Mit Marie & Olli den Exumas (BAHAMAS) entlang

Wir erwarten schon sehnsüchtig unseren Besuch aus Deutschland und nutzen die Zeit bis dahin, um im Exuma Market nahe dem Dinghy-Dock unsere Lebensmittelvorräte aufzufüllen. Gleichfalls bunkern wir nochmal 200 Liter Diesel (leider minderer Qualität) sowie 20 Liter Benzin für unseren Außenborder am Dinghy. Dann wollen wir die gastronomischen Highlights hier in George Town erkunden, um später unseren Besuch ausführen zu können. Das Ergebnis fällt nüchtern aus. Fast alle Bars und Restaurants bieten typische US-Gerichte an. Fettgebratenes in allen erdenklichen Variationen. Frittierte Chickenwings mit Fries, frittierte Conch-Bälle mit Coleslaw, BBQ-Rippchen, die in der Marinade schwimmen, frittierten Fisch … uns wird ganz schwindelig. Normale Menüs mit Gemüsebeilage (außer Coleslaw) sind hier nur schwer zu finden. Die Küche, die Locations selbst, die Cocktails sind ausschließlich amerikanisch ausgerichtet. Angesichts der meisten US-Yachten, die hier vor Anker liegen, ist es auch kein Wunder.

Am Vorabend unseres Besuchs findet in George Town ein kleines Fest statt. Die amerikanische Segler-Community veranstaltet einen Kostümumzug und die Locals spielen Musik mit karibischen Rhythmen. Was für ein Spaß. Leider ist es an diesem Tag so windig, dass viele aufwändig hergestellte Kostüme nicht getragen werden können. So ist es halt hier. Das Wetter ist in diesem Jahr sehr unbeständig. Nachts fallen die Temperaturen auf bis zu 19 Grad Celsius (es lässt sich gut schlafen) und die windigen und böigen Tage dominieren das derzeitige Klima. Die Wassertemperaturen sind auf 24 Grad Celsius gefallen und bewölkte, regenreiche Tage sind leider keine Seltenheit. Auch die Locals wundern sich über das Wetter.

Als wir am nächsten Abend Marie und Olli ins Dinghy einladen, bläst ein ordentlicher Wind aus Ost. Der Schwell ist nicht zu unterschätzen und so wird die Fahrt vom Festland zur KAMI ein erstes nasses Erlebnis für den angereisten Besuch. Koffer und Rucksäcke nass, auch die Fahrgäste erhalten eine salzige Dusche.

Willkommen auf den Bahamas!

Am nächsten Tag fahren wir gemeinsam nochmals in den Supermarkt sowie in den Getränkeladen, um noch einiges an Bord zu schaffen. Wir wollen am nächsten Tag aufbrechen und die Inselkette der Exumas absegeln. Unsere gemeinsamen Abende verbringen wir oft mit Karten- und Würfelspielen. Die Zeit vergeht dabei wie im Flug.

Unser erstes Ziel ist die „Schweineinsel“ White Cay. Nur 16 Seemeilen von George Town entfernt verlassen wir die Lagune und segeln auf dem offenen Meer bei zwei Meter Welle, die seitlich auf uns trifft. Für die Stammcrew kein Problem, der Besuch aber sitzt mit blassem Gesicht im Cockpit. Nach 3 Stunden ist das Geschaukel vorbei und wir sind wieder auf der anderen Inselseite im seichten türkisfarbenen Wasser. Kaum ist der Anker geworfen, bekommen wir auch schon Besuch von 2 Delfinen, die ihre Runden durch die Lagune drehen. Wir lassen das Dinghy ins Wasser und fahren rüber an den Strand, um die Schweine zu besuchen. Im knietiefen Wasser ziehen Stachelrochen ihre Runden. Auf der Insel liegen mindestens 50 Schweine unter den Bäumen und dösen in der Nachmittagssonne. Große Muttersäue und viele kleine Ferkelchen grunzen zufrieden vor sich hin. Hühner picken dazwischen nach Fressbarem. Einige wenige Schweine kommen uns entgegen und betteln nach Leckereien. Wir haben aber nichts dabei und so düsen wir nach einer halben Stunde wieder zurück zur KAMI. Hier beobachten wir ein Ausflugsboot, das sich nähert. Gefüllt mit mindestens 20 Touristen ruft der Guide noch 20 Meter entfernt vom Strand die grunzende Menge. Und tatsächlich traben mindestens 5 Borstentiere in Richtung Ausflugsboot und schwimmen den Touristen entgegen. Hier wird einiges ins Wasser geworfen: Möhrenstücke, Kartoffeln und Salatblätter. Dem Vieh gefällt es.

Die darauffolgende Nacht wird unruhig. Wir liegen zwar einigermaßen windgeschützt, doch der Schwell, der um die Insel zieht, bewegt das Schiff auf und nieder. Nach dem Frühstück fahren wir weiter unserem nächsten Ziel entgegen. Der Wind bläst wieder ordentlich und auf der Atlantikseite ist die Fahrt wieder anspruchsvoller. Unter Gennaker segeln wir mit 7 Knoten und überspringen zwei geplante Zwischenstopps und laufen Rudder Cat Cay an.

Rudder Cat Cay sowie die Nachbarinsel Musha Cay sind Privatinseln. Der Eigentümer, ihr kennt ihn, David Copperfield, ließ an den jeweiligen Strandabschnitten entsprechende Hinweis- / Verbotsschilder aufstellen. Die Inseln dürfen nicht betreten werden. Doch Rudder Cat Cay stellt sich im Nachhinein als unser Tourenhöhepunkt heraus. Die Ankerbucht ist wunderschön. Kristallklares Wasser, schwimmende Rochen und Ammenhaie, Schildkröten, Riffe mit bunten Fischen und als Höhepunkt die von Copperfield versenkte Meerjungfrau am Piano.

Wir sind einige Tage vor Ort und verbringen viel Zeit beim Schnorcheln und auf den Sup-Boards. Ein kleiner wilder Strand wird trotz Verbotsschildes von den Seglern besucht, so fahren wir dort auch mehrmals mit Piper hin. Hier liegen viele Conch-Schnecken im Wasser, die sich ohne Probleme mit der Hand aufsammeln lassen. Die Conch-Schnecke (Lobatus gigas) ist eine große Meeresschnecke, bekannt für ihr rosa Gehäuse und ihr festes, weißes Fleisch. Sie gilt als Delikatesse, wird oft in Salaten oder als frittierte „Conch Fritters“ hier auf den Bahamas serviert.

Auch Piper ist verrückt nach ihnen und tatsächlich beginnt Piper „freiwillig“ zu schwimmen, um zu versuchen, die Schnecken aus dem Wasser zu holen. Wir sind völlig aus dem Häuschen, denn Piper hatte ja bis jetzt eher Angst vor dem Schwimmen. Jetzt geht sie tatsächlich von allein ins Wasser und macht einige Schwimmzüge.

Leider bekommt Marie von unseren Schnorchelausflügen Probleme mit ihrem linken Ohr, so dass an weiteren Unterwasseraktivitäten für sie nicht zu denken ist. Das ist natürlich sehr schade. Wir versuchen auch mit der Bordapotheke eine Verbesserung herbeizuführen und mailen einen HNO-Arzt in Berlin an. Leider bleibt alles erfolglos. Ärgerlich.

Doch auch über Wasser kann man einiges erleben. So entdecken wir an einem Nachmittag an einem kleinen Strandabschnitt zwei Schildkröten, die sich im flachen Wasser am Seegras laben. An Land entdecken wir einige Echsen, die sich von den Sonnenstrahlen verwöhnen lassen. Insgesamt verbringen wir wundervolle Tage an Rudder Cat Cay.

Wir gehen Anker auf und fahren unter Motor am Edelresort von David Copperfield an der Insel Musha Cay vorbei. Für 57.000 USD am Tag kann man dort mit bis zu 12 weiteren Gästen Urlaub machen. 5 Nächte muss man aber allerdings mindestens buchen. Ein Schnäppchen – nicht wahr?

Ein amerikanischer Katamaran, der vor uns fährt, fährt hinter Musha Cay nicht durch den Pass, sondern „innen“ in der Lagune weiter. Wir wundern uns gerade noch darüber, als sich vor uns eine große Brandung zeigt. Mit beiden Motoren versuchen wir, uns aus dem Pass zu schieben. Wellen türmen sich vor uns auf, die größte Welle schätzen wir mit 4,5 Metern, alles fliegt im Schiff umher, wir stampfen durch das Wasser, eine der Brandungswellen geht „über“ das Schiff. Unser Besuch ist nicht amüsiert – doch nach 5 Minuten ist alles vorbei und wir sind durch – wieder auf dem offenen Meer. Wir nehmen Kurs auf Big Farmers Cay. Während der Fahrt können wir den anderen Katamaran in der Lagune weiter sehen. So müssen wir nach kurzer Fahrt erneut in die Lagune durch den Pass. Diesmal mit der Welle – also mit Rückenschub. Das macht keine Probleme und so lassen wir bei 1,5 Meter Tiefe in der Nähe vom Little Farmer’s Cay Yacht Club den Anker fallen. Die Nacht hier verläuft wieder sehr unruhig aufgrund des Wellenschlags und so beschließen wir am nächsten Tag unser nächstes Ziel „Black Point“ anzulaufen. Hier soll am Wochenende eine große Party steigen.

