BAHAMAS – Endlich 1000 Farben Blau!

Nach einer sehr anstrengenden Fahrt gegen Wind und Welle erreichen wir erschöpft die erste Insel der Bahamas, Inagua. Wir kommen gegen Sonntagmittag an und lassen den Anker vor dem kleinen Hafen Matthew Town in kristallklarem, türkisfarbenem Wasser auf 3 Meter fallen.
Bei den Behörden können wir am nächsten Vormittag problemlos einklarieren; dazu fahren wir mit dem Dinghy in den kleinen Hafen. Es dauert nur wenige Augenblicke, da werden wir schon von einem Local angesprochen. Kurz darauf taucht wie aus dem Nichts ein Taxifahrer auf, der sich mit dem Local ein kleines Wortgefecht liefert. Wir steigen ins Taxi ein, und schon braust er mit uns zur „Behördenbaracke“. Nach nur 5 Minuten ist die kostenlose Fahrt vorbei, und der Taxifahrer erklärt uns, dass der Local, der uns im Hafen angesprochen hat, kein guter Mensch ist und immer wieder versucht, Geld von Seglern und Touristen zu erbetteln. Ferner erzählt er, dass den Einheimischen viel daran liegt, mehr Tourismus anzuziehen. Leider wird die Insel oft nur als erster Anlauf zum Einklarieren besucht und dann meist schon am selben Tag wieder von den Seglern verlassen.

Wir bleiben gut fünf Tage, denn wir müssen unsere Segel wieder auf Vordermann bringen und nachtanken. Wir belesen uns im Netz und finden viele Hinweise, dass man auf kleinen Inseln möglichst nicht nachtanken sollte. Oft ist der Diesel mit Wasser und Schmutz versetzt und sehr schwefelhaltig. Gut, dass wir noch 300 Liter in Kanistern als Ersatz an Bord haben. Wir tanken jeweils 100 Liter pro Maschine und Bug mit Kanistern nach und planen, unseren Kraftstoffvorrat in George Town in den Exumas wieder aufzufüllen. Hier ist die Bootsdichte so hoch, dass ein gewisser Dieselumsatz an den Tankstellen gegeben ist. Das Risiko, verschmutzten Treibstoff zu bunkern, ist wohl in George Town gering.

Auf Anker vor Inagua kümmern wir uns um unsere Segel. Wir stellen fest, dass der massive Metallschäkel der Genua aufgebogen war und sich bei stärkerem Seegang vom Genuaschlitten abgesprengt hat. Wir finden ihn zufällig an Deck. Zum Glück ist das Segel nicht beschädigt, wie erst angenommen. Kathi muss hoch in den Mast und das Genuafall wieder freigängig machen – es hat sich oben verklemmt. Nach etwas Hin- und Herholen bekommen wir das Fall frei (es hatte sich umwickelt). Wir schlagen das Segel neu an (wir hatten passenden Schäkelersatz an Bord), und die Genua ist wieder fit. Als Nächstes holen wir den Gennaker herunter. Mike nimmt sich den Furler vor, flechtet ein Dyneema-Seil als Klemme ein und vernäht alles sauber. Durch UV-Strahlung und Salzwasser hat sich die Gummirutschsicherung am Furler aufgelöst und ist teilweise aus der Trommel gebrochen. Wir hoffen, dass unsere Ersatzsicherung hält – ein neuer Furler ist uns momentan zu teuer.

Nun muss noch das Großsegel geklärt werden. Mike lässt sich von Kathi in den Mast hochziehen und schleift die gröbsten Grate von der Mastschiene. Danach versuchen wir, das Großsegel durchzusetzen – leider wieder ohne Erfolg. Dann fällt uns auf, dass die Halterungen der Segellatten komisch aussehen: Hier sitzt eine kleine Spange, die sich geweitet hat und keine Funktion mehr erfüllt. Wir fixen die einzelnen Spangen mit Gafferband und einem kleinen Kabelbinder. Et voilà, das Großsegel lässt sich von Hand fast bis zum Ende durchholen. Wir freuen uns, dass wir die Probleme gelöst haben.

In der kleinen City von Matthew Town finden wir einen Minimarkt. Es gibt fast nichts zu kaufen, und die wenigen Dinge in der Auslage sind wahnsinnig teuer. Wir ergattern fünf kleine Äpfel und zahlen fast 12 Dollar dafür. Auf dem Rückweg zum Hafen kehren wir in einen kleinen Imbiss ein und geraten dort mit einer älteren Amerikanerin ins Gespräch, die vor 15 Jahren aus Liebe hierhergezogen ist. Sie ist die Lehrerin auf der Insel, die gerade einmal 550 Bewohner hat.

Direkt an der Hauptstraße, in unmittelbarer Nähe einer Bankfiliale, des Minimarkts und des Imbisses, betreibt man den Inselgenerator zur Stromproduktion. Dieser riesige Generator läuft Tag und Nacht, ist schrecklich laut und spuckt extrem viel Stickoxid und Dreck in die Luft. Wir können es nicht fassen, dass Wohnhäuser direkt danebenstehen. Eine Haltestelle des Schulbusses liegt direkt davor an der Hauptstraße. Schlimm!

Zurück an Bord werden wir einen Tag vor dem Ablegen in Richtung Hogsty Reef von drei Delfinen besucht. Sie floaten stundenlang um unsere KAMI herum, spielen und necken sich. Was für ein toller Anblick!

Am nächsten Tag nehmen wir Kurs auf die Exumas. Wir werden jetzt etappenweise jeden Tag 30 bis 40 Seemeilen in diese Richtung absolvieren. Der erste Stopp ist das Hogsty Reef, ein kleiner Sandhaufen mitten im Ozean. Dort gehen wir mit Piper an Land und lassen sie ohne Leine laufen. Hier gibt es nichts außer einer baufälligen Landmarke und angespültem Plastikmüll. Auch unter Wasser ist es eher unspektakulär. Von den erwarteten Haien, Schildkröten und Rochen lässt sich nichts blicken. Nach einer tausendsternfunkelnden Nacht an diesem surrealen Ort geht es am morgen weiter Richtung Acklins.

Auf dem Weg dorthin fällt uns ein graues Schiff der Küstenwache auf, das in etwa 10 Seemeilen Entfernung mit einer amerikanischen Segelyacht funkt und nach Schiffs- und Personendaten fragt. Wir ahnen schon, dass wir die Nächsten sein werden, haben aber Glück. Sie ziehen in Gegenrichtung an uns vorbei und sind nach 30 Minuten am Horizont verschwunden.

Im Süden der Insel Acklins legen wir nach sechs Stunden Fahrt einen weiteren Ankerstopp ein. Wir genießen den Nachmittag, als wie aus dem Nichts das Küstenwachschiff wieder auftaucht. Es wirft unweit von uns den Anker und lässt ein Beiboot zu Wasser. Na klasse – wird es bald Besuch geben? Die Beamten fahren zuerst zu einer in der Nähe liegenden Motoryacht. Wir setzen uns ins Cockpit und flachsen herum, da taucht das Beiboot neben uns auf. Besetzt mit sechs uniformierten Beamten bitten sie, an Bord kommen zu dürfen. Auf Steuerbord drücken sie ihr RIB gegen die KAMI, drei Beamte steigen wacklig über. Ein Beamter bleibt hinten mit Sturmgewehr im Anschlag stehen, die zwei anderen kommen ins Cockpit. Einer ist für das Protokoll zuständig, der andere führt das Gespräch und ist wohl der Chef.
Piper ist über diesen Besuch nicht sehr erfreut. Sie schimpft und lässt sich nur schwer beruhigen. Kein Wunder, die Beamten verbreiten eine negative Ausstrahlung. Kathi gelingt es ihr das Geschirr umzulegen und sie auf ihrem Schoß festzuhalten.


Wir legen brav alle Dokumente vor und geben Auskunft: Woher kommen Sie? Wohin wollen Sie? – Na, die üblichen Fragen. „Sind Waffen an Bord?“, wird gefragt. Der Chef möchte sich im Inneren der KAMI umschauen. Im Salon öffnet er den Kühlschrank und das Fach mit Gewürzen und trockenen Nahrungsmitteln (Nudeln, Reis usw.). Im Backbordrumpf staunt er über unseren Lagerraum und fragt, was in den großen Kisten ist. „Ersatzteile und Werkzeug“, gebe ich Auskunft. Er lässt eine Kiste öffnen, wirft einen Blick hinein, grübelt kurz und geht in den anderen Rumpf. Dort wirft er einen kurzen Blick und eilt zurück zu seinem protokollführenden Kollegen.
Der zeigt ständig auf Kathis Tischdeko – kleine Muscheln und Schneckenhäuser, die wir bisher an Stränden gesammelt haben. Ein größeres Schneckenhaus ist wohl eine geschützte Art. Der Chef winkt ab, und nach ca. 20 Minuten verlassen sie das Schiff und düsen davon. Zurück bleiben viele schwarze Schuhabdrücke auf dem weißen Deck und dem frisch geputzten Teak im Cockpit. Wir sind bedient! Wir schrubben das Deck; der Schmutz lässt sich nur schwer entfernen. Nach zwei Stunden sind die ärgerlichen Mitbringsel beseitigt. Was für ein schöner Besuch!

Nach einer weiteren Nacht im Nordwesten der Insel setzen wir nach Long Island über. Im Süden der Insel besuchen wir eine kleine Strandbar. Hier soll es nach Berichten anderer Segler legendären Rum-Punsch geben. Den wollen wir verkosten – und sind begeistert! Ein schöner Fleck auf der Insel, leider wird in der Nähe Tag und Nacht Müll verbrannt. Die Geruchsbelästigung treibt uns schnell weiter in Richtung Inselmitte. Vor dem kleinen Ort Clarence Town verlegen wir in eine flache, türkisfarbene Lagune und ankern im flachen Wasser – teilweise nur noch 50 Zentimeter unter dem Kiel. Da wird einem unwohl. Aber alles passt, und wir düsen mit dem Dinghy zum Dinghy-Dock. Hier sehen wir mehrere Haie und einen riesigen Stachelrochen im seichten Wasser schwimmen. Hinweisschilder am Dock warnen ausdrücklich vor den Haien. Die einheimischen Fischer, die hier Abfälle ins Wasser werfen, werden von den Tieren gern angenommen. Dadurch kam es wohl schon zu kleineren Bissverletzungen bei Touristen, die ihre Hände ins Wasser hielten. Im Ort finden wir einen kleinen Bakery-Shop und kaufen ein paar Eier und soeben gebackenen Rumkuchen. Leider gibt es kein frisches Obst. Schade. Auf dem Weg zur naheliegenden Marina entdecken wir endlich wieder Kokospalmen. Auf Acklins gab es keine, nur Gestrüpp – daher ist unsere Freude groß, wieder Kokosnüsse zu sehen. Direkt an der Straße stehen mehrere große Palmen, darunter liegen vereinzelt Früchte. Wir nehmen eine grüne, frische Kokosnuss mit an Bord – Piper ist außer sich vor Freude. Sie schleckt das Kokoswasser auf und macht sich über das frische Kokosfleisch her. 

Nach einem weiteren Ankerstopp im Norden der Insel erreichen wir nach sechs Stunden Motoren bei Flaute endlich George Town auf den Exumas. Dieser Ort ist besonders: Hier haben wir 2023 das erste Mal die KAMI von den Voreignern besichtigt. Aber nicht nur das – George Town ist für die US-Segelcommunity der absolute Hotspot. Veranstaltungen an den Stränden, Hunderte Schiffe vor Anker, Supermärkte, Tankstellen und ein Flugplatz in der Nähe machen diesen Ort aus. Hier werden wir in den nächsten Tagen Marie und Olli für drei Wochen an Bord begrüßen. Gemeinsam wollen wir die Exumas erkunden – über und unter Wasser. Wir freuen uns riesig auf den Besuch aus der Heimat.

Es gibt auch Negatives zu berichten: Unsere Saildrives machen beide Probleme. Wir hatten ja schon berichtet, dass der Saildrive auf Backbord Öl verliert und die Reparatur durch Gregory in Sint Maarten keine Besserung brachte. Das ist nach wie vor so – wir verlieren weiter geringe Mengen, aber es ist bedenklich.

Marie bringt ein Mittel aus Deutschland mit, das unter Schwarzlicht die Leckstelle sichtbar machen soll. Wir berichten davon später.

Hier in George Town vor Anker wollten wir am Steuerbord-Saildrive nur den Ölstand prüfen, vernahmen aber beim Herausziehen des Ölmessstabs einen abscheulichen Geruch, und die Ölfarbe war mehr hellgrau als braun. Nicht gut! Das heißt: Wasser im Ölkreislauf. Wir sind sauer! Haben wir doch vor nicht einmal einem Jahr beide Saildrives in Deutschland bei der Firma Marine Service Rostock (Herrn Neumeister) für viel Geld warten lassen. Schon bei der Inspektion in Barth gab es Probleme – dass jetzt beide Antriebe solche Mängel zeigen, ist unakzeptabel.

Beide Saildrives müssen dringend repariert werden. Wir haben schon in einer Werft in Guatemala, wo wir die Hurricansaison verbringen werden angefragt und professionelle Hilfe zugesichert bekommen. Die KAMI wird dort auch wegen eines neuen Antifoulinganstrichs aus dem Wasser gehoben. In dieser Zeit müssen die Antriebe spätestens instandgesetzt werden.

Wir haben jetzt erst mal auf Steuerbord einen Ölwechsel gemacht. Nimmt die Wasserkonzentration im Ölkreislauf zu, steigt das Risiko von Rostbildung und Verlust der Schmierwirkung. Für uns heißt das: Ab sofort wöchentlich Ölstände in beiden Saildrives kontrollieren und bei gräulicher Farbe mit Geruch – sofort Öl wechseln.

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Pechsträhne

Wir haben in Sint Maarten ausklariert und verlassen die Bucht in Richtung Bahamas. Das Wetter ist angenehm, wir setzen unseren Gennaker und machen gute Fahrt. In der Nacht passieren wir die nördlichste Insel der Britischen Jungferninseln, und am Folgetag liegt Puerto Rico an unserer Backbordseite. Online prüfen wir bei Windy das Wetter – ein Sturm zieht auf! Zwei große Tiefdruckgebiete kommen direkt auf uns zu. Eines bewegt sich von Florida her und bringt kühle Luft, Böen bis 60 Knoten und Wellen bis 12 Meter.

Was nun? Wir müssen eine geschützte Ankerbucht finden und das Sturmtief abwarten, bevor wir weitersegeln können. Zuerst denken wir an die Dominikanische Republik, würden dort aber laut Berechnung erst in der Nacht ankommen. Für unbekannte Gewässer ist das keine gute Idee – Riffe und Flachwasserzonen müssen sicher umschifft werden. Kathi recherchiert und macht nach einer Weile den verhängnisvollen Vorschlag, lieber an der Westküste von Puerto Rico einen geschützten Platz anzulaufen.

Der Wind nimmt immer mehr zu, und wir entscheiden uns bei 20 Knoten, den Gennaker einzuholen – was trotz diverser Tricks diesmal einfach nicht gelingen will. Wie wild schlägt das riesige Leichtwindsegel im Wind, bis Mike völlig erschöpft versucht, es mit dem Endlosfurler einzudrehen. Das Problem: Die Endlosleine rutscht durch den Furler, und der Wind dreht das Segel immer wieder heraus. Nach bangen Minuten schaffen wir es schließlich gemeinsam, das Tuch einzuholen. Wir sind körperlich fertig – Mikes Arme und Beine schmerzen, das Energielevel liegt bei null. Der Furler muss dringend gewartet werden und kommt auf die To-do-Liste.

Am späten Sonntagnachmittag, dem 1. Februar, erreichen wir schließlich die Ankerbucht. Mit Hilfe einer App versuchen wir, elektronisch nach Puerto Rico einzuklarieren. Leider bedenken wir dabei nicht, dass Puerto Rico zu den USA gehört. Damit nimmt unsere Pechsträhne ihren Lauf.
Über die „Customs and Border Protection ROAM“-App werden wir von einem Officer kontaktiert. Er fragt nach Pässen und Visa. Wir besitzen jedoch kein Visum, nur ein abgelaufenes ESTA. Wir erklären dem Beamten, dass wir lediglich dem herannahenden Sturm ausweichen wollen – doch es hilft nichts. Wir müssen am nächsten Tag persönlich beim Department of Homeland Security am internationalen Flughafen der Insel erscheinen.

Kathi organisiert noch am Sonntagabend ein Taxi, und wir fahren Montag früh um 7:00 Uhr zu dem 1,5 Stunden entfernten Flughafen im Norden der Insel. Dort angekommen, begeben wir uns in das Customs Office – und werden fünf Stunden lang von zwei Beamten „bearbeitet“. Fingerabdrücke werden genommen, Fotos gemacht, und nach mehreren ernsten Belehrungen erhalten wir eine Sondergenehmigung, die mit 1.400 USD „honoriert“ wird. Immerhin sind die Beamten freundlich, und wir zeigen uns reumütig mit gesenkten Köpfen. Wie konnte uns das nur passieren? Wir waren so vertieft in die Wettermodelle, dass wir nicht nachrecherchiert haben, ob die Einreise nach Puerto Rico überhaupt erlaubt ist – dumm gelaufen.

Am frühen Nachmittag kehren wir erschöpft zum Schiff zurück. Der Taxifahrer, der geduldig auf uns gewartet hatte, brachte uns freundlicherweise wieder zurück. Seine Dienste belohnen wir mit 300 USD.

Um das Tageserlebnis perfekt zu machen, hat Mike dann die glänzende Idee, in die Maschinenräume zu schauen.
Und was entdeckt er wohl erneut? Wasser und Öl!
Oh nein – wir hatten doch das Getriebe auf Sint Maarten von Gregory warten lassen. Scheinbar war das gar nicht die Ursache des Öllecks. Wie ärgerlich!

Wir diskutieren, wägen Optionen ab, und nach einigen Tränen machen wir uns am Dienstag daran, die Maschinenräume gründlich zu säubern.

Wir prüfen erneut das Wetter und überlegen, am Mittwoch Richtung Dominikanische Republik weiterzusegeln, um dort in einem Hafen auf besseres Wetter zu warten. Wir fragen in Punta Cana nach einem Liegeplatz, erhalten aber keine Antwort. Also entscheiden wir uns, trotz nicht optimaler Bedingungen, in Richtung Bahamas weiterzufahren und gehen am Mittwochmorgen Anker auf.

Nachdem wir den Riffgürtel passiert haben, wollen wir das Großsegel setzen – doch es bewegt sich keinen Millimeter. Einige Mastrutscher an den Segellatten klemmen in der Schiene und verhindern das Durchholen. Als wir das Problem untersuchen, sehen wir: Die aus Aluminium bestehende Mastschiene ist beschädigt, vermutlich beim letzten Mastaufstieg durch das Gurtzeug oder den Bootsmannsstuhl. Mit einer Feile ließe sich der Schaden beheben, aber bei 2,8 Meter Welle ist daran nicht zu denken. Also verstauen wir das Großsegel wieder und segeln auf spitzem Amwindkurs nur mit der Genua. Bei 20 Knoten Wind machen wir immerhin 6,5 Knoten Fahrt.

Wir werden wohl auch motoren müssen – bis nach Inagua, der ersten Insel der Bahamas, sind es rund 450 Seemeilen. Die Reparatur der Mastschiene muss warten, und auch für das ölende Saildrive müssen wir uns noch etwas überlegen.

Nachts ist es derzeit mit 17 Grad erstaunlich frisch – ganz und gar nicht karibisch. Selbst hier scheint das Klima aus dem Gleichgewicht geraten zu sein. Es wird von Jahr zu Jahr besorgniserregender. Auf Kuba werden aktuell 0 Grad gemessen!! Das ist historisch einmalig.

Wir hoffen, dass diese trüben Tage bald vorbei sind – voller Optimismus blicken wir nach vorn!

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Weiter nördlich auf den kleinen Antillen

Nachdem wir die Marina Pointe du Bout verlassen haben, werfen wir den Anker vor „Le Carbet“. Wir genießen drei Tage dort und besuchen die Bar Le Wahoo. Hier gibt es den Mega-Cocktail Despejito – eine Mischung aus Mojito und Desperados. Unglaublich lecker! Dann geht es für uns weiter.

Wir liegen in der traumhaften Bucht Anse Couleuvre auf Martinique vor Anker, um unsere nächste Überfahrt zur Insel Marie-Galante vorzubereiten. Am nächsten Tag werden wir in den frühen Morgenstunden plötzlich von einem merkwürdigen Piepton geweckt. Wir schrecken hoch und stellen fest, dass wir keinen Strom mehr an Bord haben. Panisch rennen wir durch die KAMI und suchen den Fehler, prüfen Sicherungen, Systeme, Schalter – alles drin, alles normal … nur eben komplett ohne Strom. Die Batterien liefern nur noch rund 10 Volt. Mike ruft kurzerhand unseren Elektriker Matthias an, der die komplette Elektrik auf der KAMI neu aufgebaut hat. Zum Glück geht er sofort ans Telefon. Nach einem kurzen Gespräch schaltet er sich von Mallorca aus auf unser Victron-System und prüft alles remote. Und dann kommt der Hammer: Unsere Batterien sind komplett leer, obwohl das System am Abend vorher noch 60 % Kapazität angezeigt hatte!

Laut Matthias war die Kalibrierung fehlerhaft – vermutlich durch ein Server-Update von Victron. Offenbar waren wir schon länger mit viel zu wenig Spannung unterwegs, ohne es zu wissen. Zum Glück hatte Mike damals darauf bestanden, den Generator mit einer separaten Batterie abzusichern, denn wir konnten nicht einmal die Maschinen starten. Also: Generator an, durchatmen und weiter.
Matthias setzt die Batterieanzeige komplett auf null. Jetzt muss der Generator laufen, bis wir wieder bei echten 100 % sind – und diesmal sind 100 % auch wirklich 100 %. Bei LiFePO₄-Batterien entspricht das 14,7 Volt.

Eigentlich wollten wir erst am nächsten Morgen gegen fünf Uhr nach Marie-Galante starten, aber da der Generator die ganze Nacht hätte laufen müssen, wollten wir unseren Ankernachbarn den Krach nicht antun. Also ziehen wir die Abfahrt auf den Nachmittag vor und gehen gegen 17 Uhr Anker auf. Für die 65 Seemeilen brauchen wir rund 13 Stunden.

Wir starten am Nachmittag, setzen die Genua – doch plötzlich funktioniert eine unserer drei elektrischen Winschen im Cockpit nicht mehr. Na toll – was denn jetzt noch alles …
Aber dank Kurbel und Muskelkraft geht es auch so. Für Kathi ist es allerdings ziemlich mühsam, weil die Winsch relativ weit oben sitzt und sie aufgrund ihrer Körpergröße auf dem Steuerstand-Sitz knien muss, um sie bedienen zu können. Sieht witzig aus – und funktioniert.
Am nächsten Morgen gegen 10 Uhr erreichen wir Marie-Galante. Auf dem Weg in die Ankerbucht schlängeln wir uns durch unzählige Fischerbojen (manchmal nur leere Getränkeflaschen) – so etwas haben wir noch nie erlebt. Wir fahren Slalom bis kurz vor den Strand.
Es hat sich gelohnt: Die Bucht ist ein Traum. Weißer Sand, türkisfarbenes Wasser, und bis auf vier andere Ankerlieger nur wenige Besucher am Strand. Es ist herrlich ruhig. Wir verbringen dort drei wunderschöne Tage, schwimmen, genießen das Wasser und die Stille. Piper übt fleißig das Schwimmen und verliert mehr und mehr ihre Angst vor dem Wasser.
Kathi muss zwischenzeitlich „in den Mast“. Unsere Flaggenleine ist gerissen – die Sonne hat mit ihren UV-Strahlen das Gewebe der dünnen Leine völlig zersetzt.

Wir segeln weiter nach Guadeloupe, in die Hauptstadt Pointe-à-Pitre. Sie ist nur drei Stunden entfernt. Dort gibt es einen riesigen Hafen, diverse Yachthändler, und wir hoffen auf das passende Ersatzteil. Die elektronische Steuerbox hat ihren Dienst quittiert und muss ersetzt werden. Wir hatten hierzu auch mit dem Kundendienst des Herstellers (HARKEN Deutschland) telefoniert. Leider wird Mike in keinem der Shops fündig.
Wir ankern so nah an der Fahrrinne, dass wir die vorbeifahrenden Kreuzfahrtschiffe fast mit der Hand berühren können. Uns ist etwas unwohl – also geht es am nächsten Tag weiter nach Saint-Barthélemy – rund 190 Seemeilen, etwa 38 Stunden Passagezeit.

Wir haben uns als Ziel die wunderschöne Bucht Anse du Gouverneur ausgesucht – abseits von Städten und Trubel. Es ist zwar etwas schwellig, aber auf unserer KAMI gut auszuhalten. Nach einem Schnorchelausflug – inklusive Sichtung eines Rochens – fahren wir mit Piper an den Strand. Der ist nicht nur traumhaft schön, sondern auch Brutstätte für Landschildkröten, die überall über den Sand laufen. Wahnsinn! Piper schaut etwas verdattert, interessiert sich aber erstaunlicherweise wenig für die süßen Tierchen.

Zurück an Bord meint Mike plötzlich: „Du, lass uns mal die Motorräume und die Bilgen prüfen, ob alles safe ist.“ Also los – und dann beginnt das Unheil.
Die Bilgen sind trocken – super! – aber im Steuerbord-Motorraum steht Wasser. Bei genauerem Hinsehen entdecken wir, dass die erst letztes Jahr neu eingebaute Wasserpumpe völlig korrodiert ist. Grrr! Schlimmer kann es ja nicht mehr werden … oder doch?
Im Backbord-Motorraum steht Öl. Und das geht wirklich gar nicht. Die Motoren sind – neben Generator und Wassermacher – die wichtigsten Bauteile an Bord. Wir machen alles sauber und entscheiden uns sofort, am nächsten Morgen die Bucht zu verlassen und nach Saint-Martin in die Nähe der Hauptstadt Marigot zu segeln – nur etwa drei Stunden entfernt.

Die Infrastruktur der Insel ist gut, es gibt diverse Yachthändler, und wir hoffen auf passende Ersatzteile – zumindest für die Winsch und die Wasserpumpe, die wir selbst tauschen können. Für den Motor brauchen wir professionelle Hilfe. Auf der Insel gibt es einen Yanmar-Händler und diverse andere Yachtausrüster.

Wir ankern in der riesigen Bucht Baie de Marigot direkt vor der Hauptstadt. Überall Dinghy-Docks und unfassbar viele Schiffe – darunter auch Superyachten mit eigenem Helikopter-Landeplatz.
Als Erstes fahren wir mit dem Dinghy zum Marine-Shop Île Marine. Dort treffen wir auf Fabian, einen supernetten Berater, der sofort hilft, das richtige Teil für die Winsch zu finden, und uns den Kontakt zu Fabrice gibt – ein Mechaniker, der „sehr gut sein soll“.
Kathi schreibt Fabrice sofort, schickt Bilder vom öligen Motorraum und klärt, ob er die vermutlich defekten Dichtungen am Saildrive (Getriebe) wechseln kann und Zeit hat. Er antwortet: „Kein Problem.“ Er geht zu Île Marine, erklärt Fabian, welche Dichtungen wir brauchen, und Fabian bestellt sowohl die Dichtung als auch unsere Wasserpumpe in Miami (USA) – per FedEx, Lieferzeit etwa fünf Tage. Heute ist Freitag, also sollten die Teile Mittwoch oder Donnerstag da sein.

Wir reparieren in der Zwischenzeit die Winsch – klappt super – und kaufen Haltbares für unsere kommende Zeit auf den Bahamas ein.

Das heißt: mehrere Supermarktbesuche, schleppen, ins Dinghy laden, an Bord verstauen – und wieder von vorn. Es dauert, aber wir haben ja Zeit.
Wir besuchen mit Piper eine kleine Tierarztpraxis in Marigot. Impfungen auffrischen, Krallen schneiden und der Rundumcheck für das Gesundheitszertifikat (zum Einklarieren auf den Bahamas) stehen auf dem Programm. Die junge Ärztin ist toll – sie küsst Piper sogar auf den Kopf und geht sehr liebevoll mit unserem Fratz um.

Mit dem Mietwagen erkunden wir noch etwas die Insel, fahren nach Philipsburg, der niederländischen „Hauptstadt“, und schlendern mit Piper über die kleine Strandpromenade.

Dann, am Donnerstag, kommt endlich der ersehnte Anruf: Die Ersatzteile sind da! Kathi schreibt sofort Fabrice. Er antwortet, er komme Freitag früh um 10 Uhr.
Pünktlich um 10 Uhr steht Fabrice an Bord. Wir haben vorher schon die Zugänge zu den Maschinenräumen freigeräumt. Doch sein Gesichtsausdruck, als er in den Motorraum schaut, verheißt nichts Gutes. „Bei diesem Schwell hier in der Bucht kann ich nicht arbeiten“, sagt er nur.
Super. Eine Woche warten – für nichts.

Es ist 10:30 Uhr, Fabrice verlässt die KAMI mit seinem Dinghy. Wir schauen uns an, und Kathi sagt: „Komm, um 12 Uhr müssen wir den Mietwagen abgeben. In der Nähe von Philipsburg gibt es einen Yanmar-Händler und Reparaturservice. Da fahren wir jetzt noch schnell hin.“ Gesagt, getan.
Ein sehr netter älterer Herr sitzt am Tresen. Wir schildern unser Problem. Er blättert im Kalender – wir halten die Luft an – und dann sagt er: „Donnerstag nächste Woche – frühestens.“ Unser Grinsen konnte man vermutlich vom Parkplatz aus sehen. Natürlich nehmen wir den Termin, kaufen gleich den passenden Dichtungssatz und geben noch 10 Dollar Trinkgeld mit der Bitte, uns vorzuziehen, falls jemand abspringt.
Das bedeutet allerdings, dass wir vom französischen Teil der Insel in den niederländischen segeln müssen. Die Insel hat eine Lagune, die beide Seiten verbindet, aber auf der französischen Seite wird die Klappbrücke seit einem lokalen Aufstand in der letzten Woche bestreikt.
Für uns heißt das: außen herum.

Am Samstag wird zuerst die Wasserpumpe gewechselt. Nach Rücksprache mit Nico, unserem Techniker aus der Heimat, gehen wir ans Werk. Neue Pumpe vorbereiten, fetten, montieren – dann die alte Pumpe vom Motorblock ausbauen und die neue vorsichtig einsetzen. Klingt einfach, wäre da nicht der kaum vorhandene Platz in unseren Maschinenräumen. Aber wir schaffen es! Probelauf – alles dicht. Sehr gutes Gefühl.

Am Sonntag machen wir uns auf den Weg zur Simpson Bay Bridge im niederländischen Teil der Insel. Nach einem kurzen Telefonat mit dem Brückenwärter müssen wir erst vor der Brücke ankern und die Durchfahrtsgebühr von 41 US-Dollar bezahlen.
Wir nehmen alle Dokumente mit, denn wir müssen auf diesem Teil der Insel noch „klassisch“ einklarieren – das heißt vor Ort mit vielen Formularen, nicht so fortschrittlich digital wie auf den französischen Überseeinseln.

Im Polizeigebäude treffen wir auf eine freundliche junge dunkelhäutige Dame, die gerade das „Mittagspause“-Schild umdrehen will. Sie lächelt, fragt, ob sie uns noch helfen kann, und meldet die KAMI zur nächsten Brückenöffnung an. Einklarieren können wir allerdings noch nicht, da wir uns in Frankreich nicht abgemeldet haben. Das war uns neu – in Frankreich geht so etwas bequem online. Sie druckt die nötigen Formulare aus und erklärt uns den Ablauf. Wir geben noch 5 US-Dollar Trinkgeld und wünschen ihr eine erholsame Mittagspause.
Nach der Brückenöffnung gegen 14 Uhr fahren wir in die Lagune – und staunen nicht schlecht: Wir haben noch nie so viele Mega-Yachten auf einem Haufen gesehen. Wahnsinn!

Nachdem wir einen freien Ankerplatz gefunden haben, fahren wir zurück zur Immigration. Drei Paare warten bereits vor uns. Plötzlich kommt eine Polizistin heraus, erkennt uns wieder, nimmt unsere Dokumente entgegen – und drei Minuten später haben wir unsere Einreisepapiere. Reibungslos!
Wow! Lag es vielleicht an unserem kleinen Trinkgeld vorhin? Ohne Witz: Direkt an der Scheibe des Schalters steht ein transparenter Kunststoffbehälter mit der Aufschrift „Tip“. In Deutschland undenkbar – aber gut, uns hat es Wartezeit erspart, und die Damen dort waren wirklich sehr nett und freundlich.

Am Nachmittag haben wir noch einen Video-Call mit Mikes Familie und machen uns danach auf den Weg, den Hafen und die Stadt zu erkunden. Piper bleibt an Bord – der ganze Trubel wäre ihr zu viel. Also entspannt sie zu Hundemusik auf Apple Music und genießt die Ruhe.

Am Montagmorgen will Kathi dem Yanmar-Service schreiben, dass wir in der Bucht liegen. Doch nach dem Aufwachen gegen 7:30 Uhr entdeckt sie einen Anruf in Abwesenheit – Vorwahl +1, das kann nur von hier sein – vielleicht Yanmar? Sie ruft zurück, und ein freundlicher Mechaniker namens Gregory meldet sich. Er fragt, ob wir schon da sind und ob wir ihn am Dinghy-Dock abholen können.
Na klar können wir! Mike wird aus dem Schlaf gerissen, springt ins Dinghy, holt Gregory ab, und zehn Minuten später steht er bei uns an Bord und beginnt sofort mit der Arbeit. Mithilfe eines Flaschenzugs, der an unserer Dirk befestigt wird, hebt er den Motor an, um ihn vom Getriebe zu trennen. Der Schaden ist größer als gedacht – und laut seiner Aussage war das Getriebe falsch eingebaut. Deshalb war das Getriebeöl bereits tiefschwarz und die Kupplungsscheiben vorzeitig verschlissen. Durch die beschädigten Dichtungen trat Öl in den Maschinenraum aus.
Mike fährt mit Gregory zur Firma, um die beschädigte Getriebewelle reparieren zu lassen. Gott sei Dank sind die dazu benötigten Kupplungsteile vorrätig. Nach einer Stunde geht es zurück zur KAMI, und Gregory macht sich unverzüglich an den Zusammenbau. Gegen 14 Uhr ist das Werk getan – und die Maschine läuft wieder! Kein Ölaustritt mehr.

Wir fahren gemeinsam mit Gregory zurück zur Yanmar-Werkstatt und bezahlen beim netten älteren Herrn von letzter Woche. Bei der dankbaren Verabschiedung drücken wir Gregory noch ein ordentliches Trinkgeld in die Hand. Er grinst über beide Wangen und freut sich. Wir sind zutiefst dankbar für die rasche und professionelle Hilfe.

