08.06.2023 – 12:00 Uhr Ortszeit – 15:00 UTC
14. Seetag
Etmal: 143,5 sm
Gesamtsumme: 1.567 sm
Wind aus S – SW
Segelstellung: Großsegel voll, Genua voll
Speed über Grund: 6 kn
Wir sitzen im Salon und raufen uns die Köpfe. Das Thema Segelkurse beschäftigt uns nun schon seit Tagen: Welchen Windwinkel verkraftet die KAMI, wenn der Wind von vorne (Amwind) oder seitlich von hinten (Vorwind) kommt? Wie bekommen wir die Windwinkel und die gewünschten Steuerkurse in Einklang?
Aufgrund eines Tiefdruckgebiets, das sich im Norden festsetzt, rät uns Sebastian Wache, den Kurs zunächst auf „Osten“ zu setzen. Leider fehlt uns dafür gerade der passende Wind. Um nach Osten zu segeln, bräuchten wir Nordwest- oder Südwestwind. Was aber, wenn der Wind aus Süden bläst? Wir können also nur kreuzen. Doch wie viel Zeit verlieren wir dabei? Wir segeln acht Stunden Umwege, für eine Strecke, die bei idealem Wind in nur drei bis vier Stunden machbar wäre.
Ist das nicht deprimierend? Haben wir einen Denkfehler?
Mit der Nordatlantikkarte auf dem Tisch, bewaffnet mit Kursdreieck und Winkelmesser, spielen wir verschiedene Windszenarien durch. Wir müssen nach Osten! Motoren bis zu den Azoren, die etwa 1.200 Seemeilen entfernt sind, ist keine Option – das schaffen wir nicht mit 600 Litern Diesel.
Wir grübeln, googeln und diskutieren. Plötzlich erscheint auf dem Kartenplotter neben uns das Segelboot „Ariadne“ aus Schweden. Sie war mit uns vor Tagen aus Bermuda ausgelaufen und verschwand nach etwa zehn Stunden aus unserem Kursbereich. Völlig verblüfft sehen wir uns an. Die „Ariadne“ fährt Kurs 102 Grad, also östlich. Sofort halsen wir die KAMI (wenden das Heck durch den Wind) und erreichen fast den gleichen Kurs wie die „Ariadne“ – Richtung Osten, leicht südlich. Hat der Wind tatsächlich auf Südwest gedreht? Verrückt! Mit 6,5 Knoten Fahrt nehmen wir Kurs 110° und segeln in die Nacht. Für die Nacht sind 4 bis 5 Beaufort vorhergesagt. Das könnte wieder ein gutes Etmal werden, sofern der Wind nicht ungünstig dreht oder an Stärke verliert.

Wieder wird uns bewusst, dass wir noch lange keine erfahrenen Segler sind. Zwar funktionieren die Manöver mit Großsegel und Genua schon sehr gut, und auch das Trimmen der Segel klappt von Tag zu Tag besser, aber der ganze Kopfsalat mit den Gradzahlen – das müssen wir noch üben.
Den Gennaker haben wir bisher auch noch nicht gesetzt. Es ist ein großes Leichtwindsegel, das bei 110° Windwinkel und bis zu maximal 16 Knoten genutzt werden kann. Bei der Bootsübergabe hatte der Voreigner den Gennaker kurz gesetzt, und die KAMI fuhr direkt über 10 Knoten. Doch wir trauen uns noch nicht so recht ran und warten auf den richtigen Windwinkel und weniger Wind, um es auszuprobieren. Das Problem beim Gennaker ist, dass er bei zu starkem Wind nur schwer wieder eingeholt werden kann. Außerdem besteht die Gefahr, dass er bei einem Winddreher ins Wasser fällt – ihn dann nass an Bord zu holen, muss eine Tortur sein. Wenn wir den Gennaker setzen wollen, müssen die anderen Segel eingeholt werden – das bedeutet wieder Arbeit!
Heute wollen wir uns um die Einhausung des Cockpits (Anschlusspersenning) kümmern. Im Moment sind nur einige Sonnenschutzelemente um die hintere Sitzecke angebracht. Diese rollen wir ein und verstauen sie im Vorschiff. Dann setzen wir den Keder in die Schiene und befestigen daran die Persenningteile. Ab Freitag soll das Wetter ungemütlicher werden, und so hätten wir im Cockpit mehr Schutz vor Wind und Regen. Außerdem fallen die Temperaturen in der Nacht bereits auf 16 Grad – wir müssen draußen in der Nähe des Steuerstands für mehr Behaglichkeit sorgen. Hoffentlich bleiben dann auch die Polster trocken.
Abends nehmen wir das Großsegel in das 2. Reff, da Wind über 23 Knoten (in Böen bis zu 26) vorhergesagt ist. Die Werftgarantie für die Vollbesegelung liegt bei Vorwindkursen bei 0 bis 23 Knoten – darüber hinaus muss gerefft werden. Also tun wir das, zumal wir noch Anfänger im Segelsport sind.
Wie heißt es so schön: „Learning by Doing!“ Genau mein Ding! Wenn wir in ein paar Wochen in Rostock ankommen, werden wir schon einiges mehr draufhaben – ganz bestimmt!
