind alle Oberflächen salzig und stumpf. Ich entscheide mich, die Dusche im Eignerbad das erste Mal auszuprobieren (in Nassau haben wir nur die Decksdusche im Freien genutzt). Das heiße Wasser tut sehr gut, und schon fühlt man sich ein wenig wohler und zufriedener.
Karsten, unser Smutje, hat das Abendbrot vorbereitet. Heute gibt es Burger. Eigentlich wollten wir den Tischgrill ausprobieren, aber bei diesem Wellenritt ist daran nicht zu denken. Also wird alles in der Pantry vorbereitet, und der Abendbrotstisch im Cockpit (Tisch achtern draußen) wird gedeckt. Wir wünschen uns guten Appetit, doch dann hält Karsten inne. Er bekommt nichts herunter, knabbert nur an einem Salatblatt und lässt seinen Burger fast unangetastet stehen. Mir geht es magenmäßig besser, und ich verputze zwei Burger (die übrigens aus Donut-Brötchen bestehen). Der Tisch wird wieder abgeräumt, denn die Ketchupflasche und unsere Kräutertee-Thermoskanne fliegen von rechts nach links und verlassen selbständig ihren zugewiesenen Platz.
Doch dann … Systemalarm!
Karsten ruft in meine Richtung, dass sämtliche Winddaten auf unserem Plotter verschwunden sind und der Autopilot von Segelsteuerung auf Maschinensteuerung umgestellt hat. Wir legen in Windeseile unsere Sicherheitswesten an, schlüpfen in die Decksschuhe und stürmen zum Steuerstand, wo wir uns zur Sicherheit erst einmal einpicken, damit wir bei den Wellenschlägen nicht über Bord katapultiert werden. Was nun? Die Gefahr ist groß, dass die KAMI in den Wind schlägt. Sofort drehen wir in den Wind, holen die Rollgenua ein und ziehen das Großsegel nach unten. Alle Segel sind unten! Unter Maschinenfahrt bleiben wir in der Windachse stehen, damit sich die Situation ein wenig beruhigt.
Tausend Gedanken poltern durch meinen Kopf. Ohne funktionierende Windanzeige ist die Reise hier beendet. Wir könnten nur noch unter Maschine nach Nassau zurückfahren, um das Problem dort beheben zu lassen. So ein Mist! Das kann doch nicht sein … Karsten holt eine Taschenlampe, und wir wollen das Mast-Top ableuchten, da wir vermuten, dass die Windfahnen oben auf der Spitze durch das Hin- und Herschlagen des Schiffs verloren gegangen sind. Wir leuchten den Mast ab und sehen, dass oben alles in Ordnung ist. Da kommt mir der Gedanke, das ganze Navigationssystem einmal komplett auszuschalten und dann neu hochzufahren. Gesagt, getan – die Windanzeigen sind wieder da, sogar die verklemmte Anzeige für die Geschwindigkeit durch das Wasser funktioniert plötzlich wieder.
Habt ihr die zwei Steine plumpsen gehört?
Gott sei Dank – es scheint nur ein Softwaresystemfehler gewesen zu sein. Wir schauen uns fragend an und setzen wieder: „Segel auf“! Mit Motorkraft drehen wir das Schiff wieder an den „spitzen Amwind“, bis es wieder Fahrt aufnimmt und die Segel richtig stehen. Meine Duschaktion kurz davor war für die Katz (das Wasser läuft mir den Rücken herunter) – wir müssen uns erst einmal wieder akklimatisieren und setzen uns ins Cockpit. Was für eine aufregende Aktion! Wir wünschen uns gegenseitig, dass der Fehler nicht noch einmal auftritt, und besprechen bereits das Vorgehen bei einer möglichen Wiederholung.
Und als ob die Aufregung nicht schon genug wäre, sehe ich vom Cockpit aus, wie die Bilgenlampe für den Steuerbordrumpf ständig an- und ausgeht (leuchtet grün, wenn die Pumpe automatisch in Betrieb ist). Ich eile in den Eignerrumpf und nehme die Bodenplatten hoch. In der Bilge steht dunkles Wasser, vielleicht ein Liter. Ich nehme auch die benachbarten Bodenplatten auf (man bedenke, dass das Schiff durch den Wellenritt irre Bewegungen macht) und kann eine grobe Richtung der Wasserherkunft ausmachen. Ich lege die Bodenplatten wieder ein und beschließe, dem Problem bei ruhigerer See auf den Grund zu gehen.
In der Nacht springt die Pumpe ungefähr zwei bis drei Mal die Stunde für ein paar Sekunden an. Es scheint nichts Bedrohliches zu sein. Ich behalte das in den nächsten Tagen im Auge.