Zurück an Bord machen wir gleich eine Wetterrouting-Planung. Es sieht für die nächsten Tage nicht ganz optimal aus. Wir wollen jetzt so schnell wie möglich auf die Bahamas – endlich wieder in kristallklarem Wasser tauchen und die vielen kleinen Inseln mit schneeweißen Stränden genießen.
Ab Samstag sieht es windtechnisch ganz gut aus, also legen wir den Start darauf fest. Geschätzte Passagezeit: fünf Tage. Vorher müssen wir noch einmal Pipers Gesundheitszertifikat aktualisieren lassen, ausklarieren und verderbliche Lebensmittel aufproviantieren. Die Kühlschranktür muss noch nachgestellt und das Schiff segelfertig gemacht werden (Dinghy verzurren, Lagerkisten sichern usw.).

Wir freuen uns sehr auf die Exumas – und auf den bevorstehenden Besuch aus Deutschland Anfang März.

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Laute Feiertage auf Martinique

Wie geplant laufen wir am 8. Dezember in den kleinen Hafen von Pointe du Bout ein. Wir machen direkt neben dem Fähranleger der martiniquischen „Blue Lines“ fest und haben von unserem Cockpit aus einen großartigen Blick hinüber nach Fort-de-France, die Hauptstadt von Martinique. Die Fähren, die jeweils rund 80 Personen transportieren können, kommen und gehen im 20‑Minuten-Takt – fast täglich von 6:45 Uhr bis 22:00 Uhr. Anfangs finden wir das rege Treiben noch spannend und fühlen uns mittendrin im karibischen Alltag, doch je länger wir im Hafen liegen, desto mehr zerrt der permanente Hafenkrach an unseren Nerven. Zu den Fähren gesellen sich zahlreiche Ausflugskatamarane und Touristenboote, die ebenfalls ständig ein- und auslaufen.

Tatsächlich liegen nur wenige andere „Gäste“ hier in Pointe du Bout, was uns überrascht, denn die Lage des Hafens ist fantastisch. Rundum reihen sich Restaurants, Bars, Cafés, kleine Shops und Boutiquen aneinander und verleihen dem Ort eine beinahe mediterrane Urlaubsatmosphäre. Pointe du Bout ist vor allem eine Hotel- und Appartementgegend, und zu den Feiertagen strömen Tausende Urlauber – viele Franzosen vom Festland – durch die Straßen und Gassen. Hin und wieder tauchen an unserem Steg auch die Zubringerboote von Kreuzfahrtschiffen auf. Die weißen Kreuzfahrtriesen ankern weit draußen im Tiefwasser, und die Reedereien lassen ihre Gäste mit Barkassen zeitweise in „unseren“ Hafen übersetzen. Von dort aus werden sie weiter verteilt auf Tagestouren, Strandausflüge und allerlei Unterhaltungsprogramme.

Mit einem Mietwagen fahren wir vom Hafen aus etwa 50 Minuten hinüber nach Fort-de-France. Die Hauptstadt ist von weitem beeindruckend, doch in der Innenstadt merken wir schnell, dass sie – abgesehen von ein paar Kirchen und Kolonialbauten – nicht übertrieben sehenswert ist. In der Fußgängerzone liegt ein schwerer Geruch in der Luft, eine Mischung aus Schweiß, Urin und süßlich-scharfem Cannabisduft. Gefühlt hat jeder zweite Franzose hier eine Zigarette im Mundwinkel, und viele der Einheimischen mit dunkler Hautfarbe ziehen am Joint. Manche bewegen sich in einem tranceähnlichen Zustand entlang der Hafenpromenade, andere sitzen oder liegen an Mauern und Hauswänden und scheinen irgendwo zwischen Tagtraum und Realitätsflucht festzuhängen.

Viele der Gebäude haben ihre besten Jahre längst hinter sich; bröckelnder Putz und vergitterte Fenster erzählen von besseren Zeiten. Gemütliche Orte zum Verweilen zu finden, ist gar nicht so einfach, und so schlendern wir mehr beobachtend als genießend durch die Straßen. Eine bunte Künstlergasse mitten im Zentrum fällt positiv aus dem Rahmen: farbenfrohe Graffitis, kleine Bar`s und gemütliche Restaurants schaffen eine lebendige, kreative Insel im eher tristen Stadtbild und laden tatsächlich zum Verweilen ein. Mehrmals setzen wir später mit der Fähre von Pointe du Bout nach Fort-de-France über. Die Überfahrt ist deutlich schneller und entspannter als die Autofahrt, und nach nur 20 Minuten legen wir im größeren Stadthafen an. An einem Sonntag sind wir jedoch nach nur 40 Minuten Aufenthalt wieder zurückgefahren – die gesamte Innenstadt war verriegelt und verrammelt, als hätte man den Stecker gezogen. Merkwürdig.

Bei einem anderen Besuch erleben wir dafür einen besonderen Moment: In der Nähe des Dinghy-Docks, unweit des Fähranlegers, findet ein Gospelkonzert statt. Die kräftigen Stimmen, die rhythmischen Klatscher, das Lächeln der Sänger – das geht direkt unter die Haut. Singen können sie, die Menschen hier, und wie! Direkt an der Hafenpier entdecken wir außerdem einen Stand unter einem Easy-Up-Zelt, der mindestens 20 Varianten des Cocktails „Mojito“ anbietet. Wir können nicht widerstehen, bestellen und probieren bei Big Mama. Die Mischung aus Sprite, Rum, Essenzen, frischer Minze, Eis, Wasser und diversen geheimen Zutaten wird in meterhohem Tempo gerührt, gemuddelt und geschüttelt. Schon beim Zuschauen läuft uns das Wasser im Mund zusammen. Am Ende stoßen wir mit einem „Prost“ auf die Karibik an – für stolze 12 Euro pro Glas / Becher, aber jeden Schluck wert.

In den ersten Wochen arbeiten wir nach und nach unsere lange Einkaufsliste ab. Wir fahren zu Decathlon, in zwei große Baumärkte, besuchen einen Victron-Händler (einer unserer Solaradapter hat den Geist aufgegeben), steuern „Darty“ an – ein Elektromarkt ähnlich wie MediaMarkt – und klappern mehrere Supermärkte ab. Auf der Insel gibt es tatsächlich fast alles, was man sich wünscht – ganz anders als auf den Kanaren, wo manches schlicht nicht zu bekommen war. Der entscheidende Unterschied: Die Preise. Viele Produkte kosten hier gefühlt das Dreifache. Für 300 Liter Diesel, die wir in 25‑Liter-Kanistern mit dem Mietwagen heranschaffen (12 Kanisterladungen), zahlen wir knapp 600 Euro. Ein großer Einkauf im Supermarkt – anderthalb randvolle Einkaufswagen – schlägt mit rund 660 Euro zu Buche.

Grundnahrungsmittel sind noch halbwegs bezahlbar, aber alles, was in die Kategorie „Genuss“ fällt, haut richtig rein. Nur für Frühstückscerealien lassen wir über 50 Euro an der Kasse. Uns ist klar, dass es in der Karibik erstmal nicht billiger, sondern eher teurer werden wird. Vor allem auf den Bahamas, unserem späteren Ziel, wird das Preisniveau noch einmal eine ganz andere Liga erreichen. Die Erinnerungen an 2023 kommen hoch, an die Einkäufe in Nassau: 12 Dollar für eine 375‑Gramm‑Cornflakespackung, und das war nicht mal ein Premiumprodukt. Noch krasser waren damals die Preise auf Bermuda: Eine 0,33ml Dose Cola für 8 Dollar, ein Liter Milch für 16 Dollar. Im Vergleich dazu wird einem erst bewusst, wie günstig Lebensmittel in Deutschland tatsächlich sind.

Zurück in die Gegenwart: Wir proviantieren jetzt schon großzügig für die kommenden Monate, stapeln Konserven, Trockenwaren und „Nervennahrung“ und planen die nächsten größeren Einkäufe für Guatemala und die Dominikanische Republik. Dort, so heißt es, sollen die Preise wieder deutlich niedriger sein – und Platz an Bord haben wir genug, um Vorräte für mehrere Monate (und für eventuellen Besuch) zu bunkern.

Kulinarisch ist Martinique nicht das, was wir uns im ersten Moment unter französischer Küche vorgestellt haben. Viele Einheimische essen in Fast-Food-Restaurants, die Speisen dort sind oft fettlastig und geschmacklich eher enttäuschend. Durch Zufall stoßen wir jedoch in unserer Nähe auf ein kleines, familiengeführtes Restaurant „L Antares“ – es erinnert uns an das „Carbon Carbon“ auf Lanzarote – mit einer glatten 5,0‑Sterne-Bewertung bei Google. Die Speisekarte ist klein und übersichtlich, aber jede einzelne Spezialität darauf ist ein Volltreffer. Alles schmeckt unglaublich lecker, liebevoll zubereitet und mit einem Hauch Raffinesse, den man sonst lange suchen muss. Wir verlieben uns auf Anhieb in dieses Restaurant, das nur fünf Tage die Woche von 19:00 bis 21:30 Uhr geöffnet hat. Zu Heiligabend kehren wir natürlich ebenfalls dort ein.

Lea ist für eine Woche zu Besuch, und wir genießen die gemeinsame Zeit in vollen Zügen. Es stehen Schnorchelausflüge, ein Canyoning-Abenteuer und unzählige Momente im und auf dem Wasser auf dem Programm. Während ihres Aufenthalts zeigt sich das Wetter von seiner besten Seite: heiß, sonnig, karibisch. Davor jedoch hatten wir fast täglich einen Mix aus Regen, Sonne und kräftigem Wind. Als wir Lea am 28. Dezember abends wieder zum Flughafen bringen, wird es emotional. Bei Mutter und Tochter brechen kurz die Tränen durch. Die Frage, wann wir uns das nächste Mal wiedersehen, hängt unausgesprochen, aber schwer im Raum.

Wie ihr wisst, standen noch einige Bootsarbeiten auf der Liste. Unsere Ankerwinsch haben wir in rund vier Stunden gegen eine neue ersetzt – das Ersatzteil lag bereits seit Längerem an Bord bereit. Bei über 30 Grad in der prallen Sonne in der Backskiste zu hocken, war alles andere als angenehm. Es war eine schweißtreibende und erschöpfende Arbeit, aber am Ende haben wir es – inklusive Elektroniktausch / neuem Relais im Schiff – sauber hinbekommen. Die neue Winsch schnurrt jetzt wie ein muskelbepacktes Kätzchen. Genau so soll es sein.

Weniger unkompliziert ist unser „magischer“ Wassereinbruch über den Deckenstrahler in unserer Koje. Leider erweisen sich auch hier die lokalen Ansprechpartner des TO als wenig hilfreich. Wie schon auf Lanzarote fehlt uns die echte Unterstützung vor Ort. Irgendwie können wir es verstehen: Wir möchten gar nicht wissen, welche Flut an E‑Mails, Anrufen und Anfragen die TO‑Leute in der Saison bewältigen müssen. Das Ganze wird ehrenamtlich gestemmt, und dass unter dieser Last die Qualität der Betreuung leidet, ist fast zwangsläufig. Wir würden mit ihnen nicht tauschen wollen.
Was wir bekommen, sind am Ende lediglich ein paar, teils wenig zielführende Kontakte. Ein Telefonat klingt zunächst vielversprechend, doch schnell fällt die Zahl von pauschal 3.000 Euro – nur dafür, dass jemand an Bord kommt, um nach der Ursache des Wassereinbruchs zu suchen. Außerdem sei gerade Hochsaison, und eigentlich habe man auf solche Arbeiten überhaupt keine Lust. Kopfschütteln. Vielen Dank auch. Also bleibt nur ein Schluss: Selbst ist der Segler. Wir beschließen, einen „Shunt“ zu bauen – sprich: Wir leiten das wenige temporäre Wasser, das partout bei Starkregen und kräftigen Seegang nicht draußen bleiben möchte, wenigstens wieder nach außen. Alles Nötige besorgen wir im Baumarkt und in einem Aquariengeschäft (winziger Schlauch). Ob dieses kleine MacGyver-Projekt wirklich funktioniert, wird sich zeigen, sobald wieder genug Wasser von oben oder von der Seite kommt. Wir sind selbst gespannt und hoffen auf einen Erfolgsbericht.

Ein glücklicher Zufall beschert uns schließlich einen Parasailor für unsere KAMI. Schon bei der Atlantiküberquerung hatten wir davon geschrieben, dass wir uns irgendwann ein solches Leichtwindsegel gönnen möchten. Eines Abends lesen wir, dass ein französischer Segler, der vor Fort-de-France ankert, seinen Parasailor verkaufen will. Wir nehmen Kontakt auf, bekommen Fotos und Infos, entscheiden aber nach reiflicher Überlegung, dass der aufgerufene Preis von 5.500 Euro zu hoch ist, und sagen schweren Herzens ab. Ein vergleichbarer neuer Parasailor würde uns etwa 8.500 Euro kosten (hatten wir hier bei einem lokalen Händler angefragt).
Zwei Tage später meldet sich der Verkäufer erneut: Er korrigiert seine Preisvorstellung auf 3.500 Euro. Da bleibt uns nichts anderes übrig, als zuzuschlagen. Die fehlende Hardware für die KAMI – Umlenkrollen, Blöcke und Beschläge, um das Segel sicher fahren zu können – bestellen wir kurzfristig bei SVB in Deutschland. Lea bringt die Teile bei ihrem Besuch mit in die Karibik. Perfektes Timing.

An den Umgang mit Hunden haben wir uns auf unserer Reise inzwischen gewöhnt – und daran, dass sie vielerorts nicht willkommen sind. In Martinique ist das nicht anders. Weder in Einkaufszentren noch in Baumärkten sind Hunde gern gesehen, überall lesen wir „Kein Zutritt für Hunde“. Das Gleiche gilt für viele Restaurants und Bars. Selbst im Außenbereich werden wir mit Piper nicht selten freundlich, aber bestimmt des Platzes verwiesen. Das frustriert. Auf der Suche nach schönen Stränden in der Nähe werden wir von anderen Badegästen darauf hingewiesen, dass Hunde hier nicht erlaubt sind. Noch mehr Frust.
Zum Glück finden wir mit dem Dinghy, gleich um die Ecke des Hafens, einen „wilden“ Strandabschnitt mit reichlich herumliegenden Kokosnüssen. In der kleinen Lagune davor, so erzählt uns beim ersten Besuch ein Franzose, sollen sich drei Meeresschildkröten tummeln. Und tatsächlich: Zusammen mit Lea entdecken wir bei unseren Schnorchelgängen nicht nur die ersehnten Schildkröten, sondern auch einen riesigen Seestern. Ein kleiner, stiller Schatz, fast für uns allein. An diesem Strand sind kaum Menschen unterwegs – hin und wieder sieht man Einheimische mit ihren Kindern, doch bei unseren zahlreichen Besuchen haben wir meist Glück und sind fast allein.

Piper mutiert dort zur wahren Kokosnussschälerin. In der Zeit schält sie mindestens fünf Kokosnüsse bis auf den harten Kern. Die so freigelegten Nüsse nehmen wir mit an Bord der KAMI, schlagen sie dort auf und Stück für Stück wandert das Kokosfleisch in Pipers Futterschale. Auch das Kokoswasser schleckt sie mit größtem Vergnügen. Natürlich probieren wir selbst ebenfalls hin und wieder vom frischen Kokosfleisch. Verhungern würden wir auf einer einsamen Insel mit Kokospalmen wohl eher nicht.

Um die Feiertage herum erleben wir Supermärkte im Ausnahmezustand. Die Läden sind brechend voll, die Einkaufswagen überladen, und wir fragen uns immer wieder, wie die Einheimischen sich diese hohen Preise leisten können. Verdient man hier wirklich so viel mehr als in Deutschland? Weihnachtsstimmung will trotzdem kaum aufkommen. Abgesehen von ein paar Lichterketten und Straßen-Dekorationen ist wenig festlich. Keine Weihnachtsmusik, keine typischen Düfte, keine vertraute Gemütlichkeit. Bei über 30 Grad im Schatten und ähnlich warmen Wassertemperaturen ist das auch nicht verwunderlich.

Silvester feiert man auf Martinique mit einem „Vorfeuerwerk“ am Tag davor und einem weiteren Feuerwerk am 31. Dezember selbst. Für unsere Piper ist diese Zeit der pure Stress. An beiden Tagen wird bis tief in die Nacht geknallt, und von den endlos vorbeifahrenden Schiffen und Booten dröhnt martiniquische Volksmusik in Dauerschleife über das Wasser. Wir bleiben die beiden Abende an Bord, versuchen Piper mit Spielen, Streicheleinheiten und ruhiger Stimme abzulenken und ihr ein kleines bisschen Sicherheit zu geben.

Im Vergleich zu den Kanaren geht es unserer Piper`li hier insgesamt aber deutlich besser. Zwar machen ihr die hohen Temperaturen zu schaffen, doch ihre Haut hat sich erholt, und die warmen Wassertemperaturen liebt sie. Bei unseren Dinghy-Ausflügen zu den Stränden tobt sie unermüdlich durch die Wellen und apportiert auch die hundertste Kokosnuss brav zurück zum Ufer. Ab 18 Uhr, wenn es dunkel wird, gehört ein Spaziergang durch den Hafen und die umliegenden Hotelanlagen zum festen Ritual. Die in den Hecken vergrabenen Krabben, die plötzlich aus ihren Löchern schießen, und das ohrenbetäubende Zirpen der unzähligen Zikaden fesseln ihre Aufmerksamkeit jedes Mal aufs Neue.

So langsam fangen wir dennoch an, unsere Entscheidung zu hinterfragen, so lange in der Marina zu bleiben. Der große Vorteil: Das Proviantieren ist unglaublich entspannt. Alles andere spricht jedoch mit der Zeit dagegen. Nach der Hälfte unserer Liegezeit in Pointe du Bout nerven uns der ständige Lärm, das Kommen und Gehen der Fähren, die Ausflugsboote, die Musik – kurz: die permanente Unruhe.

Nach etwa zwei Wochen bekommen wir zudem einen unangenehmen spanischen Stegnachbarn. Als Einhandsegler legt er mit dem Bug am Steg an, kann aber so nicht alleine vom Schiff runter. Er fragt, ob er über unsere KAMI an Land gehen darf. Selbstverständlich sagen wir ja – Segler helfen sich. Aus den angekündigten drei, vier Tagen werden jedoch Wochen. Irgendwann reisen auch noch seine Frau und die Tochter mit dem Flugzeug an, und unsere KAMI verwandelt sich mehr und mehr in eine Dauer-Gangway.
Täglich schrubbt Mike das Deck, weil die Nachbarn es oft nicht schaffen, ihre Schuhe auszuziehen. Manchmal trampeln sie schon gegen sechs Uhr morgens über unser Schiff und wecken die gesamte Crew, manchmal kommen sie erst tief in der Nacht von Bar-Touren zurück.

Der Frust wächst von Tag zu Tag, bis eines Abends das Maß voll ist: Wir sitzen leicht bekleidet im Cockpit, als die gesamte Familie innerhalb einer Stunde gleich zweimal über die KAMI läuft. Das ist dann endgültig zu viel.
Mike sucht das Gespräch, bleibt sachlich, aber deutlich, und holt schließlich unsere Leiter aus dem Vorschiff. Er stellt sie dem Nachbarn zur Verfügung, damit dieser samt Familie direkt vom Steg aus über den Bug seines eigenen Bootes an Bord kommen kann – ganz ohne Umweg über die KAMI. Drei Tage später sind die Spanier verschwunden. Wir sind gerade auf Einkaufstour, als sie auslaufen. Unsere Leiter steht kommentarlos vor unserem Schiff. Kein Danke, keine Nachricht, nichts. Undank ist der Welt Lohn – eine Erfahrung, die wohl jede Langfahrt-Crew irgendwann macht.

Rückblickend würden wir, sofern keine größeren Reparaturen anstehen, nicht noch einmal so lange in einer Marina bleiben. Unser Plan für die nächsten Monate ist klar: Bis zum Beginn der Hurrikansaison wollen wir nur noch vor Anker liegen. Morgens direkt vom Boot ins Wasser springen, schwimmen, tauchen, mit dem SUP und Wing losziehen – all das ist im Hafen nur eingeschränkt möglich. Wir sehnen uns nach Ruhe, nach Raum und nach dem leichten Schaukeln an einer schönen Ankerbucht. Wenn wir Pointe du Bout endgültig verlassen, machen wir innerlich drei dicke Kreuze.

Langsam richten wir unseren Bug in Richtung Guadeloupe, wollen unterwegs aber noch die ein oder andere traumhafte Bucht genießen. Die lauten Feiertage in Martinique liegen dann hinter uns – und vor uns hoffentlich viele stille, sternenklare Nächte vor Anker.

Ahoi ihr Lieben ….

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Resümee zur Atlantikpassage

Ganz ehrlich: Wir haben uns die Überquerung des Atlantiks von Ost nach West ganz anders vorgestellt. Eigentlich ist diese Route ja durch die vorherrschenden Passatwinde für die Seglercommunity eine der beliebtesten. Vor einigen Jahren ist Mike mit der KAMI die entgegengesetzte Route, also von West nach Ost, gesegelt. Diese Route meiden wiederum viele Segler. Sie hat uns (Mike) aber viel besser gefallen. Hier gab es mal ein, zwei schöne Flautentage mit Badespaß im Atlantik und immer wieder mal verschiedene Segelkurse. Damals haben wir 5.200 Seemeilen in 42 Tagen gemeistert. Die jetzige absolvierte Route war in Summe 3.049 nm lang, und wir haben 22 Tage für die Passage gebraucht.

Der Passatwind war auf unserer Überfahrt nicht sehr beständig. Der Wind drehte andauernd von NNW, NE, Ost mit einigen Ausreißern. Über die Hälfte der Zeit hatten wir eher mäßigen Wind, und oft stimmte der benötigte Windwinkel für unser Schiff nicht (so dachten wir anfänglich). Nun ja, wir sind ja mehr oder weniger Segelanfänger – hätten wir uns eher getraut, mit Gennaker und Genua im Schmetterling zu fahren, hätten wir gut und gerne eineinhalb bis zwei Tage an Zeit gespart. Aber gut, wir sind ja noch in der Lernphase – do it yourself! Unsere durchschnittliche Geschwindigkeit betrug 5,8 kn. Unser höchstes Peak lag bei 14,3 kn, während wir eine Böe in unseren Segeln eingefangen haben. Viele der anderen Segler, die sich zur gleichen Zeit auf den Weg über den Atlantik gemacht haben, hatten einen Parasailor an Bord. Das ist ein großes, vor dem Schiff „fliegendes“ Leichtwindsegel, das das Schiff kontinuierlich und entspannt vorwärts zieht. Die Investition in solch ein zusätzliches Segel ist nicht ohne. Wir haben aber für uns schon entschieden, so ein Segel müssen wir uns unbedingt zulegen. Gerade später, wenn es auf den Pazifik geht und die Entfernungen noch gewaltiger werden, wollen wir es uns so leicht wie möglich mit dem gewünschten Vortrieb machen. Mal sehen, ob wir irgendwo in der Karibik einen Parasailor ergattern können.

Was wir damals auf unserer Atlantikroute von West nach Ost auch nicht hatten, waren die vielen nächtlichen Squalls. Oft kündigen sie sich auf dem Radarbild an und man kann teilweise den Kurs noch etwas verändern, meistens ist es aber schon zu spät. Hier gilt, mindestens in den Nachtstunden eine konservative Besegelung auszubringen. Also Reffs in das Großsegel einbinden und die Segelflächen der Vorsegel verkleinern – je nachdem wie doll es bläst. Segeln am Limit erhöht das Risiko von Materialverschleiß und Mastbruch. Dann doch bitte eher behutsamer.
Nach der Hälfte der Wegstrecke über den Atlantik mussten wir uns von der anfänglich von wetterwelt.com versprochenen entspannten Überfahrt verabschieden. Ein Tiefdruckgebiet aus dem Nordosten wird uns heimsuchen. Vorhergesagt waren 3 bis 4 Meter Welle und bis zu 35 kn in Böen. 

In Deutschland hatten wir bei wetterwelt.de ein Wetterrouting von Europa bis in die Karibik angefragt. Schnell waren wir uns im Juli preislich einig geworden und haben bis hier in die Karibik ein individuelles Streckenrouting per E-Mail erhalten. Parallel dazu haben wir bei Windy und PredictWind auch auf eigene Faust Planungen und Kalkulationen angestellt.
Zusammenfassend können wir sagen, dass wir die Routenplanungen auch allein hinbekommen hätten. Oft lagen die Vorhersagen aus Deutschland weit neben der Realität hier draußen auf dem Atlantik. Auch konnten wir das eine oder andere mal die übermittelten Wegpunkte gar nicht ansegeln, da es nicht zum Polardiagramm der KAMI passte (segelbare Windwinkel). Zum Ende der Passage haben wir nach unserem Bauchgefühl Kurs gesetzt – und sind damit auch nicht schlecht gefahren.
Das Wetterrouting war für uns Anfänger eine Art „Sicherheit“. Wir trauen uns aber jetzt für die Zukunft eine eigene Routenplanung zu – natürlich mit der entsprechenden Software und unserer Datenverbindung via Starlink.

Während der Überfahrt hatten wir nur kurz einmal Begegnung mit einer kleineren Delfinschule. Unsere Angelbemühungen brachten lediglich den Fang eines einzigen, sehr wohlschmeckenden Mahi Mahi.

Größere Schäden am Boot blieben uns erspart. Eher kleinere Patzer oder Mängel, wie ein abgebrochener Schrankknopf, ein verbogener Karabiner, eine gebrochene Segellattenhalterung, eine tropfende Deckenlampe oder eine lose Rettungsinsel in der Heckhalterung. Die Zylinderhalterung des Autopiloten hatte sich gelockert, und der Motor des Wassermachers macht zeitweise komische hochfrequente Schleifgeräusche.

Gesundheitlich waren wir in den drei Wochen abwechselnd etwas angeschlagen. Kathi hatte eine ganze Weile mit einer milden Seekrankheit zu kämpfen und bekam plötzlich ein „Musauge“ – woher, wissen wir nicht. Mike hatte sich ja zu Beginn der Reise an der linken Hand verletzt und war einige Tage leicht erkältet.

Das durch die hohen Wellen verursachte Schlafdefizit hat uns alle drei erwischt. Die erste Nacht im Hafen Pointe du Bout in Martinique war für uns alle eine Tiefschlafphase, wie wir sie so noch nicht erlebt haben. Unsere Körper haben sich den fehlenden Schlaf geholt. Diese Nacht war eine echte Wohltat.

Wir haben die Passage auch ohne Buddyboot oder Sicherheitsbegleitung einer ARC (gemeinsame Rallye von 150 Booten) geschafft. Wir sind nach wie vor Segelanfänger, auch wenn Mike nun schon fast 10.000 Seemeilen für sich verzeichnen kann. Gemeinsam sind wir stolz, es geschafft zu haben, und freuen uns jetzt auf schöne und erholsame Tage auf Martinique. Wir freuen uns sehr auf den Besuch von Lea-Marie über die Weihnachtstage und auf den anstehenden Jahreswechsel, bis es weiter nördlich in Richtung Guadeloupe gehen soll.

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Atlantic Crossing – Seetagebuch

1. Seetag – Sonntag, 16.11.

Wir starten pünktlich gegen 8 Uhr und verlassen die Marina in Santa Cruz de La Palma. Die Sonne scheint, der Wind bläst mäßig. Am Samstagnachmittag haben wir die Routing-Mail von Alina (wetterwelt.com) bekommen und die geplanten Wegpunkte für die ersten zehn Seetage in unseren Plotter eingegeben. Sie hat eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 5,6 Knoten angesetzt. Insgesamt sind es etwa 2.550 Seemeilen bis Martinique, geplante ETA ist der 5. Dezember.

Nachdem wir den Hafen verlassen haben, setzen wir Großsegel und Genua und machen zunächst um die 5 Knoten Fahrt. Leider schläft der Wind rasch ein, und wir befinden uns in der Landabdeckung. Also Großsegel runter und Genua weg. Stattdessen rollen wir den Gennaker, unser Leichtwindsegel, aus und machen so weiter zwischen 4 und 5 Knoten Fahrt. Gegen Abend wollen wir eine Halse fahren und ziehen uns dabei aus Versehen das Relingsnetz in den Steuerbord-Gennakerblock. Ich (Mike) greife schnell hinterher (leider ohne meinen Grips einzuschalten) und quetsche mir den linken Ringfinger und verbrenne mir den Zeigefinger. Ein lauter Schrei hallt über das Meer, und Kathi kommt sofort zu Hilfe. Die Schmerzen an den Fingern sind kaum zu ertragen. Warum habe ich meine Handschuhe nicht angezogen? Ein Eispack und zwei Ibuprofen helfen mir über die nächsten Stunden. Ärgerlich.

Gegen 18:30 Uhr wird es dunkel und wir entscheiden uns, mit Genua und Backbord-Maschine durch die Nacht zu fahren – in der Hoffnung, dass der Wind endlich stabiler wird und wir aus der Abdeckung der Insel La Palma kommen. Die Nacht ist sehr schwellig. Wellenberge von bis zu 3 Metern treffen uns seitlich an Steuerbord und schlagen unter der Gondel (der Mitte des Katamarans) zusammen. Das gibt fürchterliche Rumpel- und Rumpsgeräusche, super laut. Schlaf finden wir nur schwer. Kathi leidet schon wieder an leichter Übelkeit (meistens in den ersten Tagen auf Passage), findet aber gegen Mitternacht Schlaf und Träume.

Piper kommt mit dem Start der Atlantiküberquerung sehr gut klar. Sie schläft viel und schmust gerne. Ich sitze – wie so oft – um Mitternacht am Kartentisch, als mir ein weißes Blinken in unserer achterlichen Kabine auffällt. Ich gehe runter und sehe, wie ein Deckenstrahler blitzt und blinkt. Das Gehäuse ist heiß und der Strahler lässt sich nicht ausschalten. Was ist das? Schnell hole ich einen passenden Innensechskantschlüssel aus der Schublade und montiere den Deckenstrahler ab. Dabei kommt mir ein Schwall Salzwasser entgegen – das Bettlaken ist nass. Ich schaue verdutzt und trenne die Funzel schnell vom 12-Volt-Strom. Kurzschluss! Na prima – was für ein toller erster Seetag. Leider lässt sich nicht herausfinden, wo das Wasser oben aus der Kabinendecke herkommt. Ich lege erst einmal ein Handtuch und Küchenrolle aus.

Gegen 2 Uhr lege ich mich auch auf unser Schlaflager im Salon. Piper schnarcht und Kathi ist im Land der Träume. Ich stelle Plotter und Radaralarm ein und richte mir Timer im Zweistundenrhythmus ein. So richtig komme ich aber nicht zur Ruhe. Erst als es gegen 7:30 Uhr langsam hell wird, falle ich in einen kurzen Tiefschlaf. Seit gestern Abend konnten wir kein Schiff in unserer Nähe oder auf unserer Kurslinie ausmachen.

Gegen 9 Uhr stehen wir auf und trinken einen Kaffee. Piper hat schon wieder Hunger und fordert ihr Frühstück ein. Für uns gibt es eine Tasse mit Crunchy und Kellogg’s. Nach dem Frühstück setzen wir wieder das Großsegel und die Genua und stellen die Backbord-Maschine ab. Bei einem Windwinkel von 140 Grad halten wir unseren Kurs grob in Richtung des nächsten Wegpunkts. Vormittags versuche ich mein Glück mit der Angel. Es gibt tatsächlich einen kräftigen Biss, doch nach der Hälfte der eingeholten Angelschnur verlieren wir das Sushi. Schade. Weiterprobieren.

(Klick auf das Foto für vergrößerte Ansicht)

2. Seetag – Montag, 17.11.
Erstes Etmal: 135 Seemeilen (24 Stunden)
Windstärke zwischen 2 und 4 Beaufort (max. kurzzeitig 21 Knoten)
Großsegel voll – Genua voll

Wir dösen im Salon, das Wetter ist wechselhaft. Wir machen etwa 6 Knoten Fahrt und unser nächster Wegpunkt ist 73 Seemeilen entfernt. Kathi kämpft noch mit ihrer Übelkeit, und ich will versuchen, sie wenigstens zu einer kleinen Mahlzeit am Abend zu überreden. In weiser Voraussicht hat sie auf La Palma für fünf Tage vorgekocht – gut so. Der Schwell ist mit 2,5 bis 3 Metern noch immer sehr unangenehm. Morgen soll er langsam nachlassen und sich um die 2 Meter einpendeln. Mitte der Woche lässt der Schwell hoffentlich noch weiter nach. So wäre die Überfahrt deutlich entspannter und ruhiger. Wir sind gespannt.

Bis zum Nachmittag machen wir kein einziges Schiff aus. Viele der Atlantikstarter haben ihren Kurs südlich in Richtung Kapverden abgesetzt. Nur eine Handvoll anderer Segler zieht es direkt hinüber in die Karibik. Am Sonntag kommt dann der Pulk der rund 150 Segelboote der ARC, startend von Gran Canaria in Richtung Karibik, Saint Lucia. Zu diesem Zeitpunkt haben wir – sofern alles gut geht und der Wind uns nicht hängen lässt – schon eine Woche Vorsprung mit knapp 1.000 Seemeilen im Kielwasser.

Die Nacht ist durch den immensen Schwell sehr laut. Die Wellenberge donnern gegen und unter das Schiff, an erholsamen Schlaf ist nicht zu denken. Dazu kommt, dass der Wind ständig hin- und herdrehst und wir keinen richtigen Kurs finden. Mit voller Besegelung gehen wir auf südlichen Kurs und verlassen damit eigentlich unsere geplante Wegpunktroute. Gegen 6 Uhr dreht der Wind weiter auf Südost, wir würden nun völlig in die falsche Richtung fahren. Also fahren wir eine Halse und gehen auf Gegenkurs. Auch hier finden wir keinen beständigen Wind und holen eine Stunde später Großsegel und Genua ein.

Wir rollen den großen Gennaker aus und setzen den Kurs auf den 155 Seemeilen entfernten Wegpunkt ab. Der Wind brist auf 25 Knoten auf – eigentlich viel zu viel für das Leichtwindsegel – und wir machen um die 8 Knoten Fahrt. In Anbetracht unseres nächtlichen Wegverlustes erfreulich. Dann höre ich die Angelrute klicken: ein Biss. Ich hole die Angelschnur ein und merke nach gut der Hälfte, dass sich der Haken gelöst haben muss. Wieder kein Angelglück.

Als ich meinen Kopf zum Heck drehe, sehe ich unsere Rettungsinsel, die sich aus der Halterung gelöst hat und „auf halb acht“ hängt. Oh nein. Schnell öffne ich den Seezaun und versuche, den Container, in dem sich die Rettungsinsel befindet, mit einem Gurtband zu fixieren. Das gelingt, sie scheint erst einmal wieder fest zu sitzen. Die hohen Wellen haben die Rettungsinsel ständig in der Halterung nach oben gedrückt, dadurch muss sich ein Fixierband gelockert haben. Gut, dass mir das aufgefallen ist. Nicht auszumalen, wenn wir die Insel unbemerkt verloren hätten oder sie ins sprudelnde Heckwasser gefallen wäre.