In Black Point legen wir uns an den Rand der Bucht mit etwas Abstand zu den anderen Yachten. Es ist nicht sehr voll hier, worüber wir uns wundern. Die Veranstaltung wird schon seit Wochen in der Seglercommunity beworben. Das Lorraine’s Café Bahamas Gathering geht über 3 bis 4 Tage mit kleinen Segelregatten, Kostümfesten, Livemusik und Beachaktivitäten. Die Bucht ist im Bereich des Strandes sehr seicht, was das Anlanden mit dem Dinghy bei Ebbe und Flut nicht gerade einfach macht. Man muss hier immer in der Nähe sein und das Dinghy entweder näher an Land ziehen oder mit einem kleinen Anker etwas weiter herausführen. Generell scheint es auf den Bahamas auch öfter „verlorene“ Dinghies zu geben. In den Wochen auf den Bahamas haben wir mindestens 5 Meldungen über abgetriebene oder verlorene Dinghies erhalten.

Eigentlich sollte die Veranstaltung am Freitag beginnen. Überraschenderweise verlassen immer mehr Segler die Bucht. Warum? Liegt es am vorausgesagten schlechten Wetter? Wind und Schwell nehmen die Tage wieder zu und am Samstag erleben wir einen einzigartigen Wolkenbruch. Der Veranstalter muss sich ärgern. Tags darauf fahren wir abends zur Bühne am Strand, es soll Live-Musik geben. Wir warten fast zwei Stunden und fangen an zu frieren, da der Wind immer weiter zunimmt. Die darauffolgende Nacht wird so unruhig, dass wir beschließen, uns in eine Nachbarbucht zu verlegen. Und wie in Abrahams Schoß finden wir endlich wieder ruhigen und erholsamen Schlaf.

Die Urlaubstage von Marie und Olli neigen sich dem Ende zu. Wir beschließen mit einem kurzen Zwischenstopp in Rudder Cat Cay wieder zurück nach George Town zu segeln. So sind wir am Montag zurück und der Flug nach DE über Nassau geht Donnerstag in den frühen Morgenstunden.

Wir nutzen die restlichen Tage und besuchen die kultige Strandbar „Chat & Chill“. Hier gibt es einen Conch-Stand, der einen frischen Salat mit der Schnecke für 20 USD anbietet. Die Abfälle (Eingeweide der Schnecke) werden dort ins flache Wasser geworfen. Das lockt einige große und zahme Stachelrochen her, die man dort sogar im flachen Wasser füttern kann.

Olli hilft uns tatkräftig bei einigen kleineren Bootsproblemen. Einmal will unser Ankerlicht nicht mehr scheinen und ein anderes Mal versagt die Abflusspumpe der Gästedusche. Meist sind es nur korrodierte Kontakte, aber helfende Hände bei der Problemlösung sind immer gern gesehen und willkommen.

Nun ist der Abreisetag gekommen und Mike fährt beide (diesmal einzeln) früh um 6 Uhr von Bord der KAMI an den Dinghy-Stegg. Hierher haben wir das Taxi für die Fahrt zum kleinen Flughafen hier in George Town bestellt. Die Überfahrt samt Gepäck verläuft dieses Mal trocken und der Taxifahrer trifft fast pünktlich ein. Marie und Olli düsen Richtung Flughafen los und wir legen uns noch einmal für 2 Stunden aufs Ohr, schließlich ist es ja noch dunkel und früh am Tag.

Die nächsten Tage wirken seltsam leer. Wir müssen oft an die Beiden denken – wie weit sie jetzt wieder weg sind. Über 24 Stunden hat ihre Rückreise nach Berlin gedauert. Insgesamt 4 Flüge mussten sie absolvieren. Hoffentlich sehen wir uns bald wieder.

Es fällt uns auf, dass es hier in George Town immer „leerer“ wird. Eigentlich liegen hier das ganze Jahr hunderte von amerikanischen und kanadischen Yachten. Im Moment sind es nicht wirklich viele. Liegt es daran, dass die amerikanischen Ferien (Spring Break) zu Ende sind?


Einen großen Vorteil hat es für uns. Die Regale im Supermarkt sind endlich wieder richtig gefüllt. Natürlich sind die Preise enorm. Zum Beispiel zahlt man für ein Glas Miracle Whip 16,25 USD und für einen Blumenkohl 13 USD. Kathi wurde mal im Supermarkt von einer Amerikanerin angesprochen, ob sie wüsste, wie teuer der Blumenkohl hier ist. Ja, wissen wir. Wir brauchen aber im Gegensatz zu euch Obst und Gemüse für eine gesunde Ernährung.

Auf unserer Bucketliste steht noch das „Probieren“ des bahamischen Conchsalats. Tage lang war der Stand am Chat & Chill Beach geschlossen. Doch dann haben wir Glück und bestellen eine Schale von dem legendären Salat. Er besteht aus fein geschnittenem / gehacktem Conchmuskel, Zwiebel, grüner Paprika, Salz, Tomate und einer ausgepressten Zitrone. Mike schmeckte es gut, Kathi könnte darauf verzichten. Also unentschieden!

Im „The Beach Club“ wollten wir zu unserem Wedding Day schick essen gehen. Eine Reservierung war im Vorfeld zwingend erforderlich. Es war ein kurzer aber angenehmer Besuch. Die Speisen waren ganz okay (und endlich mal etwas Gemüse auf dem Teller), aber mit der Zeit wurde es in der Location immer lauter – eine amerikanische Gruppe bestehend aus 15 Damen feierte wohl einen Junggesellenabschied. Die Örtlichkeit hat uns aber sehr gefallen. Ein Mix aus Ferienwohnungen und Lofts, alles sehr gepflegt, hier und da das eine oder andere „Sold“-Schild.

Nun liegen wir wieder bei doch eher mäßigem Wetter (Wind & Regen) vor Stocking Island (gegenüber von George Town) vor Anker. Wir wollen in den nächsten Tagen noch einige Arbeiten am Boot machen und müssen für unsere nächste Passage zu den Cayman Islands noch aufproviantieren. Geplant ist die Route von hier wieder in Richtung Inagua zum Ausklarieren und dann spätestens Ende der 17ten KW. zu den Caymans aufzubrechen. Es sind dann rund 480 Seemeilen bis dorthin und wir planen 4 bis 5 Tage für die Passage ein. Auf Grand Cayman bekommen wir von Kathis Freundin zwei wöchigen Besuch und werden dort in der vorletzten Maiwoche in Richtung Guatemala aufbrechen.


Unser Fazit zu den Bahamas: Ein tolles Revier mit kristallklarem Wasser und vielen Blautönen. Die Unterwasserwelt ist nicht sehr aufregend, man sieht größtenteils immer das Selbe. Ammenhaie, Schildkröten, Delfine, Stachelrochen. Nur an exponierten Rifflagen auch mal karibische bunte Fische wie den Palettendoktorfisch, Falterfische, Grundeln usw. Die Preise hier sind heftig und vermutlich wegen der Gebührenerhöhung der Cruising Permits in diesem Jahr bleiben viele Segler weg. Wir haben einige Inseln gesehen und können fast sagen: Kennst du eine – kennst du alle. Nichtsdestotrotz wollen wir die hier gewonnenen Erfahrungen nicht missen und hoffen, noch weiter „westlich“ artenreichere Fauna und Flora zu entdecken.

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BAHAMAS – Endlich 1000 Farben Blau!

Nach einer sehr anstrengenden Fahrt gegen Wind und Welle erreichen wir erschöpft die erste Insel der Bahamas, Inagua. Wir kommen gegen Sonntagmittag an und lassen den Anker vor dem kleinen Hafen Matthew Town in kristallklarem, türkisfarbenem Wasser auf 3 Meter fallen.
Bei den Behörden können wir am nächsten Vormittag problemlos einklarieren; dazu fahren wir mit dem Dinghy in den kleinen Hafen. Es dauert nur wenige Augenblicke, da werden wir schon von einem Local angesprochen. Kurz darauf taucht wie aus dem Nichts ein Taxifahrer auf, der sich mit dem Local ein kleines Wortgefecht liefert. Wir steigen ins Taxi ein, und schon braust er mit uns zur „Behördenbaracke“. Nach nur 5 Minuten ist die kostenlose Fahrt vorbei, und der Taxifahrer erklärt uns, dass der Local, der uns im Hafen angesprochen hat, kein guter Mensch ist und immer wieder versucht, Geld von Seglern und Touristen zu erbetteln. Ferner erzählt er, dass den Einheimischen viel daran liegt, mehr Tourismus anzuziehen. Leider wird die Insel oft nur als erster Anlauf zum Einklarieren besucht und dann meist schon am selben Tag wieder von den Seglern verlassen.

