BAHAMAS – Endlich 1000 Farben Blau!

Nach einer sehr anstrengenden Fahrt gegen Wind und Welle erreichen wir erschöpft die erste Insel der Bahamas, Inagua. Wir kommen gegen Sonntagmittag an und lassen den Anker vor dem kleinen Hafen Matthew Town in kristallklarem, türkisfarbenem Wasser auf 3 Meter fallen.
Bei den Behörden können wir am nächsten Vormittag problemlos einklarieren; dazu fahren wir mit dem Dinghy in den kleinen Hafen. Es dauert nur wenige Augenblicke, da werden wir schon von einem Local angesprochen. Kurz darauf taucht wie aus dem Nichts ein Taxifahrer auf, der sich mit dem Local ein kleines Wortgefecht liefert. Wir steigen ins Taxi ein, und schon braust er mit uns zur „Behördenbaracke“. Nach nur 5 Minuten ist die kostenlose Fahrt vorbei, und der Taxifahrer erklärt uns, dass der Local, der uns im Hafen angesprochen hat, kein guter Mensch ist und immer wieder versucht, Geld von Seglern und Touristen zu erbetteln. Ferner erzählt er, dass den Einheimischen viel daran liegt, mehr Tourismus anzuziehen. Leider wird die Insel oft nur als erster Anlauf zum Einklarieren besucht und dann meist schon am selben Tag wieder von den Seglern verlassen.

Wir bleiben gut fünf Tage, denn wir müssen unsere Segel wieder auf Vordermann bringen und nachtanken. Wir belesen uns im Netz und finden viele Hinweise, dass man auf kleinen Inseln möglichst nicht nachtanken sollte. Oft ist der Diesel mit Wasser und Schmutz versetzt und sehr schwefelhaltig. Gut, dass wir noch 300 Liter in Kanistern als Ersatz an Bord haben. Wir tanken jeweils 100 Liter pro Maschine und Bug mit Kanistern nach und planen, unseren Kraftstoffvorrat in George Town in den Exumas wieder aufzufüllen. Hier ist die Bootsdichte so hoch, dass ein gewisser Dieselumsatz an den Tankstellen gegeben ist. Das Risiko, verschmutzten Treibstoff zu bunkern, ist wohl in George Town gering.

Auf Anker vor Inagua kümmern wir uns um unsere Segel. Wir stellen fest, dass der massive Metallschäkel der Genua aufgebogen war und sich bei stärkerem Seegang vom Genuaschlitten abgesprengt hat. Wir finden ihn zufällig an Deck. Zum Glück ist das Segel nicht beschädigt, wie erst angenommen. Kathi muss hoch in den Mast und das Genuafall wieder freigängig machen – es hat sich oben verklemmt. Nach etwas Hin- und Herholen bekommen wir das Fall frei (es hatte sich umwickelt). Wir schlagen das Segel neu an (wir hatten passenden Schäkelersatz an Bord), und die Genua ist wieder fit. Als Nächstes holen wir den Gennaker herunter. Mike nimmt sich den Furler vor, flechtet ein Dyneema-Seil als Klemme ein und vernäht alles sauber. Durch UV-Strahlung und Salzwasser hat sich die Gummirutschsicherung am Furler aufgelöst und ist teilweise aus der Trommel gebrochen. Wir hoffen, dass unsere Ersatzsicherung hält – ein neuer Furler ist uns momentan zu teuer.

Nun muss noch das Großsegel geklärt werden. Mike lässt sich von Kathi in den Mast hochziehen und schleift die gröbsten Grate von der Mastschiene. Danach versuchen wir, das Großsegel durchzusetzen – leider wieder ohne Erfolg. Dann fällt uns auf, dass die Halterungen der Segellatten komisch aussehen: Hier sitzt eine kleine Spange, die sich geweitet hat und keine Funktion mehr erfüllt. Wir fixen die einzelnen Spangen mit Gafferband und einem kleinen Kabelbinder. Et voilà, das Großsegel lässt sich von Hand fast bis zum Ende durchholen. Wir freuen uns, dass wir die Probleme gelöst haben.

In der kleinen City von Matthew Town finden wir einen Minimarkt. Es gibt fast nichts zu kaufen, und die wenigen Dinge in der Auslage sind wahnsinnig teuer. Wir ergattern fünf kleine Äpfel und zahlen fast 12 Dollar dafür. Auf dem Rückweg zum Hafen kehren wir in einen kleinen Imbiss ein und geraten dort mit einer älteren Amerikanerin ins Gespräch, die vor 15 Jahren aus Liebe hierhergezogen ist. Sie ist die Lehrerin auf der Insel, die gerade einmal 550 Bewohner hat.

Direkt an der Hauptstraße, in unmittelbarer Nähe einer Bankfiliale, des Minimarkts und des Imbisses, betreibt man den Inselgenerator zur Stromproduktion. Dieser riesige Generator läuft Tag und Nacht, ist schrecklich laut und spuckt extrem viel Stickoxid und Dreck in die Luft. Wir können es nicht fassen, dass Wohnhäuser direkt danebenstehen. Eine Haltestelle des Schulbusses liegt direkt davor an der Hauptstraße. Schlimm!

Zurück an Bord werden wir einen Tag vor dem Ablegen in Richtung Hogsty Reef von drei Delfinen besucht. Sie floaten stundenlang um unsere KAMI herum, spielen und necken sich. Was für ein toller Anblick!

Am nächsten Tag nehmen wir Kurs auf die Exumas. Wir werden jetzt etappenweise jeden Tag 30 bis 40 Seemeilen in diese Richtung absolvieren. Der erste Stopp ist das Hogsty Reef, ein kleiner Sandhaufen mitten im Ozean. Dort gehen wir mit Piper an Land und lassen sie ohne Leine laufen. Hier gibt es nichts außer einer baufälligen Landmarke und angespültem Plastikmüll. Auch unter Wasser ist es eher unspektakulär. Von den erwarteten Haien, Schildkröten und Rochen lässt sich nichts blicken. Nach einer tausendsternfunkelnden Nacht an diesem surrealen Ort geht es am morgen weiter Richtung Acklins.

Auf dem Weg dorthin fällt uns ein graues Schiff der Küstenwache auf, das in etwa 10 Seemeilen Entfernung mit einer amerikanischen Segelyacht funkt und nach Schiffs- und Personendaten fragt. Wir ahnen schon, dass wir die Nächsten sein werden, haben aber Glück. Sie ziehen in Gegenrichtung an uns vorbei und sind nach 30 Minuten am Horizont verschwunden.

Im Süden der Insel Acklins legen wir nach sechs Stunden Fahrt einen weiteren Ankerstopp ein. Wir genießen den Nachmittag, als wie aus dem Nichts das Küstenwachschiff wieder auftaucht. Es wirft unweit von uns den Anker und lässt ein Beiboot zu Wasser. Na klasse – wird es bald Besuch geben? Die Beamten fahren zuerst zu einer in der Nähe liegenden Motoryacht. Wir setzen uns ins Cockpit und flachsen herum, da taucht das Beiboot neben uns auf. Besetzt mit sechs uniformierten Beamten bitten sie, an Bord kommen zu dürfen. Auf Steuerbord drücken sie ihr RIB gegen die KAMI, drei Beamte steigen wacklig über. Ein Beamter bleibt hinten mit Sturmgewehr im Anschlag stehen, die zwei anderen kommen ins Cockpit. Einer ist für das Protokoll zuständig, der andere führt das Gespräch und ist wohl der Chef.
Piper ist über diesen Besuch nicht sehr erfreut. Sie schimpft und lässt sich nur schwer beruhigen. Kein Wunder, die Beamten verbreiten eine negative Ausstrahlung. Kathi gelingt es ihr das Geschirr umzulegen und sie auf ihrem Schoß festzuhalten.


Wir legen brav alle Dokumente vor und geben Auskunft: Woher kommen Sie? Wohin wollen Sie? – Na, die üblichen Fragen. „Sind Waffen an Bord?“, wird gefragt. Der Chef möchte sich im Inneren der KAMI umschauen. Im Salon öffnet er den Kühlschrank und das Fach mit Gewürzen und trockenen Nahrungsmitteln (Nudeln, Reis usw.). Im Backbordrumpf staunt er über unseren Lagerraum und fragt, was in den großen Kisten ist. „Ersatzteile und Werkzeug“, gebe ich Auskunft. Er lässt eine Kiste öffnen, wirft einen Blick hinein, grübelt kurz und geht in den anderen Rumpf. Dort wirft er einen kurzen Blick und eilt zurück zu seinem protokollführenden Kollegen.
Der zeigt ständig auf Kathis Tischdeko – kleine Muscheln und Schneckenhäuser, die wir bisher an Stränden gesammelt haben. Ein größeres Schneckenhaus ist wohl eine geschützte Art. Der Chef winkt ab, und nach ca. 20 Minuten verlassen sie das Schiff und düsen davon. Zurück bleiben viele schwarze Schuhabdrücke auf dem weißen Deck und dem frisch geputzten Teak im Cockpit. Wir sind bedient! Wir schrubben das Deck; der Schmutz lässt sich nur schwer entfernen. Nach zwei Stunden sind die ärgerlichen Mitbringsel beseitigt. Was für ein schöner Besuch!

Nach einer weiteren Nacht im Nordwesten der Insel setzen wir nach Long Island über. Im Süden der Insel besuchen wir eine kleine Strandbar. Hier soll es nach Berichten anderer Segler legendären Rum-Punsch geben. Den wollen wir verkosten – und sind begeistert! Ein schöner Fleck auf der Insel, leider wird in der Nähe Tag und Nacht Müll verbrannt. Die Geruchsbelästigung treibt uns schnell weiter in Richtung Inselmitte. Vor dem kleinen Ort Clarence Town verlegen wir in eine flache, türkisfarbene Lagune und ankern im flachen Wasser – teilweise nur noch 50 Zentimeter unter dem Kiel. Da wird einem unwohl. Aber alles passt, und wir düsen mit dem Dinghy zum Dinghy-Dock. Hier sehen wir mehrere Haie und einen riesigen Stachelrochen im seichten Wasser schwimmen. Hinweisschilder am Dock warnen ausdrücklich vor den Haien. Die einheimischen Fischer, die hier Abfälle ins Wasser werfen, werden von den Tieren gern angenommen. Dadurch kam es wohl schon zu kleineren Bissverletzungen bei Touristen, die ihre Hände ins Wasser hielten. Im Ort finden wir einen kleinen Bakery-Shop und kaufen ein paar Eier und soeben gebackenen Rumkuchen. Leider gibt es kein frisches Obst. Schade. Auf dem Weg zur naheliegenden Marina entdecken wir endlich wieder Kokospalmen. Auf Acklins gab es keine, nur Gestrüpp – daher ist unsere Freude groß, wieder Kokosnüsse zu sehen. Direkt an der Straße stehen mehrere große Palmen, darunter liegen vereinzelt Früchte. Wir nehmen eine grüne, frische Kokosnuss mit an Bord – Piper ist außer sich vor Freude. Sie schleckt das Kokoswasser auf und macht sich über das frische Kokosfleisch her. 

Nach einem weiteren Ankerstopp im Norden der Insel erreichen wir nach sechs Stunden Motoren bei Flaute endlich George Town auf den Exumas. Dieser Ort ist besonders: Hier haben wir 2023 das erste Mal die KAMI von den Voreignern besichtigt. Aber nicht nur das – George Town ist für die US-Segelcommunity der absolute Hotspot. Veranstaltungen an den Stränden, Hunderte Schiffe vor Anker, Supermärkte, Tankstellen und ein Flugplatz in der Nähe machen diesen Ort aus. Hier werden wir in den nächsten Tagen Marie und Olli für drei Wochen an Bord begrüßen. Gemeinsam wollen wir die Exumas erkunden – über und unter Wasser. Wir freuen uns riesig auf den Besuch aus der Heimat.

Es gibt auch Negatives zu berichten: Unsere Saildrives machen beide Probleme. Wir hatten ja schon berichtet, dass der Saildrive auf Backbord Öl verliert und die Reparatur durch Gregory in Sint Maarten keine Besserung brachte. Das ist nach wie vor so – wir verlieren weiter geringe Mengen, aber es ist bedenklich.

Marie bringt ein Mittel aus Deutschland mit, das unter Schwarzlicht die Leckstelle sichtbar machen soll. Wir berichten davon später.

Hier in George Town vor Anker wollten wir am Steuerbord-Saildrive nur den Ölstand prüfen, vernahmen aber beim Herausziehen des Ölmessstabs einen abscheulichen Geruch, und die Ölfarbe war mehr hellgrau als braun. Nicht gut! Das heißt: Wasser im Ölkreislauf. Wir sind sauer! Haben wir doch vor nicht einmal einem Jahr beide Saildrives in Deutschland bei der Firma Marine Service Rostock (Herrn Neumeister) für viel Geld warten lassen. Schon bei der Inspektion in Barth gab es Probleme – dass jetzt beide Antriebe solche Mängel zeigen, ist unakzeptabel.

Beide Saildrives müssen dringend repariert werden. Wir haben schon in einer Werft in Guatemala, wo wir die Hurricansaison verbringen werden angefragt und professionelle Hilfe zugesichert bekommen. Die KAMI wird dort auch wegen eines neuen Antifoulinganstrichs aus dem Wasser gehoben. In dieser Zeit müssen die Antriebe spätestens instandgesetzt werden.

Wir haben jetzt erst mal auf Steuerbord einen Ölwechsel gemacht. Nimmt die Wasserkonzentration im Ölkreislauf zu, steigt das Risiko von Rostbildung und Verlust der Schmierwirkung. Für uns heißt das: Ab sofort wöchentlich Ölstände in beiden Saildrives kontrollieren und bei gräulicher Farbe mit Geruch – sofort Öl wechseln.

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Pechsträhne

Wir haben in Sint Maarten ausklariert und verlassen die Bucht in Richtung Bahamas. Das Wetter ist angenehm, wir setzen unseren Gennaker und machen gute Fahrt. In der Nacht passieren wir die nördlichste Insel der Britischen Jungferninseln, und am Folgetag liegt Puerto Rico an unserer Backbordseite. Online prüfen wir bei Windy das Wetter – ein Sturm zieht auf! Zwei große Tiefdruckgebiete kommen direkt auf uns zu. Eines bewegt sich von Florida her und bringt kühle Luft, Böen bis 60 Knoten und Wellen bis 12 Meter.

Was nun? Wir müssen eine geschützte Ankerbucht finden und das Sturmtief abwarten, bevor wir weitersegeln können. Zuerst denken wir an die Dominikanische Republik, würden dort aber laut Berechnung erst in der Nacht ankommen. Für unbekannte Gewässer ist das keine gute Idee – Riffe und Flachwasserzonen müssen sicher umschifft werden. Kathi recherchiert und macht nach einer Weile den verhängnisvollen Vorschlag, lieber an der Westküste von Puerto Rico einen geschützten Platz anzulaufen.

Der Wind nimmt immer mehr zu, und wir entscheiden uns bei 20 Knoten, den Gennaker einzuholen – was trotz diverser Tricks diesmal einfach nicht gelingen will. Wie wild schlägt das riesige Leichtwindsegel im Wind, bis Mike völlig erschöpft versucht, es mit dem Endlosfurler einzudrehen. Das Problem: Die Endlosleine rutscht durch den Furler, und der Wind dreht das Segel immer wieder heraus. Nach bangen Minuten schaffen wir es schließlich gemeinsam, das Tuch einzuholen. Wir sind körperlich fertig – Mikes Arme und Beine schmerzen, das Energielevel liegt bei null. Der Furler muss dringend gewartet werden und kommt auf die To-do-Liste.