Bis jetzt war jeder Tag aufregend. Langsam darf es bitte etwas ruhiger werden. Besonders der krasse Schwell macht uns zu schaffen.

Noch ein Nachtrag: Heute früh haben wir auf der Steuerbordseite während unserer ersten Gassirunde an Deck riesige Fischschuppen und eine bräunliche Blutspur an der Mittelklampe entdeckt. Abenteuerlich. Was war hier in der Nacht los? Es sind keine Überreste von Meeresbewohnern an Deck zu finden, nur Schuppen und Blut. Die Nacht war und ist stockdunkel, und von 18:30 Uhr bis 7:30 Uhr fühlt sie sich auch besonders lang an.

3. Seetag – Dienstag, 18.11.
Zweites Etmal: 136 Seemeilen
Gesamt: 270 Seemeilen
Bis Martinique: 2.354 Seemeilen
Windstärke zwischen 5 und 6 Beaufort
Gennaker voll bei 144 Grad

Der heftige Atlantikschwell sitzt uns noch immer in den Knochen, aber wir kommen gut voran und hoffen auf ein gutes nächstes Etmal (Zeitmessung von 12 Uhr mittags bis zum nächsten Tag um 12 Uhr). Wir ruhen uns aus, soweit das bei dem Geschaukel möglich ist, und essen abends selbst gekochten weißen Bohneneintopf. Lecker. Gegen 18:15 Uhr wird es dunkel und kurz darauf ist wieder pechschwarze Nacht. Wir machen es uns im Salon bequem und schauen über Starlink und VPN-Tunnel ein, zwei deutsche Komödien.

Gegen 23 Uhr hören wir einen Knall in der Nähe unseres achterlichen Cockpits. Piper schreckt auf, schaut sich um und fängt an zu bellen und zu schimpfen. Sie läuft zur Salontür und ihr Fell stellt sich auf. Was hat sie nur entdeckt? Wir können nichts erkennen und versuchen, sie wieder zu beruhigen. Das gelingt recht schnell und wir legen uns wieder auf unser selbstgebautes Passagebett im Salon und schlafen ein.

In der Nacht löst der Radaralarm aus. Kein annäherndes Schiff, sondern ein Squall, eine Schlechtwetterzelle mit Regen und Gewitter, etwa 5 Meilen südlich unserer Position. Sie zieht rasch vorbei, und so vergeht die Nacht ohne weitere Kontakte, bis es langsam gegen 7:20 Uhr hell wird. Draußen nieselt es. Kathi geht mit Piperli zur morgendlichen Decksrunde, und kaum ist sie draußen, höre ich ein lautes „Iiihh“. Hinten liegt ein toter fliegender Fisch. Seine Schuppen sind über die Stufen verteilt und kleben überall am GFK. Wir ziehen Piper vom Fisch weg – zu gerne würde sie kosten, so sieht es jedenfalls aus.

Nach dem morgendlichen Schreck gibt es ein schönes Frühstück mit selbst gebackenem Brot und Spiegeleiern. Köstlich. Gegen halb elf passiert uns an der Backbordseite ein kleineres Kreuzfahrtschiff mit Namen „MARINA“. Es ist in La Gomera auf den Kanaren gestartet und hat Barbados in der Karibik als Zielhafen. „Hey, warte und zieh uns hinterher“, denken wir uns im Spaß. Der Wind hat nachgelassen und wir machen gerade einmal 4 Knoten Fahrt, also rund 7 km/h. Da kommt uns das von hinten überholende Kreuzfahrtschiff mit seinen knapp 18 Knoten Fahrt wie ein Speedboot vor.

Die Sonne ist wieder da und wir hören chillige Musik. Piper liegt an Deck in der Sonne und schlummert. Die Angel ist draußen. Mike hat sich nun zusätzlich zu seinem kleinen Handunfall auch noch eine Erkältung eingefangen. Was soll’s – bis Martinique ist hoffentlich alles wieder okay.

4. Seetag – Mittwoch, 19.11.
Drittes Etmal: 140 Seemeilen
Gesamt: 400 Seemeilen
Bis Martinique: 2.084 Seemeilen
Windstärke zwischen 4 und 5 Beaufort
Gennaker voll bei 147 Grad – teilweise läuft die Maschine mit

Der Schwell beruhigt sich langsam, und je näher der Abend rückt, desto mehr schläft der Wind ein. Dafür sind wir jetzt regelmäßig von Squalls umzingelt – der Radaralarm piept fast im Viertelstundentakt, und wir sehen die Regengebiete um uns herumziehen. Wir essen zum Abend die letzte Portion weißen Bohneneintopf und bereiten uns für die Nacht vor. Mike nimmt Paracetamol sowie frischen Pfefferminztee mit Ingwer zur Schlafförderung ein.

Dann holen uns die Regenfronten ein, und die KAMI wird ordentlich abgeduscht – zu unserer Freude, denn so wird die Salzkruste auf dem Schiff über Bord gespült. Gegen Mitternacht fällt der Wind auf 6 Knoten ab, und wir machen nur noch 2 bis 3 Knoten Fahrt. Der Gennaker flattert wie ein altes Handtuch auf der Wäscheleine, also holen wir ihn ein und fahren mit einer Maschine weiter. Wir nutzen die Flaute, um unseren Kurs zu korrigieren, den wir zuvor wegen des nicht optimalen Windwinkels nicht halten konnten. Die Maschine dreht mit 1.800 U/min, und wir machen 4 bis 5 Knoten Fahrt. So brummt es wieder durch die stockdunklen Nachtstunden.

Der Atlantik beruhigt sich mehr und mehr, der Schwell wird endlich erträglich, sodass wir längere Schlafphasen genießen können. Morgens weckt uns die Sonne; die Regengebiete liegen nun fast 30 Seemeilen entfernt, und wir fahren weiter Richtung Westen. Die Flaute soll bis morgen Nachmittag anhalten. Wir nutzen die ruhige See, füllen 50 Liter Diesel in den Backbordtank nach, und Kathi wirft eine Waschmaschine an und befreit den Salon von Staub und Hundehaaren.

Mir fällt auf, dass wieder Wasser durch den Deckenlampensockel in unserer Kabine getropft ist – bei den nächtlichen Regengüssen kein Wunder. An Deck entdecke ich in der Nähe eine lose Persenninghalterung: Die Schraube steckt nur locker und greift nicht mehr. Ich entferne sie und verschließe die Löcher provisorisch mit Panzertape. Beim nächsten Regenguss werden wir sehen, ob hier das Problem des Wassereinbruchs liegt – sonst könnten wir uns keinen Reim darauf machen. Auch an diesem Seetag kein Anglerglück. Ich versuche, das Schleppangel-Setup zu verbessern (andere Köder + mehr Blei). Wir werden sehen.

5. Seetag – Donnerstag, 20.11.
Viertes Etmal: 115 Seemeilen
Gesamt: 515 Seemeilen
Bis Martinique: 2.107 Seemeilen
Windstärke zwischen 0 Flaute und 1
Keine Segel – wir motoren

Wir motoren weiter, denn die Flaute soll noch bis zum Nachmittag anhalten. Wir arbeiten ein wenig digital und beschäftigen uns mit dem Wetterrouting von Predictwind. Sehr interessant: Nach der Routenberechnung sollen wir in 17 Tagen in Martinique eintreffen. Niemals!

Durch die Flaute haben wir endlich Ruhe im Schiff. Wir nutzen die Zeit für einen kleinen Rundumschlag. Die Sonne scheint, und bei Wind könnte man von Champagnersegeln sprechen. Wir hoffen, dass der Wind bald wiederkommt. Die Nacht ist ruhig, und wir finden alle drei mal wieder tiefen Schlaf. Gegen Morgen ist das Meer fast spiegelglatt. Wir lesen 1,6 Knoten Windgeschwindigkeit ab und stellen die ersten Treibstoffrechnungen an. Bisheriger Verbrauch durch die Motorstunden: knapp 90 Liter. Das macht 3 bis 4 Liter pro Stunde bei 1.800 U/min und 4,5 Knoten Fahrt. Mit unserem gesamten Diesel kämen wir auf ca. 900 Seemeilen. Wir hoffen aber, dass der Wind heute Nachmittag oder abends wieder einsetzt und wir segeln können. Das Motorenbrummen reicht erst einmal.

Ich werfe gleich nach Tagesanbruch die Angel erneut aus. Gegen 10 Uhr ist er endlich da – der richtige Biss! Wir holen einen schönen Mahi-Mahi an Bord. Das Heck sieht aus wie nach einer Schlachtung. Wir halten uns ran, den Fisch zu filetieren und das Boot danach zu putzen. Welch eine Freude – endlich ein richtiger Fang! Abends geht er auf den Grill.
Wir sind happy.

6. Seetag – Freitag, 21.11.
Fünftes Etmal: 111 Seemeilen
Gesamt: 626 Seemeilen
Bis Martinique: 1.990 Seemeilen
Flaute
Wir motoren

Der Wassermacher läuft, und wir füllen unsere Frischwassertanks mit 150 Litern nach. Wir wollen die Tanks mit 600 Litern Volumen nicht mehr ganz füllen – das Gewicht bremst uns nur aus. Wir einigen uns auf die Hälfte, das reicht noch zum täglichen Duschen, Abwaschen und für die eine oder andere Waschmaschine. Zur Not produzieren wir pro Stunde 100 Liter nach.

In den letzten 24 Stunden haben wir kein einziges Schiff gesehen. Nachmittags taucht die polnische „Meteor“ auf dem Plotter auf – ein Segelboot mit vermeintlich gleichem Kurs hinüber in die Karibik. Die „Meteor“ hatte uns letzte Nacht überholt, jetzt dümpelt sie ohne Fahrt im Flautenfeld. Wir motoren langsam vorbei und sind gespannt, ob und wann sie uns wieder einholt, wenn der Wind zurückkehrt. Zum Abend bereitet Kathi den frisch gefangenen Mahi-Mahi auf dem Herd zu. Er landet doch nicht auf dem Grill, sondern zu einem Drittel gedünstet in Pipers Fressnapf und zu zwei Dritteln im Backofen mit Zitronenbutter bestrichen plus Microgreens-Petersilie aus dem Schiffssalon. Eine Delikatesse – das Abendbrot ist perfekt und schmeckt himmlisch.

Nachdem die Sonne gegen 19 Uhr untergegangen ist, machen wir es uns wieder auf unserem Salonlager bequem. Auf einer externen Festplatte haben wir über 400 Spielfilme und Serien dabei. Davon schauen wir zwei, und so geht es in die Nacht. Gegen Mitternacht kommt langsam der Wind zurück, und einige Squalls ziehen dicht an uns vorbei. Zur Prävention legen wir die externen Festplatten, das Sat-Telefon, ein Handy, eine Handfunk und Mikes Laptop in den Backofen – er wirkt bei einem etwaigen Blitzeinschlag wie ein Faradayscher Käfig. Wir haben Glück, und die Gewitterzellen ziehen vorbei.

Gegen 3 Uhr bringen wir den Gennaker wieder aus und schalten die zuvor laufende Backbord-Maschine ab. Zwar ändert sich der Kurs durch die neue Windrichtung, aber grob passt es erst einmal. Durch den Wind nimmt die Welle wieder zu, und es wird laut im Schiff – so laut, dass diesmal Kathi keinen Schlaf findet. Gegen Morgen klagt sie über starke Kopfschmerzen und Halsweh. Sie bekommt Medikamente, einen Kräutertee und legt sich zu einem ausgiebigen Vormittagsschlaf hin.

7. Seetag – Samstag, 22.11.
Sechstes Etmal: 128 Seemeilen
Gesamt: 754 Seemeilen
Bis Martinique: 1.886 Seemeilen
Flaute bis 3 Uhr nachts – danach 3 bis 4 Beaufort
Wir motoren bis 3 Uhr, danach unter Gennaker

Wir haben ordentliche Windsee, und die KAMI wird kräftig durchgeschüttelt. Dieser Zustand soll nun einige Tage anhalten. Der Wind hat aufgefrischt, und wir machen gute Fahrt. Leider ist der Windwinkel für unseren eigentlichen Kurs nicht optimal, sodass wir mit 145 Grad kreuzen müssen, um voranzukommen. Gegen Abend entscheiden wir uns für einen südlicheren Kurs und machen gut Strecke. Der Nachteil: Wir kommen unserem Ziel nicht viel näher. Durch das Kreuzen geht viel Zeit und Weg verloren. Trotzdem tasten wir uns langsam heran – Stück für Stück.

Seit Tagen kein Schiff in Sicht – das ändert sich heute. Auf dem Plotter taucht eine AIS-Linie auf, die frontal auf uns zukommt: der Frachter „Donaugracht“. Wir berechnen die Kurse, und uns wird es mulmig. Je näher wir kommen, desto öfter kreuzen sich die Linien. Das liegt auch daran, dass die KAMI im „Windmodus“ des Autopiloten fährt und bei der hohen Windsee die Kurslinie ständig springt. Ein schneller Kurswechsel wäre hier schwierig – wir müssten halsen und Segel einholen. Als wir nur noch wenige Meilen entfernt sind, tritt Piper auf den Plan: Sie bellt und schimpft in Richtung Frachter. Security Dog im Einsatz. Sweet! Wir passieren recht nah an seiner Backbordseite und fragen uns warum er nicht mehr abgedreht hat? Wer weiß.

Humpelig geht es in die Nacht. Auf dem Radar sind etliche Squalls zu sehen, und wir hoffen, ohne Kontakt durchzuschlüpfen. Reines Wunschdenken! Der Wind nimmt zu, die KAMI läuft immer schneller – in Spitzen bis 12,5 Knoten. Zu viel. Wir wünschen uns, dass die wahre Windgeschwindigkeit abnimmt – da geht ein Schlag durch die KAMI, wir hören lautes Rauschen und spüren ein Schlingern. Der Plotter zeigt: 31,5 Knoten wahrer Wind! Schockstarre! Unbemerkt sind wir in einen Squall geraten. Wir springen auf, ziehen Rettungswesten an und stürzen zum Steuerstand, um den voll ausgeholten Gennaker wegzunehmen. Ein Leichtwindsegel für bis 15 Knoten – über 30 geht gar nicht, Rigg oder Tuch könnten beschädigt werden. Beim Einholen lässt die Bö nach, und wir rollen es ohne Risiko gut weg. Glück gehabt. Es gießt wie aus Eimern, wir sind in zwei Minuten nass bis auf die Haut. Wir setzen die Genua, Großsegel im 2. Reff – safe Setup, gute Fahrt.

8. Seetag – Sonntag, 23.11.
Siebtes Etmal: 141 Seemeilen
Gesamt: 893 Seemeilen
Bis Martinique: 1.767 Seemeilen
Windstärke zwischen 4 und 5 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Gennaker ab 0 Uhr Wechsel auf Genua

Wir kommen einigermaßen gut voran. Der Wind bläst aus Ost-Nordost, und wir segeln „Vorwind“ – der Wind bläst achterlich ins Segel. Aufgrund der Bauart unseres Katamarans können wir leider nur bei Vorwindkursen mit einem Winkel zum wahren Wind von maximal 145 Grad fahren. Das heißt, die KAMI braucht Wind schräg von hinten, sonst müssen wir etwas eindrehen. So ist es gerade bei uns. Einen direkten Kurs westwärts können wir nicht nehmen, sondern nur Südwest oder Nordwest segeln. Deshalb müssen wir regelmäßig halsen und die Kurslinie kreuzen. Dadurch benötigen wir mehr Zeit und Strecke als andere Segler, die direkt vor den Wind segeln können.

In der Praxis werden wir von Segelbooten überholt, die mit uns in Richtung Karibik gestartet sind. Das sorgt bei uns für ein wenig Frust, und wir rechnen damit, dass wir unseren angestrebten Ankunftstermin in Martinique nicht halten können. Natürlich haben wir alle Zeit der Welt – trotzdem ärgern wir uns ein bisschen darüber, dass wir segeltechnisch durch den Katamaranaufbau eingeschränkt sind.

Nachmittags werfen wir die Angel wieder aus und haben tatsächlich einen kräftigen Biss. Wir schaffen es kaum, die Leine mit der Rolle einzudrehen, bis sich der Fisch im letzten Moment doch noch befreit. Wahrscheinlich waren wir zu schnell. Wir probieren es weiter.

Abgesehen von der kräftigen 2-Meter-Windsee war der Tag recht entspannt. Kathi hat sich mit unserer 3D-Kamera Insta 360+ beschäftigt, und Mike las ein Ebook von Segelaussteigern. Abends gab es einen Schweinebraten mit Kartoffelstampf – super lecker!

Die erste Nachthälfte war sehr laut und unruhig. Erst als Mike auf Gegenkurs wechselte, kehrte etwas Ruhe ein und wir alle fanden Schlaf.

Seit den Morgenstunden läuft der Generator. Durch die erschwerten Ruderbedingungen in der Nacht hat unser hydraulischer Autopilot ordentlich Strom verbraucht, sodass die Batteriebänke auf 77% gefallen sind. Trotz Solarertrag werden wir einige Stunden zum Laden brauchen. Nebenbei produzieren wir heißes Wasser und Frischwasser mit dem Watermaker.

9. Seetag – Montag, 24.11.
Achtes Etmal: 135 Seemeilen
Gesamt: 1.038 Seemeilen
Bis Martinique: 1.658 Seemeilen
Windstärke zwischen 4 und 5 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Genua ab 9 Uhr Wechsel auf Gennaker

Wir kreuzen nach wie vor und nutzen die raumen Kurse. Dadurch verplempern wir weiter Zeit und Strecke, und der Abstand zu den anderen Seglern wird immer größer. In der Nacht wechseln wir wieder von Gennaker auf Genua – zu sehr rauschen die Wellen achterlich ans Schiff. Die KAMI ächzt und knarrt, Schlaf finden wir so nicht. Wir gehen auf Gegenkurs und ändern die Besegelung. Der Wind ist so stark, dass Mike den Gennaker kaum einrollen kann – der Druck im Tuch ist enorm. Nach großer Anstrengung meistern wir das Manöver und gehen gegen 1 Uhr ins Bett.

Kathi übernimmt den Großteil der Nachtwache und sieht auf dem Plotter, wie die zwei Segler in unserer Nähe an uns vorbeiziehen. In den Morgenstunden entlädt sich eine Schauerzelle über der KAMI – wie eine Fahrt durch die Waschanlage. Regenwasser strömt vom Oberdeck nach unten, und wieder tropft es aus dem Lampensockel in unserer Kabine. Wo kommt es nur genau her? Wir forschen weiter.

Langsam geht frisches Obst und Gemüse zur Neige. Die Bananen haben sich zuerst verabschiedet, gefolgt von den Birnen. Noch ein paar Äpfel und Südfrüchte halten durch. Täglich checken wir und sortieren angegangenes Obst/Gemüse aus. Die Angel ist draußen, doch durch zunehmendes Sargassum wirds schwieriger – die Algen verfangen sich in Leine und Köder. Nachmittags Videocall mit Basti: Toll, dass wir dank Starlink hier draußen gute Datenverbindungen haben. Sonst nichts Neues. Die Zeit vergeht schnell – obwohl wir langsam unterwegs sind.

10. Seetag – Dienstag, 25.11.
Neuntes Etmal: 125 Seemeilen
Gesamt: 1.297 Seemeilen
Bis Martinique: 1.445 Seemeilen
Windstärke zwischen 2 und 2 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Gennaker voll / ab 2:00 Uhr motoren

In der Nacht nehmen wir ein immer lauter werdendes Knarzen aus dem Heckbereich wahr. Mike vermutet den hydraulischen Autopiloten als Ursache, und tatsächlich: Im Backbordmaschinenraum stellen wir fest, dass sich die Halterung des Hydraulikzylinders, der mit der Lenkstange verbunden ist, etwas gelöst hat. Wegen der Bewegungen drückt der gelockerte Zylinderfuß in die hölzerne Befestigungsplatte.

Wir ziehen raschg alle vier Befestigungsbolzen wieder fest, und die störenden Geräusche verschwinden. Im Hafen werden wir die Bolzen nochmals nachziehen und mit Loctite sichern.

Nach dem Frühstück sehen wir erstmals seit Beginn der Passage wieder Delfine. Eine kleine Dreiergruppe zeigt sich für einige Minuten unter unserem Trampolin im Bugbereich. Die Wassertemperatur liegt jetzt bei 28 Grad Celsius – auf den Kanaren waren es noch 24 Grad. Wir kommen also unserem Ziel näher.

Auch nachts ist es im Salon durchgehend warm, und wir bedecken uns nur noch mit leichten Tüchern – normales Bettzeug ist nicht mehr angenehm.

Am Vormittag erhalten wir Post von Alina (wetterwelt.com): Der Wind soll noch weiter nachlassen, und ab dem 1. Dezember rollt ein Tiefdruckgebiet aus Norden über uns mit Böen bis 32 Knoten und Squalls mit Gewittern. Klasse. Wir studieren verschiedene Wettermodelle im Detail und beschließen, uns mehr südlich zu halten, um den zahlreichen angekündigten Squalls möglichst aus dem Weg zu gehen. Wind und über 3 Meter hohe Wellen werden uns dennoch erreichen.

So richtig kommen wir mit unseren Segel-Setups nicht voran, da wir verschiedene Parameter wie Windrichtung, Windwinkel, Geschwindigkeit und Windstärke beachten müssen. Anders als Einrumpfsegler können wir wegen des stehenden Guts bei Katamaranen nicht beliebig segeln, sondern nur bei raumen Kursen. Bei achterlichem Wind (um 180 Grad) geht nichts mehr.

Deshalb durchforsten wir online hilfreiche Informationen zu Segelstellungen mit und ohne Hilfsmittel wie Barbarholer & Co. Auf YouTube finden wir einige gute Videos und planen, die Segelstellung „Butterfly“ am nächsten Tag auszuprobieren. Wir wissen jetzt schon: Ein Parasailer soll her, ein freifliegendes Segel, das bei achterlichen Winden für ruhigen und konstanten Vortrieb sorgt. Wir werden in der Karibik entsprechend Ausschau halten.

11. Seetag – Mittwoch, 26.11.
Zehntes Etmal: 125 Seemeilen
Gesamt: 1.422 Seemeilen
Bis Martinique: 1.320 Seemeilen
Windstärke zwischen 2 und 3 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Gennaker voll / ab 2:00 Uhr motoren

Nachdem wir die Nacht bei nur 4 Knoten Wind durchgemotort haben, setzen wir gleich nach dem Frühstück unser Vorhaben um: die Segelstellung „Butterfly“. Damit können wir bis zu 175 Grad zum Wind fahren – ein direkterer Kurs Richtung Martinique ist möglich, das ständige Kreuzen entfällt. Wir setzen den Gennaker auf Backbord und die Genua auf Steuerbord. Die Genua „ausbaumen“ wir leicht nach außen, damit sie nicht einfällt. Und tatsächlich klappt es: Bei 10 Knoten Wind machen wir gut 5 Knoten Fahrt. Cool – wieder etwas dazugelernt! Learning by doing! Anders geht es ja auch nicht.

In weiser Voraussicht auf das kommende Tiefdruckgebiet befüllen wir die Treibstofftanks erneut. Insgesamt 200 Liter Diesel haben wir schon verbraucht (Generator + Backbord-Maschine während der Flauten). Noch 500 Liter stehen zur Verfügung – das ist okay.

Unsere Brotvorräte neigen sich dem Ende zu. Also backen wir noch ein leckeres Sauerteigbrot, bevor die ruppigen Seetage ab 1. Dezember beginnen. Heute Abend nehmen wir an einem Online-Microseminar unseres Vereins teil: Thema „Proviantieren für Langfahrt“. Wir erhoffen uns Tipps zur Lagerung von frischem Obst und Gemüse. Mit der Zeitzone klappt es um 17:30 Uhr. Besonders nützlich: Tipps zu Hühnereiern – mit Öl abreiben, luftig lagern, regelmäßig drehen. So sollen Eier monatelang ohne Kühlung haltbar sein. Die Tipps setzen wir gleich nächsten Vormittag um.

Die Nacht fahren wir weiter im Schmetterling. Bei durchschnittlich 10 Knoten Wind machen wir 4 bis 5 Knoten Fahrt. Vermutlich wird das kommende Etmal unser bisher schlechtestes – aber bei mäßigem Wind ist momentan nichts mehr rauszuholen (jedenfalls für uns Segelanfänger).

12. Seetag – Donnerstag, 27.11.
Elftes Etmal: 109 Seemeilen
Gesamt: 1.406 Seemeilen
Bis Martinique: 1.344 Seemeilen
Windstärke zwischen 2 und 3 Beaufort
Gennaker und Genua im Schmetterling (bis 7:00 Uhr danach – Großsegel im 2. Reff und Gennaker)

Tagsüber beschäftigen wir uns wieder mit den Wind- und Wetterprognosen. Ab Samstag soll es mit Böen bis 35 Knoten ruppiger werden. Wir vorsorgen: Trinkwassertanks auffüllen, für uns und Piper vorkochen. Das gestern angesetzte Sauerteigbrot backt bei 170 Grad für eine Stunde aus. Momentan pusten noch 10 Knoten Wind, wir machen um die 5 Knoten Fahrt. Erst ab morgen früh 4 Uhr soll der Wind zurückkommen und sich stetig aufbauen. Dann wechseln wir das Segel-Setup wieder: Großsegel im 2. Reff mit Genua als Vorsegel – hoffentlich gute und vor allem sichere Fahrt.

Bergfest!

Die Hälfte ist geschafft. Bei günstigem Wetter erreichen wir Martinique am 8. Dezember – perfekt zum gebuchten Liegeplatz ab 8.12. in der Marina Pointe du Bout. Zur Feier gibt’s heute Abend einen „milden“ Gin-Tonic auf die gemeisterte Strecke. Ausnahme von unserer Bordregel: während Passagen kein Alkohol.

Der leichte Wind schiebt die KAMI mit 4,5 Knoten weiter Richtung Südwest. Abends schauen wir von unserer Medienfestplatte wieder zwei leichte Schmunzelfilme, eine Art von Unterhaltung, die gemütlich dahinplätschert und keine große Konzentration erfordert. Gegen 23 Uhr legen wir uns hin und genießen eine relativ ruhige Nacht.

13. Seetag – Freitag 28.11.
Zwölftes Etmal: 120 Seemeilen
Gesamt: 1.526 Seemeilen
Bis Martinique: 1.229 Seemeilen
Windstärke zwischen 4 und 5 Beaufort
Großsegel im 2. Reff und Gennaker

In Erwartung der anrollenden Schlechtwetterfront bereiten wir die KAMI so gut wie möglich vor. Leinen werden geklariert, die Rettungsinsel durch ein zusätzliches Spannband nochmals gesichert, Kathi kocht für die nächsten Tage für uns und Piper vor. Wir verstauen alles sorgfältig und sichern bewegliche Ausrüstungsgegenstände.

Fast täglich erhalten wir von unserer Wetterscouterin Alina E-Mails mit Einschätzungen und Routenempfehlungen. Eins steht fest: Der Schlechtwetterwalze, die auf uns zukommt, entkommen wir nicht. Wir versuchen, uns so weit wie möglich südlich zu halten, um dem Gröbsten – 3 bis 4 Meter Wellen und Starkwindböen – zu entgehen. So die Theorie. Wer weiß, wie es wirklich kommt. Wir sind etwas angespannt; das Wetterthema beschäftigt uns täglich stundenlang. Wir vergleichen Vorhersagemodelle und Satellitenbilder. „Los“ geht es heute Nacht bzw. Samstag früh – dann werden wir Squalls mit Gewittern und Regenmassen ausweichen, soweit möglich. Ab Montag/Dienstag soll das Schlimmste vorbei sein. Ob wir in der Zeit Schlaf finden?

Langsam zählen wir die Tage bis zur Karibik. Es wird merklich wärmer, die Wassertemperatur hat fast 29 Grad erreicht. Die Luft wird feuchter, Nächte milder. Tausende Sterne funkeln nachts, Mondschein spiegelt sich auf dem Wasser. Ein wahnsinniges Erlebnis – so erhaben, so beeindruckend. Hier auf dem Atlantik mitten im Nirgendwo fühlt man sich klein, der Natur ausgesetzt.

14. Seetag – Samstag, 29.11.
Dreizehntes Etmal: 142 Seemeilen
Gesamt: 1.666 Seemeilen
Bis Martinique: 1.132 Seemeilen
Windstärke zwischen 4 und 5 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Genua voll

Langsam wird es immer unruhiger an Bord. Besonders in den Nachtstunden nehmen Wind und Wellen erheblich zu. Es ist wieder sehr laut im Schiff. In der Nacht wechseln wir mehrmals unseren Zickzack-Kurs und nähern uns damit langsam unserem nächsten Wegpunkt. Der Wind frischt in Böen nun bis 21 Knoten auf, und auf dem Radar können wir die ersten Schlechtwetterzellen schon in 32 Seemeilen Entfernung sehen.

Morgens kommt die erwartete E-Mail von Alina. Sie schreibt, dass die vorhergesagte Störung sich nun doch schneller entwickelt als gestern prognostiziert. Sie empfiehlt, den Kurs auf 16°N 48°W weiter anzusteuern – für uns die beste Option, um Wind und Wellen in den nächsten Tagen zu reduzieren. Wir steuern also weiter Zickzack auf die Koordinaten zu. Im Moment sind Wellen und Wind erträglich. Die Sonne ist schon hinter Wolken verschwunden, und wir machen bei 13 Knoten Wind um die 5 bis 6 Knoten Fahrt.

Gerne würden wir den Gennaker ausrollen, um etwas Speed zu machen. Da wir aber stündlich mit der Gewitter- und Regenfront rechnen, belassen wir es bei der jetzigen Besegelung. Gestern war es schon sehr schwer, unter 17 Knoten Winddruck den Gennaker einzurollen. Mit unserem Leichtwindsegel werden wir uns wohl noch bis Mitte der Woche gedulden müssen, bis das Schlechtwettergebiet durchgezogen ist. Uns ist im Moment wichtig, dass wir einigermaßen durch die anstehenden rauen Tage kommen – auch wenn wir dafür wieder einen zeitlichen Umweg machen müssen. Na und, dann kommen wir halt ein paar Tage später an. Hauptsache frei von Seekrankheit und gröberen Schäden am Boot.

Durch den Versatz des Schiffs durch die immer höher werdenden Wellen benötigt unser hydraulischer Autopilot viel Energie. Er ist richtig hungrig danach. Innerhalb von 12 Stunden saugt er uns 15% Leistung aus den Batterien. Wir müssen nun schon in den frühen Morgenstunden unseren 7,5-kW-Stromgenerator anwerfen, um die Batteriebänke wieder zu laden und nicht zu sehr ins Minus zu rutschen.

Durch den bewölkten Himmel ist der Solarertrag unserer drei Heckpanele momentan sehr gering. Der Generator lädt mit 500 bis 2.500 Watt unsere Batteriebänke (je nach momentaner Kapazität). Für ein Ladevolumen von 10% benötigt er ca. drei Stunden.

Trotz der erschwerten Wetterbedingungen schaffen wir es in der Nacht, ein paar Stunden Schlaf zu finden. Gestern Abend ist noch ein Squall über uns hinweggerollt, brachte kurzzeitig 34 Knoten Wind und beschleunigte die KAMI auf dem Wellenritt für einen Moment auf 14 Knoten.

So unangenehm die Reisebedingungen im Moment sind – wir machen Fahrt, und das ist gut.

15. Seetag – Sonntag 30.11.

Vierzehntes Etmal: 144 Seemeilen
Gesamt: 1.810 Seemeilen
Bis Martinique: 1.000 Seemeilen
Windstärke zwischen 4 und 7 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Genua voll – Nachts Genua 80%

Durch die Zunahme des Windes machen wir ein wenig Strecke, jedoch quälen uns die Wellen, die seitlich von hinten auf die KAMI zudonnern.

Das Problem mit dem wasserlassenden Deckenstrahler besteht weiterhin. Wir hatten oben an Deck sämtliche Planenhalter demontiert und die Befestigungslöcher mit Panzertape verschlossen. Danach dachten wir schon, wir hätten das verursachende Problem gefunden – doch heute Nacht wurden wir wieder eines Besseren belehrt. Nachdem der große Squall einige Badewannen voll Wasser über der KAMI ausgeschüttet hat, war es kurz danach noch alles trocken in der Kabine. Erst ca. 1,5 Stunden später fing der Deckenstrahler wieder an zu tropfen. Wir kombinieren: Der Wassereintritt muss weiter weg sein, denn das Wasser braucht Zeit, um bis zum Endpunkt (hier der Deckenstrahler) zu gelangen. An Deck können wir nichts feststellen. Was machen wir jetzt nur? Die Innenverkleidung lässt sich augenscheinlich nicht mal so nebenbei ausbauen. Ratlosigkeit. Abends nimmt das anfängliche Tropfen immer mehr zu, so dass wir uns entscheiden eine große Plastikkiste unter den Deckenstrahler zu stellen.

Wir müssen prüfen, ob es sich bei dem eintretenden Wasser um Salz- oder Süßwasser (Regenwasser) handelt, um den Herkunftsort besser eingrenzen zu können. Wir telefonieren mit einem deutschsprachigen GFK-Spezialisten in Le Marin auf Martinique und fragen, ob er uns bei der Lecksuche unterstützen kann. Schnell haben wir das Gefühl, dass das nicht zu seinen Wunscharbeiten gehört. Das Gespräch nimmt einen negativen Verlauf: Es sei schwierig, bei solchen Booten Lecks zu finden, man müsse mit eingefärbtem Wasser arbeiten, und im Hafen ginge das ohnehin kaum, weil sich das Schiff dort nicht bewegt. Diese Suche könne schnell um die 3.000 Euro kosten, und in dem Zeitraum im Januar, in dem wir nicht mehr im Hafen liegen, sei er außerdem in Europa im Urlaub.

Wir betteln schon fast, ob er uns nicht jemanden empfehlen kann, der uns unterstützen könnte. Er will „mal überlegen“ und sich wieder melden. Wir sind gespannt, aber wenig zuversichtlich. So, wie es im Moment ist, kann es nicht bleiben. Wenn wir in Martinique angekommen sind und im Hafen liegen, wollen wir selbst intensiver nach der Ursache des Wassereinbruchs suchen. Eine kleine Endoskopkamera haben wir dabei – vielleicht können wir damit in die Deckenkonstruktion schauen. Eventuell kommen wir auch vom Cockpit an die Innenseite der Deckenverkleidung heran. Mal sehen. Hier draußen bei momentan 3 Metern Welle geht das nicht – wir müssen abwarten.