Wir bleiben gut fünf Tage, denn wir müssen unsere Segel wieder auf Vordermann bringen und nachtanken. Wir belesen uns im Netz und finden viele Hinweise, dass man auf kleinen Inseln möglichst nicht nachtanken sollte. Oft ist der Diesel mit Wasser und Schmutz versetzt und sehr schwefelhaltig. Gut, dass wir noch 300 Liter in Kanistern als Ersatz an Bord haben. Wir tanken jeweils 100 Liter pro Maschine und Bug mit Kanistern nach und planen, unseren Kraftstoffvorrat in George Town in den Exumas wieder aufzufüllen. Hier ist die Bootsdichte so hoch, dass ein gewisser Dieselumsatz an den Tankstellen gegeben ist. Das Risiko, verschmutzten Treibstoff zu bunkern, ist wohl in George Town gering.

Auf Anker vor Inagua kümmern wir uns um unsere Segel. Wir stellen fest, dass der massive Metallschäkel der Genua aufgebogen war und sich bei stärkerem Seegang vom Genuaschlitten abgesprengt hat. Wir finden ihn zufällig an Deck. Zum Glück ist das Segel nicht beschädigt, wie erst angenommen. Kathi muss hoch in den Mast und das Genuafall wieder freigängig machen – es hat sich oben verklemmt. Nach etwas Hin- und Herholen bekommen wir das Fall frei (es hatte sich umwickelt). Wir schlagen das Segel neu an (wir hatten passenden Schäkelersatz an Bord), und die Genua ist wieder fit. Als Nächstes holen wir den Gennaker herunter. Mike nimmt sich den Furler vor, flechtet ein Dyneema-Seil als Klemme ein und vernäht alles sauber. Durch UV-Strahlung und Salzwasser hat sich die Gummirutschsicherung am Furler aufgelöst und ist teilweise aus der Trommel gebrochen. Wir hoffen, dass unsere Ersatzsicherung hält – ein neuer Furler ist uns momentan zu teuer.

Nun muss noch das Großsegel geklärt werden. Mike lässt sich von Kathi in den Mast hochziehen und schleift die gröbsten Grate von der Mastschiene. Danach versuchen wir, das Großsegel durchzusetzen – leider wieder ohne Erfolg. Dann fällt uns auf, dass die Halterungen der Segellatten komisch aussehen: Hier sitzt eine kleine Spange, die sich geweitet hat und keine Funktion mehr erfüllt. Wir fixen die einzelnen Spangen mit Gafferband und einem kleinen Kabelbinder. Et voilà, das Großsegel lässt sich von Hand fast bis zum Ende durchholen. Wir freuen uns, dass wir die Probleme gelöst haben.

In der kleinen City von Matthew Town finden wir einen Minimarkt. Es gibt fast nichts zu kaufen, und die wenigen Dinge in der Auslage sind wahnsinnig teuer. Wir ergattern fünf kleine Äpfel und zahlen fast 12 Dollar dafür. Auf dem Rückweg zum Hafen kehren wir in einen kleinen Imbiss ein und geraten dort mit einer älteren Amerikanerin ins Gespräch, die vor 15 Jahren aus Liebe hierhergezogen ist. Sie ist die Lehrerin auf der Insel, die gerade einmal 550 Bewohner hat.

Direkt an der Hauptstraße, in unmittelbarer Nähe einer Bankfiliale, des Minimarkts und des Imbisses, betreibt man den Inselgenerator zur Stromproduktion. Dieser riesige Generator läuft Tag und Nacht, ist schrecklich laut und spuckt extrem viel Stickoxid und Dreck in die Luft. Wir können es nicht fassen, dass Wohnhäuser direkt danebenstehen. Eine Haltestelle des Schulbusses liegt direkt davor an der Hauptstraße. Schlimm!

Zurück an Bord werden wir einen Tag vor dem Ablegen in Richtung Hogsty Reef von drei Delfinen besucht. Sie floaten stundenlang um unsere KAMI herum, spielen und necken sich. Was für ein toller Anblick!

Am nächsten Tag nehmen wir Kurs auf die Exumas. Wir werden jetzt etappenweise jeden Tag 30 bis 40 Seemeilen in diese Richtung absolvieren. Der erste Stopp ist das Hogsty Reef, ein kleiner Sandhaufen mitten im Ozean. Dort gehen wir mit Piper an Land und lassen sie ohne Leine laufen. Hier gibt es nichts außer einer baufälligen Landmarke und angespültem Plastikmüll. Auch unter Wasser ist es eher unspektakulär. Von den erwarteten Haien, Schildkröten und Rochen lässt sich nichts blicken. Nach einer tausendsternfunkelnden Nacht an diesem surrealen Ort geht es am morgen weiter Richtung Acklins.

Auf dem Weg dorthin fällt uns ein graues Schiff der Küstenwache auf, das in etwa 10 Seemeilen Entfernung mit einer amerikanischen Segelyacht funkt und nach Schiffs- und Personendaten fragt. Wir ahnen schon, dass wir die Nächsten sein werden, haben aber Glück. Sie ziehen in Gegenrichtung an uns vorbei und sind nach 30 Minuten am Horizont verschwunden.

Im Süden der Insel Acklins legen wir nach sechs Stunden Fahrt einen weiteren Ankerstopp ein. Wir genießen den Nachmittag, als wie aus dem Nichts das Küstenwachschiff wieder auftaucht. Es wirft unweit von uns den Anker und lässt ein Beiboot zu Wasser. Na klasse – wird es bald Besuch geben? Die Beamten fahren zuerst zu einer in der Nähe liegenden Motoryacht. Wir setzen uns ins Cockpit und flachsen herum, da taucht das Beiboot neben uns auf. Besetzt mit sechs uniformierten Beamten bitten sie, an Bord kommen zu dürfen. Auf Steuerbord drücken sie ihr RIB gegen die KAMI, drei Beamte steigen wacklig über. Ein Beamter bleibt hinten mit Sturmgewehr im Anschlag stehen, die zwei anderen kommen ins Cockpit. Einer ist für das Protokoll zuständig, der andere führt das Gespräch und ist wohl der Chef.
Piper ist über diesen Besuch nicht sehr erfreut. Sie schimpft und lässt sich nur schwer beruhigen. Kein Wunder, die Beamten verbreiten eine negative Ausstrahlung. Kathi gelingt es ihr das Geschirr umzulegen und sie auf ihrem Schoß festzuhalten.


Wir legen brav alle Dokumente vor und geben Auskunft: Woher kommen Sie? Wohin wollen Sie? – Na, die üblichen Fragen. „Sind Waffen an Bord?“, wird gefragt. Der Chef möchte sich im Inneren der KAMI umschauen. Im Salon öffnet er den Kühlschrank und das Fach mit Gewürzen und trockenen Nahrungsmitteln (Nudeln, Reis usw.). Im Backbordrumpf staunt er über unseren Lagerraum und fragt, was in den großen Kisten ist. „Ersatzteile und Werkzeug“, gebe ich Auskunft. Er lässt eine Kiste öffnen, wirft einen Blick hinein, grübelt kurz und geht in den anderen Rumpf. Dort wirft er einen kurzen Blick und eilt zurück zu seinem protokollführenden Kollegen.
Der zeigt ständig auf Kathis Tischdeko – kleine Muscheln und Schneckenhäuser, die wir bisher an Stränden gesammelt haben. Ein größeres Schneckenhaus ist wohl eine geschützte Art. Der Chef winkt ab, und nach ca. 20 Minuten verlassen sie das Schiff und düsen davon. Zurück bleiben viele schwarze Schuhabdrücke auf dem weißen Deck und dem frisch geputzten Teak im Cockpit. Wir sind bedient! Wir schrubben das Deck; der Schmutz lässt sich nur schwer entfernen. Nach zwei Stunden sind die ärgerlichen Mitbringsel beseitigt. Was für ein schöner Besuch!

Nach einer weiteren Nacht im Nordwesten der Insel setzen wir nach Long Island über. Im Süden der Insel besuchen wir eine kleine Strandbar. Hier soll es nach Berichten anderer Segler legendären Rum-Punsch geben. Den wollen wir verkosten – und sind begeistert! Ein schöner Fleck auf der Insel, leider wird in der Nähe Tag und Nacht Müll verbrannt. Die Geruchsbelästigung treibt uns schnell weiter in Richtung Inselmitte. Vor dem kleinen Ort Clarence Town verlegen wir in eine flache, türkisfarbene Lagune und ankern im flachen Wasser – teilweise nur noch 50 Zentimeter unter dem Kiel. Da wird einem unwohl. Aber alles passt, und wir düsen mit dem Dinghy zum Dinghy-Dock. Hier sehen wir mehrere Haie und einen riesigen Stachelrochen im seichten Wasser schwimmen. Hinweisschilder am Dock warnen ausdrücklich vor den Haien. Die einheimischen Fischer, die hier Abfälle ins Wasser werfen, werden von den Tieren gern angenommen. Dadurch kam es wohl schon zu kleineren Bissverletzungen bei Touristen, die ihre Hände ins Wasser hielten. Im Ort finden wir einen kleinen Bakery-Shop und kaufen ein paar Eier und soeben gebackenen Rumkuchen. Leider gibt es kein frisches Obst. Schade. Auf dem Weg zur naheliegenden Marina entdecken wir endlich wieder Kokospalmen. Auf Acklins gab es keine, nur Gestrüpp – daher ist unsere Freude groß, wieder Kokosnüsse zu sehen. Direkt an der Straße stehen mehrere große Palmen, darunter liegen vereinzelt Früchte. Wir nehmen eine grüne, frische Kokosnuss mit an Bord – Piper ist außer sich vor Freude. Sie schleckt das Kokoswasser auf und macht sich über das frische Kokosfleisch her. 

