Wir erwarten schon sehnsüchtig unseren Besuch aus Deutschland und nutzen die Zeit bis dahin, um im Exuma Market nahe dem Dinghy-Dock unsere Lebensmittelvorräte aufzufüllen. Gleichfalls bunkern wir nochmal 200 Liter Diesel (leider minderer Qualität) sowie 20 Liter Benzin für unseren Außenborder am Dinghy. Dann wollen wir die gastronomischen Highlights hier in George Town erkunden, um später unseren Besuch ausführen zu können. Das Ergebnis fällt nüchtern aus. Fast alle Bars und Restaurants bieten typische US-Gerichte an. Fettgebratenes in allen erdenklichen Variationen. Frittierte Chickenwings mit Fries, frittierte Conch-Bälle mit Coleslaw, BBQ-Rippchen, die in der Marinade schwimmen, frittierten Fisch … uns wird ganz schwindelig. Normale Menüs mit Gemüsebeilage (außer Coleslaw) sind hier nur schwer zu finden. Die Küche, die Locations selbst, die Cocktails sind ausschließlich amerikanisch ausgerichtet. Angesichts der meisten US-Yachten, die hier vor Anker liegen, ist es auch kein Wunder.
Am Vorabend unseres Besuchs findet in George Town ein kleines Fest statt. Die amerikanische Segler-Community veranstaltet einen Kostümumzug und die Locals spielen Musik mit karibischen Rhythmen. Was für ein Spaß. Leider ist es an diesem Tag so windig, dass viele aufwändig hergestellte Kostüme nicht getragen werden können. So ist es halt hier. Das Wetter ist in diesem Jahr sehr unbeständig. Nachts fallen die Temperaturen auf bis zu 19 Grad Celsius (es lässt sich gut schlafen) und die windigen und böigen Tage dominieren das derzeitige Klima. Die Wassertemperaturen sind auf 24 Grad Celsius gefallen und bewölkte, regenreiche Tage sind leider keine Seltenheit. Auch die Locals wundern sich über das Wetter.
Als wir am nächsten Abend Marie und Olli ins Dinghy einladen, bläst ein ordentlicher Wind aus Ost. Der Schwell ist nicht zu unterschätzen und so wird die Fahrt vom Festland zur KAMI ein erstes nasses Erlebnis für den angereisten Besuch. Koffer und Rucksäcke nass, auch die Fahrgäste erhalten eine salzige Dusche. Willkommen auf den Bahamas!
Am nächsten Tag fahren wir gemeinsam nochmals in den Supermarkt sowie in den Getränkeladen, um noch einiges an Bord zu schaffen. Wir wollen am nächsten Tag aufbrechen und die Inselkette der Exumas absegeln. Unsere gemeinsamen Abende verbringen wir oft mit Karten- und Würfelspielen. Die Zeit vergeht dabei wie im Flug.
Dinghy Dock der SeglerSpieleabendMit den Einkäufen zum Schiff
Unser erstes Ziel ist die „Schweineinsel“ White Cay. Nur 16 Seemeilen von George Town entfernt verlassen wir die Lagune und segeln auf dem offenen Meer bei zwei Meter Welle, die seitlich auf uns trifft. Für die Stammcrew kein Problem, der Besuch aber sitzt mit blassem Gesicht im Cockpit. Nach 3 Stunden ist das Geschaukel vorbei und wir sind wieder auf der anderen Inselseite im seichten türkisfarbenen Wasser. Kaum ist der Anker geworfen, bekommen wir auch schon Besuch von 2 Delfinen, die ihre Runden durch die Lagune drehen. Wir lassen das Dinghy ins Wasser und fahren rüber an den Strand, um die Schweine zu besuchen. Im knietiefen Wasser ziehen Stachelrochen ihre Runden. Auf der Insel liegen mindestens 50 Schweine unter den Bäumen und dösen in der Nachmittagssonne. Große Muttersäue und viele kleine Ferkelchen grunzen zufrieden vor sich hin. Hühner picken dazwischen nach Fressbarem. Einige wenige Schweine kommen uns entgegen und betteln nach Leckereien. Wir haben aber nichts dabei und so düsen wir nach einer halben Stunde wieder zurück zur KAMI. Hier beobachten wir ein Ausflugsboot, das sich nähert. Gefüllt mit mindestens 20 Touristen ruft der Guide noch 20 Meter entfernt vom Strand die grunzende Menge. Und tatsächlich traben mindestens 5 Borstentiere in Richtung Ausflugsboot und schwimmen den Touristen entgegen. Hier wird einiges ins Wasser geworfen: Möhrenstücke, Kartoffeln und Salatblätter. Dem Vieh gefällt es.
Die darauffolgende Nacht wird unruhig. Wir liegen zwar einigermaßen windgeschützt, doch der Schwell, der um die Insel zieht, bewegt das Schiff auf und nieder. Nach dem Frühstück fahren wir weiter unserem nächsten Ziel entgegen. Der Wind bläst wieder ordentlich und auf der Atlantikseite ist die Fahrt wieder anspruchsvoller. Unter Gennaker segeln wir mit 7 Knoten und überspringen zwei geplante Zwischenstopps und laufen Rudder Cat Cay an.
Rudder Cat Cay sowie die Nachbarinsel Musha Cay sind Privatinseln. Der Eigentümer, ihr kennt ihn, David Copperfield, ließ an den jeweiligen Strandabschnitten entsprechende Hinweis- / Verbotsschilder aufstellen. Die Inseln dürfen nicht betreten werden. Doch Rudder Cat Cay stellt sich im Nachhinein als unser Tourenhöhepunkt heraus. Die Ankerbucht ist wunderschön. Kristallklares Wasser, schwimmende Rochen und Ammenhaie, Schildkröten, Riffe mit bunten Fischen und als Höhepunkt die von Copperfield versenkte Meerjungfrau am Piano.
Wir sind einige Tage vor Ort und verbringen viel Zeit beim Schnorcheln und auf den Sup-Boards. Ein kleiner wilder Strand wird trotz Verbotsschildes von den Seglern besucht, so fahren wir dort auch mehrmals mit Piper hin. Hier liegen viele Conch-Schnecken im Wasser, die sich ohne Probleme mit der Hand aufsammeln lassen. Die Conch-Schnecke (Lobatus gigas) ist eine große Meeresschnecke, bekannt für ihr rosa Gehäuse und ihr festes, weißes Fleisch. Sie gilt als Delikatesse, wird oft in Salaten oder als frittierte „Conch Fritters“ hier auf den Bahamas serviert. Auch Piper ist verrückt nach ihnen und tatsächlich beginnt Piper „freiwillig“ zu schwimmen, um zu versuchen, die Schnecken aus dem Wasser zu holen. Wir sind völlig aus dem Häuschen, denn Piper hatte ja bis jetzt eher Angst vor dem Schwimmen. Jetzt geht sie tatsächlich von allein ins Wasser und macht einige Schwimmzüge.
Leider bekommt Marie von unseren Schnorchelausflügen Probleme mit ihrem linken Ohr, so dass an weiteren Unterwasseraktivitäten für sie nicht zu denken ist. Das ist natürlich sehr schade. Wir versuchen auch mit der Bordapotheke eine Verbesserung herbeizuführen und mailen einen HNO-Arzt in Berlin an. Leider bleibt alles erfolglos. Ärgerlich.
Doch auch über Wasser kann man einiges erleben. So entdecken wir an einem Nachmittag an einem kleinen Strandabschnitt zwei Schildkröten, die sich im flachen Wasser am Seegras laben. An Land entdecken wir einige Echsen, die sich von den Sonnenstrahlen verwöhnen lassen. Insgesamt verbringen wir wundervolle Tage an Rudder Cat Cay.
Stachelrochen direkt am StrandBaden im BlauMeerjungfrau am PianoDieses BLAU!Kleine Grotte mit schönem RiffSchildiRiffOlli beim schnorchelnharmloser AmmenhaiRiffFloating am Rudder cat cayKein ZugangSchildkröten am StrandEchsenLoveDinghypflegeSo lässt es sich aushaltenUV Index 12
Wir gehen Anker auf und fahren unter Motor am Edelresort von David Copperfield an der Insel Musha Cay vorbei. Für 57.000 USD am Tag kann man dort mit bis zu 12 weiteren Gästen Urlaub machen. 5 Nächte muss man aber allerdings mindestens buchen. Ein Schnäppchen – nicht wahr?
Ein amerikanischer Katamaran, der vor uns fährt, fährt hinter Musha Cay nicht durch den Pass, sondern „innen“ in der Lagune weiter. Wir wundern uns gerade noch darüber, als sich vor uns eine große Brandung zeigt. Mit beiden Motoren versuchen wir, uns aus dem Pass zu schieben. Wellen türmen sich vor uns auf, die größte Welle schätzen wir mit 4,5 Metern, alles fliegt im Schiff umher, wir stampfen durch das Wasser, eine der Brandungswellen geht „über“ das Schiff. Unser Besuch ist nicht amüsiert – doch nach 5 Minuten ist alles vorbei und wir sind durch – wieder auf dem offenen Meer. Wir nehmen Kurs auf Big Farmers Cay. Während der Fahrt können wir den anderen Katamaran in der Lagune weiter sehen. So müssen wir nach kurzer Fahrt erneut in die Lagune durch den Pass. Diesmal mit der Welle – also mit Rückenschub. Das macht keine Probleme und so lassen wir bei 1,5 Meter Tiefe in der Nähe vom Little Farmer’s Cay Yacht Club den Anker fallen. Die Nacht hier verläuft wieder sehr unruhig aufgrund des Wellenschlags und so beschließen wir am nächsten Tag unser nächstes Ziel „Black Point“ anzulaufen. Hier soll am Wochenende eine große Party steigen.
In Black Point legen wir uns an den Rand der Bucht mit etwas Abstand zu den anderen Yachten. Es ist nicht sehr voll hier, worüber wir uns wundern. Die Veranstaltung wird schon seit Wochen in der Seglercommunity beworben. Das Lorraine’s Café Bahamas Gathering geht über 3 bis 4 Tage mit kleinen Segelregatten, Kostümfesten, Livemusik und Beachaktivitäten. Die Bucht ist im Bereich des Strandes sehr seicht, was das Anlanden mit dem Dinghy bei Ebbe und Flut nicht gerade einfach macht. Man muss hier immer in der Nähe sein und das Dinghy entweder näher an Land ziehen oder mit einem kleinen Anker etwas weiter herausführen. Generell scheint es auf den Bahamas auch öfter „verlorene“ Dinghies zu geben. In den Wochen auf den Bahamas haben wir mindestens 5 Meldungen über abgetriebene oder verlorene Dinghies erhalten.
Eigentlich sollte die Veranstaltung am Freitag beginnen. Überraschenderweise verlassen immer mehr Segler die Bucht. Warum? Liegt es am vorausgesagten schlechten Wetter? Wind und Schwell nehmen die Tage wieder zu und am Samstag erleben wir einen einzigartigen Wolkenbruch. Der Veranstalter muss sich ärgern. Tags darauf fahren wir abends zur Bühne am Strand, es soll Live-Musik geben. Wir warten fast zwei Stunden und fangen an zu frieren, da der Wind immer weiter zunimmt. Die darauffolgende Nacht wird so unruhig, dass wir beschließen, uns in eine Nachbarbucht zu verlegen. Und wie in Abrahams Schoß finden wir endlich wieder ruhigen und erholsamen Schlaf.
Warten auf die LivebandBlack Point BuchtBühne am StrandRegen in der BuchtRegen Regen RegenWas kommt da auf uns zu?Keine guten AussichtenBlack Point BaptistenBlack Point Beachkühler PartyabendAnlanden bei Ebbe
Die Urlaubstage von Marie und Olli neigen sich dem Ende zu. Wir beschließen mit einem kurzen Zwischenstopp in Rudder Cat Cay wieder zurück nach George Town zu segeln. So sind wir am Montag zurück und der Flug nach DE über Nassau geht Donnerstag in den frühen Morgenstunden.
Wir nutzen die restlichen Tage und besuchen die kultige Strandbar „Chat & Chill“. Hier gibt es einen Conch-Stand, der einen frischen Salat mit der Schnecke für 20 USD anbietet. Die Abfälle (Eingeweide der Schnecke) werden dort ins flache Wasser geworfen. Das lockt einige große und zahme Stachelrochen her, die man dort sogar im flachen Wasser füttern kann.
Olli hilft uns tatkräftig bei einigen kleineren Bootsproblemen. Einmal will unser Ankerlicht nicht mehr scheinen und ein anderes Mal versagt die Abflusspumpe der Gästedusche. Meist sind es nur korrodierte Kontakte, aber helfende Hände bei der Problemlösung sind immer gern gesehen und willkommen.
Nun ist der Abreisetag gekommen und Mike fährt beide (diesmal einzeln) früh um 6 Uhr von Bord der KAMI an den Dinghy-Stegg. Hierher haben wir das Taxi für die Fahrt zum kleinen Flughafen hier in George Town bestellt. Die Überfahrt samt Gepäck verläuft dieses Mal trocken und der Taxifahrer trifft fast pünktlich ein. Marie und Olli düsen Richtung Flughafen los und wir legen uns noch einmal für 2 Stunden aufs Ohr, schließlich ist es ja noch dunkel und früh am Tag.
Die nächsten Tage wirken seltsam leer. Wir müssen oft an die Beiden denken – wie weit sie jetzt wieder weg sind. Über 24 Stunden hat ihre Rückreise nach Berlin gedauert. Insgesamt 4 Flüge mussten sie absolvieren. Hoffentlich sehen wir uns bald wieder.
Es fällt uns auf, dass es hier in George Town immer „leerer“ wird. Eigentlich liegen hier das ganze Jahr hunderte von amerikanischen und kanadischen Yachten. Im Moment sind es nicht wirklich viele. Liegt es daran, dass die amerikanischen Ferien (Spring Break) zu Ende sind?
Einen großen Vorteil hat es für uns. Die Regale im Supermarkt sind endlich wieder richtig gefüllt. Natürlich sind die Preise enorm. Zum Beispiel zahlt man für ein Glas Miracle Whip 16,25 USD und für einen Blumenkohl 13 USD. Kathi wurde mal im Supermarkt von einer Amerikanerin angesprochen, ob sie wüsste, wie teuer der Blumenkohl hier ist. Ja, wissen wir. Wir brauchen aber im Gegensatz zu euch Obst und Gemüse für eine gesunde Ernährung.
Auf unserer Bucketliste steht noch das „Probieren“ des bahamischen Conchsalats. Tage lang war der Stand am Chat & Chill Beach geschlossen. Doch dann haben wir Glück und bestellen eine Schale von dem legendären Salat. Er besteht aus fein geschnittenem / gehacktem Conchmuskel, Zwiebel, grüner Paprika, Salz, Tomate und einer ausgepressten Zitrone. Mike schmeckte es gut, Kathi könnte darauf verzichten. Also unentschieden!
Zubereitung am StrandFertige Portion für 20 USD
Im „The Beach Club“ wollten wir zu unserem Wedding Day schick essen gehen. Eine Reservierung war im Vorfeld zwingend erforderlich. Es war ein kurzer aber angenehmer Besuch. Die Speisen waren ganz okay (und endlich mal etwas Gemüse auf dem Teller), aber mit der Zeit wurde es in der Location immer lauter – eine amerikanische Gruppe bestehend aus 15 Damen feierte wohl einen Junggesellenabschied. Die Örtlichkeit hat uns aber sehr gefallen. Ein Mix aus Ferienwohnungen und Lofts, alles sehr gepflegt, hier und da das eine oder andere „Sold“-Schild.
Nun liegen wir wieder bei doch eher mäßigem Wetter (Wind & Regen) vor Stocking Island (gegenüber von George Town) vor Anker. Wir wollen in den nächsten Tagen noch einige Arbeiten am Boot machen und müssen für unsere nächste Passage zu den Cayman Islands noch aufproviantieren. Geplant ist die Route von hier wieder in Richtung Inagua zum Ausklarieren und dann spätestens Ende der 17ten KW. zu den Caymans aufzubrechen. Es sind dann rund 480 Seemeilen bis dorthin und wir planen 4 bis 5 Tage für die Passage ein. Auf Grand Cayman bekommen wir von Kathis Freundin zwei wöchigen Besuch und werden dort in der vorletzten Maiwoche in Richtung Guatemala aufbrechen.
Unser Fazit zu den Bahamas:Ein tolles Revier mit kristallklarem Wasser und vielen Blautönen. Die Unterwasserwelt ist nicht sehr aufregend, man sieht größtenteils immer das Selbe. Ammenhaie, Schildkröten, Delfine, Stachelrochen. Nur an exponierten Rifflagen auch mal karibische bunte Fische wie den Palettendoktorfisch, Falterfische, Grundeln usw. Die Preise hier sind heftig und vermutlich wegen der Gebührenerhöhung der Cruising Permits in diesem Jahr bleiben viele Segler weg. Wir haben einige Inseln gesehen und können fast sagen: Kennst du eine – kennst du alle. Nichtsdestotrotz wollen wir die hier gewonnenen Erfahrungen nicht missen und hoffen, noch weiter „westlich“ artenreichere Fauna und Flora zu entdecken.
Lokales BananenbrotAtlantikseitePiper mit Pfotenschutz
Nach einer sehr anstrengenden Fahrt gegen Wind und Welle erreichen wir erschöpft die erste Insel der Bahamas, Inagua. Wir kommen gegen Sonntagmittag an und lassen den Anker vor dem kleinen Hafen Matthew Town in kristallklarem, türkisfarbenem Wasser auf 3 Meter fallen. Bei den Behörden können wir am nächsten Vormittag problemlos einklarieren; dazu fahren wir mit dem Dinghy in den kleinen Hafen. Es dauert nur wenige Augenblicke, da werden wir schon von einem Local angesprochen. Kurz darauf taucht wie aus dem Nichts ein Taxifahrer auf, der sich mit dem Local ein kleines Wortgefecht liefert. Wir steigen ins Taxi ein, und schon braust er mit uns zur „Behördenbaracke“. Nach nur 5 Minuten ist die kostenlose Fahrt vorbei, und der Taxifahrer erklärt uns, dass der Local, der uns im Hafen angesprochen hat, kein guter Mensch ist und immer wieder versucht, Geld von Seglern und Touristen zu erbetteln. Ferner erzählt er, dass den Einheimischen viel daran liegt, mehr Tourismus anzuziehen. Leider wird die Insel oft nur als erster Anlauf zum Einklarieren besucht und dann meist schon am selben Tag wieder von den Seglern verlassen.
Wir bleiben gut fünf Tage, denn wir müssen unsere Segel wieder auf Vordermann bringen und nachtanken. Wir belesen uns im Netz und finden viele Hinweise, dass man auf kleinen Inseln möglichst nicht nachtanken sollte. Oft ist der Diesel mit Wasser und Schmutz versetzt und sehr schwefelhaltig. Gut, dass wir noch 300 Liter in Kanistern als Ersatz an Bord haben. Wir tanken jeweils 100 Liter pro Maschine und Bug mit Kanistern nach und planen, unseren Kraftstoffvorrat in George Town in den Exumas wieder aufzufüllen. Hier ist die Bootsdichte so hoch, dass ein gewisser Dieselumsatz an den Tankstellen gegeben ist. Das Risiko, verschmutzten Treibstoff zu bunkern, ist wohl in George Town gering.
Auf Anker vor Inagua kümmern wir uns um unsere Segel. Wir stellen fest, dass der massive Metallschäkel der Genua aufgebogen war und sich bei stärkerem Seegang vom Genuaschlitten abgesprengt hat. Wir finden ihn zufällig an Deck. Zum Glück ist das Segel nicht beschädigt, wie erst angenommen. Kathi muss hoch in den Mast und das Genuafall wieder freigängig machen – es hat sich oben verklemmt. Nach etwas Hin- und Herholen bekommen wir das Fall frei (es hatte sich umwickelt). Wir schlagen das Segel neu an (wir hatten passenden Schäkelersatz an Bord), und die Genua ist wieder fit. Als Nächstes holen wir den Gennaker herunter. Mike nimmt sich den Furler vor, flechtet ein Dyneema-Seil als Klemme ein und vernäht alles sauber. Durch UV-Strahlung und Salzwasser hat sich die Gummirutschsicherung am Furler aufgelöst und ist teilweise aus der Trommel gebrochen. Wir hoffen, dass unsere Ersatzsicherung hält – ein neuer Furler ist uns momentan zu teuer.
Nun muss noch das Großsegel geklärt werden. Mike lässt sich von Kathi in den Mast hochziehen und schleift die gröbsten Grate von der Mastschiene. Danach versuchen wir, das Großsegel durchzusetzen – leider wieder ohne Erfolg. Dann fällt uns auf, dass die Halterungen der Segellatten komisch aussehen: Hier sitzt eine kleine Spange, die sich geweitet hat und keine Funktion mehr erfüllt. Wir fixen die einzelnen Spangen mit Gafferband und einem kleinen Kabelbinder. Et voilà, das Großsegel lässt sich von Hand fast bis zum Ende durchholen. Wir freuen uns, dass wir die Probleme gelöst haben.
In der kleinen City von Matthew Town finden wir einen Minimarkt. Es gibt fast nichts zu kaufen, und die wenigen Dinge in der Auslage sind wahnsinnig teuer. Wir ergattern fünf kleine Äpfel und zahlen fast 12 Dollar dafür. Auf dem Rückweg zum Hafen kehren wir in einen kleinen Imbiss ein und geraten dort mit einer älteren Amerikanerin ins Gespräch, die vor 15 Jahren aus Liebe hierhergezogen ist. Sie ist die Lehrerin auf der Insel, die gerade einmal 550 Bewohner hat.
Direkt an der Hauptstraße, in unmittelbarer Nähe einer Bankfiliale, des Minimarkts und des Imbisses, betreibt man den Inselgenerator zur Stromproduktion. Dieser riesige Generator läuft Tag und Nacht, ist schrecklich laut und spuckt extrem viel Stickoxid und Dreck in die Luft. Wir können es nicht fassen, dass Wohnhäuser direkt danebenstehen. Eine Haltestelle des Schulbusses liegt direkt davor an der Hauptstraße. Schlimm!
Zurück an Bord werden wir einen Tag vor dem Ablegen in Richtung Hogsty Reef von drei Delfinen besucht. Sie floaten stundenlang um unsere KAMI herum, spielen und necken sich. Was für ein toller Anblick!
Kosmetiksalon im ValentinsstyleImbiss noch im ChristmasstyleIm ImbissBlick zur KAMIMinimarktDreckschleuder DieselgeneratorBahamaisches BierMuseum
Am nächsten Tag nehmen wir Kurs auf die Exumas. Wir werden jetzt etappenweise jeden Tag 30 bis 40 Seemeilen in diese Richtung absolvieren. Der erste Stopp ist das Hogsty Reef, ein kleiner Sandhaufen mitten im Ozean. Dort gehen wir mit Piper an Land und lassen sie ohne Leine laufen. Hier gibt es nichts außer einer baufälligen Landmarke und angespültem Plastikmüll. Auch unter Wasser ist es eher unspektakulär. Von den erwarteten Haien, Schildkröten und Rochen lässt sich nichts blicken. Nach einer tausendsternfunkelnden Nacht an diesem surrealen Ort geht es am morgen weiter Richtung Acklins.
Auf dem Weg dorthin fällt uns ein graues Schiff der Küstenwache auf, das in etwa 10 Seemeilen Entfernung mit einer amerikanischen Segelyacht funkt und nach Schiffs- und Personendaten fragt. Wir ahnen schon, dass wir die Nächsten sein werden, haben aber Glück. Sie ziehen in Gegenrichtung an uns vorbei und sind nach 30 Minuten am Horizont verschwunden.
Im Süden der Insel Acklins legen wir nach sechs Stunden Fahrt einen weiteren Ankerstopp ein. Wir genießen den Nachmittag, als wie aus dem Nichts das Küstenwachschiff wieder auftaucht. Es wirft unweit von uns den Anker und lässt ein Beiboot zu Wasser. Na klasse – wird es bald Besuch geben? Die Beamten fahren zuerst zu einer in der Nähe liegenden Motoryacht. Wir setzen uns ins Cockpit und flachsen herum, da taucht das Beiboot neben uns auf. Besetzt mit sechs uniformierten Beamten bitten sie, an Bord kommen zu dürfen. Auf Steuerbord drücken sie ihr RIB gegen die KAMI, drei Beamte steigen wacklig über. Ein Beamter bleibt hinten mit Sturmgewehr im Anschlag stehen, die zwei anderen kommen ins Cockpit. Einer ist für das Protokoll zuständig, der andere führt das Gespräch und ist wohl der Chef. Piper ist über diesen Besuch nicht sehr erfreut. Sie schimpft und lässt sich nur schwer beruhigen. Kein Wunder, die Beamten verbreiten eine negative Ausstrahlung. Kathi gelingt es ihr das Geschirr umzulegen und sie auf ihrem Schoß festzuhalten.
Wir legen brav alle Dokumente vor und geben Auskunft: Woher kommen Sie? Wohin wollen Sie? – Na, die üblichen Fragen. „Sind Waffen an Bord?“, wird gefragt. Der Chef möchte sich im Inneren der KAMI umschauen. Im Salon öffnet er den Kühlschrank und das Fach mit Gewürzen und trockenen Nahrungsmitteln (Nudeln, Reis usw.). Im Backbordrumpf staunt er über unseren Lagerraum und fragt, was in den großen Kisten ist. „Ersatzteile und Werkzeug“, gebe ich Auskunft. Er lässt eine Kiste öffnen, wirft einen Blick hinein, grübelt kurz und geht in den anderen Rumpf. Dort wirft er einen kurzen Blick und eilt zurück zu seinem protokollführenden Kollegen. Der zeigt ständig auf Kathis Tischdeko – kleine Muscheln und Schneckenhäuser, die wir bisher an Stränden gesammelt haben. Ein größeres Schneckenhaus ist wohl eine geschützte Art. Der Chef winkt ab, und nach ca. 20 Minuten verlassen sie das Schiff und düsen davon. Zurück bleiben viele schwarze Schuhabdrücke auf dem weißen Deck und dem frisch geputzten Teak im Cockpit. Wir sind bedient! Wir schrubben das Deck; der Schmutz lässt sich nur schwer entfernen. Nach zwei Stunden sind die ärgerlichen Mitbringsel beseitigt. Was für ein schöner Besuch!
Wir segeln …Kathi am GroßsegelTrittspuren auf dem TeakSchneckenhaus & Co.Besuchsüberbleibsel
Nach einer weiteren Nacht im Nordwesten der Insel setzen wir nach Long Island über. Im Süden der Insel besuchen wir eine kleine Strandbar. Hier soll es nach Berichten anderer Segler legendären Rum-Punsch geben. Den wollen wir verkosten – und sind begeistert! Ein schöner Fleck auf der Insel, leider wird in der Nähe Tag und Nacht Müll verbrannt. Die Geruchsbelästigung treibt uns schnell weiter in Richtung Inselmitte. Vor dem kleinen Ort Clarence Town verlegen wir in eine flache, türkisfarbene Lagune und ankern im flachen Wasser – teilweise nur noch 50 Zentimeter unter dem Kiel. Da wird einem unwohl. Aber alles passt, und wir düsen mit dem Dinghy zum Dinghy-Dock. Hier sehen wir mehrere Haie und einen riesigen Stachelrochen im seichten Wasser schwimmen. Hinweisschilder am Dock warnen ausdrücklich vor den Haien. Die einheimischen Fischer, die hier Abfälle ins Wasser werfen, werden von den Tieren gern angenommen. Dadurch kam es wohl schon zu kleineren Bissverletzungen bei Touristen, die ihre Hände ins Wasser hielten. Im Ort finden wir einen kleinen Bakery-Shop und kaufen ein paar Eier und soeben gebackenen Rumkuchen. Leider gibt es kein frisches Obst. Schade. Auf dem Weg zur naheliegenden Marina entdecken wir endlich wieder Kokospalmen. Auf Acklins gab es keine, nur Gestrüpp – daher ist unsere Freude groß, wieder Kokosnüsse zu sehen. Direkt an der Straße stehen mehrere große Palmen, darunter liegen vereinzelt Früchte. Wir nehmen eine grüne, frische Kokosnuss mit an Bord – Piper ist außer sich vor Freude. Sie schleckt das Kokoswasser auf und macht sich über das frische Kokosfleisch her.
Überfahrt Kathis neuer SonnenschutzAnkunft Long IslandGordons Beach – Long IslandGordons Beach – Long IslandGordons Beach – Long IslandGordons Beach – Long IslandGordons Beach – Long IslandGordons Beach – Long IslandGordons Beach Bar & GrillGordons Beach Bar & GrillGordons Beach – Long IslandGordons Beach Bar & GrillGordons Beach – Long IslandGordons Beach – Long IslandGordons Beach Bar & GrillBrandung vor der Lagoone Clarence TownDinghy DockClarence TownClarence TownClarence Town
Nach einem weiteren Ankerstopp im Norden der Insel erreichen wir nach sechs Stunden Motoren bei Flaute endlich George Town auf den Exumas. Dieser Ort ist besonders: Hier haben wir 2023 das erste Mal die KAMI von den Voreignern besichtigt. Aber nicht nur das – George Town ist für die US-Segelcommunity der absolute Hotspot. Veranstaltungen an den Stränden, Hunderte Schiffe vor Anker, Supermärkte, Tankstellen und ein Flugplatz in der Nähe machen diesen Ort aus. Hier werden wir in den nächsten Tagen Marie und Olli für drei Wochen an Bord begrüßen. Gemeinsam wollen wir die Exumas erkunden – über und unter Wasser. Wir freuen uns riesig auf den Besuch aus der Heimat.
Es gibt auch Negatives zu berichten: Unsere Saildrives machen beide Probleme. Wir hatten ja schon berichtet, dass der Saildrive auf Backbord Öl verliert und die Reparatur durch Gregory in Sint Maarten keine Besserung brachte. Das ist nach wie vor so – wir verlieren weiter geringe Mengen, aber es ist bedenklich.
Marie bringt ein Mittel aus Deutschland mit, das unter Schwarzlicht die Leckstelle sichtbar machen soll. Wir berichten davon später.
Hier in George Town vor Anker wollten wir am Steuerbord-Saildrive nur den Ölstand prüfen, vernahmen aber beim Herausziehen des Ölmessstabs einen abscheulichen Geruch, und die Ölfarbe war mehr hellgrau als braun. Nicht gut! Das heißt: Wasser im Ölkreislauf. Wir sind sauer! Haben wir doch vor nicht einmal einem Jahr beide Saildrives in Deutschland bei der Firma Marine Service Rostock (Herrn Neumeister) für viel Geld warten lassen. Schon bei der Inspektion in Barth gab es Probleme – dass jetzt beide Antriebe solche Mängel zeigen, ist unakzeptabel.
Beide Saildrives müssen dringend repariert werden. Wir haben schon in einer Werft in Guatemala, wo wir die Hurricansaison verbringen werden angefragt und professionelle Hilfe zugesichert bekommen. Die KAMI wird dort auch wegen eines neuen Antifoulinganstrichs aus dem Wasser gehoben. In dieser Zeit müssen die Antriebe spätestens instandgesetzt werden.
Wir haben jetzt erst mal auf Steuerbord einen Ölwechsel gemacht. Nimmt die Wasserkonzentration im Ölkreislauf zu, steigt das Risiko von Rostbildung und Verlust der Schmierwirkung. Für uns heißt das: Ab sofort wöchentlich Ölstände in beiden Saildrives kontrollieren und bei gräulicher Farbe mit Geruch – sofort Öl wechseln.
Ankerfeld vor George TownFarben & Lichter in der AnkerbuchtPiper hält WacheAbgesaugtes Öl aus dem StB Saildrive
Nachdem wir die Marina Pointe du Bout verlassen haben, werfen wir den Anker vor „Le Carbet“. Wir genießen drei Tage dort und besuchen die Bar Le Wahoo. Hier gibt es den Mega-Cocktail Despejito – eine Mischung aus Mojito und Desperados. Unglaublich lecker! Dann geht es für uns weiter.