Am späten Sonntagnachmittag, dem 1. Februar, erreichen wir schließlich die Ankerbucht. Mit Hilfe einer App versuchen wir, elektronisch nach Puerto Rico einzuklarieren. Leider bedenken wir dabei nicht, dass Puerto Rico zu den USA gehört. Damit nimmt unsere Pechsträhne ihren Lauf.
Über die „Customs and Border Protection ROAM“-App werden wir von einem Officer kontaktiert. Er fragt nach Pässen und Visa. Wir besitzen jedoch kein Visum, nur ein abgelaufenes ESTA. Wir erklären dem Beamten, dass wir lediglich dem herannahenden Sturm ausweichen wollen – doch es hilft nichts. Wir müssen am nächsten Tag persönlich beim Department of Homeland Security am internationalen Flughafen der Insel erscheinen.

Kathi organisiert noch am Sonntagabend ein Taxi, und wir fahren Montag früh um 7:00 Uhr zu dem 1,5 Stunden entfernten Flughafen im Norden der Insel. Dort angekommen, begeben wir uns in das Customs Office – und werden fünf Stunden lang von zwei Beamten „bearbeitet“. Fingerabdrücke werden genommen, Fotos gemacht, und nach mehreren ernsten Belehrungen erhalten wir eine Sondergenehmigung, die mit 1.400 USD „honoriert“ wird. Immerhin sind die Beamten freundlich, und wir zeigen uns reumütig mit gesenkten Köpfen. Wie konnte uns das nur passieren? Wir waren so vertieft in die Wettermodelle, dass wir nicht nachrecherchiert haben, ob die Einreise nach Puerto Rico überhaupt erlaubt ist – dumm gelaufen.

Am frühen Nachmittag kehren wir erschöpft zum Schiff zurück. Der Taxifahrer, der geduldig auf uns gewartet hatte, brachte uns freundlicherweise wieder zurück. Seine Dienste belohnen wir mit 300 USD.

Um das Tageserlebnis perfekt zu machen, hat Mike dann die glänzende Idee, in die Maschinenräume zu schauen.
Und was entdeckt er wohl erneut? Wasser und Öl!
Oh nein – wir hatten doch das Getriebe auf Sint Maarten von Gregory warten lassen. Scheinbar war das gar nicht die Ursache des Öllecks. Wie ärgerlich!

Wir diskutieren, wägen Optionen ab, und nach einigen Tränen machen wir uns am Dienstag daran, die Maschinenräume gründlich zu säubern.

Wir prüfen erneut das Wetter und überlegen, am Mittwoch Richtung Dominikanische Republik weiterzusegeln, um dort in einem Hafen auf besseres Wetter zu warten. Wir fragen in Punta Cana nach einem Liegeplatz, erhalten aber keine Antwort. Also entscheiden wir uns, trotz nicht optimaler Bedingungen, in Richtung Bahamas weiterzufahren und gehen am Mittwochmorgen Anker auf.

Nachdem wir den Riffgürtel passiert haben, wollen wir das Großsegel setzen – doch es bewegt sich keinen Millimeter. Einige Mastrutscher an den Segellatten klemmen in der Schiene und verhindern das Durchholen. Als wir das Problem untersuchen, sehen wir: Die aus Aluminium bestehende Mastschiene ist beschädigt, vermutlich beim letzten Mastaufstieg durch das Gurtzeug oder den Bootsmannsstuhl. Mit einer Feile ließe sich der Schaden beheben, aber bei 2,8 Meter Welle ist daran nicht zu denken. Also verstauen wir das Großsegel wieder und segeln auf spitzem Amwindkurs nur mit der Genua. Bei 20 Knoten Wind machen wir immerhin 6,5 Knoten Fahrt.

Wir werden wohl auch motoren müssen – bis nach Inagua, der ersten Insel der Bahamas, sind es rund 450 Seemeilen. Die Reparatur der Mastschiene muss warten, und auch für das ölende Saildrive müssen wir uns noch etwas überlegen.

Nachts ist es derzeit mit 17 Grad erstaunlich frisch – ganz und gar nicht karibisch. Selbst hier scheint das Klima aus dem Gleichgewicht geraten zu sein. Es wird von Jahr zu Jahr besorgniserregender. Auf Kuba werden aktuell 0 Grad gemessen!! Das ist historisch einmalig.

Wir hoffen, dass diese trüben Tage bald vorbei sind – voller Optimismus blicken wir nach vorn!

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Weiter nördlich auf den kleinen Antillen

Nachdem wir die Marina Pointe du Bout verlassen haben, werfen wir den Anker vor „Le Carbet“. Wir genießen drei Tage dort und besuchen die Bar Le Wahoo. Hier gibt es den Mega-Cocktail Despejito – eine Mischung aus Mojito und Desperados. Unglaublich lecker! Dann geht es für uns weiter.

Wir liegen in der traumhaften Bucht Anse Couleuvre auf Martinique vor Anker, um unsere nächste Überfahrt zur Insel Marie-Galante vorzubereiten. Am nächsten Tag werden wir in den frühen Morgenstunden plötzlich von einem merkwürdigen Piepton geweckt. Wir schrecken hoch und stellen fest, dass wir keinen Strom mehr an Bord haben. Panisch rennen wir durch die KAMI und suchen den Fehler, prüfen Sicherungen, Systeme, Schalter – alles drin, alles normal … nur eben komplett ohne Strom. Die Batterien liefern nur noch rund 10 Volt. Mike ruft kurzerhand unseren Elektriker Matthias an, der die komplette Elektrik auf der KAMI neu aufgebaut hat. Zum Glück geht er sofort ans Telefon. Nach einem kurzen Gespräch schaltet er sich von Mallorca aus auf unser Victron-System und prüft alles remote. Und dann kommt der Hammer: Unsere Batterien sind komplett leer, obwohl das System am Abend vorher noch 60 % Kapazität angezeigt hatte!

Laut Matthias war die Kalibrierung fehlerhaft – vermutlich durch ein Server-Update von Victron. Offenbar waren wir schon länger mit viel zu wenig Spannung unterwegs, ohne es zu wissen. Zum Glück hatte Mike damals darauf bestanden, den Generator mit einer separaten Batterie abzusichern, denn wir konnten nicht einmal die Maschinen starten. Also: Generator an, durchatmen und weiter.
Matthias setzt die Batterieanzeige komplett auf null. Jetzt muss der Generator laufen, bis wir wieder bei echten 100 % sind – und diesmal sind 100 % auch wirklich 100 %. Bei LiFePO₄-Batterien entspricht das 14,7 Volt.

Eigentlich wollten wir erst am nächsten Morgen gegen fünf Uhr nach Marie-Galante starten, aber da der Generator die ganze Nacht hätte laufen müssen, wollten wir unseren Ankernachbarn den Krach nicht antun. Also ziehen wir die Abfahrt auf den Nachmittag vor und gehen gegen 17 Uhr Anker auf. Für die 65 Seemeilen brauchen wir rund 13 Stunden.

Wir starten am Nachmittag, setzen die Genua – doch plötzlich funktioniert eine unserer drei elektrischen Winschen im Cockpit nicht mehr. Na toll – was denn jetzt noch alles …
Aber dank Kurbel und Muskelkraft geht es auch so. Für Kathi ist es allerdings ziemlich mühsam, weil die Winsch relativ weit oben sitzt und sie aufgrund ihrer Körpergröße auf dem Steuerstand-Sitz knien muss, um sie bedienen zu können. Sieht witzig aus – und funktioniert.
Am nächsten Morgen gegen 10 Uhr erreichen wir Marie-Galante. Auf dem Weg in die Ankerbucht schlängeln wir uns durch unzählige Fischerbojen (manchmal nur leere Getränkeflaschen) – so etwas haben wir noch nie erlebt. Wir fahren Slalom bis kurz vor den Strand.
Es hat sich gelohnt: Die Bucht ist ein Traum. Weißer Sand, türkisfarbenes Wasser, und bis auf vier andere Ankerlieger nur wenige Besucher am Strand. Es ist herrlich ruhig. Wir verbringen dort drei wunderschöne Tage, schwimmen, genießen das Wasser und die Stille. Piper übt fleißig das Schwimmen und verliert mehr und mehr ihre Angst vor dem Wasser.
Kathi muss zwischenzeitlich „in den Mast“. Unsere Flaggenleine ist gerissen – die Sonne hat mit ihren UV-Strahlen das Gewebe der dünnen Leine völlig zersetzt.

Wir segeln weiter nach Guadeloupe, in die Hauptstadt Pointe-à-Pitre. Sie ist nur drei Stunden entfernt. Dort gibt es einen riesigen Hafen, diverse Yachthändler, und wir hoffen auf das passende Ersatzteil. Die elektronische Steuerbox hat ihren Dienst quittiert und muss ersetzt werden. Wir hatten hierzu auch mit dem Kundendienst des Herstellers (HARKEN Deutschland) telefoniert. Leider wird Mike in keinem der Shops fündig.
Wir ankern so nah an der Fahrrinne, dass wir die vorbeifahrenden Kreuzfahrtschiffe fast mit der Hand berühren können. Uns ist etwas unwohl – also geht es am nächsten Tag weiter nach Saint-Barthélemy – rund 190 Seemeilen, etwa 38 Stunden Passagezeit.

Wir haben uns als Ziel die wunderschöne Bucht Anse du Gouverneur ausgesucht – abseits von Städten und Trubel. Es ist zwar etwas schwellig, aber auf unserer KAMI gut auszuhalten. Nach einem Schnorchelausflug – inklusive Sichtung eines Rochens – fahren wir mit Piper an den Strand. Der ist nicht nur traumhaft schön, sondern auch Brutstätte für Landschildkröten, die überall über den Sand laufen. Wahnsinn! Piper schaut etwas verdattert, interessiert sich aber erstaunlicherweise wenig für die süßen Tierchen.

Zurück an Bord meint Mike plötzlich: „Du, lass uns mal die Motorräume und die Bilgen prüfen, ob alles safe ist.“ Also los – und dann beginnt das Unheil.
Die Bilgen sind trocken – super! – aber im Steuerbord-Motorraum steht Wasser. Bei genauerem Hinsehen entdecken wir, dass die erst letztes Jahr neu eingebaute Wasserpumpe völlig korrodiert ist. Grrr! Schlimmer kann es ja nicht mehr werden … oder doch?
Im Backbord-Motorraum steht Öl. Und das geht wirklich gar nicht. Die Motoren sind – neben Generator und Wassermacher – die wichtigsten Bauteile an Bord. Wir machen alles sauber und entscheiden uns sofort, am nächsten Morgen die Bucht zu verlassen und nach Saint-Martin in die Nähe der Hauptstadt Marigot zu segeln – nur etwa drei Stunden entfernt.

Die Infrastruktur der Insel ist gut, es gibt diverse Yachthändler, und wir hoffen auf passende Ersatzteile – zumindest für die Winsch und die Wasserpumpe, die wir selbst tauschen können. Für den Motor brauchen wir professionelle Hilfe. Auf der Insel gibt es einen Yanmar-Händler und diverse andere Yachtausrüster.

Wir ankern in der riesigen Bucht Baie de Marigot direkt vor der Hauptstadt. Überall Dinghy-Docks und unfassbar viele Schiffe – darunter auch Superyachten mit eigenem Helikopter-Landeplatz.
Als Erstes fahren wir mit dem Dinghy zum Marine-Shop Île Marine. Dort treffen wir auf Fabian, einen supernetten Berater, der sofort hilft, das richtige Teil für die Winsch zu finden, und uns den Kontakt zu Fabrice gibt – ein Mechaniker, der „sehr gut sein soll“.
Kathi schreibt Fabrice sofort, schickt Bilder vom öligen Motorraum und klärt, ob er die vermutlich defekten Dichtungen am Saildrive (Getriebe) wechseln kann und Zeit hat. Er antwortet: „Kein Problem.“ Er geht zu Île Marine, erklärt Fabian, welche Dichtungen wir brauchen, und Fabian bestellt sowohl die Dichtung als auch unsere Wasserpumpe in Miami (USA) – per FedEx, Lieferzeit etwa fünf Tage. Heute ist Freitag, also sollten die Teile Mittwoch oder Donnerstag da sein.

Wir reparieren in der Zwischenzeit die Winsch – klappt super – und kaufen Haltbares für unsere kommende Zeit auf den Bahamas ein.

Das heißt: mehrere Supermarktbesuche, schleppen, ins Dinghy laden, an Bord verstauen – und wieder von vorn. Es dauert, aber wir haben ja Zeit.
Wir besuchen mit Piper eine kleine Tierarztpraxis in Marigot. Impfungen auffrischen, Krallen schneiden und der Rundumcheck für das Gesundheitszertifikat (zum Einklarieren auf den Bahamas) stehen auf dem Programm. Die junge Ärztin ist toll – sie küsst Piper sogar auf den Kopf und geht sehr liebevoll mit unserem Fratz um.

Mit dem Mietwagen erkunden wir noch etwas die Insel, fahren nach Philipsburg, der niederländischen „Hauptstadt“, und schlendern mit Piper über die kleine Strandpromenade.

Dann, am Donnerstag, kommt endlich der ersehnte Anruf: Die Ersatzteile sind da! Kathi schreibt sofort Fabrice. Er antwortet, er komme Freitag früh um 10 Uhr.
Pünktlich um 10 Uhr steht Fabrice an Bord. Wir haben vorher schon die Zugänge zu den Maschinenräumen freigeräumt. Doch sein Gesichtsausdruck, als er in den Motorraum schaut, verheißt nichts Gutes. „Bei diesem Schwell hier in der Bucht kann ich nicht arbeiten“, sagt er nur.
Super. Eine Woche warten – für nichts.

Es ist 10:30 Uhr, Fabrice verlässt die KAMI mit seinem Dinghy. Wir schauen uns an, und Kathi sagt: „Komm, um 12 Uhr müssen wir den Mietwagen abgeben. In der Nähe von Philipsburg gibt es einen Yanmar-Händler und Reparaturservice. Da fahren wir jetzt noch schnell hin.“ Gesagt, getan.
Ein sehr netter älterer Herr sitzt am Tresen. Wir schildern unser Problem. Er blättert im Kalender – wir halten die Luft an – und dann sagt er: „Donnerstag nächste Woche – frühestens.“ Unser Grinsen konnte man vermutlich vom Parkplatz aus sehen. Natürlich nehmen wir den Termin, kaufen gleich den passenden Dichtungssatz und geben noch 10 Dollar Trinkgeld mit der Bitte, uns vorzuziehen, falls jemand abspringt.
Das bedeutet allerdings, dass wir vom französischen Teil der Insel in den niederländischen segeln müssen. Die Insel hat eine Lagune, die beide Seiten verbindet, aber auf der französischen Seite wird die Klappbrücke seit einem lokalen Aufstand in der letzten Woche bestreikt.
Für uns heißt das: außen herum.

Am Samstag wird zuerst die Wasserpumpe gewechselt. Nach Rücksprache mit Nico, unserem Techniker aus der Heimat, gehen wir ans Werk. Neue Pumpe vorbereiten, fetten, montieren – dann die alte Pumpe vom Motorblock ausbauen und die neue vorsichtig einsetzen. Klingt einfach, wäre da nicht der kaum vorhandene Platz in unseren Maschinenräumen. Aber wir schaffen es! Probelauf – alles dicht. Sehr gutes Gefühl.

Am Sonntag machen wir uns auf den Weg zur Simpson Bay Bridge im niederländischen Teil der Insel. Nach einem kurzen Telefonat mit dem Brückenwärter müssen wir erst vor der Brücke ankern und die Durchfahrtsgebühr von 41 US-Dollar bezahlen.
Wir nehmen alle Dokumente mit, denn wir müssen auf diesem Teil der Insel noch „klassisch“ einklarieren – das heißt vor Ort mit vielen Formularen, nicht so fortschrittlich digital wie auf den französischen Überseeinseln.

