01.07.2023 – 12:00 Uhr UTC
37. Seetag
Etmal: 114 sm
Gesamtsumme: 4714 sm
Wind aus W
Segelstellung: alle Segel unten – wir motoren
Speed über Grund: 4 kn
Unser erstes Verkehrstrennungsgebiet haben wir gut gemeistert. Nach dessen Ausfahrt fährt hinter uns querab ein LNG-Tanker, der in regelmäßigen Abständen einen langen Ton abgibt. Wir fragen uns, ob dieser akustische Hinweis uns gelten soll?! Wir haben doch Funk an Bord. Wir ändern unseren Kurs ein wenig nach Steuerbord und lassen den LNG-Tanker mit ordentlichem Abstand an uns vorbeifahren. Dann verstummt auch dessen Signalhorn.
Leider hat sich der Wind noch immer nicht aus der Westrichtung verändert, sodass wir weiter in Richtung Dover-Calais motoren müssen. Die Nacht vergeht ohne Probleme, und so halten wir auf das nächste Trennungsgebiet zu. In den frühen Morgenstunden sehen wir wieder einige Segler (Franzosen und Engländer), die unseren Kurs im 90°-Winkel kreuzen. Da wir unter Maschine laufen, sind wir ausweichpflichtig. Wir sind also wachsam.
Wie aus dem Nichts taucht auf einmal ein kleines Segelboot an unserer Backbordseite auf. Durch Zufall hat Karsten es erspäht. Es ist weder auf dem AIS-Bildschirm noch auf dem Radar zu sehen. Spinnt der?
Wie kann man hier ohne Radarreflektor unterwegs sein – also im Blindflug?! Völliges Unverständnis macht sich bei uns breit.
Kein Wunder, dass die Segler in der Seefahrt so einen schlechten Ruf genießen.
Ein komisches Volk – jetzt gehören wir auch dazu.
Also: Fremdschämen!
Gegen 10:00 Uhr schlägt unsere Funkanlage „Alarm“. Wieder ein Mayday! Diesmal wurde es automatisch über das Funksystem versendet. Wir eilen zum Kartentisch und lesen die Distress-Nachricht auf dem Display der Funkanlage. Im Notruf stehen nur die Koordinaten und die Uhrzeit, aber nicht der Grund. Wir lauschen auf dem Notrufkanal „16“, ob die Berufsschifffahrt reagiert. Es vergehen einige Minuten, dann funkt die englische Küstenwache und „relayed“ das zuvor empfangene Mayday. Ein Segelboot hat Probleme, und die Schifffahrt in der Nähe wird aufgefordert, die Koordinaten des Havaristen anzulaufen. Da nicht genau erkennbar ist, welches Problem auf dem Segelboot besteht, soll vor Ort beobachtet und die Küstenwache danach informiert werden. Nach einer Stunde wird das Mayday von der Küstenwache „geschlossen“. Erst später hören wir auf dem Kanal, dass das Segelboot gekentert war und einige Personen im Wasser waren.
Die See ist heute mit 1,5 Meter Wellen, moderatem Wind und 19° Temperatur nicht allzu problematisch. Wir denken, dass keiner der Segler in echte Schwierigkeiten geraten ist. Ach, was für eine Aufregung!
Gut über die Hälfte des Kanals haben wir geschafft, und es dauert nicht mehr lange, bis wir in das größte und aufregendste VTG einfahren. Hier geht es dann durch die Engstelle zwischen Dover und Calais in die Nordsee. Wir hoffen, dass wir dann endlich wieder die Segel setzen können. Ständig unter Maschine zu fahren, macht keinen Spaß. Auch die motorte Geschwindigkeit mit 4 Knoten ist eher bescheiden. Da lieber wieder Wind in den Segeln und mit 6 bis 7 Knoten in Richtung Heimathafen unterwegs sein.
Heute Nachmittag soll sich noch die Sonne zeigen. Wir sind gespannt. Das tägliche Grau hängt uns ordentlich zum Hals heraus. Jetzt kann es bitte endlich besser und gerne auch sommerlicher werden. Den Heizkörper würden wir auch gerne wieder verpacken und verstauen.
Auf unserer Aufgabenliste steht heute noch, den Steuerbordtank mit Diesel aus den Vorratskanistern nachzufüllen. Es müssten jetzt etwa 120 Liter verbraucht sein – also sechs Kanister.