Nach einem weiteren Ankerstopp im Norden der Insel erreichen wir nach sechs Stunden Motoren bei Flaute endlich George Town auf den Exumas. Dieser Ort ist besonders: Hier haben wir 2023 das erste Mal die KAMI von den Voreignern besichtigt. Aber nicht nur das – George Town ist für die US-Segelcommunity der absolute Hotspot. Veranstaltungen an den Stränden, Hunderte Schiffe vor Anker, Supermärkte, Tankstellen und ein Flugplatz in der Nähe machen diesen Ort aus. Hier werden wir in den nächsten Tagen Marie und Olli für drei Wochen an Bord begrüßen. Gemeinsam wollen wir die Exumas erkunden – über und unter Wasser. Wir freuen uns riesig auf den Besuch aus der Heimat.

Es gibt auch Negatives zu berichten: Unsere Saildrives machen beide Probleme. Wir hatten ja schon berichtet, dass der Saildrive auf Backbord Öl verliert und die Reparatur durch Gregory in Sint Maarten keine Besserung brachte. Das ist nach wie vor so – wir verlieren weiter geringe Mengen, aber es ist bedenklich.

Marie bringt ein Mittel aus Deutschland mit, das unter Schwarzlicht die Leckstelle sichtbar machen soll. Wir berichten davon später.

Hier in George Town vor Anker wollten wir am Steuerbord-Saildrive nur den Ölstand prüfen, vernahmen aber beim Herausziehen des Ölmessstabs einen abscheulichen Geruch, und die Ölfarbe war mehr hellgrau als braun. Nicht gut! Das heißt: Wasser im Ölkreislauf. Wir sind sauer! Haben wir doch vor nicht einmal einem Jahr beide Saildrives in Deutschland bei der Firma Marine Service Rostock (Herrn Neumeister) für viel Geld warten lassen. Schon bei der Inspektion in Barth gab es Probleme – dass jetzt beide Antriebe solche Mängel zeigen, ist unakzeptabel.

Beide Saildrives müssen dringend repariert werden. Wir haben schon in einer Werft in Guatemala, wo wir die Hurricansaison verbringen werden angefragt und professionelle Hilfe zugesichert bekommen. Die KAMI wird dort auch wegen eines neuen Antifoulinganstrichs aus dem Wasser gehoben. In dieser Zeit müssen die Antriebe spätestens instandgesetzt werden.

Wir haben jetzt erst mal auf Steuerbord einen Ölwechsel gemacht. Nimmt die Wasserkonzentration im Ölkreislauf zu, steigt das Risiko von Rostbildung und Verlust der Schmierwirkung. Für uns heißt das: Ab sofort wöchentlich Ölstände in beiden Saildrives kontrollieren und bei gräulicher Farbe mit Geruch – sofort Öl wechseln.

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Laute Feiertage auf Martinique

Wie geplant laufen wir am 8. Dezember in den kleinen Hafen von Pointe du Bout ein. Wir machen direkt neben dem Fähranleger der martiniquischen „Blue Lines“ fest und haben von unserem Cockpit aus einen großartigen Blick hinüber nach Fort-de-France, die Hauptstadt von Martinique. Die Fähren, die jeweils rund 80 Personen transportieren können, kommen und gehen im 20‑Minuten-Takt – fast täglich von 6:45 Uhr bis 22:00 Uhr. Anfangs finden wir das rege Treiben noch spannend und fühlen uns mittendrin im karibischen Alltag, doch je länger wir im Hafen liegen, desto mehr zerrt der permanente Hafenkrach an unseren Nerven. Zu den Fähren gesellen sich zahlreiche Ausflugskatamarane und Touristenboote, die ebenfalls ständig ein- und auslaufen.

Tatsächlich liegen nur wenige andere „Gäste“ hier in Pointe du Bout, was uns überrascht, denn die Lage des Hafens ist fantastisch. Rundum reihen sich Restaurants, Bars, Cafés, kleine Shops und Boutiquen aneinander und verleihen dem Ort eine beinahe mediterrane Urlaubsatmosphäre. Pointe du Bout ist vor allem eine Hotel- und Appartementgegend, und zu den Feiertagen strömen Tausende Urlauber – viele Franzosen vom Festland – durch die Straßen und Gassen. Hin und wieder tauchen an unserem Steg auch die Zubringerboote von Kreuzfahrtschiffen auf. Die weißen Kreuzfahrtriesen ankern weit draußen im Tiefwasser, und die Reedereien lassen ihre Gäste mit Barkassen zeitweise in „unseren“ Hafen übersetzen. Von dort aus werden sie weiter verteilt auf Tagestouren, Strandausflüge und allerlei Unterhaltungsprogramme.

Mit einem Mietwagen fahren wir vom Hafen aus etwa 50 Minuten hinüber nach Fort-de-France. Die Hauptstadt ist von weitem beeindruckend, doch in der Innenstadt merken wir schnell, dass sie – abgesehen von ein paar Kirchen und Kolonialbauten – nicht übertrieben sehenswert ist. In der Fußgängerzone liegt ein schwerer Geruch in der Luft, eine Mischung aus Schweiß, Urin und süßlich-scharfem Cannabisduft. Gefühlt hat jeder zweite Franzose hier eine Zigarette im Mundwinkel, und viele der Einheimischen mit dunkler Hautfarbe ziehen am Joint. Manche bewegen sich in einem tranceähnlichen Zustand entlang der Hafenpromenade, andere sitzen oder liegen an Mauern und Hauswänden und scheinen irgendwo zwischen Tagtraum und Realitätsflucht festzuhängen.

Viele der Gebäude haben ihre besten Jahre längst hinter sich; bröckelnder Putz und vergitterte Fenster erzählen von besseren Zeiten. Gemütliche Orte zum Verweilen zu finden, ist gar nicht so einfach, und so schlendern wir mehr beobachtend als genießend durch die Straßen. Eine bunte Künstlergasse mitten im Zentrum fällt positiv aus dem Rahmen: farbenfrohe Graffitis, kleine Bar`s und gemütliche Restaurants schaffen eine lebendige, kreative Insel im eher tristen Stadtbild und laden tatsächlich zum Verweilen ein. Mehrmals setzen wir später mit der Fähre von Pointe du Bout nach Fort-de-France über. Die Überfahrt ist deutlich schneller und entspannter als die Autofahrt, und nach nur 20 Minuten legen wir im größeren Stadthafen an. An einem Sonntag sind wir jedoch nach nur 40 Minuten Aufenthalt wieder zurückgefahren – die gesamte Innenstadt war verriegelt und verrammelt, als hätte man den Stecker gezogen. Merkwürdig.

Bei einem anderen Besuch erleben wir dafür einen besonderen Moment: In der Nähe des Dinghy-Docks, unweit des Fähranlegers, findet ein Gospelkonzert statt. Die kräftigen Stimmen, die rhythmischen Klatscher, das Lächeln der Sänger – das geht direkt unter die Haut. Singen können sie, die Menschen hier, und wie! Direkt an der Hafenpier entdecken wir außerdem einen Stand unter einem Easy-Up-Zelt, der mindestens 20 Varianten des Cocktails „Mojito“ anbietet. Wir können nicht widerstehen, bestellen und probieren bei Big Mama. Die Mischung aus Sprite, Rum, Essenzen, frischer Minze, Eis, Wasser und diversen geheimen Zutaten wird in meterhohem Tempo gerührt, gemuddelt und geschüttelt. Schon beim Zuschauen läuft uns das Wasser im Mund zusammen. Am Ende stoßen wir mit einem „Prost“ auf die Karibik an – für stolze 12 Euro pro Glas / Becher, aber jeden Schluck wert.

In den ersten Wochen arbeiten wir nach und nach unsere lange Einkaufsliste ab. Wir fahren zu Decathlon, in zwei große Baumärkte, besuchen einen Victron-Händler (einer unserer Solaradapter hat den Geist aufgegeben), steuern „Darty“ an – ein Elektromarkt ähnlich wie MediaMarkt – und klappern mehrere Supermärkte ab. Auf der Insel gibt es tatsächlich fast alles, was man sich wünscht – ganz anders als auf den Kanaren, wo manches schlicht nicht zu bekommen war. Der entscheidende Unterschied: Die Preise. Viele Produkte kosten hier gefühlt das Dreifache. Für 300 Liter Diesel, die wir in 25‑Liter-Kanistern mit dem Mietwagen heranschaffen (12 Kanisterladungen), zahlen wir knapp 600 Euro. Ein großer Einkauf im Supermarkt – anderthalb randvolle Einkaufswagen – schlägt mit rund 660 Euro zu Buche.