Wir liegen in der traumhaften Bucht Anse Couleuvre auf Martinique vor Anker, um unsere nächste Überfahrt zur Insel Marie-Galante vorzubereiten. Am nächsten Tag werden wir in den frühen Morgenstunden plötzlich von einem merkwürdigen Piepton geweckt. Wir schrecken hoch und stellen fest, dass wir keinen Strom mehr an Bord haben. Panisch rennen wir durch die KAMI und suchen den Fehler, prüfen Sicherungen, Systeme, Schalter – alles drin, alles normal … nur eben komplett ohne Strom. Die Batterien liefern nur noch rund 10 Volt. Mike ruft kurzerhand unseren Elektriker Matthias an, der die komplette Elektrik auf der KAMI neu aufgebaut hat. Zum Glück geht er sofort ans Telefon. Nach einem kurzen Gespräch schaltet er sich von Mallorca aus auf unser Victron-System und prüft alles remote. Und dann kommt der Hammer: Unsere Batterien sind komplett leer, obwohl das System am Abend vorher noch 60 % Kapazität angezeigt hatte!
Laut Matthias war die Kalibrierung fehlerhaft – vermutlich durch ein Server-Update von Victron. Offenbar waren wir schon länger mit viel zu wenig Spannung unterwegs, ohne es zu wissen. Zum Glück hatte Mike damals darauf bestanden, den Generator mit einer separaten Batterie abzusichern, denn wir konnten nicht einmal die Maschinen starten. Also: Generator an, durchatmen und weiter. Matthias setzt die Batterieanzeige komplett auf null. Jetzt muss der Generator laufen, bis wir wieder bei echten 100 % sind – und diesmal sind 100 % auch wirklich 100 %. Bei LiFePO₄-Batterien entspricht das 14,7 Volt.
Eigentlich wollten wir erst am nächsten Morgen gegen fünf Uhr nach Marie-Galante starten, aber da der Generator die ganze Nacht hätte laufen müssen, wollten wir unseren Ankernachbarn den Krach nicht antun. Also ziehen wir die Abfahrt auf den Nachmittag vor und gehen gegen 17 Uhr Anker auf. Für die 65 Seemeilen brauchen wir rund 13 Stunden.
Wir starten am Nachmittag, setzen die Genua – doch plötzlich funktioniert eine unserer drei elektrischen Winschen im Cockpit nicht mehr. Na toll – was denn jetzt noch alles … Aber dank Kurbel und Muskelkraft geht es auch so. Für Kathi ist es allerdings ziemlich mühsam, weil die Winsch relativ weit oben sitzt und sie aufgrund ihrer Körpergröße auf dem Steuerstand-Sitz knien muss, um sie bedienen zu können. Sieht witzig aus – und funktioniert. Am nächsten Morgen gegen 10 Uhr erreichen wir Marie-Galante. Auf dem Weg in die Ankerbucht schlängeln wir uns durch unzählige Fischerbojen (manchmal nur leere Getränkeflaschen) – so etwas haben wir noch nie erlebt. Wir fahren Slalom bis kurz vor den Strand. Es hat sich gelohnt: Die Bucht ist ein Traum. Weißer Sand, türkisfarbenes Wasser, und bis auf vier andere Ankerlieger nur wenige Besucher am Strand. Es ist herrlich ruhig. Wir verbringen dort drei wunderschöne Tage, schwimmen, genießen das Wasser und die Stille. Piper übt fleißig das Schwimmen und verliert mehr und mehr ihre Angst vor dem Wasser. Kathi muss zwischenzeitlich „in den Mast“. Unsere Flaggenleine ist gerissen – die Sonne hat mit ihren UV-Strahlen das Gewebe der dünnen Leine völlig zersetzt.
Wir segeln weiter nach Guadeloupe, in die Hauptstadt Pointe-à-Pitre. Sie ist nur drei Stunden entfernt. Dort gibt es einen riesigen Hafen, diverse Yachthändler, und wir hoffen auf das passende Ersatzteil. Die elektronische Steuerbox hat ihren Dienst quittiert und muss ersetzt werden. Wir hatten hierzu auch mit dem Kundendienst des Herstellers (HARKEN Deutschland) telefoniert. Leider wird Mike in keinem der Shops fündig. Wir ankern so nah an der Fahrrinne, dass wir die vorbeifahrenden Kreuzfahrtschiffe fast mit der Hand berühren können. Uns ist etwas unwohl – also geht es am nächsten Tag weiter nach Saint-Barthélemy – rund 190 Seemeilen, etwa 38 Stunden Passagezeit.
Wir haben uns als Ziel die wunderschöne Bucht Anse du Gouverneur ausgesucht – abseits von Städten und Trubel. Es ist zwar etwas schwellig, aber auf unserer KAMI gut auszuhalten. Nach einem Schnorchelausflug – inklusive Sichtung eines Rochens – fahren wir mit Piper an den Strand. Der ist nicht nur traumhaft schön, sondern auch Brutstätte für Landschildkröten, die überall über den Sand laufen. Wahnsinn! Piper schaut etwas verdattert, interessiert sich aber erstaunlicherweise wenig für die süßen Tierchen.
Zurück an Bord meint Mike plötzlich: „Du, lass uns mal die Motorräume und die Bilgen prüfen, ob alles safe ist.“ Also los – und dann beginnt das Unheil. Die Bilgen sind trocken – super! – aber im Steuerbord-Motorraum steht Wasser. Bei genauerem Hinsehen entdecken wir, dass die erst letztes Jahr neu eingebaute Wasserpumpe völlig korrodiert ist. Grrr! Schlimmer kann es ja nicht mehr werden … oder doch? Im Backbord-Motorraum steht Öl. Und das geht wirklich gar nicht. Die Motoren sind – neben Generator und Wassermacher – die wichtigsten Bauteile an Bord. Wir machen alles sauber und entscheiden uns sofort, am nächsten Morgen die Bucht zu verlassen und nach Saint-Martin in die Nähe der Hauptstadt Marigot zu segeln – nur etwa drei Stunden entfernt.
Die Infrastruktur der Insel ist gut, es gibt diverse Yachthändler, und wir hoffen auf passende Ersatzteile – zumindest für die Winsch und die Wasserpumpe, die wir selbst tauschen können. Für den Motor brauchen wir professionelle Hilfe. Auf der Insel gibt es einen Yanmar-Händler und diverse andere Yachtausrüster.
Wir ankern in der riesigen Bucht Baie de Marigot direkt vor der Hauptstadt. Überall Dinghy-Docks und unfassbar viele Schiffe – darunter auch Superyachten mit eigenem Helikopter-Landeplatz. Als Erstes fahren wir mit dem Dinghy zum Marine-Shop Île Marine. Dort treffen wir auf Fabian, einen supernetten Berater, der sofort hilft, das richtige Teil für die Winsch zu finden, und uns den Kontakt zu Fabrice gibt – ein Mechaniker, der „sehr gut sein soll“. Kathi schreibt Fabrice sofort, schickt Bilder vom öligen Motorraum und klärt, ob er die vermutlich defekten Dichtungen am Saildrive (Getriebe) wechseln kann und Zeit hat. Er antwortet: „Kein Problem.“ Er geht zu Île Marine, erklärt Fabian, welche Dichtungen wir brauchen, und Fabian bestellt sowohl die Dichtung als auch unsere Wasserpumpe in Miami (USA) – per FedEx, Lieferzeit etwa fünf Tage. Heute ist Freitag, also sollten die Teile Mittwoch oder Donnerstag da sein.
Wir reparieren in der Zwischenzeit die Winsch – klappt super – und kaufen Haltbares für unsere kommende Zeit auf den Bahamas ein.
Das heißt: mehrere Supermarktbesuche, schleppen, ins Dinghy laden, an Bord verstauen – und wieder von vorn. Es dauert, aber wir haben ja Zeit. Wir besuchen mit Piper eine kleine Tierarztpraxis in Marigot. Impfungen auffrischen, Krallen schneiden und der Rundumcheck für das Gesundheitszertifikat (zum Einklarieren auf den Bahamas) stehen auf dem Programm. Die junge Ärztin ist toll – sie küsst Piper sogar auf den Kopf und geht sehr liebevoll mit unserem Fratz um.
Mit dem Mietwagen erkunden wir noch etwas die Insel, fahren nach Philipsburg, der niederländischen „Hauptstadt“, und schlendern mit Piper über die kleine Strandpromenade.
Dann, am Donnerstag, kommt endlich der ersehnte Anruf: Die Ersatzteile sind da! Kathi schreibt sofort Fabrice. Er antwortet, er komme Freitag früh um 10 Uhr. Pünktlich um 10 Uhr steht Fabrice an Bord. Wir haben vorher schon die Zugänge zu den Maschinenräumen freigeräumt. Doch sein Gesichtsausdruck, als er in den Motorraum schaut, verheißt nichts Gutes. „Bei diesem Schwell hier in der Bucht kann ich nicht arbeiten“, sagt er nur. Super. Eine Woche warten – für nichts.
Es ist 10:30 Uhr, Fabrice verlässt die KAMI mit seinem Dinghy. Wir schauen uns an, und Kathi sagt: „Komm, um 12 Uhr müssen wir den Mietwagen abgeben. In der Nähe von Philipsburg gibt es einen Yanmar-Händler und Reparaturservice. Da fahren wir jetzt noch schnell hin.“ Gesagt, getan. Ein sehr netter älterer Herr sitzt am Tresen. Wir schildern unser Problem. Er blättert im Kalender – wir halten die Luft an – und dann sagt er: „Donnerstag nächste Woche – frühestens.“ Unser Grinsen konnte man vermutlich vom Parkplatz aus sehen. Natürlich nehmen wir den Termin, kaufen gleich den passenden Dichtungssatz und geben noch 10 Dollar Trinkgeld mit der Bitte, uns vorzuziehen, falls jemand abspringt. Das bedeutet allerdings, dass wir vom französischen Teil der Insel in den niederländischen segeln müssen. Die Insel hat eine Lagune, die beide Seiten verbindet, aber auf der französischen Seite wird die Klappbrücke seit einem lokalen Aufstand in der letzten Woche bestreikt. Für uns heißt das: außen herum.
Am Samstag wird zuerst die Wasserpumpe gewechselt. Nach Rücksprache mit Nico, unserem Techniker aus der Heimat, gehen wir ans Werk. Neue Pumpe vorbereiten, fetten, montieren – dann die alte Pumpe vom Motorblock ausbauen und die neue vorsichtig einsetzen. Klingt einfach, wäre da nicht der kaum vorhandene Platz in unseren Maschinenräumen. Aber wir schaffen es! Probelauf – alles dicht. Sehr gutes Gefühl.
Am Sonntag machen wir uns auf den Weg zur Simpson Bay Bridge im niederländischen Teil der Insel. Nach einem kurzen Telefonat mit dem Brückenwärter müssen wir erst vor der Brücke ankern und die Durchfahrtsgebühr von 41 US-Dollar bezahlen. Wir nehmen alle Dokumente mit, denn wir müssen auf diesem Teil der Insel noch „klassisch“ einklarieren – das heißt vor Ort mit vielen Formularen, nicht so fortschrittlich digital wie auf den französischen Überseeinseln.
Im Polizeigebäude treffen wir auf eine freundliche junge dunkelhäutige Dame, die gerade das „Mittagspause“-Schild umdrehen will. Sie lächelt, fragt, ob sie uns noch helfen kann, und meldet die KAMI zur nächsten Brückenöffnung an. Einklarieren können wir allerdings noch nicht, da wir uns in Frankreich nicht abgemeldet haben. Das war uns neu – in Frankreich geht so etwas bequem online. Sie druckt die nötigen Formulare aus und erklärt uns den Ablauf. Wir geben noch 5 US-Dollar Trinkgeld und wünschen ihr eine erholsame Mittagspause. Nach der Brückenöffnung gegen 14 Uhr fahren wir in die Lagune – und staunen nicht schlecht: Wir haben noch nie so viele Mega-Yachten auf einem Haufen gesehen. Wahnsinn!
Nachdem wir einen freien Ankerplatz gefunden haben, fahren wir zurück zur Immigration. Drei Paare warten bereits vor uns. Plötzlich kommt eine Polizistin heraus, erkennt uns wieder, nimmt unsere Dokumente entgegen – und drei Minuten später haben wir unsere Einreisepapiere. Reibungslos! Wow! Lag es vielleicht an unserem kleinen Trinkgeld vorhin? Ohne Witz: Direkt an der Scheibe des Schalters steht ein transparenter Kunststoffbehälter mit der Aufschrift „Tip“. In Deutschland undenkbar – aber gut, uns hat es Wartezeit erspart, und die Damen dort waren wirklich sehr nett und freundlich.
Am Nachmittag haben wir noch einen Video-Call mit Mikes Familie und machen uns danach auf den Weg, den Hafen und die Stadt zu erkunden. Piper bleibt an Bord – der ganze Trubel wäre ihr zu viel. Also entspannt sie zu Hundemusik auf Apple Music und genießt die Ruhe.
Am Montagmorgen will Kathi dem Yanmar-Service schreiben, dass wir in der Bucht liegen. Doch nach dem Aufwachen gegen 7:30 Uhr entdeckt sie einen Anruf in Abwesenheit – Vorwahl +1, das kann nur von hier sein – vielleicht Yanmar? Sie ruft zurück, und ein freundlicher Mechaniker namens Gregory meldet sich. Er fragt, ob wir schon da sind und ob wir ihn am Dinghy-Dock abholen können. Na klar können wir! Mike wird aus dem Schlaf gerissen, springt ins Dinghy, holt Gregory ab, und zehn Minuten später steht er bei uns an Bord und beginnt sofort mit der Arbeit. Mithilfe eines Flaschenzugs, der an unserer Dirk befestigt wird, hebt er den Motor an, um ihn vom Getriebe zu trennen. Der Schaden ist größer als gedacht – und laut seiner Aussage war das Getriebe falsch eingebaut. Deshalb war das Getriebeöl bereits tiefschwarz und die Kupplungsscheiben vorzeitig verschlissen. Durch die beschädigten Dichtungen trat Öl in den Maschinenraum aus. Mike fährt mit Gregory zur Firma, um die beschädigte Getriebewelle reparieren zu lassen. Gott sei Dank sind die dazu benötigten Kupplungsteile vorrätig. Nach einer Stunde geht es zurück zur KAMI, und Gregory macht sich unverzüglich an den Zusammenbau. Gegen 14 Uhr ist das Werk getan – und die Maschine läuft wieder! Kein Ölaustritt mehr.
Gregory beim Motor anhebenBlick auf die GetriebewelleDas alte GetriebeölRegenschutz für Gregory
Wir fahren gemeinsam mit Gregory zurück zur Yanmar-Werkstatt und bezahlen beim netten älteren Herrn von letzter Woche. Bei der dankbaren Verabschiedung drücken wir Gregory noch ein ordentliches Trinkgeld in die Hand. Er grinst über beide Wangen und freut sich. Wir sind zutiefst dankbar für die rasche und professionelle Hilfe.
Zurück an Bord machen wir gleich eine Wetterrouting-Planung. Es sieht für die nächsten Tage nicht ganz optimal aus. Wir wollen jetzt so schnell wie möglich auf die Bahamas – endlich wieder in kristallklarem Wasser tauchen und die vielen kleinen Inseln mit schneeweißen Stränden genießen. Ab Samstag sieht es windtechnisch ganz gut aus, also legen wir den Start darauf fest. Geschätzte Passagezeit: fünf Tage. Vorher müssen wir noch einmal Pipers Gesundheitszertifikat aktualisieren lassen, ausklarieren und verderbliche Lebensmittel aufproviantieren. Die Kühlschranktür muss noch nachgestellt und das Schiff segelfertig gemacht werden (Dinghy verzurren, Lagerkisten sichern usw.).
Wir freuen uns sehr auf die Exumas – und auf den bevorstehenden Besuch aus Deutschland Anfang März.
Piper auf WacheRestaurantbesuchWartezeit in der LaundryUnter dem RegenbogenMikes LeibspeiseSchrottboote i.d. LaguneVon Locals bewohntEinfach stehen gelassenGeld regiert die WeltSuperyachten in Sint MaartenBegrüßung vor der Polizeistation
Wie geplant laufen wir am 8. Dezember in den kleinen Hafen von Pointe du Bout ein. Wir machen direkt neben dem Fähranleger der martiniquischen „Blue Lines“ fest und haben von unserem Cockpit aus einen großartigen Blick hinüber nach Fort-de-France, die Hauptstadt von Martinique. Die Fähren, die jeweils rund 80 Personen transportieren können, kommen und gehen im 20‑Minuten-Takt – fast täglich von 6:45 Uhr bis 22:00 Uhr. Anfangs finden wir das rege Treiben noch spannend und fühlen uns mittendrin im karibischen Alltag, doch je länger wir im Hafen liegen, desto mehr zerrt der permanente Hafenkrach an unseren Nerven. Zu den Fähren gesellen sich zahlreiche Ausflugskatamarane und Touristenboote, die ebenfalls ständig ein- und auslaufen.
Tatsächlich liegen nur wenige andere „Gäste“ hier in Pointe du Bout, was uns überrascht, denn die Lage des Hafens ist fantastisch. Rundum reihen sich Restaurants, Bars, Cafés, kleine Shops und Boutiquen aneinander und verleihen dem Ort eine beinahe mediterrane Urlaubsatmosphäre. Pointe du Bout ist vor allem eine Hotel- und Appartementgegend, und zu den Feiertagen strömen Tausende Urlauber – viele Franzosen vom Festland – durch die Straßen und Gassen. Hin und wieder tauchen an unserem Steg auch die Zubringerboote von Kreuzfahrtschiffen auf. Die weißen Kreuzfahrtriesen ankern weit draußen im Tiefwasser, und die Reedereien lassen ihre Gäste mit Barkassen zeitweise in „unseren“ Hafen übersetzen. Von dort aus werden sie weiter verteilt auf Tagestouren, Strandausflüge und allerlei Unterhaltungsprogramme.
Mit einem Mietwagen fahren wir vom Hafen aus etwa 50 Minuten hinüber nach Fort-de-France. Die Hauptstadt ist von weitem beeindruckend, doch in der Innenstadt merken wir schnell, dass sie – abgesehen von ein paar Kirchen und Kolonialbauten – nicht übertrieben sehenswert ist. In der Fußgängerzone liegt ein schwerer Geruch in der Luft, eine Mischung aus Schweiß, Urin und süßlich-scharfem Cannabisduft. Gefühlt hat jeder zweite Franzose hier eine Zigarette im Mundwinkel, und viele der Einheimischen mit dunkler Hautfarbe ziehen am Joint. Manche bewegen sich in einem tranceähnlichen Zustand entlang der Hafenpromenade, andere sitzen oder liegen an Mauern und Hauswänden und scheinen irgendwo zwischen Tagtraum und Realitätsflucht festzuhängen.
Viele der Gebäude haben ihre besten Jahre längst hinter sich; bröckelnder Putz und vergitterte Fenster erzählen von besseren Zeiten. Gemütliche Orte zum Verweilen zu finden, ist gar nicht so einfach, und so schlendern wir mehr beobachtend als genießend durch die Straßen. Eine bunte Künstlergasse mitten im Zentrum fällt positiv aus dem Rahmen: farbenfrohe Graffitis, kleine Bar`s und gemütliche Restaurants schaffen eine lebendige, kreative Insel im eher tristen Stadtbild und laden tatsächlich zum Verweilen ein. Mehrmals setzen wir später mit der Fähre von Pointe du Bout nach Fort-de-France über. Die Überfahrt ist deutlich schneller und entspannter als die Autofahrt, und nach nur 20 Minuten legen wir im größeren Stadthafen an. An einem Sonntag sind wir jedoch nach nur 40 Minuten Aufenthalt wieder zurückgefahren – die gesamte Innenstadt war verriegelt und verrammelt, als hätte man den Stecker gezogen. Merkwürdig.
Blick von der Fähre zum Hafen Fort-de-FranceBesuch am FähranlegerNachthimmel während der Fährfahrt
Bei einem anderen Besuch erleben wir dafür einen besonderen Moment: In der Nähe des Dinghy-Docks, unweit des Fähranlegers, findet ein Gospelkonzert statt. Die kräftigen Stimmen, die rhythmischen Klatscher, das Lächeln der Sänger – das geht direkt unter die Haut. Singen können sie, die Menschen hier, und wie! Direkt an der Hafenpier entdecken wir außerdem einen Stand unter einem Easy-Up-Zelt, der mindestens 20 Varianten des Cocktails „Mojito“ anbietet. Wir können nicht widerstehen, bestellen und probieren bei Big Mama. Die Mischung aus Sprite, Rum, Essenzen, frischer Minze, Eis, Wasser und diversen geheimen Zutaten wird in meterhohem Tempo gerührt, gemuddelt und geschüttelt. Schon beim Zuschauen läuft uns das Wasser im Mund zusammen. Am Ende stoßen wir mit einem „Prost“ auf die Karibik an – für stolze 12 Euro pro Glas / Becher, aber jeden Schluck wert.
Gospelgesang im HafenMojito-Traum
In den ersten Wochen arbeiten wir nach und nach unsere lange Einkaufsliste ab. Wir fahren zu Decathlon, in zwei große Baumärkte, besuchen einen Victron-Händler (einer unserer Solaradapter hat den Geist aufgegeben), steuern „Darty“ an – ein Elektromarkt ähnlich wie MediaMarkt – und klappern mehrere Supermärkte ab. Auf der Insel gibt es tatsächlich fast alles, was man sich wünscht – ganz anders als auf den Kanaren, wo manches schlicht nicht zu bekommen war. Der entscheidende Unterschied: Die Preise. Viele Produkte kosten hier gefühlt das Dreifache. Für 300 Liter Diesel, die wir in 25‑Liter-Kanistern mit dem Mietwagen heranschaffen (12 Kanisterladungen), zahlen wir knapp 600 Euro. Ein großer Einkauf im Supermarkt – anderthalb randvolle Einkaufswagen – schlägt mit rund 660 Euro zu Buche.
Grundnahrungsmittel sind noch halbwegs bezahlbar, aber alles, was in die Kategorie „Genuss“ fällt, haut richtig rein. Nur für Frühstückscerealien lassen wir über 50 Euro an der Kasse. Uns ist klar, dass es in der Karibik erstmal nicht billiger, sondern eher teurer werden wird. Vor allem auf den Bahamas, unserem späteren Ziel, wird das Preisniveau noch einmal eine ganz andere Liga erreichen. Die Erinnerungen an 2023 kommen hoch, an die Einkäufe in Nassau: 12 Dollar für eine 375‑Gramm‑Cornflakespackung, und das war nicht mal ein Premiumprodukt. Noch krasser waren damals die Preise auf Bermuda: Eine 0,33ml Dose Cola für 8 Dollar, ein Liter Milch für 16 Dollar. Im Vergleich dazu wird einem erst bewusst, wie günstig Lebensmittel in Deutschland tatsächlich sind.
Zurück in die Gegenwart: Wir proviantieren jetzt schon großzügig für die kommenden Monate, stapeln Konserven, Trockenwaren und „Nervennahrung“ und planen die nächsten größeren Einkäufe für Guatemala und die Dominikanische Republik. Dort, so heißt es, sollen die Preise wieder deutlich niedriger sein – und Platz an Bord haben wir genug, um Vorräte für mehrere Monate (und für eventuellen Besuch) zu bunkern.
Kulinarisch ist Martinique nicht das, was wir uns im ersten Moment unter französischer Küche vorgestellt haben. Viele Einheimische essen in Fast-Food-Restaurants, die Speisen dort sind oft fettlastig und geschmacklich eher enttäuschend. Durch Zufall stoßen wir jedoch in unserer Nähe auf ein kleines, familiengeführtes Restaurant „L Antares“ – es erinnert uns an das „Carbon Carbon“ auf Lanzarote – mit einer glatten 5,0‑Sterne-Bewertung bei Google. Die Speisekarte ist klein und übersichtlich, aber jede einzelne Spezialität darauf ist ein Volltreffer. Alles schmeckt unglaublich lecker, liebevoll zubereitet und mit einem Hauch Raffinesse, den man sonst lange suchen muss. Wir verlieben uns auf Anhieb in dieses Restaurant, das nur fünf Tage die Woche von 19:00 bis 21:30 Uhr geöffnet hat. Zu Heiligabend kehren wir natürlich ebenfalls dort ein.
Lea ist für eine Woche zu Besuch, und wir genießen die gemeinsame Zeit in vollen Zügen. Es stehen Schnorchelausflüge, ein Canyoning-Abenteuer und unzählige Momente im und auf dem Wasser auf dem Programm. Während ihres Aufenthalts zeigt sich das Wetter von seiner besten Seite: heiß, sonnig, karibisch. Davor jedoch hatten wir fast täglich einen Mix aus Regen, Sonne und kräftigem Wind. Als wir Lea am 28. Dezember abends wieder zum Flughafen bringen, wird es emotional. Bei Mutter und Tochter brechen kurz die Tränen durch. Die Frage, wann wir uns das nächste Mal wiedersehen, hängt unausgesprochen, aber schwer im Raum.
Wie ihr wisst, standen noch einige Bootsarbeiten auf der Liste. Unsere Ankerwinsch haben wir in rund vier Stunden gegen eine neue ersetzt – das Ersatzteil lag bereits seit Längerem an Bord bereit. Bei über 30 Grad in der prallen Sonne in der Backskiste zu hocken, war alles andere als angenehm. Es war eine schweißtreibende und erschöpfende Arbeit, aber am Ende haben wir es – inklusive Elektroniktausch / neuem Relais im Schiff – sauber hinbekommen. Die neue Winsch schnurrt jetzt wie ein muskelbepacktes Kätzchen. Genau so soll es sein.
Weniger unkompliziert ist unser „magischer“ Wassereinbruch über den Deckenstrahler in unserer Koje. Leider erweisen sich auch hier die lokalen Ansprechpartner des TO als wenig hilfreich. Wie schon auf Lanzarote fehlt uns die echte Unterstützung vor Ort. Irgendwie können wir es verstehen: Wir möchten gar nicht wissen, welche Flut an E‑Mails, Anrufen und Anfragen die TO‑Leute in der Saison bewältigen müssen. Das Ganze wird ehrenamtlich gestemmt, und dass unter dieser Last die Qualität der Betreuung leidet, ist fast zwangsläufig. Wir würden mit ihnen nicht tauschen wollen. Was wir bekommen, sind am Ende lediglich ein paar, teils wenig zielführende Kontakte. Ein Telefonat klingt zunächst vielversprechend, doch schnell fällt die Zahl von pauschal 3.000 Euro – nur dafür, dass jemand an Bord kommt, um nach der Ursache des Wassereinbruchs zu suchen. Außerdem sei gerade Hochsaison, und eigentlich habe man auf solche Arbeiten überhaupt keine Lust. Kopfschütteln. Vielen Dank auch. Also bleibt nur ein Schluss: Selbst ist der Segler. Wir beschließen, einen „Shunt“ zu bauen – sprich: Wir leiten das wenige temporäre Wasser, das partout bei Starkregen und kräftigen Seegang nicht draußen bleiben möchte, wenigstens wieder nach außen. Alles Nötige besorgen wir im Baumarkt und in einem Aquariengeschäft (winziger Schlauch). Ob dieses kleine MacGyver-Projekt wirklich funktioniert, wird sich zeigen, sobald wieder genug Wasser von oben oder von der Seite kommt. Wir sind selbst gespannt und hoffen auf einen Erfolgsbericht.
Ein glücklicher Zufall beschert uns schließlich einen Parasailor für unsere KAMI. Schon bei der Atlantiküberquerung hatten wir davon geschrieben, dass wir uns irgendwann ein solches Leichtwindsegel gönnen möchten. Eines Abends lesen wir, dass ein französischer Segler, der vor Fort-de-France ankert, seinen Parasailor verkaufen will. Wir nehmen Kontakt auf, bekommen Fotos und Infos, entscheiden aber nach reiflicher Überlegung, dass der aufgerufene Preis von 5.500 Euro zu hoch ist, und sagen schweren Herzens ab. Ein vergleichbarer neuer Parasailor würde uns etwa 8.500 Euro kosten (hatten wir hier bei einem lokalen Händler angefragt). Zwei Tage später meldet sich der Verkäufer erneut: Er korrigiert seine Preisvorstellung auf 3.500 Euro. Da bleibt uns nichts anderes übrig, als zuzuschlagen. Die fehlende Hardware für die KAMI – Umlenkrollen, Blöcke und Beschläge, um das Segel sicher fahren zu können – bestellen wir kurzfristig bei SVB in Deutschland. Lea bringt die Teile bei ihrem Besuch mit in die Karibik. Perfektes Timing.
An den Umgang mit Hunden haben wir uns auf unserer Reise inzwischen gewöhnt – und daran, dass sie vielerorts nicht willkommen sind. In Martinique ist das nicht anders. Weder in Einkaufszentren noch in Baumärkten sind Hunde gern gesehen, überall lesen wir „Kein Zutritt für Hunde“. Das Gleiche gilt für viele Restaurants und Bars. Selbst im Außenbereich werden wir mit Piper nicht selten freundlich, aber bestimmt des Platzes verwiesen. Das frustriert. Auf der Suche nach schönen Stränden in der Nähe werden wir von anderen Badegästen darauf hingewiesen, dass Hunde hier nicht erlaubt sind. Noch mehr Frust. Zum Glück finden wir mit dem Dinghy, gleich um die Ecke des Hafens, einen „wilden“ Strandabschnitt mit reichlich herumliegenden Kokosnüssen. In der kleinen Lagune davor, so erzählt uns beim ersten Besuch ein Franzose, sollen sich drei Meeresschildkröten tummeln. Und tatsächlich: Zusammen mit Lea entdecken wir bei unseren Schnorchelgängen nicht nur die ersehnten Schildkröten, sondern auch einen riesigen Seestern. Ein kleiner, stiller Schatz, fast für uns allein. An diesem Strand sind kaum Menschen unterwegs – hin und wieder sieht man Einheimische mit ihren Kindern, doch bei unseren zahlreichen Besuchen haben wir meist Glück und sind fast allein.
Piper mutiert dort zur wahren Kokosnussschälerin. In der Zeit schält sie mindestens fünf Kokosnüsse bis auf den harten Kern. Die so freigelegten Nüsse nehmen wir mit an Bord der KAMI, schlagen sie dort auf und Stück für Stück wandert das Kokosfleisch in Pipers Futterschale. Auch das Kokoswasser schleckt sie mit größtem Vergnügen. Natürlich probieren wir selbst ebenfalls hin und wieder vom frischen Kokosfleisch. Verhungern würden wir auf einer einsamen Insel mit Kokospalmen wohl eher nicht.
Kein KI-Bild! 😉
Um die Feiertage herum erleben wir Supermärkte im Ausnahmezustand. Die Läden sind brechend voll, die Einkaufswagen überladen, und wir fragen uns immer wieder, wie die Einheimischen sich diese hohen Preise leisten können. Verdient man hier wirklich so viel mehr als in Deutschland? Weihnachtsstimmung will trotzdem kaum aufkommen. Abgesehen von ein paar Lichterketten und Straßen-Dekorationen ist wenig festlich. Keine Weihnachtsmusik, keine typischen Düfte, keine vertraute Gemütlichkeit. Bei über 30 Grad im Schatten und ähnlich warmen Wassertemperaturen ist das auch nicht verwunderlich.
Silvester feiert man auf Martinique mit einem „Vorfeuerwerk“ am Tag davor und einem weiteren Feuerwerk am 31. Dezember selbst. Für unsere Piper ist diese Zeit der pure Stress. An beiden Tagen wird bis tief in die Nacht geknallt, und von den endlos vorbeifahrenden Schiffen und Booten dröhnt martiniquische Volksmusik in Dauerschleife über das Wasser. Wir bleiben die beiden Abende an Bord, versuchen Piper mit Spielen, Streicheleinheiten und ruhiger Stimme abzulenken und ihr ein kleines bisschen Sicherheit zu geben.