Tagsüber lässt sich die Sonne mehrmals blicken, und der Wind lässt nach und pendelt sich bei 10 Knoten ein. So sind wir wieder langsamer unterwegs. Alina hat sich mit den neuesten Wetterprognosen gemeldet. Wir sollen weiter auf den 246 Meilen entfernten Wegpunkt zuhalten und danach möglichst den Kurs nach West auf 16°N 53°W richten. Damit könnten wir eventuell dem sich in den nächsten Tagen noch weiter aufbauenden Schwell und dem Starkwindfeld entkommen. Ab dem 5.12. soll es sich mit Wind, Welle und Schwell wieder beruhigen.

16. Seetag – Montag 01.12.

Fünfzehntes Etmal: 147 Seemeilen
Gesamt: 1.956 Seemeilen
Bis Martinique: 880 Seemeilen
Windstärke zwischen 5 und 7 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Genua voll

Nachmittags gießt Kathi ihre Microgreening-Kräuter und Pflanzen im Salon, als sie vom Deck aus ein metallisches Klacken hört. Sie schaut nach draußen und sieht zwei Metallspangen auf dem Deck liegen. Eine Segellattenbefestigung am Mastrutscher hat sich gelöst und ist abgefallen. Schnell flitzen wir nach vorne und kriechen auf allen Vieren, um die Teile einzusammeln – bei dem ordentlichen Seegang von 3 Metern eine echte Herausforderung.

Ein Blick nach oben zum Mast bestätigt: Die erste Halterung von oben ist gebrochen, und die Segellatte flattert lose im Wind. Mist. Es nützt nichts, wir müssen das Großsegel einholen – und das bei dem Wind und Seegang. Zuvor überlegen wir, wie wir die Halterung wieder befestigen können. Der eigentliche kleine Befestigungsbolzen samt Feder liegt nicht mehr an Deck und muss wohl über Bord gegangen sein. Wir suchen und kramen schließlich eine passende Edelstahlschraube mit Unterlegscheiben und selbstsichernden Muttern aus der Werkzeugkiste.

Wir drehen uns in den Wind und lassen das Großsegel herunter. Zu zweit fummeln wir die Lattenhalterung in die Metallspangen und befestigen sie mit der Edelstahlschraube. Während wir auf dem Oberdeck auf Zehenspitzen arbeiten, tänzelt die KAMI auf den hohen Wellen, und wir haben alle Hände voll zu tun, uns festzuhalten. Unser Vorhaben ist glücklicherweise erfolgreich, so dass wir das Großsegel anschließend wieder setzen und das zweite Reff einbinden können. Wieder ein Schreck!

Nach einigen Stunden gehen wir mit Piper die wacklige Decksrunde, wohl wissend, dass sie sich wohl gleich erleichtern wird. Für einen Moment sind wir nicht ganz aufmerksam und sehen nur aus dem Augenwinkel, wie Piper auf einen kleinen, auf dem Deck liegenden fliegenden Fisch springt, ihn sofort ins Maul nimmt und vertilgt. Im Bruchteil einer Sekunde – wir konnten gar nicht so schnell reagieren. Das rächt sich für sie: Den Rest des Tages benimmt sie sich komisch, hechelt die ganze Zeit und zieht sich zurück. So bleibt es einige Stunden. Ob sie Bauchschmerzen hat? Erst am nächsten Morgen ist sie wieder ganz die Alte. Wir müssen mehr auf ungebetenen Besuch achten. Insgesamt hatten wir auf unserer Passage schon acht fliegende Fische, von handflächengroß bis etwa 20 cm, auf dem Bootsdeck. Die Schuppen der Flieger kleben überall. Irgendwie nicht so toll. Meistens segeln sie nachts an Deck; tagsüber konnten wir sie noch nie sehen, wie sie anfliegen.

Derzeit haben wir guten Wind um die 20 Knoten und machen zwischen 6 und 7 Knoten Fahrt pro Stunde. Das ist gut und soll bis Sonntag so bleiben. Die Welle kommt aus der gleichen Richtung wie der Wind – aus Osten. Sie ist mit 2,8 Metern schon beeindruckend, und in den nächsten Tagen soll sie um einen halben Meter zulegen.

Wir kreuzen bei Ostwind die Kurslinie Richtung Westen. In der Nacht haben wir uns etwas südlich gehalten und sind jetzt auf Gegenkurs. Langsam nähern wir uns der karibischen See, ganz langsam. In der Nacht sind wir durch ein schnelles Manöver einer großen, dunklen Schlechtwetterzelle mit vielen Blitzaktivitäten entkommen. Im Moment scheint die Sonne, und nur wenige Wolken sind am Himmel. Es wird schwül. Besonders im Salon laufen die Deckenventilatoren jetzt rund um die Uhr, da es sehr stickig ist.

17. Seetag – Dienstag 02.12.

Sechszehntes Etmal: 153 Seemeilen
Gesamt: 2.109 Seemeilen
Bis Martinique: 750 Seemeilen
Windstärke zwischen 5 und 7 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Genua voll

Die See baut sich immer weiter auf und wir können uns nur noch mit viel Anstrengung halbwegs an Bord bewegen. Die Wellen werfen die KAMI von einer zur anderen Seite, und die vorbeiziehenden Squalls drücken in Böen bis zu 35 Knoten Wind in die Segel, sodass wir nur noch tosend durch die Wellentäler surfen. Nein, so macht Reisen keinen Spaß. Wir müssen uns bei jeder Bewegung im Boot festklammern, damit wir nicht durch den Salon purzeln. Das mag zwar von außen lustig aussehen, aber nach Tagen in diesem Zustand verliert sich der Humor.

Langsam haben wir alle drei genug von der tosenden See, vom Krach im Schiff und von dieser ständigen Unruhe. Der Schlafmangel steckt uns in den Knochen, die Vorräte gehen zur Neige. Frische Lebensmittel sind aufgebraucht, und auch die Getränke werden knapp. Es ist zwar nicht mehr wahnsinnig weit bis Martinique, doch durch das Gekreuze zwischen Südwest und Nordwest verlieren wir Zeit und müssen zusätzliche Strecke machen. Einen Schmetterling können wir bei diesem Wind nicht mehr fahren, und die Squall-Dichte ist weiterhin zu hoch. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als unseren Zickzack-Kurs beizubehalten. In den letzten 24 Stunden sind wir mindestens sechs Halsen gefahren, immer um unsere Kurslinie herum.

Nach den neuesten Vorhersagen wird sich das Wetter in den nächsten Tagen kaum ändern. Wir rechnen großzügig mit einer ETA am kommenden Dienstag in Martinique und müssen unsere Reservierung in der Marina wohl um einen Tag nach hinten schieben.

Die ersten Segler aus unserem Passagenfeld haben ihre Ziele in der Karibik, zum Beispiel Barbados, bereits erreicht. Wir fragen uns, wie sie das geschafft haben und welche Taktik sie genutzt haben, um so gut voranzukommen. Auf NoForeignLand sehen wir jedoch, dass noch viele andere Boote in unserer Umgebung unterwegs sind, die fast zur gleichen Zeit gestartet sind. Wir sind also nicht die Bummelletzten – das tut gut.

Außer tagsüber ein wenig am Laptop zu arbeiten, machen wir nicht viel. Durch das ständige Festkrallen an allen möglichen Oberflächen sieht das Schiff innen wie außen schlimm aus. Dazu kommen Staub und Salz. Es kribbelt uns in den Fingern, endlich wieder richtig klar Schiff machen zu können. Die Luftfeuchtigkeit nimmt weiter zu, wir sitzen und schwitzen.

18. Seetag – Mittwoch 03.12.

Siebzehntes Etmal: 171 Seemeilen
Gesamt: 2.280 Seemeilen
Bis Martinique: 610 Seemeilen
Windstärke zwischen 5 und 7 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Genua voll

Unser bestes Etmal bis jetzt. Kein Wunder: In den letzten 24 Stunden bläst es ordentlich und konstant mit rund 20 Knoten. Das mag die KAMI – sie läuft gut und schneidet sauber durch die Wellen. Wir kreuzen die Kurslinie, wobei wir in der Nacht ein ordentliches Stück südwärts gefahren sind. Seit heute Morgen sind wir wieder auf Gegenkurs. Die Südspitze von Martinique (in der Nähe von Le Marin) liegt bei 14°17′ N und ist noch etwa 600 Seemeilen entfernt. Wir pendeln aktuell um 15°00′ N und rutschen so Stück für Stück weiter westlich. Etwa 11 Längengrade müssen wir noch gutmachen.

Unser Autopilot hat beim unentwegten Surfen über die 3 bis 4 Meter hohen, achterlich anlaufenden Wellen ordentlich zu tun. Das kostet Strom, viel Strom, und wir sind froh, dass wir mit unserem Generator das tägliche Defizit ausgleichen können – die Solarenergie reicht im Moment nicht aus. Insgesamt haben wir seit dem letzten Nachtanken rund 60 Liter Diesel allein für die Stromerzeugung verbraucht. Angesichts fehlender Sonne und hoher Wellen ist das noch akzeptabel.

Nach dem Frühstück klarieren wir schon einmal online in Martinique ein und geben dort den 07.12. als ETA an. Wir sollen jetzt einen digitalen Einreisestempel erhalten, und das war’s auch schon. Ein persönliches Vorsprechen bei den Behörden nach der Ankunft ist für EU-Bürger nicht mehr nötig. Großartig – so müssen wir uns nicht mit Immigration und Customs herumschlagen. Das nennen wir verschlankte Bürokratie. Top!

Nachmittags kramen wir die WLAN-Endoskopkamera aus Lagerkiste 5. Beim Projekt „tropfender Deckenstrahler“ wollen wir weiterkommen. Leider bringt der Einsatz der Kamera keine neuen Erkenntnisse. Schade. Die Kiste unter dem Strahler war heute früh wieder nass – dabei hat es gar nicht geregnet. Das Wasser schmeckt salzig. Vielleicht doch Seewasser, das seinen Weg ins Innere findet? Spannende Ursachenforschung – hoffentlich mit gutem Ausgang. Im Moment sind wir weiter ratlos.

Kathi bereitet Weihnachtskarten für unser Team vor, und ich bestelle für Mamas Geburtstag einen Strauß rote Rosen samt Lindt-Nascherei bei Fleurop. Nachmittags wollen wir noch die Autovermietungen auf Martinique checken. So günstig wie auf Madeira oder Lanzarote/La Palma werden wir auf der französischen Insel wohl nichts mieten können. Also durchforsten wir das Netz.

19. Seetag – Donnerstag 04.12.

Achtzehntes Etmal: 160 Seemeilen
Gesamt: 2.440 Seemeilen
Bis Martinique: 488 Seemeilen
Windstärke zwischen 4 und 7 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Genua voll

Die anhaltende Unruhe und ständige Bewegung im Schiff zwingen uns, alle körperlichen Aktivitäten stark herunterzufahren. Das Risiko für blaue Flecken ist zu groß, wenn die KAMI vor den Wellen quer schlägt oder plötzlich anfängt zu surfen. So dösen wir den ganzen Tag auf unserem Salonlager, toben ein wenig mit Piper und erstellen schon mal eine To-Do-Liste für unseren Hafenaufenthalt in Martinique. Die Zeit zieht sich zäh wie ein Gummiband.

Durch unsere Zickzack-Kreuzkurse haben wir in den letzten 24 Stunden ganze 38 Meilen verloren. Wir überlegen, die Kreuzkurse enger zu fahren, um zu sehen, ob wir so die Mehrmeilen verringern können. Nach unseren Berechnungen wird die ETA jetzt auf kommenden Montag gegen Abend geschätzt.

Die Nacht war eine der schlimmsten. Wir bekommen kaum ein Auge zu. Draußen haben sich durch Wellen und Schwell Kreuzseen gebildet. Die KAMI rumpelt stundenlang, und es ist extrem laut im Schiff. Aus allen Ecken sind Knarzgeräusche zu hören, wenn die Wellen unten gegen die Gondel schlagen. Wir sitzen alle senkrecht – so laut und ungemütlich. Dieses Wellengeschlinger begleitet uns nun schon fast eine Woche. Ganz ehrlich: Davon haben wir wirklich die Schnauze voll. Erholsamen Schlaf findet man nicht, und auch Aktivitäten wie Sport oder Angeln sind kaum möglich. Was für eine blöde Überfahrt.

20. Seetag – Freitag 05.12.

Neunzehntes Etmal: 150 Seemeilen
Gesamt: 2.590 Seemeilen
Bis Martinique: 350 Seemeilen
Windstärke zwischen 4 und 5 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Genua voll
Mama hat Geburtstag! Happy Birthday!


Tagsüber duschen wir Piper mit der Heckdusche ab – danach ist ihr Fell wieder seidenweich, und sie schnuppert gut. Zum Abendbrot gibt es heute klassische Nudeln mit Tomatensoße nach ostdeutschem Rezept. Hmm, lecker! Für die Soße nutzen wir den guten Werder-Ketchup aus der alten Heimat.

Wir kommen weiter gut voran: Der Wind bläst konstant um die 20 Knoten, und wir machen ordentliche Fahrt. Nach aktuellen Berechnungen sind es noch gut 2,5 Tage bis zum Ziel. Die Welle hat sich langsam beruhigt und nimmt von 3 Metern auf 2,80 bis 2,50 Meter weiter ab. Bis zur Ankunft in Martinique soll sich das Wind- und Wetterfenster nicht groß ändern. Einzig die Regen- und Gewitterwahrscheinlichkeit steigt wieder, je weiter wir westlich kommen. Also wieder auf Squalls einstellen.

Im Moment haben wir fast Vollmond. Die Fahrt durch die Nacht wirkt richtig mystisch, wenn sich der Mondschein auf den Wellen spiegelt. Man kann sich gar nicht satt sehen. Nach dem Frühstück gehen wir unserem Wassereinbruchproblem durch den Lampensockel weiter auf den Grund. Wir entfernen die Seitenverkleidung in der Küche und schauen hinter die Baugruppe – können aber nichts ausmachen. Kein Wasser, keine Feuchtigkeit. Die Vermutung liegt nahe, dass das Wasser von der Elektroleitung kommt.
Wir testen das heute aus: Wir verlängern die aus dem Sockel hängende Elektroleitung mit einer kurzen Leine, stopfen das Innere des Sockels mit Microfasertüchern aus und warten ab, was passiert. Gefühlt wird das Wasser, das wir durch die darunter gestellte Wanne auffangen, immer mehr. Komisch. Selbst wenn das Wasser durch die Elektroleitung kommt (Kapillareffekt), wissen wir noch immer nicht, wo das salzige Wasser von außen hereinkommt. Im Moment können wir nur nach dem Auschlussverfahren vorgehen.
Falls die Stelle gar nicht auffindbar ist, müssten wir über eine Ableitung nach außen nachdenken. Wir haben da schon ein paar Ideen. Eine saubere Lösung wäre das aber nicht.

21. Seetag – Samstag 06.12.

Zwanzigstes Etmal: 154 Seemeilen
Gesamt: 2.744 Seemeilen
Bis Martinique: 246 Seemeilen
Windstärke zwischen 5 und 7 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Genua voll

Wir rücken dem Staub im Salon zu Leibe, und Mike geht danach ans Heck, um den Staubbehälter zu leeren. Dabei klopft er kräftig auf die hintere Heckklampe auf der Backbordseite und sieht noch, wie der Deckel des Behälters wegfliegt. Oh nein – das ist ja doof. Mit schwarzem Panzertape verschließen wir den Behälter notdürftig; ohne Staubsauger geht es an Bord gar nicht. Allein die verlorenen Haare von Piper saugen wir im Salon mindestens zwei Mal am Tag weg. In Martinique werden wir uns wohl einen neuen Handstaubsauger kaufen müssen. Nicht zu ändern – trotzdem ärgerlich.

Die Nacht ist wieder super unruhig. Die Wetterberuhigung, die Alina orakelt hatte, ist leider nicht eingetroffen – im Gegenteil. Die Welle nimmt in der Nacht wieder extrem zu, sodass wir zwei Halsen fahren müssen, weil der Krach im Schiff kaum auszuhalten ist. Der Wind bläst jetzt mit 22 Knoten aufwärts, und die KAMI schlittert erneut von Wellental zu Wellental. Zwar haben wir mit 154 Seemeilen ein gutes Etmal, dem Gekreuze müssen wir aber wieder über 40 Meilen zuschreiben. Gefühlt kommen wir nur elendig langsam voran – was natürlich Quatsch ist. Der Wunsch, endlich anzukommen, wird von Stunde zu Stunde stärker, und das Ergebnis sorgt für etwas schlechte Laune.

Dazu kommt, dass es Kathi nicht gut geht. Wie aus dem Nichts hat sie ein „Musauge“ (entzündetes Auge) bekommen – es sieht schlimm aus. Sofort kramen wir aus unserer Medibox Augentropfen mit Antibiotikum hervor. Nach 12 Stunden sieht es langsam wieder etwas besser aus: Es ist zwar noch sehr geschwollen, aber die Rötung ist etwas zurückgegangen – gut so. Ihr Magen macht sich ebenfalls wieder bemerkbar – droht auf den letzten Meilen ein Totalausfall? Unsere Hoffnung, vielleicht schon morgen Abend in der Nähe der Marina den Anker fallen zu lassen, haben wir aufgegeben. Es wird wohl doch erst am Montag etwas mit unserer Ankunft.

22. Seetag – Sonntag 07.12.

Einundzwanzigstes Etmal: 164 Seemeilen
Gesamt: 2.908 Seemeilen
Bis Martinique: 112 Seemeilen
Windstärke zwischen 5 und 7 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Genua voll

Vor Reisebeginn hatte ich mir noch Segelhandschuhe von Gill gekauft, in der Hoffnung, sie lange nutzen zu können. Leider haben sie die Passage nicht einmal ansatzweise überlebt. Schade. Die Segelhandschuhe von Kathi sind von der Firma Bauhaus, Linie „Nautic“. Komischerweise sind ihre Handschuhe okay – natürlich mit Nutzungsspuren, aber ohne Löcher oder Materialrisse. In Martinique werde ich mir Ersatzhandschuhe besorgen. Auf verbrannte Finger habe ich keine Lust mehr, also lieber auf Nummer sicher. Die nächsten werden nicht von Gill sein, sorry.

Am frühen Nachmittag kommt uns die Sea Cloud II entgegen, ein großes Segelschiff mit drei Masten. Sie ist auf dem Weg nach Barbados, kommt von La Palma und macht 12 Knoten Fahrt. So große Segelschiffe sehen schon beeindruckend aus. Man fragt sich unwillkürlich, was man für einen Törn auf so einem Schiff wohl bezahlen darf.

Kathi bucht über das Internet einen Mietwagen für uns. Wir können ihn am 10. Dezember am Flughafen in Martinique abholen, und er steht uns dann bis zum 3. Januar zur Verfügung. Das ist gut. Wir müssen unsere Vorräte wieder aufstocken und rund 400 Liter Diesel nachbunkern. Das bedeutet: 16 Kanister à 25 Liter wollen bewegt werden – ohne Mietwagen wäre das schwierig. Außerdem stehen auf unserer To-do-Liste noch Supermärkte, Decathlon, der Elektronikmarkt Darty, Schiffsausrüster und Baumarkt. Unser Weihnachtsbesuch aus der Heimat möchte natürlich auch gerne vom Airport abgeholt werden. Kurz gesagt: So ein Mietwägelchen ist schon was Schönes.

Gegen Abend fahren wir fast die Segelyacht CAVA über den Haufen. Nur durch ein beherztes Ausweichmanöver können wir eine Kollision hier mitten auf dem Atlantik verhindern. Verrückt. An Bord ist eine belgische Crew, ein älteres Pärchen, ebenfalls mit Hund unterwegs. Wir funken und stellen fest, dass wir beide das gleiche Ziel haben. Die CAVA fährt nur unter einem kleinen Vorsegel, dafür aber im Gegensatz zu uns auf Direktkurs Martinique. So wie wir sie verstanden haben, steuern sie die gleiche Marina an. Wir sind gespannt. Die CAVA plant, am Montag in den Morgenstunden in der Marina anzukommen.

23. Seetag – Montag 08.12.

Zweiundzwanzigstes Etmal: 141 Seemeilen
Gesamt: 3.049 Seemeilen
Ankunft in Martinique
Windstärke zwischen 3 und 5 Beaufort
Genua & Motoren

Wir schätzen unsere Ankunft in den frühen Morgenstunden und bereiten schon jetzt die Festmacherleinen sowie die inflatables Fender vor. Das Großsegel wird ordentlich im Lazy Bag verstaut und das Großfall gegen das Schlagen am Mast gesichert. Wir sind nun für den anstehenden Landfall nach über 3.000 Seemeilen gewappnet. Der tosende Atlantik liegt endlich hinter uns, der über zehn Tage andauernde Wellenritt im letzten Drittel der Reise hat uns körperlich doch zugesetzt, denn an erholsamen Schlaf war nicht zu denken.

Endlich – wir haben es geschafft. Der Atlantik ist bezwungen. Nach 22 Tagen machen wir in der Marina Pointe du Bout fest. Yippieh – den Anlege-Gin-Tonic haben wir uns mehr als verdient.

Martinique empfängt uns mit dicken Wolken und intervallartigen Regengüssen. Ab 11 Uhr dürfen wir in die Marina. Kurz vor der Ankunft erleben wir einen Wolkenbruch der Extraklasse. Wir brechen die Anfahrt zur Marina ab und werfen den Anker in unmittelbarer Nähe. Als das Unwetter abgezogen ist, wollen wir Anker auf gehen. Die Winsch macht noch einmal kurze Geräusche – dann ist Schluss. Sie hat ihren Dienst aufgegeben.

Völlig übermüdet holen wir die ausgebrachten 13 Meter Kette samt 25-kg-Spade-Anker von Hand ein. Wow, was für eine körperliche Anstrengung. Es gelingt, und wir bekommen den Anker nach oben. In weiser Voraussicht haben wir bereits eine Ersatzwinsch an Bord. Diese werden wir hier in Martinique in der Marina einbauen. Es bleibt also immer etwas zu tun. Willkommen, Karibik – willkommen Martinique!

Unser Resümee zur Atlantikpassage folgt … 
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Die Schönste der Acht

Nach zehn Tagen in der Ankerbucht von Playa Calimera heißt es für uns: Anker auf! Unser nächstes Ziel ist La Palma. Wir müssen am Sonntag schon um sechs Uhr morgens starten – eigentlich überhaupt nicht unsere Uhrzeit –, aber laut Berechnung sind es rund 36 Stunden Fahrt. Wenn alles gutgeht, kommen wir also am Montagnachmittag in der Ankerbucht des Parque Natural de Cumbre Vieja an.

Das Wetter meint es, wie so oft, nicht besonders gut mit uns. Kaum sind wir unterwegs, stellt sich heraus: Die Vorhersage hatte recht – satte zwei Knoten Wind. Oh Mann! Das heißt mal wieder: Motoren statt Segeln. Wir nehmen es gelassen, auch wenn das gleichmäßige Brummen des Motors nach ein paar Stunden eher an eine Meditation erinnert, die man nie gebucht hat.

Immerhin ist das Meer ruhig, kaum Wellen, und der Atlantik zeigt sich von seiner schönsten Seite. Dieses unendliche Blau, das in der Sonne fast leuchtet, entschädigt uns ein wenig für den fehlenden Wind. Wir ziehen gemütlich dahin, hören Musik, kochen zwischendurch und genießen das Gefühl, endlich wieder auf offener See zu sein.

Wie geplant erreichen wir am Montagnachmittag La Palma. In der Bucht liegt nur ein weiteres Segelboot vor Anker – perfekt, genug Platz für uns. Wir lassen den Anker fallen und genießen den Sonnenuntergang. Nach der langen Motorfahrt wirkt das goldene Abendlicht wie eine Belohnung vom Atlantik persönlich.

Am nächsten Tag geht’s direkt weiter, denn wir haben in der Marina La Palma einen Liegeplatz reserviert – Mikes Mama Uschi kommt am Mittwoch zu Besuch! Also starten wir früh und machen uns auf den Weg zum Hafen. Vor der Marina befindet sich ein Fähranleger mit Industriehafen, und laut Beschreibung sollen wir zunächst den Industriehafen auf Kanal 6 anfunken, um um Erlaubnis zur Einfahrt zu bitten, und danach auf Kanal 9 die Marina kontaktieren. Zwischen Industrie- und Yachthafen befindet sich ein massives Metalltor, das verhindern soll, dass zu viel Schwell durch die Fähren und Kreuzfahrtschiffe in den Yachthafen dringt. Klingt theoretisch einfach – mal sehen, wie das in der Praxis läuft.

Gesagt, getan: Der erste Kontakt mit dem Industriehafen klappt reibungslos. Zu früh gefreut – beim Anfunken der Marina wird’s etwas chaotisch. Eine freundliche Dame meldet sich sofort, doch leider versteht Kathi sie nicht so richtig. Ein kleines Funk-Hin-und-Her folgt („Say again, please?“ – „No, other side!“ – „Left or right?“ – „Sí, sí, right!“), bis wir schließlich die Hafeneinfahrt ausmachen können. Die Dame weist uns an, am ersten Steg zu warten. Und siehe da – dort steht schon ein Marinero bereit, winkt energisch und lotst uns zur nächsten freien Box in der Mitte der Steganlage.

Das Hafenmanöver ist – wie immer – aufregend, aber alles klappt wunderbar. Kaum liegen wir fest, machen wir uns daran, die KAMI ordentlich zu sichern, denn trotz Metalltor schwappt hier ordentlich Schwell durch. Die Leinen knarzen, das Boot wippt, und wir atmen erleichtert auf: angekommen, wohlbehalten – und bereit für Uschis Besuch.

Am Mittwochmorgen machen wir uns auf den Weg zum Fährterminal, denn dort haben wir für unseren Aufenthalt auf der Insel einen Mietwagen gebucht. Damit wollen wir La Palma erkunden – und natürlich unseren Besuch vom Flughafen abholen. Es läuft alles reibungslos: Wir werden schon erwartet, bekommen den Schlüssel in die Hand gedrückt und können direkt starten. Zurück an Bord machen wir noch schnell klar Schiff (diesmal wortwörtlich grins), bevor wir gegen Mittag zum Flughafen fahren.

Piper bleibt an Bord – sie muss sich erst wieder an den Hafen und die Temperaturen gewöhnen. Es ist schon ein Unterschied, ob man 37 Grad vor Anker oder im heißen Hafen hat. Ganz schön warm!

Uschi landet pünktlich, und wir empfangen sie freudestrahlend. Koffer und Besuch ins Auto – und schon geht’s zurück zur KAMI. Erst einmal durchatmen und etwas trinken, bevor wir in der Hitze dahinschmelzen. Wir plaudern über die letzten Tage, was es Neues aus der Heimat gibt, und schmieden Pläne, was wir in der Woche alles unternehmen wollen.

Am Abend gehen wir ins Hafenrestaurant „Lucy“ und lassen den Tag beim Abendessen und guter Laune ausklingen. Es fühlt sich schön an, wieder familiäre Gesellschaft an Bord zu haben.

Am nächsten Tag steht ein besonderes Ziel auf dem Programm: der Vulkan Tajogaite. Der Ausbruch auf La Palma 2021 dauerte vom 19. September bis zum 13. Dezember und war der längste bekannte Vulkanausbruch auf der Insel. Mit Blick auf die Schäden gilt er auch als der folgenreichste in der Geschichte La Palmas. Der im Juni 2022 offiziell benannte Tajogaite-Vulkan entstand am Westhang des Höhenrückens Cumbre Vieja.

Vor Ort zu stehen, ist beeindruckend und erschreckend zugleich. Man sieht, wie die Natur sich in wenigen Wochen ein neues Gesicht geschaffen hat – mächtig, schön und zugleich zerstörerisch. Wir sind still, als wir die schwarzen Lavafelder betrachten, die sich über ganze Täler gelegt haben. Es ist kaum zu fassen, was hier passiert ist.

Die Lava floss damals über mehrere Spalten nach Westen, zerstörte ganze Dörfer in den Gemeinden El Paso, Los Llanos de Aridane und Tazacorte und ergoss sich schließlich spektakulär über die Steilküste ins Meer. Besonders hart traf es das Dorf Todoque – dort blieb kein Stein auf dem anderen.

Auf dem Rückweg schweigen wir eine Weile und genießen einfach die atemberaubende Landschaft. Überall blühen neue Pflanzen zwischen der dunklen Lava, und irgendwie wirkt alles, trotz der Zerstörung, friedlich und lebendig. La Palma hat uns tief beeindruckt – eine Insel, die zeigt, wie nah Schönheit und Gewalt in der Natur beieinanderliegen.

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Auch die vom Hafen aus fußläufig erreichbare Innenstadt von Santa Cruz gefällt uns ausgesprochen gut. Viele alte, liebevoll restaurierte Häuser lassen sich bestaunen, und in versteckten Innenhöfen laden kleine Cafés mit schattigen Plätzen zum Verweilen ein. Die engen Gassen winden sich steil bergauf und bergab, jede Ecke hat ihren eigenen Charme. An einer Seite des Plaza de España steht die Kirche El Salvador, deren Bau bereits Anfang des 16. Jahrhunderts begann – beeindruckend, wie viel Geschichte hier in den Mauern steckt.

Die Woche mit Uschi vergeht wie im Flug. Kathi und sie erkunden gemeinsam die Altstadt, natürlich mit einer kleinen Shoppingtour – „nur mal gucken“, wie es so schön heißt. Die Stadt ist wirklich wunderschön: viele kleine, bunte Häuser mit hübschen Läden und charmanten Cafés, die einen förmlich dazu einladen, einfach sitzen zu bleiben, einen Kaffee zu trinken und das bunte Treiben zu beobachten.

Am Freitag, den 31. Oktober, wird hier – wie überall – Halloween gefeiert. Also machen wir uns abends zu dritt auf den Weg in die Altstadt, um das Spektakel mitzuerleben. Überall laufen verkleidete Kinder herum, und ihre Kostüme sind wirklich zum Dahinschmelzen. Zwischen Hexenhüten und Mini-Vampiren wuseln Feen, Skelette und Geisterkinder durch die Straßen – Zuckerrausch inklusive. An einer Bar ist eine kleine Bühne aufgebaut, auf der eine Band spanische Musik spielt, während durch die Gassen ein Spielmannszug mit Trommeln und rhythmischen Klängen zieht. Die Stimmung ist ausgelassen, fröhlich und einfach wunderbar.

Wir kehren schließlich in ein kleines, süßes Restaurant ein, essen gut und genießen die lebhafte Atmosphäre. Später, wieder an Bord, lassen wir den Abend wie gewohnt gemütlich ausklingen – natürlich mit einer Runde Karten. Das TO-Kartenspiel unseres Vereins Trans-Ozean ist mittlerweile fester Bestandteil unserer Bordabende geworden. Wir versuchen uns gegenseitig auszustechen, was regelmäßig in Gelächter und neckischem Geplänkel endet. Sehr zu empfehlen – für alle, die auf See mal einen Abend ohne Netflix verbringen wollen.

Ein paar Tage später machen wir noch einen Ausflug in den Süden der Insel zur Saline von Fuencaliente – ein echtes Highlight. Hier werden jedes Jahr rund 600 Tonnen Meersalz gewonnen, und gleichzeitig dient das Gelände als wichtiger Rastplatz für viele Zugvögel. Die weißen Salzhügel, das Schwarz der Lavafelder und das Blau des Meeres ergeben zusammen ein atemberaubendes Bild – fast surreal schön.

Und ehe wir uns versehen, ist es auch schon wieder Mittwoch. Nach einem letzten gemeinsamen Frühstück heißt es Abschied nehmen. Wir bringen Uschi zum Flughafen, winken ihr noch lange hinterher und können kaum glauben, wie schnell die Woche vergangen ist. Es war eine richtig schöne Zeit – herzlich, lebendig und voller kleiner Abenteuer.

Nach nun einer Woche im Hafen fällt uns auf, dass hier erstaunlich viele TO-Boote liegen – also Boote, die den Stander unseres Vereins am Mast führen. Mike schreibt kurzerhand in die Lossegler-Gruppe, ob jemand Lust auf ein kleines TO-Treffen in der Hafenbar am Abend hat. Da wir aber nicht wissen, wer von den umliegenden Booten tatsächlich in der WhatsApp-Gruppe ist, beschließt Mike, selbst über die Stege zu laufen und die anderen Segler persönlich einzuladen.

Zuerst sitzen wir abends allein in der Bar, aber nach und nach trudeln immer mehr Segler ein. Unsere Freude ist groß – es wird eine richtig nette Runde. Wir philosophieren über Reisepläne, tauschen Erfahrungen aus und lachen über die kleinen und großen Missgeschicke des Bordalltags. Ein wirklich toller Abend – spontan, gesellig und genau so, wie man sich das Seglerleben wünscht.

Am nächsten Tag wird’s dann wieder etwas praktischer: Wir beginnen, unsere TO-DO-Liste abzuarbeiten und starten mit den ersten Einkäufen. Baumärkte, Supermärkte, kleine Läden – wir durchstöbern alles, was wir finden können, um uns auf die große Überfahrt vorzubereiten. Von La Palma nach Martinique sind es rund drei Wochen, also müssen wir genau planen, was wir einkaufen und wie lange die Lebensmittel haltbar sind.

Auch Pipers Versorgung steht dabei natürlich mit auf der Liste. Sie bekommt eine Mahlzeit pro Tag frisch gekocht – damit ihr Trockenfutter so lange wie möglich reicht. Also müssen wir auch das in unsere Kalkulation einbeziehen. Wir erstellen eine ellenlange Einkaufsliste: Hygieneartikel, Konserven, haltbare Lebensmittel – all das wollen wir nach und nach besorgen, damit wir nicht alles auf einmal schleppen müssen. Die Wege durch den Hafen sind schließlich lang, und die KAMI liegt gefühlt immer am anderen Ende. Die frischen Sachen wie Obst, Gemüse und Fleisch werden wir erst am Samstag kaufen, kurz bevor wir den Mietwagen zurückgeben.

Auf dem Weg zum Baumarkt entdecken wir zufällig eine kleine Taverne, die mitten in den Hang gebaut ist. Das sieht so urig aus, dass wir spontan beschließen, dort einzukehren. Gesagt, getan – und wir werden nicht enttäuscht. Die hübsche kleine Taverne ist wunderschön, wir werden zu einem kleinen Tisch begleitet, und auch Piper wird herzlich begrüßt. Das Essen ist köstlich, der hauseigene Wein fantastisch. Ein herrlicher Nachmittag mitten in unseren doch recht praktischen Vorbereitungen – ein Stück Urlaubsgefühl zwischen Einkaufsliste und Schraubenschlüssel.

Ab Montag, dem 10. November, wollte sich Alina von Wetterwelt bei uns melden, um uns ein erstes Update für den geplanten Start am Sonntag zu geben. Das tat sie auch – und warnte uns gleichzeitig: Das Tiefdruckgebiet „Claudia“ zieht über die Kanarischen Inseln. Es soll jede Menge Regen, Wind und Gewitter bringen. Na super. Damit war klar, dass der Mittwoch und Donnerstag eher ruhig verlaufen würden – oder sagen wir: unfreiwillig ruhig.