Grundnahrungsmittel sind noch halbwegs bezahlbar, aber alles, was in die Kategorie „Genuss“ fällt, haut richtig rein. Nur für Frühstückscerealien lassen wir über 50 Euro an der Kasse. Uns ist klar, dass es in der Karibik erstmal nicht billiger, sondern eher teurer werden wird. Vor allem auf den Bahamas, unserem späteren Ziel, wird das Preisniveau noch einmal eine ganz andere Liga erreichen. Die Erinnerungen an 2023 kommen hoch, an die Einkäufe in Nassau: 12 Dollar für eine 375‑Gramm‑Cornflakespackung, und das war nicht mal ein Premiumprodukt. Noch krasser waren damals die Preise auf Bermuda: Eine 0,33ml Dose Cola für 8 Dollar, ein Liter Milch für 16 Dollar. Im Vergleich dazu wird einem erst bewusst, wie günstig Lebensmittel in Deutschland tatsächlich sind.

Zurück in die Gegenwart: Wir proviantieren jetzt schon großzügig für die kommenden Monate, stapeln Konserven, Trockenwaren und „Nervennahrung“ und planen die nächsten größeren Einkäufe für Guatemala und die Dominikanische Republik. Dort, so heißt es, sollen die Preise wieder deutlich niedriger sein – und Platz an Bord haben wir genug, um Vorräte für mehrere Monate (und für eventuellen Besuch) zu bunkern.

Kulinarisch ist Martinique nicht das, was wir uns im ersten Moment unter französischer Küche vorgestellt haben. Viele Einheimische essen in Fast-Food-Restaurants, die Speisen dort sind oft fettlastig und geschmacklich eher enttäuschend. Durch Zufall stoßen wir jedoch in unserer Nähe auf ein kleines, familiengeführtes Restaurant „L Antares“ – es erinnert uns an das „Carbon Carbon“ auf Lanzarote – mit einer glatten 5,0‑Sterne-Bewertung bei Google. Die Speisekarte ist klein und übersichtlich, aber jede einzelne Spezialität darauf ist ein Volltreffer. Alles schmeckt unglaublich lecker, liebevoll zubereitet und mit einem Hauch Raffinesse, den man sonst lange suchen muss. Wir verlieben uns auf Anhieb in dieses Restaurant, das nur fünf Tage die Woche von 19:00 bis 21:30 Uhr geöffnet hat. Zu Heiligabend kehren wir natürlich ebenfalls dort ein.

Lea ist für eine Woche zu Besuch, und wir genießen die gemeinsame Zeit in vollen Zügen. Es stehen Schnorchelausflüge, ein Canyoning-Abenteuer und unzählige Momente im und auf dem Wasser auf dem Programm. Während ihres Aufenthalts zeigt sich das Wetter von seiner besten Seite: heiß, sonnig, karibisch. Davor jedoch hatten wir fast täglich einen Mix aus Regen, Sonne und kräftigem Wind. Als wir Lea am 28. Dezember abends wieder zum Flughafen bringen, wird es emotional. Bei Mutter und Tochter brechen kurz die Tränen durch. Die Frage, wann wir uns das nächste Mal wiedersehen, hängt unausgesprochen, aber schwer im Raum.

Wie ihr wisst, standen noch einige Bootsarbeiten auf der Liste. Unsere Ankerwinsch haben wir in rund vier Stunden gegen eine neue ersetzt – das Ersatzteil lag bereits seit Längerem an Bord bereit. Bei über 30 Grad in der prallen Sonne in der Backskiste zu hocken, war alles andere als angenehm. Es war eine schweißtreibende und erschöpfende Arbeit, aber am Ende haben wir es – inklusive Elektroniktausch / neuem Relais im Schiff – sauber hinbekommen. Die neue Winsch schnurrt jetzt wie ein muskelbepacktes Kätzchen. Genau so soll es sein.

Weniger unkompliziert ist unser „magischer“ Wassereinbruch über den Deckenstrahler in unserer Koje. Leider erweisen sich auch hier die lokalen Ansprechpartner des TO als wenig hilfreich. Wie schon auf Lanzarote fehlt uns die echte Unterstützung vor Ort. Irgendwie können wir es verstehen: Wir möchten gar nicht wissen, welche Flut an E‑Mails, Anrufen und Anfragen die TO‑Leute in der Saison bewältigen müssen. Das Ganze wird ehrenamtlich gestemmt, und dass unter dieser Last die Qualität der Betreuung leidet, ist fast zwangsläufig. Wir würden mit ihnen nicht tauschen wollen.
Was wir bekommen, sind am Ende lediglich ein paar, teils wenig zielführende Kontakte. Ein Telefonat klingt zunächst vielversprechend, doch schnell fällt die Zahl von pauschal 3.000 Euro – nur dafür, dass jemand an Bord kommt, um nach der Ursache des Wassereinbruchs zu suchen. Außerdem sei gerade Hochsaison, und eigentlich habe man auf solche Arbeiten überhaupt keine Lust. Kopfschütteln. Vielen Dank auch. Also bleibt nur ein Schluss: Selbst ist der Segler. Wir beschließen, einen „Shunt“ zu bauen – sprich: Wir leiten das wenige temporäre Wasser, das partout bei Starkregen und kräftigen Seegang nicht draußen bleiben möchte, wenigstens wieder nach außen. Alles Nötige besorgen wir im Baumarkt und in einem Aquariengeschäft (winziger Schlauch). Ob dieses kleine MacGyver-Projekt wirklich funktioniert, wird sich zeigen, sobald wieder genug Wasser von oben oder von der Seite kommt. Wir sind selbst gespannt und hoffen auf einen Erfolgsbericht.

Ein glücklicher Zufall beschert uns schließlich einen Parasailor für unsere KAMI. Schon bei der Atlantiküberquerung hatten wir davon geschrieben, dass wir uns irgendwann ein solches Leichtwindsegel gönnen möchten. Eines Abends lesen wir, dass ein französischer Segler, der vor Fort-de-France ankert, seinen Parasailor verkaufen will. Wir nehmen Kontakt auf, bekommen Fotos und Infos, entscheiden aber nach reiflicher Überlegung, dass der aufgerufene Preis von 5.500 Euro zu hoch ist, und sagen schweren Herzens ab. Ein vergleichbarer neuer Parasailor würde uns etwa 8.500 Euro kosten (hatten wir hier bei einem lokalen Händler angefragt).
Zwei Tage später meldet sich der Verkäufer erneut: Er korrigiert seine Preisvorstellung auf 3.500 Euro. Da bleibt uns nichts anderes übrig, als zuzuschlagen. Die fehlende Hardware für die KAMI – Umlenkrollen, Blöcke und Beschläge, um das Segel sicher fahren zu können – bestellen wir kurzfristig bei SVB in Deutschland. Lea bringt die Teile bei ihrem Besuch mit in die Karibik. Perfektes Timing.

An den Umgang mit Hunden haben wir uns auf unserer Reise inzwischen gewöhnt – und daran, dass sie vielerorts nicht willkommen sind. In Martinique ist das nicht anders. Weder in Einkaufszentren noch in Baumärkten sind Hunde gern gesehen, überall lesen wir „Kein Zutritt für Hunde“. Das Gleiche gilt für viele Restaurants und Bars. Selbst im Außenbereich werden wir mit Piper nicht selten freundlich, aber bestimmt des Platzes verwiesen. Das frustriert. Auf der Suche nach schönen Stränden in der Nähe werden wir von anderen Badegästen darauf hingewiesen, dass Hunde hier nicht erlaubt sind. Noch mehr Frust.
Zum Glück finden wir mit dem Dinghy, gleich um die Ecke des Hafens, einen „wilden“ Strandabschnitt mit reichlich herumliegenden Kokosnüssen. In der kleinen Lagune davor, so erzählt uns beim ersten Besuch ein Franzose, sollen sich drei Meeresschildkröten tummeln. Und tatsächlich: Zusammen mit Lea entdecken wir bei unseren Schnorchelgängen nicht nur die ersehnten Schildkröten, sondern auch einen riesigen Seestern. Ein kleiner, stiller Schatz, fast für uns allein. An diesem Strand sind kaum Menschen unterwegs – hin und wieder sieht man Einheimische mit ihren Kindern, doch bei unseren zahlreichen Besuchen haben wir meist Glück und sind fast allein.

