02.07.2023 – 12:00 Uhr UTC
38. Seetag
Etmal: 104 sm
Gesamtsumme: 4817 sm
Wind aus W
Segelstellung: Genua voll – mit Bb. Maschine
Speed über Grund: 6 kn
Langsam schieben wir uns in das Nadelöhr des Ärmelkanals, die 19 Meilen breite Engstelle zwischen Dover und Calais. Wir fahren weiterhin unter Maschine gegen Strömung und Gezeiten.
Am Nachmittag tanken wir 120 Liter Diesel nach. Nun haben wir insgesamt 9 leere Kanister zu je 5 Gallonen in der Backskiste. Nur noch ein voller Kanister ist übrig. Das passt!
Am Nachmittag entdeckt Karsten einen geflügelten blinden Passagier an Bord. Womöglich handelt es sich um eine Zuchttaube, die oben auf der Sprayhood sitzt und uns aus nur 10 cm Entfernung beobachtet. Die Taube ist doppelt beringt (einmal gelb und einmal rot) und erschreckend zutraulich. Wir versuchen mehrmals, sie zu verscheuchen, doch es gelingt uns nicht. Sie spaziert über das Vordeck und bleibt von unseren Bemühungen, sie zu vertreiben, völlig unbeeindruckt. Wir lassen sie erst einmal in Ruhe und beobachten sie.
Leider muss ich feststellen, dass sie sich inzwischen an mehr als drei Stellen auf dem Boot verewigt hat – nicht gerade erfreulich. Sie bleibt vor den Fenstern des Salons sitzen und scheint ein Schläfchen machen zu wollen. Okay, wir haben nichts dagegen, vielleicht muss sie sich einfach nur ausruhen.

Kurz vor dem Abendessen wird die Taube wieder wach und läuft schnurstracks auf unseren Steuerstand und unser Cockpit zu. Nein, das geht nicht – jetzt ist unsere Gastfreundschaft ausgereizt und beendet. Mit einem Handtuch bewaffnet gehe ich nun etwas energischer gegen die Taube vor. Sie fliegt mehrmals um die KAMI und jeder Landeversuch wird von mir vereitelt. So geht das einige Minuten, bis der Vogel schließlich abdreht und das Weite sucht. An Bord bleiben nur einige Daunenfedern und mehrere „Häufchen“ zurück.
Hoffentlich kommt sie nicht wieder. Sie ward nicht mehr gesehen!
Um 17:45 Uhr überqueren wir auf der Höhe von Greenwich den Nullmeridian.
Wir befinden uns also genau auf 000° 00.000!
Das Ende der Reise rückt nun immer näher.
Die Nacht verläuft ruhig, und am Morgen sehen wir in Abständen rote und gelbe Kanister treiben. Wir wundern uns, denn wir fahren nach wie vor im Verkehrstrennungsgebiet. Mindestens 20 Doppelkanister (gelb und rot) können wir auf einer Strecke von fünf Seemeilen ausmachen. Gott sei Dank befanden sich keine in unserem direkten Fahrwasser und damit in einer unserer Schrauben. Wir vermuten, dass die Kanister an Netzen oder Krabbenkäfigen befestigt sind – hier im VTG bestimmt nicht legal!
In der Nähe von Calais begegnen uns große Algenteppiche, durchsetzt mit Plastikmüll, Netzresten und anderem Unrat. Die KAMI gräbt sich unbeirrt durch den Müll, und wir hoffen, dass nichts davon an unseren Ruderblättern oder Schrauben hängen bleibt. Wir haben Glück.
Kurz vor unserem heutigen Etmal haben wir Dover-Calais passiert. In der Engstelle werden wir gleichzeitig von sechs Schnellfähren überholt. Was für ein Erlebnis! Karsten kann es jedoch nicht so richtig genießen – die Angst ist natürlich unbegründet. Die Fähren fahren mit ordentlichem Abstand um uns herum. Alles ist gut und passt! Weiter geht es in Richtung Rotterdam – gemeinsam und im Strom der VTGs mit den Großpötten.
Die Sonne scheint, und trotz des Verkehrsaufkommens fühlen wir uns wohl.