Gegen 3 Uhr liegen wir beide völlig erschöpft oben im Salon auf der Sitzbank. Durch die L-Form können wir uns dort gemütlich ausbreiten. Karsten schläft sofort ein (er tut sich mit dem Schlafen nicht so schwer), während ich an die Salondecke starre. Erste Zweifel tauchen in meinem Kopf auf. Inzwischen sind die Wellenschläge noch intensiver geworden. Das Quietschen des Autopiloten wird gefühlt immer lauter, die Reffleinen im Großsegel knarren, und meine Augen fallen für eine Viertelstunde zu.
Weit und breit ist kein Schiff mehr auszumachen, unter uns geht es jetzt 4.000 Meter in die Tiefe. Die Landkanten der Bahamas-Inseln sind nicht mehr zu sehen.
Jetzt sind wir wohl richtig draußen!! Schön, aber auch ein wenig ehrfurchtgebietend.
Gegen 5 Uhr kündigt sich der fünfte Seetag an. Genau vor uns im Osten wird es langsam heller, und die Sonne geht auf. Ich rappele mich auf, torkle nach draußen und setze mich an den Steuerstand. Dieses Morgengrauen, die warme, salzige Luft und die Wolkenformationen – so schön anzusehen. Schnell verfliegen die dunklen Gedanken der Nacht aus meinem Kopf, und ich schaue über den Ozean in Richtung Heimat. Prompt dröhnt der nächste Systemalarm: „Spannung unter 11 Volt“. Der Autopilot hat wohl in der Nacht zu viel leisten müssen. Ich eile nach drinnen und werfe den Generator an. Ich wundere mich jedoch fünf Minuten später, dass die Batterien immer noch keine höhere Spannung anzeigen. Was ist denn jetzt schon wieder los?! Langsam reicht es, und ich schimpfe vor mich hin. Da entdecke ich das Problem … Mein schlafender Passmann muss mit dem Rücken an das Bedienpanel am Kartentisch gekommen sein. Der Ladeschalter stand auf „off“! Nun erhalten die Batterien wieder genügend Ladespannung. Langsam wird es hell, und die Sonne bahnt sich ihren Weg durch die Wolken. Sobald sie das Solarpanel mit voller Leistung beschienen hat, wird der Generator wieder ausgeschaltet. Diesel sparen!
Der erste Kaffee des Tages wird gekocht, und wir sitzen mal wieder zusammen und machen Wetter- und Routenpläne. Wir segeln in ein richtiges Flautengebiet, bevor uns dann endlich am Donnerstag, spätestens Freitag, der ersehnte Südwind erreicht. Wir wollen den Flautentag nutzen, um den Außengrill anzuwerfen, die Filmdrohne mal nach oben zu schicken und ein Bad im tiefblauen Wasser zu nehmen – und vor allem endlich mal richtig zu schlafen. Die Angeln müssen wir auch noch vorbereiten, damit, wenn es weitergeht, auch der ein oder andere Mahi-Mahi (Goldmakrele) auf unseren Tellern landet. Die angekündigte Flaute wollen wir aussitzen (kein Segel, kein Motor).
Eine weitere Aufgabe: Ein Sicherheitsblick in die Backskiste. Dort lagern zwischen den Bootsfendern zehn Dieselkanister aus Kunststoff zu je 20 Litern sowie zwei kleine Kanister für den Dinghy-Sprit (Außenborder).
Wir hören Musik, und es geht uns gut. Der ein oder andere blaue Fleck vom Manövergetänzel stört uns nicht.
Ab dem dritten Seetag sollen einem ja „Seebeine“ wachsen. Das passt!
Im Moment läuft alles vor sich hin. Gleich gibt es ein „Spätfrühstück“, und dann wird nochmal geruht …
22.05.2023 – 12:15 Uhr Ortszeit – 16:15 UTC 3. Seetag Etmal: 107,6 sm Gesamtsumme: 206,9 sm Wind aus NO zwischen 8 und 10 Knoten Segelstellung – Großsegel voll – Genua voll – spitzer Amwindkurs um die 40° abfallend auf Halbwind Speed über Grund: 7 kn
In der vergangenen Nacht haben wir die letzte Bahamas-Insel hinter uns gelassen und fahren seither in weiten Zickzack-Kursen, zuerst nach Norden-Nordwesten gemäß den empfohlenen Wegpunkten von Sebastian Wache, nun nach Osten-Nordosten.