Piper mutiert dort zur wahren Kokosnussschälerin. In der Zeit schält sie mindestens fünf Kokosnüsse bis auf den harten Kern. Die so freigelegten Nüsse nehmen wir mit an Bord der KAMI, schlagen sie dort auf und Stück für Stück wandert das Kokosfleisch in Pipers Futterschale. Auch das Kokoswasser schleckt sie mit größtem Vergnügen. Natürlich probieren wir selbst ebenfalls hin und wieder vom frischen Kokosfleisch. Verhungern würden wir auf einer einsamen Insel mit Kokospalmen wohl eher nicht.

Um die Feiertage herum erleben wir Supermärkte im Ausnahmezustand. Die Läden sind brechend voll, die Einkaufswagen überladen, und wir fragen uns immer wieder, wie die Einheimischen sich diese hohen Preise leisten können. Verdient man hier wirklich so viel mehr als in Deutschland? Weihnachtsstimmung will trotzdem kaum aufkommen. Abgesehen von ein paar Lichterketten und Straßen-Dekorationen ist wenig festlich. Keine Weihnachtsmusik, keine typischen Düfte, keine vertraute Gemütlichkeit. Bei über 30 Grad im Schatten und ähnlich warmen Wassertemperaturen ist das auch nicht verwunderlich.

Silvester feiert man auf Martinique mit einem „Vorfeuerwerk“ am Tag davor und einem weiteren Feuerwerk am 31. Dezember selbst. Für unsere Piper ist diese Zeit der pure Stress. An beiden Tagen wird bis tief in die Nacht geknallt, und von den endlos vorbeifahrenden Schiffen und Booten dröhnt martiniquische Volksmusik in Dauerschleife über das Wasser. Wir bleiben die beiden Abende an Bord, versuchen Piper mit Spielen, Streicheleinheiten und ruhiger Stimme abzulenken und ihr ein kleines bisschen Sicherheit zu geben.

Im Vergleich zu den Kanaren geht es unserer Piper`li hier insgesamt aber deutlich besser. Zwar machen ihr die hohen Temperaturen zu schaffen, doch ihre Haut hat sich erholt, und die warmen Wassertemperaturen liebt sie. Bei unseren Dinghy-Ausflügen zu den Stränden tobt sie unermüdlich durch die Wellen und apportiert auch die hundertste Kokosnuss brav zurück zum Ufer. Ab 18 Uhr, wenn es dunkel wird, gehört ein Spaziergang durch den Hafen und die umliegenden Hotelanlagen zum festen Ritual. Die in den Hecken vergrabenen Krabben, die plötzlich aus ihren Löchern schießen, und das ohrenbetäubende Zirpen der unzähligen Zikaden fesseln ihre Aufmerksamkeit jedes Mal aufs Neue.

So langsam fangen wir dennoch an, unsere Entscheidung zu hinterfragen, so lange in der Marina zu bleiben. Der große Vorteil: Das Proviantieren ist unglaublich entspannt. Alles andere spricht jedoch mit der Zeit dagegen. Nach der Hälfte unserer Liegezeit in Pointe du Bout nerven uns der ständige Lärm, das Kommen und Gehen der Fähren, die Ausflugsboote, die Musik – kurz: die permanente Unruhe.

Nach etwa zwei Wochen bekommen wir zudem einen unangenehmen spanischen Stegnachbarn. Als Einhandsegler legt er mit dem Bug am Steg an, kann aber so nicht alleine vom Schiff runter. Er fragt, ob er über unsere KAMI an Land gehen darf. Selbstverständlich sagen wir ja – Segler helfen sich. Aus den angekündigten drei, vier Tagen werden jedoch Wochen. Irgendwann reisen auch noch seine Frau und die Tochter mit dem Flugzeug an, und unsere KAMI verwandelt sich mehr und mehr in eine Dauer-Gangway.
Täglich schrubbt Mike das Deck, weil die Nachbarn es oft nicht schaffen, ihre Schuhe auszuziehen. Manchmal trampeln sie schon gegen sechs Uhr morgens über unser Schiff und wecken die gesamte Crew, manchmal kommen sie erst tief in der Nacht von Bar-Touren zurück.

Der Frust wächst von Tag zu Tag, bis eines Abends das Maß voll ist: Wir sitzen leicht bekleidet im Cockpit, als die gesamte Familie innerhalb einer Stunde gleich zweimal über die KAMI läuft. Das ist dann endgültig zu viel.
Mike sucht das Gespräch, bleibt sachlich, aber deutlich, und holt schließlich unsere Leiter aus dem Vorschiff. Er stellt sie dem Nachbarn zur Verfügung, damit dieser samt Familie direkt vom Steg aus über den Bug seines eigenen Bootes an Bord kommen kann – ganz ohne Umweg über die KAMI. Drei Tage später sind die Spanier verschwunden. Wir sind gerade auf Einkaufstour, als sie auslaufen. Unsere Leiter steht kommentarlos vor unserem Schiff. Kein Danke, keine Nachricht, nichts. Undank ist der Welt Lohn – eine Erfahrung, die wohl jede Langfahrt-Crew irgendwann macht.

Rückblickend würden wir, sofern keine größeren Reparaturen anstehen, nicht noch einmal so lange in einer Marina bleiben. Unser Plan für die nächsten Monate ist klar: Bis zum Beginn der Hurrikansaison wollen wir nur noch vor Anker liegen. Morgens direkt vom Boot ins Wasser springen, schwimmen, tauchen, mit dem SUP und Wing losziehen – all das ist im Hafen nur eingeschränkt möglich. Wir sehnen uns nach Ruhe, nach Raum und nach dem leichten Schaukeln an einer schönen Ankerbucht. Wenn wir Pointe du Bout endgültig verlassen, machen wir innerlich drei dicke Kreuze.

Langsam richten wir unseren Bug in Richtung Guadeloupe, wollen unterwegs aber noch die ein oder andere traumhafte Bucht genießen. Die lauten Feiertage in Martinique liegen dann hinter uns – und vor uns hoffentlich viele stille, sternenklare Nächte vor Anker.

Ahoi ihr Lieben ….

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La Graciosa – Sand * Wind * Wellen

Wir erreichen die Bucht „Playa de la Francesa“ auf der nördlichen Kanareninsel La Graciosa gegen Mittag. Einige Segelboote liegen genau in der Mitte der Bucht, wir entscheiden uns, etwas östlicher am Rand – gegenüber eines hohen Sandbergs – auf 15 Metern Tiefe den Anker fallen zu lassen. Wir fahren den Anker ordentlich ein und geben 50 Meter Kette aus.

La Graciosa ist ein Ort, an dem die Zeit stillsteht. Die Sandwege in Caleta del Sebo, dem einzigen größeren Ort, führen vorbei an weißen Fassaden, kleinen Bars und dem Hafen, wo Fischerboote schaukeln. Barfuß durch die Gassen zu schlendern oder direkt am Strand zu wohnen, ist hier völlig normal. Die wenigen Autos sind Geländewagen, Fahrräder das bevorzugte Fortbewegungsmittel. Der Ort gilt als Geheimtipp für spanische Urlauber, die Ruhe und Entspannung suchen.

Das Herzstück der Insel sind die paradiesischen Strände: Playa de las Conchas im Nordwesten mit wildem Atlantikpanorama, die goldene Bucht von Playa Francesa nahe Caleta del Sebo, in der wir ankern, sowie die abgeschiedenen Buchten rund um Montaña Amarilla, wo Vulkangestein mit weißem Sand wunderschöne Farbspiele zaubert.

Auf La Graciosa geht das Leben langsam: Jeder Ausflug wird zu einer kleinen Entdeckungsreise, ob zu Fuß, per Fahrrad oder mit dem Boot. Wanderer durchstreifen karge Vulkanlandschaften, gemütliche Radfahrer umrunden die Insel auf gut ausgeschilderten Wegen. Für Taucher und Schnorchler eröffnet das Meer ein geschütztes Unterwasserparadies mit reicher Flora und Fauna.

Während unseres Aufenthalts in der Bucht von Playa Francesa ist es wegen der „Calima“ sehr wellig und schwellig. Das Wasser ist durch aufgewühlte Sedimente sehr trüb. Ein entsprechendes Taucherlebnis bleibt uns daher verwehrt – schade.

Calima – das ist der Moment, wenn die Kanaren plötzlich in gelbliches Licht und feinen Wüstensand aus Afrika getaucht werden. Ein warmer, trockener Wind weht von der Sahara herüber, hüllt Inseln, Berge und Strände in einen fast mystischen Dunst, und mit jedem Atemzug spürt man: Heute ist alles ein bisschen anders. Die Sicht reicht oft nur noch wenige Kilometer, Autos und Straßen bekommen einen pudrigen Schleier, die Haut fühlt sich staubig an und die Sonne scheint wie durch einen Filter.

Mit dem Dinghy fahren wir zweimal nach Caleta del Sebo. Das kleine Dorf wirkt wie ein Ort aus dem arabischen Raum. Es fehlen nur die Kamele, und der Eindruck wäre perfekt. Wir finden zwei kleine Supermärkte, in denen wir Kleinigkeiten wie frisches Obst und zwei Flaschen Wein einkaufen. Direkt am Hafen genießen wir im Restaurant Girasol einen leckeren Ceasersalat und frischen Fisch. Unseren angesammelten Müll können wir ganz unkompliziert am Hafen in einem von zehn Müllcontainern entsorgen – perfekt.