Im Vergleich zu den Kanaren geht es unserer Piper`li hier insgesamt aber deutlich besser. Zwar machen ihr die hohen Temperaturen zu schaffen, doch ihre Haut hat sich erholt, und die warmen Wassertemperaturen liebt sie. Bei unseren Dinghy-Ausflügen zu den Stränden tobt sie unermüdlich durch die Wellen und apportiert auch die hundertste Kokosnuss brav zurück zum Ufer. Ab 18 Uhr, wenn es dunkel wird, gehört ein Spaziergang durch den Hafen und die umliegenden Hotelanlagen zum festen Ritual. Die in den Hecken vergrabenen Krabben, die plötzlich aus ihren Löchern schießen, und das ohrenbetäubende Zirpen der unzähligen Zikaden fesseln ihre Aufmerksamkeit jedes Mal aufs Neue.
So langsam fangen wir dennoch an, unsere Entscheidung zu hinterfragen, so lange in der Marina zu bleiben. Der große Vorteil: Das Proviantieren ist unglaublich entspannt. Alles andere spricht jedoch mit der Zeit dagegen. Nach der Hälfte unserer Liegezeit in Pointe du Bout nerven uns der ständige Lärm, das Kommen und Gehen der Fähren, die Ausflugsboote, die Musik – kurz: die permanente Unruhe.
Nach etwa zwei Wochen bekommen wir zudem einen unangenehmen spanischen Stegnachbarn. Als Einhandsegler legt er mit dem Bug am Steg an, kann aber so nicht alleine vom Schiff runter. Er fragt, ob er über unsere KAMI an Land gehen darf. Selbstverständlich sagen wir ja – Segler helfen sich. Aus den angekündigten drei, vier Tagen werden jedoch Wochen. Irgendwann reisen auch noch seine Frau und die Tochter mit dem Flugzeug an, und unsere KAMI verwandelt sich mehr und mehr in eine Dauer-Gangway. Täglich schrubbt Mike das Deck, weil die Nachbarn es oft nicht schaffen, ihre Schuhe auszuziehen. Manchmal trampeln sie schon gegen sechs Uhr morgens über unser Schiff und wecken die gesamte Crew, manchmal kommen sie erst tief in der Nacht von Bar-Touren zurück.
Der Frust wächst von Tag zu Tag, bis eines Abends das Maß voll ist: Wir sitzen leicht bekleidet im Cockpit, als die gesamte Familie innerhalb einer Stunde gleich zweimal über die KAMI läuft. Das ist dann endgültig zu viel. Mike sucht das Gespräch, bleibt sachlich, aber deutlich, und holt schließlich unsere Leiter aus dem Vorschiff. Er stellt sie dem Nachbarn zur Verfügung, damit dieser samt Familie direkt vom Steg aus über den Bug seines eigenen Bootes an Bord kommen kann – ganz ohne Umweg über die KAMI. Drei Tage später sind die Spanier verschwunden. Wir sind gerade auf Einkaufstour, als sie auslaufen. Unsere Leiter steht kommentarlos vor unserem Schiff. Kein Danke, keine Nachricht, nichts. Undank ist der Welt Lohn – eine Erfahrung, die wohl jede Langfahrt-Crew irgendwann macht.
Rückblickend würden wir, sofern keine größeren Reparaturen anstehen, nicht noch einmal so lange in einer Marina bleiben. Unser Plan für die nächsten Monate ist klar: Bis zum Beginn der Hurrikansaison wollen wir nur noch vor Anker liegen. Morgens direkt vom Boot ins Wasser springen, schwimmen, tauchen, mit dem SUP und Wing losziehen – all das ist im Hafen nur eingeschränkt möglich. Wir sehnen uns nach Ruhe, nach Raum und nach dem leichten Schaukeln an einer schönen Ankerbucht. Wenn wir Pointe du Bout endgültig verlassen, machen wir innerlich drei dicke Kreuze.
Langsam richten wir unseren Bug in Richtung Guadeloupe, wollen unterwegs aber noch die ein oder andere traumhafte Bucht genießen. Die lauten Feiertage in Martinique liegen dann hinter uns – und vor uns hoffentlich viele stille, sternenklare Nächte vor Anker.
Wir starten pünktlich gegen 8 Uhr und verlassen die Marina in Santa Cruz de La Palma. Die Sonne scheint, der Wind bläst mäßig. Am Samstagnachmittag haben wir die Routing-Mail von Alina (wetterwelt.com) bekommen und die geplanten Wegpunkte für die ersten zehn Seetage in unseren Plotter eingegeben. Sie hat eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 5,6 Knoten angesetzt. Insgesamt sind es etwa 2.550 Seemeilen bis Martinique, geplante ETA ist der 5. Dezember.
Nachdem wir den Hafen verlassen haben, setzen wir Großsegel und Genua und machen zunächst um die 5 Knoten Fahrt. Leider schläft der Wind rasch ein, und wir befinden uns in der Landabdeckung. Also Großsegel runter und Genua weg. Stattdessen rollen wir den Gennaker, unser Leichtwindsegel, aus und machen so weiter zwischen 4 und 5 Knoten Fahrt. Gegen Abend wollen wir eine Halse fahren und ziehen uns dabei aus Versehen das Relingsnetz in den Steuerbord-Gennakerblock. Ich (Mike) greife schnell hinterher (leider ohne meinen Grips einzuschalten) und quetsche mir den linken Ringfinger und verbrenne mir den Zeigefinger. Ein lauter Schrei hallt über das Meer, und Kathi kommt sofort zu Hilfe. Die Schmerzen an den Fingern sind kaum zu ertragen. Warum habe ich meine Handschuhe nicht angezogen? Ein Eispack und zwei Ibuprofen helfen mir über die nächsten Stunden. Ärgerlich.
Gegen 18:30 Uhr wird es dunkel und wir entscheiden uns, mit Genua und Backbord-Maschine durch die Nacht zu fahren – in der Hoffnung, dass der Wind endlich stabiler wird und wir aus der Abdeckung der Insel La Palma kommen. Die Nacht ist sehr schwellig. Wellenberge von bis zu 3 Metern treffen uns seitlich an Steuerbord und schlagen unter der Gondel (der Mitte des Katamarans) zusammen. Das gibt fürchterliche Rumpel- und Rumpsgeräusche, super laut. Schlaf finden wir nur schwer. Kathi leidet schon wieder an leichter Übelkeit (meistens in den ersten Tagen auf Passage), findet aber gegen Mitternacht Schlaf und Träume.
Piper kommt mit dem Start der Atlantiküberquerung sehr gut klar. Sie schläft viel und schmust gerne. Ich sitze – wie so oft – um Mitternacht am Kartentisch, als mir ein weißes Blinken in unserer achterlichen Kabine auffällt. Ich gehe runter und sehe, wie ein Deckenstrahler blitzt und blinkt. Das Gehäuse ist heiß und der Strahler lässt sich nicht ausschalten. Was ist das? Schnell hole ich einen passenden Innensechskantschlüssel aus der Schublade und montiere den Deckenstrahler ab. Dabei kommt mir ein Schwall Salzwasser entgegen – das Bettlaken ist nass. Ich schaue verdutzt und trenne die Funzel schnell vom 12-Volt-Strom. Kurzschluss! Na prima – was für ein toller erster Seetag. Leider lässt sich nicht herausfinden, wo das Wasser oben aus der Kabinendecke herkommt. Ich lege erst einmal ein Handtuch und Küchenrolle aus.
Gegen 2 Uhr lege ich mich auch auf unser Schlaflager im Salon. Piper schnarcht und Kathi ist im Land der Träume. Ich stelle Plotter und Radaralarm ein und richte mir Timer im Zweistundenrhythmus ein. So richtig komme ich aber nicht zur Ruhe. Erst als es gegen 7:30 Uhr langsam hell wird, falle ich in einen kurzen Tiefschlaf. Seit gestern Abend konnten wir kein Schiff in unserer Nähe oder auf unserer Kurslinie ausmachen.
Gegen 9 Uhr stehen wir auf und trinken einen Kaffee. Piper hat schon wieder Hunger und fordert ihr Frühstück ein. Für uns gibt es eine Tasse mit Crunchy und Kellogg’s. Nach dem Frühstück setzen wir wieder das Großsegel und die Genua und stellen die Backbord-Maschine ab. Bei einem Windwinkel von 140 Grad halten wir unseren Kurs grob in Richtung des nächsten Wegpunkts. Vormittags versuche ich mein Glück mit der Angel. Es gibt tatsächlich einen kräftigen Biss, doch nach der Hälfte der eingeholten Angelschnur verlieren wir das Sushi. Schade. Weiterprobieren.
(Klick auf das Foto für vergrößerte Ansicht)
Blick auf den PlotterHafen Santa Cruz La PalmaLa Palma achternAdios La PalmaGroßsegel durchholenWassereinbruch durch LampensockelDemolierte Hand
Wir dösen im Salon, das Wetter ist wechselhaft. Wir machen etwa 6 Knoten Fahrt und unser nächster Wegpunkt ist 73 Seemeilen entfernt. Kathi kämpft noch mit ihrer Übelkeit, und ich will versuchen, sie wenigstens zu einer kleinen Mahlzeit am Abend zu überreden. In weiser Voraussicht hat sie auf La Palma für fünf Tage vorgekocht – gut so. Der Schwell ist mit 2,5 bis 3 Metern noch immer sehr unangenehm. Morgen soll er langsam nachlassen und sich um die 2 Meter einpendeln. Mitte der Woche lässt der Schwell hoffentlich noch weiter nach. So wäre die Überfahrt deutlich entspannter und ruhiger. Wir sind gespannt.
Bis zum Nachmittag machen wir kein einziges Schiff aus. Viele der Atlantikstarter haben ihren Kurs südlich in Richtung Kapverden abgesetzt. Nur eine Handvoll anderer Segler zieht es direkt hinüber in die Karibik. Am Sonntag kommt dann der Pulk der rund 150 Segelboote der ARC, startend von Gran Canaria in Richtung Karibik, Saint Lucia. Zu diesem Zeitpunkt haben wir – sofern alles gut geht und der Wind uns nicht hängen lässt – schon eine Woche Vorsprung mit knapp 1.000 Seemeilen im Kielwasser.
Die Nacht ist durch den immensen Schwell sehr laut. Die Wellenberge donnern gegen und unter das Schiff, an erholsamen Schlaf ist nicht zu denken. Dazu kommt, dass der Wind ständig hin- und herdrehst und wir keinen richtigen Kurs finden. Mit voller Besegelung gehen wir auf südlichen Kurs und verlassen damit eigentlich unsere geplante Wegpunktroute. Gegen 6 Uhr dreht der Wind weiter auf Südost, wir würden nun völlig in die falsche Richtung fahren. Also fahren wir eine Halse und gehen auf Gegenkurs. Auch hier finden wir keinen beständigen Wind und holen eine Stunde später Großsegel und Genua ein.
Wir rollen den großen Gennaker aus und setzen den Kurs auf den 155 Seemeilen entfernten Wegpunkt ab. Der Wind brist auf 25 Knoten auf – eigentlich viel zu viel für das Leichtwindsegel – und wir machen um die 8 Knoten Fahrt. In Anbetracht unseres nächtlichen Wegverlustes erfreulich. Dann höre ich die Angelrute klicken: ein Biss. Ich hole die Angelschnur ein und merke nach gut der Hälfte, dass sich der Haken gelöst haben muss. Wieder kein Angelglück.
Als ich meinen Kopf zum Heck drehe, sehe ich unsere Rettungsinsel, die sich aus der Halterung gelöst hat und „auf halb acht“ hängt. Oh nein. Schnell öffne ich den Seezaun und versuche, den Container, in dem sich die Rettungsinsel befindet, mit einem Gurtband zu fixieren. Das gelingt, sie scheint erst einmal wieder fest zu sitzen. Die hohen Wellen haben die Rettungsinsel ständig in der Halterung nach oben gedrückt, dadurch muss sich ein Fixierband gelockert haben. Gut, dass mir das aufgefallen ist. Nicht auszumalen, wenn wir die Insel unbemerkt verloren hätten oder sie ins sprudelnde Heckwasser gefallen wäre.
Bis jetzt war jeder Tag aufregend. Langsam darf es bitte etwas ruhiger werden. Besonders der krasse Schwell macht uns zu schaffen.
Noch ein Nachtrag: Heute früh haben wir auf der Steuerbordseite während unserer ersten Gassirunde an Deck riesige Fischschuppen und eine bräunliche Blutspur an der Mittelklampe entdeckt. Abenteuerlich. Was war hier in der Nacht los? Es sind keine Überreste von Meeresbewohnern an Deck zu finden, nur Schuppen und Blut. Die Nacht war und ist stockdunkel, und von 18:30 Uhr bis 7:30 Uhr fühlt sie sich auch besonders lang an.
3. Seetag – Dienstag, 18.11. Zweites Etmal: 136 Seemeilen Gesamt: 270 Seemeilen Bis Martinique: 2.354 Seemeilen Windstärke zwischen 5 und 6 Beaufort Gennaker voll bei 144 Grad
Der heftige Atlantikschwell sitzt uns noch immer in den Knochen, aber wir kommen gut voran und hoffen auf ein gutes nächstes Etmal (Zeitmessung von 12 Uhr mittags bis zum nächsten Tag um 12 Uhr). Wir ruhen uns aus, soweit das bei dem Geschaukel möglich ist, und essen abends selbst gekochten weißen Bohneneintopf. Lecker. Gegen 18:15 Uhr wird es dunkel und kurz darauf ist wieder pechschwarze Nacht. Wir machen es uns im Salon bequem und schauen über Starlink und VPN-Tunnel ein, zwei deutsche Komödien.
Gegen 23 Uhr hören wir einen Knall in der Nähe unseres achterlichen Cockpits. Piper schreckt auf, schaut sich um und fängt an zu bellen und zu schimpfen. Sie läuft zur Salontür und ihr Fell stellt sich auf. Was hat sie nur entdeckt? Wir können nichts erkennen und versuchen, sie wieder zu beruhigen. Das gelingt recht schnell und wir legen uns wieder auf unser selbstgebautes Passagebett im Salon und schlafen ein.
In der Nacht löst der Radaralarm aus. Kein annäherndes Schiff, sondern ein Squall, eine Schlechtwetterzelle mit Regen und Gewitter, etwa 5 Meilen südlich unserer Position. Sie zieht rasch vorbei, und so vergeht die Nacht ohne weitere Kontakte, bis es langsam gegen 7:20 Uhr hell wird. Draußen nieselt es. Kathi geht mit Piperli zur morgendlichen Decksrunde, und kaum ist sie draußen, höre ich ein lautes „Iiihh“. Hinten liegt ein toter fliegender Fisch. Seine Schuppen sind über die Stufen verteilt und kleben überall am GFK. Wir ziehen Piper vom Fisch weg – zu gerne würde sie kosten, so sieht es jedenfalls aus.
Nach dem morgendlichen Schreck gibt es ein schönes Frühstück mit selbst gebackenem Brot und Spiegeleiern. Köstlich. Gegen halb elf passiert uns an der Backbordseite ein kleineres Kreuzfahrtschiff mit Namen „MARINA“. Es ist in La Gomera auf den Kanaren gestartet und hat Barbados in der Karibik als Zielhafen. „Hey, warte und zieh uns hinterher“, denken wir uns im Spaß. Der Wind hat nachgelassen und wir machen gerade einmal 4 Knoten Fahrt, also rund 7 km/h. Da kommt uns das von hinten überholende Kreuzfahrtschiff mit seinen knapp 18 Knoten Fahrt wie ein Speedboot vor.
Die Sonne ist wieder da und wir hören chillige Musik. Piper liegt an Deck in der Sonne und schlummert. Die Angel ist draußen. Mike hat sich nun zusätzlich zu seinem kleinen Handunfall auch noch eine Erkältung eingefangen. Was soll’s – bis Martinique ist hoffentlich alles wieder okay.
Piper entspanntBesuch an BordSchleppangeln
4. Seetag – Mittwoch, 19.11. Drittes Etmal: 140 Seemeilen Gesamt: 400 Seemeilen Bis Martinique: 2.084 Seemeilen Windstärke zwischen 4 und 5 Beaufort Gennaker voll bei 147 Grad – teilweise läuft die Maschine mit
Der Schwell beruhigt sich langsam, und je näher der Abend rückt, desto mehr schläft der Wind ein. Dafür sind wir jetzt regelmäßig von Squalls umzingelt – der Radaralarm piept fast im Viertelstundentakt, und wir sehen die Regengebiete um uns herumziehen. Wir essen zum Abend die letzte Portion weißen Bohneneintopf und bereiten uns für die Nacht vor. Mike nimmt Paracetamol sowie frischen Pfefferminztee mit Ingwer zur Schlafförderung ein.
Dann holen uns die Regenfronten ein, und die KAMI wird ordentlich abgeduscht – zu unserer Freude, denn so wird die Salzkruste auf dem Schiff über Bord gespült. Gegen Mitternacht fällt der Wind auf 6 Knoten ab, und wir machen nur noch 2 bis 3 Knoten Fahrt. Der Gennaker flattert wie ein altes Handtuch auf der Wäscheleine, also holen wir ihn ein und fahren mit einer Maschine weiter. Wir nutzen die Flaute, um unseren Kurs zu korrigieren, den wir zuvor wegen des nicht optimalen Windwinkels nicht halten konnten. Die Maschine dreht mit 1.800 U/min, und wir machen 4 bis 5 Knoten Fahrt. So brummt es wieder durch die stockdunklen Nachtstunden.
Der Atlantik beruhigt sich mehr und mehr, der Schwell wird endlich erträglich, sodass wir längere Schlafphasen genießen können. Morgens weckt uns die Sonne; die Regengebiete liegen nun fast 30 Seemeilen entfernt, und wir fahren weiter Richtung Westen. Die Flaute soll bis morgen Nachmittag anhalten. Wir nutzen die ruhige See, füllen 50 Liter Diesel in den Backbordtank nach, und Kathi wirft eine Waschmaschine an und befreit den Salon von Staub und Hundehaaren.
Mir fällt auf, dass wieder Wasser durch den Deckenlampensockel in unserer Kabine getropft ist – bei den nächtlichen Regengüssen kein Wunder. An Deck entdecke ich in der Nähe eine lose Persenninghalterung: Die Schraube steckt nur locker und greift nicht mehr. Ich entferne sie und verschließe die Löcher provisorisch mit Panzertape. Beim nächsten Regenguss werden wir sehen, ob hier das Problem des Wassereinbruchs liegt – sonst könnten wir uns keinen Reim darauf machen. Auch an diesem Seetag kein Anglerglück. Ich versuche, das Schleppangel-Setup zu verbessern (andere Köder + mehr Blei). Wir werden sehen.
5. Seetag – Donnerstag, 20.11. Viertes Etmal: 115 Seemeilen Gesamt: 515 Seemeilen Bis Martinique: 2.107 Seemeilen Windstärke zwischen 0 Flaute und 1 Keine Segel – wir motoren
Wir motoren weiter, denn die Flaute soll noch bis zum Nachmittag anhalten. Wir arbeiten ein wenig digital und beschäftigen uns mit dem Wetterrouting von Predictwind. Sehr interessant: Nach der Routenberechnung sollen wir in 17 Tagen in Martinique eintreffen. Niemals!
Durch die Flaute haben wir endlich Ruhe im Schiff. Wir nutzen die Zeit für einen kleinen Rundumschlag. Die Sonne scheint, und bei Wind könnte man von Champagnersegeln sprechen. Wir hoffen, dass der Wind bald wiederkommt. Die Nacht ist ruhig, und wir finden alle drei mal wieder tiefen Schlaf. Gegen Morgen ist das Meer fast spiegelglatt. Wir lesen 1,6 Knoten Windgeschwindigkeit ab und stellen die ersten Treibstoffrechnungen an. Bisheriger Verbrauch durch die Motorstunden: knapp 90 Liter. Das macht 3 bis 4 Liter pro Stunde bei 1.800 U/min und 4,5 Knoten Fahrt. Mit unserem gesamten Diesel kämen wir auf ca. 900 Seemeilen. Wir hoffen aber, dass der Wind heute Nachmittag oder abends wieder einsetzt und wir segeln können. Das Motorenbrummen reicht erst einmal.
Ich werfe gleich nach Tagesanbruch die Angel erneut aus. Gegen 10 Uhr ist er endlich da – der richtige Biss! Wir holen einen schönen Mahi-Mahi an Bord. Das Heck sieht aus wie nach einer Schlachtung. Wir halten uns ran, den Fisch zu filetieren und das Boot danach zu putzen. Welch eine Freude – endlich ein richtiger Fang! Abends geht er auf den Grill. Wir sind happy.
6. Seetag – Freitag, 21.11. Fünftes Etmal: 111 Seemeilen Gesamt: 626 Seemeilen Bis Martinique: 1.990 Seemeilen Flaute Wir motoren
Der Wassermacher läuft, und wir füllen unsere Frischwassertanks mit 150 Litern nach. Wir wollen die Tanks mit 600 Litern Volumen nicht mehr ganz füllen – das Gewicht bremst uns nur aus. Wir einigen uns auf die Hälfte, das reicht noch zum täglichen Duschen, Abwaschen und für die eine oder andere Waschmaschine. Zur Not produzieren wir pro Stunde 100 Liter nach.
In den letzten 24 Stunden haben wir kein einziges Schiff gesehen. Nachmittags taucht die polnische „Meteor“ auf dem Plotter auf – ein Segelboot mit vermeintlich gleichem Kurs hinüber in die Karibik. Die „Meteor“ hatte uns letzte Nacht überholt, jetzt dümpelt sie ohne Fahrt im Flautenfeld. Wir motoren langsam vorbei und sind gespannt, ob und wann sie uns wieder einholt, wenn der Wind zurückkehrt. Zum Abend bereitet Kathi den frisch gefangenen Mahi-Mahi auf dem Herd zu. Er landet doch nicht auf dem Grill, sondern zu einem Drittel gedünstet in Pipers Fressnapf und zu zwei Dritteln im Backofen mit Zitronenbutter bestrichen plus Microgreens-Petersilie aus dem Schiffssalon. Eine Delikatesse – das Abendbrot ist perfekt und schmeckt himmlisch.
Nachdem die Sonne gegen 19 Uhr untergegangen ist, machen wir es uns wieder auf unserem Salonlager bequem. Auf einer externen Festplatte haben wir über 400 Spielfilme und Serien dabei. Davon schauen wir zwei, und so geht es in die Nacht. Gegen Mitternacht kommt langsam der Wind zurück, und einige Squalls ziehen dicht an uns vorbei. Zur Prävention legen wir die externen Festplatten, das Sat-Telefon, ein Handy, eine Handfunk und Mikes Laptop in den Backofen – er wirkt bei einem etwaigen Blitzeinschlag wie ein Faradayscher Käfig. Wir haben Glück, und die Gewitterzellen ziehen vorbei.
Gegen 3 Uhr bringen wir den Gennaker wieder aus und schalten die zuvor laufende Backbord-Maschine ab. Zwar ändert sich der Kurs durch die neue Windrichtung, aber grob passt es erst einmal. Durch den Wind nimmt die Welle wieder zu, und es wird laut im Schiff – so laut, dass diesmal Kathi keinen Schlaf findet. Gegen Morgen klagt sie über starke Kopfschmerzen und Halsweh. Sie bekommt Medikamente, einen Kräutertee und legt sich zu einem ausgiebigen Vormittagsschlaf hin.
Wir teilen mit PiperPipers DinnerUnser Dinner
7. Seetag – Samstag, 22.11. Sechstes Etmal: 128 Seemeilen Gesamt: 754 Seemeilen Bis Martinique: 1.886 Seemeilen Flaute bis 3 Uhr nachts – danach 3 bis 4 Beaufort Wir motoren bis 3 Uhr, danach unter Gennaker
Wir haben ordentliche Windsee, und die KAMI wird kräftig durchgeschüttelt. Dieser Zustand soll nun einige Tage anhalten. Der Wind hat aufgefrischt, und wir machen gute Fahrt. Leider ist der Windwinkel für unseren eigentlichen Kurs nicht optimal, sodass wir mit 145 Grad kreuzen müssen, um voranzukommen. Gegen Abend entscheiden wir uns für einen südlicheren Kurs und machen gut Strecke. Der Nachteil: Wir kommen unserem Ziel nicht viel näher. Durch das Kreuzen geht viel Zeit und Weg verloren. Trotzdem tasten wir uns langsam heran – Stück für Stück.
Seit Tagen kein Schiff in Sicht – das ändert sich heute. Auf dem Plotter taucht eine AIS-Linie auf, die frontal auf uns zukommt: der Frachter „Donaugracht“. Wir berechnen die Kurse, und uns wird es mulmig. Je näher wir kommen, desto öfter kreuzen sich die Linien. Das liegt auch daran, dass die KAMI im „Windmodus“ des Autopiloten fährt und bei der hohen Windsee die Kurslinie ständig springt. Ein schneller Kurswechsel wäre hier schwierig – wir müssten halsen und Segel einholen. Als wir nur noch wenige Meilen entfernt sind, tritt Piper auf den Plan: Sie bellt und schimpft in Richtung Frachter. Security Dog im Einsatz. Sweet! Wir passieren recht nah an seiner Backbordseite und fragen uns warum er nicht mehr abgedreht hat? Wer weiß.
Humpelig geht es in die Nacht. Auf dem Radar sind etliche Squalls zu sehen, und wir hoffen, ohne Kontakt durchzuschlüpfen. Reines Wunschdenken! Der Wind nimmt zu, die KAMI läuft immer schneller – in Spitzen bis 12,5 Knoten. Zu viel. Wir wünschen uns, dass die wahre Windgeschwindigkeit abnimmt – da geht ein Schlag durch die KAMI, wir hören lautes Rauschen und spüren ein Schlingern. Der Plotter zeigt: 31,5 Knoten wahrer Wind! Schockstarre! Unbemerkt sind wir in einen Squall geraten. Wir springen auf, ziehen Rettungswesten an und stürzen zum Steuerstand, um den voll ausgeholten Gennaker wegzunehmen. Ein Leichtwindsegel für bis 15 Knoten – über 30 geht gar nicht, Rigg oder Tuch könnten beschädigt werden. Beim Einholen lässt die Bö nach, und wir rollen es ohne Risiko gut weg. Glück gehabt. Es gießt wie aus Eimern, wir sind in zwei Minuten nass bis auf die Haut. Wir setzen die Genua, Großsegel im 2. Reff – safe Setup, gute Fahrt.
Der Entgegenkommer auf unserem PlotterPiper schimpftMS Donaugracht
8. Seetag – Sonntag, 23.11. Siebtes Etmal: 141 Seemeilen Gesamt: 893 Seemeilen Bis Martinique: 1.767 Seemeilen Windstärke zwischen 4 und 5 Beaufort Großsegel im 2. Reff – Gennaker ab 0 Uhr Wechsel auf Genua
Wir kommen einigermaßen gut voran. Der Wind bläst aus Ost-Nordost, und wir segeln „Vorwind“ – der Wind bläst achterlich ins Segel. Aufgrund der Bauart unseres Katamarans können wir leider nur bei Vorwindkursen mit einem Winkel zum wahren Wind von maximal 145 Grad fahren. Das heißt, die KAMI braucht Wind schräg von hinten, sonst müssen wir etwas eindrehen. So ist es gerade bei uns. Einen direkten Kurs westwärts können wir nicht nehmen, sondern nur Südwest oder Nordwest segeln. Deshalb müssen wir regelmäßig halsen und die Kurslinie kreuzen. Dadurch benötigen wir mehr Zeit und Strecke als andere Segler, die direkt vor den Wind segeln können.
In der Praxis werden wir von Segelbooten überholt, die mit uns in Richtung Karibik gestartet sind. Das sorgt bei uns für ein wenig Frust, und wir rechnen damit, dass wir unseren angestrebten Ankunftstermin in Martinique nicht halten können. Natürlich haben wir alle Zeit der Welt – trotzdem ärgern wir uns ein bisschen darüber, dass wir segeltechnisch durch den Katamaranaufbau eingeschränkt sind.
Nachmittags werfen wir die Angel wieder aus und haben tatsächlich einen kräftigen Biss. Wir schaffen es kaum, die Leine mit der Rolle einzudrehen, bis sich der Fisch im letzten Moment doch noch befreit. Wahrscheinlich waren wir zu schnell. Wir probieren es weiter.
Abgesehen von der kräftigen 2-Meter-Windsee war der Tag recht entspannt. Kathi hat sich mit unserer 3D-Kamera Insta 360+ beschäftigt, und Mike las ein Ebook von Segelaussteigern. Abends gab es einen Schweinebraten mit Kartoffelstampf – super lecker!
Die erste Nachthälfte war sehr laut und unruhig. Erst als Mike auf Gegenkurs wechselte, kehrte etwas Ruhe ein und wir alle fanden Schlaf.
Seit den Morgenstunden läuft der Generator. Durch die erschwerten Ruderbedingungen in der Nacht hat unser hydraulischer Autopilot ordentlich Strom verbraucht, sodass die Batteriebänke auf 77% gefallen sind. Trotz Solarertrag werden wir einige Stunden zum Laden brauchen. Nebenbei produzieren wir heißes Wasser und Frischwasser mit dem Watermaker.
9. Seetag – Montag, 24.11. Achtes Etmal: 135 Seemeilen Gesamt: 1.038 Seemeilen Bis Martinique: 1.658 Seemeilen Windstärke zwischen 4 und 5 Beaufort Großsegel im 2. Reff – Genua ab 9 Uhr Wechsel auf Gennaker
Wir kreuzen nach wie vor und nutzen die raumen Kurse. Dadurch verplempern wir weiter Zeit und Strecke, und der Abstand zu den anderen Seglern wird immer größer. In der Nacht wechseln wir wieder von Gennaker auf Genua – zu sehr rauschen die Wellen achterlich ans Schiff. Die KAMI ächzt und knarrt, Schlaf finden wir so nicht. Wir gehen auf Gegenkurs und ändern die Besegelung. Der Wind ist so stark, dass Mike den Gennaker kaum einrollen kann – der Druck im Tuch ist enorm. Nach großer Anstrengung meistern wir das Manöver und gehen gegen 1 Uhr ins Bett.
Kathi übernimmt den Großteil der Nachtwache und sieht auf dem Plotter, wie die zwei Segler in unserer Nähe an uns vorbeiziehen. In den Morgenstunden entlädt sich eine Schauerzelle über der KAMI – wie eine Fahrt durch die Waschanlage. Regenwasser strömt vom Oberdeck nach unten, und wieder tropft es aus dem Lampensockel in unserer Kabine. Wo kommt es nur genau her? Wir forschen weiter.
Langsam geht frisches Obst und Gemüse zur Neige. Die Bananen haben sich zuerst verabschiedet, gefolgt von den Birnen. Noch ein paar Äpfel und Südfrüchte halten durch. Täglich checken wir und sortieren angegangenes Obst/Gemüse aus. Die Angel ist draußen, doch durch zunehmendes Sargassum wirds schwieriger – die Algen verfangen sich in Leine und Köder. Nachmittags Videocall mit Basti: Toll, dass wir dank Starlink hier draußen gute Datenverbindungen haben. Sonst nichts Neues. Die Zeit vergeht schnell – obwohl wir langsam unterwegs sind.