Im Polizeigebäude treffen wir auf eine freundliche junge dunkelhäutige Dame, die gerade das „Mittagspause“-Schild umdrehen will. Sie lächelt, fragt, ob sie uns noch helfen kann, und meldet die KAMI zur nächsten Brückenöffnung an. Einklarieren können wir allerdings noch nicht, da wir uns in Frankreich nicht abgemeldet haben. Das war uns neu – in Frankreich geht so etwas bequem online. Sie druckt die nötigen Formulare aus und erklärt uns den Ablauf. Wir geben noch 5 US-Dollar Trinkgeld und wünschen ihr eine erholsame Mittagspause.
Nach der Brückenöffnung gegen 14 Uhr fahren wir in die Lagune – und staunen nicht schlecht: Wir haben noch nie so viele Mega-Yachten auf einem Haufen gesehen. Wahnsinn!

Nachdem wir einen freien Ankerplatz gefunden haben, fahren wir zurück zur Immigration. Drei Paare warten bereits vor uns. Plötzlich kommt eine Polizistin heraus, erkennt uns wieder, nimmt unsere Dokumente entgegen – und drei Minuten später haben wir unsere Einreisepapiere. Reibungslos!
Wow! Lag es vielleicht an unserem kleinen Trinkgeld vorhin? Ohne Witz: Direkt an der Scheibe des Schalters steht ein transparenter Kunststoffbehälter mit der Aufschrift „Tip“. In Deutschland undenkbar – aber gut, uns hat es Wartezeit erspart, und die Damen dort waren wirklich sehr nett und freundlich.

Am Nachmittag haben wir noch einen Video-Call mit Mikes Familie und machen uns danach auf den Weg, den Hafen und die Stadt zu erkunden. Piper bleibt an Bord – der ganze Trubel wäre ihr zu viel. Also entspannt sie zu Hundemusik auf Apple Music und genießt die Ruhe.

Am Montagmorgen will Kathi dem Yanmar-Service schreiben, dass wir in der Bucht liegen. Doch nach dem Aufwachen gegen 7:30 Uhr entdeckt sie einen Anruf in Abwesenheit – Vorwahl +1, das kann nur von hier sein – vielleicht Yanmar? Sie ruft zurück, und ein freundlicher Mechaniker namens Gregory meldet sich. Er fragt, ob wir schon da sind und ob wir ihn am Dinghy-Dock abholen können.
Na klar können wir! Mike wird aus dem Schlaf gerissen, springt ins Dinghy, holt Gregory ab, und zehn Minuten später steht er bei uns an Bord und beginnt sofort mit der Arbeit. Mithilfe eines Flaschenzugs, der an unserer Dirk befestigt wird, hebt er den Motor an, um ihn vom Getriebe zu trennen. Der Schaden ist größer als gedacht – und laut seiner Aussage war das Getriebe falsch eingebaut. Deshalb war das Getriebeöl bereits tiefschwarz und die Kupplungsscheiben vorzeitig verschlissen. Durch die beschädigten Dichtungen trat Öl in den Maschinenraum aus.
Mike fährt mit Gregory zur Firma, um die beschädigte Getriebewelle reparieren zu lassen. Gott sei Dank sind die dazu benötigten Kupplungsteile vorrätig. Nach einer Stunde geht es zurück zur KAMI, und Gregory macht sich unverzüglich an den Zusammenbau. Gegen 14 Uhr ist das Werk getan – und die Maschine läuft wieder! Kein Ölaustritt mehr.

Wir fahren gemeinsam mit Gregory zurück zur Yanmar-Werkstatt und bezahlen beim netten älteren Herrn von letzter Woche. Bei der dankbaren Verabschiedung drücken wir Gregory noch ein ordentliches Trinkgeld in die Hand. Er grinst über beide Wangen und freut sich. Wir sind zutiefst dankbar für die rasche und professionelle Hilfe.

Zurück an Bord machen wir gleich eine Wetterrouting-Planung. Es sieht für die nächsten Tage nicht ganz optimal aus. Wir wollen jetzt so schnell wie möglich auf die Bahamas – endlich wieder in kristallklarem Wasser tauchen und die vielen kleinen Inseln mit schneeweißen Stränden genießen.
Ab Samstag sieht es windtechnisch ganz gut aus, also legen wir den Start darauf fest. Geschätzte Passagezeit: fünf Tage. Vorher müssen wir noch einmal Pipers Gesundheitszertifikat aktualisieren lassen, ausklarieren und verderbliche Lebensmittel aufproviantieren. Die Kühlschranktür muss noch nachgestellt und das Schiff segelfertig gemacht werden (Dinghy verzurren, Lagerkisten sichern usw.).

Wir freuen uns sehr auf die Exumas – und auf den bevorstehenden Besuch aus Deutschland Anfang März.

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Arrecife / Lanzarote * Wunder * Entsetzen * Tränen

Gegen 10 Uhr lichten wir den Anker in der Bucht von Playa Francesca auf La Graciosa und nehmen Kurs auf Arrecife, die Hauptstadt Lanzarotes.

La Graciosa

Dort haben wir uns in der Marina Lanzarote bereits im Voraus einen Liegeplatz für 21 Tage gesichert – klingt gemütlich, ist aber eigentlich eher logistischer Selbstschutz. Schon die Einfahrt in den Hafen gestaltet sich sportlich, denn 15 Knoten Wind machen das Manövrieren zu einer echten Zitterpartie. Über Funk erfahren wir, dass wir an Steg K, Platz 1 festmachen sollen. Leider finden wir auf dem Hafenplan im Internet keinerlei brauchbare Details. Also bleiben wir mit der KAMI, unserem liebevoll „schwimmender Joghurtbecher“ genannten Katamaran, erst mal ratlos vor den Stegen stehen, bis uns ein Marinero wild zuwinkt. Ab in die letzte Gasse, ganz hinten in eine Box, bei starkem Seitenwind – na danke. Aber siehe da: Als hätten wir nie etwas anderes gemacht, bugsieren wir die KAMI souverän hinein und legen ein perfektes Manöver hin.

Man könnte meinen, wir genießen jetzt erst einmal die Ruhe im Hafen, doch der wahre Grund für die lange Liegezeit sind Ersatzteile und Ausrüstung, die wir uns aus Deutschland nachsenden lassen wollen. Und genau hier beginnt das Drama, denn die Kanaren haben ein eigenes Steuersystem und zählen zolltechnisch nicht zur EU. Heißt: doppelt zahlen. In Deutschland schon 19 Prozent Mehrwertsteuer auf die Waren – und hier noch einmal ein variabler spanischer Zollaufschlag obendrauf. Damit unsere Pakete überhaupt halbwegs kalkulierbar ankommen, bleibt nur DHL Express. Express bedeutet hier allerdings nicht „morgen“, sondern „vielleicht innerhalb einer Woche“. Schon der erste Testversand mit Fahrradtaschen, Rucksäcken und Kleinkram kostet uns 180 Euro Porto. Nach einer Woche liegt das Paket zwar im Hafenmeisterbüro, dafür aber mit Zoll-Siegel und der Spur neugieriger Zollbeamten, die es in Berlin aufgerissen haben. Offenbar war Röntgen zu unspektakulär.

Unser größeres Problem ist allerdings der Wassermacher. Eigentlich sollte die französische Anlage von Desselator 100 Liter pro Stunde entsalzen, doch zuletzt waren es nur noch 70. Die Membranen sind nach 800 Betriebsstunden wohl nicht mehr taufrisch, also bestellen wir drei Ersatzstücke in Frankreich, die nach Deutschland geschickt und von dort aus weiter nach Lanzarote gesendet werden sollen. Soweit die Theorie. Praktisch ruft der spanische Zoll an, behält das Paket zurück und fordert 80 Euro Nachzahlung. Inhalt: drei Membranen und eine Luftmatratze für Piper, unsere Bordhündin, die das Teil als Einstiegshilfe und Hundepool nutzen sollte. Ob wir das Paket jemals sehen, ist ungewiss – und unsere Laune entsprechend frostig.

Die KAMI bedeckt mit dem CALIMA – Saharastaub.

Während wir uns mit Zoll, Ersatzteilen und Staubplage herumschlagen, sorgt unsere Bordhündin Piper für echte Sorgenfalten. Schon nach wenigen Tagen in Arrecife fällt uns auf, dass sie beim Spazierengehen nach kurzer Zeit anfängt zu röcheln, als würde sie kaum Luft bekommen. Dazu kommen rote Hautstellen, die aussehen wie Nesselsucht. Unser erster Gedanke: eine Reaktion auf die Calima. Schließlich liegt dieser Sahara-Staub wie eine feine, beige Decke über Boot, Straßen, Stegen – einfach über allem.

Wir wollen kein Risiko eingehen und suchen einen örtlichen Tierarzt auf. Die Diagnose lautet: Allergie und verdacht auf brachyzephalen Atemwegssyndrom. Wir bekommen spezielles Hundeshampoo, Ohrenspülung und ein Desinfektionsspray verschrieben, außerdem wird uns dringend geraten, eine endoskopische Untersuchung des Rachenraumes und eine Röntgenaufnahme vom Thorax vornehmen zu lassen. Uns rutscht das Herz in die Hose, doch wir stimmen zu – in der Hoffnung, Klarheit zu bekommen.

Ein paar Tage später ist es soweit: Piper muss unter Vollnarkose. Für uns ein schrecklicher Moment. Wir geben sie morgens unter Tränen ab und verbringen die Stunden bis zur Abholung in einer Mischung aus Anspannung, Bangen und Schuldgefühlen. Am Nachmittag dürfen wir sie wieder holen. Sie ist noch benommen, jammert und klagt in einer Art, die wir von ihr noch nie gehört haben. Jeder Laut geht uns durch Mark und Bein, wir leiden mit ihr und fühlen uns hilflos.

Der detaillierte Befund wird uns einige Tage später per Mail zugesendet. Inzwischen stehen wir in engem Kontakt mit unserer vertrauten Tierarztpraxis in Deutschland. Die Blutwerte, die wir aus Spanien mitbekommen, sehen nicht gut aus, insbesondere die Leberwerte bereiten uns Sorgen. Die spanischen Tierärzte drängen uns erneut, Piper im Rachenraum operieren zu lassen. Aus der Heimat jedoch kommt eine ganz andere Einschätzung: Sie halten nichts von einer Operation, sondern raten zu einer Behandlung mit Antibiotikum, da es sich um eine ernsthafte Atemwegserkrankung handelt.

Zum Glück ist unsere Bordapotheke so umfangreich bestückt, dass wir die passenden Medikamente direkt an Bord haben. Wir beginnen sofort mit der Behandlung. Zusätzlich duschen wir Piper alle zwei Tage mit der Heckdusche ab, um den Saharastaub von ihrem Fell und ihrer Haut zu bekommen. Es ist fast schon ein Ritual geworden: Einer hält sie fest, der andere schäumt mit dem Spezialshampoo – Piper schaut dabei jedes Mal beleidigt, erträgt es aber tapfer. Wir bieten ihr außerdem regelmäßig Eiswürfel an, die sie begeistert annimmt und darauf herumkaut. Sie helfen, den Rachen zu kühlen und die Schwellung zu lindern.

Piper nach dem duschen mit Poncho

Langsam bessert sich die Nesselsucht, und auch ihr Allgemeinzustand wirkt stabiler. Das Röcheln ist allerdings noch immer da, und wir hoffen jeden Tag, dass das Antibiotikum endlich durchschlägt. Die Calima wird schwächer, aber der Staub bleibt, als hätte sich die Insel in eine Dauerwüste verwandelt. Regen gibt es hier ja so gut wie nie.

Trotz aller Sorgen sind wir unendlich dankbar, dass wir unsere deutsche Tierarztpraxis im Hintergrund haben. Das gibt uns Sicherheit und ein zweites Urteil, auf das wir vertrauen können. Von dem Tierarzt hier auf Lanzarote sind wir enttäuscht, auch wenn wir natürlich verstehen, dass er nach bestem Wissen handelt. Doch das Gefühl, dass Piper fast in eine unnötige Operation gedrängt worden wäre, hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack. Umso größer ist unsere Erleichterung, dass wir die Medikamente an Bord hatten und selbst handeln konnten.

Uns bleibt nur die Hoffnung, dass sich Pipers Zustand bald dauerhaft stabilisiert und sie in der Karibik wieder frei und ohne Röcheln atmen kann.

Zwischendurch zeigt sich, dass wir manchmal auch Glück haben. Bei der Fahrt zum Flughafen, um unseren Mietwagen abzuholen, verliert Mike im Taxi sein Handy. Entsetzen pur. Ein Anruf bei der Taxizentrale, ein paar gestammelte Worte Englisch und wenig Hoffnung später die überraschende Nachricht: Der Fahrer hat das Handy gefunden und wartet vor dem Hospital auf uns. Da zahlt sich wohl das großzügige Trinkgeld aus. Wir fahren sofort hin und tatsächlich – da steht er schon, winkt, gibt das Handy zurück. Ein Wunder auf Lanzarote!

Weniger wundersam verläuft ein Ausflug nach Playa Blanca, wo wir vor Jahren schon Silvester gefeiert hatten. Im Restaurant dort werden wir endlos ignoriert, bis ein Kellner endlich genervt unsere Bestellung aufnimmt. Kathi probiert neugierig kleine frittierte Krabbenkugeln – und merkt sofort ein Kribbeln in den Lippen. Ihre Schalentierallergie meldet sich. Während das Lokal immer lauter wird und wir uns ohnehin unwohl fühlen, kippt plötzlich ihr Kreislauf. In einer Seitenstraße geht sie in die Knie, ich bin kurz davor, in Panik auszubrechen. Schließlich schaffen wir es zurück zum Auto, an Bord gibt’s Antihistamin, und nach einer Weile bessert sich ihr Zustand. Glück im Unglück – aber es hätte übel enden können.

Auch die Erkundung von Arrecife selbst sorgt eher für Ernüchterung. Die Innenstadt wirkt wie ein einziges Schaufenster von Leerstand, selbst in Baumärkten gähnen leere Regale. Für unsere Temperatursensoren suchen wir vergeblich Knopfzellen. Immerhin, Treibstoff kostet nur 1,05 Euro pro Liter, Lebensmittel sind vergleichsweise günstig. Also bunkern wir, was das Zeug hält: Dosengetränke, Milch, Fleisch und natürlich Wein, den wir platzsparend in große Wasserkanister umfüllen. Unsere Reisetaschen ächzen, aber die KAMI freut sich über volle Vorratskammern.

Für größere Ansichten, bitte auf die Fotos klicken …

Auch Kathis Geburtstag fällt in unsere Zeit hier. Ich hatte groß geplant, sie im Steakhaus Carbon einzuladen – leider ist es sonntags geschlossen. Dafür gab es eine Ayurveda-Massage im Grand Hotel. Erwartung: Wellness-Tempel. Realität: schimmelige Duschen, vergilbte Wasserflecken an der Decke. Immerhin war das warme Öl angenehm, auch wenn es ein wenig nach verbrannten Nüssen roch. Wir lachen, entspannen und vergessen für 80 Minuten, dass drumherum alles eher improvisiert wirkt.

Mein eigentliches Geburtstagsgeschenk hatte Kathi aber schon vorher eingelöst: eine Wingfoil-Stunde mit Privatlehrer. Erwartung: stylische Surfschule mit schicken Boards, Umkleiden, vielleicht noch einem kleinen Beach-Café für die wartenden Begleiter. Realität: ein grüner Van, der aussieht, als ob er gerade vom Schrottplatz eine zweite Karriere begonnen hätte. Der Surflehrer, nennen wir ihn einfach „Chill-Juan“, steigt lässig aus, schiebt die Heckklappe hoch und präsentiert uns sein Equipment: ein chaotisches Sammelsurium aus alten Neos, Kabeln, Wasserflaschen, Plastikstühlen und mittendrin – tatsächlich – ein aufblasbares Board und ein Wing. Ich bin mir in dem Moment nicht sicher, ob wir gleich eine Wingfoil-Stunde oder einen Garagenflohmarkt gebucht haben.