Gestern hat es den ganzen Tag geschüttet. Ein Gutes hat es: Die KAMI ist endlich wieder frei von dem hartnäckigen, rotbraunen Calima-Staub. Mike nutzt das Wetter gleich aus, bewaffnet sich mit Schrubber und Eimer und schrubbt im Regen die letzten Reste runter – sozusagen Bordreinigung im „Öko-Modus“. Währenddessen sitzt Kathi an Bord und hat eine Videokonferenz mit einem Kunden. So verbringen wir den gesamten Mittwoch gemütlich – oder besser gesagt: produktiv – unter Deck.

Am Abend steht unser erstes TO-Seminar an. Das sind kleine Online-Kurse, die unser Verein kostenfrei anbietet – zu spannenden Themen rund ums Segeln, Navigation, Wetter und Co. Mike startet den Laptop, und Kathi grinst: „Irgendwie komisch – sonst haben wir die Seminare immer zu Hause auf dem Sofa geschaut und uns gefragt, wie es wohl ist, das von einem Boot aus zu machen. Jetzt gehören wir selbst dazu!“ Verrückt, wie sich das Leben manchmal ändert.

In den nächsten Tagen wollen wir alle restlichen Vorbereitungen treffen, damit wir am Sonntag unsere Atlantiküberfahrt nach Martinique starten können. Das Wetter soll sich laut Alina ab Freitag wieder beruhigen, und sie will uns dann noch einmal ein Update geben. Aber es sieht so aus, als könnten wir wie geplant starten.

Alles in allem können wir sagen: La Palma hat uns restlos begeistert. Für uns ist sie die schönste Insel der Kanaren. Santa Cruz verzaubert uns mit ihrer Atmosphäre, und das Inselinnere ist einfach spektakulär. Überall im Westen und Süden ziehen sich endlose Bananenplantagen, und der höchste Punkt – der Roque de los Muchachos – ragt stolze 2.426 Meter in den Himmel. Die Fahrt hinauf dauert fast eine Stunde und führt über unzählige Serpentinen – gefühlt tausend Kurven, manche davon so eng, dass man glaubt, man dreht gleich eine Pirouette mit dem Auto.

Oben angekommen, ist es, als würde man in eine andere Welt eintauchen. Die Nadelwälder wirken märchenhaft, die Luft ist kühl und klar, und irgendwann durchbrechen wir tatsächlich die Wolkendecke. Zehn Grad kälter als unten im Hafen – aber was für ein Ausblick! Wir sind begeistert, beeindruckt und uns sicher: La Palma hat uns mitten ins Herz getroffen.

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Zwischen Sonnenseiten und Schatten: Warum ehrliche Reiseberichte mehr zeigen müssen

Erfahrungen sammeln bedeutet nicht nur, schöne Momente festzuhalten, sondern auch schwierige Situationen anzunehmen und einzuordnen. Gerade als Reisende auf längerer Fahrt ist es für uns selbstverständlich geworden, offen über alles zu berichten, was uns begegnet – und dazu gehören eben auch die weniger positiven Themen.
Aus aktuellem Anlass möchten wir heute einen etwas anderen Beitrag schreiben. In den letzten Tagen kam es zu einem unangenehmen Kontakt mit einem sogenannten Hater, der uns unter anderem vorwarf, wir würden nur meckern, hätten von nichts eine Ahnung und sollten weniger über Piper schreiben.

Unser Blog war und ist nie als perfekte Selbstdarstellung gedacht, sondern als persönliches Reisetagebuch. Er richtet sich an Familie, Freunde und Bekannte, die uns auf unserer Reise begleiten möchten. Dabei sind wir stets bemüht, ehrlich und unverfälscht über das zu berichten, was wir erleben – über Licht- und Schattenseiten gleichermaßen. Denn wie im wirklichen Leben ist nicht jeder Tag einfach, nicht jede Begegnung erfreulich und nicht jede Erfahrung so, wie man sie sich vorgestellt hat.

Wir haben uns nach diesem Vorfall einmal die Zeit genommen und im Netz recherchiert: Viele Reiseblogs – besonders im Segelbereich – zeigen fast ausschließlich die schönen Seiten. Strahlende Fotos, ungetrübte Freude, perfekte Bedingungen. Negative Erlebnisse werden meist ausgeblendet oder gar nicht erwähnt. Diese Hochglanzdarstellung ist weit verbreitet, aber sie lässt eine entscheidende Frage offen: Ist das noch authentisch?

Wir sind überzeugt, dass Offenheit wichtiger ist als Idealisierung. Eine kritische Sichtweise ist kein Zeichen von Negativität, sondern Ausdruck von Realitätssinn. Eine Weltumsegelung ist kein ununterbrochenes Abenteuer voller Glücksmomente, sondern ein komplexes, oft herausforderndes Lebensprojekt.

Wir berichten über das, was wir tatsächlich erleben, und wir bewerten unsere Erfahrungen nach unseren eigenen Maßstäben. Wer nach makellosen Reisegeschichten sucht, wird hier nicht fündig. Wer jedoch Interesse an echten Eindrücken, ehrlichen Gedanken und gelebter Realität hat, den möchten wir weiterhin gerne mitnehmen – so, wie wir sind und wie das Leben auf See wirklich ist.

Wir werden auch in Zukunft unserem Grundsatz treu bleiben und authentisch berichten – mit allen Höhen und Tiefen, die das Reisen mit sich bringt. Denn nur so wird unser Blog das, was er ursprünglich sein sollte: eine ehrliche und persönliche Chronik unserer gemeinsamen Reise.

Viele Grüße aus der Ankerbucht von Playa Calimera im Süden Lanzarotes.

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Arrecife / Lanzarote * Wunder * Entsetzen * Tränen

Gegen 10 Uhr lichten wir den Anker in der Bucht von Playa Francesca auf La Graciosa und nehmen Kurs auf Arrecife, die Hauptstadt Lanzarotes.

La Graciosa

Dort haben wir uns in der Marina Lanzarote bereits im Voraus einen Liegeplatz für 21 Tage gesichert – klingt gemütlich, ist aber eigentlich eher logistischer Selbstschutz. Schon die Einfahrt in den Hafen gestaltet sich sportlich, denn 15 Knoten Wind machen das Manövrieren zu einer echten Zitterpartie. Über Funk erfahren wir, dass wir an Steg K, Platz 1 festmachen sollen. Leider finden wir auf dem Hafenplan im Internet keinerlei brauchbare Details. Also bleiben wir mit der KAMI, unserem liebevoll „schwimmender Joghurtbecher“ genannten Katamaran, erst mal ratlos vor den Stegen stehen, bis uns ein Marinero wild zuwinkt. Ab in die letzte Gasse, ganz hinten in eine Box, bei starkem Seitenwind – na danke. Aber siehe da: Als hätten wir nie etwas anderes gemacht, bugsieren wir die KAMI souverän hinein und legen ein perfektes Manöver hin.

Man könnte meinen, wir genießen jetzt erst einmal die Ruhe im Hafen, doch der wahre Grund für die lange Liegezeit sind Ersatzteile und Ausrüstung, die wir uns aus Deutschland nachsenden lassen wollen. Und genau hier beginnt das Drama, denn die Kanaren haben ein eigenes Steuersystem und zählen zolltechnisch nicht zur EU. Heißt: doppelt zahlen. In Deutschland schon 19 Prozent Mehrwertsteuer auf die Waren – und hier noch einmal ein variabler spanischer Zollaufschlag obendrauf. Damit unsere Pakete überhaupt halbwegs kalkulierbar ankommen, bleibt nur DHL Express. Express bedeutet hier allerdings nicht „morgen“, sondern „vielleicht innerhalb einer Woche“. Schon der erste Testversand mit Fahrradtaschen, Rucksäcken und Kleinkram kostet uns 180 Euro Porto. Nach einer Woche liegt das Paket zwar im Hafenmeisterbüro, dafür aber mit Zoll-Siegel und der Spur neugieriger Zollbeamten, die es in Berlin aufgerissen haben. Offenbar war Röntgen zu unspektakulär.

Unser größeres Problem ist allerdings der Wassermacher. Eigentlich sollte die französische Anlage von Desselator 100 Liter pro Stunde entsalzen, doch zuletzt waren es nur noch 70. Die Membranen sind nach 800 Betriebsstunden wohl nicht mehr taufrisch, also bestellen wir drei Ersatzstücke in Frankreich, die nach Deutschland geschickt und von dort aus weiter nach Lanzarote gesendet werden sollen. Soweit die Theorie. Praktisch ruft der spanische Zoll an, behält das Paket zurück und fordert 80 Euro Nachzahlung. Inhalt: drei Membranen und eine Luftmatratze für Piper, unsere Bordhündin, die das Teil als Einstiegshilfe und Hundepool nutzen sollte. Ob wir das Paket jemals sehen, ist ungewiss – und unsere Laune entsprechend frostig.

Die KAMI bedeckt mit dem CALIMA – Saharastaub.

Während wir uns mit Zoll, Ersatzteilen und Staubplage herumschlagen, sorgt unsere Bordhündin Piper für echte Sorgenfalten. Schon nach wenigen Tagen in Arrecife fällt uns auf, dass sie beim Spazierengehen nach kurzer Zeit anfängt zu röcheln, als würde sie kaum Luft bekommen. Dazu kommen rote Hautstellen, die aussehen wie Nesselsucht. Unser erster Gedanke: eine Reaktion auf die Calima. Schließlich liegt dieser Sahara-Staub wie eine feine, beige Decke über Boot, Straßen, Stegen – einfach über allem.

Wir wollen kein Risiko eingehen und suchen einen örtlichen Tierarzt auf. Die Diagnose lautet: Allergie und verdacht auf brachyzephalen Atemwegssyndrom. Wir bekommen spezielles Hundeshampoo, Ohrenspülung und ein Desinfektionsspray verschrieben, außerdem wird uns dringend geraten, eine endoskopische Untersuchung des Rachenraumes und eine Röntgenaufnahme vom Thorax vornehmen zu lassen. Uns rutscht das Herz in die Hose, doch wir stimmen zu – in der Hoffnung, Klarheit zu bekommen.

Ein paar Tage später ist es soweit: Piper muss unter Vollnarkose. Für uns ein schrecklicher Moment. Wir geben sie morgens unter Tränen ab und verbringen die Stunden bis zur Abholung in einer Mischung aus Anspannung, Bangen und Schuldgefühlen. Am Nachmittag dürfen wir sie wieder holen. Sie ist noch benommen, jammert und klagt in einer Art, die wir von ihr noch nie gehört haben. Jeder Laut geht uns durch Mark und Bein, wir leiden mit ihr und fühlen uns hilflos.

Der detaillierte Befund wird uns einige Tage später per Mail zugesendet. Inzwischen stehen wir in engem Kontakt mit unserer vertrauten Tierarztpraxis in Deutschland. Die Blutwerte, die wir aus Spanien mitbekommen, sehen nicht gut aus, insbesondere die Leberwerte bereiten uns Sorgen. Die spanischen Tierärzte drängen uns erneut, Piper im Rachenraum operieren zu lassen. Aus der Heimat jedoch kommt eine ganz andere Einschätzung: Sie halten nichts von einer Operation, sondern raten zu einer Behandlung mit Antibiotikum, da es sich um eine ernsthafte Atemwegserkrankung handelt.

Zum Glück ist unsere Bordapotheke so umfangreich bestückt, dass wir die passenden Medikamente direkt an Bord haben. Wir beginnen sofort mit der Behandlung. Zusätzlich duschen wir Piper alle zwei Tage mit der Heckdusche ab, um den Saharastaub von ihrem Fell und ihrer Haut zu bekommen. Es ist fast schon ein Ritual geworden: Einer hält sie fest, der andere schäumt mit dem Spezialshampoo – Piper schaut dabei jedes Mal beleidigt, erträgt es aber tapfer. Wir bieten ihr außerdem regelmäßig Eiswürfel an, die sie begeistert annimmt und darauf herumkaut. Sie helfen, den Rachen zu kühlen und die Schwellung zu lindern.

Piper nach dem duschen mit Poncho

Langsam bessert sich die Nesselsucht, und auch ihr Allgemeinzustand wirkt stabiler. Das Röcheln ist allerdings noch immer da, und wir hoffen jeden Tag, dass das Antibiotikum endlich durchschlägt. Die Calima wird schwächer, aber der Staub bleibt, als hätte sich die Insel in eine Dauerwüste verwandelt. Regen gibt es hier ja so gut wie nie.

Trotz aller Sorgen sind wir unendlich dankbar, dass wir unsere deutsche Tierarztpraxis im Hintergrund haben. Das gibt uns Sicherheit und ein zweites Urteil, auf das wir vertrauen können. Von dem Tierarzt hier auf Lanzarote sind wir enttäuscht, auch wenn wir natürlich verstehen, dass er nach bestem Wissen handelt. Doch das Gefühl, dass Piper fast in eine unnötige Operation gedrängt worden wäre, hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack. Umso größer ist unsere Erleichterung, dass wir die Medikamente an Bord hatten und selbst handeln konnten.

Uns bleibt nur die Hoffnung, dass sich Pipers Zustand bald dauerhaft stabilisiert und sie in der Karibik wieder frei und ohne Röcheln atmen kann.

Zwischendurch zeigt sich, dass wir manchmal auch Glück haben. Bei der Fahrt zum Flughafen, um unseren Mietwagen abzuholen, verliert Mike im Taxi sein Handy. Entsetzen pur. Ein Anruf bei der Taxizentrale, ein paar gestammelte Worte Englisch und wenig Hoffnung später die überraschende Nachricht: Der Fahrer hat das Handy gefunden und wartet vor dem Hospital auf uns. Da zahlt sich wohl das großzügige Trinkgeld aus. Wir fahren sofort hin und tatsächlich – da steht er schon, winkt, gibt das Handy zurück. Ein Wunder auf Lanzarote!

Weniger wundersam verläuft ein Ausflug nach Playa Blanca, wo wir vor Jahren schon Silvester gefeiert hatten. Im Restaurant dort werden wir endlos ignoriert, bis ein Kellner endlich genervt unsere Bestellung aufnimmt. Kathi probiert neugierig kleine frittierte Krabbenkugeln – und merkt sofort ein Kribbeln in den Lippen. Ihre Schalentierallergie meldet sich. Während das Lokal immer lauter wird und wir uns ohnehin unwohl fühlen, kippt plötzlich ihr Kreislauf. In einer Seitenstraße geht sie in die Knie, ich bin kurz davor, in Panik auszubrechen. Schließlich schaffen wir es zurück zum Auto, an Bord gibt’s Antihistamin, und nach einer Weile bessert sich ihr Zustand. Glück im Unglück – aber es hätte übel enden können.

Auch die Erkundung von Arrecife selbst sorgt eher für Ernüchterung. Die Innenstadt wirkt wie ein einziges Schaufenster von Leerstand, selbst in Baumärkten gähnen leere Regale. Für unsere Temperatursensoren suchen wir vergeblich Knopfzellen. Immerhin, Treibstoff kostet nur 1,05 Euro pro Liter, Lebensmittel sind vergleichsweise günstig. Also bunkern wir, was das Zeug hält: Dosengetränke, Milch, Fleisch und natürlich Wein, den wir platzsparend in große Wasserkanister umfüllen. Unsere Reisetaschen ächzen, aber die KAMI freut sich über volle Vorratskammern.

Für größere Ansichten, bitte auf die Fotos klicken …

Auch Kathis Geburtstag fällt in unsere Zeit hier. Ich hatte groß geplant, sie im Steakhaus Carbon einzuladen – leider ist es sonntags geschlossen. Dafür gab es eine Ayurveda-Massage im Grand Hotel. Erwartung: Wellness-Tempel. Realität: schimmelige Duschen, vergilbte Wasserflecken an der Decke. Immerhin war das warme Öl angenehm, auch wenn es ein wenig nach verbrannten Nüssen roch. Wir lachen, entspannen und vergessen für 80 Minuten, dass drumherum alles eher improvisiert wirkt.

Mein eigentliches Geburtstagsgeschenk hatte Kathi aber schon vorher eingelöst: eine Wingfoil-Stunde mit Privatlehrer. Erwartung: stylische Surfschule mit schicken Boards, Umkleiden, vielleicht noch einem kleinen Beach-Café für die wartenden Begleiter. Realität: ein grüner Van, der aussieht, als ob er gerade vom Schrottplatz eine zweite Karriere begonnen hätte. Der Surflehrer, nennen wir ihn einfach „Chill-Juan“, steigt lässig aus, schiebt die Heckklappe hoch und präsentiert uns sein Equipment: ein chaotisches Sammelsurium aus alten Neos, Kabeln, Wasserflaschen, Plastikstühlen und mittendrin – tatsächlich – ein aufblasbares Board und ein Wing. Ich bin mir in dem Moment nicht sicher, ob wir gleich eine Wingfoil-Stunde oder einen Garagenflohmarkt gebucht haben.

Kurz darauf steht Kathi auf dem Parkplatz und zieht sich am Polo um. Keine Umkleide, keine Dusche, kein „Welcome, dear students“ – nein, mitten in der Pampa, mit Blick auf ein paar verwunderte Hotelgäste am Zaun. Sie nimmt es sportlich, ich schäme mich stellvertretend. Der Surflehrer ist derweil ganz in seinem Element: Er zeigt ihr auf Englisch, wie man den Wing richtig hält. Zehn Minuten Trockenübung am Strand, während der Wind schon alles in Bewegung setzt, und schwupps – ab ins Wasser.

Und jetzt kommt das Beste: Der Surflehrer bleibt am Strand. In Jeans. Mit T-Shirt. Keine Spur davon, dass er etwa ins Wasser gehen würde, um seine Schülerin anzuleiten oder im Notfall zu retten. Stattdessen steht er breitbeinig da, winkt mit den Armen und brüllt Anweisungen, die im Wind ungefähr so klar bei Kathi ankommen wie eine Durchsage in einem alten DDR-Bahnhof: „Staaa… left… push… boaaard…!“ Sie schaut zurück, mit einem Blick zwischen Panik, Fragezeichen und „meint der mich?“. Ich stehe daneben, filme halb lachend, halb kopfschüttelnd und denke: Das ist Comedy pur.

Nach einer halben Stunde ist Kathi schon fix und fertig, nach einer Stunde treibt sie schräg in der Bucht herum, und nach eineinhalb Stunden ruft sie dem Lehrer zu, dass jetzt Schluss ist. Er nickt, packt in Rekordzeit sein Equipment zurück in den Van – diesmal wirkt er wie ein Profi, wahrscheinlich ist das Zusammenpacken sein Spezialgebiet – und hält mir die Handynummer für die Revolut-Zahlung hin. Geld überwiesen, Van-Tür zu, weg ist er. Kein Feedback, kein „good job“, nicht mal ein „bye-bye“. Einfach zack – und wir stehen da wie bestellt und nicht abgeholt.

Auf dem Rückweg sitzen wir beide schweigend im Polo, bis ich vorsichtig frage: „Also… Wingfoilen, wie war’s?“ Kathi schaut mich an, klatschnass, mit Salzwasser in den Haaren, und sagt trocken: „Ich glaube, das war gerade die teuerste Slapstick-Einlage meines Lebens.“

Am nächsten Tag gehen wir dann in eine richtige Surfschule. Dort begrüßt uns ein junger, motivierter Surferboy mit sonnengebleichten Haaren, gibt uns ein paar Infos und zeigt uns echte Boards – Hardboards, wohlgemerkt. Und genau da kippt die Stimmung wieder. „Wo willst du das Ding denn verstauen? Unter meinem Kopfkissen?“, frage ich. Kathi ist sofort genervt, und wir streiten über die Lagerkapazitäten unseres schwimmenden Joghurtbechers. Am Abend googeln wir uns schlauer und beschließen, erstmal das SUP an Bord als Lernbrett zu nutzen. Wenig später kaufen wir zwei gebrauchte Wings – einen großen und einen kleinen – für kleines Geld. Damit ist klar: Das Training wird künftig in der Ankerbucht fortgesetzt, mit vollem Körpereinsatz und ohne Surflehrer in Jeans.

Gedanklich hatten wir zwischendurch auch mit einem Familienbesuch geliebäugelt. Oma Uschi und Tildi sollten eingeflogen werden – praktisch, um Ersatzteile mitzubringen und schön, um sich zu sehen. Doch die Flugpreise in den Herbstferien schlagen uns schnell alle Illusionen aus: 1.200 Euro pro Ticket! Außerhalb der Ferien gibt es Flüge ab 120 Euro. Und da Tildi ohnehin noch mit einer Fußverletzung kämpft, verschieben wir den Plan.

So bleibt uns vorerst nur, auf das nächste Ziel zuzusteuern. Von Lanzarote geht es weiter über den Süden der Insel Richtung Teneriffa, und am 28. Oktober wollen wir auf La Palma für mindestens 14 Tage festmachen. Bis dahin hoffen wir, dass der Zoll uns endlich in Ruhe lässt, dass die Calima endgültig verschwindet – und dass Piper bald wieder frei atmen kann.

Arrecife hat uns eine Menge Nerven gekostet, zwischen Zolltheater, Allergieschocks, Handydramen und improvisierten Surflehrern. Aber was bleibt, sind jede Menge Geschichten, ein paar graue Haare mehr und die Erkenntnis, dass man selbst aus den größten Pleiten noch lachen kann – irgendwann zumindest.

An dieser Stelle nochmals ganz lieben Dank an unsere heimatliche Tierarztpraxis in den Havelauen, Frau Dr. Inga Vetrella und Linda Fiedler, die uns jederzeit via Mail und telefonisch zur Seite stehen, wenn es um die Gesundheit von Piper`li geht.
Danke – Ihr seid wirklich ein tolles Team!

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La Graciosa – Sand * Wind * Wellen

Wir erreichen die Bucht „Playa de la Francesa“ auf der nördlichen Kanareninsel La Graciosa gegen Mittag. Einige Segelboote liegen genau in der Mitte der Bucht, wir entscheiden uns, etwas östlicher am Rand – gegenüber eines hohen Sandbergs – auf 15 Metern Tiefe den Anker fallen zu lassen. Wir fahren den Anker ordentlich ein und geben 50 Meter Kette aus.

La Graciosa ist ein Ort, an dem die Zeit stillsteht. Die Sandwege in Caleta del Sebo, dem einzigen größeren Ort, führen vorbei an weißen Fassaden, kleinen Bars und dem Hafen, wo Fischerboote schaukeln. Barfuß durch die Gassen zu schlendern oder direkt am Strand zu wohnen, ist hier völlig normal. Die wenigen Autos sind Geländewagen, Fahrräder das bevorzugte Fortbewegungsmittel. Der Ort gilt als Geheimtipp für spanische Urlauber, die Ruhe und Entspannung suchen.

Das Herzstück der Insel sind die paradiesischen Strände: Playa de las Conchas im Nordwesten mit wildem Atlantikpanorama, die goldene Bucht von Playa Francesa nahe Caleta del Sebo, in der wir ankern, sowie die abgeschiedenen Buchten rund um Montaña Amarilla, wo Vulkangestein mit weißem Sand wunderschöne Farbspiele zaubert.

Auf La Graciosa geht das Leben langsam: Jeder Ausflug wird zu einer kleinen Entdeckungsreise, ob zu Fuß, per Fahrrad oder mit dem Boot. Wanderer durchstreifen karge Vulkanlandschaften, gemütliche Radfahrer umrunden die Insel auf gut ausgeschilderten Wegen. Für Taucher und Schnorchler eröffnet das Meer ein geschütztes Unterwasserparadies mit reicher Flora und Fauna.

Während unseres Aufenthalts in der Bucht von Playa Francesa ist es wegen der „Calima“ sehr wellig und schwellig. Das Wasser ist durch aufgewühlte Sedimente sehr trüb. Ein entsprechendes Taucherlebnis bleibt uns daher verwehrt – schade.

Calima – das ist der Moment, wenn die Kanaren plötzlich in gelbliches Licht und feinen Wüstensand aus Afrika getaucht werden. Ein warmer, trockener Wind weht von der Sahara herüber, hüllt Inseln, Berge und Strände in einen fast mystischen Dunst, und mit jedem Atemzug spürt man: Heute ist alles ein bisschen anders. Die Sicht reicht oft nur noch wenige Kilometer, Autos und Straßen bekommen einen pudrigen Schleier, die Haut fühlt sich staubig an und die Sonne scheint wie durch einen Filter.

Mit dem Dinghy fahren wir zweimal nach Caleta del Sebo. Das kleine Dorf wirkt wie ein Ort aus dem arabischen Raum. Es fehlen nur die Kamele, und der Eindruck wäre perfekt. Wir finden zwei kleine Supermärkte, in denen wir Kleinigkeiten wie frisches Obst und zwei Flaschen Wein einkaufen. Direkt am Hafen genießen wir im Restaurant Girasol einen leckeren Ceasersalat und frischen Fisch. Unseren angesammelten Müll können wir ganz unkompliziert am Hafen in einem von zehn Müllcontainern entsorgen – perfekt.

(Klick auf das Bild zum vergrößern)

Das Wetter während unseres Aufenthalts ist mal wieder nicht optimal. So erleben wir einige komplett bewölkte Tage sowie extrem windige und böige Nächte, in denen wir in den frühen Morgenstunden wach werden, um nach dem Rechten zu sehen (hält der Anker? Treiben wir ab?). Tagsüber, wenn die Sonne scheint, ist es durch den Wind nie richtig warm. Einen richtig schönen Sundowner erleben wir durch die Calima leider nicht. Die Sonne geht eher weiß als blutrot unter.

Unsere Ankerbucht gilt als eine der schönsten auf den Kanarischen Inseln. Wir sind gespannt, was noch kommen wird, und planen grob unseren weiteren Aufenthalt auf den Kanarischen Inseln. Wir merken schon jetzt, dass durch die bevorstehende ARC viele Häfen keine Reservierungen mehr annehmen. Die ARC (Atlantic Rally for Cruisers) ist das größte Transatlantik-Event für Fahrtensegler und macht Las Palmas auf Gran Canaria jedes Jahr im November zum Mittelpunkt der Seglerwelt. Hunderte Yachten aus aller Welt starten gemeinsam Richtung Karibik – das Ziel ist Saint Lucia. Zu den überfüllten Häfen auf fast allen Inseln kommen die Ankerbuchten, in denen sich nach und nach die Schiffe stapeln.

Um eurer Frage vorzugreifen: Nein, wir haben uns gegen eine Teilnahme an der ARC entschieden. Wir sehen hier einfach nur den Kommerz im Fokus stehen. Nette Kontakte und Freundschaften finden sich auch in den Ankerbuchten, dafür müssen wir nicht im Pulk über den Ozean segeln. Das Klientel der Teilnehmenden besteht unserer Meinung nach größtenteils aus älteren Herrschaften sowie Familien mit Kleinkindern, die aus Sicherheitsgründen die ARC buchen. Die vielen Feste und Trainings eignen sich bestimmt auch für Segler ohne Pets Begleitung. Auch deshalb ist die ARC für uns ein No-Go.

Wir bekommen Besuch auf der KAMI vom nebenan ankernden Katamaran „Stardust“, ebenfalls Mitglied in unserem Verein TransOcean e.V.. Tobi, Sarah und die Kinder Tibi & Jari düsen mit dem Dinghy rüber. Tibi und Jari freuen sich über Piper, und mit Tobi und Sarah vertiefen sich unsere Gespräche bei Corona-Bier und Lillet bis in die späten Abendstunden. Wir freuen uns sehr über den netten Kontakt und wünschen uns gegenseitig ein baldiges Wiedersehen. Die SY Stardust segelt am nächsten Tag in den Süden Lanzarotes.
Am gleichen Tag laden wir Christian und Helga von der SY Fuchur zum Kaffee an Bord ein. Genau wie wir ist die Fuchur von Madeira hierher nach La Graciosa gesegelt. Beide haben wir bereits auf Madeira kennengelernt. Auch hier verbringen wir angenehme Stunden zu viert und tauschen uns über die weiteren Reisepläne aus.

Nach fast zehn Tagen holen wir den Anker ein und steuern die Calero Marina / Marina Lanzarote in Arrecife, der Hauptstadt Lanzarotes, an. Wir haben hier einen Liegeplatz bis zum 8. Oktober gebucht. Wir mieten wieder einen Leihwagen (diesmal sehr günstig mit 12 Euro pro Tag) und wollen unsere To-Do-Liste abarbeiten. Auf der Liste stehen ein Tierarztbesuch mit Piper’li (sie röchelt so herzzerreißend bei höheren Temperaturen), Friseurbesuche, Baumarkteinkauf, IKEA-Einkauf und die Aufstockung von Proviant für die bevorstehende Atlantiküberquerung. Wir wollen ein wenig auf dem Festland die Insel weiter erkunden und Kathis Geburtstag gebührend feiern. Mein Geschenk an sie ist in diesem Jahr ein Wingfoil-Kurs, den sie sich schon lange wünscht. Bestimmt findet sich hier auf der Insel ein geeignetes Surfcenter für den Kurs.

Und sonst? Wie geht’s weiter?

Nach unserem Aufenthalt in der Marina Lanzarote segeln wir weiter Richtung Süden und ankern vor der Marina Rubicón, wo wir Ende Oktober noch einmal eine Woche im Hafen liegen werden. Wir erwarten hier noch einige Pakete aus der Heimat, unter anderem eine neue Ankerwinsch, die wir wechseln wollen, und zwei Kwiggle-Bikes. Danach segeln wir nach Teneriffa und gehen dort kurz vor unserem Absprung in die Karibik in den Hafen Puerto Deportivo Radazul. Falls das Wetter mitspielt und der Wind günstig ist, wollen wir am 16. November vor dem Start der ARC (23. November) aufbrechen.

Es geht uns gut und wir genießen die milden Temperaturen.

Bis bald …

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Madeira – Insel der Blumen / Hunde unerwünscht

Es ist früher Nachmittag, als wir mit dem letzten Energieschub Madeira erreichen. Wir steuern die Marina „Quinta do Lorde“ im Osten der Insel an. Kurz vor dem Eintreffen funken wir die Marina an und bitten um Zuweisung eines Liegeplatzes sowie um einen Pick-up am Hafeneingang. Wir sollen einfahren und Kurs auf den Steg „D“ nehmen. Wir biegen in den Hafen ein und sehen in der Mitte drei Marineros in hellblauen Poloshirts, die uns aufgeregt zuwinken. Mit ordentlich Seitenwind machen wir am Schwimmsteg fest. Vertäut geht es schnurstracks zum Marinabüro. Dort sitzen zwei Damen, die uns freundlich empfangen. Wir klarieren für zehn Tage ein, mieten für den nächsten Tag einen Kleinwagen und fragen nach technischem Support für unsere Funkanlage. Wir bekommen eine Visitenkarte von „Oliver“, den wir direkt im Anschluss per WhatsApp kontaktieren. Er will uns am Donnerstag besuchen.

Wir erkunden den Hafen, der inmitten einer großen Ferienanlage liegt. Das „Dreams“ wurde vor kurzem von Hyatt übernommen. Besonders die kleine Bar an der Hafenmole zieht unsere Aufmerksamkeit auf sich. Ein kurzer Stopp entpuppt sich leider als Flop: Die Getränke sind eher mittelmäßig, der Burger mit Pommes fast ungenießbar – enttäuschend. Ein kleiner Eisladen daneben bietet Kugeln für 2,50 € an. Wir versuchen es – alle Sorten schmecken gleich: künstlich und süß. Hm.

Oliver besucht uns im Hafen von Quinta do Lorde und misst als Erstes die Signalstärke unserer VHF-Antenne. Die Messergebnisse sind gut, alle Stecker sind in Ordnung und es gibt keine Korrosion. Einen Fehler an unserer Funk- oder AIS-Anlage kann er nicht finden – eigenartig. Nach anderthalb Stunden brechen wir die Fehlersuche ab. Wir fragen, was wir ihm für seine Hilfe zahlen dürfen. Oliver ist es offenbar unangenehm, trotz erfolgloser Fehlersuche ein Honorar zu verlangen. Schließlich nennt er 50 Euro. Das finden wir mehr als fair. Zwei Tage später kommt Christian von der SY Fuchur zu uns an den Steg und berichtet von exakt denselben Problemen auf seinem Segelboot: Auch er hat AIS-Ausfälle und gelegentlich Schwierigkeiten mit der Funkverbindung. Das kann doch kein Zufall sein! Vielleicht liegt ja gar kein technischer Defekt vor? Wir sind ratlos.

Wir bemerken, dass wir uns den Steg „D“ mit Tagesausflüglern der örtlichen Tauchbasis sowie der Delfin- und Walbeobachtungsstation teilen müssen. Mehrmals am Tag, ab 9 Uhr morgens, hasten bis zu 20 Gäste über den Steg und springen in die Schlauchboote. Das zieht sich bis in den späten Nachmittag. Piper, natürlich wachsam, ist ständig am Bellen. Die Angestellten der Tauchbasis interagieren immer wieder mit ihr, rufen und streicheln sie durch den Seezaun.

Am nächsten Tag wird uns ganz unkompliziert der Mietwagen direkt am Steg übergeben. Im Hafen liegen zwei weitere Segelboote unseres Vereins (TransOcean). Die Crew der „Fuchur“ schreibt uns via WhatsApp und begrüßt uns, die Crew der „Hyperion“ kommt direkt vorbei und sucht das Gespräch. Es ergeben sich schnell nette Kontakte, und wir beschließen, am Abend mit Silke und Peter von der Hyperion in einer 16 km entfernten, von Einheimischen empfohlenen Gaststätte zu essen. Dort soll es die traditionellen Fleischspieße geben, die am Tisch aufgehängt werden. Mitten in den Bergen finden wir das Lokal. Der erste Hinweis: „Hunde nicht erlaubt“. Nach langem Diskutieren mit dem Wirt und Unterstützung durch die sprachgewandte Silke dürfen wir Piper doch mitnehmen. Es wird ein schöner Abend, den wir genießen.

Am nächsten Tag rücken wir der Salzkruste zu Leibe, die sich während der Überfahrt wie ein Schleier um das Schiff gelegt hat. Nach drei Stunden glänzt die KAMI wieder und die Spuren der Offshore-Passage sind beseitigt. Mit unseren 25-Liter-Kanistern fahren wir zu einer nahegelegenen Tankstelle und füllen die Dieselvorräte auf – insgesamt lagern wir Treibstoff für knapp 700 Euro ein. Die Tour zur Tankstelle machen wir zweimal.

Quinta do Lorde liegt sehr abgelegen. Für die Fahrt nach Funchal, der Hauptstadt, benötigen wir etwa 30 Minuten. In der Hauptstadt suchen wir zunächst eine Decathlon-Filiale. Auch hier sind Hunde nicht erlaubt, wir tricksen und setzen Piper in den Einkaufswagen – so lässt man uns gewähren. Wir kaufen eine Fitnessmatte und zwei Angelköder und besuchen anschließend ein Anglergeschäft. Dort finden wir eine Multirolle für die Trollingangel.