10. Seetag – Dienstag, 25.11. Neuntes Etmal: 125 Seemeilen Gesamt: 1.297 Seemeilen Bis Martinique: 1.445 Seemeilen Windstärke zwischen 2 und 2 Beaufort Großsegel im 2. Reff – Gennaker voll / ab 2:00 Uhr motoren
In der Nacht nehmen wir ein immer lauter werdendes Knarzen aus dem Heckbereich wahr. Mike vermutet den hydraulischen Autopiloten als Ursache, und tatsächlich: Im Backbordmaschinenraum stellen wir fest, dass sich die Halterung des Hydraulikzylinders, der mit der Lenkstange verbunden ist, etwas gelöst hat. Wegen der Bewegungen drückt der gelockerte Zylinderfuß in die hölzerne Befestigungsplatte.
Wir ziehen raschg alle vier Befestigungsbolzen wieder fest, und die störenden Geräusche verschwinden. Im Hafen werden wir die Bolzen nochmals nachziehen und mit Loctite sichern.
Nach dem Frühstück sehen wir erstmals seit Beginn der Passage wieder Delfine. Eine kleine Dreiergruppe zeigt sich für einige Minuten unter unserem Trampolin im Bugbereich. Die Wassertemperatur liegt jetzt bei 28 Grad Celsius – auf den Kanaren waren es noch 24 Grad. Wir kommen also unserem Ziel näher.
Auch nachts ist es im Salon durchgehend warm, und wir bedecken uns nur noch mit leichten Tüchern – normales Bettzeug ist nicht mehr angenehm.
Am Vormittag erhalten wir Post von Alina (wetterwelt.com): Der Wind soll noch weiter nachlassen, und ab dem 1. Dezember rollt ein Tiefdruckgebiet aus Norden über uns mit Böen bis 32 Knoten und Squalls mit Gewittern. Klasse. Wir studieren verschiedene Wettermodelle im Detail und beschließen, uns mehr südlich zu halten, um den zahlreichen angekündigten Squalls möglichst aus dem Weg zu gehen. Wind und über 3 Meter hohe Wellen werden uns dennoch erreichen.
So richtig kommen wir mit unseren Segel-Setups nicht voran, da wir verschiedene Parameter wie Windrichtung, Windwinkel, Geschwindigkeit und Windstärke beachten müssen. Anders als Einrumpfsegler können wir wegen des stehenden Guts bei Katamaranen nicht beliebig segeln, sondern nur bei raumen Kursen. Bei achterlichem Wind (um 180 Grad) geht nichts mehr.
Deshalb durchforsten wir online hilfreiche Informationen zu Segelstellungen mit und ohne Hilfsmittel wie Barbarholer & Co. Auf YouTube finden wir einige gute Videos und planen, die Segelstellung „Butterfly“ am nächsten Tag auszuprobieren. Wir wissen jetzt schon: Ein Parasailer soll her, ein freifliegendes Segel, das bei achterlichen Winden für ruhigen und konstanten Vortrieb sorgt. Wir werden in der Karibik entsprechend Ausschau halten.
Segelstellung ButterflyGenießerfrühstückBordhund auf Wache
11. Seetag – Mittwoch, 26.11. Zehntes Etmal: 125 Seemeilen Gesamt: 1.422 Seemeilen Bis Martinique: 1.320 Seemeilen Windstärke zwischen 2 und 3 Beaufort Großsegel im 2. Reff – Gennaker voll / ab 2:00 Uhr motoren
Nachdem wir die Nacht bei nur 4 Knoten Wind durchgemotort haben, setzen wir gleich nach dem Frühstück unser Vorhaben um: die Segelstellung „Butterfly“. Damit können wir bis zu 175 Grad zum Wind fahren – ein direkterer Kurs Richtung Martinique ist möglich, das ständige Kreuzen entfällt. Wir setzen den Gennaker auf Backbord und die Genua auf Steuerbord. Die Genua „ausbaumen“ wir leicht nach außen, damit sie nicht einfällt. Und tatsächlich klappt es: Bei 10 Knoten Wind machen wir gut 5 Knoten Fahrt. Cool – wieder etwas dazugelernt! Learning by doing! Anders geht es ja auch nicht.
In weiser Voraussicht auf das kommende Tiefdruckgebiet befüllen wir die Treibstofftanks erneut. Insgesamt 200 Liter Diesel haben wir schon verbraucht (Generator + Backbord-Maschine während der Flauten). Noch 500 Liter stehen zur Verfügung – das ist okay.
Unsere Brotvorräte neigen sich dem Ende zu. Also backen wir noch ein leckeres Sauerteigbrot, bevor die ruppigen Seetage ab 1. Dezember beginnen. Heute Abend nehmen wir an einem Online-Microseminar unseres Vereins teil: Thema „Proviantieren für Langfahrt“. Wir erhoffen uns Tipps zur Lagerung von frischem Obst und Gemüse. Mit der Zeitzone klappt es um 17:30 Uhr. Besonders nützlich: Tipps zu Hühnereiern – mit Öl abreiben, luftig lagern, regelmäßig drehen. So sollen Eier monatelang ohne Kühlung haltbar sein. Die Tipps setzen wir gleich nächsten Vormittag um.
Die Nacht fahren wir weiter im Schmetterling. Bei durchschnittlich 10 Knoten Wind machen wir 4 bis 5 Knoten Fahrt. Vermutlich wird das kommende Etmal unser bisher schlechtestes – aber bei mäßigem Wind ist momentan nichts mehr rauszuholen (jedenfalls für uns Segelanfänger).
So weit das Meer …BordbäckereiVereiert …
12. Seetag – Donnerstag, 27.11. Elftes Etmal: 109 Seemeilen Gesamt: 1.406 Seemeilen Bis Martinique: 1.344 Seemeilen Windstärke zwischen 2 und 3 Beaufort Gennaker und Genua im Schmetterling (bis 7:00 Uhr danach – Großsegel im 2. Reff und Gennaker)
Tagsüber beschäftigen wir uns wieder mit den Wind- und Wetterprognosen. Ab Samstag soll es mit Böen bis 35 Knoten ruppiger werden. Wir vorsorgen: Trinkwassertanks auffüllen, für uns und Piper vorkochen. Das gestern angesetzte Sauerteigbrot backt bei 170 Grad für eine Stunde aus. Momentan pusten noch 10 Knoten Wind, wir machen um die 5 Knoten Fahrt. Erst ab morgen früh 4 Uhr soll der Wind zurückkommen und sich stetig aufbauen. Dann wechseln wir das Segel-Setup wieder: Großsegel im 2. Reff mit Genua als Vorsegel – hoffentlich gute und vor allem sichere Fahrt.
Bergfest!
Die Hälfte ist geschafft. Bei günstigem Wetter erreichen wir Martinique am 8. Dezember – perfekt zum gebuchten Liegeplatz ab 8.12. in der Marina Pointe du Bout. Zur Feier gibt’s heute Abend einen „milden“ Gin-Tonic auf die gemeisterte Strecke. Ausnahme von unserer Bordregel: während Passagen kein Alkohol.
Der leichte Wind schiebt die KAMI mit 4,5 Knoten weiter Richtung Südwest. Abends schauen wir von unserer Medienfestplatte wieder zwei leichte Schmunzelfilme, eine Art von Unterhaltung, die gemütlich dahinplätschert und keine große Konzentration erfordert. Gegen 23 Uhr legen wir uns hin und genießen eine relativ ruhige Nacht.
13. Seetag – Freitag 28.11. Zwölftes Etmal: 120 Seemeilen Gesamt: 1.526 Seemeilen Bis Martinique: 1.229 Seemeilen Windstärke zwischen 4 und 5 Beaufort Großsegel im 2. Reff und Gennaker
In Erwartung der anrollenden Schlechtwetterfront bereiten wir die KAMI so gut wie möglich vor. Leinen werden geklariert, die Rettungsinsel durch ein zusätzliches Spannband nochmals gesichert, Kathi kocht für die nächsten Tage für uns und Piper vor. Wir verstauen alles sorgfältig und sichern bewegliche Ausrüstungsgegenstände.
Fast täglich erhalten wir von unserer Wetterscouterin Alina E-Mails mit Einschätzungen und Routenempfehlungen. Eins steht fest: Der Schlechtwetterwalze, die auf uns zukommt, entkommen wir nicht. Wir versuchen, uns so weit wie möglich südlich zu halten, um dem Gröbsten – 3 bis 4 Meter Wellen und Starkwindböen – zu entgehen. So die Theorie. Wer weiß, wie es wirklich kommt. Wir sind etwas angespannt; das Wetterthema beschäftigt uns täglich stundenlang. Wir vergleichen Vorhersagemodelle und Satellitenbilder. „Los“ geht es heute Nacht bzw. Samstag früh – dann werden wir Squalls mit Gewittern und Regenmassen ausweichen, soweit möglich. Ab Montag/Dienstag soll das Schlimmste vorbei sein. Ob wir in der Zeit Schlaf finden?
Langsam zählen wir die Tage bis zur Karibik. Es wird merklich wärmer, die Wassertemperatur hat fast 29 Grad erreicht. Die Luft wird feuchter, Nächte milder. Tausende Sterne funkeln nachts, Mondschein spiegelt sich auf dem Wasser. Ein wahnsinniges Erlebnis – so erhaben, so beeindruckend. Hier auf dem Atlantik mitten im Nirgendwo fühlt man sich klein, der Natur ausgesetzt.
Schlechtwetterzelle vorausSquall auf dem Radarbild
14. Seetag – Samstag, 29.11. Dreizehntes Etmal: 142 Seemeilen Gesamt: 1.666 Seemeilen Bis Martinique: 1.132 Seemeilen Windstärke zwischen 4 und 5 Beaufort Großsegel im 2. Reff – Genua voll
Langsam wird es immer unruhiger an Bord. Besonders in den Nachtstunden nehmen Wind und Wellen erheblich zu. Es ist wieder sehr laut im Schiff. In der Nacht wechseln wir mehrmals unseren Zickzack-Kurs und nähern uns damit langsam unserem nächsten Wegpunkt. Der Wind frischt in Böen nun bis 21 Knoten auf, und auf dem Radar können wir die ersten Schlechtwetterzellen schon in 32 Seemeilen Entfernung sehen.
Morgens kommt die erwartete E-Mail von Alina. Sie schreibt, dass die vorhergesagte Störung sich nun doch schneller entwickelt als gestern prognostiziert. Sie empfiehlt, den Kurs auf 16°N 48°W weiter anzusteuern – für uns die beste Option, um Wind und Wellen in den nächsten Tagen zu reduzieren. Wir steuern also weiter Zickzack auf die Koordinaten zu. Im Moment sind Wellen und Wind erträglich. Die Sonne ist schon hinter Wolken verschwunden, und wir machen bei 13 Knoten Wind um die 5 bis 6 Knoten Fahrt.
Gerne würden wir den Gennaker ausrollen, um etwas Speed zu machen. Da wir aber stündlich mit der Gewitter- und Regenfront rechnen, belassen wir es bei der jetzigen Besegelung. Gestern war es schon sehr schwer, unter 17 Knoten Winddruck den Gennaker einzurollen. Mit unserem Leichtwindsegel werden wir uns wohl noch bis Mitte der Woche gedulden müssen, bis das Schlechtwettergebiet durchgezogen ist. Uns ist im Moment wichtig, dass wir einigermaßen durch die anstehenden rauen Tage kommen – auch wenn wir dafür wieder einen zeitlichen Umweg machen müssen. Na und, dann kommen wir halt ein paar Tage später an. Hauptsache frei von Seekrankheit und gröberen Schäden am Boot.
Durch den Versatz des Schiffs durch die immer höher werdenden Wellen benötigt unser hydraulischer Autopilot viel Energie. Er ist richtig hungrig danach. Innerhalb von 12 Stunden saugt er uns 15% Leistung aus den Batterien. Wir müssen nun schon in den frühen Morgenstunden unseren 7,5-kW-Stromgenerator anwerfen, um die Batteriebänke wieder zu laden und nicht zu sehr ins Minus zu rutschen.
Durch den bewölkten Himmel ist der Solarertrag unserer drei Heckpanele momentan sehr gering. Der Generator lädt mit 500 bis 2.500 Watt unsere Batteriebänke (je nach momentaner Kapazität). Für ein Ladevolumen von 10% benötigt er ca. drei Stunden.
Trotz der erschwerten Wetterbedingungen schaffen wir es in der Nacht, ein paar Stunden Schlaf zu finden. Gestern Abend ist noch ein Squall über uns hinweggerollt, brachte kurzzeitig 34 Knoten Wind und beschleunigte die KAMI auf dem Wellenritt für einen Moment auf 14 Knoten.
So unangenehm die Reisebedingungen im Moment sind – wir machen Fahrt, und das ist gut.
15. Seetag – Sonntag 30.11.
Vierzehntes Etmal: 144 Seemeilen Gesamt: 1.810 Seemeilen Bis Martinique: 1.000 Seemeilen Windstärke zwischen 4 und 7 Beaufort Großsegel im 2. Reff – Genua voll – Nachts Genua 80%
Durch die Zunahme des Windes machen wir ein wenig Strecke, jedoch quälen uns die Wellen, die seitlich von hinten auf die KAMI zudonnern.
Das Problem mit dem wasserlassenden Deckenstrahler besteht weiterhin. Wir hatten oben an Deck sämtliche Planenhalter demontiert und die Befestigungslöcher mit Panzertape verschlossen. Danach dachten wir schon, wir hätten das verursachende Problem gefunden – doch heute Nacht wurden wir wieder eines Besseren belehrt. Nachdem der große Squall einige Badewannen voll Wasser über der KAMI ausgeschüttet hat, war es kurz danach noch alles trocken in der Kabine. Erst ca. 1,5 Stunden später fing der Deckenstrahler wieder an zu tropfen. Wir kombinieren: Der Wassereintritt muss weiter weg sein, denn das Wasser braucht Zeit, um bis zum Endpunkt (hier der Deckenstrahler) zu gelangen. An Deck können wir nichts feststellen. Was machen wir jetzt nur? Die Innenverkleidung lässt sich augenscheinlich nicht mal so nebenbei ausbauen. Ratlosigkeit. Abends nimmt das anfängliche Tropfen immer mehr zu, so dass wir uns entscheiden eine große Plastikkiste unter den Deckenstrahler zu stellen.
Wir müssen prüfen, ob es sich bei dem eintretenden Wasser um Salz- oder Süßwasser (Regenwasser) handelt, um den Herkunftsort besser eingrenzen zu können. Wir telefonieren mit einem deutschsprachigen GFK-Spezialisten in Le Marin auf Martinique und fragen, ob er uns bei der Lecksuche unterstützen kann. Schnell haben wir das Gefühl, dass das nicht zu seinen Wunscharbeiten gehört. Das Gespräch nimmt einen negativen Verlauf: Es sei schwierig, bei solchen Booten Lecks zu finden, man müsse mit eingefärbtem Wasser arbeiten, und im Hafen ginge das ohnehin kaum, weil sich das Schiff dort nicht bewegt. Diese Suche könne schnell um die 3.000 Euro kosten, und in dem Zeitraum im Januar, in dem wir nicht mehr im Hafen liegen, sei er außerdem in Europa im Urlaub.
Wir betteln schon fast, ob er uns nicht jemanden empfehlen kann, der uns unterstützen könnte. Er will „mal überlegen“ und sich wieder melden. Wir sind gespannt, aber wenig zuversichtlich. So, wie es im Moment ist, kann es nicht bleiben. Wenn wir in Martinique angekommen sind und im Hafen liegen, wollen wir selbst intensiver nach der Ursache des Wassereinbruchs suchen. Eine kleine Endoskopkamera haben wir dabei – vielleicht können wir damit in die Deckenkonstruktion schauen. Eventuell kommen wir auch vom Cockpit an die Innenseite der Deckenverkleidung heran. Mal sehen. Hier draußen bei momentan 3 Metern Welle geht das nicht – wir müssen abwarten.
Tagsüber lässt sich die Sonne mehrmals blicken, und der Wind lässt nach und pendelt sich bei 10 Knoten ein. So sind wir wieder langsamer unterwegs. Alina hat sich mit den neuesten Wetterprognosen gemeldet. Wir sollen weiter auf den 246 Meilen entfernten Wegpunkt zuhalten und danach möglichst den Kurs nach West auf 16°N 53°W richten. Damit könnten wir eventuell dem sich in den nächsten Tagen noch weiter aufbauenden Schwell und dem Starkwindfeld entkommen. Ab dem 5.12. soll es sich mit Wind, Welle und Schwell wieder beruhigen.
16. Seetag – Montag 01.12.
Fünfzehntes Etmal: 147 Seemeilen Gesamt: 1.956 Seemeilen Bis Martinique: 880 Seemeilen Windstärke zwischen 5 und 7 Beaufort Großsegel im 2. Reff – Genua voll
Nachmittags gießt Kathi ihre Microgreening-Kräuter und Pflanzen im Salon, als sie vom Deck aus ein metallisches Klacken hört. Sie schaut nach draußen und sieht zwei Metallspangen auf dem Deck liegen. Eine Segellattenbefestigung am Mastrutscher hat sich gelöst und ist abgefallen. Schnell flitzen wir nach vorne und kriechen auf allen Vieren, um die Teile einzusammeln – bei dem ordentlichen Seegang von 3 Metern eine echte Herausforderung.
Ein Blick nach oben zum Mast bestätigt: Die erste Halterung von oben ist gebrochen, und die Segellatte flattert lose im Wind. Mist. Es nützt nichts, wir müssen das Großsegel einholen – und das bei dem Wind und Seegang. Zuvor überlegen wir, wie wir die Halterung wieder befestigen können. Der eigentliche kleine Befestigungsbolzen samt Feder liegt nicht mehr an Deck und muss wohl über Bord gegangen sein. Wir suchen und kramen schließlich eine passende Edelstahlschraube mit Unterlegscheiben und selbstsichernden Muttern aus der Werkzeugkiste.
Wir drehen uns in den Wind und lassen das Großsegel herunter. Zu zweit fummeln wir die Lattenhalterung in die Metallspangen und befestigen sie mit der Edelstahlschraube. Während wir auf dem Oberdeck auf Zehenspitzen arbeiten, tänzelt die KAMI auf den hohen Wellen, und wir haben alle Hände voll zu tun, uns festzuhalten. Unser Vorhaben ist glücklicherweise erfolgreich, so dass wir das Großsegel anschließend wieder setzen und das zweite Reff einbinden können. Wieder ein Schreck!
Nach einigen Stunden gehen wir mit Piper die wacklige Decksrunde, wohl wissend, dass sie sich wohl gleich erleichtern wird. Für einen Moment sind wir nicht ganz aufmerksam und sehen nur aus dem Augenwinkel, wie Piper auf einen kleinen, auf dem Deck liegenden fliegenden Fisch springt, ihn sofort ins Maul nimmt und vertilgt. Im Bruchteil einer Sekunde – wir konnten gar nicht so schnell reagieren. Das rächt sich für sie: Den Rest des Tages benimmt sie sich komisch, hechelt die ganze Zeit und zieht sich zurück. So bleibt es einige Stunden. Ob sie Bauchschmerzen hat? Erst am nächsten Morgen ist sie wieder ganz die Alte. Wir müssen mehr auf ungebetenen Besuch achten. Insgesamt hatten wir auf unserer Passage schon acht fliegende Fische, von handflächengroß bis etwa 20 cm, auf dem Bootsdeck. Die Schuppen der Flieger kleben überall. Irgendwie nicht so toll. Meistens segeln sie nachts an Deck; tagsüber konnten wir sie noch nie sehen, wie sie anfliegen.
Derzeit haben wir guten Wind um die 20 Knoten und machen zwischen 6 und 7 Knoten Fahrt pro Stunde. Das ist gut und soll bis Sonntag so bleiben. Die Welle kommt aus der gleichen Richtung wie der Wind – aus Osten. Sie ist mit 2,8 Metern schon beeindruckend, und in den nächsten Tagen soll sie um einen halben Meter zulegen.
Wir kreuzen bei Ostwind die Kurslinie Richtung Westen. In der Nacht haben wir uns etwas südlich gehalten und sind jetzt auf Gegenkurs. Langsam nähern wir uns der karibischen See, ganz langsam. In der Nacht sind wir durch ein schnelles Manöver einer großen, dunklen Schlechtwetterzelle mit vielen Blitzaktivitäten entkommen. Im Moment scheint die Sonne, und nur wenige Wolken sind am Himmel. Es wird schwül. Besonders im Salon laufen die Deckenventilatoren jetzt rund um die Uhr, da es sehr stickig ist.
17. Seetag – Dienstag 02.12.
Sechszehntes Etmal: 153 Seemeilen Gesamt: 2.109 Seemeilen Bis Martinique: 750 Seemeilen Windstärke zwischen 5 und 7 Beaufort Großsegel im 2. Reff – Genua voll
Die See baut sich immer weiter auf und wir können uns nur noch mit viel Anstrengung halbwegs an Bord bewegen. Die Wellen werfen die KAMI von einer zur anderen Seite, und die vorbeiziehenden Squalls drücken in Böen bis zu 35 Knoten Wind in die Segel, sodass wir nur noch tosend durch die Wellentäler surfen. Nein, so macht Reisen keinen Spaß. Wir müssen uns bei jeder Bewegung im Boot festklammern, damit wir nicht durch den Salon purzeln. Das mag zwar von außen lustig aussehen, aber nach Tagen in diesem Zustand verliert sich der Humor.
Langsam haben wir alle drei genug von der tosenden See, vom Krach im Schiff und von dieser ständigen Unruhe. Der Schlafmangel steckt uns in den Knochen, die Vorräte gehen zur Neige. Frische Lebensmittel sind aufgebraucht, und auch die Getränke werden knapp. Es ist zwar nicht mehr wahnsinnig weit bis Martinique, doch durch das Gekreuze zwischen Südwest und Nordwest verlieren wir Zeit und müssen zusätzliche Strecke machen. Einen Schmetterling können wir bei diesem Wind nicht mehr fahren, und die Squall-Dichte ist weiterhin zu hoch. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als unseren Zickzack-Kurs beizubehalten. In den letzten 24 Stunden sind wir mindestens sechs Halsen gefahren, immer um unsere Kurslinie herum.
Nach den neuesten Vorhersagen wird sich das Wetter in den nächsten Tagen kaum ändern. Wir rechnen großzügig mit einer ETA am kommenden Dienstag in Martinique und müssen unsere Reservierung in der Marina wohl um einen Tag nach hinten schieben.
Die ersten Segler aus unserem Passagenfeld haben ihre Ziele in der Karibik, zum Beispiel Barbados, bereits erreicht. Wir fragen uns, wie sie das geschafft haben und welche Taktik sie genutzt haben, um so gut voranzukommen. Auf NoForeignLand sehen wir jedoch, dass noch viele andere Boote in unserer Umgebung unterwegs sind, die fast zur gleichen Zeit gestartet sind. Wir sind also nicht die Bummelletzten – das tut gut.
Außer tagsüber ein wenig am Laptop zu arbeiten, machen wir nicht viel. Durch das ständige Festkrallen an allen möglichen Oberflächen sieht das Schiff innen wie außen schlimm aus. Dazu kommen Staub und Salz. Es kribbelt uns in den Fingern, endlich wieder richtig klar Schiff machen zu können. Die Luftfeuchtigkeit nimmt weiter zu, wir sitzen und schwitzen.
18. Seetag – Mittwoch 03.12.
Siebzehntes Etmal: 171 Seemeilen Gesamt: 2.280 Seemeilen Bis Martinique: 610 Seemeilen Windstärke zwischen 5 und 7 Beaufort Großsegel im 2. Reff – Genua voll
Unser bestes Etmal bis jetzt. Kein Wunder: In den letzten 24 Stunden bläst es ordentlich und konstant mit rund 20 Knoten. Das mag die KAMI – sie läuft gut und schneidet sauber durch die Wellen. Wir kreuzen die Kurslinie, wobei wir in der Nacht ein ordentliches Stück südwärts gefahren sind. Seit heute Morgen sind wir wieder auf Gegenkurs. Die Südspitze von Martinique (in der Nähe von Le Marin) liegt bei 14°17′ N und ist noch etwa 600 Seemeilen entfernt. Wir pendeln aktuell um 15°00′ N und rutschen so Stück für Stück weiter westlich. Etwa 11 Längengrade müssen wir noch gutmachen.
Unser Autopilot hat beim unentwegten Surfen über die 3 bis 4 Meter hohen, achterlich anlaufenden Wellen ordentlich zu tun. Das kostet Strom, viel Strom, und wir sind froh, dass wir mit unserem Generator das tägliche Defizit ausgleichen können – die Solarenergie reicht im Moment nicht aus. Insgesamt haben wir seit dem letzten Nachtanken rund 60 Liter Diesel allein für die Stromerzeugung verbraucht. Angesichts fehlender Sonne und hoher Wellen ist das noch akzeptabel.
Nach dem Frühstück klarieren wir schon einmal online in Martinique ein und geben dort den 07.12. als ETA an. Wir sollen jetzt einen digitalen Einreisestempel erhalten, und das war’s auch schon. Ein persönliches Vorsprechen bei den Behörden nach der Ankunft ist für EU-Bürger nicht mehr nötig. Großartig – so müssen wir uns nicht mit Immigration und Customs herumschlagen. Das nennen wir verschlankte Bürokratie. Top!
Nachmittags kramen wir die WLAN-Endoskopkamera aus Lagerkiste 5. Beim Projekt „tropfender Deckenstrahler“ wollen wir weiterkommen. Leider bringt der Einsatz der Kamera keine neuen Erkenntnisse. Schade. Die Kiste unter dem Strahler war heute früh wieder nass – dabei hat es gar nicht geregnet. Das Wasser schmeckt salzig. Vielleicht doch Seewasser, das seinen Weg ins Innere findet? Spannende Ursachenforschung – hoffentlich mit gutem Ausgang. Im Moment sind wir weiter ratlos.
Kathi bereitet Weihnachtskarten für unser Team vor, und ich bestelle für Mamas Geburtstag einen Strauß rote Rosen samt Lindt-Nascherei bei Fleurop. Nachmittags wollen wir noch die Autovermietungen auf Martinique checken. So günstig wie auf Madeira oder Lanzarote/La Palma werden wir auf der französischen Insel wohl nichts mieten können. Also durchforsten wir das Netz.
19. Seetag – Donnerstag 04.12.
Achtzehntes Etmal: 160 Seemeilen Gesamt: 2.440 Seemeilen Bis Martinique: 488 Seemeilen Windstärke zwischen 4 und 7 Beaufort Großsegel im 2. Reff – Genua voll
Die anhaltende Unruhe und ständige Bewegung im Schiff zwingen uns, alle körperlichen Aktivitäten stark herunterzufahren. Das Risiko für blaue Flecken ist zu groß, wenn die KAMI vor den Wellen quer schlägt oder plötzlich anfängt zu surfen. So dösen wir den ganzen Tag auf unserem Salonlager, toben ein wenig mit Piper und erstellen schon mal eine To-Do-Liste für unseren Hafenaufenthalt in Martinique. Die Zeit zieht sich zäh wie ein Gummiband.
Durch unsere Zickzack-Kreuzkurse haben wir in den letzten 24 Stunden ganze 38 Meilen verloren. Wir überlegen, die Kreuzkurse enger zu fahren, um zu sehen, ob wir so die Mehrmeilen verringern können. Nach unseren Berechnungen wird die ETA jetzt auf kommenden Montag gegen Abend geschätzt.
Die Nacht war eine der schlimmsten. Wir bekommen kaum ein Auge zu. Draußen haben sich durch Wellen und Schwell Kreuzseen gebildet. Die KAMI rumpelt stundenlang, und es ist extrem laut im Schiff. Aus allen Ecken sind Knarzgeräusche zu hören, wenn die Wellen unten gegen die Gondel schlagen. Wir sitzen alle senkrecht – so laut und ungemütlich. Dieses Wellengeschlinger begleitet uns nun schon fast eine Woche. Ganz ehrlich: Davon haben wir wirklich die Schnauze voll. Erholsamen Schlaf findet man nicht, und auch Aktivitäten wie Sport oder Angeln sind kaum möglich. Was für eine blöde Überfahrt.
20. Seetag – Freitag 05.12.
Neunzehntes Etmal: 150 Seemeilen Gesamt: 2.590 Seemeilen Bis Martinique: 350 Seemeilen Windstärke zwischen 4 und 5 Beaufort Großsegel im 2. Reff – Genua voll Mama hat Geburtstag! Happy Birthday!
Tagsüber duschen wir Piper mit der Heckdusche ab – danach ist ihr Fell wieder seidenweich, und sie schnuppert gut. Zum Abendbrot gibt es heute klassische Nudeln mit Tomatensoße nach ostdeutschem Rezept. Hmm, lecker! Für die Soße nutzen wir den guten Werder-Ketchup aus der alten Heimat.
Wir kommen weiter gut voran: Der Wind bläst konstant um die 20 Knoten, und wir machen ordentliche Fahrt. Nach aktuellen Berechnungen sind es noch gut 2,5 Tage bis zum Ziel. Die Welle hat sich langsam beruhigt und nimmt von 3 Metern auf 2,80 bis 2,50 Meter weiter ab. Bis zur Ankunft in Martinique soll sich das Wind- und Wetterfenster nicht groß ändern. Einzig die Regen- und Gewitterwahrscheinlichkeit steigt wieder, je weiter wir westlich kommen. Also wieder auf Squalls einstellen.
Im Moment haben wir fast Vollmond. Die Fahrt durch die Nacht wirkt richtig mystisch, wenn sich der Mondschein auf den Wellen spiegelt. Man kann sich gar nicht satt sehen. Nach dem Frühstück gehen wir unserem Wassereinbruchproblem durch den Lampensockel weiter auf den Grund. Wir entfernen die Seitenverkleidung in der Küche und schauen hinter die Baugruppe – können aber nichts ausmachen. Kein Wasser, keine Feuchtigkeit. Die Vermutung liegt nahe, dass das Wasser von der Elektroleitung kommt. Wir testen das heute aus: Wir verlängern die aus dem Sockel hängende Elektroleitung mit einer kurzen Leine, stopfen das Innere des Sockels mit Microfasertüchern aus und warten ab, was passiert. Gefühlt wird das Wasser, das wir durch die darunter gestellte Wanne auffangen, immer mehr. Komisch. Selbst wenn das Wasser durch die Elektroleitung kommt (Kapillareffekt), wissen wir noch immer nicht, wo das salzige Wasser von außen hereinkommt. Im Moment können wir nur nach dem Auschlussverfahren vorgehen. Falls die Stelle gar nicht auffindbar ist, müssten wir über eine Ableitung nach außen nachdenken. Wir haben da schon ein paar Ideen. Eine saubere Lösung wäre das aber nicht.
21. Seetag – Samstag 06.12.
Zwanzigstes Etmal: 154 Seemeilen Gesamt: 2.744 Seemeilen Bis Martinique: 246 Seemeilen Windstärke zwischen 5 und 7 Beaufort Großsegel im 2. Reff – Genua voll
Wir rücken dem Staub im Salon zu Leibe, und Mike geht danach ans Heck, um den Staubbehälter zu leeren. Dabei klopft er kräftig auf die hintere Heckklampe auf der Backbordseite und sieht noch, wie der Deckel des Behälters wegfliegt. Oh nein – das ist ja doof. Mit schwarzem Panzertape verschließen wir den Behälter notdürftig; ohne Staubsauger geht es an Bord gar nicht. Allein die verlorenen Haare von Piper saugen wir im Salon mindestens zwei Mal am Tag weg. In Martinique werden wir uns wohl einen neuen Handstaubsauger kaufen müssen. Nicht zu ändern – trotzdem ärgerlich.
Die Nacht ist wieder super unruhig. Die Wetterberuhigung, die Alina orakelt hatte, ist leider nicht eingetroffen – im Gegenteil. Die Welle nimmt in der Nacht wieder extrem zu, sodass wir zwei Halsen fahren müssen, weil der Krach im Schiff kaum auszuhalten ist. Der Wind bläst jetzt mit 22 Knoten aufwärts, und die KAMI schlittert erneut von Wellental zu Wellental. Zwar haben wir mit 154 Seemeilen ein gutes Etmal, dem Gekreuze müssen wir aber wieder über 40 Meilen zuschreiben. Gefühlt kommen wir nur elendig langsam voran – was natürlich Quatsch ist. Der Wunsch, endlich anzukommen, wird von Stunde zu Stunde stärker, und das Ergebnis sorgt für etwas schlechte Laune.