Gestern gegen 22 Uhr alarmierte uns unser B&G-Kartenplotter – Kollisionskurs mit einem anderen Segler. Nur noch 1,5 Seemeilen Abstand! Schnell beschließen wir, eine Ausweichwende zu fahren, beleuchten das Vordeck und sichern uns mit unseren Westen. Das Manöver gelingt, und der amerikanische Segler zieht an uns vorbei. Danach ziehen wir uns beide in den Salon zurück. Der nächtliche Wind nimmt bis auf 28 Knoten in Böen zu, und das Schiff erreicht zum ersten Mal seit unserer Abfahrt 8,5 Knoten. Wir fahren spitz gegen die vorherrschende 2,5-Meter-Welle. Gischt spritzt über das Schiff, und überall funkelt das Meersalz auf den Oberflächen.
An Schlaf ist unter diesen Bedingungen im Moment nicht zu denken. Wir überlegen, wie wir die Nacht weiter angehen wollen, und beschließen, das Großsegel ins erste Reff zu nehmen (also ein Stück herunterzunehmen -um die Segelfläche zu verkleinern). Unser gemeinsamer Beschluss wird sich rächen! Es heißt nicht umsonst: „Wenn du übers Reffen nachdenkst, ist es oft schon zu spät.“ Wir bereiten alles vor – draußen donnern die Wellen gegen und unter das Schiff (bei einem Katamaran unter dem Salon in der Mitte des Schiffs). Das sind beängstigende Geräusche, die man sich kaum vorstellen kann. Blitzschnell schießen uns Gedanken durch den Kopf: Wird der Mast halten? Sind die Schoten nicht schon zu alt und könnten brechen?
Wir bereiten uns auf das nächtliche Reffmanöver vor, legen die Westen an und sichern uns an Deck. Wir lassen das Großfall bis zum ersten Reffpunkt fallen und merken, dass die Reffleine klemmt. Die Elektrowinsch ächzt, und wir stoppen das Dichtholen der Reffleine. Mir bleibt nichts anderes übrig, als aufs Vorschiff zu gehen und die Reffleinen zu klarieren. Was passieren muss – passiert. Das Schiff springt von der Bugwelle ins Wellental, und es gibt einen donnernden Ruck. Ich rutsche dabei am Mast aus und hänge wie ein zusammengerollter Käfer in den Sicherheitsleinen. Ich spüre brennende Schmerzen an meinen Schienbeinen und stauche mir die Finger an der linken Hand. Karsten, der im Steuerstand an den Winschen steht, bekommt das gar nicht richtig mit und wundert sich, als ich mit schmerzverzerrtem Gesicht wieder zu ihm in die „Sicherheitszone“ des Steuerstands krabble – im wahrsten Sinne des Wortes. Schweißgebadet und etwas lädiert bringen wir das Manöver nach gut 50 Minuten zu Ende.
Nach dem Reffen und einer kleinen Kurskorrektur wird es etwas erträglicher an Bord. Karsten bietet mir an, die Augen zu schließen – ich lege mich neben ihm im Salon hin und falle sofort in einen zweistündigen Tiefschlaf. Gegen 5 Uhr schicke ich Karsten in seine Koje. Er sieht gar nicht gut aus und ist völlig am Ende. Schon einige Stunden vorher beim Reffmanöver fiel es ihm aufgrund des Schlafentzugs schwer, rechts und links – also Steuerbord und Backbord – zu unterscheiden.
Es ist gerade für uns beide eine Ausnahmesituation, aber wir wachsen daran!
Ich bin froh, dass Karsten mit an Bord ist und dass er mit meinem „Gebrumme“ (wenn ein Manöver nicht gleich so funktioniert) gut umgehen kann.
Die Sonne geht auf – der dritte Seetag beginnt. Karsten liegt unten und schnarcht, so laut, dass ich es bis oben hören kann. Sein Körper holt sich nun endlich den Schlaf, den er so dringend braucht. Ich sitze wieder im Salon am Kartentisch und höre erneut den „Domian – 1Live“-Podcast. Meine Augen brennen, und ich kämpfe gegen die Müdigkeit an. In den letzten 48 Stunden habe ich wohl insgesamt nicht mehr als fünf Stunden geschlafen. Ich gehe nach draußen, setze mich an den Steuerstand und traue meinen Augen nicht: Eine kleine Schule von Delfinen taucht unter der KAMI durch, vielleicht 20 Tiere. Ich eile in den Salon, um mein Handy zu holen und Fotos zu machen. Als ich wieder draußen bin, sind die Delfine leider schon zu weit weg, um sie festzuhalten. Etwas enttäuscht schaue ich in die Ferne und sehe einen fliegenden Fisch aus dem Wasser springen. Geschätzt segelt er 10 Meter über die Wasseroberfläche – leider zu weit weg für ein Foto.