Kurz darauf steht Kathi auf dem Parkplatz und zieht sich am Polo um. Keine Umkleide, keine Dusche, kein „Welcome, dear students“ – nein, mitten in der Pampa, mit Blick auf ein paar verwunderte Hotelgäste am Zaun. Sie nimmt es sportlich, ich schäme mich stellvertretend. Der Surflehrer ist derweil ganz in seinem Element: Er zeigt ihr auf Englisch, wie man den Wing richtig hält. Zehn Minuten Trockenübung am Strand, während der Wind schon alles in Bewegung setzt, und schwupps – ab ins Wasser.

Und jetzt kommt das Beste: Der Surflehrer bleibt am Strand. In Jeans. Mit T-Shirt. Keine Spur davon, dass er etwa ins Wasser gehen würde, um seine Schülerin anzuleiten oder im Notfall zu retten. Stattdessen steht er breitbeinig da, winkt mit den Armen und brüllt Anweisungen, die im Wind ungefähr so klar bei Kathi ankommen wie eine Durchsage in einem alten DDR-Bahnhof: „Staaa… left… push… boaaard…!“ Sie schaut zurück, mit einem Blick zwischen Panik, Fragezeichen und „meint der mich?“. Ich stehe daneben, filme halb lachend, halb kopfschüttelnd und denke: Das ist Comedy pur.

Nach einer halben Stunde ist Kathi schon fix und fertig, nach einer Stunde treibt sie schräg in der Bucht herum, und nach eineinhalb Stunden ruft sie dem Lehrer zu, dass jetzt Schluss ist. Er nickt, packt in Rekordzeit sein Equipment zurück in den Van – diesmal wirkt er wie ein Profi, wahrscheinlich ist das Zusammenpacken sein Spezialgebiet – und hält mir die Handynummer für die Revolut-Zahlung hin. Geld überwiesen, Van-Tür zu, weg ist er. Kein Feedback, kein „good job“, nicht mal ein „bye-bye“. Einfach zack – und wir stehen da wie bestellt und nicht abgeholt.

Auf dem Rückweg sitzen wir beide schweigend im Polo, bis ich vorsichtig frage: „Also… Wingfoilen, wie war’s?“ Kathi schaut mich an, klatschnass, mit Salzwasser in den Haaren, und sagt trocken: „Ich glaube, das war gerade die teuerste Slapstick-Einlage meines Lebens.“

Am nächsten Tag gehen wir dann in eine richtige Surfschule. Dort begrüßt uns ein junger, motivierter Surferboy mit sonnengebleichten Haaren, gibt uns ein paar Infos und zeigt uns echte Boards – Hardboards, wohlgemerkt. Und genau da kippt die Stimmung wieder. „Wo willst du das Ding denn verstauen? Unter meinem Kopfkissen?“, frage ich. Kathi ist sofort genervt, und wir streiten über die Lagerkapazitäten unseres schwimmenden Joghurtbechers. Am Abend googeln wir uns schlauer und beschließen, erstmal das SUP an Bord als Lernbrett zu nutzen. Wenig später kaufen wir zwei gebrauchte Wings – einen großen und einen kleinen – für kleines Geld. Damit ist klar: Das Training wird künftig in der Ankerbucht fortgesetzt, mit vollem Körpereinsatz und ohne Surflehrer in Jeans.

Gedanklich hatten wir zwischendurch auch mit einem Familienbesuch geliebäugelt. Oma Uschi und Tildi sollten eingeflogen werden – praktisch, um Ersatzteile mitzubringen und schön, um sich zu sehen. Doch die Flugpreise in den Herbstferien schlagen uns schnell alle Illusionen aus: 1.200 Euro pro Ticket! Außerhalb der Ferien gibt es Flüge ab 120 Euro. Und da Tildi ohnehin noch mit einer Fußverletzung kämpft, verschieben wir den Plan.

So bleibt uns vorerst nur, auf das nächste Ziel zuzusteuern. Von Lanzarote geht es weiter über den Süden der Insel Richtung Teneriffa, und am 28. Oktober wollen wir auf La Palma für mindestens 14 Tage festmachen. Bis dahin hoffen wir, dass der Zoll uns endlich in Ruhe lässt, dass die Calima endgültig verschwindet – und dass Piper bald wieder frei atmen kann.

Arrecife hat uns eine Menge Nerven gekostet, zwischen Zolltheater, Allergieschocks, Handydramen und improvisierten Surflehrern. Aber was bleibt, sind jede Menge Geschichten, ein paar graue Haare mehr und die Erkenntnis, dass man selbst aus den größten Pleiten noch lachen kann – irgendwann zumindest.

An dieser Stelle nochmals ganz lieben Dank an unsere heimatliche Tierarztpraxis in den Havelauen, Frau Dr. Inga Vetrella und Linda Fiedler, die uns jederzeit via Mail und telefonisch zur Seite stehen, wenn es um die Gesundheit von Piper`li geht.
Danke – Ihr seid wirklich ein tolles Team!

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Energie – Energie / Brest-Marina du Chateau

Wir liegen in der Ankerbucht vor Postermen in der Bretagne, nahe Brest, und genießen die Ruhe. Leider zeigt sich das Wetter auch hier wenig sommerlich: Der Himmel ist grau, und in regelmäßigen Abständen wird unser Schiff von oben mit Niederschlägen „gereinigt“. Die Sonne lässt sich seit zwei Tagen kaum blicken, und wir bemerken ganz nebenbei, dass unsere Batteriebänke nur noch 56% Kapazität haben. Also werfen wir den Generator an (das Gebrumme erinnert uns sofort an die Fahrt hierher) und berechnen, wie lange es wohl dauert, bis die Batterien wieder voll sind. Nach einer Generatorstunde haben wir gerade mal 2,2% nachgeladen – und das bei knapp 900 Watt Ladestrom!

Die Zeit mit laufendem Generator nutzen wir, um den Wassermacher zu betreiben und eine Ladung Wäsche zu waschen. Nach sechs Stunden schalten wir das Gerät allerdings wieder ab – das ständige Brummen unter der Sitzbank im Cockpit nervt einfach zu sehr. Morgen soll endlich die Sonne scheinen, dann werden die Batterien bestimmt wieder per Solar geladen – denken wir zumindest.

Pustekuchen!

Wir wundern uns über die geringe Solarleistung von nur 180 Watt. Dabei haben wir doch drei große Solarpaneele mit jeweils 280 Watt auf dem Geräteträger – also insgesamt 840 Watt! Irgendetwas stimmt ganz und gar nicht. Fast alles an der KAMI haben wir in den letzten zwei Jahren überholt, an die Solaranlage hat dabei aber niemand gedacht. Ich recherchiere im Internet, wie man mit einer Stromzange die tatsächliche Leistung der Paneele messen kann, ohne eine elektrische Verbindung herstellen zu müssen. Ich prüfe die Spannung bei einer der drei Platten – die anderen beiden sind tot. Das darf doch nicht wahr sein.

Solarpanele auf der KAMI

Wir machen den Test: Ein großes Strandtuch auf die einzige funktionierende Platte gelegt, und siehe da – auch die letzten 140 bis 180 Watt verschwinden in unserem Victron Cerbo GX, die Anzeige zeigt „0“. Und nun? Ständig den Generator laufen lassen? Nein, das muss wirklich nicht sein. Klar, vielleicht sollten wir künftig größere Energieabnahmen wie den Backofen oder Wassermacher mit dem Generator abpuffern, aber im Alltag sollte die Solaranlage den normalen Verbrauch abdecken. Mit einer halb funktionierenden Solaranlage wird das nichts.
Also muss Ersatz her. Gemeinsam sitzen wir an den Laptops und durchforsten das Netz nach passenden Ersatzmodellen. Wir mailen diverse Firmen rund um Brest und suchen auch in Deutschland nach möglichen Lieferanten.

Den Gedanken, das Problem erst auf den Kanarischen Inseln zu lösen, verwerfen wir schnell wieder, als wir lesen, dass Pakete aus dem EU-Raum über 150 Euro Warenwert dort mit Einfuhrsteuer belegt werden. Die Solaranlage muss also noch auf dem europäischen Festland in Ordnung gebracht werden.

Sonntag Nachmittag meldet sich eine französische Solarfirma: Man will uns helfen! Übersetzen und Schreiben auf Französisch läuft dank Perplexity KI super. Der französische Solarspezialist erklärt, dass er eigentlich schon im Urlaub ist, aber erst Donnerstagabend mit der Familie verreist. Bis dahin könnte er versuchen, passende Panele zu beschaffen. Kurze Zeit später folgt jedoch die Nachricht, dass die vorrätigen Platten leider nicht passen, und es sei aktuell schwierig, neue zu organisieren – Ferienzeit eben. Mist!

Wir suchen weiter und stoßen tatsächlich auf eine Dachdeckerfirma nahe Chemnitz, die passende Solarpaneele auf Lager hat. Bestellt für ein früheres Projekt, jetzt über 100 Stück übrig, der Hersteller existiert allerdings nicht mehr – ein echter Glücksfund.

Wir rufen sofort an, und die freundliche Dame am Telefon bietet uns die Platten direkt zur Abholung für 100 Euro das Stück an. Perfekt! Wir beschließen, direkt alle drei zu tauschen – jeweils 300 Watt, macht zusammen 900 Watt Gesamtleistung. Jetzt stellt sich nur noch die Frage: Wie schnell bekommen wir die Platten nach Brest?

Unser Nico macht sich noch am Montag von Werder nach Chemnitz auf den Weg und holt die drei Solarpaneele unkompliziert ab. Zeitgleich recherchiert Micha im Office nach Expressversand-Optionen. Jetzt wird’s spannend: Die Platten wiegen zusammen fast 60 Kilo, ein kleines Paket wird das nicht. Eher eine Palette. Wir checken UPS, FedEx, Hermes, GLS und DHL. Bei den Maßen 170 cm x 100 cm x 3 cm und dem Gewicht finden wir lange keinen Anbieter. Letztlich bleibt nur DHL Express als Geschäftskunde – Versandkosten hoch, aber angesichts des günstigen Kaufpreises akzeptabel.

Wir schreiben dem französischen Solarunternehmer, und er erklärt sich bereit, seine Adresse für die Lieferung zu nutzen. Treffen für den Tausch ist Donnerstagmorgen um 9 Uhr im Hafen von Brest. Ob das wohl klappt? Bis Dienstag 16 Uhr will DHL die Platten abholen und bis Mittwoch 16 Uhr sollen sie in Brest sein – schwer vorstellbar, bei knapp 1.500 Kilometern von Werder bis hierher.

Dienstag, 16 Uhr: Von DHL ist noch nichts zu sehen. Typisch. Alle (Micha, Basti, Mike, Kathi und Nico) sind angespannt. Nach mehreren Telefonaten mit dem Kundendienst stellt sich heraus: Der Fahrer war schon vormittags da, aber unser Büro war nicht besetzt. Wirklich? Er kommt ein zweites Mal zwischen 16 und 17 Uhr – diesmal klappt es. Die Platten werden auf der Palette in den gelben DHL-Transporter verladen, und los geht es. Wir bekommen einen Tracking-Link und verfolgen gespannt alle paar Stunden die Sendungsverfolgung. Gegen 20 Uhr sind die Platten schon im Verteilerzentrum Leipzig, und vermutlich per Frachtflugzeug um 4 Uhr früh bei Paris. Ab Mittwochnachmittag verfolgen wir fast im Minutentakt den Status, bis um 15:50 Uhr: „Sendung zugestellt“ in der Statusanzeige erscheint. Yeah! Wir freuen uns riesig. Jetzt muss morgen früh nur noch alles mit dem Solarexperten klappen.

Am Mittwoch nutze ich die Zeit, um die Verschraubungen und zahllosen Kabelbinder der alten Solarpaneele zu lösen. Die Edelstahlschrauben, Unterlegscheiben und Muttern lege ich in ein Phosphorsäurebad – zwei Flaschen davon haben wir an Bord, um dem Flugrost auf Edelstahlteilen den Garaus zu machen. Das klappt super, alles sieht danach wie neu aus. Wenn wir morgen die alten Platten abbauen, werde ich den Edelstahlrahmen noch mit Drahtbürste und Politur auf Vordermann bringen – zwischen den Platten und dem Rahmen sitzt eine ordentliche Salzkruste von der Gischt der vergangenen Seemeilen.

Während ich mich mit dem Solarpanel beschäftige, putzt Kathi das Schiff von außen. Dabei wird sie von einigen Franzosen beobachtet, die auf der über uns liegenden Hafenmole stehen. Einige rufen etwas hinunter, woraufhin Piper sofort anschlägt und mit lautem Bellen ihren Unmut kundtut. Die Waschmaschine läuft hier im Hafen in Dauerschleife – Strom und Wasser sind inklusive.

Wir hoffen, die drei alten Platten können wir hier in Brest entsorgen, vielleicht nimmt der nette Franzose sie ja mit. Mal sehen.

Es ist schon verrückt, was wir alles am Schiff erneuern mussten – aber so ist das eben auf Langfahrt. Zwei Liegeplätze weiter liegt übrigens auch eine TO-Yacht: Auch dort wird gebastelt und repariert. Vor uns am Steg eine schwedische Segelyacht, dort waren den ganzen Vormittag Flex- und Schleifgeräusch zu hören.
Hier macht jeder sein Schiff fit für die Biskaya.

Wir sind froh, wenn wir Brest bald verlassen können. Der Hafen ist laut, schmutzig und nicht wirklich erholsam. Da liegen wir doch lieber in einer geschützten Ankerbucht – günstiger, entspannter, und mit dem Dinghi sind wir für Einkäufe und Besorgungen trotzdem fix an Land.

Für unsere drei Nächte hier im Hafen von Brest durften wir übrigens 210 Euro bezahlen; die vierte Nacht wäre kostenlos gewesen. Wenn morgen alles mit dem Paneeltausch klappt, sind wir spätestens Freitagvormittag wieder weg – zurück in die Bucht von Camaret-sur-Mer und, wenn Alina das meteorologische „Go“ gibt, weiter hinaus auf den Atlantik.

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Land in Sicht – Willkommen in Brest!

Nach vier Tagen und fünf Stunden auf See, mit wenig Schlaf, viel Seegang und einer Achterbahn aus Emotionen, sind wir endlich in der Bucht von Brest angekommen. Als hätte sie auf uns gewartet, ließ sich die Sonne pünktlich zu unserer Ankunft blicken – und wir konnten es kaum fassen: Wir haben’s geschafft!
Die letzten Seemeilen hatten es nochmal ordentlich in sich. Plötzlich wurde der Motor der Backbordmaschine ungewöhnlich laut – ein tiefes Grollen ging durch die KAMI, das ganze Schiff vibrierte. Mike schaltete sofort den Autopiloten aus, übernahm das Steuer von Hand, drosselte die Fahrt, fuhr ein paar Manöver vor und zurück. Das Ruder war schwerfällig, kaum zu bewegen – ein unwohles Gefühl mitten auf dem Wasser. Doch nach ein paar Bewegungen lockerte sich das Ganze etwas, und wir entschieden, vorsichtig weiterzufahren. Tauchen würden wir dann später – in der ruhigen Ankerbucht.