Dazu kommt, dass es Kathi nicht gut geht. Wie aus dem Nichts hat sie ein „Musauge“ (entzündetes Auge) bekommen – es sieht schlimm aus. Sofort kramen wir aus unserer Medibox Augentropfen mit Antibiotikum hervor. Nach 12 Stunden sieht es langsam wieder etwas besser aus: Es ist zwar noch sehr geschwollen, aber die Rötung ist etwas zurückgegangen – gut so. Ihr Magen macht sich ebenfalls wieder bemerkbar – droht auf den letzten Meilen ein Totalausfall? Unsere Hoffnung, vielleicht schon morgen Abend in der Nähe der Marina den Anker fallen zu lassen, haben wir aufgegeben. Es wird wohl doch erst am Montag etwas mit unserer Ankunft.
22. Seetag – Sonntag 07.12.
Einundzwanzigstes Etmal: 164 Seemeilen Gesamt: 2.908 Seemeilen Bis Martinique: 112 Seemeilen Windstärke zwischen 5 und 7 Beaufort Großsegel im 2. Reff – Genua voll
Vor Reisebeginn hatte ich mir noch Segelhandschuhe von Gill gekauft, in der Hoffnung, sie lange nutzen zu können. Leider haben sie die Passage nicht einmal ansatzweise überlebt. Schade. Die Segelhandschuhe von Kathi sind von der Firma Bauhaus, Linie „Nautic“. Komischerweise sind ihre Handschuhe okay – natürlich mit Nutzungsspuren, aber ohne Löcher oder Materialrisse. In Martinique werde ich mir Ersatzhandschuhe besorgen. Auf verbrannte Finger habe ich keine Lust mehr, also lieber auf Nummer sicher. Die nächsten werden nicht von Gill sein, sorry.
Am frühen Nachmittag kommt uns die Sea Cloud II entgegen, ein großes Segelschiff mit drei Masten. Sie ist auf dem Weg nach Barbados, kommt von La Palma und macht 12 Knoten Fahrt. So große Segelschiffe sehen schon beeindruckend aus. Man fragt sich unwillkürlich, was man für einen Törn auf so einem Schiff wohl bezahlen darf.
Kathi bucht über das Internet einen Mietwagen für uns. Wir können ihn am 10. Dezember am Flughafen in Martinique abholen, und er steht uns dann bis zum 3. Januar zur Verfügung. Das ist gut. Wir müssen unsere Vorräte wieder aufstocken und rund 400 Liter Diesel nachbunkern. Das bedeutet: 16 Kanister à 25 Liter wollen bewegt werden – ohne Mietwagen wäre das schwierig. Außerdem stehen auf unserer To-do-Liste noch Supermärkte, Decathlon, der Elektronikmarkt Darty, Schiffsausrüster und Baumarkt. Unser Weihnachtsbesuch aus der Heimat möchte natürlich auch gerne vom Airport abgeholt werden. Kurz gesagt: So ein Mietwägelchen ist schon was Schönes.
Gegen Abend fahren wir fast die Segelyacht CAVA über den Haufen. Nur durch ein beherztes Ausweichmanöver können wir eine Kollision hier mitten auf dem Atlantik verhindern. Verrückt. An Bord ist eine belgische Crew, ein älteres Pärchen, ebenfalls mit Hund unterwegs. Wir funken und stellen fest, dass wir beide das gleiche Ziel haben. Die CAVA fährt nur unter einem kleinen Vorsegel, dafür aber im Gegensatz zu uns auf Direktkurs Martinique. So wie wir sie verstanden haben, steuern sie die gleiche Marina an. Wir sind gespannt. Die CAVA plant, am Montag in den Morgenstunden in der Marina anzukommen.
23. Seetag – Montag 08.12.
Zweiundzwanzigstes Etmal: 141 Seemeilen Gesamt: 3.049 Seemeilen Ankunft in Martinique Windstärke zwischen 3 und 5 Beaufort Genua & Motoren
Wir schätzen unsere Ankunft in den frühen Morgenstunden und bereiten schon jetzt die Festmacherleinen sowie die inflatables Fender vor. Das Großsegel wird ordentlich im Lazy Bag verstaut und das Großfall gegen das Schlagen am Mast gesichert. Wir sind nun für den anstehenden Landfall nach über 3.000 Seemeilen gewappnet. Der tosende Atlantik liegt endlich hinter uns, der über zehn Tage andauernde Wellenritt im letzten Drittel der Reise hat uns körperlich doch zugesetzt, denn an erholsamen Schlaf war nicht zu denken.
Endlich – wir haben es geschafft. Der Atlantik ist bezwungen. Nach 22 Tagen machen wir in der Marina Pointe du Bout fest. Yippieh – den Anlege-Gin-Tonic haben wir uns mehr als verdient.
Martinique empfängt uns mit dicken Wolken und intervallartigen Regengüssen. Ab 11 Uhr dürfen wir in die Marina. Kurz vor der Ankunft erleben wir einen Wolkenbruch der Extraklasse. Wir brechen die Anfahrt zur Marina ab und werfen den Anker in unmittelbarer Nähe. Als das Unwetter abgezogen ist, wollen wir Anker auf gehen. Die Winsch macht noch einmal kurze Geräusche – dann ist Schluss. Sie hat ihren Dienst aufgegeben.
Völlig übermüdet holen wir die ausgebrachten 13 Meter Kette samt 25-kg-Spade-Anker von Hand ein. Wow, was für eine körperliche Anstrengung. Es gelingt, und wir bekommen den Anker nach oben. In weiser Voraussicht haben wir bereits eine Ersatzwinsch an Bord. Diese werden wir hier in Martinique in der Marina einbauen. Es bleibt also immer etwas zu tun. Willkommen, Karibik – willkommen Martinique!
Nach zehn Tagen in der Ankerbucht von Playa Calimera heißt es für uns: Anker auf! Unser nächstes Ziel ist La Palma. Wir müssen am Sonntag schon um sechs Uhr morgens starten – eigentlich überhaupt nicht unsere Uhrzeit –, aber laut Berechnung sind es rund 36 Stunden Fahrt. Wenn alles gutgeht, kommen wir also am Montagnachmittag in der Ankerbucht des Parque Natural de Cumbre Vieja an.
Aufbruch in den frühen MorgenstundenUnterwegs ohne Wind
Das Wetter meint es, wie so oft, nicht besonders gut mit uns. Kaum sind wir unterwegs, stellt sich heraus: Die Vorhersage hatte recht – satte zwei Knoten Wind. Oh Mann! Das heißt mal wieder: Motoren statt Segeln. Wir nehmen es gelassen, auch wenn das gleichmäßige Brummen des Motors nach ein paar Stunden eher an eine Meditation erinnert, die man nie gebucht hat.
Immerhin ist das Meer ruhig, kaum Wellen, und der Atlantik zeigt sich von seiner schönsten Seite. Dieses unendliche Blau, das in der Sonne fast leuchtet, entschädigt uns ein wenig für den fehlenden Wind. Wir ziehen gemütlich dahin, hören Musik, kochen zwischendurch und genießen das Gefühl, endlich wieder auf offener See zu sein.
Halo – Phänomen kurz vor La PalmaAblöse für Mike am SteuerstandErste Übung ohne Leine mit Rettungsweste
Wie geplant erreichen wir am Montagnachmittag La Palma. In der Bucht liegt nur ein weiteres Segelboot vor Anker – perfekt, genug Platz für uns. Wir lassen den Anker fallen und genießen den Sonnenuntergang. Nach der langen Motorfahrt wirkt das goldene Abendlicht wie eine Belohnung vom Atlantik persönlich.
Am nächsten Tag geht’s direkt weiter, denn wir haben in der Marina La Palma einen Liegeplatz reserviert – Mikes Mama Uschi kommt am Mittwoch zu Besuch! Also starten wir früh und machen uns auf den Weg zum Hafen. Vor der Marina befindet sich ein Fähranleger mit Industriehafen, und laut Beschreibung sollen wir zunächst den Industriehafen auf Kanal 6 anfunken, um um Erlaubnis zur Einfahrt zu bitten, und danach auf Kanal 9 die Marina kontaktieren. Zwischen Industrie- und Yachthafen befindet sich ein massives Metalltor, das verhindern soll, dass zu viel Schwell durch die Fähren und Kreuzfahrtschiffe in den Yachthafen dringt. Klingt theoretisch einfach – mal sehen, wie das in der Praxis läuft.
Gesagt, getan: Der erste Kontakt mit dem Industriehafen klappt reibungslos. Zu früh gefreut – beim Anfunken der Marina wird’s etwas chaotisch. Eine freundliche Dame meldet sich sofort, doch leider versteht Kathi sie nicht so richtig. Ein kleines Funk-Hin-und-Her folgt („Say again, please?“ – „No, other side!“ – „Left or right?“ – „Sí, sí, right!“), bis wir schließlich die Hafeneinfahrt ausmachen können. Die Dame weist uns an, am ersten Steg zu warten. Und siehe da – dort steht schon ein Marinero bereit, winkt energisch und lotst uns zur nächsten freien Box in der Mitte der Steganlage.
Das Hafenmanöver ist – wie immer – aufregend, aber alles klappt wunderbar. Kaum liegen wir fest, machen wir uns daran, die KAMI ordentlich zu sichern, denn trotz Metalltor schwappt hier ordentlich Schwell durch. Die Leinen knarzen, das Boot wippt, und wir atmen erleichtert auf: angekommen, wohlbehalten – und bereit für Uschis Besuch.
Am Mittwochmorgen machen wir uns auf den Weg zum Fährterminal, denn dort haben wir für unseren Aufenthalt auf der Insel einen Mietwagen gebucht. Damit wollen wir La Palma erkunden – und natürlich unseren Besuch vom Flughafen abholen. Es läuft alles reibungslos: Wir werden schon erwartet, bekommen den Schlüssel in die Hand gedrückt und können direkt starten. Zurück an Bord machen wir noch schnell klar Schiff (diesmal wortwörtlich grins), bevor wir gegen Mittag zum Flughafen fahren.
Besuch kann kommen!
Piper bleibt an Bord – sie muss sich erst wieder an den Hafen und die Temperaturen gewöhnen. Es ist schon ein Unterschied, ob man 37 Grad vor Anker oder im heißen Hafen hat. Ganz schön warm!
Wie immer neugierigEinfach mal abhängen … grins
Uschi landet pünktlich, und wir empfangen sie freudestrahlend. Koffer und Besuch ins Auto – und schon geht’s zurück zur KAMI. Erst einmal durchatmen und etwas trinken, bevor wir in der Hitze dahinschmelzen. Wir plaudern über die letzten Tage, was es Neues aus der Heimat gibt, und schmieden Pläne, was wir in der Woche alles unternehmen wollen.
Am Abend gehen wir ins Hafenrestaurant „Lucy“ und lassen den Tag beim Abendessen und guter Laune ausklingen. Es fühlt sich schön an, wieder familiäre Gesellschaft an Bord zu haben.
Besuch aus der HeimatBlick über den Hafen
Am nächsten Tag steht ein besonderes Ziel auf dem Programm: der Vulkan Tajogaite. Der Ausbruch auf La Palma 2021 dauerte vom 19. September bis zum 13. Dezember und war der längste bekannte Vulkanausbruch auf der Insel. Mit Blick auf die Schäden gilt er auch als der folgenreichste in der Geschichte La Palmas. Der im Juni 2022 offiziell benannte Tajogaite-Vulkan entstand am Westhang des Höhenrückens Cumbre Vieja.
Vor Ort zu stehen, ist beeindruckend und erschreckend zugleich. Man sieht, wie die Natur sich in wenigen Wochen ein neues Gesicht geschaffen hat – mächtig, schön und zugleich zerstörerisch. Wir sind still, als wir die schwarzen Lavafelder betrachten, die sich über ganze Täler gelegt haben. Es ist kaum zu fassen, was hier passiert ist.
Die Lava floss damals über mehrere Spalten nach Westen, zerstörte ganze Dörfer in den Gemeinden El Paso, Los Llanos de Aridane und Tazacorte und ergoss sich schließlich spektakulär über die Steilküste ins Meer. Besonders hart traf es das Dorf Todoque – dort blieb kein Stein auf dem anderen.
Auf dem Rückweg schweigen wir eine Weile und genießen einfach die atemberaubende Landschaft. Überall blühen neue Pflanzen zwischen der dunklen Lava, und irgendwie wirkt alles, trotz der Zerstörung, friedlich und lebendig. La Palma hat uns tief beeindruckt – eine Insel, die zeigt, wie nah Schönheit und Gewalt in der Natur beieinanderliegen.
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Auch die vom Hafen aus fußläufig erreichbare Innenstadt von Santa Cruz gefällt uns ausgesprochen gut. Viele alte, liebevoll restaurierte Häuser lassen sich bestaunen, und in versteckten Innenhöfen laden kleine Cafés mit schattigen Plätzen zum Verweilen ein. Die engen Gassen winden sich steil bergauf und bergab, jede Ecke hat ihren eigenen Charme. An einer Seite des Plaza de España steht die Kirche El Salvador, deren Bau bereits Anfang des 16. Jahrhunderts begann – beeindruckend, wie viel Geschichte hier in den Mauern steckt.
Kirche El SalvadorKirche El SalvadorInnenstadt Santa CruzMarkthalle Santa CruzEinkaufsstraße Calle O’DalyEl Café De Don ManuelShoppingpause
Die Woche mit Uschi vergeht wie im Flug. Kathi und sie erkunden gemeinsam die Altstadt, natürlich mit einer kleinen Shoppingtour – „nur mal gucken“, wie es so schön heißt. Die Stadt ist wirklich wunderschön: viele kleine, bunte Häuser mit hübschen Läden und charmanten Cafés, die einen förmlich dazu einladen, einfach sitzen zu bleiben, einen Kaffee zu trinken und das bunte Treiben zu beobachten.
Balcones de la Avenida MarítimaBummeln durch die Altstadt
Am Freitag, den 31. Oktober, wird hier – wie überall – Halloween gefeiert. Also machen wir uns abends zu dritt auf den Weg in die Altstadt, um das Spektakel mitzuerleben. Überall laufen verkleidete Kinder herum, und ihre Kostüme sind wirklich zum Dahinschmelzen. Zwischen Hexenhüten und Mini-Vampiren wuseln Feen, Skelette und Geisterkinder durch die Straßen – Zuckerrausch inklusive. An einer Bar ist eine kleine Bühne aufgebaut, auf der eine Band spanische Musik spielt, während durch die Gassen ein Spielmannszug mit Trommeln und rhythmischen Klängen zieht. Die Stimmung ist ausgelassen, fröhlich und einfach wunderbar.
Rhythmische KlängeTolle Kostüme
Wir kehren schließlich in ein kleines, süßes Restaurant ein, essen gut und genießen die lebhafte Atmosphäre. Später, wieder an Bord, lassen wir den Abend wie gewohnt gemütlich ausklingen – natürlich mit einer Runde Karten. Das TO-Kartenspiel unseres Vereins Trans-Ozean ist mittlerweile fester Bestandteil unserer Bordabende geworden. Wir versuchen uns gegenseitig auszustechen, was regelmäßig in Gelächter und neckischem Geplänkel endet. Sehr zu empfehlen – für alle, die auf See mal einen Abend ohne Netflix verbringen wollen.
Restaurante El CasinoWir lassen es uns gut gehenWirklich zu empfehlenGemütlicher Abend auf der KAMI
Ein paar Tage später machen wir noch einen Ausflug in den Süden der Insel zur Saline von Fuencaliente – ein echtes Highlight. Hier werden jedes Jahr rund 600 Tonnen Meersalz gewonnen, und gleichzeitig dient das Gelände als wichtiger Rastplatz für viele Zugvögel. Die weißen Salzhügel, das Schwarz der Lavafelder und das Blau des Meeres ergeben zusammen ein atemberaubendes Bild – fast surreal schön.
Saline von Fuencaliente Saline von FuencalienteSonne genießen …
Und ehe wir uns versehen, ist es auch schon wieder Mittwoch. Nach einem letzten gemeinsamen Frühstück heißt es Abschied nehmen. Wir bringen Uschi zum Flughafen, winken ihr noch lange hinterher und können kaum glauben, wie schnell die Woche vergangen ist. Es war eine richtig schöne Zeit – herzlich, lebendig und voller kleiner Abenteuer.
Nach nun einer Woche im Hafen fällt uns auf, dass hier erstaunlich viele TO-Boote liegen – also Boote, die den Stander unseres Vereins am Mast führen. Mike schreibt kurzerhand in die Lossegler-Gruppe, ob jemand Lust auf ein kleines TO-Treffen in der Hafenbar am Abend hat. Da wir aber nicht wissen, wer von den umliegenden Booten tatsächlich in der WhatsApp-Gruppe ist, beschließt Mike, selbst über die Stege zu laufen und die anderen Segler persönlich einzuladen.
Zuerst sitzen wir abends allein in der Bar, aber nach und nach trudeln immer mehr Segler ein. Unsere Freude ist groß – es wird eine richtig nette Runde. Wir philosophieren über Reisepläne, tauschen Erfahrungen aus und lachen über die kleinen und großen Missgeschicke des Bordalltags. Ein wirklich toller Abend – spontan, gesellig und genau so, wie man sich das Seglerleben wünscht.
Am nächsten Tag wird’s dann wieder etwas praktischer: Wir beginnen, unsere TO-DO-Liste abzuarbeiten und starten mit den ersten Einkäufen. Baumärkte, Supermärkte, kleine Läden – wir durchstöbern alles, was wir finden können, um uns auf die große Überfahrt vorzubereiten. Von La Palma nach Martinique sind es rund drei Wochen, also müssen wir genau planen, was wir einkaufen und wie lange die Lebensmittel haltbar sind.
Auch Pipers Versorgung steht dabei natürlich mit auf der Liste. Sie bekommt eine Mahlzeit pro Tag frisch gekocht – damit ihr Trockenfutter so lange wie möglich reicht. Also müssen wir auch das in unsere Kalkulation einbeziehen. Wir erstellen eine ellenlange Einkaufsliste: Hygieneartikel, Konserven, haltbare Lebensmittel – all das wollen wir nach und nach besorgen, damit wir nicht alles auf einmal schleppen müssen. Die Wege durch den Hafen sind schließlich lang, und die KAMI liegt gefühlt immer am anderen Ende. Die frischen Sachen wie Obst, Gemüse und Fleisch werden wir erst am Samstag kaufen, kurz bevor wir den Mietwagen zurückgeben.
Auf dem Weg zum Baumarkt entdecken wir zufällig eine kleine Taverne, die mitten in den Hang gebaut ist. Das sieht so urig aus, dass wir spontan beschließen, dort einzukehren. Gesagt, getan – und wir werden nicht enttäuscht. Die hübsche kleine Taverne ist wunderschön, wir werden zu einem kleinen Tisch begleitet, und auch Piper wird herzlich begrüßt. Das Essen ist köstlich, der hauseigene Wein fantastisch. Ein herrlicher Nachmittag mitten in unseren doch recht praktischen Vorbereitungen – ein Stück Urlaubsgefühl zwischen Einkaufsliste und Schraubenschlüssel.
Bodegas TamancaMike freut sich auf die kleine Shopping-PauseWirklich sehr gemütlich
Ab Montag, dem 10. November, wollte sich Alina von Wetterwelt bei uns melden, um uns ein erstes Update für den geplanten Start am Sonntag zu geben. Das tat sie auch – und warnte uns gleichzeitig: Das Tiefdruckgebiet „Claudia“ zieht über die Kanarischen Inseln. Es soll jede Menge Regen, Wind und Gewitter bringen. Na super. Damit war klar, dass der Mittwoch und Donnerstag eher ruhig verlaufen würden – oder sagen wir: unfreiwillig ruhig.
Gestern hat es den ganzen Tag geschüttet. Ein Gutes hat es: Die KAMI ist endlich wieder frei von dem hartnäckigen, rotbraunen Calima-Staub. Mike nutzt das Wetter gleich aus, bewaffnet sich mit Schrubber und Eimer und schrubbt im Regen die letzten Reste runter – sozusagen Bordreinigung im „Öko-Modus“. Währenddessen sitzt Kathi an Bord und hat eine Videokonferenz mit einem Kunden. So verbringen wir den gesamten Mittwoch gemütlich – oder besser gesagt: produktiv – unter Deck.
Am Abend steht unser erstes TO-Seminar an. Das sind kleine Online-Kurse, die unser Verein kostenfrei anbietet – zu spannenden Themen rund ums Segeln, Navigation, Wetter und Co. Mike startet den Laptop, und Kathi grinst: „Irgendwie komisch – sonst haben wir die Seminare immer zu Hause auf dem Sofa geschaut und uns gefragt, wie es wohl ist, das von einem Boot aus zu machen. Jetzt gehören wir selbst dazu!“ Verrückt, wie sich das Leben manchmal ändert.
In den nächsten Tagen wollen wir alle restlichen Vorbereitungen treffen, damit wir am Sonntag unsere Atlantiküberfahrt nach Martinique starten können. Das Wetter soll sich laut Alina ab Freitag wieder beruhigen, und sie will uns dann noch einmal ein Update geben. Aber es sieht so aus, als könnten wir wie geplant starten.
Alles in allem können wir sagen: La Palma hat uns restlos begeistert. Für uns ist sie die schönste Insel der Kanaren. Santa Cruz verzaubert uns mit ihrer Atmosphäre, und das Inselinnere ist einfach spektakulär. Überall im Westen und Süden ziehen sich endlose Bananenplantagen, und der höchste Punkt – der Roque de los Muchachos – ragt stolze 2.426 Meter in den Himmel. Die Fahrt hinauf dauert fast eine Stunde und führt über unzählige Serpentinen – gefühlt tausend Kurven, manche davon so eng, dass man glaubt, man dreht gleich eine Pirouette mit dem Auto.
Oben angekommen, ist es, als würde man in eine andere Welt eintauchen. Die Nadelwälder wirken märchenhaft, die Luft ist kühl und klar, und irgendwann durchbrechen wir tatsächlich die Wolkendecke. Zehn Grad kälter als unten im Hafen – aber was für ein Ausblick! Wir sind begeistert, beeindruckt und uns sicher: La Palma hat uns mitten ins Herz getroffen.
Bananen soweit das Auge reichtPlantage an PlantageTour auf den Roque de los Muchachos Durch die Wolken hindurchmystischDer Blick von 2.426 Meter hinab.
Bevor wir am 08.10. die Leinen in Arrecife loswerfen, wollten wir uns unbedingt noch ein kleines Highlight gönnen: einen Ausflug in das hübsche Städtchen Teguise. Sie ist die größte der sieben Gemeinden auf Lanzarote und war bis 1852 sogar die Hauptstadt der Insel. Heute steht ihre geschichtsträchtige Altstadt unter Denkmalschutz und lädt zu einem richtig schönen Spaziergang ein.
Die Kirche Nuestra Señora de Guadalupe ist absolut sehenswert – mit ihrer hellen Fassade und dem hübschen Glockenturm ist sie das Herz des Ortes. Als wir an diesem Tag dort ankamen, hatten wir sogar das Glück, eine Hochzeit zu beobachten. In dieser traumhaften Kulisse, mit Blumenschmuck, Musik und vielen festlich gekleideten Gästen, wirkte die Szenerie fast wie aus einem Film. Wir blieben eine ganze Weile stehen und genossen diesen besonderen Moment.
Nach einem gemütlichen Bummel durch die verwinkelten idyllischen Gassen und ein bisschen Sightseeing landeten wir schließlich im Lokal „La Bodeguita Del Medio“, das wir euch nur wärmstens empfehlen können. Dort gibt’s ausgezeichnete Tapas, eine gemütliche Atmosphäre und – zu unserer Freude – eine Bedienung, die sogar ein wenig Deutsch sprach.
Idyllische GassenBlick von der Calle San MiguelKurze PauseWo kehren wir ein?Kirche Nuestra Señora de GuadalupeVor dem Marena Artisan StoreVor der KircheBlick in Richtung La Bodeguita Del Medio
Während wir uns durch die Speisekarte probierten, sprach uns ein nettes Pärchen aus England an. Sie wollten wissen, welche Rasse Piper ist – und waren völlig begeistert, als sie hörten, dass sie mit uns an Bord lebt. Die beiden erzählten von ihren eigenen Hunden in der Heimat und konnten kaum glauben, wie entspannt Piper auf einem Boot unterwegs ist. Passend zum Thema fand an diesem Tag in Teguise auch noch eine Hundeschau statt, und Piper war völlig aus dem Häuschen, so viele neue Vierbeiner zu treffen. Ein rundum gelungener Tag – für Mensch und Hund! 🐾
Am nächsten Tag gaben wir unseren Mietwagen am Flughafen in Arrecife zurück. Eigentlich wollten wir am darauffolgenden Tag in Richtung Playa de Papagayo in den Süden der Insel aufbrechen, um dort in einer Ankerbucht zu liegen. Doch ein Problem hielt uns zurück: unser Paket war immer noch nicht da.
Wir überlegten hin und her. Ohne die neuen Membranen für den Wassermacher loszufahren, machte einfach keinen Sinn – schließlich wollten wir die Dinger ja unbedingt wechseln. Also entschieden wir uns kurzerhand, im Hafenbüro nach einer Verlängerung unseres Aufenthalts zu fragen. Der freundliche Mitarbeiter am Empfang meinte, das sei kein Problem, und verlängerte direkt bis Freitag. Sogar die fälligen Zollgebühren hinterlegte er für uns in einem Umschlag an der Rezeption – Service deluxe! Prima!
Kathi blieb derweil hartnäckig: Sie chattete mit DHL, schrieb E-Mails und versuchte mehrmals anzurufen. Aber auch unser gesamtes Team zuhause stand uns tatkräftig zur Seite, unterstützte uns mit Kundendienst-Telefonaten, Mails und guten Nerven. Ein echter Mannschaftseinsatz! Schließlich kam die Info: Das Paket sei vom Zoll freigegeben, aber derzeit im Lieferzentrum in Arrecife – ohne weitere Status-Updates. Hmmm. 🤔 Über den DHL-Chat bekam Kathi dann die Nachricht, dass das Paket wahrscheinlich am Mittwoch, dem 8. Oktober, eintreffen würde.
Und tatsächlich – nach einer gefühlten Ewigkeit am Mittwoch klingelte Kathis Telefon. Der freundliche Hafenmitarbeiter war dran: „Der Fahrer ist da – euer Paket ist angekommen!“ Wir stürmten fast zum Empfang, und da lag es – unversehrt! Zum Glück keine Beschädigungen an den Membranen. Die Erleichterung war riesig!
Am Abend feierten wir unsere kleine „Paket-Party“ mit einem letzten Besuch im Carbón Carbón – unserem absoluten Lieblingsrestaurant hier im Hafen und auf der gesamten Insel. Die freundliche Kellnerin und der Küchenchef begrüßten uns (und Piper) herzlich, als wären wir Stammgäste. Wir genossen den Abend und hofften, dass am nächsten Tag beim Membranwechsel alles glatt laufen würde.
Carbón Carbón Unser LieblingslokalAuszug aus der Menükarte
Nach dem Frühstück machten wir uns direkt ans Werk. Bewaffnet mit Werkzeug, YouTube-Video vom Hersteller Desselator und einer großen Portion Respekt begannen wir mit dem Ausbau der alten Membranen. Stück für Stück zerlegten wir die Anlage, natürlich alles fotodokumentiert, damit beim Zusammenbau kein Teil übrigbleibt. Nach 3 Stunden war das Werk vollbracht. Alles wieder dicht, alles wieder an Ort und Stelle. Wir waren ganz schön stolz auf uns!
Die neuen Membranen nebst DichtungenEinbauort in der vorderen BB KabineAusbau der alten MembranenZerlegung des MembransystemsDie alten Membranen stecken in HüllenFummelarbeitMembranensatz fertig3er MembranensatzDer Cockpittisch wird zur Werkbank
Die Lagerkabine wurde wieder eingeräumt, alles ordentlich verstaut und verzurrt – einem Start am nächsten Mittag stand nichts mehr im Wege.
P.S. Soeben erreicht uns die freudige Nachricht, dass uns unsere Lea-Marie zu Weihnachten in der Karibik (Martinique) besuchen kommen wird. So Schön …. 🫠
Wir erreichen die Bucht „Playa de la Francesa“ auf der nördlichen Kanareninsel La Graciosa gegen Mittag. Einige Segelboote liegen genau in der Mitte der Bucht, wir entscheiden uns, etwas östlicher am Rand – gegenüber eines hohen Sandbergs – auf 15 Metern Tiefe den Anker fallen zu lassen. Wir fahren den Anker ordentlich ein und geben 50 Meter Kette aus.
La Graciosa ist ein Ort, an dem die Zeit stillsteht. Die Sandwege in Caleta del Sebo, dem einzigen größeren Ort, führen vorbei an weißen Fassaden, kleinen Bars und dem Hafen, wo Fischerboote schaukeln. Barfuß durch die Gassen zu schlendern oder direkt am Strand zu wohnen, ist hier völlig normal. Die wenigen Autos sind Geländewagen, Fahrräder das bevorzugte Fortbewegungsmittel. Der Ort gilt als Geheimtipp für spanische Urlauber, die Ruhe und Entspannung suchen.
Das Herzstück der Insel sind die paradiesischen Strände: Playa de las Conchas im Nordwesten mit wildem Atlantikpanorama, die goldene Bucht von Playa Francesa nahe Caleta del Sebo, in der wir ankern, sowie die abgeschiedenen Buchten rund um Montaña Amarilla, wo Vulkangestein mit weißem Sand wunderschöne Farbspiele zaubert.
Auf La Graciosa geht das Leben langsam: Jeder Ausflug wird zu einer kleinen Entdeckungsreise, ob zu Fuß, per Fahrrad oder mit dem Boot. Wanderer durchstreifen karge Vulkanlandschaften, gemütliche Radfahrer umrunden die Insel auf gut ausgeschilderten Wegen. Für Taucher und Schnorchler eröffnet das Meer ein geschütztes Unterwasserparadies mit reicher Flora und Fauna.
Während unseres Aufenthalts in der Bucht von Playa Francesa ist es wegen der „Calima“ sehr wellig und schwellig. Das Wasser ist durch aufgewühlte Sedimente sehr trüb. Ein entsprechendes Taucherlebnis bleibt uns daher verwehrt – schade.
Calima – das ist der Moment, wenn die Kanaren plötzlich in gelbliches Licht und feinen Wüstensand aus Afrika getaucht werden. Ein warmer, trockener Wind weht von der Sahara herüber, hüllt Inseln, Berge und Strände in einen fast mystischen Dunst, und mit jedem Atemzug spürt man: Heute ist alles ein bisschen anders. Die Sicht reicht oft nur noch wenige Kilometer, Autos und Straßen bekommen einen pudrigen Schleier, die Haut fühlt sich staubig an und die Sonne scheint wie durch einen Filter.
Mit dem Dinghy fahren wir zweimal nach Caleta del Sebo. Das kleine Dorf wirkt wie ein Ort aus dem arabischen Raum. Es fehlen nur die Kamele, und der Eindruck wäre perfekt. Wir finden zwei kleine Supermärkte, in denen wir Kleinigkeiten wie frisches Obst und zwei Flaschen Wein einkaufen. Direkt am Hafen genießen wir im Restaurant Girasol einen leckeren Ceasersalat und frischen Fisch. Unseren angesammelten Müll können wir ganz unkompliziert am Hafen in einem von zehn Müllcontainern entsorgen – perfekt.
