23.06.2023 – 12:00 Uhr UTC 29. Seetag Etmal: 140 sm Gesamtsumme: 3583 sm Wind aus W Segelstellung: Großsegel 2. Reff, Genua 80% Speed über Grund: 6 kn
Am Nachmittag entdeckt Karsten erneut eine Delfinschule an unserer Steuerbordseite. Er eilt nach draußen, um Filmaufnahmen zu machen – leider wieder nicht in der gewünschten Qualität. Bei dem bedeckten und regnerischen Wetter entstehen eben keine kinoreifen Aufnahmen. Insgesamt hatten wir jetzt bereits viermal Besuch von Delfinen. Es ist wirklich faszinierend, ihnen zuzuschauen.
Trotz einer sehr konservativen Segelstellung machen wir wieder ein gutes Etmal. Heute Nachmittag, gegen 17 Uhr, erwarten wir für ein paar Stunden Starkwind mit Böen über 35 Knoten und Wellenhöhen von 5 bis 6 Metern. Die derzeit noch ruhige Phase haben wir für ein ausgiebiges Frühstück genutzt und sitzen nun im Salon, wartend auf das, was kommen mag.
Letzte Nacht war es auf der KAMI so bitterkalt, dass wir den Ölradiator zweimal einschalten mussten, um wenigstens ein paar Grad mehr im Salon zu erreichen. Nachts haben wir hier etwa 13 Grad, und unten in den Kojen (Bugkabinen) ist es wahrscheinlich noch 3 Grad kälter. Tagsüber klettert das Thermometer nicht über 15 Grad, und es soll in den nächsten Tagen sogar noch kälter werden!
Den Ölradiator für etwas Wärme in der Nacht haben wir im Salon am Tischbein festgetäut.
Wir sitzen hier im Zwiebelschalenlook: doppelte Socken, Beanie auf dem Kopf und mehrere Schichten Kleidung. Ab der nächsten Nacht kommen wahrscheinlich auch noch zwei lange Unterhosen dazu. Durch die fehlende Bewegung an Bord kühlt man sehr schnell aus. Wir frieren – und langsam beginnt der Hals zu kratzen. Mist!
27.05.2023 – 12:20 Uhr Ortszeit – 16:00 UTC 8. Seetag Etmal: 126 sm Gesamtsumme: 767 sm Wind aus S bis SW Segelstellung – Großsegel 1. Reff – Genua voll – Vorwindkurs um 110° Speed über Grund: 7 kn
Es ist 6:30 Uhr, und der Wasserkessel pfeift auf dem Gasherd. Wir genehmigen uns einen starken Kaffee zum Wachwerden und holen die ersten Daten für die Windy-App aus dem Internet. In der Nacht hatten wir guten Wind und machten zügige Fahrt – meistens um die 6 Knoten.
Ich hole die Seekarte für den Nordatlantik aus dem Schrank und trage mit einem Bleistift unseren aktuellen Standort ein. Wir haben bereits 700 Seemeilen geschafft, sind aber erst 380 Seemeilen von Nassau entfernt?! Durch das Kreuzen auf spitzen Amwindkursen haben wir die Hälfte der Zeit und Entfernung verloren.
Wir schauen gemeinsam auf die Nordatlantikseekarte. Es ist noch so wahnsinnig weit bis nach Hause. Das wird uns spätestens jetzt richtig bewusst.
Gestern hatten wir ja das Thema Zwischenstopp auf „Bermuda“. Bermuda ist ein britisches Überseegebiet im Atlantik. Nach dem Frühstück finden wir heraus, dass der Verein „Trans-Ocean e.V.“, bei dem ich seit zwei Jahren Mitglied bin, einen deutschsprachigen Basisleiter auf der Insel hat. Karsten sendet dem Basisleiter eine E-Mail und bekommt schon sehr zeitnah eine Rückmeldung. Wir sind willkommen, und man könnte uns sicherlich mit unseren kleineren technischen Problemen, wie der ständig ausfallenden Windanzeige, helfen. Da die Wetterprognose für die nächsten Tage eher schlecht ist, beschließen wir, direkt die Bermudainseln anzulaufen (sie liegen auf unserer Kurslinie nach Hause), um einen kurzen Stopp einzulegen – je nach Wetterprognose.
Bis nach Bermuda sind es noch knapp 350 Seemeilen. Wir könnten am Pfingstmontag dort ankommen. Karsten möchte den Zwischenstopp auch nutzen, um Coca-Cola und Tonic nachzuprovientieren. Wir würden außerdem unsere Dieseltanks auffüllen und eventuell noch die eine oder andere kleine Besorgung machen. Am 30. Mai habe ich Geburtstag, da wäre doch ein Abendessen auf der Insel eine feine Sache.
Am Nachmittag werden wir von einem Frachtschiff angefunkt. Leider können wir den Anrufer nicht verstehen, da er so schnell und undeutlich Englisch spricht. Wir bitten mehrmals um langsame Wiederholung des Funkspruchs, bekommen aber keine Reaktion mehr. Wir vermuten, dass er uns vor einem Unwetter warnen wollte, mit dem wir schon für den Abend rechnen.