Und dann – als würde das Meer sagen „Gut gemacht“ – tauchten zwei Delfine auf. Sie schwammen spielerisch zwei Runden um die KAMI, als wollten sie uns aufmuntern und gratulieren. Es sind diese kleinen, magischen Begegnungen, die alle Mühe vergessen lassen.
Die Ankerbucht Postermen hatten wir uns bereits unterwegs über Navily ausgesucht – eine App, die unter Seglern wirklich Gold wert ist. Bewertungen, Fotos, Hinweise zu Einkaufsmöglichkeiten, Tankstellen, Ankergründen oder auch Restauranttipps – alles, was man braucht, um einen Ort für sich richtig einschätzen zu können.
Einen Hafen in Brest wollten wir dieses Mal bewusst nicht ansteuern. Die Berichte waren eindeutig: laut, trubelig, Fischer, die auf den Stegen ihre Fänge ausnehmen, und Jugendgruppen, die bis spät in die Nacht unterwegs sind. Alles legitim, aber nicht das, was wir gerade brauchten. Nach den intensiven Tagen wollten wir nur eins: Ruhe.
Postermen empfing uns ruhig und friedlich. Nur wenige andere Boote lagen vor Anker. Das Wasser war still, die Landschaft grün und sanft – ein Ort zum Durchatmen. Wir warfen den Anker, atmeten tief durch – und begannen, die KAMI wieder in ihren Normalzustand zu bringen: Großfall abbinden, damit es nicht gegen den Mast schlägt, Salonbett zurückbauen, Segel ordentlich verstauen und das Dinghi lösen, das Mike vor Abfahrt so fest verzurrt hatte, dass es sich auf der ganzen Überfahrt keinen Millimeter bewegt hatte.
Dann setzten wir uns mit Piper ins Trampolin, ein kalter Gin Tonic in der Hand – unser verdienter Anker-Drink. Die Erschöpfung wich langsam der Zufriedenheit. Das war der Moment, für den man all die Mühe auf sich nimmt.

Ankunft in Brest

Am Abend fuhren wir noch mit dem Dinghi zum nahegelegenen Ufer, damit Piper endlich mal wieder festen Boden unter den Pfötchen spüren konnte. Der Strand war leider sehr steinig, also blieben wir nicht lang. Aber allein die kurze Pause auf festem Grund tat uns allen gut.

KAMI in der Bucht von Postermen

Natürlich – wie immer – steht auch nach einer langen Passage gleich wieder „To-Do“ auf dem Programm. Noch unterwegs hatten wir uns eine Aufgabenliste erstellt, die wir jetzt in Angriff nahmen:
Mike backte zwei Brote, denn tagelang nur Müsli zu essen, ist auf Dauer keine Lösung. Die KAMI wurde außen gründlich vom braunen Kanalwasser befreit, das sich wie ein Film über das gesamte Unterwasserschiff gelegt hatte. Mike schlüpfte in den Neopren-Shorty und tauchte ab – und wie vermutet hatte sich am Backbord-Ruderblatt eine dicke Schicht Sargassum festgesetzt. Die Algen hatten sich sogar ums Rudergestänge gewickelt. Nach ein paar beherzten Tauchgängen war alles wieder frei – die KAMI wieder klar zum Start.
Das Wetter bleibt dabei wechselhaft. Am Donnerstag war der Nebel so dicht, dass wir die gegenüberliegende Küste – keine 200 Meter entfernt – kaum erkennen konnten. Heute zeigt sich das Wetter etwas freundlicher: wolkig bis heiter. Trotzdem mussten wir den Generator anwerfen, denn nach dem Brotbacken und Kochen war ordentlich Strom verbraucht – und ohne Sonne liefern die Solarpanele natürlich nichts.

Beim Durchsehen unseres Großsegels fiel Mike dann ein weiteres Detail auf: Die Gummis, mit denen der Segelmacher in Warnemünde das Segel an die Mastrutscher befestigt hatte, waren teilweise schon durchgescheuert – nach gerade mal ein paar Tagen Einsatz. Glücklicherweise haben wir noch Dyneema-Tauwerk an Bord, mit denen wir schon vorher das Groß angeschlagen hatten. Also bastelten wir neue Loops und befestigten das Segel damit neu. Dabei entdeckten wir auch noch lose Imbusschrauben an den Segellatten, die wir natürlich gleich nachzogen.
Merke: Nur weil etwas vom Profi gemacht wurde, heißt das nicht, dass es auch wirklich hält. Man muss alles selbst noch mal checken – schade eigentlich, aber lieber so als eine böse Überraschung mitten auf dem Atlantik.

Zum Tagesabschluss wagten wir uns – trotz strömendem Regen – noch mit dem Dinghi an Land nach Roscanvel, in ein kleines familiengeführtes Bistro, das von anderen Seglern in Navily empfohlen wurde. Piper blieb an Bord, wir hatten reserviert – und wollten uns diesen Abend nicht entgehen lassen.

Dinghi mit Regen in Postermen

Die Betreiberin empfing uns herzlich, erklärte die kleine Karte auf Englisch – es gab französische Snacks, viel Weißbrot, kleine Leckereien. Zwar grummelte der Magen später etwas – Weißbrot ist einfach nicht mehr ganz unseres – aber der Abend war stimmungsvoll und schön. Im Bistro gab es außerdem viele kleine, handgemachte Dinge: Tassen, Puzzles, Notizbücher, liebevolle Kleinigkeiten.

Wir nahmen zwei kleine Erinnerungen mit – auch wenn wir wissen: Wir müssen aufpassen, sonst ist die KAMI irgendwann randvoll mit Souvenirs. Die erworbenen Kleinigkeiten wurden liebevoll verpackt – das kennt man so gar nicht aus der alten Heimat. Frankreich ist wirklich schön – dieses Flair hier zieht uns sehr in den Bann.

Gift Brest

So ihr Lieben – wie ihr seht, uns wird nicht langweilig. Zwischen Bordoffice und Bootsarbeiten vergehen die Tage schnell – aber erfüllt. Uns geht’s gut, Piper hat ihr neues Lieblingsbett im Salon entdeckt, und wir genießen den Moment, bevor die nächste Etappe ruft.

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Fast am Limit

Der Dienstag begrüßt uns mit Sonne und Wärme, doch wieder bleibt uns der ersehnte Segelwind verwehrt – also schieben uns die Diesel weiter Richtung Westen. Piper lege ich vorsorglich auf eine Kühlmatte ins Cockpit. Sie scheint es zu genießen und wirkt mit ihren 1,5 Jahren immer knuffiger. Bei Wellengang weicht sie kaum von meiner Seite, schaut ständig nach mir und kuschelt sich während der Nachtwache dicht an mich. Kathi ist, glaube ich, schon ein wenig eifersüchtig. Es ist einfach schön, Piper dabei zu haben. Leider fehlen ihr noch die Seebeine, weshalb wir ihr bei ruppigem Wetter ab und zu ein Mittelchen zur Beruhigung geben müssen. Wenn es knallt und kracht oder die Wellen von vorn kommen, sucht sie Nähe und Schutz bei uns – ihrem kleinen Rudel. Eigentlich gilt ihre Rasse als schwierig in den ersten drei Jahren, doch auf Piper trifft das kaum zu. Klar, manchmal hat sie ihren Sturkopf, aber meistens ist sie einfach nur Zucker.

Trotzdem kommen wir ganz gut voran. Nachts mache ich ein Foto vom Plotter: 666,6 nautische Meilen liegen nun hinter uns – leider meist unter Motor. Das soll sich mit der Biskayaüberquerung hoffentlich ändern.

Die langen Nachtwachen gehen nicht spurlos an mir vorbei. Mein Körper sendet Warnsignale: massive Bauchkrämpfe, Herzrasen. Zwei bis drei Stunden Schlaf in 24 reichen einfach nicht aus. Zum Glück ist der Englische Kanal bald geschafft – wir alle sind am Limit. Seit Samstag kämpfen wir uns Richtung Kanalausgang (Brest), und das bescheidene Wetter drückt mächtig auf die Stimmung.

Gerade in der letzten Nacht werden wir überraschend von der Segelyacht „Cocoon“ – ebenfalls ein Katamaran mit Ziel Mallorca – angefunkt. Es stellt sich heraus, dass wir uns vor zwei Monaten in Warnemünde begegnet sind. Der Skipper warnt uns: Unser AIS-Signal fällt ständig aus, vermutlich ein Defekt an der VHF-Funkantenne. Er hat Ersatz an Bord, wir verabreden uns für Mittwoch in einem kleinen französischen Hafen nahe Brest und wollen nach dem Fehler suchen. Tatsächlich finde ich tagsüber heraus, dass es im Kanal häufiger Probleme mit AIS-Signalen gibt. Vielleicht liegt überhaupt kein technischer Defekt vor. Wir bleiben wachsam.

Nach unserer Funkverbindung steuern wir die KAMI in stockfinsterer Nacht viel zu dicht an die Rocks bei Alderney vorbei – der Puls schießt hoch! Hinter der Insel tobt eine gewaltige Kabbelsee. Mit dem ersten Licht rollen riesige Wellen aus allen Richtungen auf uns zu. Die KAMI stampft tief in eine vier Meter hohe Welle, ein gewaltiger Wasserschwall fegt durch das Trampolin über Deck. Wie eine Boje tanzen wir im Wellental, dann der nächste Brecher – wie Faustschläge krachen Wassermassen auf unser Boot. Es rumpelt, knallt, und wir fühlen uns hundeelend. Unser Abenteuerstart – ganz anders als erträumt! Ich stehe am Steuerrad, raffe alle Kräfte aus meinem übermüdeten Körper zusammen und versuche, die KAMI zurück auf Kurs zu bringen.

Wie ein Magnet zieht es unser Schiff Richtung Küstenspitze mit steinigen Geröllbrüchen. Schnell werfe ich den zweiten Motor an, gebe alles. Das Stampfen wird schlimmer, aber irgendwie kommen wir frei. Tausend Gedanken rasen durch meinen Kopf: Wie geht es Kathi unten im Salon, wie Piper? Zittert Piper wieder vor Angst? Sobald wir wieder halbwegs Kurs haben, überlasse ich dem Autopiloten das Steuer, haste in den Salon – alles okay! Beide liegen beieinander, Kathi schaut mich fragend an. Ich versuche, das Erlebte herunterzuspielen, um sie nicht zu ängstigen.

Vielleicht fragt ihr euch, warum? Die Antwort ist einfach: Sollte Kathi oder Piper das Leben an Bord dauerhaft nicht ertragen – wegen Seekrankheit, Angst oder ständiger Unruhe – würden wir spätestens auf den Kanaren aussteigen. Unser gemeinsamer Traum wäre dann vorbei. Und das darf nicht passieren. Der holprige Start mit schlechtem Wetter, tagelangem Motoren gegen Wind und Wellen und gnadenlosen Gezeitenströmen (letzte Nacht schlichen wir mit nur 0,3 Knoten über Grund – so sehr bremst die Strömung gegenan!) fordert Tribut. Zeit für ein Verwöhnprogramm! In dieser Nacht plane ich für morgen und die nächsten Tage eine kleine Ankerbuchten-Rundtour durch die schönsten Landschaften. Wenn dann noch die Sonne lacht und wir unser Schlafdefizit ausgleichen können, steigt die Laune ganz bestimmt. Französisches Baguette, bummeln durch malerische Häfen, ein Glas Wein – einfach mal genießen. Klingt nach einem Plan, oder?

Natürlich ruft das Schiff: Neben der AIS-Anlage müssen auch die Vorräte ergänzt, zwei Anoden an den Faltpropellern getauscht, Ölstände geprüft, Seewasserfilter gereinigt und Salz von Deck gespült werden – klar Schiff! Ich will die Liegezeiten nutzen, um Brot zu backen. Kathi wünscht sich Walnussbrot, und wenn der Sauerteig erst einmal fertig ist, gibt’s gleich noch mein Spezialkörnerbrot. Danach portionieren wir alles und frieren es ein – so gibt’s für zwei Wochen Frühstücksschnittchen.

Ihr seht: Bei uns kommt keine Langeweile auf. Jetzt brauchen wir aber erst mal ein wenig Ruhe und Entspannung, um Energie für den bevorstehenden großen Atlantiktrip (1..200 sm) zu tanken.

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Kurzupdate – Wetterwelt

Wir haben unseren Plan, morgen mit der auslaufenden Flut den Cuxhavener Seglerhafen zu verlassen, kurzfristig wieder verworfen. Genau wie viele andere Segler verstehen wir nicht, warum sich die Wettervorhersagen täglich mehrfach ändern. Hier oben ist es kalt, grau, windig – und böig (natürlich aus der falschen Richtung). Irgendwie fühlt es sich hier einfach nicht nach Sommer an.

Aufgrund der derzeitigen, ungewöhnlichen Wetterverhältnisse (in ganz Europa) sind wir mit der Firma Wetterwelt in Kontakt getreten. Ihr erinnert euch bestimmt: 2023, bei der Überführung der KAMI von den Bahamas, hatten wir Sebastian Wache von Wetterwelt als Routingcoach gebucht – und das hatte super geklappt. Kurzerhand haben wir jetzt ein individuelles Routing von hier nach Madeira, zu den Kanaren und dann weiter in die Karibik angefragt – und bereits die Zusage erhalten. Das freut uns sehr und gibt uns ein wenig mehr Sicherheit.

Alina von Wetterwelt wird uns betreuen, und wir haben heute schon mit ihr telefoniert. Unseren Plan, von hier aus direkt nach Madeira „durchzurutschen“, können wir wohl begraben – den Zahn hat sie uns gezogen. Es wird weiterhin nur in Etappen gehen. Also wahrscheinlich doch Küstenhopping, bis wir aus dem Ärmelkanal raus sind. Eigentlich ist das gar nicht so schlecht, aber es sind Sommerferien, und die Häfen entlang der Küste (z. B. in den Niederlanden oder Frankreich) sind meist proppevoll. Für Katamarane ist es oft sehr schwierig, einen guten Hafenplatz zu finden, und „im Päckchen liegen“ ist mit Piper`li an Bord völlig ausgeschlossen.

Was heißt das nun für uns? Wir haben eine App namens Navily. Mit dieser App findet man geeignete Häfen und Ankerplätze, und andere Segler, die vor Ort waren, können dort die Bedingungen sowie ihre Erlebnisse und Erfahrungen (Ankergrund, Lage usw.) niederschreiben und bewerten. Man kann über die App bei Häfen anfragen und sogar einige Liegeplätze im Voraus buchen (reservieren). Damit wollen wir uns ab morgen mal intensiver beschäftigen und schauen, welche Anker- oder Festmachmöglichkeiten wir bis zum Ausgang des Ärmelkanals hätten.

Mit Alina sind wir so verblieben, dass wir zum Ende der nächsten Woche telefonieren und gemeinsam schauen, ob sich endlich ein besseres Wetterfenster ergibt. Auf alle Fälle sollen die Temperaturen schon einmal steigen – das wäre ja auch schon mal schön.

Insgesamt brauchen wir uns keine Sorgen zu machen. Der Hochsommer kommt ja erst noch (so die Aussage von Wetterwelt), und für die 1.800 Seemeilen bis Madeira haben wir noch genügend Zeit. Die Reisekalkulation – also die Zeit, die wir bis Madeira benötigen – reicht von 9 bis 20 Tagen (je nach Windbedingungen und eventuellen Zwischenstopps wegen Schlechtwetter). Im November wollen wir von den Kanaren in Richtung Karibik starten.
Also: zeittechnisch alles gut.
Das Schiff ist komplett aufproviantiert und bereit zum Ablegen.

Aiolos (Gott der Winde) wird hiermit angerufen … bitte schicke uns moderaten Wind aus Osten oder Süden!

Ein kleiner Nachtrag:
Wir freuen uns sehr, dass bereits zweimal auf den Spendenbutton in der rechten Seitenleiste geklickt wurde. Im Namen der ganzen Crew: Herzlichen Dank für diese großartige Geste!