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Caleta del Sebo – Staub & SandShopping im SupermercadoCaleta del SaboCaleta del SaboCaleta del SaboCaleta del Sabo HafenCaleta del Sabo HafenStrand im Hafen von Caleta del SaboStrand im Hafen von Caleta del SaboGenuss-Stop im GirasolGirasolCaleta del SaboGirasolLecker Ceasar SaladWeißkopfmimose?Blick auf Caleta del SaboBlick auf Caleta del SaboCaleta del Sabo
Das Wetter während unseres Aufenthalts ist mal wieder nicht optimal. So erleben wir einige komplett bewölkte Tage sowie extrem windige und böige Nächte, in denen wir in den frühen Morgenstunden wach werden, um nach dem Rechten zu sehen (hält der Anker? Treiben wir ab?). Tagsüber, wenn die Sonne scheint, ist es durch den Wind nie richtig warm. Einen richtig schönen Sundowner erleben wir durch die Calima leider nicht. Die Sonne geht eher weiß als blutrot unter.
Unsere Ankerbucht gilt als eine der schönsten auf den Kanarischen Inseln. Wir sind gespannt, was noch kommen wird, und planen grob unseren weiteren Aufenthalt auf den Kanarischen Inseln. Wir merken schon jetzt, dass durch die bevorstehende ARC viele Häfen keine Reservierungen mehr annehmen. Die ARC (Atlantic Rally for Cruisers) ist das größte Transatlantik-Event für Fahrtensegler und macht Las Palmas auf Gran Canaria jedes Jahr im November zum Mittelpunkt der Seglerwelt. Hunderte Yachten aus aller Welt starten gemeinsam Richtung Karibik – das Ziel ist Saint Lucia. Zu den überfüllten Häfen auf fast allen Inseln kommen die Ankerbuchten, in denen sich nach und nach die Schiffe stapeln.
Um eurer Frage vorzugreifen: Nein, wir haben uns gegen eine Teilnahme an der ARC entschieden. Wir sehen hier einfach nur den Kommerz im Fokus stehen. Nette Kontakte und Freundschaften finden sich auch in den Ankerbuchten, dafür müssen wir nicht im Pulk über den Ozean segeln. Das Klientel der Teilnehmenden besteht unserer Meinung nach größtenteils aus älteren Herrschaften sowie Familien mit Kleinkindern, die aus Sicherheitsgründen die ARC buchen. Die vielen Feste und Trainings eignen sich bestimmt auch für Segler ohne Pets Begleitung. Auch deshalb ist die ARC für uns ein No-Go.
Wir bekommen Besuch auf der KAMI vom nebenan ankernden Katamaran „Stardust“, ebenfalls Mitglied in unserem Verein TransOcean e.V.. Tobi, Sarah und die Kinder Tibi & Jari düsen mit dem Dinghy rüber. Tibi und Jari freuen sich über Piper, und mit Tobi und Sarah vertiefen sich unsere Gespräche bei Corona-Bier und Lillet bis in die späten Abendstunden. Wir freuen uns sehr über den netten Kontakt und wünschen uns gegenseitig ein baldiges Wiedersehen. Die SY Stardust segelt am nächsten Tag in den Süden Lanzarotes. Am gleichen Tag laden wir Christian und Helga von der SY Fuchur zum Kaffee an Bord ein. Genau wie wir ist die Fuchur von Madeira hierher nach La Graciosa gesegelt. Beide haben wir bereits auf Madeira kennengelernt. Auch hier verbringen wir angenehme Stunden zu viert und tauschen uns über die weiteren Reisepläne aus.
Nach fast zehn Tagen holen wir den Anker ein und steuern die Calero Marina / Marina Lanzarote in Arrecife, der Hauptstadt Lanzarotes, an. Wir haben hier einen Liegeplatz bis zum 8. Oktober gebucht. Wir mieten wieder einen Leihwagen (diesmal sehr günstig mit 12 Euro pro Tag) und wollen unsere To-Do-Liste abarbeiten. Auf der Liste stehen ein Tierarztbesuch mit Piper’li (sie röchelt so herzzerreißend bei höheren Temperaturen), Friseurbesuche, Baumarkteinkauf, IKEA-Einkauf und die Aufstockung von Proviant für die bevorstehende Atlantiküberquerung. Wir wollen ein wenig auf dem Festland die Insel weiter erkunden und Kathis Geburtstag gebührend feiern. Mein Geschenk an sie ist in diesem Jahr ein Wingfoil-Kurs, den sie sich schon lange wünscht. Bestimmt findet sich hier auf der Insel ein geeignetes Surfcenter für den Kurs.
Und sonst? Wie geht’s weiter?
Nach unserem Aufenthalt in der Marina Lanzarote segeln wir weiter Richtung Süden und ankern vor der Marina Rubicón, wo wir Ende Oktober noch einmal eine Woche im Hafen liegen werden. Wir erwarten hier noch einige Pakete aus der Heimat, unter anderem eine neue Ankerwinsch, die wir wechseln wollen, und zwei Kwiggle-Bikes. Danach segeln wir nach Teneriffa und gehen dort kurz vor unserem Absprung in die Karibik in den Hafen Puerto Deportivo Radazul. Falls das Wetter mitspielt und der Wind günstig ist, wollen wir am 16. November vor dem Start der ARC (23. November) aufbrechen.
Es geht uns gut und wir genießen die milden Temperaturen.
Piper interessiert sich für das MicrogreeningEndlose Strände …Piper liebt SandsträndeSiesta in der HängematteSiesta im KorbUns gehts gut …
Es ist früher Nachmittag, als wir mit dem letzten Energieschub Madeira erreichen. Wir steuern die Marina „Quinta do Lorde“ im Osten der Insel an. Kurz vor dem Eintreffen funken wir die Marina an und bitten um Zuweisung eines Liegeplatzes sowie um einen Pick-up am Hafeneingang. Wir sollen einfahren und Kurs auf den Steg „D“ nehmen. Wir biegen in den Hafen ein und sehen in der Mitte drei Marineros in hellblauen Poloshirts, die uns aufgeregt zuwinken. Mit ordentlich Seitenwind machen wir am Schwimmsteg fest. Vertäut geht es schnurstracks zum Marinabüro. Dort sitzen zwei Damen, die uns freundlich empfangen. Wir klarieren für zehn Tage ein, mieten für den nächsten Tag einen Kleinwagen und fragen nach technischem Support für unsere Funkanlage. Wir bekommen eine Visitenkarte von „Oliver“, den wir direkt im Anschluss per WhatsApp kontaktieren. Er will uns am Donnerstag besuchen.
Wir erkunden den Hafen, der inmitten einer großen Ferienanlage liegt. Das „Dreams“ wurde vor kurzem von Hyatt übernommen. Besonders die kleine Bar an der Hafenmole zieht unsere Aufmerksamkeit auf sich. Ein kurzer Stopp entpuppt sich leider als Flop: Die Getränke sind eher mittelmäßig, der Burger mit Pommes fast ungenießbar – enttäuschend. Ein kleiner Eisladen daneben bietet Kugeln für 2,50 € an. Wir versuchen es – alle Sorten schmecken gleich: künstlich und süß. Hm.
Oliver besucht uns im Hafen von Quinta do Lorde und misst als Erstes die Signalstärke unserer VHF-Antenne. Die Messergebnisse sind gut, alle Stecker sind in Ordnung und es gibt keine Korrosion. Einen Fehler an unserer Funk- oder AIS-Anlage kann er nicht finden – eigenartig. Nach anderthalb Stunden brechen wir die Fehlersuche ab. Wir fragen, was wir ihm für seine Hilfe zahlen dürfen. Oliver ist es offenbar unangenehm, trotz erfolgloser Fehlersuche ein Honorar zu verlangen. Schließlich nennt er 50 Euro. Das finden wir mehr als fair. Zwei Tage später kommt Christian von der SY Fuchur zu uns an den Steg und berichtet von exakt denselben Problemen auf seinem Segelboot: Auch er hat AIS-Ausfälle und gelegentlich Schwierigkeiten mit der Funkverbindung. Das kann doch kein Zufall sein! Vielleicht liegt ja gar kein technischer Defekt vor? Wir sind ratlos.
Wir bemerken, dass wir uns den Steg „D“ mit Tagesausflüglern der örtlichen Tauchbasis sowie der Delfin- und Walbeobachtungsstation teilen müssen. Mehrmals am Tag, ab 9 Uhr morgens, hasten bis zu 20 Gäste über den Steg und springen in die Schlauchboote. Das zieht sich bis in den späten Nachmittag. Piper, natürlich wachsam, ist ständig am Bellen. Die Angestellten der Tauchbasis interagieren immer wieder mit ihr, rufen und streicheln sie durch den Seezaun.
Am nächsten Tag wird uns ganz unkompliziert der Mietwagen direkt am Steg übergeben. Im Hafen liegen zwei weitere Segelboote unseres Vereins (TransOcean). Die Crew der „Fuchur“ schreibt uns via WhatsApp und begrüßt uns, die Crew der „Hyperion“ kommt direkt vorbei und sucht das Gespräch. Es ergeben sich schnell nette Kontakte, und wir beschließen, am Abend mit Silke und Peter von der Hyperion in einer 16 km entfernten, von Einheimischen empfohlenen Gaststätte zu essen. Dort soll es die traditionellen Fleischspieße geben, die am Tisch aufgehängt werden. Mitten in den Bergen finden wir das Lokal. Der erste Hinweis: „Hunde nicht erlaubt“. Nach langem Diskutieren mit dem Wirt und Unterstützung durch die sprachgewandte Silke dürfen wir Piper doch mitnehmen. Es wird ein schöner Abend, den wir genießen.
Am nächsten Tag rücken wir der Salzkruste zu Leibe, die sich während der Überfahrt wie ein Schleier um das Schiff gelegt hat. Nach drei Stunden glänzt die KAMI wieder und die Spuren der Offshore-Passage sind beseitigt. Mit unseren 25-Liter-Kanistern fahren wir zu einer nahegelegenen Tankstelle und füllen die Dieselvorräte auf – insgesamt lagern wir Treibstoff für knapp 700 Euro ein. Die Tour zur Tankstelle machen wir zweimal.
Quinta do Lorde liegt sehr abgelegen. Für die Fahrt nach Funchal, der Hauptstadt, benötigen wir etwa 30 Minuten. In der Hauptstadt suchen wir zunächst eine Decathlon-Filiale. Auch hier sind Hunde nicht erlaubt, wir tricksen und setzen Piper in den Einkaufswagen – so lässt man uns gewähren. Wir kaufen eine Fitnessmatte und zwei Angelköder und besuchen anschließend ein Anglergeschäft. Dort finden wir eine Multirolle für die Trollingangel.
Weiter geht es nach Machico. Dort gibt es ein Restaurant namens „Munchis“. Auch auf Bermuda gab es einst einen Imbiss namens „Munchi“. Die Burger dort waren richtig lecker – 2023 war ich mit Karsten Stammgast. Das Munchi hier auf Madeira muss also auch getestet werden. Wir werden herzlich empfangen und draußen mit Piper bewirtet. Getränke und Essen schmecken super. Wir sind begeistert und nehmen uns vor, wiederzukommen.
MUNCHI TableMUNCHI Außenbereich
Leider ist die Waschmaschine im Hafen kaputt und der Waschraum riecht unangenehm. Also organisieren wir in Funchal einen Laundry-Service, wo unsere Bettwäsche und Handtücher für 18 Euro express gewaschen werden. Die Wartezeit verbringen wir in einer kleinen Bar an der Küste. Der Chef spricht ein paar Brocken Deutsch, kommt aus Brasilien und lebt mit seiner „Schmetterling“ – wie er seine Partnerin liebevoll nennt – auf Madeira. Wir unterhalten uns bei einem Mojito fast eine Stunde mit ihm. Im Hintergrund läuft chillige Musik. Wir fragen danach und bekommen den Link zur Spotify-Playlist. Genau unser Ding: smooth und entspannt – schön.
Am Wochenende nutzen wir die Zeit und starten Teams-Meetings mit Lea und Madeleine. Schön, mal wieder etwas aus der Heimat zu hören. Tagsüber arbeitet Kathi an ihrem Ausbildungshandbuch für Brandschutzhelfer und möchte eine gebundene Ausgabe für die Schulungsteilnehmer erstellen. Mike erledigt kleinere Reparaturen am Schiff. So vergeht die Zeit im Hafen und auf der Insel wie im Flug.
Das Wetter auf Madeira ist sehr wechselhaft: Morgens scheint die Sonne, mittags stürmt der Wind und nachmittags gibt es Regen. Mit dem Mietwagen sind wir unterwegs und suchen einen Strand, wo Piper ins Wasser kann. Leider ist das fast unmöglich – alle öffentlichen Strände mit Eintritt sind während der Saison für Hunde tabu. Ärgerlich. Wir finden einen kleinen, steinigen Strandabschnitt abseits, wo einige Surfer unterwegs sind. Nicht gerade einladend, aber zum kurzen Baden reicht es. Piper genießt es, wir auch – bis uns eine größere Welle bis zur Hüfte erwischt. Wir stehen in nassen Sachen da. Mist! Schnell aufs Schiff und umgezogen.
Abends fahren wir ohne Piper nach Canical in ein abgelegenes Restaurant mit guter Tripadvisor-Bewertung. Der Kellner ist nett, aber das Essen überzeugt uns nicht. Hier zeigt sich wieder, wie unterschiedlich Meinungen und Geschmäcker sein können.
In Funchal besuchen wir einen Obst- und Gemüseladen. Der Verkäufer spricht Deutsch und erklärt die tropischen Früchte in der Auslage. Wir nehmen drei verschiedene Drachenfrüchte und eine Monstera-Frucht mit. Zum Frühstück wollen wir probieren – nur eine der drei Drachenfrüchte schmeckt uns richtig gut. Die Monstera erinnert an eine Mischung aus Banane und Ananas, die Konsistenz ist eher breiig.
Unsere Suche nach einem schönen Sandstrand endet in Funchal, in der Nähe des Madeira Forum. Laut Internet sind dort Hunde erlaubt – das wollen wir sofort ausprobieren. Wie im B5-Center in Dallgow sind auch hier die Shops über Außenbereiche zugänglich. Leider dürfen wir mit Hund die meisten Geschäfte nicht betreten. Also ein Reinfall! Schade! Über den „schönen Sandstrand“ (Ironie aus) freut sich immerhin Piper – und eins steht fest: Unser nächster Halt auf den Kanaren wird von der Aussicht auf „weißen, feinkörnigen Sand“ abhängig gemacht.
Am vorletzten Abend bekommen wir auf der KAMI spätabends unerwarteten Besuch: Mike entdeckt im Salon auf der Lehne ein Krabbeltier spazieren. Zuerst denken wir an eine Eidechse (davon gibt es hier ja unzählige), doch der Besucher entpuppt sich als riesige Schabe. Wie vom Blitz getroffen springen wir auf, schalten das Licht an und greifen nach der elektronischen Fliegenfalle (die aussieht wie ein Tennisschläger). Nach mehreren wilden Sprüngen durch den Salon landet die afrikanische Kakerlake schließlich unter der Fliegenfalle. Mit Hilfe einer Küchenrolle fliegt sie im hohen Bogen über die Reling ins Freie. Wie eklig!
Natürlich googeln wir sofort – und finden Schlagzeilen wie „Madeira, Hochburg der Schaben“ oder „Kakerlakenplage in Portugal“. Kathi ekelt sich so sehr, dass sie direkt einen Herpesausschlag bekommt. Die Nacht ist unruhig, und am nächsten Morgen wird das gesamte Schiff auf den Kopf gestellt. Zum Glück finden wir keine Nester, Eier oder weitere Tiere. Gott sei Dank! Hoffentlich war es nur eine einzelne nächtliche Besucherin, die über eine Festmacherleine an Bord gelangt ist. Wachsam bleiben wir jedenfalls und behalten unsere Vorräte gut im Auge.
Am letzten Abend sind wir bei Silke und Peter auf ihrer Hyperion eingeladen. Bei einer Flasche Roséwein philosophieren wir über die nächsten Reisepläne. Auch die Crew der Hyperion möchte Ende des Jahres den Sprung über den Atlantik in die Karibik wagen. Im Gegensatz zu uns wollen sie jedoch noch einige Wochen auf Madeira bleiben. Für uns wäre das keine Option – wir vermissen schlicht die schönen Strände und wünschen uns noch ein paar Grad wärmere Temperaturen.
Madeira ist abgehakt. Man kann die Insel besuchen – muss man aber nicht unbedingt. Für Liebhaber von Blumen, Pflanzen und steilen Bergen sicherlich eine Bereicherung.
Go to Canary Islands (Lanzarote 270 sm) … erstes Ziel: Playa Francesa auf La Graciosa
Es ist Montag Nacht, 23:26 Uhr UTC. Der Kurs steht auf 206 Grad, Ziel ist Madeira. Noch rund 90 Seemeilen, dann laufen wir in den Hafen der Marina da Quinta do Lorde ein – und unsere erste große Passage von etwa 1.300 Seemeilen liegt hinter uns. So richtig „Traumfahrt in den Süden“ war diese Überfahrt allerdings nicht. Die Überreste des Hurrikans Erin hatten uns in den letzten Tagen ordentlich auf Trab gehalten: Sturmwarnungen, Vorhersagen mit bis zu 12 Meter hohen Wellen und ständig Druck, Richtung Süden auszuweichen.
Der Wind stand dabei ungünstig – zwischen 150 und 180 Grad – normales Segeln fast unmöglich. Zum Glück hatten wir unseren Gennaker und konnten so wenigstens mit dem Leichtwindsegel Strecke machen, auch wenn dabei eine der Maschinen zwei Drittel der Zeit mitlaufen musste. Seit dem Nachmittag spürten wir dann die vollen Ausläufer von Erin: hohe Wellen, erst seitlich, später achterlich. Nicht unbedingt angenehm – besonders für Kathi, die sich fragte, ob so ein Katamaran tatsächlich auch kentern könne. Nach einigen Gesprächen konnte ich sie aber wieder beruhigen. Piper, unsere treue Bordhündin, musste am Abend ein wenig medizinische Unterstützung bekommen, um in der Nacht entspannen und schlafen zu können. Mit Erfolg!
Trotz aller Strapazen – wir haben die 2.000-Seemeilen-Marke jetzt überschritten und die erste richtige Blauwasserfahrt erfolgreich gemeistert. Mehr noch: wir sind zu einem richtig guten Bordteam zusammengewachsen. Jeder kennt seine Aufgaben – es läuft.
Angelversuch
Technik und Reparatur – der ständige Begleiter Wie wohl bei allen Langfahrtseglern gilt: Auf Passage gehen fast immer Dinge kaputt, die besser halten sollten. Auch bei uns. Drei Luken waren undicht und ließen Wasser ins Schiff – aber mit Butylband konnten wir sie innerhalb eines Vormittags abdichten. Ein fehlerhaft angeschlossener Lüfter für die beiden Victron Quattros wurde während der Überfahrt repariert. Dazu kamen Probleme mit Funk und AIS. Ein Frachter ließ sich in der vorletzten Nacht nicht sauber anfunken, und die ständigen AIS-Aussetzer sind ebenfalls nicht normal. Meine Vermutung: die Antenne am Mast ist das Problem. Das steht nun auf der Madeira-Checkliste. Ebenfalls zu klären: die ausgefallene Fernbedienung unseres Autopiloten und die Wartung der Ankerwinsch (Motorwechsel nötig wegen Brandspuren). Wenn wir die Kanaren erreichen, soll zudem ein neues AIS-System eingebaut werden – für uns eine zentrale Sicherheitskomponente, gerade zur Kollisionsvermeidung. Die Wartungs- und Reparaturliste wächst jedenfalls Schritt für Schritt, unter anderem kommen auch die Elektrowinschen bald dran.
Ankunftsmodus – Alltag nach der Passage Aber jetzt heißt es erst einmal: ankommen, ausschlafen, das Schiff vom Salz der letzten Tage befreien. Klar Schiff machen! Außerdem muss Diesel nachgebunkert werden und unsere Proviantvorräte gehören aufgefüllt. Mit einem Mietwagen möchten wir dazu nach Funchal fahren, Madeiras Hauptstadt. Ein Besuch im Anglerfachgeschäft steht ebenfalls auf dem Plan – ich brauche dringend eine gute Multirolle fürs Schleppangeln. Unsere Idee ist, ungefähr zehn Tage auf Madeira zu bleiben, bevor es weitergeht zu den Kanarischen Inseln. Dort wollen wir die Inseln nach und nach absegeln, endlich wieder unsere Tauchausrüstung aus der Backskiste holen und die Unterwasserwelt erkunden. Außerdem steht Kathis Geburtstag an – und aus Deutschland erwarten wir Pakete mit dringend benötigten Ersatzteilen.
Alltag an Bord – unser „Neues Normal“ So langsam finden wir uns in unseren Bordalltag ein: Trinkwasser machen, Wäsche waschen, kleine Reparaturen erledigen, Routen planen, zwei Mal täglich die Wetterberichte über Windy oder PredictWind checken, Piper beschäftigen und regelmäßig über Deck führen. Und zwischendurch immer wieder ein bisschen Büroarbeit.
Logbuch Madeira Location: Quinta do Lorde, Madeira Wassertemperatur Atlantik: 25,2 °C Lufttemperatur: endlich Sommer, 26–30 °C Trip-Stunden: 372 Trip-Seemeilen: 2.012
Es war keine leichte Überfahrt, aber wir haben sie geschafft. Englischer Kanal – Biskaya – Nordatlantik – Wir haben gelernt, viel repariert, sind miteinander gewachsen – und der nächste Abschnitt wartet schon. Weiter so!
Die letzten Tage in Camaret-sur-Mer haben wir noch einmal richtig genutzt, bevor das nächste große Abenteuer begann. Wir haben die kleine Stadt mit ihren engen Gassen erkundet, das Künstlerviertel besucht (Mike sein Highlight war das Atelier Ramine) und uns abends gelegentlich in ein Café gesetzt, um bei Musik und einem Glas Wein die Abendsonne zu genießen. Ein perfekter Mix aus Urlaubsgefühl und Aufbruchsstimmung.
Ein Highlight war ein Ausflug in die kleine, felsige Bucht gleich um die Ecke. Dort gab es einen schmalen Strand, an dem wir mit Piper getobt haben: Ballspielen, Rennen über die Steine – und ja, wir haben auch ein bisschen Schwimmen geübt. Anfangs fand sie das gar nicht lustig, aber nach ein paar skeptischen Blicken wagte sie sich dann doch ins Wasser. Ihr Gesichtsausdruck dabei: unbezahlbar!
Das Wetter zeigte sich endlich von seiner besseren Seite: Die Persenning ist runter, der Sonnenschutz im Cockpit montiert, und die KAMI sieht wieder so aus, als könnte man mit ihr um die Welt segeln – oder zumindest erst einmal nach Madeira. Auch die Vorräte sind aufgefüllt: Obst, Gemüse, Aufstriche – und natürlich die ein oder andere Nervennahrung für die Nachtwachen. Alles ist verstaut und verzurrt.
Am Freitag hatten wir noch einen Termin mit Sebastian Wache, der aktuell die Urlaubsvertretung für Alina übernimmt. Sehr beruhigend, kurz vor dem Start noch ein frisches Wetter-Update parat zu haben – immerhin will man wissen, ob man mit Welle, Flaute oder Böen rechnen muss.
Gestern Abend gönnten wir uns dann noch einen Abstecher in die gemütliche Hafenbar La Rhumerie. Die Burger waren köstlich, und der Rosé mundete hervorragend. Danach ging es noch auf einen Cider zur Toroa, einer TO-Segelyacht, mit deren Crew wir seit Cuxhaven in Kontakt stehen. Sie waren gerade frisch in Camaret eingetroffen, und wir haben den Abend genutzt, um gemeinsam anzustoßen – wie immer mit der Hoffnung, sich unterwegs irgendwo wiederzusehen.
Heute Morgen dann der große Moment: Wir starteten im dichten Nebel – und natürlich völlig ohne Wind. Genau wie die Prognose es vorhergesagt hatte, auch wenn man ja immer noch auf ein kleines Segelwunder hofft. Zum Abschied zeigte sich unterwegs immerhin noch eine Robbe, die fast so wirkte, als würde sie uns zuwinken.
Start in Camaret-Sur-Merwinkende Robbe
Und dann wurde es auch gleich ernst: In unserer Nähe fand ein Militärmanöver statt. Drei große französische Marineschiffe lagen vor uns, und eines funkte uns an. Wir sollten bitte den Kurs ändern, da sie gerade ein Mann-über-Bord-Manöver übten – und wir uns mitten in der „Übungszone“ befanden. Langweilig wird es offensichtlich nicht.
Jetzt heißt es also: Kurs auf Madeira! Planmäßig wollen wir in rund zehn Tagen dort ankommen. Mal sehen, was bis dahin noch passiert.
Es ist wie verhext: Wir finden einfach kein passendes Wetterfenster.
Wie letzte Woche mit Alina von wetterwelt.com besprochen, erreichte uns heute ihre E-Mail mit der Prognose für die nächsten Tage. Sie schreibt, dass die Wetterlage weiterhin instabil und wechselhaft bleibt. Derzeit rollen mehrere Tiefdruckgebiete vom Atlantik in Richtung Britische Inseln. Die Winde drehen von West bis Südwest, anschließend auf Ost bis Nordost – und ab dem 16.08. gehen (wie leider in letzter Zeit so oft) alle Wettermodelle wieder komplett auseinander. Eine eindeutige Tendenz ist nicht erkennbar.
Für unsere geplante längere Passage nach Madeira macht das die Planung extrem schwierig. Auf keinen Fall wollen wir erneut die meiste Zeit der Überfahrt unter Motor zurücklegen. Abgesehen vom „Krach“ an Bord spielt auch der finanzielle Aspekt eine Rolle: Die Kosten für Diesel sind erheblich, und auch der Verschleiß – etwa durch Motorölverbrauch, Filterwechsel und Beanspruchung der Antriebe – muss mit einkalkuliert werden. Unsere Wunschroute verläuft nicht an der Küste entlang, sondern weit hinaus auf den Atlantik.
Wunschroute nach Madeira – weit weg von der Küste (Kartenmaterial von OpenSeaMap)
Alina empfiehlt uns aufgrund der schlechten Aussichten, stattdessen kürzere Passagen in Betracht zu ziehen. Ab dem 14.08., so schreibt sie, wäre zum Beispiel eine Überquerung der Biskaya nach A Coruña denkbar. Genau das wollen wir jedoch vermeiden: Küstenhopping.
Zum einen ist das Risiko, sich etwas „einzufahren“, sehr hoch – sei es durch Fischernetze oder illegale Stellnetze / Langleinenfischerei. Zum anderen steigt mit zunehmender Fahrt Richtung Süden das Risiko von Orca-Interaktionen. Schon bei unserer Durchfahrt durch den Englischen Kanal gab es einige brenzlige Situationen, in denen wir gekennzeichnete und vor allem unmarkierte Fischfangeinrichtungen (oft nur treibende weiße, blaue oder gelbe Kanister mit kleinen Ankerbojen) in letzter Sekunde umsteuern mussten. Nachts haben wir vermutlich sogar einen dieser Kanister mit blauer Leine touchiert – im Dunkeln keine Chance, sie zu erkennen; sie haben weder AIS-Sender noch sind sie auf dem Radar sichtbar. Fasern der blauen Leine habe ich beim letzten Schwimmen hier in der Ankerbucht von Anse de l’Auberlac’h noch aus dem Faltpropeller auf der Backbordseite gezogen. Ärgerlich.
Es sieht also so aus, als müssten wir weiterhin warten. Ein wirklich merkwürdiger Sommer, den wir dieses Jahr erleben: Entweder es weht gar kein Wind oder er kommt genau aus den Richtungen, in denen wir nicht vernünftig segeln können. Die Alternativen wären: weite Strecken motoren oder in endlosen Zickzackkursen nach Madeira segeln. Der direkte Kurs dorthin sind etwa 1.300 Seemeilen. Bei günstigen Bedingungen bräuchten wir dafür rund 10 Tage. Im Moment würden wir jedoch in großen Flautenfeldern festhängen und nur langsam vor uns hintreiben. Das hat zwar auch seinen Reiz – aber wie viel Proviant bräuchten wir, um auch längere Zeit (bis zu 30 Tage) autark zu sein? Schon jetzt merken wir, wie unsere Vorräte – insbesondere frische Lebensmittel und Getränke – während der langen Wartezeit in den hiesigen Ankerbuchten zur Neige gehen.
Müssen wir im schlimmsten Fall wirklich noch bis Ende August oder gar September hier ausharren?
P.S. Der Tausch unserer Solarplatten im Hafen von Brest hat gut geklappt. Der Elektriker (ein junger Franzose) hat einen guten Job gemacht. Jetzt bringt unsere Solaranlage wieder volle Power!
Wir liegen in der Ankerbucht vor Postermen in der Bretagne, nahe Brest, und genießen die Ruhe. Leider zeigt sich das Wetter auch hier wenig sommerlich: Der Himmel ist grau, und in regelmäßigen Abständen wird unser Schiff von oben mit Niederschlägen „gereinigt“. Die Sonne lässt sich seit zwei Tagen kaum blicken, und wir bemerken ganz nebenbei, dass unsere Batteriebänke nur noch 56% Kapazität haben. Also werfen wir den Generator an (das Gebrumme erinnert uns sofort an die Fahrt hierher) und berechnen, wie lange es wohl dauert, bis die Batterien wieder voll sind. Nach einer Generatorstunde haben wir gerade mal 2,2% nachgeladen – und das bei knapp 900 Watt Ladestrom!
Die Zeit mit laufendem Generator nutzen wir, um den Wassermacher zu betreiben und eine Ladung Wäsche zu waschen. Nach sechs Stunden schalten wir das Gerät allerdings wieder ab – das ständige Brummen unter der Sitzbank im Cockpit nervt einfach zu sehr. Morgen soll endlich die Sonne scheinen, dann werden die Batterien bestimmt wieder per Solar geladen – denken wir zumindest.
Pustekuchen!
Wir wundern uns über die geringe Solarleistung von nur 180 Watt. Dabei haben wir doch drei große Solarpaneele mit jeweils 280 Watt auf dem Geräteträger – also insgesamt 840 Watt! Irgendetwas stimmt ganz und gar nicht. Fast alles an der KAMI haben wir in den letzten zwei Jahren überholt, an die Solaranlage hat dabei aber niemand gedacht. Ich recherchiere im Internet, wie man mit einer Stromzange die tatsächliche Leistung der Paneele messen kann, ohne eine elektrische Verbindung herstellen zu müssen. Ich prüfe die Spannung bei einer der drei Platten – die anderen beiden sind tot. Das darf doch nicht wahr sein.
Wir machen den Test: Ein großes Strandtuch auf die einzige funktionierende Platte gelegt, und siehe da – auch die letzten 140 bis 180 Watt verschwinden in unserem Victron Cerbo GX, die Anzeige zeigt „0“. Und nun? Ständig den Generator laufen lassen? Nein, das muss wirklich nicht sein. Klar, vielleicht sollten wir künftig größere Energieabnahmen wie den Backofen oder Wassermacher mit dem Generator abpuffern, aber im Alltag sollte die Solaranlage den normalen Verbrauch abdecken. Mit einer halb funktionierenden Solaranlage wird das nichts. Also muss Ersatz her. Gemeinsam sitzen wir an den Laptops und durchforsten das Netz nach passenden Ersatzmodellen. Wir mailen diverse Firmen rund um Brest und suchen auch in Deutschland nach möglichen Lieferanten.
Den Gedanken, das Problem erst auf den Kanarischen Inseln zu lösen, verwerfen wir schnell wieder, als wir lesen, dass Pakete aus dem EU-Raum über 150 Euro Warenwert dort mit Einfuhrsteuer belegt werden. Die Solaranlage muss also noch auf dem europäischen Festland in Ordnung gebracht werden.