(Klick auf das Bild zum vergrößern)

Das Wetter während unseres Aufenthalts ist mal wieder nicht optimal. So erleben wir einige komplett bewölkte Tage sowie extrem windige und böige Nächte, in denen wir in den frühen Morgenstunden wach werden, um nach dem Rechten zu sehen (hält der Anker? Treiben wir ab?). Tagsüber, wenn die Sonne scheint, ist es durch den Wind nie richtig warm. Einen richtig schönen Sundowner erleben wir durch die Calima leider nicht. Die Sonne geht eher weiß als blutrot unter.

Unsere Ankerbucht gilt als eine der schönsten auf den Kanarischen Inseln. Wir sind gespannt, was noch kommen wird, und planen grob unseren weiteren Aufenthalt auf den Kanarischen Inseln. Wir merken schon jetzt, dass durch die bevorstehende ARC viele Häfen keine Reservierungen mehr annehmen. Die ARC (Atlantic Rally for Cruisers) ist das größte Transatlantik-Event für Fahrtensegler und macht Las Palmas auf Gran Canaria jedes Jahr im November zum Mittelpunkt der Seglerwelt. Hunderte Yachten aus aller Welt starten gemeinsam Richtung Karibik – das Ziel ist Saint Lucia. Zu den überfüllten Häfen auf fast allen Inseln kommen die Ankerbuchten, in denen sich nach und nach die Schiffe stapeln.

Um eurer Frage vorzugreifen: Nein, wir haben uns gegen eine Teilnahme an der ARC entschieden. Wir sehen hier einfach nur den Kommerz im Fokus stehen. Nette Kontakte und Freundschaften finden sich auch in den Ankerbuchten, dafür müssen wir nicht im Pulk über den Ozean segeln. Das Klientel der Teilnehmenden besteht unserer Meinung nach größtenteils aus älteren Herrschaften sowie Familien mit Kleinkindern, die aus Sicherheitsgründen die ARC buchen. Die vielen Feste und Trainings eignen sich bestimmt auch für Segler ohne Pets Begleitung. Auch deshalb ist die ARC für uns ein No-Go.

Wir bekommen Besuch auf der KAMI vom nebenan ankernden Katamaran „Stardust“, ebenfalls Mitglied in unserem Verein TransOcean e.V.. Tobi, Sarah und die Kinder Tibi & Jari düsen mit dem Dinghy rüber. Tibi und Jari freuen sich über Piper, und mit Tobi und Sarah vertiefen sich unsere Gespräche bei Corona-Bier und Lillet bis in die späten Abendstunden. Wir freuen uns sehr über den netten Kontakt und wünschen uns gegenseitig ein baldiges Wiedersehen. Die SY Stardust segelt am nächsten Tag in den Süden Lanzarotes.
Am gleichen Tag laden wir Christian und Helga von der SY Fuchur zum Kaffee an Bord ein. Genau wie wir ist die Fuchur von Madeira hierher nach La Graciosa gesegelt. Beide haben wir bereits auf Madeira kennengelernt. Auch hier verbringen wir angenehme Stunden zu viert und tauschen uns über die weiteren Reisepläne aus.

Nach fast zehn Tagen holen wir den Anker ein und steuern die Calero Marina / Marina Lanzarote in Arrecife, der Hauptstadt Lanzarotes, an. Wir haben hier einen Liegeplatz bis zum 8. Oktober gebucht. Wir mieten wieder einen Leihwagen (diesmal sehr günstig mit 12 Euro pro Tag) und wollen unsere To-Do-Liste abarbeiten. Auf der Liste stehen ein Tierarztbesuch mit Piper’li (sie röchelt so herzzerreißend bei höheren Temperaturen), Friseurbesuche, Baumarkteinkauf, IKEA-Einkauf und die Aufstockung von Proviant für die bevorstehende Atlantiküberquerung. Wir wollen ein wenig auf dem Festland die Insel weiter erkunden und Kathis Geburtstag gebührend feiern. Mein Geschenk an sie ist in diesem Jahr ein Wingfoil-Kurs, den sie sich schon lange wünscht. Bestimmt findet sich hier auf der Insel ein geeignetes Surfcenter für den Kurs.

Und sonst? Wie geht’s weiter?

Nach unserem Aufenthalt in der Marina Lanzarote segeln wir weiter Richtung Süden und ankern vor der Marina Rubicón, wo wir Ende Oktober noch einmal eine Woche im Hafen liegen werden. Wir erwarten hier noch einige Pakete aus der Heimat, unter anderem eine neue Ankerwinsch, die wir wechseln wollen, und zwei Kwiggle-Bikes. Danach segeln wir nach Teneriffa und gehen dort kurz vor unserem Absprung in die Karibik in den Hafen Puerto Deportivo Radazul. Falls das Wetter mitspielt und der Wind günstig ist, wollen wir am 16. November vor dem Start der ARC (23. November) aufbrechen.

Es geht uns gut und wir genießen die milden Temperaturen.

Bis bald …

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Landfall nach 1.300 Seemeilen

Es ist Montag Nacht, 23:26 Uhr UTC. Der Kurs steht auf 206 Grad, Ziel ist Madeira. Noch rund 90 Seemeilen, dann laufen wir in den Hafen der Marina da Quinta do Lorde ein – und unsere erste große Passage von etwa 1.300 Seemeilen liegt hinter uns.

So richtig „Traumfahrt in den Süden“ war diese Überfahrt allerdings nicht. Die Überreste des Hurrikans Erin hatten uns in den letzten Tagen ordentlich auf Trab gehalten: Sturmwarnungen, Vorhersagen mit bis zu 12 Meter hohen Wellen und ständig Druck, Richtung Süden auszuweichen.

Der Wind stand dabei ungünstig – zwischen 150 und 180 Grad – normales Segeln fast unmöglich. Zum Glück hatten wir unseren Gennaker und konnten so wenigstens mit dem Leichtwindsegel Strecke machen, auch wenn dabei eine der Maschinen zwei Drittel der Zeit mitlaufen musste.
Seit dem Nachmittag spürten wir dann die vollen Ausläufer von Erin: hohe Wellen, erst seitlich, später achterlich. Nicht unbedingt angenehm – besonders für Kathi, die sich fragte, ob so ein Katamaran tatsächlich auch kentern könne. Nach einigen Gesprächen konnte ich sie aber wieder beruhigen. Piper, unsere treue Bordhündin, musste am Abend ein wenig medizinische Unterstützung bekommen, um in der Nacht entspannen und schlafen zu können. Mit Erfolg!

Trotz aller Strapazen – wir haben die 2.000-Seemeilen-Marke jetzt überschritten und die erste richtige Blauwasserfahrt erfolgreich gemeistert. Mehr noch: wir sind zu einem richtig guten Bordteam zusammengewachsen. Jeder kennt seine Aufgaben – es läuft.

Technik und Reparatur – der ständige Begleiter
Wie wohl bei allen Langfahrtseglern gilt: Auf Passage gehen fast immer Dinge kaputt, die besser halten sollten. Auch bei uns. Drei Luken waren undicht und ließen Wasser ins Schiff – aber mit Butylband konnten wir sie innerhalb eines Vormittags abdichten. Ein fehlerhaft angeschlossener Lüfter für die beiden Victron Quattros wurde während der Überfahrt repariert.
Dazu kamen Probleme mit Funk und AIS. Ein Frachter ließ sich in der vorletzten Nacht nicht sauber anfunken, und die ständigen AIS-Aussetzer sind ebenfalls nicht normal. Meine Vermutung: die Antenne am Mast ist das Problem. Das steht nun auf der Madeira-Checkliste. Ebenfalls zu klären: die ausgefallene Fernbedienung unseres Autopiloten und die Wartung der Ankerwinsch (Motorwechsel nötig wegen Brandspuren).
Wenn wir die Kanaren erreichen, soll zudem ein neues AIS-System eingebaut werden – für uns eine zentrale Sicherheitskomponente, gerade zur Kollisionsvermeidung. Die Wartungs- und Reparaturliste wächst jedenfalls Schritt für Schritt, unter anderem kommen auch die Elektrowinschen bald dran.

Ankunftsmodus – Alltag nach der Passage
Aber jetzt heißt es erst einmal: ankommen, ausschlafen, das Schiff vom Salz der letzten Tage befreien. Klar Schiff machen! Außerdem muss Diesel nachgebunkert werden und unsere Proviantvorräte gehören aufgefüllt. Mit einem Mietwagen möchten wir dazu nach Funchal fahren, Madeiras Hauptstadt. Ein Besuch im Anglerfachgeschäft steht ebenfalls auf dem Plan – ich brauche dringend eine gute Multirolle fürs Schleppangeln.
Unsere Idee ist, ungefähr zehn Tage auf Madeira zu bleiben, bevor es weitergeht zu den Kanarischen Inseln. Dort wollen wir die Inseln nach und nach absegeln, endlich wieder unsere Tauchausrüstung aus der Backskiste holen und die Unterwasserwelt erkunden. Außerdem steht Kathis Geburtstag an – und aus Deutschland erwarten wir Pakete mit dringend benötigten Ersatzteilen.