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Leinen los …

Die zum Segeln notwendige Windrichtung und die Prognosen sind immer noch nicht optimal. Wir bekommen aber langsam in Warnemünde einen „Lagerkoller“ und entschließen uns daher, die Leinen loszuwerfen und in Richtung NOK (Nord-Ostsee-Kanal) aufzubrechen.

Letzter Abend in Warnemünde

Die Nacht vor unserem Start schlafen wir beide schlecht. Aufregung? Zu viele Gedanken, die im Kopf kreisen? Wir wissen es nicht genau und stehen gegen 6 Uhr früh auf, um mit der aufgehenden Sonne die Leinen loszuwerfen. Die Motoren schnurren mit 1800 Umdrehungen, und wir machen bei Windstärke „0“ und fast spiegelglattem Wasser 6 Knoten Fahrt. Wir stellen den Autopiloten auf die Insel Fehmarn ein, die wir umrunden müssen, um nach Kiel zu gelangen.

Nach dem frühen Start aus Warnemünde genießen wir unser erstes Aussteigerfrühstück gegen 9 Uhr morgens. Very romantic!

Frühstück an Bord

Die lange Fahrtzeit hat Kathi genutzt, um den MOB-Sender (Mann-über-Bord-Sender), den wir extra für Piper gekauft haben, an ihre Schwimmweste zu nähen. Leider gibt es keine fertige Lösung für Offshore-Rettungswesten für Hunde. Also hier: Selbst ist die Frau!

Pipers Rettungsweste

Nach fast 13 Stunden Fahrt unter Motor treffen wir in den Abendstunden in Kiel-Holtenau ein. Über Funk werden wir vom Schleusenwärter gefragt, ob wir noch in den NOK einfahren wollen. Da wir alle drei vom Gebrumme der Maschinen müde sind, verneinen wir, bedanken uns für die höfliche Nachfrage und werfen den Anker gegenüber der Schleuseneinfahrt. Hier liegen bereits etliche große und kleine Freizeitboote und ein größerer Tanker auf Reede.

Die Nacht ist wieder kurz. Gegen 5 Uhr weckt uns Kathis Handy mit einem dröhnenden Alarmgeräusch – die Ankeralarm-App. Wir hatten am Vorabend bei fast 10 Metern Tiefe ca. 50 Meter Ankerkette gesteckt und haben uns in der Nacht mit dem Wind um 180 Grad gedreht. Das quittierte die App mit einem lauten Alarm. Guten Morgen! Wir sind völlig knülle, raufen uns aber rasch auf und schielen rüber zur Schleuse. Komm, lass uns gleich einschleusen. Anker auf und Motoren an – es geht mit einem großen Containerschiff und sechs Segelbooten in die Schleusenkammer. Der Schleusenwärter gibt über Funk durch: „Die Sportschifffahrt bitte an der Backbordseite festmachen.“ An der Steuerbordseite liegt das große Containerschiff und produziert ordentlich Schraubenwasser (sieht aus wie ein brodelnder Whirlpool). Bei der Einfahrt in die Schleuse wundern wir uns, dass das erste Segelboot (ein Trimaran) an der Steuerbordseite anlegt und nicht wie vom Schleusenwärter gefordert an der Backbordseite. Gruppenzwang – wir folgen alle. Aber was macht der Trimaranfahrer? Er stoppt auf der Hälfte der Schleusenlänge und macht sich fest. Da passen wir nicht dahinter. Kathi hat schon Fender und Leinen an der Steuerbordseite angebracht, da kommt der Funkspruch vom Schleusenwärter, wir können auch auf der Backbordseite anlegen. Kathi schnauft und schimpft vor sich hin, löst alle Fender und Leinen und wechselt, während wir schon einfahren, die Seite. Mit etwas zu viel Dampf rauschen wir gegen den in der Schleuse vorhandenen Schwimmsteg. Grrrr … Das war Mikes Schuld. Gott sei Dank keine Beschädigungen am Schiff – nochmal gut gegangen. Wir liegen vertäut in der Schleuse und springen zwischen KAMI und Schwimmsteg hin und her, um Leinen und Fender auszurichten. Die Schwimmstege sind mit einer dicken Algenschicht überwachsen, entsprechend sieht nach der Schleusung unser weißes Deck nicht mehr weiß aus, sondern … Bahhhh …

KAMI in der Schleusenkammer Kiel

Gegen 7:15 Uhr fahren wir dann endlich in Kolonne mit den anderen Booten die ersten 28 Kilometer bis zum Borgstedter See. Hier wollen wir direkt an der Autobahnbrücke der A7 den heißen Tag mit 37 Grad verbringen (baden und den Grill anwerfen) und morgen früh weiter bis zum Ende des NOK (noch 70 Kilometer) fahren. Geplant ist dann das Ausschleusen am Abend, und mit der anfänglichen Gezeitenflut wollen wir in den Amerikahafen in Cuxhaven fahren und dort für ein paar Tage festmachen. Unsere Ankerwinsch lässt sich sporadisch nicht mehr einfahren, was uns heute im Borgstedter See in eine brenzlige Lage gebracht hat. Wir hatten den Anker ausgebracht und sind dann in Richtung der Signaltonnen abgetrieben. Wir wollten den Anker schnell wieder aufholen und unsere Lage korrigieren – leider versagte in diesem Moment die Ankerwinsch. Kurzzeitig Panik. Gemeinsam haben wir dann mit reiner Muskelkraft 10 Meter Kette mit dem anhängenden 25-Kilo-Anker aus dem Wasser gezogen. Als wir das Boot danach etwa 100 Meter verholt hatten, fanden wir den Fehler relativ schnell: ein Kabelbruch an der Elektrowinsch. Das muss repariert werden. Wir werden uns in Cuxhaven einen Monteur suchen, der uns helfen kann. Wir sind optimistisch.

Leider sehen die Wetter- und Windprognosen bis zum Wochenende wieder bescheiden aus. Wann wir weiter nach Helgoland kommen, ist noch offen. Derzeit ändern sich ja die Vorhersagen fast stündlich. Gerade jetzt zieht ein Gewitter mit Regen über uns her, das war schon vor sechs Stunden angekündigt. Wir nutzen den Regen und schrubben das durch die Schleusenaktion verdreckte Deck, bis alles wieder blitzeblank ist. Es ist ja unser Zuhause. Da hat man es gerne ordentlich und rein. lach

Piper leidet auch unter der Hitze. Wir legen sie tagsüber auf Kühlmatten, geben ihr ab und an einen Eiswürfel zum Knabbern und ziehen ihr eine Kühlweste an. Ihr Geschäft hat sie gestern tatsächlich erst abends auf dem Boot verrichtet. Was haben wir sie gelobt! Sie tut sich noch sehr schwer mit dem „Lösen“. Aber wir sind guter Hoffnung. Sie ist ja mit 1,5 Jahren noch ein Teenager. Das klappt schon bald besser. Bestimmt!

Unser Engelchen "böser böser Kampfhund"

Gestern haben wir noch gegen Nachmittag Post von unseren Warnemünder Stegnachbarn erhalten. Sie haben uns eine gute Reise gewünscht und ein Foto, aufgenommen von ihrer Two Princess, von der KAMI beigefügt. Darüber haben wir uns sehr gefreut.

Foto von unseren Stegnachbarn

Alles in allem haben uns eine Vielzahl von Wünschen und guten Zusprüchen erreicht, selbst von Seglern, die wir gar nicht richtig persönlich kennen. Toll. Danke dafür!

Aktueller Trip: Genau 100 Meilen
Fahrtzeit gesamt: 17 Stunden und 26 Minuten

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27. Etmal 147 Seemeilen

22.06.2023 – 12:00 Uhr UTC
28. Seetag
Etmal: 147 sm

Gesamtsumme: 3442 sm


Wind aus SW

Segelstellung: Großsegel 1. Reff, Genua voll

Speed über Grund: 7 kn

Am Nachmittag mache ich die Koje sauber und stelle dabei fest, dass die Bettdecke schon wieder klamm und feucht ist. Daraufhin inspiziere ich die fest verschlossene Luke, und tatsächlich – es tropft. Es sind zwar nicht viele Tropfen, aber bestimmt zwei bis drei pro Minute. Außer ein Handtuch darunter zu legen oder bei starkem Regen eine kleine Schüssel aufzustellen, kann ich im Moment nicht viel tun. Der Vorbesitzer hat im Vorschiff eine nagelneue Luke verstaut. Ich werde sie wohl im Hafen austauschen müssen. Auch eine kleine Luke im Backbordrumpf, im Bereich der Toilette, scheint undicht zu sein (laut Karsten). Das muss ebenfalls kontrolliert werden.

Es tropft von der Luke

Eine weitere Kuriosität: Morgens setze ich mich im Salon in die Sitzecke und entdecke einen Wassertropfen auf der Ablage in der Nähe des Mastes. Darüber ist die Verkleidung leicht feucht. Bei dem derzeitigen Dauerregen vielleicht nicht überraschend, aber normal ist das auch nicht. Die „Erledigungs- bzw. Reparaturliste“ hat mittlerweile eine beachtliche Länge angenommen.

Der Wind bläst ordentlich, und wir kommen wieder gut voran. Wir sind derzeit so zügig unterwegs, dass wir der Wegpunktplanung von Sebastian Wache bereits um einen Tag voraus sind. Gestern Abend, bei mäßigem Wind, haben wir mit der Segelstellung experimentiert und versucht, einen Schmetterling zu fahren. Dabei ist das Großsegel auf Backbord und die Genua auf Steuerbord ausgebracht. Beide Segel werden mit „Barber Haul“ und „Preventer“ gesichert, sodass sie nicht zurückschlagen können. Das Manöver hat mit ein paar kleinen Schnitzern ganz gut geklappt, doch der Wind ist im Moment so unbeständig, dass wir zur sicheren normalen Segelstellung zurückgekehrt sind.

Der Himmel ist grau, und die Temperaturen sind weiter gesunken. In der Nacht ist es unten in den Bugkabinen kaum noch auszuhalten, und selbst oben im Salon frösteln wir, eingewickelt in Decken. Heute werden wir den Elektroheizkörper nach oben holen und ihn einschalten, sobald der Generator wieder läuft, um die Batterien aufzuladen.

Es ist deutlich spürbar – wir kommen nach Norden!

25. Etmal 115 Seemeilen

20.06.2023 – 12:00 Uhr UTC

26. Seetag
Etmal: 115 sm

Gesamtsumme: 3147 sm


Wind aus E – SE

Segelstellung: Großsegel voll, Genua voll

Speed über Grund: 5 kn

Am Nachmittag schlägt das Wetter um, und die Sonne lässt sich doch noch blicken. Auch der Wind kehrt zurück und bläst mit 7 bis 12 Knoten. Wir nehmen wieder etwas Fahrt auf und schaffen es tatsächlich, 5 Knoten zu erreichen. Nicht schlecht! Gegen 18 Uhr sehen wir auf der Steuerbordseite, in einem Abstand von etwa einer halben Meile, die ersten Wale. Wir entdecken mehrere „Blas“ (die nach dem Tauchvorgang ausgeatmete Atemluft der Wale) und ab und zu kleinere, graue Rückenflossen. Für Fotos sind die Tiere leider zu weit entfernt. Schade!

Das kurzzeitig gute Wetter haben wir auch genutzt, um zwei Waschmaschinenladungen zu waschen und 280 Liter Trinkwasser zu produzieren. Wer weiß, wie sich das Wetter in den nächsten Tagen entwickelt.

Aktuell planen wir, im Laufe der nächsten Woche Schottland zu umrunden und dann vom Atlantik in die Nordsee einzubiegen.

Am Abend entdecken wir auf dem Vorschiff eine verbogene Rolle am Genuaschlitten. Wir bauen die Rolle ab und richten die Profile mit einer Rohrzange. Wieder eingesetzt, funktioniert alles wie vorher. Glücklicherweise haben wir die Rolle nicht verloren. In diesem Zusammenhang stellen wir fest, dass viele Blöcke, Umlenkrollen und Klemmen sehr schwergängig sind. Eine Rolle quietscht, eine andere lässt sich gar nicht drehen, da sie fest sitzt. Auch hier warten einige Arbeiten im Heimathafen auf uns. Insgesamt sind wir enttäuscht vom derzeitigen Zustand der segeltechnischen Komponenten. Der Vorbesitzer hat in den letzten Monaten offenbar nicht mehr viel Wartung betrieben.

Die Nacht verläuft ruhig und stressfrei. Mit voller Besegelung läuft die KAMI wieder mit 5 bis 6 Knoten. Die Wellen sind erträglich.

Am Morgen weckt uns die Sonne – endlich mal wieder ein freundlicher Tag. Als wir gegen 9 Uhr die Kartenplotter vom Nacht- in den Tagesmodus umschalten wollen, entdecken wir auf dem Kartenplotter am Steuerstand einen schwarzen Fleck, etwa so groß wie ein Ein-Euro-Stück, in der unteren linken Ecke des Bildschirms. Ist das jetzt der nächste Mangel oder Defekt? Geht eine Atlantiküberquerung so sehr auf das Material? Unglaublich.

Wir machen gerade sehr gute Fahrt und bolzen nach der Kurskorrektur zum nächsten Wegpunkt wieder schräg gegen die Wellen. Im Zeitplan liegen wir derzeit sehr gut. Der Wasserkessel pfeift auf dem Herd – es gibt jetzt eine Tasse Kaffee.

Gestern ist unsere zweite Propangasflasche leer geworden, und wir müssen jetzt mit einer größeren Gasflasche improvisieren, die wir auf den Bahamas gekauft haben. Leider passt sie nicht in das dafür vorgesehene Fach, sodass wir hier etwas basteln müssen.

Behelfsmäßige Propanflaschenhalterung

23. Etmal 112 Seemeilen

18.06.2023 – 12:00 Uhr UTC

24. Seetag

Etmal: 112 sm (kaum Wind)

Gesamtsumme: 2955 sm


Wind aus S – SW

Segelstellung: Großsegel kompl. gerefft, Genua voll

Speed über Grund: 5 kn

Nach unserem gelangweilten Nachmittag gehen wir mit 7 Knoten Fahrt in die Nacht. Es scheint tatsächlich so, dass wir die meisten Erlebnisse während der Nachtstunden haben – so auch in dieser.

Gegen 21 Uhr lege ich mich in die Koje. Mein Kopf schmerzt etwas, da mir der regelmäßige Schlaf fehlt. Nach etwa einer Stunde werde ich vom Schlagen des Großsegels geweckt. Karsten steht oben am Steuerstand und probiert verschiedene Kurseinstellungen, doch es hilft nichts – Flaute!

Um das Material zu schonen (die Segel schlagen bei Flaute zu stark, wenn eine Böe kommt), beschließen wir, die Segel einzuholen – was wir dann auch unverzüglich im einsetzenden Regen tun. Währenddessen tauchen plötzlich drei Frachtschiffe auf unserem Kartenplotter auf. Den ganzen Tag über hatten wir keine anderen Schiffe gesichtet, und jetzt auf einmal drei gleichzeitig?

Eines der Containerschiffe ruft uns sogar über Funk. Man erkundigt sich, ob bei uns alles in Ordnung sei, da man hier, mitten im Nordatlantik, selten Segelboote sehe. Wir freuen uns über das Interesse des Containerriesen und wünschen uns gegenseitig eine gute Weiterfahrt.

Sebastian hatte uns in seiner letzten E-Mail mindestens vier Flautentage vorhergesagt – Tage mit wenig bis gar keinem Wind. Es gibt derzeit keine besseren Alternativen für uns. Wir entscheiden uns, die Maschine zu starten, um zumindest ein paar Meilen zu machen. Zuvor informieren wir uns noch einmal im Netz über den Dieselverbrauch der verbauten Yanmar-Schiffsdiesel. Bei 1.200 Umdrehungen, was etwa 3 Knoten pro Stunde entspricht, verbrauchen wir ca. 1,6 Liter Diesel. Das würde am Tag etwa 40 Liter Diesel für 72 Seemeilen bedeuten.