Sonntag Nachmittag meldet sich eine französische Solarfirma: Man will uns helfen! Übersetzen und Schreiben auf Französisch läuft dank Perplexity KI super. Der französische Solarspezialist erklärt, dass er eigentlich schon im Urlaub ist, aber erst Donnerstagabend mit der Familie verreist. Bis dahin könnte er versuchen, passende Panele zu beschaffen. Kurze Zeit später folgt jedoch die Nachricht, dass die vorrätigen Platten leider nicht passen, und es sei aktuell schwierig, neue zu organisieren – Ferienzeit eben. Mist!
Wir suchen weiter und stoßen tatsächlich auf eine Dachdeckerfirma nahe Chemnitz, die passende Solarpaneele auf Lager hat. Bestellt für ein früheres Projekt, jetzt über 100 Stück übrig, der Hersteller existiert allerdings nicht mehr – ein echter Glücksfund.
Wir rufen sofort an, und die freundliche Dame am Telefon bietet uns die Platten direkt zur Abholung für 100 Euro das Stück an. Perfekt! Wir beschließen, direkt alle drei zu tauschen – jeweils 300 Watt, macht zusammen 900 Watt Gesamtleistung. Jetzt stellt sich nur noch die Frage: Wie schnell bekommen wir die Platten nach Brest?
Unser Nico macht sich noch am Montag von Werder nach Chemnitz auf den Weg und holt die drei Solarpaneele unkompliziert ab. Zeitgleich recherchiert Micha im Office nach Expressversand-Optionen. Jetzt wird’s spannend: Die Platten wiegen zusammen fast 60 Kilo, ein kleines Paket wird das nicht. Eher eine Palette. Wir checken UPS, FedEx, Hermes, GLS und DHL. Bei den Maßen 170 cm x 100 cm x 3 cm und dem Gewicht finden wir lange keinen Anbieter. Letztlich bleibt nur DHL Express als Geschäftskunde – Versandkosten hoch, aber angesichts des günstigen Kaufpreises akzeptabel.
Wir schreiben dem französischen Solarunternehmer, und er erklärt sich bereit, seine Adresse für die Lieferung zu nutzen. Treffen für den Tausch ist Donnerstagmorgen um 9 Uhr im Hafen von Brest. Ob das wohl klappt? Bis Dienstag 16 Uhr will DHL die Platten abholen und bis Mittwoch 16 Uhr sollen sie in Brest sein – schwer vorstellbar, bei knapp 1.500 Kilometern von Werder bis hierher.
Dienstag, 16 Uhr: Von DHL ist noch nichts zu sehen. Typisch. Alle (Micha, Basti, Mike, Kathi und Nico) sind angespannt. Nach mehreren Telefonaten mit dem Kundendienst stellt sich heraus: Der Fahrer war schon vormittags da, aber unser Büro war nicht besetzt. Wirklich? Er kommt ein zweites Mal zwischen 16 und 17 Uhr – diesmal klappt es. Die Platten werden auf der Palette in den gelben DHL-Transporter verladen, und los geht es. Wir bekommen einen Tracking-Link und verfolgen gespannt alle paar Stunden die Sendungsverfolgung. Gegen 20 Uhr sind die Platten schon im Verteilerzentrum Leipzig, und vermutlich per Frachtflugzeug um 4 Uhr früh bei Paris. Ab Mittwochnachmittag verfolgen wir fast im Minutentakt den Status, bis um 15:50 Uhr: „Sendung zugestellt“ in der Statusanzeige erscheint. Yeah! Wir freuen uns riesig. Jetzt muss morgen früh nur noch alles mit dem Solarexperten klappen.
Am Mittwoch nutze ich die Zeit, um die Verschraubungen und zahllosen Kabelbinder der alten Solarpaneele zu lösen. Die Edelstahlschrauben, Unterlegscheiben und Muttern lege ich in ein Phosphorsäurebad – zwei Flaschen davon haben wir an Bord, um dem Flugrost auf Edelstahlteilen den Garaus zu machen. Das klappt super, alles sieht danach wie neu aus. Wenn wir morgen die alten Platten abbauen, werde ich den Edelstahlrahmen noch mit Drahtbürste und Politur auf Vordermann bringen – zwischen den Platten und dem Rahmen sitzt eine ordentliche Salzkruste von der Gischt der vergangenen Seemeilen.
Während ich mich mit dem Solarpanel beschäftige, putzt Kathi das Schiff von außen. Dabei wird sie von einigen Franzosen beobachtet, die auf der über uns liegenden Hafenmole stehen. Einige rufen etwas hinunter, woraufhin Piper sofort anschlägt und mit lautem Bellen ihren Unmut kundtut. Die Waschmaschine läuft hier im Hafen in Dauerschleife – Strom und Wasser sind inklusive.
Wir hoffen, die drei alten Platten können wir hier in Brest entsorgen, vielleicht nimmt der nette Franzose sie ja mit. Mal sehen.
Es ist schon verrückt, was wir alles am Schiff erneuern mussten – aber so ist das eben auf Langfahrt. Zwei Liegeplätze weiter liegt übrigens auch eine TO-Yacht: Auch dort wird gebastelt und repariert. Vor uns am Steg eine schwedische Segelyacht, dort waren den ganzen Vormittag Flex- und Schleifgeräusch zu hören. Hier macht jeder sein Schiff fit für die Biskaya.
Wir sind froh, wenn wir Brest bald verlassen können. Der Hafen ist laut, schmutzig und nicht wirklich erholsam. Da liegen wir doch lieber in einer geschützten Ankerbucht – günstiger, entspannter, und mit dem Dinghi sind wir für Einkäufe und Besorgungen trotzdem fix an Land.
Für unsere drei Nächte hier im Hafen von Brest durften wir übrigens 210 Euro bezahlen; die vierte Nacht wäre kostenlos gewesen. Wenn morgen alles mit dem Paneeltausch klappt, sind wir spätestens Freitagvormittag wieder weg – zurück in die Bucht von Camaret-sur-Mer und, wenn Alina das meteorologische „Go“ gibt, weiter hinaus auf den Atlantik.
Nach vier Tagen und fünf Stunden auf See, mit wenig Schlaf, viel Seegang und einer Achterbahn aus Emotionen, sind wir endlich in der Bucht von Brest angekommen. Als hätte sie auf uns gewartet, ließ sich die Sonne pünktlich zu unserer Ankunft blicken – und wir konnten es kaum fassen: Wir haben’s geschafft! Die letzten Seemeilen hatten es nochmal ordentlich in sich. Plötzlich wurde der Motor der Backbordmaschine ungewöhnlich laut – ein tiefes Grollen ging durch die KAMI, das ganze Schiff vibrierte. Mike schaltete sofort den Autopiloten aus, übernahm das Steuer von Hand, drosselte die Fahrt, fuhr ein paar Manöver vor und zurück. Das Ruder war schwerfällig, kaum zu bewegen – ein unwohles Gefühl mitten auf dem Wasser. Doch nach ein paar Bewegungen lockerte sich das Ganze etwas, und wir entschieden, vorsichtig weiterzufahren. Tauchen würden wir dann später – in der ruhigen Ankerbucht.
Und dann – als würde das Meer sagen „Gut gemacht“ – tauchten zwei Delfine auf. Sie schwammen spielerisch zwei Runden um die KAMI, als wollten sie uns aufmuntern und gratulieren. Es sind diese kleinen, magischen Begegnungen, die alle Mühe vergessen lassen. Die Ankerbucht Postermen hatten wir uns bereits unterwegs über Navily ausgesucht – eine App, die unter Seglern wirklich Gold wert ist. Bewertungen, Fotos, Hinweise zu Einkaufsmöglichkeiten, Tankstellen, Ankergründen oder auch Restauranttipps – alles, was man braucht, um einen Ort für sich richtig einschätzen zu können. Einen Hafen in Brest wollten wir dieses Mal bewusst nicht ansteuern. Die Berichte waren eindeutig: laut, trubelig, Fischer, die auf den Stegen ihre Fänge ausnehmen, und Jugendgruppen, die bis spät in die Nacht unterwegs sind. Alles legitim, aber nicht das, was wir gerade brauchten. Nach den intensiven Tagen wollten wir nur eins: Ruhe. Postermen empfing uns ruhig und friedlich. Nur wenige andere Boote lagen vor Anker. Das Wasser war still, die Landschaft grün und sanft – ein Ort zum Durchatmen. Wir warfen den Anker, atmeten tief durch – und begannen, die KAMI wieder in ihren Normalzustand zu bringen: Großfall abbinden, damit es nicht gegen den Mast schlägt, Salonbett zurückbauen, Segel ordentlich verstauen und das Dinghi lösen, das Mike vor Abfahrt so fest verzurrt hatte, dass es sich auf der ganzen Überfahrt keinen Millimeter bewegt hatte. Dann setzten wir uns mit Piper ins Trampolin, ein kalter Gin Tonic in der Hand – unser verdienter Anker-Drink. Die Erschöpfung wich langsam der Zufriedenheit. Das war der Moment, für den man all die Mühe auf sich nimmt.
Am Abend fuhren wir noch mit dem Dinghi zum nahegelegenen Ufer, damit Piper endlich mal wieder festen Boden unter den Pfötchen spüren konnte. Der Strand war leider sehr steinig, also blieben wir nicht lang. Aber allein die kurze Pause auf festem Grund tat uns allen gut.
Natürlich – wie immer – steht auch nach einer langen Passage gleich wieder „To-Do“ auf dem Programm. Noch unterwegs hatten wir uns eine Aufgabenliste erstellt, die wir jetzt in Angriff nahmen: Mike backte zwei Brote, denn tagelang nur Müsli zu essen, ist auf Dauer keine Lösung. Die KAMI wurde außen gründlich vom braunen Kanalwasser befreit, das sich wie ein Film über das gesamte Unterwasserschiff gelegt hatte. Mike schlüpfte in den Neopren-Shorty und tauchte ab – und wie vermutet hatte sich am Backbord-Ruderblatt eine dicke Schicht Sargassum festgesetzt. Die Algen hatten sich sogar ums Rudergestänge gewickelt. Nach ein paar beherzten Tauchgängen war alles wieder frei – die KAMI wieder klar zum Start. Das Wetter bleibt dabei wechselhaft. Am Donnerstag war der Nebel so dicht, dass wir die gegenüberliegende Küste – keine 200 Meter entfernt – kaum erkennen konnten. Heute zeigt sich das Wetter etwas freundlicher: wolkig bis heiter. Trotzdem mussten wir den Generator anwerfen, denn nach dem Brotbacken und Kochen war ordentlich Strom verbraucht – und ohne Sonne liefern die Solarpanele natürlich nichts.
BrotbacktagNebel in der Ankerbucht
Beim Durchsehen unseres Großsegels fiel Mike dann ein weiteres Detail auf: Die Gummis, mit denen der Segelmacher in Warnemünde das Segel an die Mastrutscher befestigt hatte, waren teilweise schon durchgescheuert – nach gerade mal ein paar Tagen Einsatz. Glücklicherweise haben wir noch Dyneema-Tauwerk an Bord, mit denen wir schon vorher das Groß angeschlagen hatten. Also bastelten wir neue Loops und befestigten das Segel damit neu. Dabei entdeckten wir auch noch lose Imbusschrauben an den Segellatten, die wir natürlich gleich nachzogen. Merke: Nur weil etwas vom Profi gemacht wurde, heißt das nicht, dass es auch wirklich hält. Man muss alles selbst noch mal checken – schade eigentlich, aber lieber so als eine böse Überraschung mitten auf dem Atlantik.
VorherNachher
Zum Tagesabschluss wagten wir uns – trotz strömendem Regen – noch mit dem Dinghi an Land nach Roscanvel, in ein kleines familiengeführtes Bistro, das von anderen Seglern in Navily empfohlen wurde. Piper blieb an Bord, wir hatten reserviert – und wollten uns diesen Abend nicht entgehen lassen.
Die Betreiberin empfing uns herzlich, erklärte die kleine Karte auf Englisch – es gab französische Snacks, viel Weißbrot, kleine Leckereien. Zwar grummelte der Magen später etwas – Weißbrot ist einfach nicht mehr ganz unseres – aber der Abend war stimmungsvoll und schön. Im Bistro gab es außerdem viele kleine, handgemachte Dinge: Tassen, Puzzles, Notizbücher, liebevolle Kleinigkeiten.
Wir nahmen zwei kleine Erinnerungen mit – auch wenn wir wissen: Wir müssen aufpassen, sonst ist die KAMI irgendwann randvoll mit Souvenirs. Die erworbenen Kleinigkeiten wurden liebevoll verpackt – das kennt man so gar nicht aus der alten Heimat. Frankreich ist wirklich schön – dieses Flair hier zieht uns sehr in den Bann.
So ihr Lieben – wie ihr seht, uns wird nicht langweilig. Zwischen Bordoffice und Bootsarbeiten vergehen die Tage schnell – aber erfüllt. Uns geht’s gut, Piper hat ihr neues Lieblingsbett im Salon entdeckt, und wir genießen den Moment, bevor die nächste Etappe ruft.
Der Dienstag begrüßt uns mit Sonne und Wärme, doch wieder bleibt uns der ersehnte Segelwind verwehrt – also schieben uns die Diesel weiter Richtung Westen. Piper lege ich vorsorglich auf eine Kühlmatte ins Cockpit. Sie scheint es zu genießen und wirkt mit ihren 1,5 Jahren immer knuffiger. Bei Wellengang weicht sie kaum von meiner Seite, schaut ständig nach mir und kuschelt sich während der Nachtwache dicht an mich. Kathi ist, glaube ich, schon ein wenig eifersüchtig. Es ist einfach schön, Piper dabei zu haben. Leider fehlen ihr noch die Seebeine, weshalb wir ihr bei ruppigem Wetter ab und zu ein Mittelchen zur Beruhigung geben müssen. Wenn es knallt und kracht oder die Wellen von vorn kommen, sucht sie Nähe und Schutz bei uns – ihrem kleinen Rudel. Eigentlich gilt ihre Rasse als schwierig in den ersten drei Jahren, doch auf Piper trifft das kaum zu. Klar, manchmal hat sie ihren Sturkopf, aber meistens ist sie einfach nur Zucker.
Trotzdem kommen wir ganz gut voran. Nachts mache ich ein Foto vom Plotter: 666,6 nautische Meilen liegen nun hinter uns – leider meist unter Motor. Das soll sich mit der Biskayaüberquerung hoffentlich ändern.
Die langen Nachtwachen gehen nicht spurlos an mir vorbei. Mein Körper sendet Warnsignale: massive Bauchkrämpfe, Herzrasen. Zwei bis drei Stunden Schlaf in 24 reichen einfach nicht aus. Zum Glück ist der Englische Kanal bald geschafft – wir alle sind am Limit. Seit Samstag kämpfen wir uns Richtung Kanalausgang (Brest), und das bescheidene Wetter drückt mächtig auf die Stimmung.
Gerade in der letzten Nacht werden wir überraschend von der Segelyacht „Cocoon“ – ebenfalls ein Katamaran mit Ziel Mallorca – angefunkt. Es stellt sich heraus, dass wir uns vor zwei Monaten in Warnemünde begegnet sind. Der Skipper warnt uns: Unser AIS-Signal fällt ständig aus, vermutlich ein Defekt an der VHF-Funkantenne. Er hat Ersatz an Bord, wir verabreden uns für Mittwoch in einem kleinen französischen Hafen nahe Brest und wollen nach dem Fehler suchen. Tatsächlich finde ich tagsüber heraus, dass es im Kanal häufiger Probleme mit AIS-Signalen gibt. Vielleicht liegt überhaupt kein technischer Defekt vor. Wir bleiben wachsam.
Nach unserer Funkverbindung steuern wir die KAMI in stockfinsterer Nacht viel zu dicht an die Rocks bei Alderney vorbei – der Puls schießt hoch! Hinter der Insel tobt eine gewaltige Kabbelsee. Mit dem ersten Licht rollen riesige Wellen aus allen Richtungen auf uns zu. Die KAMI stampft tief in eine vier Meter hohe Welle, ein gewaltiger Wasserschwall fegt durch das Trampolin über Deck. Wie eine Boje tanzen wir im Wellental, dann der nächste Brecher – wie Faustschläge krachen Wassermassen auf unser Boot. Es rumpelt, knallt, und wir fühlen uns hundeelend. Unser Abenteuerstart – ganz anders als erträumt! Ich stehe am Steuerrad, raffe alle Kräfte aus meinem übermüdeten Körper zusammen und versuche, die KAMI zurück auf Kurs zu bringen.
Wie ein Magnet zieht es unser Schiff Richtung Küstenspitze mit steinigen Geröllbrüchen. Schnell werfe ich den zweiten Motor an, gebe alles. Das Stampfen wird schlimmer, aber irgendwie kommen wir frei. Tausend Gedanken rasen durch meinen Kopf: Wie geht es Kathi unten im Salon, wie Piper? Zittert Piper wieder vor Angst? Sobald wir wieder halbwegs Kurs haben, überlasse ich dem Autopiloten das Steuer, haste in den Salon – alles okay! Beide liegen beieinander, Kathi schaut mich fragend an. Ich versuche, das Erlebte herunterzuspielen, um sie nicht zu ängstigen.
Vielleicht fragt ihr euch, warum? Die Antwort ist einfach: Sollte Kathi oder Piper das Leben an Bord dauerhaft nicht ertragen – wegen Seekrankheit, Angst oder ständiger Unruhe – würden wir spätestens auf den Kanaren aussteigen. Unser gemeinsamer Traum wäre dann vorbei. Und das darf nicht passieren. Der holprige Start mit schlechtem Wetter, tagelangem Motoren gegen Wind und Wellen und gnadenlosen Gezeitenströmen (letzte Nacht schlichen wir mit nur 0,3 Knoten über Grund – so sehr bremst die Strömung gegenan!) fordert Tribut. Zeit für ein Verwöhnprogramm! In dieser Nacht plane ich für morgen und die nächsten Tage eine kleine Ankerbuchten-Rundtour durch die schönsten Landschaften. Wenn dann noch die Sonne lacht und wir unser Schlafdefizit ausgleichen können, steigt die Laune ganz bestimmt. Französisches Baguette, bummeln durch malerische Häfen, ein Glas Wein – einfach mal genießen. Klingt nach einem Plan, oder?
Natürlich ruft das Schiff: Neben der AIS-Anlage müssen auch die Vorräte ergänzt, zwei Anoden an den Faltpropellern getauscht, Ölstände geprüft, Seewasserfilter gereinigt und Salz von Deck gespült werden – klar Schiff! Ich will die Liegezeiten nutzen, um Brot zu backen. Kathi wünscht sich Walnussbrot, und wenn der Sauerteig erst einmal fertig ist, gibt’s gleich noch mein Spezialkörnerbrot. Danach portionieren wir alles und frieren es ein – so gibt’s für zwei Wochen Frühstücksschnittchen.
Ihr seht: Bei uns kommt keine Langeweile auf. Jetzt brauchen wir aber erst mal ein wenig Ruhe und Entspannung, um Energie für den bevorstehenden großen Atlantiktrip (1..200 sm) zu tanken.
Es wird Abend, als wir in die Straße von Dover einbiegen. Mitten im Kanal verläuft ein Verkehrstrennungsgebiet – eine Art Autobahn nur für Schiffe aller Größen. Auf der englischen Seite fahren die Pötte Richtung Biskaya, auf der französischen gen Nordsee.
Wir halten uns am Rand auf der französischen Seite auf und haben entsprechend Gegenverkehr. Kein Grund zur Sorge: Die Berufsschifffahrt hält sich streng ans VTG. In der Dämmerung sehen wir einige französische Kriegsschiffe patrouillieren – vermutlich halten sie Ausschau nach Flüchtlingsbooten. Immer wieder versuchen Migranten mit Schlauchbooten von Frankreich nach England überzusetzen.
Kathi und Piper haben es sich im Salon gemütlich gemacht. Bereits gegen 20 Uhr schlafen beide ein, und ich übernehme wieder die Nachtwache. Eine große Regenzelle zieht von England herüber, wandert über die KAMI hinweg zum französischen Festland – nicht ohne einen ordentlichen Schauer zu hinterlassen. Durch das Springen in den Wellen ist das ganze Schiff von salziger Gischt glitzernd dekoriert. Alles, was wir an Deck anfassen – Fallen, Schoten und Leinen – hinterlässt nun klebrige Hände. Dem Salz werden wir in Brest mit unserem Kärcher zu Leibe rücken.
Den frühen Abend haben wir für einen Testlauf unseres Wassermachers genutzt. Das Wasser hier im Kanal ist überraschend sauber. Nur ab und zu sieht man leere Kanister in der Strömung treiben oder etwas Unrat auf den Wellenbergen schwimmen. Der Wassermacher tut, was er soll, und füllt unsere Frischwassertanks nach. Wir nutzen das sofort für eine heiße Dusche – schließlich klebt an uns ebenfalls das Salz.
Die Nacht bricht herein, und ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt so eine tiefschwarze Finsternis erlebt habe. Der Wind nimmt wieder zu; ich eile an Deck und rolle die Genua aus. Durch die Gegenströmung machen wir stellenweise nur 2 Knoten Fahrt über Grund. Vielleicht hilft die Genua ja, einen Knoten mehr herauszuholen.
Ich sitze am Kartentisch und steuere das Schiff von hier aus. Über die iPads, die die beiden Plotter spiegeln, bediene ich den Autopiloten. Auf dem linken iPad sehe ich das Radarbild, eingestellt auf einen Radius von 4 Seemeilen. Alle Anzeigen laufen im Nachtmodus, das heißt, weiße Schrift erscheint rot und die Helligkeit ist heruntergedimmt. Eine kleine Lampe spendet weiteres rotes Licht – so gewöhnen sich die Augen an die Dunkelheit, und mein nächtlicher Arbeitsplatz strahlt eine angenehme Gemütlichkeit aus. Auf dem rechten iPad liegt die digitale Seekarte mit den AIS-Signalen der Schiffe in der Nähe. Um meinen Hals hängt eine kleine Fernbedienung; mit ihr kann ich den Autopiloten in Zehn- oder Ein-Grad-Schritten steuern. Da wir an der Außenseite des Verkehrstrennungsgebietes fahren, muss ich regelmäßig unseren Kurs korrigieren – durch Gezeitenströmung, Seitenwind und Wellen versetzt es die KAMI immer mal wieder, aber das ist schnell behoben.
Um Kathi und Piper nicht zu stören, setze ich meine Kopfhörer auf und höre verschiedene Alben, um der Müdigkeit zu trotzen. Gerade läuft ein Album von Mike Oldfield, während ich per Marinetraffic-App auf dem Handy nach den anderen bekannten Seglern aus unserem TO-Verein schaue. Irgendwie muss ich mir die Zeit vertreiben – bei diesem wahnsinnig rasanten Reisetempo (Ironie aus). Lach.
Kathi wird in der Nacht hin und wieder wach und fragt, ob sie mich ablösen soll. Eigentlich keine schlechte Idee, aber ich möchte sie in dieser verkehrsreichen Nacht nicht allein fahren lassen. Ich weiß, dass sie noch großen Respekt hat und sich schwertut, Entfernungen zu anderen Schiffen abzuschätzen. Der Blick nach draußen verliert sich in absoluter Schwärze. Es ist fast wie ein Videospiel – das Schiff wird nachts komplett über die Instrumente gesteuert. Klar, ich könnte mich auch ans Steuerrad setzen und von Hand steuern – aber man sieht nichts, und bei den Temperaturen sitzt es sich drinnen wirklich angenehmer.
Es ist 04:45 Uhr. In einer Stunde müsste das erste Licht am Horizont erscheinen, dann könnte Kathi übernehmen. Ich bin wieder ziemlich übernächtigt – bei einer kleinen Zwei-Personen-Crew aber ganz normal, besonders bei Überfahrten und längeren Passagen. Uns erwarten noch ein bis zwei weitere Nächte, bis wir unser Zwischenziel Brest in Frankreich erreichen.
In der letzten Stunde habe ich um die 40 Frachtschiffe, Tanker, Containerschiffe und Fähren gezählt – was für ein Verkehr! Wenn man bedenkt, dass täglich mehr als 6.000 Containerschiffe auf den Weltmeeren unterwegs sind – nur Containerschiffe! Wahnsinn, oder?
Bald ist es 5 Uhr. Im Schneckentempo taucht am Horizont der neue Tag auf. Ich bin müde, die Konzentration lässt nach, das Funkgerät läuft in Dauerschleife – nur Geplapper, nichts Interessantes.
Meine Gedanken schweifen ab … Welche Abenteuer warten auf uns, und wann wird es endlich warm genug, um die KAMI von den Persenningen zu befreien und die Hängematte aufzuspannen?
Nachdem wir uns von der letzten, ziemlich kräftezehrenden Passage nach IJmuiden erholt hatten, kehrte so langsam wieder Alltag auf der KAMI ein. Schlaf nachholen, Eindrücke sortieren, neue Energie tanken. Und irgendwann kam der Punkt, an dem wir beschlossen: Jetzt möchten wir auch mal ein wenig von der Gegend sehen.
Auf der Suche nach der Innenstadt
Am zweiten Tag nach unserer Ankunft machten wir uns zu Fuß auf den Weg – Ziel: die Innenstadt von IJmuiden. Der Blick ging vorab auf die Karte: Es schien machbar, vielleicht nicht ganz um die Ecke, aber gut erreichbar. Also packten wir einen Regenschirm ein, schnappten Piper – und los ging’s. Der Weg führte vorbei an großen Lagerhallen, Logistikfirmen, Industrie – ein klassisches Gewerbegebiet eben. Und er zog sich. Immer weiter geradeaus, kein Ende in Sicht. Nach gut 4,5 Kilometern tauchte endlich eine erste Wohnsiedlung auf. Unsere Hoffnung stieg … aber die erhoffte Innenstadt? Fehlanzeige. Stattdessen ein kleiner Supermarkt – immerhin. Wir stöberten ein wenig durch das Sortiment, holten ein paar Kleinigkeiten und machten uns dann wieder auf den Rückweg. Zu weit, zu monoton – vor allem auch für Piper. Und natürlich – wie sollte es anders sein – auf dem Rückweg erwischte uns ein ordentlicher Wolkenbruch. Zu dritt unter unserem großen Regenschirm warteten wir mitten auf dem Gehweg, bis der Regen etwas nachließ. Zurück auf der KAMI waren wir uns einig: Morgen probieren wir es mit dem Bus – diesmal soll es nach Haarlem gehen.
Haarlem – Ein echtes Highlight
Am Dienstag gegen Mittag stiegen wir in den Bus Richtung Haarlem. Kathi hatte alles perfekt recherchiert: Umstieg, Fahrzeiten, Ticketpreise – und natürlich, ob Piper mitfahren darf (darf sie – Leine und Maulkorb griffbereit). Die freundliche Busfahrerin wies uns gleich beim Einsteigen darauf hin, wo wir umsteigen müssen – alle sehr hilfsbereit. Nach etwa 45 Minuten erreichten wir den Bahnhof von Haarlem. Von dort waren es noch rund 10 Minuten zu Fuß bis in die Altstadt – und dann: Wow. Kleine, charmante Gassen, hübsche Läden, Cafés mit Außensitzplätzen, Kopfsteinpflaster, Fahrräder überall. Ein bisschen Amsterdam, aber entspannter. Wir schlenderten bis 17 Uhr durch die Straßen, schauten in Geschäfte, gönnten uns einen Kaffee und kauften ein paar Kleinigkeiten ein. Der Rückweg verlief reibungslos. Piper hatte den Ausflug super mitgemacht – ein rundum gelungener Tag, der uns allen richtig gutgetan hat.
Der Strand direkt hinter dem Hafen
Am Mittwoch entdeckten wir zufällig den Strand von IJmuiden – nur ein paar Schritte hinter dem Hafengebäude. Weitläufig, bei Ebbe fast endlos, mit feinem, hellem Sand. Die Sonne ließ sich blicken, das Thermometer kletterte auf angenehme 22 Grad – und Piper tobte glücklich über den Strand, schnüffelte in kleinen Krebs-Löchern und rannte durch die Wellen. Das Wasser war mit 21 Grad überraschend warm – wir gingen zumindest mit den Füßen rein. Danach ließen wir den Nachmittag in einer kleinen Beachbar ausklingen. In der Sonne sitzen, aufs Meer schauen, das Salz auf der Haut – ein perfekter Seglertag ohne Segeln.
Wetterplanung – und eine Mail zur rechten Zeit
Am Donnerstag stand – wie so oft – das Wetter im Mittelpunkt. Nach dem Frühstück setzten wir uns mit Kaffee und iPad ins Cockpit und checkten die Modelle. Unsere Frage: Wie weit kommen wir beim nächsten Fenster? Und genau in dem Moment: eine Mail von Alina. Timing perfekt. Sie schrieb, dass sich ab Samstagabend ein passendes Windfenster auftun würde – mit guten Bedingungen bis mindestens Montag. Unsere innere Ungeduld war geweckt, aber gleichzeitig war uns klar: Wenn’s passt, dann früh los – mit der ersten Tide.
Vorbereitungen für die Weiterfahrt
Also planten wir Freitag noch einmal einen kleinen Einkauf. Kathi kümmerte sich um Proviant und Kleinkram, Mike ging nochmal zur Tankstelle. Die nette Dame im Hafenbüro hatte uns bestätigt, dass man dort an einem Terminal selbst zahlen könne – also eine klassische Self-Service-Tankstelle. Mike schaute nochmal ob auch genug Platz zum Anlegen ist, alles perfekt. Am Samstagmorgen dann unser Fahrplan: Noch ein letzter Kaffee, dann gegen 8 Uhr zum tanken, um spätestens 9 Uhr ablegen zu können – die Tide sollte uns ein wenig Schub geben. Doch wie es halt so ist: An der Tankstelle hängt plötzlich ein Schild. „DEFECT – geöffnet nur von 10–17 Uhr.“ Kein Terminal in Betrieb. Natürlich. Wir versuchten es telefonisch – keiner erreichbar. Also Funkgerät raus. Mike ruft den Hafenmeister auf Kanal 74. Zum Glück die Antwort: „Ich bin in 20 Minuten da.“ Er kam tatsächlich, öffnete die Zapfanlage manuell, und wir konnten unsere Tanks füllen. Der Zeitplan passte – gerade so.
Weiter geht’s – unter erschwerten Bedingungen
Nach dem Tanken machten wir uns direkt auf den Weg. Doch die Bedingungen waren alles andere als komfortabel: Gegen Wind und Welle kämpften wir uns mit der Strömung mühsam voran. Die KAMI hatte ordentlich zu tun, um überhaupt Fahrt über Grund zu machen. Wie so oft: Wind direkt von vorn – an Segeln war nicht zu denken. Kathi versuchte währenddessen, Piper zu beruhigen, die den ständigen Seegang nicht wirklich mochte. Mike gab dem Großsegel noch eine Chance, doch schnell wurde klar: aussichtslos. Also blieb es beim Motoren – wieder einmal. Gegen Abend dann endlich die Wende: Der Wind drehte, wie von Alina vorhergesagt. Wir konnten die Genua setzen – und sofort lief es deutlich besser. Ruhigere See, mehr Geschwindigkeit, endlich etwas Segelfeeling! In der Nacht schlief der Wind noch einmal kurz ein, kam aber am frühen Morgen zurück.
