14. Etmal 146 Seemeilen

09.06.2023 – 12:20 Uhr Ortszeit – 15:20 UTC

15. Seetag
Etmal: 146 sm

Gesamtsumme: 1.714 sm

Wind aus S – SW

Segelstellung: Großsegel im 2. Reff, Genua 80%

Speed über Grund: 7 kn

Am Nachmittag schauen wir hoch zum Großsegel und stellen fest, dass die Dirk (ein Seil von der Mastspitze zum Ende des Baums) an mehreren Stellen durchgescheuert ist. Wir hatten am Tag zuvor vergessen, die Dirk nach einem Manöver wieder richtig frei zu geben. So lag sie unter Spannung auf dem durch Wind ausgebauchten Großsegel und rieb an den mittleren Segellatten. An einer Stelle hielt die Dirk nur noch an zwei Polyesterseelen – sie war also kurz davor, komplett zu reißen.
Wir schnitten die beschädigten Teile, etwa zwei Meter, mit dem Messer heraus und verknoteten die Enden mit Palstek-Knoten. Dieses Provisorium muss nun bis Rostock halten. Es war ohnehin geplant, das laufende Gut durch neue Leinen zu ersetzen.

Die durchgescheuerte Dirk muss repariert werden.

Am Abend nimmt der Wind immer weiter zu, und die Wellen schütteln die KAMI ordentlich durch. Da für die Nacht und den frühen Morgen Windböen von über 28 Knoten vorhergesagt sind, reffen wir das Großsegel ins zweite Reff und rollen in den Morgenstunden auch das Genuasegel auf 80 % ein. Sicher ist sicher! Unermüdlich gräbt sich die KAMI durch die nun etwa drei Meter hohen Atlantikwellen. Trotz der gerefften Segel machen wir etwa 7 Knoten Fahrt, beim Absurfen der Wellen erreichen wir sogar 10 Knoten.
Der Autopilot muss kräftig arbeiten, um das Schiff durch die Wellen zu steuern. Kein Wunder also, dass wir in der Nacht mehrmals den Stromgenerator starten müssen, um die Batterien wieder aufzuladen. Gegen 4 Uhr fällt mir jedoch auf, dass die Ladeanzeige eher abnimmt als zunimmt. Irgendetwas stimmt nicht. Obwohl das Tuckern des Generators zu hören ist, zeigt das Voltmeter „0“ an. Komisch – was ist jetzt schon wieder los?

Ich erinnere mich, wo der Sicherungskasten des Generators ist, und schaue nach. Alle Sicherungen stehen auf „off“. Ich vermute einen Kurzschluss im Warmwasserboiler (Heizelement), da ich mir den Ausfall sonst nicht erklären kann. Nachdem ich den Boiler ausgeschaltet habe und die Sicherungen wieder einlege, läuft der Generator wieder einwandfrei und produziert fleißig Strom. Situation gerettet! Das Thema Warmwasserboiler stellen wir erstmal hinten an – im Moment bläst es draußen viel zu stark, und unser Fokus liegt gerade auf der Besegelung.

Das Tiefdruckgebiet tobt weiterhin unerbittlich, sodass wir seit dem Morgengrauen jeder nur einen Apfel gegessen haben. An Kaffee kochen ist gerade nicht zu denken, es sei denn, wir hätten eine artistische Ausbildung. Stellt euch vor, ihr steht auf einem Balanceboard und versucht, kochendes Wasser in eine Kanne zu gießen – keine gute Idee!

Der Höhepunkt des Tiefs soll gegen 14 Uhr erreicht sein. Wir hoffen, dass sich die See bis dahin etwas beruhigt, damit wir wieder unserem Tagwerk nachgehen können. Im Moment sitzen wir fest auf der Salonbank, und selbst ein Toilettengang fühlt sich wie eine Kirmesfahrt an. In den nächsten Stunden wird der Wind etwas nachlassen, doch leider bleibt uns das raue Wetter auch am Abend erhalten. Am Sonntagmorgen könnten wir Glück haben und ein paar Sonnenstrahlen erhaschen. Danach sollte es wieder etwas angenehmer werden.

Seit heute Nacht fährt das schwedische Segelboot „Calinka“ vor uns her. Wie festgeklebt bleibt der Abstand zwischen uns gleich, und wir verfolgen sie regelmäßig auf dem Kartenplotter (AIS). Auch die „Calinka“ ist zur selben Zeit wie wir von den Bermudas aufgebrochen. Wir vermuten, dass sie ebenfalls Kurs auf die Azoren nimmt. Mal sehen, wie lange unsere kleine Zwei-Boot-Gruppe zusammenbleibt – derzeit ist sie etwa 7 Seemeilen entfernt.

Top-Update: Gerade funkt uns der Skipper der „Calinka“ an und fragt nach Informationen zum aktuellen Sturm. Karsten gibt sein Bestes und teilt ihm in gebrochenem Englisch unsere Wegpunkte mit. Im Großen und Ganzen sagen wir ihm, dass wir Kurs „Osten“ fahren: von 54° West nach 47° West in den kommenden Tagen. In einer Woche dann gerne bei 38° West – Kurs Azoren!

Das Positive im Moment: Wir machen Fahrt (auch wenn es kein Kreuzfahrtfeeling ist) und sind hier draußen nicht ganz allein!

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