Kurz vor dem Sundowner ruft Karsten vom Steuerstand: „DELFINEEEE!!!“ Mindestens 20 Tiere begleiten unsere Fahrt für etwa 10 Minuten, bis sie weiterziehen. Einige der Tümmler springen 2 bis 3 Meter aus dem Wasser und drehen sich dabei wie ein Korkenzieher. Wir hatten schon gehört, dass Delfine gerne Katamarane begleiten – was für ein tolles Erlebnis.
Immer wieder ein Erlebnis, wenn ganze Delfinschulen die KAMI begleiten …
Es wird Abend, und die gewaltige Gewitterfront rückt auf uns zu. Ich beschließe, alle Segel zu reffen und zur Sicherheit über die Nacht zu motoren. Wir werfen die Steuerbordmaschine an und machen mit 2.000 Umdrehungen etwa 5 bis 6 Knoten Fahrt über Grund. In einer Stunde verbrauchen wir so ca. 4 Liter Diesel. Wir werden in Bermuda nachtanken.
Mit dem laufenden Motor produzieren wir nebenbei Heißwasser, da macht das Duschen am Abend richtig Spaß. Der Wassermacher läuft auch nebenbei und produziert in einer Stunde ca. 100 Liter Trinkwasser. Nachdem der Tank „3/4“ (450 Liter) anzeigt, schalten wir den Wassermacher wieder ab.
Bei dem Wind und Starkregen haben wir es uns in der Nacht im Salon gemütlich gemacht. Der Motor läuft und folgt via Autopilot unserer vorgegebenen Kurslinie nach Bermuda bzw. dem nächsten Wegpunkt. Wir lassen das Radar bei diesem schlechten Wetter als Sicherheitsoption mitlaufen und schauen gebannt nach draußen, wo die Blitze den Nachthimmel erleuchten.
Nachts bemerken wir, dass Karstens Rettungsweste im Cockpit automatisch ausgelöst hat. Der Wind und die gefühlten 1.000 Liter Regenwasser pro Minute müssen daran schuld gewesen sein. Jetzt sind wir schlauer und lassen die Weste bei solch einem Wetter nicht mehr draußen. Gott sei Dank haben wir noch vier weitere Westen an Bord. Sicherheit ist also gegeben.
In den frühen Morgenstunden die nächste Überraschung: Eine unserer elektrischen Winschen läuft plötzlich ohne unser Zutun los. Was für ein Krach! Ich renne in die achterliche Backbordkabine und schalte den Hauptschalter auf „off“. Der Regen muss hier einen Kurzschluss verursacht haben.
Das nächtliche Brummen der Maschine drückt uns die Augen zu. Nach dem Regengebiet haben sich die Wellen gelegt, und wir wollen nur noch in den Schlaf fallen …
22.05.2023 – 12:15 Uhr Ortszeit – 16:15 UTC 3. Seetag Etmal: 107,6 sm Gesamtsumme: 206,9 sm Wind aus NO zwischen 8 und 10 Knoten Segelstellung – Großsegel voll – Genua voll – spitzer Amwindkurs um die 40° abfallend auf Halbwind Speed über Grund: 7 kn
In der vergangenen Nacht haben wir die letzte Bahamas-Insel hinter uns gelassen und fahren seither in weiten Zickzack-Kursen, zuerst nach Norden-Nordwesten gemäß den empfohlenen Wegpunkten von Sebastian Wache, nun nach Osten-Nordosten.
Gestern gegen 22 Uhr alarmierte uns unser B&G-Kartenplotter – Kollisionskurs mit einem anderen Segler. Nur noch 1,5 Seemeilen Abstand! Schnell beschließen wir, eine Ausweichwende zu fahren, beleuchten das Vordeck und sichern uns mit unseren Westen. Das Manöver gelingt, und der amerikanische Segler zieht an uns vorbei. Danach ziehen wir uns beide in den Salon zurück. Der nächtliche Wind nimmt bis auf 28 Knoten in Böen zu, und das Schiff erreicht zum ersten Mal seit unserer Abfahrt 8,5 Knoten. Wir fahren spitz gegen die vorherrschende 2,5-Meter-Welle. Gischt spritzt über das Schiff, und überall funkelt das Meersalz auf den Oberflächen.
An Schlaf ist unter diesen Bedingungen im Moment nicht zu denken. Wir überlegen, wie wir die Nacht weiter angehen wollen, und beschließen, das Großsegel ins erste Reff zu nehmen (also ein Stück herunterzunehmen -um die Segelfläche zu verkleinern). Unser gemeinsamer Beschluss wird sich rächen! Es heißt nicht umsonst: „Wenn du übers Reffen nachdenkst, ist es oft schon zu spät.“ Wir bereiten alles vor – draußen donnern die Wellen gegen und unter das Schiff (bei einem Katamaran unter dem Salon in der Mitte des Schiffs). Das sind beängstigende Geräusche, die man sich kaum vorstellen kann. Blitzschnell schießen uns Gedanken durch den Kopf: Wird der Mast halten? Sind die Schoten nicht schon zu alt und könnten brechen?