Weiter geht es nach Machico. Dort gibt es ein Restaurant namens „Munchis“. Auch auf Bermuda gab es einst einen Imbiss namens „Munchi“. Die Burger dort waren richtig lecker – 2023 war ich mit Karsten Stammgast. Das Munchi hier auf Madeira muss also auch getestet werden. Wir werden herzlich empfangen und draußen mit Piper bewirtet. Getränke und Essen schmecken super. Wir sind begeistert und nehmen uns vor, wiederzukommen.

Leider ist die Waschmaschine im Hafen kaputt und der Waschraum riecht unangenehm. Also organisieren wir in Funchal einen Laundry-Service, wo unsere Bettwäsche und Handtücher für 18 Euro express gewaschen werden. Die Wartezeit verbringen wir in einer kleinen Bar an der Küste. Der Chef spricht ein paar Brocken Deutsch, kommt aus Brasilien und lebt mit seiner „Schmetterling“ – wie er seine Partnerin liebevoll nennt – auf Madeira. Wir unterhalten uns bei einem Mojito fast eine Stunde mit ihm. Im Hintergrund läuft chillige Musik. Wir fragen danach und bekommen den Link zur Spotify-Playlist. Genau unser Ding: smooth und entspannt – schön.

Am Wochenende nutzen wir die Zeit und starten Teams-Meetings mit Lea und Madeleine. Schön, mal wieder etwas aus der Heimat zu hören. Tagsüber arbeitet Kathi an ihrem Ausbildungshandbuch für Brandschutzhelfer und möchte eine gebundene Ausgabe für die Schulungsteilnehmer erstellen. Mike erledigt kleinere Reparaturen am Schiff. So vergeht die Zeit im Hafen und auf der Insel wie im Flug.

Das Wetter auf Madeira ist sehr wechselhaft: Morgens scheint die Sonne, mittags stürmt der Wind und nachmittags gibt es Regen. Mit dem Mietwagen sind wir unterwegs und suchen einen Strand, wo Piper ins Wasser kann. Leider ist das fast unmöglich – alle öffentlichen Strände mit Eintritt sind während der Saison für Hunde tabu. Ärgerlich. Wir finden einen kleinen, steinigen Strandabschnitt abseits, wo einige Surfer unterwegs sind. Nicht gerade einladend, aber zum kurzen Baden reicht es. Piper genießt es, wir auch – bis uns eine größere Welle bis zur Hüfte erwischt. Wir stehen in nassen Sachen da. Mist! Schnell aufs Schiff und umgezogen.

Abends fahren wir ohne Piper nach Canical in ein abgelegenes Restaurant mit guter Tripadvisor-Bewertung. Der Kellner ist nett, aber das Essen überzeugt uns nicht. Hier zeigt sich wieder, wie unterschiedlich Meinungen und Geschmäcker sein können.

In Funchal besuchen wir einen Obst- und Gemüseladen. Der Verkäufer spricht Deutsch und erklärt die tropischen Früchte in der Auslage. Wir nehmen drei verschiedene Drachenfrüchte und eine Monstera-Frucht mit. Zum Frühstück wollen wir probieren – nur eine der drei Drachenfrüchte schmeckt uns richtig gut. Die Monstera erinnert an eine Mischung aus Banane und Ananas, die Konsistenz ist eher breiig.

Unsere Suche nach einem schönen Sandstrand endet in Funchal, in der Nähe des Madeira Forum. Laut Internet sind dort Hunde erlaubt – das wollen wir sofort ausprobieren. Wie im B5-Center in Dallgow sind auch hier die Shops über Außenbereiche zugänglich. Leider dürfen wir mit Hund die meisten Geschäfte nicht betreten. Also ein Reinfall! Schade!
Über den „schönen Sandstrand“ (Ironie aus) freut sich immerhin Piper – und eins steht fest: Unser nächster Halt auf den Kanaren wird von der Aussicht auf „weißen, feinkörnigen Sand“ abhängig gemacht.

Am vorletzten Abend bekommen wir auf der KAMI spätabends unerwarteten Besuch: Mike entdeckt im Salon auf der Lehne ein Krabbeltier spazieren. Zuerst denken wir an eine Eidechse (davon gibt es hier ja unzählige), doch der Besucher entpuppt sich als riesige Schabe. Wie vom Blitz getroffen springen wir auf, schalten das Licht an und greifen nach der elektronischen Fliegenfalle (die aussieht wie ein Tennisschläger).
Nach mehreren wilden Sprüngen durch den Salon landet die afrikanische Kakerlake schließlich unter der Fliegenfalle. Mit Hilfe einer Küchenrolle fliegt sie im hohen Bogen über die Reling ins Freie. Wie eklig!

Natürlich googeln wir sofort – und finden Schlagzeilen wie „Madeira, Hochburg der Schaben“ oder „Kakerlakenplage in Portugal“. Kathi ekelt sich so sehr, dass sie direkt einen Herpesausschlag bekommt. Die Nacht ist unruhig, und am nächsten Morgen wird das gesamte Schiff auf den Kopf gestellt. Zum Glück finden wir keine Nester, Eier oder weitere Tiere. Gott sei Dank! Hoffentlich war es nur eine einzelne nächtliche Besucherin, die über eine Festmacherleine an Bord gelangt ist. Wachsam bleiben wir jedenfalls und behalten unsere Vorräte gut im Auge.

Am letzten Abend sind wir bei Silke und Peter auf ihrer Hyperion eingeladen. Bei einer Flasche Roséwein philosophieren wir über die nächsten Reisepläne. Auch die Crew der Hyperion möchte Ende des Jahres den Sprung über den Atlantik in die Karibik wagen. Im Gegensatz zu uns wollen sie jedoch noch einige Wochen auf Madeira bleiben. Für uns wäre das keine Option – wir vermissen schlicht die schönen Strände und wünschen uns noch ein paar Grad wärmere Temperaturen.

Madeira ist abgehakt. Man kann die Insel besuchen – muss man aber nicht unbedingt. Für Liebhaber von Blumen, Pflanzen und steilen Bergen sicherlich eine Bereicherung.

Go to Canary Islands (Lanzarote 270 sm) … erstes Ziel: Playa Francesa auf La Graciosa

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Landfall nach 1.300 Seemeilen

Es ist Montag Nacht, 23:26 Uhr UTC. Der Kurs steht auf 206 Grad, Ziel ist Madeira. Noch rund 90 Seemeilen, dann laufen wir in den Hafen der Marina da Quinta do Lorde ein – und unsere erste große Passage von etwa 1.300 Seemeilen liegt hinter uns.

So richtig „Traumfahrt in den Süden“ war diese Überfahrt allerdings nicht. Die Überreste des Hurrikans Erin hatten uns in den letzten Tagen ordentlich auf Trab gehalten: Sturmwarnungen, Vorhersagen mit bis zu 12 Meter hohen Wellen und ständig Druck, Richtung Süden auszuweichen.

Der Wind stand dabei ungünstig – zwischen 150 und 180 Grad – normales Segeln fast unmöglich. Zum Glück hatten wir unseren Gennaker und konnten so wenigstens mit dem Leichtwindsegel Strecke machen, auch wenn dabei eine der Maschinen zwei Drittel der Zeit mitlaufen musste.
Seit dem Nachmittag spürten wir dann die vollen Ausläufer von Erin: hohe Wellen, erst seitlich, später achterlich. Nicht unbedingt angenehm – besonders für Kathi, die sich fragte, ob so ein Katamaran tatsächlich auch kentern könne. Nach einigen Gesprächen konnte ich sie aber wieder beruhigen. Piper, unsere treue Bordhündin, musste am Abend ein wenig medizinische Unterstützung bekommen, um in der Nacht entspannen und schlafen zu können. Mit Erfolg!

Trotz aller Strapazen – wir haben die 2.000-Seemeilen-Marke jetzt überschritten und die erste richtige Blauwasserfahrt erfolgreich gemeistert. Mehr noch: wir sind zu einem richtig guten Bordteam zusammengewachsen. Jeder kennt seine Aufgaben – es läuft.

Technik und Reparatur – der ständige Begleiter
Wie wohl bei allen Langfahrtseglern gilt: Auf Passage gehen fast immer Dinge kaputt, die besser halten sollten. Auch bei uns. Drei Luken waren undicht und ließen Wasser ins Schiff – aber mit Butylband konnten wir sie innerhalb eines Vormittags abdichten. Ein fehlerhaft angeschlossener Lüfter für die beiden Victron Quattros wurde während der Überfahrt repariert.
Dazu kamen Probleme mit Funk und AIS. Ein Frachter ließ sich in der vorletzten Nacht nicht sauber anfunken, und die ständigen AIS-Aussetzer sind ebenfalls nicht normal. Meine Vermutung: die Antenne am Mast ist das Problem. Das steht nun auf der Madeira-Checkliste. Ebenfalls zu klären: die ausgefallene Fernbedienung unseres Autopiloten und die Wartung der Ankerwinsch (Motorwechsel nötig wegen Brandspuren).
Wenn wir die Kanaren erreichen, soll zudem ein neues AIS-System eingebaut werden – für uns eine zentrale Sicherheitskomponente, gerade zur Kollisionsvermeidung. Die Wartungs- und Reparaturliste wächst jedenfalls Schritt für Schritt, unter anderem kommen auch die Elektrowinschen bald dran.

Ankunftsmodus – Alltag nach der Passage
Aber jetzt heißt es erst einmal: ankommen, ausschlafen, das Schiff vom Salz der letzten Tage befreien. Klar Schiff machen! Außerdem muss Diesel nachgebunkert werden und unsere Proviantvorräte gehören aufgefüllt. Mit einem Mietwagen möchten wir dazu nach Funchal fahren, Madeiras Hauptstadt. Ein Besuch im Anglerfachgeschäft steht ebenfalls auf dem Plan – ich brauche dringend eine gute Multirolle fürs Schleppangeln.
Unsere Idee ist, ungefähr zehn Tage auf Madeira zu bleiben, bevor es weitergeht zu den Kanarischen Inseln. Dort wollen wir die Inseln nach und nach absegeln, endlich wieder unsere Tauchausrüstung aus der Backskiste holen und die Unterwasserwelt erkunden. Außerdem steht Kathis Geburtstag an – und aus Deutschland erwarten wir Pakete mit dringend benötigten Ersatzteilen.

Alltag an Bord – unser „Neues Normal“
So langsam finden wir uns in unseren Bordalltag ein: Trinkwasser machen, Wäsche waschen, kleine Reparaturen erledigen, Routen planen, zwei Mal täglich die Wetterberichte über Windy oder PredictWind checken, Piper beschäftigen und regelmäßig über Deck führen. Und zwischendurch immer wieder ein bisschen Büroarbeit.

Logbuch Madeira
Location: Quinta do Lorde, Madeira
Wassertemperatur Atlantik: 25,2 °C
Lufttemperatur: endlich Sommer, 26–30 °C
Trip-Stunden: 372
Trip-Seemeilen: 2.012

Es war keine leichte Überfahrt, aber wir haben sie geschafft. Englischer Kanal – Biskaya – Nordatlantik – Wir haben gelernt, viel repariert, sind miteinander gewachsen – und der nächste Abschnitt wartet schon. Weiter so!

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Endlich… Blauwasser

Es ist Montag früh, gegen 8 Uhr stehen wir auf. Wie so oft vor einer längeren Überseepassage haben wir beide schlecht geschlafen. Wir träumen komische Sachen, werden mehrmals in der Nacht wach, liegen mit vielen Gedanken im Bett und versuchen, ein wenig Ruhe zu finden.

Eigentlich wollten wir erst mittags „Anker auf“ gehen, doch wir haben Hummeln im Bauch und starten nach dem Frühstückskaffee aus der Ankerbucht in Camaret-sur-Mer. Langsam tuckern wir mit 5 Knoten um die Landzunge – und landen im dichten Nebel. Vor uns zeichnen sich schemenhaft mehrere Kriegsschiffe der französischen Marine ab.
Dann trifft die erwartete Mail von Sebastian Wache ein – keine guten Nachrichten! Das nervt mittlerweile. Nicht nur, dass wir wochenlang in jedem zweiten Hafen abwettern müssen, auch das richtige Sommer-Reisefeeling will einfach nicht aufkommen.
Sebastian schreibt, dass der Hurrikan Erin seine Ausläufer nach Europa schicken wird – und das verheißt nichts Gutes. Meteorologen erwarten Stürme und bis zu 5 Meter hohe Wellen. Besonders die Küste Frankreichs soll es hart treffen, rund um den 28. August. Für uns gibt es zwei Optionen:
Weiter in einem französischen Hafen abwettern – und dort die volle Wucht abbekommen.
Verkürzt über die Biskaya starten, dann schnell nach Süden abfallen und hoffen, damit den schlimmsten Winden zu entkommen.
Aber: Die erwarteten 5-Meter-Wellen werden wir wohl trotzdem aushalten müssen.
Na klasse!

Delfinbegleitung & erste Etappe
Noch im dichten Nebel aus der Bucht von Camaret-sur-Mer motorend, wagen wir es und machen uns trotz der angsteinflößenden Prognosen auf den Weg nach Madeira. Schon am Vormittag, draußen vor Brest, begleiten uns fast eine Stunde lang Delfine.
Piper ist völlig aus dem Häuschen, rennt aufgeregt über das Bootsdeck und beobachtet das Schauspiel durchs Trampolin. Die Delfine springen und vollführen wunderschöne Pirouetten knapp unter der Oberfläche.
Und die Überraschungen gehen weiter: Wenig später landet ein kleiner Vogel – ein Trauerschnäpper – bei uns am Steuerstand. Zutraulich lässt er sich fotografieren und bleibt rund eine halbe Stunde, bevor er weiterfliegt. Fast märchenhaft: Nebel über dem Wasser, winkende Robben und nun dieser Vogelbesuch.

Die ersten Wellen und die erste Nacht
Am Nachmittag kommt endlich Wind und Sonne. Der Nebel ist vertrieben und die KAMI nimmt Fahrt auf in Richtung unseres ersten Wegpunkts. Der Wind bläst noch spitz von vorn und unbeständig, die KAMI springt über die Wellen – Kathi wird seekrank.
Zum Glück haben wir eine gute Bordapotheke, und dank Götz’ verschriebener Medis ist schnell Linderung da. Piper bleibt diesmal seegängig, was uns sehr beruhigt. Ich baue unser „Schlaflager“ im Salon auf, damit wir drei nah beieinander sind – bewährt für lange Passagen. Bald darauf liegen Kathi und Piper zusammen eingerollt und schlafen tief.
Abends entfällt die Bordküche, wir gehen in die erste Nacht. Ritualgemäß übernehme ich die Nachtwache. Kein Problem: Zwei Segler aus Österreich kreuzen unseren Kurs, wie in einem Dreieck fahren wir parallel durch die Nacht. Erst in den Morgenstunden trennen sich unsere Wege: Sie steuern A Coruña an, wir dagegen halten Kurs ins offene Blauwasser gen Süden. Das tiefe Blau – es ist überwältigend, ich liebe es einfach!

Alltag auf See
Um ordentlich Strecke zu machen, lassen wir bei unter 10 Knoten Wind eine Maschine mit geringer Drehzahl laufen – so laden wir auch unsere Energiespeicher auf, denn die Solarausbeute war zuletzt dürftig.
Gegen 5 Uhr UTC (zwei Stunden vor deutscher Zeit) übernimmt Kathi die Wache am Kartentisch. Noch geht es ihr nicht besonders, wir probieren ein anderes Präparat. Ich döse tagsüber nur in Etappen, echter Tiefschlaf will nicht kommen.
Am frühen Nachmittag kehrt der Wind zurück. Gemeinsam setzen wir das Großsegel und rollen die Genua aus – klappt schon richtig gut. Ich bin überzeugt: Spätestens ab Madeira kann Kathi die KAMI allein segeln.
Tagsüber probiere ich mich mit unserer neuen Trollingangel – noch ohne Erfolg. Vielleicht liegt’s am Köder oder an unseren Einstellungen. Aber wir üben weiter, denn frischer Fisch soll in unser Proviantkonzept integriert werden. Auch Piper würde davon profitieren: Neben Trockenfutter wollen wir ihr immer wieder frisches Gemüse und Fleisch/Fisch abkochen.

Zweite Nacht – Verkehr in der Biskaya
Die zweite Nacht segeln wir unter vollen Segeln. 17 Knoten Wind aus Nordwest bringen uns gute Fahrt – 7 Knoten im Schnitt. Wenn es so bleibt, erwischen uns die Ausläufer von „Erin“ nicht mehr. ETA Madeira: Mittwoch nächster Woche. Mit etwas Glück sogar Dienstag früh.
Doch die Nacht ist anstrengend: Wir kämpfen uns durch dichten Schiffsverkehr – Fracht-, Container- und Fischerboote, Fähren, Kreuzfahrer. Gegen 23 Uhr sind wir von über 20 Schiffen umzingelt. Bei einem Containerriesen muss ich funken, da er auf Kollisionskurs bleibt. Seine Antwort: „Ja, wir sehen Sie – Sie sind genau voraus.“ Aber er ändert den Kurs nicht. Erst 500 Meter hinter uns zieht er nach Backbord ab. Die Heckwelle kracht unter die KAMI, Gischt spritzt übers Deck – was für ein Schreckmoment!
Marinetraffic zeigt das Szenario wie ein Spalier aus bunten Schiffssymbolen. Mittendrin die Fischer, die Yachten, ein einziges Gewimmel. Hoffentlich sind wir bald aus der Hauptachse raus. Ein Trost: Bei dem dichten Verkehr wäre im Notfall sofort Hilfe da – die Medaille hat eben zwei Seiten. lach

Sorge: Orcas an Iberiens Küste
Ein Thema bleibt uns noch im Kopf: die Meldungen über Orca-Angriffe vor Spanien und Portugal. Schon seit einigen Jahren attackieren Schwertwale dort Segelboote und beschädigen Ruderblätter – einige Yachten sind dadurch sogar gesunken!
Warum gerade diese Gruppe von Tieren dieses Verhalten zeigt, ist nicht klar. Besonders gefährlich ist die Straße von Gibraltar. Da man Orcas nicht vertreiben darf und Schutzversuche mit Lärm oder Sand nichts gebracht haben, bleibt Skippern nur, die Gebiete weiträumig zu umfahren. Unser Plan: deutlich abgesetzt von der Küste und weit draußen im Tiefwasser (bis 5000 m) gen Madeira segeln. Besonders viel Glück schadet da nicht – also: Daumen drücken!

Jetzt ist es 00:47 Uhr UTC (= 02:47 Uhr MESZ). Auf dem Radar taucht schon der nächste Pulk Frachter auf. Meine Augen kleben am Plotter, die Müdigkeit kommt langsam. Sonnenaufgang ist um 05:30 Uhr UTC, dann darf Kathi übernehmen.

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Abschied von Camaret-sur-Mer – Kurs auf Madeira

Die letzten Tage in Camaret-sur-Mer haben wir noch einmal richtig genutzt, bevor das nächste große Abenteuer begann. Wir haben die kleine Stadt mit ihren engen Gassen erkundet, das Künstlerviertel besucht (Mike sein Highlight war das Atelier Ramine) und uns abends gelegentlich in ein Café gesetzt, um bei Musik und einem Glas Wein die Abendsonne zu genießen. Ein perfekter Mix aus Urlaubsgefühl und Aufbruchsstimmung.

Ein Highlight war ein Ausflug in die kleine, felsige Bucht gleich um die Ecke. Dort gab es einen schmalen Strand, an dem wir mit Piper getobt haben: Ballspielen, Rennen über die Steine – und ja, wir haben auch ein bisschen Schwimmen geübt. Anfangs fand sie das gar nicht lustig, aber nach ein paar skeptischen Blicken wagte sie sich dann doch ins Wasser. Ihr Gesichtsausdruck dabei: unbezahlbar!

Das Wetter zeigte sich endlich von seiner besseren Seite: Die Persenning ist runter, der Sonnenschutz im Cockpit montiert, und die KAMI sieht wieder so aus, als könnte man mit ihr um die Welt segeln – oder zumindest erst einmal nach Madeira. Auch die Vorräte sind aufgefüllt: Obst, Gemüse, Aufstriche – und natürlich die ein oder andere Nervennahrung für die Nachtwachen. Alles ist verstaut und verzurrt.

Sonnenelemente Cockpit

Am Freitag hatten wir noch einen Termin mit Sebastian Wache, der aktuell die Urlaubsvertretung für Alina übernimmt. Sehr beruhigend, kurz vor dem Start noch ein frisches Wetter-Update parat zu haben – immerhin will man wissen, ob man mit Welle, Flaute oder Böen rechnen muss.

Gestern Abend gönnten wir uns dann noch einen Abstecher in die gemütliche Hafenbar La Rhumerie. Die Burger waren köstlich, und der Rosé mundete hervorragend. Danach ging es noch auf einen Cider zur Toroa, einer TO-Segelyacht, mit deren Crew wir seit Cuxhaven in Kontakt stehen. Sie waren gerade frisch in Camaret eingetroffen, und wir haben den Abend genutzt, um gemeinsam anzustoßen – wie immer mit der Hoffnung, sich unterwegs irgendwo wiederzusehen.

Heute Morgen dann der große Moment: Wir starteten im dichten Nebel – und natürlich völlig ohne Wind. Genau wie die Prognose es vorhergesagt hatte, auch wenn man ja immer noch auf ein kleines Segelwunder hofft. Zum Abschied zeigte sich unterwegs immerhin noch eine Robbe, die fast so wirkte, als würde sie uns zuwinken.

Und dann wurde es auch gleich ernst: In unserer Nähe fand ein Militärmanöver statt. Drei große französische Marineschiffe lagen vor uns, und eines funkte uns an. Wir sollten bitte den Kurs ändern, da sie gerade ein Mann-über-Bord-Manöver übten – und wir uns mitten in der „Übungszone“ befanden. Langweilig wird es offensichtlich nicht.

Jetzt heißt es also: Kurs auf Madeira! Planmäßig wollen wir in rund zehn Tagen dort ankommen. Mal sehen, was bis dahin noch passiert.

Madeira, wir kommen!

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Energie – Energie / Brest-Marina du Chateau

Wir liegen in der Ankerbucht vor Postermen in der Bretagne, nahe Brest, und genießen die Ruhe. Leider zeigt sich das Wetter auch hier wenig sommerlich: Der Himmel ist grau, und in regelmäßigen Abständen wird unser Schiff von oben mit Niederschlägen „gereinigt“. Die Sonne lässt sich seit zwei Tagen kaum blicken, und wir bemerken ganz nebenbei, dass unsere Batteriebänke nur noch 56% Kapazität haben. Also werfen wir den Generator an (das Gebrumme erinnert uns sofort an die Fahrt hierher) und berechnen, wie lange es wohl dauert, bis die Batterien wieder voll sind. Nach einer Generatorstunde haben wir gerade mal 2,2% nachgeladen – und das bei knapp 900 Watt Ladestrom!

Die Zeit mit laufendem Generator nutzen wir, um den Wassermacher zu betreiben und eine Ladung Wäsche zu waschen. Nach sechs Stunden schalten wir das Gerät allerdings wieder ab – das ständige Brummen unter der Sitzbank im Cockpit nervt einfach zu sehr. Morgen soll endlich die Sonne scheinen, dann werden die Batterien bestimmt wieder per Solar geladen – denken wir zumindest.

Pustekuchen!

Wir wundern uns über die geringe Solarleistung von nur 180 Watt. Dabei haben wir doch drei große Solarpaneele mit jeweils 280 Watt auf dem Geräteträger – also insgesamt 840 Watt! Irgendetwas stimmt ganz und gar nicht. Fast alles an der KAMI haben wir in den letzten zwei Jahren überholt, an die Solaranlage hat dabei aber niemand gedacht. Ich recherchiere im Internet, wie man mit einer Stromzange die tatsächliche Leistung der Paneele messen kann, ohne eine elektrische Verbindung herstellen zu müssen. Ich prüfe die Spannung bei einer der drei Platten – die anderen beiden sind tot. Das darf doch nicht wahr sein.

Solarpanele auf der KAMI

Wir machen den Test: Ein großes Strandtuch auf die einzige funktionierende Platte gelegt, und siehe da – auch die letzten 140 bis 180 Watt verschwinden in unserem Victron Cerbo GX, die Anzeige zeigt „0“. Und nun? Ständig den Generator laufen lassen? Nein, das muss wirklich nicht sein. Klar, vielleicht sollten wir künftig größere Energieabnahmen wie den Backofen oder Wassermacher mit dem Generator abpuffern, aber im Alltag sollte die Solaranlage den normalen Verbrauch abdecken. Mit einer halb funktionierenden Solaranlage wird das nichts.
Also muss Ersatz her. Gemeinsam sitzen wir an den Laptops und durchforsten das Netz nach passenden Ersatzmodellen. Wir mailen diverse Firmen rund um Brest und suchen auch in Deutschland nach möglichen Lieferanten.

Den Gedanken, das Problem erst auf den Kanarischen Inseln zu lösen, verwerfen wir schnell wieder, als wir lesen, dass Pakete aus dem EU-Raum über 150 Euro Warenwert dort mit Einfuhrsteuer belegt werden. Die Solaranlage muss also noch auf dem europäischen Festland in Ordnung gebracht werden.

Sonntag Nachmittag meldet sich eine französische Solarfirma: Man will uns helfen! Übersetzen und Schreiben auf Französisch läuft dank Perplexity KI super. Der französische Solarspezialist erklärt, dass er eigentlich schon im Urlaub ist, aber erst Donnerstagabend mit der Familie verreist. Bis dahin könnte er versuchen, passende Panele zu beschaffen. Kurze Zeit später folgt jedoch die Nachricht, dass die vorrätigen Platten leider nicht passen, und es sei aktuell schwierig, neue zu organisieren – Ferienzeit eben. Mist!

Wir suchen weiter und stoßen tatsächlich auf eine Dachdeckerfirma nahe Chemnitz, die passende Solarpaneele auf Lager hat. Bestellt für ein früheres Projekt, jetzt über 100 Stück übrig, der Hersteller existiert allerdings nicht mehr – ein echter Glücksfund.

Wir rufen sofort an, und die freundliche Dame am Telefon bietet uns die Platten direkt zur Abholung für 100 Euro das Stück an. Perfekt! Wir beschließen, direkt alle drei zu tauschen – jeweils 300 Watt, macht zusammen 900 Watt Gesamtleistung. Jetzt stellt sich nur noch die Frage: Wie schnell bekommen wir die Platten nach Brest?

Unser Nico macht sich noch am Montag von Werder nach Chemnitz auf den Weg und holt die drei Solarpaneele unkompliziert ab. Zeitgleich recherchiert Micha im Office nach Expressversand-Optionen. Jetzt wird’s spannend: Die Platten wiegen zusammen fast 60 Kilo, ein kleines Paket wird das nicht. Eher eine Palette. Wir checken UPS, FedEx, Hermes, GLS und DHL. Bei den Maßen 170 cm x 100 cm x 3 cm und dem Gewicht finden wir lange keinen Anbieter. Letztlich bleibt nur DHL Express als Geschäftskunde – Versandkosten hoch, aber angesichts des günstigen Kaufpreises akzeptabel.

Wir schreiben dem französischen Solarunternehmer, und er erklärt sich bereit, seine Adresse für die Lieferung zu nutzen. Treffen für den Tausch ist Donnerstagmorgen um 9 Uhr im Hafen von Brest. Ob das wohl klappt? Bis Dienstag 16 Uhr will DHL die Platten abholen und bis Mittwoch 16 Uhr sollen sie in Brest sein – schwer vorstellbar, bei knapp 1.500 Kilometern von Werder bis hierher.

Dienstag, 16 Uhr: Von DHL ist noch nichts zu sehen. Typisch. Alle (Micha, Basti, Mike, Kathi und Nico) sind angespannt. Nach mehreren Telefonaten mit dem Kundendienst stellt sich heraus: Der Fahrer war schon vormittags da, aber unser Büro war nicht besetzt. Wirklich? Er kommt ein zweites Mal zwischen 16 und 17 Uhr – diesmal klappt es. Die Platten werden auf der Palette in den gelben DHL-Transporter verladen, und los geht es. Wir bekommen einen Tracking-Link und verfolgen gespannt alle paar Stunden die Sendungsverfolgung. Gegen 20 Uhr sind die Platten schon im Verteilerzentrum Leipzig, und vermutlich per Frachtflugzeug um 4 Uhr früh bei Paris. Ab Mittwochnachmittag verfolgen wir fast im Minutentakt den Status, bis um 15:50 Uhr: „Sendung zugestellt“ in der Statusanzeige erscheint. Yeah! Wir freuen uns riesig. Jetzt muss morgen früh nur noch alles mit dem Solarexperten klappen.

Am Mittwoch nutze ich die Zeit, um die Verschraubungen und zahllosen Kabelbinder der alten Solarpaneele zu lösen. Die Edelstahlschrauben, Unterlegscheiben und Muttern lege ich in ein Phosphorsäurebad – zwei Flaschen davon haben wir an Bord, um dem Flugrost auf Edelstahlteilen den Garaus zu machen. Das klappt super, alles sieht danach wie neu aus. Wenn wir morgen die alten Platten abbauen, werde ich den Edelstahlrahmen noch mit Drahtbürste und Politur auf Vordermann bringen – zwischen den Platten und dem Rahmen sitzt eine ordentliche Salzkruste von der Gischt der vergangenen Seemeilen.

Während ich mich mit dem Solarpanel beschäftige, putzt Kathi das Schiff von außen. Dabei wird sie von einigen Franzosen beobachtet, die auf der über uns liegenden Hafenmole stehen. Einige rufen etwas hinunter, woraufhin Piper sofort anschlägt und mit lautem Bellen ihren Unmut kundtut. Die Waschmaschine läuft hier im Hafen in Dauerschleife – Strom und Wasser sind inklusive.

Wir hoffen, die drei alten Platten können wir hier in Brest entsorgen, vielleicht nimmt der nette Franzose sie ja mit. Mal sehen.

Es ist schon verrückt, was wir alles am Schiff erneuern mussten – aber so ist das eben auf Langfahrt. Zwei Liegeplätze weiter liegt übrigens auch eine TO-Yacht: Auch dort wird gebastelt und repariert. Vor uns am Steg eine schwedische Segelyacht, dort waren den ganzen Vormittag Flex- und Schleifgeräusch zu hören.
Hier macht jeder sein Schiff fit für die Biskaya.

Wir sind froh, wenn wir Brest bald verlassen können. Der Hafen ist laut, schmutzig und nicht wirklich erholsam. Da liegen wir doch lieber in einer geschützten Ankerbucht – günstiger, entspannter, und mit dem Dinghi sind wir für Einkäufe und Besorgungen trotzdem fix an Land.

Für unsere drei Nächte hier im Hafen von Brest durften wir übrigens 210 Euro bezahlen; die vierte Nacht wäre kostenlos gewesen. Wenn morgen alles mit dem Paneeltausch klappt, sind wir spätestens Freitagvormittag wieder weg – zurück in die Bucht von Camaret-sur-Mer und, wenn Alina das meteorologische „Go“ gibt, weiter hinaus auf den Atlantik.

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Land in Sicht – Willkommen in Brest!

Nach vier Tagen und fünf Stunden auf See, mit wenig Schlaf, viel Seegang und einer Achterbahn aus Emotionen, sind wir endlich in der Bucht von Brest angekommen. Als hätte sie auf uns gewartet, ließ sich die Sonne pünktlich zu unserer Ankunft blicken – und wir konnten es kaum fassen: Wir haben’s geschafft!
Die letzten Seemeilen hatten es nochmal ordentlich in sich. Plötzlich wurde der Motor der Backbordmaschine ungewöhnlich laut – ein tiefes Grollen ging durch die KAMI, das ganze Schiff vibrierte. Mike schaltete sofort den Autopiloten aus, übernahm das Steuer von Hand, drosselte die Fahrt, fuhr ein paar Manöver vor und zurück. Das Ruder war schwerfällig, kaum zu bewegen – ein unwohles Gefühl mitten auf dem Wasser. Doch nach ein paar Bewegungen lockerte sich das Ganze etwas, und wir entschieden, vorsichtig weiterzufahren. Tauchen würden wir dann später – in der ruhigen Ankerbucht.

Und dann – als würde das Meer sagen „Gut gemacht“ – tauchten zwei Delfine auf. Sie schwammen spielerisch zwei Runden um die KAMI, als wollten sie uns aufmuntern und gratulieren. Es sind diese kleinen, magischen Begegnungen, die alle Mühe vergessen lassen.
Die Ankerbucht Postermen hatten wir uns bereits unterwegs über Navily ausgesucht – eine App, die unter Seglern wirklich Gold wert ist. Bewertungen, Fotos, Hinweise zu Einkaufsmöglichkeiten, Tankstellen, Ankergründen oder auch Restauranttipps – alles, was man braucht, um einen Ort für sich richtig einschätzen zu können.
Einen Hafen in Brest wollten wir dieses Mal bewusst nicht ansteuern. Die Berichte waren eindeutig: laut, trubelig, Fischer, die auf den Stegen ihre Fänge ausnehmen, und Jugendgruppen, die bis spät in die Nacht unterwegs sind. Alles legitim, aber nicht das, was wir gerade brauchten. Nach den intensiven Tagen wollten wir nur eins: Ruhe.
Postermen empfing uns ruhig und friedlich. Nur wenige andere Boote lagen vor Anker. Das Wasser war still, die Landschaft grün und sanft – ein Ort zum Durchatmen. Wir warfen den Anker, atmeten tief durch – und begannen, die KAMI wieder in ihren Normalzustand zu bringen: Großfall abbinden, damit es nicht gegen den Mast schlägt, Salonbett zurückbauen, Segel ordentlich verstauen und das Dinghi lösen, das Mike vor Abfahrt so fest verzurrt hatte, dass es sich auf der ganzen Überfahrt keinen Millimeter bewegt hatte.
Dann setzten wir uns mit Piper ins Trampolin, ein kalter Gin Tonic in der Hand – unser verdienter Anker-Drink. Die Erschöpfung wich langsam der Zufriedenheit. Das war der Moment, für den man all die Mühe auf sich nimmt.

Ankunft in Brest

Am Abend fuhren wir noch mit dem Dinghi zum nahegelegenen Ufer, damit Piper endlich mal wieder festen Boden unter den Pfötchen spüren konnte. Der Strand war leider sehr steinig, also blieben wir nicht lang. Aber allein die kurze Pause auf festem Grund tat uns allen gut.

