7. Etmal 126 Seemeilen

27.05.2023 – 12:20 Uhr Ortszeit – 16:00 UTC

8. Seetag
Etmal: 126 sm

Gesamtsumme: 767 sm

Wind aus S bis SW

Segelstellung – Großsegel 1. Reff – Genua voll – Vorwindkurs um 110°

Speed über Grund: 7 kn

Es ist 6:30 Uhr, und der Wasserkessel pfeift auf dem Gasherd. Wir genehmigen uns einen starken Kaffee zum Wachwerden und holen die ersten Daten für die Windy-App aus dem Internet. In der Nacht hatten wir guten Wind und machten zügige Fahrt – meistens um die 6 Knoten.

Ich hole die Seekarte für den Nordatlantik aus dem Schrank und trage mit einem Bleistift unseren aktuellen Standort ein. Wir haben bereits 700 Seemeilen geschafft, sind aber erst 380 Seemeilen von Nassau entfernt?! Durch das Kreuzen auf spitzen Amwindkursen haben wir die Hälfte der Zeit und Entfernung verloren.

Wir schauen gemeinsam auf die Nordatlantikseekarte. Es ist noch so wahnsinnig weit bis nach Hause. Das wird uns spätestens jetzt richtig bewusst.

Gestern hatten wir ja das Thema Zwischenstopp auf „Bermuda“. Bermuda ist ein britisches Überseegebiet im Atlantik. Nach dem Frühstück finden wir heraus, dass der Verein „Trans-Ocean e.V.“, bei dem ich seit zwei Jahren Mitglied bin, einen deutschsprachigen Basisleiter auf der Insel hat. Karsten sendet dem Basisleiter eine E-Mail und bekommt schon sehr zeitnah eine Rückmeldung. Wir sind willkommen, und man könnte uns sicherlich mit unseren kleineren technischen Problemen, wie der ständig ausfallenden Windanzeige, helfen. Da die Wetterprognose für die nächsten Tage eher schlecht ist, beschließen wir, direkt die Bermudainseln anzulaufen (sie liegen auf unserer Kurslinie nach Hause), um einen kurzen Stopp einzulegen – je nach Wetterprognose.

Bis nach Bermuda sind es noch knapp 350 Seemeilen. Wir könnten am Pfingstmontag dort ankommen. Karsten möchte den Zwischenstopp auch nutzen, um Coca-Cola und Tonic nachzuprovientieren. Wir würden außerdem unsere Dieseltanks auffüllen und eventuell noch die eine oder andere kleine Besorgung machen. Am 30. Mai habe ich Geburtstag, da wäre doch ein Abendessen auf der Insel eine feine Sache.

Am Nachmittag werden wir von einem Frachtschiff angefunkt. Leider können wir den Anrufer nicht verstehen, da er so schnell und undeutlich Englisch spricht. Wir bitten mehrmals um langsame Wiederholung des Funkspruchs, bekommen aber keine Reaktion mehr. Wir vermuten, dass er uns vor einem Unwetter warnen wollte, mit dem wir schon für den Abend rechnen.

Kurz vor dem Sundowner ruft Karsten vom Steuerstand: „DELFINEEEE!!!“ Mindestens 20 Tiere begleiten unsere Fahrt für etwa 10 Minuten, bis sie weiterziehen. Einige der Tümmler springen 2 bis 3 Meter aus dem Wasser und drehen sich dabei wie ein Korkenzieher. Wir hatten schon gehört, dass Delfine gerne Katamarane begleiten – was für ein tolles Erlebnis.

Immer wieder ein Erlebnis, wenn ganze Delfinschulen die KAMI begleiten …

Es wird Abend, und die gewaltige Gewitterfront rückt auf uns zu. Ich beschließe, alle Segel zu reffen und zur Sicherheit über die Nacht zu motoren. Wir werfen die Steuerbordmaschine an und machen mit 2.000 Umdrehungen etwa 5 bis 6 Knoten Fahrt über Grund. In einer Stunde verbrauchen wir so ca. 4 Liter Diesel. Wir werden in Bermuda nachtanken.

Mit dem laufenden Motor produzieren wir nebenbei Heißwasser, da macht das Duschen am Abend richtig Spaß. Der Wassermacher läuft auch nebenbei und produziert in einer Stunde ca. 100 Liter Trinkwasser. Nachdem der Tank „3/4“ (450 Liter) anzeigt, schalten wir den Wassermacher wieder ab.

Bei dem Wind und Starkregen haben wir es uns in der Nacht im Salon gemütlich gemacht. Der Motor läuft und folgt via Autopilot unserer vorgegebenen Kurslinie nach Bermuda bzw. dem nächsten Wegpunkt. Wir lassen das Radar bei diesem schlechten Wetter als Sicherheitsoption mitlaufen und schauen gebannt nach draußen, wo die Blitze den Nachthimmel erleuchten.

Nachts bemerken wir, dass Karstens Rettungsweste im Cockpit automatisch ausgelöst hat. Der Wind und die gefühlten 1.000 Liter Regenwasser pro Minute müssen daran schuld gewesen sein. Jetzt sind wir schlauer und lassen die Weste bei solch einem Wetter nicht mehr draußen. Gott sei Dank haben wir noch vier weitere Westen an Bord. Sicherheit ist also gegeben.

In den frühen Morgenstunden die nächste Überraschung: Eine unserer elektrischen Winschen läuft plötzlich ohne unser Zutun los. Was für ein Krach! Ich renne in die achterliche Backbordkabine und schalte den Hauptschalter auf „off“. Der Regen muss hier einen Kurzschluss verursacht haben.

Das nächtliche Brummen der Maschine drückt uns die Augen zu. Nach dem Regengebiet haben sich die Wellen gelegt, und wir wollen nur noch in den Schlaf fallen …

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