Wir bereiten uns auf das nächtliche Reffmanöver vor, legen die Westen an und sichern uns an Deck. Wir lassen das Großfall bis zum ersten Reffpunkt fallen und merken, dass die Reffleine klemmt. Die Elektrowinsch ächzt, und wir stoppen das Dichtholen der Reffleine. Mir bleibt nichts anderes übrig, als aufs Vorschiff zu gehen und die Reffleinen zu klarieren. Was passieren muss – passiert. Das Schiff springt von der Bugwelle ins Wellental, und es gibt einen donnernden Ruck. Ich rutsche dabei am Mast aus und hänge wie ein zusammengerollter Käfer in den Sicherheitsleinen. Ich spüre brennende Schmerzen an meinen Schienbeinen und stauche mir die Finger an der linken Hand. Karsten, der im Steuerstand an den Winschen steht, bekommt das gar nicht richtig mit und wundert sich, als ich mit schmerzverzerrtem Gesicht wieder zu ihm in die „Sicherheitszone“ des Steuerstands krabble – im wahrsten Sinne des Wortes. Schweißgebadet und etwas lädiert bringen wir das Manöver nach gut 50 Minuten zu Ende.
Nach dem Reffen und einer kleinen Kurskorrektur wird es etwas erträglicher an Bord. Karsten bietet mir an, die Augen zu schließen – ich lege mich neben ihm im Salon hin und falle sofort in einen zweistündigen Tiefschlaf. Gegen 5 Uhr schicke ich Karsten in seine Koje. Er sieht gar nicht gut aus und ist völlig am Ende. Schon einige Stunden vorher beim Reffmanöver fiel es ihm aufgrund des Schlafentzugs schwer, rechts und links – also Steuerbord und Backbord – zu unterscheiden.
Es ist gerade für uns beide eine Ausnahmesituation, aber wir wachsen daran!
Ich bin froh, dass Karsten mit an Bord ist und dass er mit meinem „Gebrumme“ (wenn ein Manöver nicht gleich so funktioniert) gut umgehen kann.
Die Sonne geht auf – der dritte Seetag beginnt. Karsten liegt unten und schnarcht, so laut, dass ich es bis oben hören kann. Sein Körper holt sich nun endlich den Schlaf, den er so dringend braucht. Ich sitze wieder im Salon am Kartentisch und höre erneut den „Domian – 1Live“-Podcast. Meine Augen brennen, und ich kämpfe gegen die Müdigkeit an. In den letzten 48 Stunden habe ich wohl insgesamt nicht mehr als fünf Stunden geschlafen. Ich gehe nach draußen, setze mich an den Steuerstand und traue meinen Augen nicht: Eine kleine Schule von Delfinen taucht unter der KAMI durch, vielleicht 20 Tiere. Ich eile in den Salon, um mein Handy zu holen und Fotos zu machen. Als ich wieder draußen bin, sind die Delfine leider schon zu weit weg, um sie festzuhalten. Etwas enttäuscht schaue ich in die Ferne und sehe einen fliegenden Fisch aus dem Wasser springen. Geschätzt segelt er 10 Meter über die Wasseroberfläche – leider zu weit weg für ein Foto.
Gegen 7 Uhr ist Karsten wieder oben. Ich falle sofort todmüde in die Koje und schlafe sofort ein. Nach zwei Stunden rappele ich mich wieder hoch. Die Sonne scheint durchs Fenster, und mich zieht es nach draußen. Karsten ist nicht traurig, denn wir können gemeinsam ein schönes Frühstück im Cockpit genießen und über das Wetter und die Kursplanung philosophieren. Wir freuen uns über eine Nachricht von Sebastian Wache, der uns mit seiner Wettervorhersage in die entgegengesetzte Richtung schickt. Wir wenden also die KAMI (wir spielen uns von Mal zu Mal besser ein) und steuern die von ihm übersandten Wetterwegpunkte an. Wir versuchen, hart nach Osten zu kreuzen, denn hier zieht in den nächsten Tagen ein „friedliches“ Tiefdruckgebiet durch, das südöstliche Winde mitbringt. Genau diese Winde bringen uns nach Hause. Wir freuen uns schon darauf, nicht mehr hart am Wind auf Amwindkursen bolzen zu müssen und endlich einen schönen Raumwindkurs (Wind von hinten seitlich) zu haben, damit die KAMI viel ruhiger und schneller durchs tiefblaue Wasser gleiten kann.
Nach dem Frühstück setzen wir das Großsegel wieder ganz. Ich schmeiße den Generator und den Wassermacher an und beschließe, eine Waschmaschine anzusetzen. Karsten macht ein Powernap im Salon, und ich behalte die frisch aufgehängte Wäsche im Blick.
Die Zickzack-Kurslinien der KAMI sehen schrecklich aus auf dem Kartenplotter. Es fehlt uns nach wie vor der richtige Wind. Dazu kommt, dass wir eher konservativ segeln wollen. Wir kennen das Schiff noch nicht gut und wissen nicht, was wir der KAMI zumuten können.
Es wird wohl in den nächsten Tagen so weitergehen, bis sich bessere Segelbedingungen einstellen.