Alltag an Bord – unser „Neues Normal“
So langsam finden wir uns in unseren Bordalltag ein: Trinkwasser machen, Wäsche waschen, kleine Reparaturen erledigen, Routen planen, zwei Mal täglich die Wetterberichte über Windy oder PredictWind checken, Piper beschäftigen und regelmäßig über Deck führen. Und zwischendurch immer wieder ein bisschen Büroarbeit.

Logbuch Madeira
Location: Quinta do Lorde, Madeira
Wassertemperatur Atlantik: 25,2 °C
Lufttemperatur: endlich Sommer, 26–30 °C
Trip-Stunden: 372
Trip-Seemeilen: 2.012

Es war keine leichte Überfahrt, aber wir haben sie geschafft. Englischer Kanal – Biskaya – Nordatlantik – Wir haben gelernt, viel repariert, sind miteinander gewachsen – und der nächste Abschnitt wartet schon. Weiter so!

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Endlich… Blauwasser

Es ist Montag früh, gegen 8 Uhr stehen wir auf. Wie so oft vor einer längeren Überseepassage haben wir beide schlecht geschlafen. Wir träumen komische Sachen, werden mehrmals in der Nacht wach, liegen mit vielen Gedanken im Bett und versuchen, ein wenig Ruhe zu finden.

Eigentlich wollten wir erst mittags „Anker auf“ gehen, doch wir haben Hummeln im Bauch und starten nach dem Frühstückskaffee aus der Ankerbucht in Camaret-sur-Mer. Langsam tuckern wir mit 5 Knoten um die Landzunge – und landen im dichten Nebel. Vor uns zeichnen sich schemenhaft mehrere Kriegsschiffe der französischen Marine ab.
Dann trifft die erwartete Mail von Sebastian Wache ein – keine guten Nachrichten! Das nervt mittlerweile. Nicht nur, dass wir wochenlang in jedem zweiten Hafen abwettern müssen, auch das richtige Sommer-Reisefeeling will einfach nicht aufkommen.
Sebastian schreibt, dass der Hurrikan Erin seine Ausläufer nach Europa schicken wird – und das verheißt nichts Gutes. Meteorologen erwarten Stürme und bis zu 5 Meter hohe Wellen. Besonders die Küste Frankreichs soll es hart treffen, rund um den 28. August. Für uns gibt es zwei Optionen:
Weiter in einem französischen Hafen abwettern – und dort die volle Wucht abbekommen.
Verkürzt über die Biskaya starten, dann schnell nach Süden abfallen und hoffen, damit den schlimmsten Winden zu entkommen.
Aber: Die erwarteten 5-Meter-Wellen werden wir wohl trotzdem aushalten müssen.
Na klasse!

Delfinbegleitung & erste Etappe
Noch im dichten Nebel aus der Bucht von Camaret-sur-Mer motorend, wagen wir es und machen uns trotz der angsteinflößenden Prognosen auf den Weg nach Madeira. Schon am Vormittag, draußen vor Brest, begleiten uns fast eine Stunde lang Delfine.
Piper ist völlig aus dem Häuschen, rennt aufgeregt über das Bootsdeck und beobachtet das Schauspiel durchs Trampolin. Die Delfine springen und vollführen wunderschöne Pirouetten knapp unter der Oberfläche.
Und die Überraschungen gehen weiter: Wenig später landet ein kleiner Vogel – ein Trauerschnäpper – bei uns am Steuerstand. Zutraulich lässt er sich fotografieren und bleibt rund eine halbe Stunde, bevor er weiterfliegt. Fast märchenhaft: Nebel über dem Wasser, winkende Robben und nun dieser Vogelbesuch.

Die ersten Wellen und die erste Nacht
Am Nachmittag kommt endlich Wind und Sonne. Der Nebel ist vertrieben und die KAMI nimmt Fahrt auf in Richtung unseres ersten Wegpunkts. Der Wind bläst noch spitz von vorn und unbeständig, die KAMI springt über die Wellen – Kathi wird seekrank.
Zum Glück haben wir eine gute Bordapotheke, und dank Götz’ verschriebener Medis ist schnell Linderung da. Piper bleibt diesmal seegängig, was uns sehr beruhigt. Ich baue unser „Schlaflager“ im Salon auf, damit wir drei nah beieinander sind – bewährt für lange Passagen. Bald darauf liegen Kathi und Piper zusammen eingerollt und schlafen tief.
Abends entfällt die Bordküche, wir gehen in die erste Nacht. Ritualgemäß übernehme ich die Nachtwache. Kein Problem: Zwei Segler aus Österreich kreuzen unseren Kurs, wie in einem Dreieck fahren wir parallel durch die Nacht. Erst in den Morgenstunden trennen sich unsere Wege: Sie steuern A Coruña an, wir dagegen halten Kurs ins offene Blauwasser gen Süden. Das tiefe Blau – es ist überwältigend, ich liebe es einfach!

Alltag auf See
Um ordentlich Strecke zu machen, lassen wir bei unter 10 Knoten Wind eine Maschine mit geringer Drehzahl laufen – so laden wir auch unsere Energiespeicher auf, denn die Solarausbeute war zuletzt dürftig.
Gegen 5 Uhr UTC (zwei Stunden vor deutscher Zeit) übernimmt Kathi die Wache am Kartentisch. Noch geht es ihr nicht besonders, wir probieren ein anderes Präparat. Ich döse tagsüber nur in Etappen, echter Tiefschlaf will nicht kommen.
Am frühen Nachmittag kehrt der Wind zurück. Gemeinsam setzen wir das Großsegel und rollen die Genua aus – klappt schon richtig gut. Ich bin überzeugt: Spätestens ab Madeira kann Kathi die KAMI allein segeln.
Tagsüber probiere ich mich mit unserer neuen Trollingangel – noch ohne Erfolg. Vielleicht liegt’s am Köder oder an unseren Einstellungen. Aber wir üben weiter, denn frischer Fisch soll in unser Proviantkonzept integriert werden. Auch Piper würde davon profitieren: Neben Trockenfutter wollen wir ihr immer wieder frisches Gemüse und Fleisch/Fisch abkochen.

Zweite Nacht – Verkehr in der Biskaya
Die zweite Nacht segeln wir unter vollen Segeln. 17 Knoten Wind aus Nordwest bringen uns gute Fahrt – 7 Knoten im Schnitt. Wenn es so bleibt, erwischen uns die Ausläufer von „Erin“ nicht mehr. ETA Madeira: Mittwoch nächster Woche. Mit etwas Glück sogar Dienstag früh.
Doch die Nacht ist anstrengend: Wir kämpfen uns durch dichten Schiffsverkehr – Fracht-, Container- und Fischerboote, Fähren, Kreuzfahrer. Gegen 23 Uhr sind wir von über 20 Schiffen umzingelt. Bei einem Containerriesen muss ich funken, da er auf Kollisionskurs bleibt. Seine Antwort: „Ja, wir sehen Sie – Sie sind genau voraus.“ Aber er ändert den Kurs nicht. Erst 500 Meter hinter uns zieht er nach Backbord ab. Die Heckwelle kracht unter die KAMI, Gischt spritzt übers Deck – was für ein Schreckmoment!
Marinetraffic zeigt das Szenario wie ein Spalier aus bunten Schiffssymbolen. Mittendrin die Fischer, die Yachten, ein einziges Gewimmel. Hoffentlich sind wir bald aus der Hauptachse raus. Ein Trost: Bei dem dichten Verkehr wäre im Notfall sofort Hilfe da – die Medaille hat eben zwei Seiten. lach

Sorge: Orcas an Iberiens Küste
Ein Thema bleibt uns noch im Kopf: die Meldungen über Orca-Angriffe vor Spanien und Portugal. Schon seit einigen Jahren attackieren Schwertwale dort Segelboote und beschädigen Ruderblätter – einige Yachten sind dadurch sogar gesunken!
Warum gerade diese Gruppe von Tieren dieses Verhalten zeigt, ist nicht klar. Besonders gefährlich ist die Straße von Gibraltar. Da man Orcas nicht vertreiben darf und Schutzversuche mit Lärm oder Sand nichts gebracht haben, bleibt Skippern nur, die Gebiete weiträumig zu umfahren. Unser Plan: deutlich abgesetzt von der Küste und weit draußen im Tiefwasser (bis 5000 m) gen Madeira segeln. Besonders viel Glück schadet da nicht – also: Daumen drücken!

Jetzt ist es 00:47 Uhr UTC (= 02:47 Uhr MESZ). Auf dem Radar taucht schon der nächste Pulk Frachter auf. Meine Augen kleben am Plotter, die Müdigkeit kommt langsam. Sonnenaufgang ist um 05:30 Uhr UTC, dann darf Kathi übernehmen.

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