11. Etmal 70 Seemeilen

06.06.2023 – 12:03 Uhr Ortszeit – 15:03 UTC
12. Seetag

Etmal: 70 sm

Gesamtsumme: 1.268 sm


Wind aus SW

Segelstellung: Alles draussen was geht (außer Gennaker)

Speed über Grund: 5,7 kn

Wir kommen nicht richtig voran. Die Flautenbereiche haben uns fest im Griff. Die Nacht ist sehr ruhig. Mehrmals schläft der Wind auf „0“ ein, und der Alarm des Autopiloten ertönt, da er seinen befohlenen Kurs nicht halten kann. Also starten wir kurz die Maschine und bewegen uns mit 2 bis 3 Knoten in Richtung des nächsten Wegpunkts. Dann frischt der Wind wieder bis auf 7 Knoten auf. Rasch die Maschine aus und die Genua ausgerichtet. Dieses Spielchen wiederholt sich zwei- bis dreimal in der Nacht.

7 Meilen an unserer Steuerbordseite sehen wir seit dem späten Nachmittag auf dem AIS („Automatic Identification System“) das Segelboot „Javelin“. Nach ihrer MMSI (Funkkennung) zu urteilen, müsste es sich um ein niederländisches Schiff handeln. Leider finden wir im Netz keine weiteren Informationen über das Boot. Die Javelin fährt nun schon seit 14 Stunden auf gleicher Höhe an unserer Steuerbordseite – Richtung Nordost. Wir können sie nicht sehen, sie ist mit aktuell 9,23 Meilen zu weit entfernt. So merkwürdig es klingt, aber wir freuen uns, das eine oder andere Segelboot hier draußen zu sehen.

Gestern wurden wir über Funk gerufen. Ich war gerade im Bad, und Karsten, der sich langsam als richtiger Funkprofi entpuppt, sprach mit einem französischen Katamaran. Wir wurden gefragt, ob wir wissen, wann der Wind wiederkommt, und man wünschte uns eine gute Fahrt durch die Nacht. Abschließend wurde uns vorgeschlagen, uns doch in „Horta“ auf den Azoren in einem Café zu treffen. Mit dem französischen Katamaran, der mit voller Besegelung in der Flaute unter Maschine fuhr, sahen wir vielleicht 3 Meilen dahinter noch zwei weitere Kats. Diese hatten keine Segel gesetzt und schienen nur unter Motor zu fahren. Selbst als wieder ein bisschen Wind aufkam (5 bis 7 Knoten), motorisierten die drei Katamarane weiter. Erst zum Sundowner (hinter den Wolken) sahen wir einen der Katamarane doch noch seine Segel setzen, in der Hoffnung, die Nacht würde etwas Wind bringen. Leider sollte der Plan nicht aufgehen.

Die KAMI schiebt sich mit durchschnittlich 2 Knoten durch die Dunkelheit. Nachdem wir uns eine heiße Dusche gegönnt hatten, bauten wir unser Lager im Salon auf. Jeder machte es sich auf einer Seite der Sitzecke bequem. Wir überlegen, die Sitzecke zu einem durchgängigen Schlaflager umzubauen – vielleicht in den nächsten Tagen?! Nach einem Blick auf den Kartenplotter (die Javelin ist in sicherem Abstand) und leiser Chill-out-Musik im Ohr schlafen wir beide tief und fest ein. Moment mal, wer hätte eigentlich Wache?
Ich werde nach 2 Stunden wach und schaue mich ringsum um. Wegen der Flaute gibt es kaum Wellen. Alles ist in Ordnung. Gegen 4 Uhr nasche ich einen Mr.Tom und belebe mich mit einer echten US-Coke, die übrigens ganz anders schmeckt als unsere in Deutschland. Karsten schläft – wie immer! Wie er das macht: Er legt sich hin und ist nach 2 Minuten schon im Traumland. Ich bekomme das nicht hin. Irgendwie habe ich immer eine „Grundnervosität“ in mir. Gedanken wie: „Kreuzt uns ein anderes Schiff?“, „Schlagen die Segel?“, „Ist alles sicher?“ – wecken mich nach relativ kurzen Schlafintervallen. Es ist kein Problem – durch die viele Seeluft fühlt man sich gut, und die Müdigkeit verfliegt schnell. Dann müssen tagsüber eben noch ein paar Powernaps gemacht werden.

Gegen 6 Uhr gehe ich aufs Vorschiff und setze wieder alles an Tuch, was geht. Etwas schneller laufen wir der aufgehenden Sonne entgegen. Danach gibt’s den ersten Kaffee des Tages. Mein Wachpartner schläft noch immer, nicht mal der Geruch von frischem Kaffee erweckt seine Lebensgeister. Pennbeutel! lach
Ich checke mit der Kaffeetasse in der Hand meine E-Mails. Wieder Post von Sebastian Wache: Heute soll sich noch achterlicher Wind einstellen, der uns etwas zügiger voranbringen wird. Oh ja, das wäre schön. Wir sind gespannt.

Wir freuen uns über die E-Mail von Sebastian Wache von Wetterwelt.

Gestern Nachmittag flog ein Pärchen Weißschwanz-Tropikvögel mindestens 1,5 Stunden um die KAMI. Sehr hübsche Tiere und unglaublich kunstvolle Flieger. Dann fiel uns im Wasser ein Lebewesen auf, das wie ein aufgeblasener Folienhandschuh aussah. Zuerst dachten wir, es wäre Plastikmüll, doch bei genauerem Hinsehen lösten wir das Rätsel: Es war eine Portugiesische Galeere – eine Seeblase, die zu den giftigen Staatsquallen gehört. Stunden später zählten wir noch immer etliche dieser Tiere, die an der KAMI vorbeitrieben. Selbst heute früh sieht man sie überall auf dem Atlantik – Baden fällt also erstmal aus.

Uns geht es gut.

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