Wir stellen den Autopiloten auf 48° Nordost ein und lassen die KAMI unter Maschinenkraft in diese Richtung schieben. Gegen 3 Uhr morgens ertönt plötzlich ein Alarm. Hochgeschreckt vom Piepen lese ich die Meldung „Kurs kann nicht gehalten werden“. Ich gehe nach oben zum Steuerstand und spüre kräftigen Wind. Wie aus dem Nichts bläst es auf einmal mit 23 Knoten. Die Maschine, die fast im Standgas lief, konnte dagegen nicht gegensteuern. Ich öffne die Genua (Vorsegel), und schon nimmt die KAMI wieder Fahrt auf – 4 bis 5 Knoten. Das freut mich, die Maschine kann nun wieder aus.

Als ich danach den Salon betrete, fällt mir eine blinkende rote Anzeige am Schaltpanel auf – Bilgenalarm im Backbordrumpf. Ich eile nach unten und nehme die Bodenplatten hoch. Tatsächlich stehen dort etwa 2 Liter klares Wasser. Wo kommt das denn jetzt wieder her? Das Wasser in der Steuerbordbilge kennen wir ja, aber nun auch im Backbordrumpf? Unverständnis macht sich breit. Wir müssen das im Auge behalten. Kleine Mengen werden von der Automatikpumpe zum Glück schnell abgesaugt.

Zum Frühstück gibt es heute aufgebackene Sonntagsbrötchen, und wir genießen sie. Angetrieben nur von unserem Vorsegel steuern wir weiter auf das nächste Flautengebiet zu. Es zieht sich sehr im Moment … wir schaffen nur kleine Etmale.

21. Etmal 129 Seemeilen

16.06.2023 – 13:30 Uhr Ortszeit – 14:30 UTC
22. Seetag
Etmal: 129 sm

Gesamtsumme: 2761 sm


Wind aus SW

Segelstellung: Großsegel 1. Reff, Genua 80%

Speed über Grund: 6 kn

Wir machen am Nachmittag noch gute Fahrt und überlegen, was wir zum Abendessen zubereiten wollen. Im Kühlschrank haben wir noch etwas Mischgemüse, dazu möchten wir Bratwurst und Reis kochen. Als wir jedoch im Salon unter der Sitzecke die Vorratskiste öffnen, schlägt uns ein seltsamer Geruch entgegen – eine Mischung aus Apfelessig und saurer Sahne. Es muss Wasser eingedrungen sein. Eine Katastrophe!
nDer große Reissack ist zu zwei Dritteln verdorben (6 kg schlecht), fünf Nudelpackungen sind hinüber, und auch die Linsen und Spaghetti sind unbrauchbar. Was für ein Verlust! Aber mit den verbleibenden 3 kg Reis, 2 kg Nudeln und mindestens 5 kg Kartoffeln werden wir nicht verhungern.

In der Nacht kommen uns fünf Frachtschiffe entgegen, darunter drei große Containerschiffe der Reederei Maersk, ein LNG-Tanker und ein normales Frachtschiff. Wir nähern uns bis auf 2 Meilen, aber alles verläuft reibungslos, und wir passieren uns sicher. Trotzdem sind wir vor allem nachts immer sehr angespannt, wenn wir auf dem Kartenplotter entgegenkommende Schiffe erkennen.

Karsten studiert die Seekarte

Seit heute Vormittag stecken wir in einer Flaute fest. Erst in der Nacht soll sich wieder etwas Wind einstellen. Wir nutzen die windstille Zeit für Putzarbeiten, füllen die Dieseltanks aus den Kanistern nach und produzieren frisches Wasser. Morgen wird uns ein Tiefausläufer aus südlichen Richtungen mit Regen und Windböen bis zu 30 Knoten treffen. Heute Abend kehrt also Ruhe auf dem Schiff ein – die perfekte Gelegenheit für einen Grillabend.

19. Etmal 163 Seemeilen

14.06.2023 – 12:00 Uhr Ortszeit – 14:00 UTC
20. Seetag

Etmal: 163 sm

Gesamtsumme: 2.490 sm


Wind aus W / SW

Segelstellung: Großsegel voll, Genua voll

Speed über Grund: 6 kn

Nachmittags, beim Reffen des Großsegels, muss ich aufs Vorschiff und mich nach hinten zum Baum hangeln, um das abgelassene Tuch ordentlich im Lazy Bag zu verstauen. Natürlich mit Weste und ordentlich gesichert (eingepickt) – der Bereich rund um den Baum ist an Bord der gefährlichste, hier wurden schon etliche Segler erschlagen. Beim Verstauen des Segeltuchs entdecke ich oben auf dem Bimini-Dach einen etwa 20 cm langen Riss. Ach, wie ärgerlich … Vor zwei Tagen im Starkwind hatten wir bereits bemerkt, dass der Baum bei Wellengang und Böen gelegentlich das Bimini-Gestell touchiert.
 Auf den Social-Media-Kanälen lesen wir, dass auch andere Lagoon-Besitzer über diesen werftseitigen Konstruktionsmangel klagen. Die Lösung wäre, eine niedrigere Sprayhood zu installieren. Die Kosten inklusive Rahmen und neuer Verdeckteile würden sich auf knapp 4.000 Euro belaufen. Grrrr …

Riss im BIMINI Dach

Bei 4 Meter hohen Wellen gehen wir in den Abend und in die Nacht. Ganz nach dem Motto „Und täglich grüßt das Murmeltier“ machen wir, wie in der vorherigen Nacht, ordentlich Fahrt. Mit Böen bis zu 36 Knoten kämpfen wir uns durch die steilen Wellenberge. Erst am Vormittag beruhigt sich die Lage etwas.

Heute wäre eigentlich unser „Bergfest“. Doch die gerade eingetroffene E-Mail von Sebastian verdirbt uns die Stimmung. Wir werden den Anschluss an das jetzige Tief leider rasch verlieren (wir sind zu langsam) und stehen deshalb mindestens sechs windarme Tage bevor. Oh nein!

Das nachrückende Tiefdruckgebiet, auf das wir gehofft haben, wird uns wohl verfehlen. Das sich gerade neu bildende Tiefdruckgebiet aus Richtung Bahamas braucht mindestens eine Woche, um uns zu erreichen. Für Samstag ist sogar eine „0“-Flaute vorhergesagt. Es wird also erst mal im Schneckentempo weitergehen. Das Wetter ist wirklich nicht normal! Momentan leiden auch hunderte andere Segler – ein schwacher Trost.

Wir verschieben unsere Ankunftsprognose vom 7.7. auf den 14.7.!

Heute Nachmittag werden Wind und Wellen einschlafen. Wir setzen dann wieder alles an Segeln, was wir haben, in der Hoffnung, noch ein paar Meilen zu hamstern. Unser Wassertank ist auch fast leer. Um den Vorrat aufzufüllen, müssen wir den Wassermacher eine Stunde laufen lassen, um 100 Liter Trinkwasser zu erzeugen.

Gerade eben haben wir uns mal wieder ein „gutes“ Frühstück gegönnt: Zwei Spiegeleier auf Toast mit gebratenem Bacon. Hmm, lecker … In den letzten Tagen gab es aufgrund der Wellen meist nur Müsli & Co.

Für den „0“-Tag am Samstag haben wir uns vorgenommen, den Bordaußengrill anzuwerfen. Der Tiefkühler ist noch ordentlich mit Steaks & Co. gefüllt. Ich werde mich auch mal mit dem Gasbackofen beschäftigen.
 Karsten hat ja Dinkelmehl aus Deutschland mitgebracht. Also werden wir am Wochenende mal ein Brot backen!

Der Brotteig wird angesetzt und darf dann ordentlich „gehen“.

16. Etmal 141 Seemeilen

11.06.2023 – 12:00 Uhr Ortszeit – 15:00 UTC

17. Seetag

Etmal: 141 sm

Gesamtsumme: 1.964 sm


Wind aus W

Segelstellung: Großsegel voll, Genua voll

Speed über Grund: 7 kn

Wir haben die nächste Zeitzone erreicht und somit verringert sich der Zeitunterschied nach Hause auf -4 Stunden. Auf der Papierkarte des Atlantiks tragen wir unsere Position ein und stellen fest, dass wir jetzt „richtig“ draußen sind – mitten auf dem Atlantik, weit weg von jeder Küste. Wahnsinn!

Gestern Abend fällt unser Abendessen mal wieder etwas üppiger aus. Vielleicht liegt es daran, dass sich das Wellenbild etwas beruhigt hat und wir dadurch mehr Appetit bekommen haben. Unsere letzten frischen Vorräte sind nun fast vollständig aufgebraucht oder verdorben. Karsten zaubert uns einen letzten leckeren Salat mit Tomaten, Paprika, Zwiebeln und Eisbergsalat. Dazu gibt es eingelegte amerikanische Gewürzgurken und scharfe Bratwürste. Fantastisch!

Karsten beim Abendbrot zaubern.

Unser Obst, abgesehen von ein paar Äpfeln, hat nur 7 bis 10 Tage überlebt. Besonders die Bananen und Südfrüchte sind schnell schlecht geworden. An Gemüse haben wir noch einige Kartoffeln, Zwiebeln und Möhren. In der warmen, salzigen Seeluft scheint alles rasend schnell zu verderben. Bevor es 2025 auf Langfahrt geht, müssen wir uns in dieser Hinsicht noch etwas einfallen lassen (zum Beispiel Vakuumieren, Einkochen usw.).

Vermutlich durch die heftigen Regenfälle der letzten Tage scheint alles auf dem Schiff „klamm“ zu sein. Selbst Bettzeug und Kissen trocknen nicht richtig, sodass man sich immer wieder in feuchte Betten legen muss – wahrlich kein angenehmer Zustand. Auch die frische Wäsche im Schrank fühlt sich feucht an. Nicht schön! Wir werden uns wohl einige dicht schließende Plastikkisten besorgen und ein Lager- und Staukonzept entwickeln müssen, um dem in Zukunft entgegenzuwirken.

Die Nacht war wieder sehr laut, und es kam viel Wasser von oben. Ein Weißschwanz-Tropikvogel hat uns stundenlang umkreist. Besonders unser grünes Positionslicht auf der Steuerbordseite scheint ihm gefallen zu haben. Selbst in den Sturmböen flog er mit einer beeindruckenden Leichtigkeit.

In den Morgenstunden halsen wir mit der KAMI auf Kurs Nordost. Das angekündigte Starkwindpeak gegen 8 Uhr blieb aus, und so haben wir das Schiff in den nun herrschenden Westwind gedreht. Das Manöver hat uns wieder etwas dazulernen lassen. Es blies mit 20 Knoten, und wir versuchten mehrmals, selbst mit Hilfe der Maschinen die KAMI in den Wind zu drehen – ohne Erfolg. Also erst die Segel wieder runter, beide Maschinen dazu, in den Wind gedreht und das Großsegel bis zur Hälfte gesetzt. Danach der Dreher in Zeitlupe, und anschließend mit etwas Druck das restliche Segeltuch ausgebracht. Profis hätten das wahrscheinlich in 5 bis 10 Minuten geschafft, bei uns dauerte der „Tanz“ fünfmal so lange.

Aber: Alles ist heil geblieben, wir sind auf Kurs und machen Fahrt!

Apropos alles heil: Der Schaden am Vorsegel hat sich ausgeweitet. Nun scheint sich das Cover über die gesamte Länge (1 Meter) gelöst zu haben. Trotzdem wirkt das Segel stabil, und wir hoffen weiterhin, dass es sich bei dem gelösten Stück Tuch nur um eine Art „Aufnäher“ zur Verstärkung oder einen vernähten UV-Schutz handelt. Die darunterliegende Tuchschicht müsste also das eigentliche Segelmaterial sein. Ein Loch oder Riss ist jedenfalls nicht zu sehen. Wir behalten es im Auge!

Zwischenzeitlich hat sich der Himmel wieder zugezogen, und mit Wellen von achtern und seitlich an Backbord steuern wir Richtung Nordost. Laut Vorhersage bleibt der Wind in den nächsten Tagen auf West bis West-Nordwest. Das passt perfekt. Wir müssen nur nah genug am ablaufenden Tief bleiben, um dessen Wind einzufangen. Hinter uns kündigt sich bereits das nächste Hochdruckgebiet an, was wir segeltechnisch gar nicht gebrauchen können, denn damit sind oft Flauten verbunden. Bleibt abzuwarten, wie sich das Wetter in den kommenden Tagen entwickelt.

4. Etmal 83 Seemeilen

24.05.2023 – 12:10 Uhr Ortszeit – 16:10 UTC
5. Seetag – FLAUTENTAG

Etmal: 83 sm

Gesamtsumme: 412 sm

Wind aus O zwischen 1 und 2 Knoten (derzeitig)

Segelstellung – Großsegel 1. Reff – Genua voll – Amwindkurs 59°

Speed über Grund: gerade um die 5 kn

Der gestrige Tag war bis zum späten Nachmittag entspannt und sonnig. Die Wellen hatten sich beruhigt, und wir konnten beide etwas Schlaf nachholen. Gegen 17 Uhr fiel der ohnehin kaum vorhandene Wind plötzlich auf „0“ ab.

Wieder Systemalarm!

Das Schiff stand wie angenagelt, die Segel fielen ein und flatterten leicht im Wind. Auf der Backbordseite zog schnell eine Squall (Regen- und Gewitterzelle) heran – das war wohl die Ruhe vor dem Sturm. Wir starteten das Radar und verfolgten, wie das Gebiet rasch näherkam. Was war jetzt zu tun? Wir bargen die Segel, warfen die Backbordmaschine an, kuppelten ein und setzten unseren Kurs mit 3 Knoten Richtung Osten fort. Wir holten Handtücher und andere Sachen von draußen herein und bereiteten uns auf den erwarteten starken Regenguss vor, der sich tatsächlich 15 Minuten später über uns ergoss. Ganze zwei Stunden prasselte der Regen aufs Schiff, und trotz Bimini-Verdeck war rings um den Steuerstand alles nass. So schnell wie die Regenzelle kam, verschwand sie auch wieder, und wir konnten noch einen halben Sundowner achter aus genießen. Wir stellten die Backbordmaschine ab und setzten die Besegelung für die Nacht.

Blick aus dem Salon zum Bug der KAMI

Kurz darauf ertönte erneut der Systemalarm – diesmal fiel die Elektronik des Autopiloten aus. Wir verstanden nicht, was gerade los war und warum sich diese Ausfälle seit gestern häuften. Wir setzten für den Autopiloten einen größeren Amwindkurs von 55° – so kamen wir ohne weitere Alarme durch die Nacht.

Die See war nachts etwas gnädiger zu uns, mit einem gemäßigten Wellenbild, sodass wir endlich längere Ruhephasen im Schiff hatten. Wir fanden beide Schlaf und träumten sehr intensiv. Während meiner Wache, gegen 3 Uhr, sah ich auf dem Kartenplotter zwei Tanker, die genau parallel zueinander auf uns zukamen. Der Abstand zu uns verringerte sich schnell, und ich scannte ständig den Plotter, um abzuschätzen, ob wir uns tatsächlich begegnen würden. Der erste Tanker zog im Abstand von 18 Seemeilen achtern an uns vorbei, der zweite folgte ihm und ich maß auf dem Plotter einen Abstand von nur 2,3 Seemeilen. Ich stürzte ins Cockpit, nahm das Fernglas mit und hielt Ausschau. Ah, da war er – ich verfolgte ihn noch eine Weile mit meinen Blicken und kehrte dann in den Salon zurück. Auf dem Plotter verfolgte ich die beiden Tanker weiter und merkte, wie mir langsam die Augen zufielen.