KAMI in der Bucht von Postermen

Natürlich – wie immer – steht auch nach einer langen Passage gleich wieder „To-Do“ auf dem Programm. Noch unterwegs hatten wir uns eine Aufgabenliste erstellt, die wir jetzt in Angriff nahmen:
Mike backte zwei Brote, denn tagelang nur Müsli zu essen, ist auf Dauer keine Lösung. Die KAMI wurde außen gründlich vom braunen Kanalwasser befreit, das sich wie ein Film über das gesamte Unterwasserschiff gelegt hatte. Mike schlüpfte in den Neopren-Shorty und tauchte ab – und wie vermutet hatte sich am Backbord-Ruderblatt eine dicke Schicht Sargassum festgesetzt. Die Algen hatten sich sogar ums Rudergestänge gewickelt. Nach ein paar beherzten Tauchgängen war alles wieder frei – die KAMI wieder klar zum Start.
Das Wetter bleibt dabei wechselhaft. Am Donnerstag war der Nebel so dicht, dass wir die gegenüberliegende Küste – keine 200 Meter entfernt – kaum erkennen konnten. Heute zeigt sich das Wetter etwas freundlicher: wolkig bis heiter. Trotzdem mussten wir den Generator anwerfen, denn nach dem Brotbacken und Kochen war ordentlich Strom verbraucht – und ohne Sonne liefern die Solarpanele natürlich nichts.

Beim Durchsehen unseres Großsegels fiel Mike dann ein weiteres Detail auf: Die Gummis, mit denen der Segelmacher in Warnemünde das Segel an die Mastrutscher befestigt hatte, waren teilweise schon durchgescheuert – nach gerade mal ein paar Tagen Einsatz. Glücklicherweise haben wir noch Dyneema-Tauwerk an Bord, mit denen wir schon vorher das Groß angeschlagen hatten. Also bastelten wir neue Loops und befestigten das Segel damit neu. Dabei entdeckten wir auch noch lose Imbusschrauben an den Segellatten, die wir natürlich gleich nachzogen.
Merke: Nur weil etwas vom Profi gemacht wurde, heißt das nicht, dass es auch wirklich hält. Man muss alles selbst noch mal checken – schade eigentlich, aber lieber so als eine böse Überraschung mitten auf dem Atlantik.

Zum Tagesabschluss wagten wir uns – trotz strömendem Regen – noch mit dem Dinghi an Land nach Roscanvel, in ein kleines familiengeführtes Bistro, das von anderen Seglern in Navily empfohlen wurde. Piper blieb an Bord, wir hatten reserviert – und wollten uns diesen Abend nicht entgehen lassen.

Dinghi mit Regen in Postermen

Die Betreiberin empfing uns herzlich, erklärte die kleine Karte auf Englisch – es gab französische Snacks, viel Weißbrot, kleine Leckereien. Zwar grummelte der Magen später etwas – Weißbrot ist einfach nicht mehr ganz unseres – aber der Abend war stimmungsvoll und schön. Im Bistro gab es außerdem viele kleine, handgemachte Dinge: Tassen, Puzzles, Notizbücher, liebevolle Kleinigkeiten.

Wir nahmen zwei kleine Erinnerungen mit – auch wenn wir wissen: Wir müssen aufpassen, sonst ist die KAMI irgendwann randvoll mit Souvenirs. Die erworbenen Kleinigkeiten wurden liebevoll verpackt – das kennt man so gar nicht aus der alten Heimat. Frankreich ist wirklich schön – dieses Flair hier zieht uns sehr in den Bann.

Gift Brest

So ihr Lieben – wie ihr seht, uns wird nicht langweilig. Zwischen Bordoffice und Bootsarbeiten vergehen die Tage schnell – aber erfüllt. Uns geht’s gut, Piper hat ihr neues Lieblingsbett im Salon entdeckt, und wir genießen den Moment, bevor die nächste Etappe ruft.

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Fast am Limit

Der Dienstag begrüßt uns mit Sonne und Wärme, doch wieder bleibt uns der ersehnte Segelwind verwehrt – also schieben uns die Diesel weiter Richtung Westen. Piper lege ich vorsorglich auf eine Kühlmatte ins Cockpit. Sie scheint es zu genießen und wirkt mit ihren 1,5 Jahren immer knuffiger. Bei Wellengang weicht sie kaum von meiner Seite, schaut ständig nach mir und kuschelt sich während der Nachtwache dicht an mich. Kathi ist, glaube ich, schon ein wenig eifersüchtig. Es ist einfach schön, Piper dabei zu haben. Leider fehlen ihr noch die Seebeine, weshalb wir ihr bei ruppigem Wetter ab und zu ein Mittelchen zur Beruhigung geben müssen. Wenn es knallt und kracht oder die Wellen von vorn kommen, sucht sie Nähe und Schutz bei uns – ihrem kleinen Rudel. Eigentlich gilt ihre Rasse als schwierig in den ersten drei Jahren, doch auf Piper trifft das kaum zu. Klar, manchmal hat sie ihren Sturkopf, aber meistens ist sie einfach nur Zucker.

Trotzdem kommen wir ganz gut voran. Nachts mache ich ein Foto vom Plotter: 666,6 nautische Meilen liegen nun hinter uns – leider meist unter Motor. Das soll sich mit der Biskayaüberquerung hoffentlich ändern.

Die langen Nachtwachen gehen nicht spurlos an mir vorbei. Mein Körper sendet Warnsignale: massive Bauchkrämpfe, Herzrasen. Zwei bis drei Stunden Schlaf in 24 reichen einfach nicht aus. Zum Glück ist der Englische Kanal bald geschafft – wir alle sind am Limit. Seit Samstag kämpfen wir uns Richtung Kanalausgang (Brest), und das bescheidene Wetter drückt mächtig auf die Stimmung.

Gerade in der letzten Nacht werden wir überraschend von der Segelyacht „Cocoon“ – ebenfalls ein Katamaran mit Ziel Mallorca – angefunkt. Es stellt sich heraus, dass wir uns vor zwei Monaten in Warnemünde begegnet sind. Der Skipper warnt uns: Unser AIS-Signal fällt ständig aus, vermutlich ein Defekt an der VHF-Funkantenne. Er hat Ersatz an Bord, wir verabreden uns für Mittwoch in einem kleinen französischen Hafen nahe Brest und wollen nach dem Fehler suchen. Tatsächlich finde ich tagsüber heraus, dass es im Kanal häufiger Probleme mit AIS-Signalen gibt. Vielleicht liegt überhaupt kein technischer Defekt vor. Wir bleiben wachsam.

Nach unserer Funkverbindung steuern wir die KAMI in stockfinsterer Nacht viel zu dicht an die Rocks bei Alderney vorbei – der Puls schießt hoch! Hinter der Insel tobt eine gewaltige Kabbelsee. Mit dem ersten Licht rollen riesige Wellen aus allen Richtungen auf uns zu. Die KAMI stampft tief in eine vier Meter hohe Welle, ein gewaltiger Wasserschwall fegt durch das Trampolin über Deck. Wie eine Boje tanzen wir im Wellental, dann der nächste Brecher – wie Faustschläge krachen Wassermassen auf unser Boot. Es rumpelt, knallt, und wir fühlen uns hundeelend. Unser Abenteuerstart – ganz anders als erträumt! Ich stehe am Steuerrad, raffe alle Kräfte aus meinem übermüdeten Körper zusammen und versuche, die KAMI zurück auf Kurs zu bringen.

Wie ein Magnet zieht es unser Schiff Richtung Küstenspitze mit steinigen Geröllbrüchen. Schnell werfe ich den zweiten Motor an, gebe alles. Das Stampfen wird schlimmer, aber irgendwie kommen wir frei. Tausend Gedanken rasen durch meinen Kopf: Wie geht es Kathi unten im Salon, wie Piper? Zittert Piper wieder vor Angst? Sobald wir wieder halbwegs Kurs haben, überlasse ich dem Autopiloten das Steuer, haste in den Salon – alles okay! Beide liegen beieinander, Kathi schaut mich fragend an. Ich versuche, das Erlebte herunterzuspielen, um sie nicht zu ängstigen.

Vielleicht fragt ihr euch, warum? Die Antwort ist einfach: Sollte Kathi oder Piper das Leben an Bord dauerhaft nicht ertragen – wegen Seekrankheit, Angst oder ständiger Unruhe – würden wir spätestens auf den Kanaren aussteigen. Unser gemeinsamer Traum wäre dann vorbei. Und das darf nicht passieren. Der holprige Start mit schlechtem Wetter, tagelangem Motoren gegen Wind und Wellen und gnadenlosen Gezeitenströmen (letzte Nacht schlichen wir mit nur 0,3 Knoten über Grund – so sehr bremst die Strömung gegenan!) fordert Tribut. Zeit für ein Verwöhnprogramm! In dieser Nacht plane ich für morgen und die nächsten Tage eine kleine Ankerbuchten-Rundtour durch die schönsten Landschaften. Wenn dann noch die Sonne lacht und wir unser Schlafdefizit ausgleichen können, steigt die Laune ganz bestimmt. Französisches Baguette, bummeln durch malerische Häfen, ein Glas Wein – einfach mal genießen. Klingt nach einem Plan, oder?

Natürlich ruft das Schiff: Neben der AIS-Anlage müssen auch die Vorräte ergänzt, zwei Anoden an den Faltpropellern getauscht, Ölstände geprüft, Seewasserfilter gereinigt und Salz von Deck gespült werden – klar Schiff! Ich will die Liegezeiten nutzen, um Brot zu backen. Kathi wünscht sich Walnussbrot, und wenn der Sauerteig erst einmal fertig ist, gibt’s gleich noch mein Spezialkörnerbrot. Danach portionieren wir alles und frieren es ein – so gibt’s für zwei Wochen Frühstücksschnittchen.

Ihr seht: Bei uns kommt keine Langeweile auf. Jetzt brauchen wir aber erst mal ein wenig Ruhe und Entspannung, um Energie für den bevorstehenden großen Atlantiktrip (1..200 sm) zu tanken.

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Durch die Nacht im Kanal

Es wird Abend, als wir in die Straße von Dover einbiegen. Mitten im Kanal verläuft ein Verkehrstrennungsgebiet – eine Art Autobahn nur für Schiffe aller Größen. Auf der englischen Seite fahren die Pötte Richtung Biskaya, auf der französischen gen Nordsee.

Wir halten uns am Rand auf der französischen Seite auf und haben entsprechend Gegenverkehr. Kein Grund zur Sorge: Die Berufsschifffahrt hält sich streng ans VTG. In der Dämmerung sehen wir einige französische Kriegsschiffe patrouillieren – vermutlich halten sie Ausschau nach Flüchtlingsbooten. Immer wieder versuchen Migranten mit Schlauchbooten von Frankreich nach England überzusetzen.

Kathi und Piper haben es sich im Salon gemütlich gemacht. Bereits gegen 20 Uhr schlafen beide ein, und ich übernehme wieder die Nachtwache. Eine große Regenzelle zieht von England herüber, wandert über die KAMI hinweg zum französischen Festland – nicht ohne einen ordentlichen Schauer zu hinterlassen. Durch das Springen in den Wellen ist das ganze Schiff von salziger Gischt glitzernd dekoriert. Alles, was wir an Deck anfassen – Fallen, Schoten und Leinen – hinterlässt nun klebrige Hände. Dem Salz werden wir in Brest mit unserem Kärcher zu Leibe rücken.

Den frühen Abend haben wir für einen Testlauf unseres Wassermachers genutzt. Das Wasser hier im Kanal ist überraschend sauber. Nur ab und zu sieht man leere Kanister in der Strömung treiben oder etwas Unrat auf den Wellenbergen schwimmen. Der Wassermacher tut, was er soll, und füllt unsere Frischwassertanks nach. Wir nutzen das sofort für eine heiße Dusche – schließlich klebt an uns ebenfalls das Salz.

Die Nacht bricht herein, und ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt so eine tiefschwarze Finsternis erlebt habe. Der Wind nimmt wieder zu; ich eile an Deck und rolle die Genua aus. Durch die Gegenströmung machen wir stellenweise nur 2 Knoten Fahrt über Grund. Vielleicht hilft die Genua ja, einen Knoten mehr herauszuholen.

Kartentisch im Salon der KAMI

Ich sitze am Kartentisch und steuere das Schiff von hier aus. Über die iPads, die die beiden Plotter spiegeln, bediene ich den Autopiloten. Auf dem linken iPad sehe ich das Radarbild, eingestellt auf einen Radius von 4 Seemeilen. Alle Anzeigen laufen im Nachtmodus, das heißt, weiße Schrift erscheint rot und die Helligkeit ist heruntergedimmt. Eine kleine Lampe spendet weiteres rotes Licht – so gewöhnen sich die Augen an die Dunkelheit, und mein nächtlicher Arbeitsplatz strahlt eine angenehme Gemütlichkeit aus. Auf dem rechten iPad liegt die digitale Seekarte mit den AIS-Signalen der Schiffe in der Nähe. Um meinen Hals hängt eine kleine Fernbedienung; mit ihr kann ich den Autopiloten in Zehn- oder Ein-Grad-Schritten steuern. Da wir an der Außenseite des Verkehrstrennungsgebietes fahren, muss ich regelmäßig unseren Kurs korrigieren – durch Gezeitenströmung, Seitenwind und Wellen versetzt es die KAMI immer mal wieder, aber das ist schnell behoben.

Um Kathi und Piper nicht zu stören, setze ich meine Kopfhörer auf und höre verschiedene Alben, um der Müdigkeit zu trotzen. Gerade läuft ein Album von Mike Oldfield, während ich per Marinetraffic-App auf dem Handy nach den anderen bekannten Seglern aus unserem TO-Verein schaue. Irgendwie muss ich mir die Zeit vertreiben – bei diesem wahnsinnig rasanten Reisetempo (Ironie aus). Lach.

Kathi wird in der Nacht hin und wieder wach und fragt, ob sie mich ablösen soll. Eigentlich keine schlechte Idee, aber ich möchte sie in dieser verkehrsreichen Nacht nicht allein fahren lassen. Ich weiß, dass sie noch großen Respekt hat und sich schwertut, Entfernungen zu anderen Schiffen abzuschätzen. Der Blick nach draußen verliert sich in absoluter Schwärze. Es ist fast wie ein Videospiel – das Schiff wird nachts komplett über die Instrumente gesteuert. Klar, ich könnte mich auch ans Steuerrad setzen und von Hand steuern – aber man sieht nichts, und bei den Temperaturen sitzt es sich drinnen wirklich angenehmer.

Es ist 04:45 Uhr. In einer Stunde müsste das erste Licht am Horizont erscheinen, dann könnte Kathi übernehmen. Ich bin wieder ziemlich übernächtigt – bei einer kleinen Zwei-Personen-Crew aber ganz normal, besonders bei Überfahrten und längeren Passagen. Uns erwarten noch ein bis zwei weitere Nächte, bis wir unser Zwischenziel Brest in Frankreich erreichen.

In der letzten Stunde habe ich um die 40 Frachtschiffe, Tanker, Containerschiffe und Fähren gezählt – was für ein Verkehr! Wenn man bedenkt, dass täglich mehr als 6.000 Containerschiffe auf den Weltmeeren unterwegs sind – nur Containerschiffe! Wahnsinn, oder?

Bald ist es 5 Uhr. Im Schneckentempo taucht am Horizont der neue Tag auf. Ich bin müde, die Konzentration lässt nach, das Funkgerät läuft in Dauerschleife – nur Geplapper, nichts Interessantes.

Meine Gedanken schweifen ab … Welche Abenteuer warten auf uns, und wann wird es endlich warm genug, um die KAMI von den Persenningen zu befreien und die Hängematte aufzuspannen?

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IJmuiden – Erholung, Erkundung & neue Pläne

Nachdem wir uns von der letzten, ziemlich kräftezehrenden Passage nach IJmuiden erholt hatten, kehrte so langsam wieder Alltag auf der KAMI ein. Schlaf nachholen, Eindrücke sortieren, neue Energie tanken. Und irgendwann kam der Punkt, an dem wir beschlossen: Jetzt möchten wir auch mal ein wenig von der Gegend sehen.

Auf der Suche nach der Innenstadt

Am zweiten Tag nach unserer Ankunft machten wir uns zu Fuß auf den Weg – Ziel: die Innenstadt von IJmuiden. Der Blick ging vorab auf die Karte: Es schien machbar, vielleicht nicht ganz um die Ecke, aber gut erreichbar. Also packten wir einen Regenschirm ein, schnappten Piper – und los ging’s.
Der Weg führte vorbei an großen Lagerhallen, Logistikfirmen, Industrie – ein klassisches Gewerbegebiet eben. Und er zog sich. Immer weiter geradeaus, kein Ende in Sicht. Nach gut 4,5 Kilometern tauchte endlich eine erste Wohnsiedlung auf. Unsere Hoffnung stieg … aber die erhoffte Innenstadt? Fehlanzeige. Stattdessen ein kleiner Supermarkt – immerhin. Wir stöberten ein wenig durch das Sortiment, holten ein paar Kleinigkeiten und machten uns dann wieder auf den Rückweg. Zu weit, zu monoton – vor allem auch für Piper.
Und natürlich – wie sollte es anders sein – auf dem Rückweg erwischte uns ein ordentlicher Wolkenbruch. Zu dritt unter unserem großen Regenschirm warteten wir mitten auf dem Gehweg, bis der Regen etwas nachließ. Zurück auf der KAMI waren wir uns einig: Morgen probieren wir es mit dem Bus – diesmal soll es nach Haarlem gehen.

Haarlem – Ein echtes Highlight

Am Dienstag gegen Mittag stiegen wir in den Bus Richtung Haarlem. Kathi hatte alles perfekt recherchiert: Umstieg, Fahrzeiten, Ticketpreise – und natürlich, ob Piper mitfahren darf (darf sie – Leine und Maulkorb griffbereit). Die freundliche Busfahrerin wies uns gleich beim Einsteigen darauf hin, wo wir umsteigen müssen – alle sehr hilfsbereit.
Nach etwa 45 Minuten erreichten wir den Bahnhof von Haarlem. Von dort waren es noch rund 10 Minuten zu Fuß bis in die Altstadt – und dann: Wow. Kleine, charmante Gassen, hübsche Läden, Cafés mit Außensitzplätzen, Kopfsteinpflaster, Fahrräder überall. Ein bisschen Amsterdam, aber entspannter. Wir schlenderten bis 17 Uhr durch die Straßen, schauten in Geschäfte, gönnten uns einen Kaffee und kauften ein paar Kleinigkeiten ein.
Der Rückweg verlief reibungslos. Piper hatte den Ausflug super mitgemacht – ein rundum gelungener Tag, der uns allen richtig gutgetan hat.

Der Strand direkt hinter dem Hafen

Am Mittwoch entdeckten wir zufällig den Strand von IJmuiden – nur ein paar Schritte hinter dem Hafengebäude. Weitläufig, bei Ebbe fast endlos, mit feinem, hellem Sand. Die Sonne ließ sich blicken, das Thermometer kletterte auf angenehme 22 Grad – und Piper tobte glücklich über den Strand, schnüffelte in kleinen Krebs-Löchern und rannte durch die Wellen.
Das Wasser war mit 21 Grad überraschend warm – wir gingen zumindest mit den Füßen rein. Danach ließen wir den Nachmittag in einer kleinen Beachbar ausklingen. In der Sonne sitzen, aufs Meer schauen, das Salz auf der Haut – ein perfekter Seglertag ohne Segeln.

Wetterplanung – und eine Mail zur rechten Zeit

Am Donnerstag stand – wie so oft – das Wetter im Mittelpunkt. Nach dem Frühstück setzten wir uns mit Kaffee und iPad ins Cockpit und checkten die Modelle. Unsere Frage: Wie weit kommen wir beim nächsten Fenster?
Und genau in dem Moment: eine Mail von Alina. Timing perfekt. Sie schrieb, dass sich ab Samstagabend ein passendes Windfenster auftun würde – mit guten Bedingungen bis mindestens Montag. Unsere innere Ungeduld war geweckt, aber gleichzeitig war uns klar: Wenn’s passt, dann früh los – mit der ersten Tide.

Vorbereitungen für die Weiterfahrt

Also planten wir Freitag noch einmal einen kleinen Einkauf. Kathi kümmerte sich um Proviant und Kleinkram, Mike ging nochmal zur Tankstelle. Die nette Dame im Hafenbüro hatte uns bestätigt, dass man dort an einem Terminal selbst zahlen könne – also eine klassische Self-Service-Tankstelle. Mike schaute nochmal ob auch genug Platz zum Anlegen ist, alles perfekt.
Am Samstagmorgen dann unser Fahrplan: Noch ein letzter Kaffee, dann gegen 8 Uhr zum tanken, um spätestens 9 Uhr ablegen zu können – die Tide sollte uns ein wenig Schub geben. Doch wie es halt so ist: An der Tankstelle hängt plötzlich ein Schild. „DEFECT – geöffnet nur von 10–17 Uhr.“ Kein Terminal in Betrieb. Natürlich.
Wir versuchten es telefonisch – keiner erreichbar. Also Funkgerät raus. Mike ruft den Hafenmeister auf Kanal 74. Zum Glück die Antwort: „Ich bin in 20 Minuten da.“ Er kam tatsächlich, öffnete die Zapfanlage manuell, und wir konnten unsere Tanks füllen. Der Zeitplan passte – gerade so.

Weiter geht’s – unter erschwerten Bedingungen

Nach dem Tanken machten wir uns direkt auf den Weg. Doch die Bedingungen waren alles andere als komfortabel: Gegen Wind und Welle kämpften wir uns mit der Strömung mühsam voran. Die KAMI hatte ordentlich zu tun, um überhaupt Fahrt über Grund zu machen.
Wie so oft: Wind direkt von vorn – an Segeln war nicht zu denken. Kathi versuchte währenddessen, Piper zu beruhigen, die den ständigen Seegang nicht wirklich mochte. Mike gab dem Großsegel noch eine Chance, doch schnell wurde klar: aussichtslos.
Also blieb es beim Motoren – wieder einmal.
Gegen Abend dann endlich die Wende: Der Wind drehte, wie von Alina vorhergesagt. Wir konnten die Genua setzen – und sofort lief es deutlich besser. Ruhigere See, mehr Geschwindigkeit, endlich etwas Segelfeeling! In der Nacht schlief der Wind noch einmal kurz ein, kam aber am frühen Morgen zurück.

Mike übernahm wie gewohnt die erste Nachtwache – und die hatte es in sich: Nicht nur herrschte dichter Verkehr auf der Route, auch die Ein- und Ausfahrten der Großhäfen Rotterdam und Zeebrügge lagen auf unserem Weg. Große Container- und Frachtschiffe kreuzten mit hoher Geschwindigkeit – volle Konzentration war gefragt. Kathi löste ihn gegen 5:30 Uhr ab.
In der Nacht kam plötzlich ein Funkspruch von der Küstenfunkstelle Zeebrügge direkt an die KAMI – Kathi war sofort hellwach. Die Dame fragte auf Englisch, wohin wir unterwegs seien und welchen Kurs wir fahren würden. Mike antwortete über Funk, während Kathi unterstützend zur Seite stand. Offenbar waren wir aus ihrer Sicht ein wenig zu nah an ein Arbeitsschiff zur Kabelverlegung herangefahren – man wollte einfach kontrollieren, wer wir sind und was wir vorhaben.
Ein kleiner Schreckmoment für uns – aber alles halb so wild. Wir hatten genügend Abstand gehalten, die Situation war ruhig und freundlich. Trotzdem: Ein klares Zeichen, dass in diesen stark frequentierten Gewässern auch die „Kleinen“ genau beobachtet werden.
In solchen Momenten sind wir froh über unser umgebautes Bett im Salon – wir schlafen in Reichweite zueinander, jederzeit bereit, im Notfall sofort zu reagieren. Auch Piper findet unser kleines Nest super gemütlich und bleibt am liebsten die ganze Zeit dort. So ist es auch für sie ein Stückchen angenehmer unterwegs zu sein.

Jetzt, gegen 12 Uhr mittags, sind wir kurz vor Calais – dem Eingang zum Englischen Kanal. Wenn alles wie geplant läuft, werden wir am Dienstag / Mittwoch in Brest ankommen. Das ist unser Ziel. Aber wie immer auf See: Mal sehen, was passiert …

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Kurs IJmuiden – endlich geht es los!

Nach fast 18 Tagen im Cuxhavener Seglerhafen entscheiden wir uns, endlich abzulegen und Kurs auf IJmuiden in den Niederlanden zu nehmen. Das Wetter und die Vorhersagen bei Windy passen einigermaßen für die rund 200 Seemeilen lange Etappe – und wir wollen jetzt auch einfach mal weiter.

Bevor wir am Freitagabend gegen 20 Uhr mit der ablaufenden Tide starten, füllen wir an der SB-Tankstelle im Hafen beide Tanks mit jeweils 72 Litern Diesel nach. Dann geht es los. Bei schönstem Abendsonnenschein biegen wir in die Elbmündung ein und motoren Richtung Nordsee zum ersten VTG (Verkehrstrennungsgebiet) „Jade Approach“.
Die ablaufende Flut aus Hamburg schiebt uns mit rund 2 Knoten – super.

Diesmal lassen wir nur eine Maschine laufen, um Sprit zu sparen und eine erste Verbrauchskalkulation zu machen. Natürlich ist das bei Strömung, Gegenwind und Welle nur bedingt aussagekräftig, aber für einen Mittelwert sollte es reichen.
Am Ende der Etappe rechnen wir hoch: 700 Liter Diesel ergeben eine Reichweite von ca. 1.000–1.200 Seemeilen, also rund 2.000 Kilometer. Nicht, dass ihr denkt, wir wollen absichtlich motoren – ganz im Gegenteil! Das dumpfe Gebrumme nervt uns wahnsinnig und geht irgendwann richtig auf den Kopf. Wir wollen segeln. Aber der Wind muss eben mitspielen.

Erste Nachtfahrt – neue Erfahrungen

Wir motoren also in die Nacht hinein. Laut Vorhersage soll es in den frühen Morgenstunden Wind geben. Ich schicke Kathi gegen 23 Uhr in die Koje und übernehme die komplette erste Nacht bis 8 Uhr morgens. Irgendwann kommt sie nochmal hoch und fragt: „Soll ich dich ablösen?“ Ich verneine, sie geht wieder schlafen.


Unsere Hündin Piper erlebt ihre erste Nachtfahrt – und ist völlig unentspannt. Sie weicht mir nicht von der Seite, schläft nur kurz, und wenn ich mich einmal bewege oder mir ein Getränk aus dem Kühlschrank hole, schaut sie mich mit ihren müden Augen an, als wolle sie sagen: Warum bewegt sich hier alles?! Sie muss sich natürlich erst daran gewöhnen, Tag und Nacht an Bord zu verbringen.
Beim „Lösen“ klappt es schon richtig gut: Wir gehen mit ihr auf das Vorschiff, geben den Befehl „Piper, los!“ – und sie macht brav ihr Geschäft. Danach wird wie auf See üblich alles mit Schlauch und Pütz abgespült. Natur zur Natur!

Wind? Fehlanzeige.

Am Samstagmorgen um 8 Uhr übernimmt Kathi die Wache, ich lege mich in den Salon in ihre Nähe und sage noch: Weck mich, wenn dir was komisch vorkommt oder du mit Radar oder AIS nicht klar kommst. Nach 20 Minuten bin ich wieder wach – Schlaf will sich einfach nicht einstellen. Also trinken wir einen Kaffee, und ich rolle die Genua aus. Immerhin: 9 Knoten Wind! Vielleicht reicht das für ein wenig Segelbetrieb?
Leider nicht. Nach zwei Stunden schläft der Wind wieder ein und das Segel fällt back. Also Genua einrollen. Wir tuckern weiter unter Maschine. Die Tide ist mittlerweile gekippt, der Strom kommt jetzt von vorn – unsere Geschwindigkeit sinkt auf nur noch 2,5 Knoten. Gerade einmal 4,6 km/h! Das ist langsamer als Gehen.

Tagsüber nutzt die Sonne jede Gelegenheit, vorbei zu schauen. Ich versuche, mal im Salon, mal im Cockpit ein Nickerchen zu machen – vergeblich. Ich finde keinen Schlaf.
Ab dem Nachmittag baut sich die See auf – 2,5 Meter Welle schiebt uns von hinten. Der Wind frischt auf: 10 bis 12 Knoten. Endlich! Aber: direkt von achtern, 180 Grad. Für unseren Katamaran KAMI denkbar ungünstig – wir können nur zwischen 40 und 135 Grad segeln. Also: Maschine bleibt an.

Wach bleiben um jeden Preis

Am Abend wird’s wolkig, wir sehen kaum noch Schiffe. Nach dem Abendbrot übernehme ich erneut die Nachtwache. Kathi geht schlafen – Kopfhörer auf, ich höre mal wieder „Domian“. Gegen Mitternacht schreibt meine Mom, dass sie nicht schlafen kann. Wir tauschen ein paar WhatsApp-Nachrichten aus. Ich vermisse Sie und meine Gedanken sind oft bei ihr.
Gegen 2 Uhr steht plötzlich Kathi bei mir. „Willst du dich ablösen lassen?“ fragt sie. Ich schicke sie nochmal in ihre Koje. Natürlich bin ich noch fit. Oder etwa nicht? Irgendwie hatte sie wohl eine Vorahnung. Immerhin bin ich zu dem Zeitpunkt schon fast einen ganzen Tag wach.

Um 4 Uhr werde ich richtig müde. Augenlider schwer, auf dem Plotter nichts, Radar leer, kein Verkehr – Langeweile macht sich breit. Und dann der gefährlichste Moment: Sekundenschlaf. Ich spüre, wie mein Körper ein klares Alarmsignal sendet. Nicht einschlafen! Also gehe ich sofort runter und wecke Kathi. Sie übernimmt ohne zu zögern.
Nach zwei Stunden narkotischen Tiefschlaf wache ich wieder auf. Es wird hell, Kathi steuert die KAMI mit Autopilot die Küste entlang. Aber weit sind wir noch nicht gekommen – kein Wunder bei der Gegenströmung. Unsere kalkulierten 34 Stunden für die Überfahrt nach IJmuiden werden wir nicht schaffen, am Ende sind es 40 Stunden.

Kontrolle auf See

Am Sonntag gegen 10 Uhr – mittlerweile haben wir sieben Stunden Verspätung – entdecke ich an Steuerbord ein großes Schiff der niederländischen Küstenwache. Kurz darauf wird ein RIB zu Wasser gelassen und rast mit Highspeed achteraus. Ich ahne schon: Die kommen zu uns.
Ein paar Minuten später liegen sie längsseits. „Woher kommen Sie?“, ruft einer der Beamten auf perfektem Deutsch. Ich antworte freundlich (trotz Müdigkeit) und erzähle von unserer Weltumsegelung. Nach ein paar Fragen und einem kurzen Gespräch wünschen sie uns alles Gute – und brausen wieder ab. Unsere erste Kontrolle auf See!

IJmuiden – der erste Stop außerhalb Deutschlands

Eine Stunde später erreichen wir IJmuiden. Wir funken den Hafenmeister auf Kanal 74 an. Kathi hatte dort zuvor angerufen, die Dame hatte einen freien Liegeplatz zugesagt – auf Deutsch. Jetzt fordert man uns über Funk auf, auf Englisch umzuschalten. Kathi übernimmt entspannt.
Wir motoren mit 15 Knoten Gegenwind in den Hafen. Ein „Marinero“ kommt im Dinghy entgegen und winkt uns, wir sollen folgen. Unser Liegeplatz ist in Reihe „F“. Die Ansteuerung klappt fast wie bei den Profis. Danach geht’s direkt ins Hafenmeisterbüro – wir buchen für eine Woche.

Nächste Schritte: Der Atlantik ruft!

Schon in der Nacht hatten wir via Podcast von Sebastian Wache (wetterwelt.com) gehört, dass das Wetter weiterhin suboptimal bleibt. Unser Plan: notfalls motoren bis Brest – raus aus dem Ärmelkanal, rein in den Atlantik.
Denn wir wollen endlich ins Warme! Segeln! Türkisfarbenes Wasser!

Bis dahin sind es noch ca. 600–700 Seemeilen. Aber: Gegenwelle und Gegenströmung sind das, was am meisten belastet – auch für unsere Piper. Sie musste schon Reisetabletten nehmen, um etwas zu entspannen. Sie ist ein wichtiger Teil der Crew – auch ihr Wohlbefinden steht für uns an erster Stelle.


Die Infos schicke ich in der Nacht an Alina. Direkt am Sonntagvormittag kommt ihre Antwort: Gegen Ende der Woche will sie sich mit neuen Wetterdaten melden.

Ankommen, schlafen, Pläne schmieden

Sonntagnachmittag gönnen wir uns ein Erholungsschläfchen – drei Stunden tiefster, erholsamer Schlaf. Der Körper holt sich, was er braucht. Am Abend fühlen wir uns wieder frisch und erkunden den Hafen und die Umgebung.

Seebeine wachsen nicht über Nacht – und wir sind froh, dass wir nicht ausschließlich auf Wind angewiesen sind. Wer nur auf’s Segeln gesetzt hätte, würde womöglich heute noch in der Ostsee treiben. Gut, dass wir auf einem Katamaran leben – die Vorteile gegenüber einer Monohülle sind enorm. Wir haben größten Respekt vor all unseren Mitseglern, mit denen wir über WhatsApp im Austausch stehen: die anderen Lossegler 2025.

Was kommt als Nächstes?

Am 26. Juli startet das legendäre Rolex Fastnet Race von Cowes nach Cherbourg. Über 400 Yachten nehmen teil. In den umliegenden Häfen wird es voll, laut – und spannend! Für uns ein weiterer Grund, so bald wie möglich durch den Ärmelkanal zu kommen.

Unsere Wunschroute:
 Noch einmal in IJmuiden auftanken, dann durch den Kanal nach Brest. Von dort aus Proviant und Diesel auffüllen – und auf Alinas „GO“ warten. Dann geht’s rüber über die Biskaya in einem weiten Atlantik-Bogen nach Madeira.
Dort ist gerade genau unser Wetter: Sonne, 32 Grad – Happy Feeling.

Jetzt beobachten wir aus den Niederlanden weiter die Wetterkapriolen. Die Wetterentwicklung wird immer rasanter, kurzfristiger, unberechenbarer.

Zur Stunde tobt ein höllisches Gewitter über dem Hafen…

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Eine weitere Woche in Cuxhaven – und ein kleiner Tapetenwechsel

Wir liegen immer noch im Hafen von Cuxhaven, und langsam macht sich ein kleiner Hafenkoller breit. Die Wetter- und Windlage zwingt uns weiterhin zum Warten – und langsam wird es Zeit, dass es weitergeht!

Letztes Wochenende haben wir uns kurzerhand entschieden, ein bisschen Abwechslung in unseren Bordalltag zu bringen: Ein Mietwagen sollte her – für einen kleinen Ausflug und um auch mal wieder etwas anderes als Steg und Leinen zu sehen. Gesagt, getan: Am Montagmorgen holen wir bei Sixt unseren Leihwagen ab, Piper springt direkt auf ihren kleinen Hundesitz, den wir zum Glück noch in Warnemünde am Steuerstand montiert hatten – passt auch prima im Mietwagen.

