15. Etmal 110 Seemeilen

10.06.2023 – 12:00 Uhr Ortszeit – 15:00 UTC

16. Seetag

Etmal: 110 sm

Gesamtsumme: 1.823 sm


Wind aus S – SW
Segelstellung: Großsegel im 2. Reff, Genua voll

Speed über Grund: 7 kn

Das Tiefdruckgebiet beruhigt sich am späten Nachmittag, und es kommt sogar kurz die Sonne heraus.

Wir überprüfen die Segel und stellen das nächste Malheur fest:
An unserem Genuasegel (Vorsegel) hat sich in der Höhe der ersten Saling (Querstrebe am Mast) das Segeltuch – oder vermutlich ein aufgenähtes Cover (es sieht aus wie ein 1×1 Meter großer verstärkender Flicken) – etwas abgelöst und flattert im Wind. Es sieht aus wie ein zerfetztes Stück Stoff.
Vermutlich haben wir bei einem Reffmanöver das Tuch nicht straff genug geholt, sodass das Segel an der Saling gescheuert (schamfielt) hat und sich dadurch die Naht gelöst hat. Es könnte aber auch sein, dass dieser besagte Flicken nur aufgeklebt war. Von unten ist das nicht auszumachen. Da die Genua auf einer Rollreffanlage montiert ist, können wir das komplette Genuafall bei den aktuellen Windbedingungen nicht herunterlassen. Wir müssen den Schaden im Auge behalten und hoffen, dass der Grundstoff des Segels nicht einreißt. Ab sofort ist also ein besonders vorsichtiger Umgang mit der Genua angesagt.

Wir gehen mit der gesicherten Segelstellung im Reff in die Nacht, da einige kräftige Böen gemeldet sind. Spätestens ab heute Morgen müssen wir das nächste Tiefdruckgebiet durchsegeln, und es sind Starkwinde mit größeren Böen vorhergesagt. Der Nachteil unserer konservativen Segelstellung ist der Geschwindigkeitsverlust, was das heutige Etmal (die gesegelte Strecke) gut zeigt.

In der Nacht bemerke ich, dass sich das Segelboot „Calinka“ unserer Position bedenklich nähert. Das ist nachts nicht besonders angenehm, denn unter Segeln lassen sich Ausweichmanöver, besonders bei starkem Wind, nicht so schnell umsetzen. Zudem ist es stockdunkel da draußen. Da unsere Batteriekapazitäten wieder in Richtung 11 Volt sinken, entscheide ich, die Steuerbordmaschine zu starten, um uns von dem nahen Segelboot abzusetzen und einen akzeptablen Sicherheitsabstand zu erreichen. Nach einer Stunde liegt die „Calinka“ etwa 3 Seemeilen hinter uns, was ausreichend sein sollte. Also Maschine wieder aus.

Ein Blick auf den Kartenplotter zeigt, dass das Segelboot beharrlich unserer Kurslinie folgt. Wollen die sich wirklich an uns, zwei Segelanfänger, heften? Unglaublich! Seit nunmehr 36 Stunden „klebt“ das schwedische Segelboot an uns. Hmm…

In den frühen Morgenstunden höre ich über Funk jemanden das „Segelboot“ rufen. Ich schaue auf unseren Kartenplotter und sehe einen großen Tanker in unmittelbarer Nähe (1,5 sm) zur „Calinka“.
Kollisionskurs!
Der Tanker wiederholt seinen Funkruf insgesamt sechs Mal, doch von der „Calinka“ kommt keine Reaktion. Mit einem Manöver in letzter Sekunde macht der Tanker einen Schlenker, weicht dem Segelboot aus und setzt sich dann schnell mit 15 Knoten Fahrt ab. Völlig verwirrt versuche ich, das Erlebte zu analysieren. Mir fällt ein, dass Karsten bei seinem gestrigen Funkgespräch mit der „Calinka“ nach deren Anruf darum bat, vom allgemeinen Anruf- und Notrufkanal 16 auf den Arbeitskanal 6 (Ship-to-Ship) zu wechseln – gut gemacht, Karsten! Das macht man, um den Notrufkanal für die übrige Schifffahrt freizuhalten. Vielleicht hat die „Calinka“ vergessen, nach dem Gespräch wieder auf Kanal 16 zurückzuschalten? Das würde erklären, warum der Tanker keine Antwort bekam. Oder vielleicht hat der Skipper einfach nur geschlafen. Es bleibt mysteriös!

Heute früh gönnen wir uns wieder einen Kaffee und ein ordentliches Frühstück. Kurz danach nutzen wir die etwas ruhigere Zeit, um die Bordduschen zu verwenden. Ich selbst verspüre das Bedürfnis, mich zu rasieren, während Karsten seinem „Gangerl-Style“ treu bleibt, lach. Gegen 10:30 Uhr kommt es dann wie erwartet: Die Wellen beginnen sich aufzutürmen und drücken mit ordentlich Wind von achtern in das Schiff. Schnell nehmen wir Fahrt auf und erreichen in den Peaks und Wellentälern, die wir absurfen, bis zu 10 Knoten Geschwindigkeit. Im Schnitt liegen wir momentan zwischen 7 und 8 Knoten. Perfekt! Mit den achterlichen Wellen ist es auch im Schiff einigermaßen auszuhalten. Wir entspannen uns, frisch geduscht, im Salon und hören Podcasts rund ums Segeln.

Bis morgen Vormittag soll es im „Groben“ so bleiben: Windstärken von 5 bis 6 Beaufort, in Böen 7. Ein paar Starkböen werden uns noch treffen, aber am Sonntag beruhigt sich das Wetter wieder, und der Wind dreht in den kommenden Tagen auf West, sodass wir unseren Kurs weiter nördlich absetzen können (Richtung Azoren).

Auf dem Foto seht ihr das Plotterbild der Beinahe-Kollision: Die beiden weißen Dreiecke im oberen Bereich. Die gestrichelten Linien vor den Dreiecken zeigen den Fahrtenabstand der nächsten 60 Minuten. Unten seht ihr die KAMI. Die blaue Linie zeigt den reinen Steuerkurs über 60 Minuten, die rote Linie den tatsächlichen Kurs, inklusive Versatz durch Wind, Strömung und Wellen.

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