Gegen 7 Uhr ist Karsten wieder oben. Ich falle sofort todmüde in die Koje und schlafe sofort ein. Nach zwei Stunden rappele ich mich wieder hoch. Die Sonne scheint durchs Fenster, und mich zieht es nach draußen. Karsten ist nicht traurig, denn wir können gemeinsam ein schönes Frühstück im Cockpit genießen und über das Wetter und die Kursplanung philosophieren. Wir freuen uns über eine Nachricht von Sebastian Wache, der uns mit seiner Wettervorhersage in die entgegengesetzte Richtung schickt. Wir wenden also die KAMI (wir spielen uns von Mal zu Mal besser ein) und steuern die von ihm übersandten Wetterwegpunkte an. Wir versuchen, hart nach Osten zu kreuzen, denn hier zieht in den nächsten Tagen ein „friedliches“ Tiefdruckgebiet durch, das südöstliche Winde mitbringt. Genau diese Winde bringen uns nach Hause. Wir freuen uns schon darauf, nicht mehr hart am Wind auf Amwindkursen bolzen zu müssen und endlich einen schönen Raumwindkurs (Wind von hinten seitlich) zu haben, damit die KAMI viel ruhiger und schneller durchs tiefblaue Wasser gleiten kann.
Nach dem Frühstück setzen wir das Großsegel wieder ganz. Ich schmeiße den Generator und den Wassermacher an und beschließe, eine Waschmaschine anzusetzen. Karsten macht ein Powernap im Salon, und ich behalte die frisch aufgehängte Wäsche im Blick.
Die Zickzack-Kurslinien der KAMI sehen schrecklich aus auf dem Kartenplotter. Es fehlt uns nach wie vor der richtige Wind. Dazu kommt, dass wir eher konservativ segeln wollen. Wir kennen das Schiff noch nicht gut und wissen nicht, was wir der KAMI zumuten können.
Es wird wohl in den nächsten Tagen so weitergehen, bis sich bessere Segelbedingungen einstellen.
20.05.2023 – 09.00 Uhr Ortszeit 1. Seetag Das Disney-Kreuzfahrtschiff „Wish“ läuft in den Hafen von Nassau (New Providence) ein, und ein breites, dunkles Regen- und Gewittergebiet zieht achtern auf. Wir beschließen, „Anker auf“ zu gehen und wollen die KAMI (vor der Gewitterzelle) in Richtung Nordost steuern. Das Anker-auf-Manöver klappt gut, und wir verlassen unter beiden Maschinen den Hafen von Nassau auf den Bahamas. Der Wind pendelt zwischen 7 und 9 Knoten – eigentlich reicht das nicht, um die 11 Tonnen des Schiffs in Bewegung zu setzen, aber wir setzen hoffnungsvoll das Großsegel und rollen die Genua aus. Wir machen im Schnitt um die 5 Knoten Fahrt. Gähnend langsam schiebt sich die KAMI durch das Wasser. Wir setzen Kurs zwischen die Inseln Abaco und Spanish Wells und hoffen, bis zum Einbruch der Dunkelheit zwischen beiden Inseln hindurch zu sein.
Wunschdenken!!
Erste kleine Problemchen zeigen sich: Unsere Geschwindigkeitsanzeige „Wasser“, also die Geschwindigkeit des Bootes inklusive Strömung und Versatz, funktioniert nicht. Wir vermuten, dass das „Logge-Rädchen“ am Bug durch Bewuchs blockiert ist. Wir haben also nur die Anzeige „SOG“ (Speed over Ground) – die Geschwindigkeit über Grund – zur Verfügung, die sich durch GPS berechnet.
Das Mobilteil des VHF-Funkgerätes lässt sich nicht mit dem Bord-WLAN verbinden. Dank „Starlink“ schauen wir How-to-Videos und hoffen, das kleine Problem so lösen zu können.
Karsten steht am Steuerstand und übt, freihändig zu steuern – also ohne Hilfe des Autopiloten. Bei uns beiden müssen sich die ganzen Begriffe wie True Wind Course, True Wind Angle usw. erst einmal richtig ins Gehirn einprägen. Das schaffen wir schon!
Wir sind beide froh, dass die Fahrt so ruhig und entspannt beginnt. Die Wellen halten sich in Grenzen und die Sonne scheint uns ins Gesicht. In einer Stunde wollen wir uns den ersten auf „See“ Kaffee machen…