Erster Stopp: Bremen
Unser erstes Ziel ist Bremen. Schon lange hatten wir vor, dort beim Werkverkauf von SVB – dem Yachtausrüster – vorbeizuschauen. Wir brauchen neue Langfender, die besser zur Freibordhöhe der KAMI passen. Vor Ort haben wir Glück: Die gewünschten Modelle sind tatsächlich vorrätig, wir schlagen zu.
Danach geht es weiter in die Bremer Altstadt. Wir schlendern durch die kleinen Gassen, genießen das Flair – und auf dem Marktplatz gönnen wir uns einen Kaffee in der Sonne. Ein schöner Moment, der uns mal wieder bewusst macht, wie gut uns auch kleine Landgänge tun.

SVB Bremen

Rückweg über Bremerhaven
Auf dem Rückweg legen wir noch einen Stopp in Bremerhaven ein. Direkt an der Weser, im Alten Hafen, machen wir mit Piper einen kleinen Spaziergang. Abendessen gibt es im Restaurant Villa Seebeck – ein echter Geheimtipp. Satt und zufrieden kehren wir später zurück an Bord der KAMI.


Dienstag: Hamburg ruft

Am nächsten Tag steht Hamburg auf dem Plan – inklusive eines kleinen Erledigungsprogramms: Wir brauchen ein neues Relingnetz, damit Piper an Bord besser gesichert ist. Unsere erste Adresse: Die Hamburger Tauwerkstatt. Nach kurzer Suche auf dem Gewerbehof finden wir die richtige Tür – das vorbestellte Netz liegt schon bereit, alles klappt wunderbar.
Danach fahren wir ins Alsterhaus. Kaum angekommen, beginnt es natürlich zu regnen. Typisch. Wir lassen uns nicht entmutigen, gehen mit Piper ein wenig an der Kleinen Alster spazieren – die ist zum Glück überdacht –, trinken wieder einen Kaffee und entscheiden uns dann doch recht schnell für die Rückfahrt. Bei Regen durch Hamburg zu streifen macht weder uns noch Piper wirklich Spaß.

Abendbesuch an Bord
Zurück auf der KAMI wartet ein weiteres Highlight: Besuch! Holger, unser lieber Schwager, kommt vorbei. Gerade haben wir die Einkäufe verstaut, da klingelt auch schon das Telefon. Er steht vorm Vereinseingang. Große Freude! Gemeinsam gehen wir ins kleine Restaurant Lieblingsplatz, das sich direkt oberhalb des Hafengeländes befindet. Wir essen gemütlich, plaudern über Zuhause und tauschen Pläne aus. Schön, dass es so spontan geklappt hat! Gegen 19 Uhr verabschiedet sich Holger wieder Richtung Hamburg – am nächsten Tag steht für ihn schon der nächste Termin an.

Relingnetz & neue Motivation
Am Mittwoch bringen wir den Mietwagen zurück. Das Wetter klart auf, die Sonne lässt sich blicken – und wir legen direkt los mit der Montage des neuen Relingnetzes. Drei Stunden später ist alles fertig. Sieht gut aus – und wir fühlen uns gleich entspannter. Für Piper ist das neue Netz ein echter Sicherheitsgewinn.

Und jetzt? Warten auf den richtigen Wind …
Ob – und wann – es für uns weitergeht, entscheidet sich wohl morgen. Die Wettermodelle sind sich uneins, der Wind bleibt launisch. Aber: Wir bleiben zuversichtlich.

Wir halten euch auf dem Laufenden.

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Abwettern – wir wollten doch segeln :/

Wir nutzen die Zeit während des außerplanmäßigen Hafenstopps in Cuxhaven für „Alltagsdinge“ an Bord und kleinere Arbeiten. Ich nehme mir den Wassermacher vor, den ich über den Winter stillgelegt hatte (mit Desinfektionslösung gespült und den Vorfilter ausgebaut). Das Vorfiltersystem spüle ich 15 Minuten lang mit Frischwasser und setze anschließend eine neue Vorfilterkartusche ein. Die Kartusche, beziehungsweise der Sediment-Vorfilter, ist mit einer Filtrationsrate von 5 Mikron ideal für Haushaltswasseranwendungen. Sie filtert die gröbsten Verunreinigungen aus dem Seewasser, bevor das so gereinigte Wasser durch die vier Hochdruckmembranen gepresst wird. Heraus kommt dann fast steriles Wasser – etwa 100 Liter pro Stunde. Hier im Hafen werden wir unsere beiden 300-Liter-Frischwassertanks mit Trinkwasser aus der Stegzapfstelle auffüllen, bevor es weitergeht. Das Wasser der Nordsee und auch im Englischen Kanal ist so stark verschmutzt, dass wir den Wassermacher dort möglichst nicht in Betrieb nehmen möchten. Während der Blauwasserfahrt auf dem Atlantik hat ein Sediment-Vorfilter eine Lebensdauer von etwa drei Monaten. Müssten wir ihn jedoch in der Nordsee verwenden, könnten wir den Vorfilter wohl schon nach zwei Durchläufen erneuern.

Gestern prüfte ich die Motorräume und die Bilgen. Alles ist trocken! Sehr schön, so soll es sein. Mit einer gebogenen Nadel versuche ich, den kleinen Läufer vor der Küchenzeile an den Ecken an der darunterliegenden Auslegware festzunähen. Im Moment verrutscht er ständig, und mit der Zeit wird das ständige Anheben und Geradeziehen des Läufers ziemlich nervig.

Der Hafen füllt sich inzwischen, und wir treffen immer häufiger andere TO-Segler, die ebenfalls gerne weiter möchten. Bei diesen Begegnungen schnacken wir über Themen wie Orca-Abwehr, Windvorhersagen und Co. Am Nachmittag läuft eine Segelyacht mit karibischer Flagge und russischsprachigen Crewmitgliedern ein. Abends sehen wir zwei Polizisten in Richtung des festgemachten Schiffs gehen. Offenbar ist man hier im Hafen besonders sensibilisiert, wenn es um „ungewöhnliche“ Schiffs- und Crewkonstellationen geht.

Am Samstagvormittag rufen wir uns ein Taxi und lassen uns zum nächstgelegenen Baumarkt fahren. Wir brauchen dringend eine Aufstiegshilfe für unsere hohe Bordwand. Das Hoch- und Herunterhieven von Piper ist schon etwas tricky, und schwere Einkäufe an Bord zu bringen, ist zwar sportlich, aber auf Dauer anstrengend. Im Baumarkt entdecken wir eine kleine Aluminiumleiter, die Kathi sofort ins Auge fällt. Ja, die soll es sein! Sie reicht zwar nicht ganz bis nach oben an Deck, erleichtert uns das Übersteigen aber enorm. Und da sie so schön schmal ist, passt sie auch noch gut ins Vorpiek zum verstauen.

Aufstiegshilfe

Die aktuelle Windprognose ist bis kommenden Samstag leider nicht wirklich passend. Eine Weiterfahrt am Samstag ist wahrscheinlich – aber das kann sich natürlich auch kurzfristig wieder ändern. Heute (Sonntag) sollte es eigentlich den ganzen Tag regnen. Tatsächlich ist das Wetter durchwachsen, und die Sonne lässt sich ab und zu blicken. Erst ab 15.30 Uhr setzt der Regen ein und soll bis in die kommende Nacht anhalten.

Kathi will morgen versuchen, den Hafenmeister auf Helgoland telefonisch zu erreichen. Von anderen Seglern haben wir gehört, dass es während der Ferien auf Helgoland kaum freie Liegeplätze gibt – der Hafen ist stets überfüllt, und kleinere Segelboote müssen dort in „Päckchen“ liegen. Sollte für uns kein Liegeplatz verfügbar sein, werden wir Helgoland auf unserer Route wohl überspringen müssen.

Mit der außerplanmäßigen Einfahrt in Cuxhaven wurde uns bewusst:
„Wenn der Plan nicht funktioniert, dann ändere den Plan. Aber niemals das Ziel!“

Wir halten euch auf dem Laufenden …

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Wir sind ausgeNOKt…

Abends auf dem Borgstedter See

Abends auf dem Borgstedter See (im Nord- Ostsee Kanal)


Nach einer turbulenten Gewitternacht heißt es nach dem Frühstück „Anker auf“. Wir verlassen den Borgstedter See und schieben die KAMI mit 6 Knoten unter Maschine Richtung Schleuse Brunsbüttel. Bis dorthin sind es noch gut 70 Kilometer (wir schreiben jetzt in Kilometern und nicht in Seemeilen – schließlich sind wir auf einem Binnengewässer). lach


Der Wind pustet mit 17 Knoten, der Himmel ist bewölkt und wir frieren. Ja, ihr lest richtig! In der alten Heimat sind es 32 Grad – hier oben dagegen nur „gefühlte“ 15 Grad.

Während der Fahrt begegnen uns zahlreiche Frachtschiffe. Einige transportieren Chemikalien, andere wiederum Schütt- und Stückgüter. Gegen 18 Uhr erreichen wir endlich die Schleuse Brunsbüttel und hoffen, dass wir rasch aus dem NOK ausgeschleust werden können. Da eine halbe Stunde zuvor bereits Sportboote geschleust wurden, sind wir nun die Einzigen, die vor der Schleuse „Warterunden“ drehen. Irgendwie passiert aber nichts. Nach 30 Minuten greifen wir zum Funkgerät und rufen: „Kiel Schleuse 1 für Segelkatamaran KAMI“. Wir fragen höflich nach, wann wir in die Elbe ausgeschleust werden können, und erhalten die Antwort, dass gerade ein größerer Frachter kommt – wir sollen uns hinter diesem in die Schleusenkammer legen. Wir bleiben also auf Standby und dürfen den aus- und eingehenden Verkehr nicht behindern.

Vor den Schleusen – also der alten Nord- und Südschleuse sowie den neuen großen Schleusen für die Containerriesen – fahren mehrere frei fahrende Fähren kreuz und quer durch die Vorbereiche. Für uns heißt das: volle Konzentration und die KAMI möglichst auf der Stelle halten. Bei ordentlich Seitenwind gar nicht so einfach! Aber es klappt, und das Frachtschiff fährt vor uns in die Schleusenkammer „Alte Nord“ ein. Wir warten auf die Aufforderung, ebenfalls einzufahren, und dürfen nach 15 Minuten auf der Steuerbordseite, schräg hinter dem Frachter, festmachen.

Da der Frachter ordentlich Schraubenwasser produziert (auch bei ganz langsamer Drehzahl), wippert die KAMI während der Einfahrt wie ein Korken auf und ab. Die ausgebrachten Fender rutschen durch die Wasserwirbel im Becken nach oben heraus, und die KAMI schrappt am hölzernen Schwimmsteg. Hoffentlich gibt es keine Kratzer oder Schrammen! Wir sind so angespannt, dass selbst Piper merkt, dass etwas nicht stimmt – und sie verhält sich entsprechend merkwürdig.

Wir funken erneut den Schleusenwärter an und informieren, dass wir die KAMI kaum halten können. Wir bitten darum, dass der Frachter als Erster das Schleusenbecken verlässt. Das wird bestätigt, und nachdem sich die Schleuse öffnet, schleicht der Frachter heraus. Wir warten, bis sich die Wirbel- und Wasserströme beruhigt haben, werfen dann die Leinen los, fahren in die Elbe ein und nehmen Kurs auf Cuxhaven. Kathi hatte die Fahrtzeit im NOK genutzt und uns einen Liegeplatz in der Segler-Vereinigung Cuxhaven e.V. organisiert.

Wir fahren noch gegen den Strom, das heißt: Gegen 20 Uhr kippt die Flut zur Ebbe, und bis dahin haben wir 2 Knoten Gegenstrom. Wir machen also 6 Knoten Fahrt durchs Wasser, kommen aber nur mit 4 Knoten voran (SOG – Speed over Ground).

Gegen 22 Uhr, also gerade noch mit Resttageslicht, laufen wir in den Sportboothafen ein und können direkt gegen den Wind an einem kleinen Steg festmachen. Nicht so schön ist, dass wir nur schwer vom Boot kommen, denn der Schwimmsteg endet etwa ein Drittel vor dem Bootsheck. Wir haben keinen Tritt an Bord – da fällt uns ein, dass wir das eigentlich noch vor dem Start besorgen wollten. Also müssen wir in den Baumarkt und einen Tritt oder eine kleine dreistufige Trittleiter kaufen.

Nach dem Vertäuen ist es 23 Uhr, und eine WhatsApp-Nachricht trifft ein: Von einem anderen Seglerpaar des TO wurde unser Einlaufen bemerkt. Antje und Frank von der Segelyacht Toroa heißen uns willkommen. Wir freuen uns und laufen Antje heute früh bei der morgendlichen Piper-Runde über den Weg – und schnacken gleich über Wetter, Reisepläne und Co.

Hier in Cuxhaven liegen noch weitere Trans-Ocean-Segler, die hier abwettern und auf bessere Wind- und Wetterverhältnisse warten. Leider sind die Prognosen für die ganze nächste Woche wieder suboptimal: falsche Windrichtungen zum Segeln, Starkregen und böiger Wind sind angesagt. Also warten hier viele Segler, bis es raus auf die Nordsee gehen kann. Viele wollen in Richtung Englischer Kanal, einige zieht es ins IJsselmeer, andere wollen erst einmal nach Helgoland.

Eines haben wir jedoch alle gemeinsam:

Wir wundern uns über das unstete Sommerbeginnwetter.

Wir haben uns heute erst einmal bis Mittwoch beim Hafenmeister angemeldet und unseren Liegeplatzobolus plus Kurtaxe und Nebenkosten in Höhe von 268 Euro gezahlt. Wasser und Strom sind inklusive. Kathis Tageswerk besteht heute darin, mit der Wäsche ins Vereinshaus zu laufen und für je 3,50 Euro Bunt- und Kochwäsche anzusetzen.

Durch einen Tipp vom Hafenmeister kommt nachmittags ein Schiffselektriker zu uns an Bord, den ich vorher telefonisch schon fast angebettelt habe, uns doch bitte mit der Ankerwinsch zu helfen. Eigentlich hat er kein freies Zeitfenster, aber mein Ausspruch „Wir sind nicht geizig“ bringt ihn zum Schmunzeln – und schon steht er bei uns am Steg. Das Problem ist schnell gefunden: Das fingerdicke Kabel (zum Aufholen des Ankers) am Ankerwinschmotor ist verschmort und muss erneuert werden. Das dauert keine Stunde. Der freundliche Elektriker hat eine hydraulische Kabelpresse und alles Nötige dabei. Der Austausch des beschädigten Teilstücks geht schnell. Der Elektriker rät uns für die Zukunft, beim Aufholen des Ankers immer mal eine Pause zu machen, damit Motor und Zuleitung nicht überhitzen und anfangen zu schmoren. Irgendwann werden wir den Motor der Winsch wechseln müssen – vielleicht nehme ich das als Projekt, wenn wir auf den Kanaren sind und ich dort einen entsprechenden Motor bekomme. Mal sehen.

Sonst haben wir heute Vormittag das Boot geputzt (Kathi innen, Mike außen) und wollen nachher noch zu Lidl und Edeka laufen. Kathi hat schon bemerkt, dass ihre Proviantkalkulation nicht die allerbeste war – wir müssen noch ordentlich nachbunkern. Allein die Getränke gehen schnell zur Neige. Immer nur Tee ist auch nicht die Erfüllung. Heute wollen wir noch frische Lebensmittel fürs Wochenende holen (für das Wochenende ist Regen angesagt), und bevor es dann weitergeht mit der Reiseroute, nochmals Großeinkauf mit dem Hafenwagen.

Wann es tatsächlich weitergeht, wissen wir noch nicht. Wir haben aber auch noch „Arbeit“: Kathi sitzt derzeit an Feuerwehr-Einsatzplänen für ein Tanklager in Chemnitz, und ich programmiere neue CRM-Workflows und muss noch neue Kundenverträge anlegen. Uns ist also nicht langweilig. Und so richtig haben wir unseren Alltag, oder wie man sagt unseren Trott, noch nicht gefunden – das kommt bestimmt noch. Bis jetzt war jeder Tag aufregend und alles andere als normal. Gerade ziehen wieder Regenwolken über uns hinweg und die ersten Tropfen klatschen aufs Deck – schnell noch die aufgehängte Wäsche reinholen.

Heute Abend wollen wir in das „Restaurant Lieblingsplatz“ hier auf dem Gelände einkehren.
Das kleine Restaurant soll Spitzenklasse sein …

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Leinen los …

Die zum Segeln notwendige Windrichtung und die Prognosen sind immer noch nicht optimal. Wir bekommen aber langsam in Warnemünde einen „Lagerkoller“ und entschließen uns daher, die Leinen loszuwerfen und in Richtung NOK (Nord-Ostsee-Kanal) aufzubrechen.

Letzter Abend in Warnemünde

Die Nacht vor unserem Start schlafen wir beide schlecht. Aufregung? Zu viele Gedanken, die im Kopf kreisen? Wir wissen es nicht genau und stehen gegen 6 Uhr früh auf, um mit der aufgehenden Sonne die Leinen loszuwerfen. Die Motoren schnurren mit 1800 Umdrehungen, und wir machen bei Windstärke „0“ und fast spiegelglattem Wasser 6 Knoten Fahrt. Wir stellen den Autopiloten auf die Insel Fehmarn ein, die wir umrunden müssen, um nach Kiel zu gelangen.

Nach dem frühen Start aus Warnemünde genießen wir unser erstes Aussteigerfrühstück gegen 9 Uhr morgens. Very romantic!

Frühstück an Bord

Die lange Fahrtzeit hat Kathi genutzt, um den MOB-Sender (Mann-über-Bord-Sender), den wir extra für Piper gekauft haben, an ihre Schwimmweste zu nähen. Leider gibt es keine fertige Lösung für Offshore-Rettungswesten für Hunde. Also hier: Selbst ist die Frau!

Pipers Rettungsweste

Nach fast 13 Stunden Fahrt unter Motor treffen wir in den Abendstunden in Kiel-Holtenau ein. Über Funk werden wir vom Schleusenwärter gefragt, ob wir noch in den NOK einfahren wollen. Da wir alle drei vom Gebrumme der Maschinen müde sind, verneinen wir, bedanken uns für die höfliche Nachfrage und werfen den Anker gegenüber der Schleuseneinfahrt. Hier liegen bereits etliche große und kleine Freizeitboote und ein größerer Tanker auf Reede.

Die Nacht ist wieder kurz. Gegen 5 Uhr weckt uns Kathis Handy mit einem dröhnenden Alarmgeräusch – die Ankeralarm-App. Wir hatten am Vorabend bei fast 10 Metern Tiefe ca. 50 Meter Ankerkette gesteckt und haben uns in der Nacht mit dem Wind um 180 Grad gedreht. Das quittierte die App mit einem lauten Alarm. Guten Morgen! Wir sind völlig knülle, raufen uns aber rasch auf und schielen rüber zur Schleuse. Komm, lass uns gleich einschleusen. Anker auf und Motoren an – es geht mit einem großen Containerschiff und sechs Segelbooten in die Schleusenkammer. Der Schleusenwärter gibt über Funk durch: „Die Sportschifffahrt bitte an der Backbordseite festmachen.“ An der Steuerbordseite liegt das große Containerschiff und produziert ordentlich Schraubenwasser (sieht aus wie ein brodelnder Whirlpool). Bei der Einfahrt in die Schleuse wundern wir uns, dass das erste Segelboot (ein Trimaran) an der Steuerbordseite anlegt und nicht wie vom Schleusenwärter gefordert an der Backbordseite. Gruppenzwang – wir folgen alle. Aber was macht der Trimaranfahrer? Er stoppt auf der Hälfte der Schleusenlänge und macht sich fest. Da passen wir nicht dahinter. Kathi hat schon Fender und Leinen an der Steuerbordseite angebracht, da kommt der Funkspruch vom Schleusenwärter, wir können auch auf der Backbordseite anlegen. Kathi schnauft und schimpft vor sich hin, löst alle Fender und Leinen und wechselt, während wir schon einfahren, die Seite. Mit etwas zu viel Dampf rauschen wir gegen den in der Schleuse vorhandenen Schwimmsteg. Grrrr … Das war Mikes Schuld. Gott sei Dank keine Beschädigungen am Schiff – nochmal gut gegangen. Wir liegen vertäut in der Schleuse und springen zwischen KAMI und Schwimmsteg hin und her, um Leinen und Fender auszurichten. Die Schwimmstege sind mit einer dicken Algenschicht überwachsen, entsprechend sieht nach der Schleusung unser weißes Deck nicht mehr weiß aus, sondern … Bahhhh …

KAMI in der Schleusenkammer Kiel

Gegen 7:15 Uhr fahren wir dann endlich in Kolonne mit den anderen Booten die ersten 28 Kilometer bis zum Borgstedter See. Hier wollen wir direkt an der Autobahnbrücke der A7 den heißen Tag mit 37 Grad verbringen (baden und den Grill anwerfen) und morgen früh weiter bis zum Ende des NOK (noch 70 Kilometer) fahren. Geplant ist dann das Ausschleusen am Abend, und mit der anfänglichen Gezeitenflut wollen wir in den Amerikahafen in Cuxhaven fahren und dort für ein paar Tage festmachen. Unsere Ankerwinsch lässt sich sporadisch nicht mehr einfahren, was uns heute im Borgstedter See in eine brenzlige Lage gebracht hat. Wir hatten den Anker ausgebracht und sind dann in Richtung der Signaltonnen abgetrieben. Wir wollten den Anker schnell wieder aufholen und unsere Lage korrigieren – leider versagte in diesem Moment die Ankerwinsch. Kurzzeitig Panik. Gemeinsam haben wir dann mit reiner Muskelkraft 10 Meter Kette mit dem anhängenden 25-Kilo-Anker aus dem Wasser gezogen. Als wir das Boot danach etwa 100 Meter verholt hatten, fanden wir den Fehler relativ schnell: ein Kabelbruch an der Elektrowinsch. Das muss repariert werden. Wir werden uns in Cuxhaven einen Monteur suchen, der uns helfen kann. Wir sind optimistisch.

Leider sehen die Wetter- und Windprognosen bis zum Wochenende wieder bescheiden aus. Wann wir weiter nach Helgoland kommen, ist noch offen. Derzeit ändern sich ja die Vorhersagen fast stündlich. Gerade jetzt zieht ein Gewitter mit Regen über uns her, das war schon vor sechs Stunden angekündigt. Wir nutzen den Regen und schrubben das durch die Schleusenaktion verdreckte Deck, bis alles wieder blitzeblank ist. Es ist ja unser Zuhause. Da hat man es gerne ordentlich und rein. lach

Piper leidet auch unter der Hitze. Wir legen sie tagsüber auf Kühlmatten, geben ihr ab und an einen Eiswürfel zum Knabbern und ziehen ihr eine Kühlweste an. Ihr Geschäft hat sie gestern tatsächlich erst abends auf dem Boot verrichtet. Was haben wir sie gelobt! Sie tut sich noch sehr schwer mit dem „Lösen“. Aber wir sind guter Hoffnung. Sie ist ja mit 1,5 Jahren noch ein Teenager. Das klappt schon bald besser. Bestimmt!

Unser Engelchen "böser böser Kampfhund"

Gestern haben wir noch gegen Nachmittag Post von unseren Warnemünder Stegnachbarn erhalten. Sie haben uns eine gute Reise gewünscht und ein Foto, aufgenommen von ihrer Two Princess, von der KAMI beigefügt. Darüber haben wir uns sehr gefreut.

Foto von unseren Stegnachbarn

Alles in allem haben uns eine Vielzahl von Wünschen und guten Zusprüchen erreicht, selbst von Seglern, die wir gar nicht richtig persönlich kennen. Toll. Danke dafür!

Aktueller Trip: Genau 100 Meilen
Fahrtzeit gesamt: 17 Stunden und 26 Minuten

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Wetterkapriolen

Was ist das eigentlich aktuell für ein schreckliches Wetter – und das schon seit vier Wochen! Unseren für heute geplanten Starttermin haben wir nun verschoben. Hier oben an der Küste bläst der Wind kräftig, und Regen sowie Böen wechseln sich stetig ab. Die Sonne lässt sich nur selten blicken. So richtig schöne Startbedingungen sind das wirklich nicht. Auch morgen wird es wieder ruppig. Erst am Samstag soll sich das Wetter beruhigen. Das werden wir nutzen und uns auf den Weg Richtung Kiel machen. Am Sonntag geht es dann in den NOK (die notwendigen Gebühren von 35 Euro habe ich heute schon per Kreditkarte entrichtet), und am Montag weiter zur Insel Helgoland. Dort werden wir wohl auch ein paar Tage abwettern müssen, denn für nächsten Donnerstag sind schon wieder Sturmböen mit 80 bis 100 km/h angekündigt. Es macht echt keinen Spaß – was ist das nur für ein Sommer?

Die Vorhersagen für Wind, Böen, Wellen und Schwell ändern sich täglich. Wir schauen jetzt jeden Tag die Prognosen bei Windy & Co., vergleichen und diskutieren. Einige „Lossegler“ sind bereits auf der Nordsee unterwegs und bewegen sich langsam an der Küste entlang Richtung Atlantik. Bei uns macht sich dadurch das Gefühl breit, dass wir zu spät dran sind oder die „Bummellletzten“ – was natürlich Quatsch ist. Wir haben ja genügend Zeit und immer das Sprichwort im Kopf: „Geduldiger Schiffer hat immer gutes Wetter.“ Irgendwie spielt das Wetter aber immer mehr verrückt, sodass Planungen und Wettererfahrungen der letzten Jahre einfach nicht mehr hinhauen. Für uns ist das eine riesige Herausforderung für die Zukunft. Mehrfache tägliche Wetterchecks werden in unserem zukünftigen Leben wohl zur Routine werden.

Sommer :/
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Und weiter geht’s… wir sind ready!

Besuch an Bord

Wie wir beim letzten Mal schon erzählt haben, erwarteten wir am Pfingstmontag Besuch – und zwar von unserem lieben Götz. Wir haben uns wahnsinnig gefreut, ihn an Bord willkommen zu heißen! Gemeinsam haben wir ihm alles gezeigt, was unser schwimmendes Zuhause zu bieten hat, und natürlich kamen wir auch auf das Thema medizinische Notfälle zu sprechen – ein spannendes und wichtiges Thema, über das wir gerne philosophierten.

Götz zu Besuch an Bord

Am Freitag kam Kathis beste Freundin Katha zu Besuch und verbrachte den ganzen Tag mit uns. Na ja, zumindest fast den ganzen Tag – Mike hatte sich nach ihrer Ankunft erst einmal verkrümelt, um Diesel zu holen und die Reservekanister zu verstauen. Wir Mädels hatten so Zeit für eine gemütliche Kaffeerunde mit den neuesten Klatschgeschichten aus der alten Heimat.

Nach dem Kaffee ging es für Kathi und Katha an den Strand, um endlich die lang ersehnte Sonne zu genießen – natürlich in Begleitung von Piper’li, die sogar ein bisschen im Wasser getobt hat. Bei 17 Grad Wassertemperatur war es zwar noch etwas kalt, aber die frische Luft und das Wasser machten trotzdem viel Freude.

Zum Abendessen gab es Schmorgurken – Mikes Lieblingsessen – und wir ließen den Tag mit einem Glas Wein ausklingen, bevor Katha sich am späten Abend wieder auf den Heimweg machte.

Vorbereitungen – Proviantieren

Am Dienstag warteten wir ganz gespannt auf unsere erste Steg-Lieferung von Edeka, die zwischen 12 und 16 Uhr angekündigt war. Kurz nach 12 klingelte dann Kathis Handy – der Lieferant war dran und fragte, an welchem Steg er uns findet. Wir erklärten ihm den Weg und kurz darauf sahen wir ihn schon auf uns zulaufen – mit vier großen Bananenkisten voll mit allem, was wir bestellt hatten!

Proviant
Proviant
Proviant

Nach dem Kontrollieren und Verräumen waren wir begeistert: Es war wirklich alles da! Eine riesige Erleichterung für uns, denn der nächste große Supermarkt ist entweder 40 Minuten Fahrt durch Markgrafenheide oder mit der Fähre erreichbar – beides nicht gerade um die Ecke. Also haben wir gleich die nächste Bestellung abgeschickt – besser geht’s nicht!

Das Verstauen der Vorräte erfordert allerdings etwas Geschick, denn in den Fächern und Schapps darf nichts klappern. Dosen und Flaschen packten wir einzeln in Luftpolsterfolie ein, um alles sicher zu verstauen. Einige spezielle Sachen wie Antibrumm, Kefir- und Joghurtbakterien haben wir noch online bestellt. So langsam sind wir wirklich startklar – Aufproviantierung abgeschlossen!

Kleiner Strandausflug

Um die seltenen Sonnenstrahlen hier bei uns zu genießen, haben wir am Samstag einen Strandtag eingeplant – und damit auch die erste Dinghy-Fahrt für Piper in diesem Jahr. Wir machten das Dinghy startklar, ließen es ins Wasser und verstauten unsere Strandsachen darin. Piper schaute erst sehr skeptisch zu, aber dann hieß es: Rein ins Dinghy und los!

Piper im Dinghy

Zuerst war Piper nicht so begeistert, doch wir fuhren ganz vorsichtig und sanft über die Wellen, sodass sie sich langsam wieder an das kleine Boot gewöhnen konnte. Wir hatten am Hundestrand viel Spaß… es fühlte sich schon fast wie „Sommer“ an.

Spielt das Wetter nächste Woche mit, werfen wir endlich die Leinen los. Die KAMI ist bereit zum Ablegen und Auslaufen.
Wir halten euch auf dem Laufenden – versprochen!

KAMI im Abendrot in Warnemünde

Einleben an Bord und erster Besuch: Unsere ersten Tage auf der KAMI

Fast 10 Tage sind vergangen – und nach dem ersten, oft chaotischen Eingewöhnen auf unserem neuen Zuhause, der KAMI, finden wir allmählich in unseren Alltag an Bord. Die ersten Tage waren geprägt von viel Arbeit, kleinen Erfolgen und dem ersten Besuch von lieben Menschen.

Piper auf dem Vorschiff

Aufräumen, Aufbauen und Arbeiten

Die erste Woche stand ganz im Zeichen des Aufräumens und Einrichtens. Das Boot wurde auf Hochglanz gebracht, und Mike hat das neue Fusion-Radio eingebaut – ein großartiges Abschiedsgeschenk, das uns auf See stets mit Musik und Nachrichten versorgen wird. Auch das Satellitentelefon und die Truma 45-Liter-Tiefkühlbox sind jetzt einsatzbereit.

Neben den Bootsarbeiten haben wir auch das Bootsoffice in Betrieb genommen und die ersten Videokonferenzen abgehalten. Kathi hat unsere Blumenkästen mit Küchenkräutern und einer Tomatenpflanze bestückt. Wir sind gespannt, wie sich Dill, Petersilie, Basilikum, Minze und Schnittlauch auf See schlagen werden!

Kräutergarten an Bord

Proviant und Einkauf

Die ersten 200 Liter Diesel sind gebunkert, und die Proviantliste ist geschrieben. Beim Spaziergang durch den Hafen fiel uns ein Werbeaufsteller ins Auge: Ein neuer Edeka-Markt in der Nähe bietet an, den Einkauf bis an den Steg – oder sogar direkt ans Boot – zu liefern. Für uns ein echter Glücksfall! Sofort wurde der Laptop aufgeklappt und Konserven, Nudeln, Reis, Kaffee und Getränke bestellt. Die erste Lieferung soll am Dienstagnachmittag direkt zur KAMI kommen. Wir sind gespannt, ob das klappt!

Frische Lebensmittel wie Obst, Gemüse, Fleisch und Co. werden wir weiterhin im großen Edeka-Superstore in Rostock besorgen.

Wetterkapriolen und Hafenleben

Das Wetter hier oben an der Waterkant ist leider nicht gerade einladend. Gestern, am Pfingstsonntag, war der bislang schlimmste Tag: Unentwegt Regen, Sturmböen, Gewitter und Temperaturen, die den ganzen Tag die Heizung laufen ließen. Der Sturm hat einigen Booten im Hafen ordentlich zugesetzt. Bei einem Segelboot ist die Persenning gerissen, und an unserem Steg nahm eine Schweizer Motoryacht Schaden, weil die Fender verrutscht waren. Das GFK wurde dabei nicht unwesentlich beschädigt – tiefe Kratzer und Abplatzungen sind die Folge. Der abwesende Eigner wird sich freuen …

Für uns ist unverständlich, warum in dieser angeblichen 5-Sterne-Marina bei solchem Schwerwetter niemand vom Hafenpersonal nach dem Rechten schaut. Kein Wunder, dass viele Jahreslieger sich nach Alternativen umschauen und dem Hafen den Rücken kehren. Schade. „Servicewüste Deutschland“ – hier scheint sich das Sprichwort mal wieder zu bewahrheiten.

Weitere Vorbereitungen

In dieser Woche kümmern wir uns weiter um das Aufproviantieren. Es müssen noch mindestens 200 Liter Diesel und 50 Liter Benzin gebunkert werden. Wenn alle Tanks und Kanister voll sind, stehen uns 700 Liter Diesel für die Antriebsmaschinen und dem Stromgenerator zur Verfügung. Würden wir ausschließlich motoren (also nicht segeln), könnten wir mit unserem Treibstoffvorrat rund 3.000 Kilometer bzw. 1.600 Seemeilen zurücklegen – im Idealfall.

Außerdem wollen wir uns in dieser Woche um unser Grab-Bag kümmern und dem Flugrost an der Solarpanelkonstruktion zu Leibe rücken. Nico ist für Mittwoch eingeplant und wird sich noch einmal um die Maschinen kümmern. Wir wollen das Motoröl wechseln und die Wasserpumpen erneuern.

Erster Besuch an Bord

Am vergangenen Samstag durften wir unseren ersten Besuch an Bord begrüßen: Kathis Mama, ihr Bruder und die Schwägerin haben uns die Ehre gegeben. Die KAMI wurde inspiziert, und im Cockpit gab es Kaffee und Kuchen. Das Wetter war typisch April – nur leider mitten im Juni. Trotzdem haben wir uns sehr über den Besuch gefreut.

Für heute Abend hat sich ganz kurzfristig „Götz“ für eine kleine Stippvisite hier in Warnemünde angemeldet.

Impfmarathon abgeschlossen

Heute Nachmittag haben wir unsere erste Schluckimpfung gegen Cholera eingenommen. Nach spätestens 6 Wochen folgt die zweite, und dann sind wir für mindestens 2 Jahre „safe“. Damit ist unser Impfmarathon abgeschlossen. Sämtliche Kosten wurden von unserer Krankenkasse übernommen – sogar die für die noch recht neue und teure Dengue-Impfung. Unsere Impfpässe sind jetzt voll durchgestempelt. Nach dem Motto: „Lieber haben als brauchen“!

Schluckimpfung gegen Cholera

Wir freuen uns auf Austausch!

Wir freuen uns über Kommentare und den Austausch mit euch. Habt ihr Fragen oder Anmerkungen? Gern her damit! Wir sind gespannt auf eure Rückmeldungen und freuen uns, wenn ihr uns auf unserer Reise begleitet.

Bleibt neugierig – wir halten euch auf dem Laufenden!
Mike – Kathi und Piper`li von der KAMI