Mike übernahm wie gewohnt die erste Nachtwache – und die hatte es in sich: Nicht nur herrschte dichter Verkehr auf der Route, auch die Ein- und Ausfahrten der Großhäfen Rotterdam und Zeebrügge lagen auf unserem Weg. Große Container- und Frachtschiffe kreuzten mit hoher Geschwindigkeit – volle Konzentration war gefragt. Kathi löste ihn gegen 5:30 Uhr ab. In der Nacht kam plötzlich ein Funkspruch von der Küstenfunkstelle Zeebrügge direkt an die KAMI – Kathi war sofort hellwach. Die Dame fragte auf Englisch, wohin wir unterwegs seien und welchen Kurs wir fahren würden. Mike antwortete über Funk, während Kathi unterstützend zur Seite stand. Offenbar waren wir aus ihrer Sicht ein wenig zu nah an ein Arbeitsschiff zur Kabelverlegung herangefahren – man wollte einfach kontrollieren, wer wir sind und was wir vorhaben. Ein kleiner Schreckmoment für uns – aber alles halb so wild. Wir hatten genügend Abstand gehalten, die Situation war ruhig und freundlich. Trotzdem: Ein klares Zeichen, dass in diesen stark frequentierten Gewässern auch die „Kleinen“ genau beobachtet werden. In solchen Momenten sind wir froh über unser umgebautes Bett im Salon – wir schlafen in Reichweite zueinander, jederzeit bereit, im Notfall sofort zu reagieren. Auch Piper findet unser kleines Nest super gemütlich und bleibt am liebsten die ganze Zeit dort. So ist es auch für sie ein Stückchen angenehmer unterwegs zu sein.
Jetzt, gegen 12 Uhr mittags, sind wir kurz vor Calais – dem Eingang zum Englischen Kanal. Wenn alles wie geplant läuft, werden wir am Dienstag / Mittwoch in Brest ankommen. Das ist unser Ziel. Aber wie immer auf See: Mal sehen, was passiert …
Nach fast 18 Tagen im Cuxhavener Seglerhafen entscheiden wir uns, endlich abzulegen und Kurs auf IJmuiden in den Niederlanden zu nehmen. Das Wetter und die Vorhersagen bei Windy passen einigermaßen für die rund 200 Seemeilen lange Etappe – und wir wollen jetzt auch einfach mal weiter.
Bevor wir am Freitagabend gegen 20 Uhr mit der ablaufenden Tide starten, füllen wir an der SB-Tankstelle im Hafen beide Tanks mit jeweils 72 Litern Diesel nach. Dann geht es los. Bei schönstem Abendsonnenschein biegen wir in die Elbmündung ein und motoren Richtung Nordsee zum ersten VTG (Verkehrstrennungsgebiet) „Jade Approach“. Die ablaufende Flut aus Hamburg schiebt uns mit rund 2 Knoten – super.
Diesmal lassen wir nur eine Maschine laufen, um Sprit zu sparen und eine erste Verbrauchskalkulation zu machen. Natürlich ist das bei Strömung, Gegenwind und Welle nur bedingt aussagekräftig, aber für einen Mittelwert sollte es reichen. Am Ende der Etappe rechnen wir hoch: 700 Liter Diesel ergeben eine Reichweite von ca. 1.000–1.200 Seemeilen, also rund 2.000 Kilometer. Nicht, dass ihr denkt, wir wollen absichtlich motoren – ganz im Gegenteil! Das dumpfe Gebrumme nervt uns wahnsinnig und geht irgendwann richtig auf den Kopf. Wir wollen segeln. Aber der Wind muss eben mitspielen.
Erste Nachtfahrt – neue Erfahrungen
Wir motoren also in die Nacht hinein. Laut Vorhersage soll es in den frühen Morgenstunden Wind geben. Ich schicke Kathi gegen 23 Uhr in die Koje und übernehme die komplette erste Nacht bis 8 Uhr morgens. Irgendwann kommt sie nochmal hoch und fragt: „Soll ich dich ablösen?“ Ich verneine, sie geht wieder schlafen.
Unsere Hündin Piper erlebt ihre erste Nachtfahrt – und ist völlig unentspannt. Sie weicht mir nicht von der Seite, schläft nur kurz, und wenn ich mich einmal bewege oder mir ein Getränk aus dem Kühlschrank hole, schaut sie mich mit ihren müden Augen an, als wolle sie sagen: Warum bewegt sich hier alles?! Sie muss sich natürlich erst daran gewöhnen, Tag und Nacht an Bord zu verbringen. Beim „Lösen“ klappt es schon richtig gut: Wir gehen mit ihr auf das Vorschiff, geben den Befehl „Piper, los!“ – und sie macht brav ihr Geschäft. Danach wird wie auf See üblich alles mit Schlauch und Pütz abgespült. Natur zur Natur!
Wind? Fehlanzeige.
Am Samstagmorgen um 8 Uhr übernimmt Kathi die Wache, ich lege mich in den Salon in ihre Nähe und sage noch: Weck mich, wenn dir was komisch vorkommt oder du mit Radar oder AIS nicht klar kommst. Nach 20 Minuten bin ich wieder wach – Schlaf will sich einfach nicht einstellen. Also trinken wir einen Kaffee, und ich rolle die Genua aus. Immerhin: 9 Knoten Wind! Vielleicht reicht das für ein wenig Segelbetrieb? Leider nicht. Nach zwei Stunden schläft der Wind wieder ein und das Segel fällt back. Also Genua einrollen. Wir tuckern weiter unter Maschine. Die Tide ist mittlerweile gekippt, der Strom kommt jetzt von vorn – unsere Geschwindigkeit sinkt auf nur noch 2,5 Knoten. Gerade einmal 4,6 km/h! Das ist langsamer als Gehen.
Tagsüber nutzt die Sonne jede Gelegenheit, vorbei zu schauen. Ich versuche, mal im Salon, mal im Cockpit ein Nickerchen zu machen – vergeblich. Ich finde keinen Schlaf. Ab dem Nachmittag baut sich die See auf – 2,5 Meter Welle schiebt uns von hinten. Der Wind frischt auf: 10 bis 12 Knoten. Endlich! Aber: direkt von achtern, 180 Grad. Für unseren Katamaran KAMI denkbar ungünstig – wir können nur zwischen 40 und 135 Grad segeln. Also: Maschine bleibt an.
Wach bleiben um jeden Preis
Am Abend wird’s wolkig, wir sehen kaum noch Schiffe. Nach dem Abendbrot übernehme ich erneut die Nachtwache. Kathi geht schlafen – Kopfhörer auf, ich höre mal wieder „Domian“. Gegen Mitternacht schreibt meine Mom, dass sie nicht schlafen kann. Wir tauschen ein paar WhatsApp-Nachrichten aus. Ich vermisse Sie und meine Gedanken sind oft bei ihr. Gegen 2 Uhr steht plötzlich Kathi bei mir. „Willst du dich ablösen lassen?“ fragt sie. Ich schicke sie nochmal in ihre Koje. Natürlich bin ich noch fit. Oder etwa nicht? Irgendwie hatte sie wohl eine Vorahnung. Immerhin bin ich zu dem Zeitpunkt schon fast einen ganzen Tag wach.
Um 4 Uhr werde ich richtig müde. Augenlider schwer, auf dem Plotter nichts, Radar leer, kein Verkehr – Langeweile macht sich breit. Und dann der gefährlichste Moment: Sekundenschlaf. Ich spüre, wie mein Körper ein klares Alarmsignal sendet. Nicht einschlafen! Also gehe ich sofort runter und wecke Kathi. Sie übernimmt ohne zu zögern. Nach zwei Stunden narkotischen Tiefschlaf wache ich wieder auf. Es wird hell, Kathi steuert die KAMI mit Autopilot die Küste entlang. Aber weit sind wir noch nicht gekommen – kein Wunder bei der Gegenströmung. Unsere kalkulierten 34 Stunden für die Überfahrt nach IJmuiden werden wir nicht schaffen, am Ende sind es 40 Stunden.
Kontrolle auf See
Am Sonntag gegen 10 Uhr – mittlerweile haben wir sieben Stunden Verspätung – entdecke ich an Steuerbord ein großes Schiff der niederländischen Küstenwache. Kurz darauf wird ein RIB zu Wasser gelassen und rast mit Highspeed achteraus. Ich ahne schon: Die kommen zu uns. Ein paar Minuten später liegen sie längsseits. „Woher kommen Sie?“, ruft einer der Beamten auf perfektem Deutsch. Ich antworte freundlich (trotz Müdigkeit) und erzähle von unserer Weltumsegelung. Nach ein paar Fragen und einem kurzen Gespräch wünschen sie uns alles Gute – und brausen wieder ab. Unsere erste Kontrolle auf See!
IJmuiden – der erste Stop außerhalb Deutschlands
Eine Stunde später erreichen wir IJmuiden. Wir funken den Hafenmeister auf Kanal 74 an. Kathi hatte dort zuvor angerufen, die Dame hatte einen freien Liegeplatz zugesagt – auf Deutsch. Jetzt fordert man uns über Funk auf, auf Englisch umzuschalten. Kathi übernimmt entspannt. Wir motoren mit 15 Knoten Gegenwind in den Hafen. Ein „Marinero“ kommt im Dinghy entgegen und winkt uns, wir sollen folgen. Unser Liegeplatz ist in Reihe „F“. Die Ansteuerung klappt fast wie bei den Profis. Danach geht’s direkt ins Hafenmeisterbüro – wir buchen für eine Woche.
Nächste Schritte: Der Atlantik ruft!
Schon in der Nacht hatten wir via Podcast von Sebastian Wache (wetterwelt.com) gehört, dass das Wetter weiterhin suboptimal bleibt. Unser Plan: notfalls motoren bis Brest – raus aus dem Ärmelkanal, rein in den Atlantik. Denn wir wollen endlich ins Warme! Segeln! Türkisfarbenes Wasser!
Bis dahin sind es noch ca. 600–700 Seemeilen. Aber: Gegenwelle und Gegenströmung sind das, was am meisten belastet – auch für unsere Piper. Sie musste schon Reisetabletten nehmen, um etwas zu entspannen. Sie ist ein wichtiger Teil der Crew – auch ihr Wohlbefinden steht für uns an erster Stelle.
Die Infos schicke ich in der Nacht an Alina. Direkt am Sonntagvormittag kommt ihre Antwort: Gegen Ende der Woche will sie sich mit neuen Wetterdaten melden.
Ankommen, schlafen, Pläne schmieden
Sonntagnachmittag gönnen wir uns ein Erholungsschläfchen – drei Stunden tiefster, erholsamer Schlaf. Der Körper holt sich, was er braucht. Am Abend fühlen wir uns wieder frisch und erkunden den Hafen und die Umgebung.
Seebeine wachsen nicht über Nacht – und wir sind froh, dass wir nicht ausschließlich auf Wind angewiesen sind. Wer nur auf’s Segeln gesetzt hätte, würde womöglich heute noch in der Ostsee treiben. Gut, dass wir auf einem Katamaran leben – die Vorteile gegenüber einer Monohülle sind enorm. Wir haben größten Respekt vor all unseren Mitseglern, mit denen wir über WhatsApp im Austausch stehen: die anderen Lossegler 2025.
Was kommt als Nächstes?
Am 26. Juli startet das legendäre Rolex Fastnet Race von Cowes nach Cherbourg. Über 400 Yachten nehmen teil. In den umliegenden Häfen wird es voll, laut – und spannend! Für uns ein weiterer Grund, so bald wie möglich durch den Ärmelkanal zu kommen.
Unsere Wunschroute: Noch einmal in IJmuiden auftanken, dann durch den Kanal nach Brest. Von dort aus Proviant und Diesel auffüllen – und auf Alinas „GO“ warten. Dann geht’s rüber über die Biskaya in einem weiten Atlantik-Bogen nach Madeira. Dort ist gerade genau unser Wetter: Sonne, 32 Grad – Happy Feeling.
Jetzt beobachten wir aus den Niederlanden weiter die Wetterkapriolen. Die Wetterentwicklung wird immer rasanter, kurzfristiger, unberechenbarer.
Zur Stunde tobt ein höllisches Gewitter über dem Hafen…
Wir liegen immer noch im Hafen von Cuxhaven, und langsam macht sich ein kleiner Hafenkoller breit. Die Wetter- und Windlage zwingt uns weiterhin zum Warten – und langsam wird es Zeit, dass es weitergeht!
Letztes Wochenende haben wir uns kurzerhand entschieden, ein bisschen Abwechslung in unseren Bordalltag zu bringen: Ein Mietwagen sollte her – für einen kleinen Ausflug und um auch mal wieder etwas anderes als Steg und Leinen zu sehen. Gesagt, getan: Am Montagmorgen holen wir bei Sixt unseren Leihwagen ab, Piper springt direkt auf ihren kleinen Hundesitz, den wir zum Glück noch in Warnemünde am Steuerstand montiert hatten – passt auch prima im Mietwagen.
Erster Stopp: Bremen Unser erstes Ziel ist Bremen. Schon lange hatten wir vor, dort beim Werkverkauf von SVB – dem Yachtausrüster – vorbeizuschauen. Wir brauchen neue Langfender, die besser zur Freibordhöhe der KAMI passen. Vor Ort haben wir Glück: Die gewünschten Modelle sind tatsächlich vorrätig, wir schlagen zu. Danach geht es weiter in die Bremer Altstadt. Wir schlendern durch die kleinen Gassen, genießen das Flair – und auf dem Marktplatz gönnen wir uns einen Kaffee in der Sonne. Ein schöner Moment, der uns mal wieder bewusst macht, wie gut uns auch kleine Landgänge tun.
SVB Bremen
Rückweg über Bremerhaven Auf dem Rückweg legen wir noch einen Stopp in Bremerhaven ein. Direkt an der Weser, im Alten Hafen, machen wir mit Piper einen kleinen Spaziergang. Abendessen gibt es im Restaurant Villa Seebeck – ein echter Geheimtipp. Satt und zufrieden kehren wir später zurück an Bord der KAMI.
Dienstag: Hamburg ruft Am nächsten Tag steht Hamburg auf dem Plan – inklusive eines kleinen Erledigungsprogramms: Wir brauchen ein neues Relingnetz, damit Piper an Bord besser gesichert ist. Unsere erste Adresse: Die Hamburger Tauwerkstatt. Nach kurzer Suche auf dem Gewerbehof finden wir die richtige Tür – das vorbestellte Netz liegt schon bereit, alles klappt wunderbar. Danach fahren wir ins Alsterhaus. Kaum angekommen, beginnt es natürlich zu regnen. Typisch. Wir lassen uns nicht entmutigen, gehen mit Piper ein wenig an der Kleinen Alster spazieren – die ist zum Glück überdacht –, trinken wieder einen Kaffee und entscheiden uns dann doch recht schnell für die Rückfahrt. Bei Regen durch Hamburg zu streifen macht weder uns noch Piper wirklich Spaß.
Abendbesuch an Bord Zurück auf der KAMI wartet ein weiteres Highlight: Besuch! Holger, unser lieber Schwager, kommt vorbei. Gerade haben wir die Einkäufe verstaut, da klingelt auch schon das Telefon. Er steht vorm Vereinseingang. Große Freude! Gemeinsam gehen wir ins kleine Restaurant Lieblingsplatz, das sich direkt oberhalb des Hafengeländes befindet. Wir essen gemütlich, plaudern über Zuhause und tauschen Pläne aus. Schön, dass es so spontan geklappt hat! Gegen 19 Uhr verabschiedet sich Holger wieder Richtung Hamburg – am nächsten Tag steht für ihn schon der nächste Termin an.
Relingnetz & neue Motivation Am Mittwoch bringen wir den Mietwagen zurück. Das Wetter klart auf, die Sonne lässt sich blicken – und wir legen direkt los mit der Montage des neuen Relingnetzes. Drei Stunden später ist alles fertig. Sieht gut aus – und wir fühlen uns gleich entspannter. Für Piper ist das neue Netz ein echter Sicherheitsgewinn.
Und jetzt? Warten auf den richtigen Wind … Ob – und wann – es für uns weitergeht, entscheidet sich wohl morgen. Die Wettermodelle sind sich uneins, der Wind bleibt launisch. Aber: Wir bleiben zuversichtlich.
Wir haben unseren Plan, morgen mit der auslaufenden Flut den Cuxhavener Seglerhafen zu verlassen, kurzfristig wieder verworfen. Genau wie viele andere Segler verstehen wir nicht, warum sich die Wettervorhersagen täglich mehrfach ändern. Hier oben ist es kalt, grau, windig – und böig (natürlich aus der falschen Richtung). Irgendwie fühlt es sich hier einfach nicht nach Sommer an.
Aufgrund der derzeitigen, ungewöhnlichen Wetterverhältnisse (in ganz Europa) sind wir mit der Firma Wetterwelt in Kontakt getreten. Ihr erinnert euch bestimmt: 2023, bei der Überführung der KAMI von den Bahamas, hatten wir Sebastian Wache von Wetterwelt als Routingcoach gebucht – und das hatte super geklappt. Kurzerhand haben wir jetzt ein individuelles Routing von hier nach Madeira, zu den Kanaren und dann weiter in die Karibik angefragt – und bereits die Zusage erhalten. Das freut uns sehr und gibt uns ein wenig mehr Sicherheit.
Alina von Wetterwelt wird uns betreuen, und wir haben heute schon mit ihr telefoniert. Unseren Plan, von hier aus direkt nach Madeira „durchzurutschen“, können wir wohl begraben – den Zahn hat sie uns gezogen. Es wird weiterhin nur in Etappen gehen. Also wahrscheinlich doch Küstenhopping, bis wir aus dem Ärmelkanal raus sind. Eigentlich ist das gar nicht so schlecht, aber es sind Sommerferien, und die Häfen entlang der Küste (z. B. in den Niederlanden oder Frankreich) sind meist proppevoll. Für Katamarane ist es oft sehr schwierig, einen guten Hafenplatz zu finden, und „im Päckchen liegen“ ist mit Piper`li an Bord völlig ausgeschlossen.
Was heißt das nun für uns? Wir haben eine App namens Navily. Mit dieser App findet man geeignete Häfen und Ankerplätze, und andere Segler, die vor Ort waren, können dort die Bedingungen sowie ihre Erlebnisse und Erfahrungen (Ankergrund, Lage usw.) niederschreiben und bewerten. Man kann über die App bei Häfen anfragen und sogar einige Liegeplätze im Voraus buchen (reservieren). Damit wollen wir uns ab morgen mal intensiver beschäftigen und schauen, welche Anker- oder Festmachmöglichkeiten wir bis zum Ausgang des Ärmelkanals hätten.
Mit Alina sind wir so verblieben, dass wir zum Ende der nächsten Woche telefonieren und gemeinsam schauen, ob sich endlich ein besseres Wetterfenster ergibt. Auf alle Fälle sollen die Temperaturen schon einmal steigen – das wäre ja auch schon mal schön.
Insgesamt brauchen wir uns keine Sorgen zu machen. Der Hochsommer kommt ja erst noch (so die Aussage von Wetterwelt), und für die 1.800 Seemeilen bis Madeira haben wir noch genügend Zeit. Die Reisekalkulation – also die Zeit, die wir bis Madeira benötigen – reicht von 9 bis 20 Tagen (je nach Windbedingungen und eventuellen Zwischenstopps wegen Schlechtwetter). Im November wollen wir von den Kanaren in Richtung Karibik starten. Also: zeittechnisch alles gut. Das Schiff ist komplett aufproviantiert und bereit zum Ablegen.
Aiolos (Gott der Winde) wird hiermit angerufen … bitte schicke uns moderaten Wind aus Osten oder Süden!
Ein kleiner Nachtrag: Wir freuen uns sehr, dass bereits zweimal auf den Spendenbutton in der rechten Seitenleiste geklickt wurde. Im Namen der ganzen Crew: Herzlichen Dank für diese großartige Geste!
Wir nutzen die Zeit während des außerplanmäßigen Hafenstopps in Cuxhaven für „Alltagsdinge“ an Bord und kleinere Arbeiten. Ich nehme mir den Wassermacher vor, den ich über den Winter stillgelegt hatte (mit Desinfektionslösung gespült und den Vorfilter ausgebaut). Das Vorfiltersystem spüle ich 15 Minuten lang mit Frischwasser und setze anschließend eine neue Vorfilterkartusche ein. Die Kartusche, beziehungsweise der Sediment-Vorfilter, ist mit einer Filtrationsrate von 5 Mikron ideal für Haushaltswasseranwendungen. Sie filtert die gröbsten Verunreinigungen aus dem Seewasser, bevor das so gereinigte Wasser durch die vier Hochdruckmembranen gepresst wird. Heraus kommt dann fast steriles Wasser – etwa 100 Liter pro Stunde. Hier im Hafen werden wir unsere beiden 300-Liter-Frischwassertanks mit Trinkwasser aus der Stegzapfstelle auffüllen, bevor es weitergeht. Das Wasser der Nordsee und auch im Englischen Kanal ist so stark verschmutzt, dass wir den Wassermacher dort möglichst nicht in Betrieb nehmen möchten. Während der Blauwasserfahrt auf dem Atlantik hat ein Sediment-Vorfilter eine Lebensdauer von etwa drei Monaten. Müssten wir ihn jedoch in der Nordsee verwenden, könnten wir den Vorfilter wohl schon nach zwei Durchläufen erneuern.
Gestern prüfte ich die Motorräume und die Bilgen. Alles ist trocken! Sehr schön, so soll es sein. Mit einer gebogenen Nadel versuche ich, den kleinen Läufer vor der Küchenzeile an den Ecken an der darunterliegenden Auslegware festzunähen. Im Moment verrutscht er ständig, und mit der Zeit wird das ständige Anheben und Geradeziehen des Läufers ziemlich nervig.
Der Hafen füllt sich inzwischen, und wir treffen immer häufiger andere TO-Segler, die ebenfalls gerne weiter möchten. Bei diesen Begegnungen schnacken wir über Themen wie Orca-Abwehr, Windvorhersagen und Co. Am Nachmittag läuft eine Segelyacht mit karibischer Flagge und russischsprachigen Crewmitgliedern ein. Abends sehen wir zwei Polizisten in Richtung des festgemachten Schiffs gehen. Offenbar ist man hier im Hafen besonders sensibilisiert, wenn es um „ungewöhnliche“ Schiffs- und Crewkonstellationen geht.
Am Samstagvormittag rufen wir uns ein Taxi und lassen uns zum nächstgelegenen Baumarkt fahren. Wir brauchen dringend eine Aufstiegshilfe für unsere hohe Bordwand. Das Hoch- und Herunterhieven von Piper ist schon etwas tricky, und schwere Einkäufe an Bord zu bringen, ist zwar sportlich, aber auf Dauer anstrengend. Im Baumarkt entdecken wir eine kleine Aluminiumleiter, die Kathi sofort ins Auge fällt. Ja, die soll es sein! Sie reicht zwar nicht ganz bis nach oben an Deck, erleichtert uns das Übersteigen aber enorm. Und da sie so schön schmal ist, passt sie auch noch gut ins Vorpiek zum verstauen.
Die aktuelle Windprognose ist bis kommenden Samstag leider nicht wirklich passend. Eine Weiterfahrt am Samstag ist wahrscheinlich – aber das kann sich natürlich auch kurzfristig wieder ändern. Heute (Sonntag) sollte es eigentlich den ganzen Tag regnen. Tatsächlich ist das Wetter durchwachsen, und die Sonne lässt sich ab und zu blicken. Erst ab 15.30 Uhr setzt der Regen ein und soll bis in die kommende Nacht anhalten.
Kathi will morgen versuchen, den Hafenmeister auf Helgoland telefonisch zu erreichen. Von anderen Seglern haben wir gehört, dass es während der Ferien auf Helgoland kaum freie Liegeplätze gibt – der Hafen ist stets überfüllt, und kleinere Segelboote müssen dort in „Päckchen“ liegen. Sollte für uns kein Liegeplatz verfügbar sein, werden wir Helgoland auf unserer Route wohl überspringen müssen.
Mit der außerplanmäßigen Einfahrt in Cuxhaven wurde uns bewusst: „Wenn der Plan nicht funktioniert, dann ändere den Plan. Aber niemals das Ziel!“
Abends auf dem Borgstedter See (im Nord- Ostsee Kanal)
Nach einer turbulenten Gewitternacht heißt es nach dem Frühstück „Anker auf“. Wir verlassen den Borgstedter See und schieben die KAMI mit 6 Knoten unter Maschine Richtung Schleuse Brunsbüttel. Bis dorthin sind es noch gut 70 Kilometer (wir schreiben jetzt in Kilometern und nicht in Seemeilen – schließlich sind wir auf einem Binnengewässer). lach
Der Wind pustet mit 17 Knoten, der Himmel ist bewölkt und wir frieren. Ja, ihr lest richtig! In der alten Heimat sind es 32 Grad – hier oben dagegen nur „gefühlte“ 15 Grad.
Während der Fahrt begegnen uns zahlreiche Frachtschiffe. Einige transportieren Chemikalien, andere wiederum Schütt- und Stückgüter. Gegen 18 Uhr erreichen wir endlich die Schleuse Brunsbüttel und hoffen, dass wir rasch aus dem NOK ausgeschleust werden können. Da eine halbe Stunde zuvor bereits Sportboote geschleust wurden, sind wir nun die Einzigen, die vor der Schleuse „Warterunden“ drehen. Irgendwie passiert aber nichts. Nach 30 Minuten greifen wir zum Funkgerät und rufen: „Kiel Schleuse 1 für Segelkatamaran KAMI“. Wir fragen höflich nach, wann wir in die Elbe ausgeschleust werden können, und erhalten die Antwort, dass gerade ein größerer Frachter kommt – wir sollen uns hinter diesem in die Schleusenkammer legen. Wir bleiben also auf Standby und dürfen den aus- und eingehenden Verkehr nicht behindern.
Vor den Schleusen – also der alten Nord- und Südschleuse sowie den neuen großen Schleusen für die Containerriesen – fahren mehrere frei fahrende Fähren kreuz und quer durch die Vorbereiche. Für uns heißt das: volle Konzentration und die KAMI möglichst auf der Stelle halten. Bei ordentlich Seitenwind gar nicht so einfach! Aber es klappt, und das Frachtschiff fährt vor uns in die Schleusenkammer „Alte Nord“ ein. Wir warten auf die Aufforderung, ebenfalls einzufahren, und dürfen nach 15 Minuten auf der Steuerbordseite, schräg hinter dem Frachter, festmachen.
Da der Frachter ordentlich Schraubenwasser produziert (auch bei ganz langsamer Drehzahl), wippert die KAMI während der Einfahrt wie ein Korken auf und ab. Die ausgebrachten Fender rutschen durch die Wasserwirbel im Becken nach oben heraus, und die KAMI schrappt am hölzernen Schwimmsteg. Hoffentlich gibt es keine Kratzer oder Schrammen! Wir sind so angespannt, dass selbst Piper merkt, dass etwas nicht stimmt – und sie verhält sich entsprechend merkwürdig.
Wir funken erneut den Schleusenwärter an und informieren, dass wir die KAMI kaum halten können. Wir bitten darum, dass der Frachter als Erster das Schleusenbecken verlässt. Das wird bestätigt, und nachdem sich die Schleuse öffnet, schleicht der Frachter heraus. Wir warten, bis sich die Wirbel- und Wasserströme beruhigt haben, werfen dann die Leinen los, fahren in die Elbe ein und nehmen Kurs auf Cuxhaven. Kathi hatte die Fahrtzeit im NOK genutzt und uns einen Liegeplatz in der Segler-Vereinigung Cuxhaven e.V. organisiert.
Wir fahren noch gegen den Strom, das heißt: Gegen 20 Uhr kippt die Flut zur Ebbe, und bis dahin haben wir 2 Knoten Gegenstrom. Wir machen also 6 Knoten Fahrt durchs Wasser, kommen aber nur mit 4 Knoten voran (SOG – Speed over Ground).
Gegen 22 Uhr, also gerade noch mit Resttageslicht, laufen wir in den Sportboothafen ein und können direkt gegen den Wind an einem kleinen Steg festmachen. Nicht so schön ist, dass wir nur schwer vom Boot kommen, denn der Schwimmsteg endet etwa ein Drittel vor dem Bootsheck. Wir haben keinen Tritt an Bord – da fällt uns ein, dass wir das eigentlich noch vor dem Start besorgen wollten. Also müssen wir in den Baumarkt und einen Tritt oder eine kleine dreistufige Trittleiter kaufen.
Nach dem Vertäuen ist es 23 Uhr, und eine WhatsApp-Nachricht trifft ein: Von einem anderen Seglerpaar des TO wurde unser Einlaufen bemerkt. Antje und Frank von der Segelyacht Toroa heißen uns willkommen. Wir freuen uns und laufen Antje heute früh bei der morgendlichen Piper-Runde über den Weg – und schnacken gleich über Wetter, Reisepläne und Co.
Hier in Cuxhaven liegen noch weitere Trans-Ocean-Segler, die hier abwettern und auf bessere Wind- und Wetterverhältnisse warten. Leider sind die Prognosen für die ganze nächste Woche wieder suboptimal: falsche Windrichtungen zum Segeln, Starkregen und böiger Wind sind angesagt. Also warten hier viele Segler, bis es raus auf die Nordsee gehen kann. Viele wollen in Richtung Englischer Kanal, einige zieht es ins IJsselmeer, andere wollen erst einmal nach Helgoland.
Eines haben wir jedoch alle gemeinsam:
Wir wundern uns über das unstete Sommerbeginnwetter.
Wir haben uns heute erst einmal bis Mittwoch beim Hafenmeister angemeldet und unseren Liegeplatzobolus plus Kurtaxe und Nebenkosten in Höhe von 268 Euro gezahlt. Wasser und Strom sind inklusive. Kathis Tageswerk besteht heute darin, mit der Wäsche ins Vereinshaus zu laufen und für je 3,50 Euro Bunt- und Kochwäsche anzusetzen.
Durch einen Tipp vom Hafenmeister kommt nachmittags ein Schiffselektriker zu uns an Bord, den ich vorher telefonisch schon fast angebettelt habe, uns doch bitte mit der Ankerwinsch zu helfen. Eigentlich hat er kein freies Zeitfenster, aber mein Ausspruch „Wir sind nicht geizig“ bringt ihn zum Schmunzeln – und schon steht er bei uns am Steg. Das Problem ist schnell gefunden: Das fingerdicke Kabel (zum Aufholen des Ankers) am Ankerwinschmotor ist verschmort und muss erneuert werden. Das dauert keine Stunde. Der freundliche Elektriker hat eine hydraulische Kabelpresse und alles Nötige dabei. Der Austausch des beschädigten Teilstücks geht schnell. Der Elektriker rät uns für die Zukunft, beim Aufholen des Ankers immer mal eine Pause zu machen, damit Motor und Zuleitung nicht überhitzen und anfangen zu schmoren. Irgendwann werden wir den Motor der Winsch wechseln müssen – vielleicht nehme ich das als Projekt, wenn wir auf den Kanaren sind und ich dort einen entsprechenden Motor bekomme. Mal sehen.
Sonst haben wir heute Vormittag das Boot geputzt (Kathi innen, Mike außen) und wollen nachher noch zu Lidl und Edeka laufen. Kathi hat schon bemerkt, dass ihre Proviantkalkulation nicht die allerbeste war – wir müssen noch ordentlich nachbunkern. Allein die Getränke gehen schnell zur Neige. Immer nur Tee ist auch nicht die Erfüllung. Heute wollen wir noch frische Lebensmittel fürs Wochenende holen (für das Wochenende ist Regen angesagt), und bevor es dann weitergeht mit der Reiseroute, nochmals Großeinkauf mit dem Hafenwagen.
Wann es tatsächlich weitergeht, wissen wir noch nicht. Wir haben aber auch noch „Arbeit“: Kathi sitzt derzeit an Feuerwehr-Einsatzplänen für ein Tanklager in Chemnitz, und ich programmiere neue CRM-Workflows und muss noch neue Kundenverträge anlegen. Uns ist also nicht langweilig. Und so richtig haben wir unseren Alltag, oder wie man sagt unseren Trott, noch nicht gefunden – das kommt bestimmt noch. Bis jetzt war jeder Tag aufregend und alles andere als normal. Gerade ziehen wieder Regenwolken über uns hinweg und die ersten Tropfen klatschen aufs Deck – schnell noch die aufgehängte Wäsche reinholen.
Heute Abend wollen wir in das „Restaurant Lieblingsplatz“ hier auf dem Gelände einkehren. Das kleine Restaurant soll Spitzenklasse sein …