Oh ha … Kurz vor Sonnenaufgang kam Karsten nach oben, und ich ging sofort in meine Koje. Innerhalb von fünf Minuten fiel ich in einen tiefen Schlaf.

Der Autopilot bzw. die Steueranlage macht seit zwei Tagen laute quietschende Geräusche. Nach unserem morgendlichen Kaffee beschlossen wir, gut eingepickt (mit Weste und Lifeline gesichert) die Maschinenräume zu öffnen und dem Geräusch auf den Grund zu gehen. Zuerst vermuteten wir die Umlenkrollen der Lenkungszüge als Ursache, doch nach längerem Suchen unter Taschenlampenlicht entdeckten wir Schleifspuren auf der oberen Seite der Lenkstange (die beide Ruderblätter verbindet), die an dem darüberliegenden Aluminium-Kasten reibt. Mit WD40 bewaffnet, setzten wir einige beherzte Sprühstöße ab, bis das Quietschen leiser wurde und fast verschwand. Das muss in Rostock unbedingt näher untersucht und repariert werden – kommt also mit auf die ohnehin schon lange To-do-Liste.

Jetzt stecken wir in einer Flaute! Nur noch 3 Knoten Wind – das Schiff macht keine Fahrt mehr. Windy hatte uns das Flautengebiet vorhergesagt. Über Tage hinweg zu motoren, wollen wir am Anfang der Reise auf keinen Fall – wir wollen Diesel sparen. Wer weiß, welche Überraschungen uns das Schiff im weiteren Verlauf der Reise noch bietet. Wir sind daher vorsichtig und defensiv. Da sich die Sonne derzeit kaum zeigt, werden wir wohl heute Nachmittag den Generator anwerfen müssen, um die Batterien für die Nacht zu füllen. Es ist kaum zu glauben, dass auf solch einem Schiff das Energiekonzept nicht aufgeht. Die vorhandenen Bordstrombatterien sind ein Witz, wenn man nicht einmal richtig durch die Nacht kommt. Hier besteht definitiv Optimierungsbedarf – auch das kommt auf die To-do-Liste.

Morgen (Donnerstag) sollen am späten Nachmittag die so sehr erwarteten Südwinde kommen. Bis dahin dümpeln wir hier im Nirgendwo und stehen praktisch still. Wir überlegen, heute Abend den Außengrill (Gasgrill) anzuschmeißen, aber im Moment haben wir beide keinen großen Appetit. Vielleicht schlägt uns das Abenteuer doch etwas auf den Magen. Apropos: Karsten, unser Chef-Smutje, ging gestern Abend die Getränkevorräte durch. Coca-Cola neigt sich schon dem Ende zu, Tonic ist aufgebraucht, Sprudelwasser haben wir noch ein wenig. Da haben wir uns wohl mächtig verkalkuliert. Heißt jetzt also: mehr Wasser aus dem Wassermacher und Tee trinken.

Ach, so ein „Luxusurlaub“ auf einer Yacht ist schon was Feines! lach

Was steht heute noch auf dem Programm? Vielleicht probieren wir uns heute mal mit den Angeln. Drohnenaufnahmen unter Wolken sind nicht so toll, also warten wir ab, ob die Sonne noch rauskommt, damit wir hier noch ein paar schöne Aufnahmen machen können.

Und sonst? Schlafen, ausruhen und an unsere Lieben zu Hause denken.

3. Etmal 121,2 Seemeilen

23.05.2023 – 12:05 Uhr Ortszeit – 16:05 UTC

4. Seetag

Etmal: 121,2 sm

Gesamtsumme: 328,2 sm

Wind aus NW zwischen 11 und 17 Knoten

Segelstellung – Großsegel 1. Reff – Genua voll – spitzer Amwindkurs 47°

Speed über Grund: gerade um die 5,8 kn

Wir steuern seit gestern Abend hart auf Ost-Nordost und peilen die Wegpunkte an, die wir von Sebastian Wache per E-Mail bekommen haben. Wenn es ein Voting für die aufregendste Nachfahrt gäbe, wäre die vergangene Nacht derzeit auf Platz 1. Seit Sonnenuntergang segeln wir so extrem hart am Wind, dass wir die teils 3 bis 3,5 Meter hohen Wellen von schräg vorne (Backbord – Portside) direkt auf die Nase bekommen.

Eine Achterbahnfahrt auf der Kirmes wäre dagegen ein Kinderkarussell!

Wieder ist an erholsamen Schlaf nicht zu denken. Die Müdigkeit sitzt fest auf uns wie eine alte Mütze, die wir nicht ablegen können. Wir lümmeln beide im Salon, denn unten in der Koje ist es jetzt gar nicht mehr auszuhalten. Die Wellen schlagen von allen Seiten auf das Schiff ein, als wollen sie uns sagen, dass die Materialbelastung kaum noch im Akzeptanzbereich liegt. Natürlich sind das nur unsere Empfindungen – das Schiff muss das abkönnen, schließlich fahren wir ja nicht auf einem Dorfteich, sondern auf dem Atlantik. Jeder von uns nickt immer mal wieder für zwanzig bis dreißig Minuten ein. Unser vor der Reise aufgestellter Wachplan wird völlig ignoriert. Jeder macht das, wozu er gerade fähig ist und was der Körper noch hergibt.

Durch die Gischt, die sich wie Zuckerwatte ums Schiff legt, sind alle Oberflächen salzig und stumpf. Ich entscheide mich, die Dusche im Eignerbad das erste Mal auszuprobieren (in Nassau haben wir nur die Decksdusche im Freien genutzt). Das heiße Wasser tut sehr gut, und schon fühlt man sich ein wenig wohler und zufriedener.

Karsten, unser Smutje, hat das Abendbrot vorbereitet. Heute gibt es Burger. Eigentlich wollten wir den Tischgrill ausprobieren, aber bei diesem Wellenritt ist daran nicht zu denken. Also wird alles in der Pantry vorbereitet, und der Abendbrotstisch im Cockpit (Tisch achtern draußen) wird gedeckt. Wir wünschen uns guten Appetit, doch dann hält Karsten inne. Er bekommt nichts herunter, knabbert nur an einem Salatblatt und lässt seinen Burger fast unangetastet stehen. Mir geht es magenmäßig besser, und ich verputze zwei Burger (die übrigens aus Donut-Brötchen bestehen). Der Tisch wird wieder abgeräumt, denn die Ketchupflasche und unsere Kräutertee-Thermoskanne fliegen von rechts nach links und verlassen selbständig ihren zugewiesenen Platz.

Doch dann … Systemalarm!

Karsten ruft in meine Richtung, dass sämtliche Winddaten auf unserem Plotter verschwunden sind und der Autopilot von Segelsteuerung auf Maschinensteuerung umgestellt hat. Wir legen in Windeseile unsere Sicherheitswesten an, schlüpfen in die Decksschuhe und stürmen zum Steuerstand, wo wir uns zur Sicherheit erst einmal einpicken, damit wir bei den Wellenschlägen nicht über Bord katapultiert werden. Was nun? Die Gefahr ist groß, dass die KAMI in den Wind schlägt. Sofort drehen wir in den Wind, holen die Rollgenua ein und ziehen das Großsegel nach unten. Alle Segel sind unten! Unter Maschinenfahrt bleiben wir in der Windachse stehen, damit sich die Situation ein wenig beruhigt.

Tausend Gedanken poltern durch meinen Kopf. Ohne funktionierende Windanzeige ist die Reise hier beendet. Wir könnten nur noch unter Maschine nach Nassau zurückfahren, um das Problem dort beheben zu lassen. So ein Mist! Das kann doch nicht sein … Karsten holt eine Taschenlampe, und wir wollen das Mast-Top ableuchten, da wir vermuten, dass die Windfahnen oben auf der Spitze durch das Hin- und Herschlagen des Schiffs verloren gegangen sind. Wir leuchten den Mast ab und sehen, dass oben alles in Ordnung ist. Da kommt mir der Gedanke, das ganze Navigationssystem einmal komplett auszuschalten und dann neu hochzufahren. Gesagt, getan – die Windanzeigen sind wieder da, sogar die verklemmte Anzeige für die Geschwindigkeit durch das Wasser funktioniert plötzlich wieder.

Habt ihr die zwei Steine plumpsen gehört?

Gott sei Dank – es scheint nur ein Softwaresystemfehler gewesen zu sein. Wir schauen uns fragend an und setzen wieder: „Segel auf“! Mit Motorkraft drehen wir das Schiff wieder an den „spitzen Amwind“, bis es wieder Fahrt aufnimmt und die Segel richtig stehen. Meine Duschaktion kurz davor war für die Katz (das Wasser läuft mir den Rücken herunter) – wir müssen uns erst einmal wieder akklimatisieren und setzen uns ins Cockpit. Was für eine aufregende Aktion! Wir wünschen uns gegenseitig, dass der Fehler nicht noch einmal auftritt, und besprechen bereits das Vorgehen bei einer möglichen Wiederholung.

Und als ob die Aufregung nicht schon genug wäre, sehe ich vom Cockpit aus, wie die Bilgenlampe für den Steuerbordrumpf ständig an- und ausgeht (leuchtet grün, wenn die Pumpe automatisch in Betrieb ist). Ich eile in den Eignerrumpf und nehme die Bodenplatten hoch. In der Bilge steht dunkles Wasser, vielleicht ein Liter. Ich nehme auch die benachbarten Bodenplatten auf (man bedenke, dass das Schiff durch den Wellenritt irre Bewegungen macht) und kann eine grobe Richtung der Wasserherkunft ausmachen. Ich lege die Bodenplatten wieder ein und beschließe, dem Problem bei ruhigerer See auf den Grund zu gehen.

In der Nacht springt die Pumpe ungefähr zwei bis drei Mal die Stunde für ein paar Sekunden an. Es scheint nichts Bedrohliches zu sein. Ich behalte das in den nächsten Tagen im Auge.

Gegen 3 Uhr liegen wir beide völlig erschöpft oben im Salon auf der Sitzbank. Durch die L-Form können wir uns dort gemütlich ausbreiten. Karsten schläft sofort ein (er tut sich mit dem Schlafen nicht so schwer), während ich an die Salondecke starre. Erste Zweifel tauchen in meinem Kopf auf. Inzwischen sind die Wellenschläge noch intensiver geworden. Das Quietschen des Autopiloten wird gefühlt immer lauter, die Reffleinen im Großsegel knarren, und meine Augen fallen für eine Viertelstunde zu.

Weit und breit ist kein Schiff mehr auszumachen, unter uns geht es jetzt 4.000 Meter in die Tiefe. Die Landkanten der Bahamas-Inseln sind nicht mehr zu sehen.

Jetzt sind wir wohl richtig draußen!!
Schön, aber auch ein wenig ehrfurchtgebietend.

Gegen 5 Uhr kündigt sich der fünfte Seetag an. Genau vor uns im Osten wird es langsam heller, und die Sonne geht auf. Ich rappele mich auf, torkle nach draußen und setze mich an den Steuerstand. Dieses Morgengrauen, die warme, salzige Luft und die Wolkenformationen – so schön anzusehen. Schnell verfliegen die dunklen Gedanken der Nacht aus meinem Kopf, und ich schaue über den Ozean in Richtung Heimat. Prompt dröhnt der nächste Systemalarm: „Spannung unter 11 Volt“. Der Autopilot hat wohl in der Nacht zu viel leisten müssen. Ich eile nach drinnen und werfe den Generator an. Ich wundere mich jedoch fünf Minuten später, dass die Batterien immer noch keine höhere Spannung anzeigen. Was ist denn jetzt schon wieder los?! Langsam reicht es, und ich schimpfe vor mich hin. Da entdecke ich das Problem … Mein schlafender Passmann muss mit dem Rücken an das Bedienpanel am Kartentisch gekommen sein. Der Ladeschalter stand auf „off“! Nun erhalten die Batterien wieder genügend Ladespannung. Langsam wird es hell, und die Sonne bahnt sich ihren Weg durch die Wolken. Sobald sie das Solarpanel mit voller Leistung beschienen hat, wird der Generator wieder ausgeschaltet. Diesel sparen!

Der erste Kaffee des Tages wird gekocht, und wir sitzen mal wieder zusammen und machen Wetter- und Routenpläne. Wir segeln in ein richtiges Flautengebiet, bevor uns dann endlich am Donnerstag, spätestens Freitag, der ersehnte Südwind erreicht. Wir wollen den Flautentag nutzen, um den Außengrill anzuwerfen, die Filmdrohne mal nach oben zu schicken und ein Bad im tiefblauen Wasser zu nehmen – und vor allem endlich mal richtig zu schlafen. Die Angeln müssen wir auch noch vorbereiten, damit, wenn es weitergeht, auch der ein oder andere Mahi-Mahi (Goldmakrele) auf unseren Tellern landet. Die angekündigte Flaute wollen wir aussitzen (kein Segel, kein Motor).

Eine weitere Aufgabe: Ein Sicherheitsblick in die Backskiste. Dort lagern zwischen den Bootsfendern zehn Dieselkanister aus Kunststoff zu je 20 Litern sowie zwei kleine Kanister für den Dinghy-Sprit (Außenborder).

Wir hören Musik, und es geht uns gut. Der ein oder andere blaue Fleck vom Manövergetänzel stört uns nicht.

Ab dem dritten Seetag sollen einem ja „Seebeine“ wachsen. Das passt!

Im Moment läuft alles vor sich hin. Gleich gibt es ein „Spätfrühstück“, und dann wird nochmal geruht …

Anker auf bei Regen und Gewitter

20.05.2023 – 09.00 Uhr Ortszeit
1. Seetag
Das Disney-Kreuzfahrtschiff „Wish“ läuft in den Hafen von Nassau (New Providence) ein, und ein breites, dunkles Regen- und Gewittergebiet zieht achtern auf.
Wir beschließen, „Anker auf“ zu gehen und wollen die KAMI (vor der Gewitterzelle) in Richtung Nordost steuern.
Das Anker-auf-Manöver klappt gut, und wir verlassen unter beiden Maschinen den Hafen von Nassau auf den Bahamas. Der Wind pendelt zwischen 7 und 9 Knoten – eigentlich reicht das nicht, um die 11 Tonnen des Schiffs in Bewegung zu setzen, aber wir setzen hoffnungsvoll das Großsegel und rollen die Genua aus. Wir machen im Schnitt um die 5 Knoten Fahrt. Gähnend langsam schiebt sich die KAMI durch das Wasser. Wir setzen Kurs zwischen die Inseln Abaco und Spanish Wells und hoffen, bis zum Einbruch der Dunkelheit zwischen beiden Inseln hindurch zu sein.

Wunschdenken!!

Erste kleine Problemchen zeigen sich: Unsere Geschwindigkeitsanzeige „Wasser“, also die Geschwindigkeit des Bootes inklusive Strömung und Versatz, funktioniert nicht. Wir vermuten, dass das „Logge-Rädchen“ am Bug durch Bewuchs blockiert ist. Wir haben also nur die Anzeige „SOG“ (Speed over Ground) – die Geschwindigkeit über Grund – zur Verfügung, die sich durch GPS berechnet.

Das Mobilteil des VHF-Funkgerätes lässt sich nicht mit dem Bord-WLAN verbinden. Dank „Starlink“ schauen wir How-to-Videos und hoffen, das kleine Problem so lösen zu können.

Karsten steht am Steuerstand und übt, freihändig zu steuern – also ohne Hilfe des Autopiloten. Bei uns beiden müssen sich die ganzen Begriffe wie True Wind Course, True Wind Angle usw. erst einmal richtig ins Gehirn einprägen. Das schaffen wir schon!

Wir sind beide froh, dass die Fahrt so ruhig und entspannt beginnt. Die Wellen halten sich in Grenzen und die Sonne scheint uns ins Gesicht. In einer Stunde wollen wir uns den ersten auf „See“ Kaffee machen…