35. Etmal 126 Seemeilen

30.06.2023 – 12:00 Uhr UTC

36. Seetag

Etmal: 126 sm

Gesamtsumme: 4600 sm


Wind aus W

Segelstellung: alle Segel unten – wir motoren

Speed über Grund: 4 kn

Am Nachmittag stecken wir wieder in einem Fischereifeld fest und werden über Funk gebeten, unseren Kurs nach Süden zu ändern, da Fanggeschirr ausgebracht wurde. Also schlagen wir einen Haken und beschließen, einen großen Bogen um die Fischereifahrzeuge zu machen. Es scheint sicherer, sich in der Nähe der Großschiffe aufzuhalten – sie halten ihren Kurs und sind berechenbar, ganz im Gegensatz zu den unvorhersehbaren Fischerbooten.

Wir nehmen Kurs Richtung Süden, bis wir die Fahrbahnen der Frachter, Containerschiffe und Fähren erreichen. Dort reihen wir uns artig in den nicht enden wollenden Strom der Berufsschifffahrt ein. Am späten Abend dreht der Wind auf West, was für uns bedeutet, die Segel zu bergen, da wir mit Westwind keinen vernünftigen Windwinkel zum Segeln finden. Also starten wir die Steuerbordmaschine und navigieren uns durch das Fahrgebiet auf die rechte Außenseite, entlang des Randes des Verkehrstrennungsgebiets (VTG) „Platte Fougere.“ Heute gegen 14 Uhr werden wir in das VTG einfahren und dabei den großen Schiffen bis auf 100 Meter nahe kommen.

Die Regeln im VTG sind streng, und sie werden von der Küstenwache sowie den Koordinierungsstellen an Land genau überwacht. Ein Segler wurde kürzlich zu einer Geldstrafe von 9.000 Pfund verurteilt, weil er die Fahrbahnen nicht im vorgeschriebenen 90°-Winkel gekreuzt und dadurch die Berufsschifffahrt gefährdet hat. Mit dem VTG ist also definitiv nicht zu spaßen.

Es gibt mehrere Verkehrstrennungsgebiete im Ärmelkanal, insbesondere in den Engstellen nahe der Kanalinseln. Stellt euch das wie eine Autobahn für Schiffe vor: Auf der rechten Seite fahren alle in Richtung Steuerbord, auf der gegenüberliegenden nach Backbord. Zwischen den Bahnen gibt es keinen Grünstreifen, sondern einen „Blaustreifen“ – eine bis zu fünf Meilen breite Trennzone.

Unsere Geschwindigkeit im Ärmelkanal variiert stark, da wir mit Ebbe und Flut fahren. Einige Stunden am Tag profitieren wir von der Strömung und machen sechs Knoten, dann wieder kämpfen wir gegen die Strömung und kommen nur auf vier Knoten. Diesen Unterschied sehen wir deutlich auf unserem Kartenplotter, der sowohl die Geschwindigkeit über Grund als auch die Geschwindigkeit im Wasser anzeigt.

Das Wetter ist, wie so oft, grau und regnerisch. Von Sebastian haben wir schon seit über einer Woche nichts mehr gehört. Vielleicht ist er krank?

Unterdessen schlagen wir uns weiter entlang der Ränder der Fahrbahnen und nutzen die Maschine. Sollte sich kein guter Wind mehr einstellen, könnten wir theoretisch bis Deutschland unter Motor fahren. Unser Dieselverbrauch liegt bei etwa zwei Litern pro Stunde, was uns eine Geschwindigkeit von rund vier Knoten ermöglicht. Im Nord-Ostsee-Kanal könnten wir nachtanken, falls nötig – aktuell haben wir von insgesamt 600 Litern Diesel etwa 160 Liter verbraucht. Damit sind wir auf jeden Fall gut versorgt!

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