24. Etmal 77 Seemeilen

19.06.2023 – 12:00 Uhr UTC

25. Seetag

Etmal: 77 sm (kaum Wind)

Gesamtsumme: 3032 sm


Wind aus E – SE

Segelstellung: Großsegel kompl. gerefft, Genua voll

Speed über Grund: 3 kn

Wir hängen nach wie vor im Flautengebiet fest und treiben mit gesetzter Genua in Richtung Nordost, mit durchschnittlich 3 Knoten. Der Wind weht mit maximal 7 Knoten.

Bis Mittwoch wird die Flautenlage voraussichtlich anhalten, mit durchschnittlichen Windgeschwindigkeiten von 6 Knoten. Da können wir nicht viel an Fahrt herausholen – die KAMI ist mit fast 11 Tonnen einfach zu schwer.

Der Himmel ist größtenteils bedeckt, nur selten zeigt sich die Sonne. Vielleicht versuchen wir es heute einmal mit dem Gennaker, dem großen Leichtwindsegel. Mal sehen …

Sonst gibt es heute nichts weiter zu berichten.

23. Etmal 112 Seemeilen

18.06.2023 – 12:00 Uhr UTC

24. Seetag

Etmal: 112 sm (kaum Wind)

Gesamtsumme: 2955 sm


Wind aus S – SW

Segelstellung: Großsegel kompl. gerefft, Genua voll

Speed über Grund: 5 kn

Nach unserem gelangweilten Nachmittag gehen wir mit 7 Knoten Fahrt in die Nacht. Es scheint tatsächlich so, dass wir die meisten Erlebnisse während der Nachtstunden haben – so auch in dieser.

Gegen 21 Uhr lege ich mich in die Koje. Mein Kopf schmerzt etwas, da mir der regelmäßige Schlaf fehlt. Nach etwa einer Stunde werde ich vom Schlagen des Großsegels geweckt. Karsten steht oben am Steuerstand und probiert verschiedene Kurseinstellungen, doch es hilft nichts – Flaute!

Um das Material zu schonen (die Segel schlagen bei Flaute zu stark, wenn eine Böe kommt), beschließen wir, die Segel einzuholen – was wir dann auch unverzüglich im einsetzenden Regen tun. Währenddessen tauchen plötzlich drei Frachtschiffe auf unserem Kartenplotter auf. Den ganzen Tag über hatten wir keine anderen Schiffe gesichtet, und jetzt auf einmal drei gleichzeitig?

Eines der Containerschiffe ruft uns sogar über Funk. Man erkundigt sich, ob bei uns alles in Ordnung sei, da man hier, mitten im Nordatlantik, selten Segelboote sehe. Wir freuen uns über das Interesse des Containerriesen und wünschen uns gegenseitig eine gute Weiterfahrt.

Sebastian hatte uns in seiner letzten E-Mail mindestens vier Flautentage vorhergesagt – Tage mit wenig bis gar keinem Wind. Es gibt derzeit keine besseren Alternativen für uns. Wir entscheiden uns, die Maschine zu starten, um zumindest ein paar Meilen zu machen. Zuvor informieren wir uns noch einmal im Netz über den Dieselverbrauch der verbauten Yanmar-Schiffsdiesel. Bei 1.200 Umdrehungen, was etwa 3 Knoten pro Stunde entspricht, verbrauchen wir ca. 1,6 Liter Diesel. Das würde am Tag etwa 40 Liter Diesel für 72 Seemeilen bedeuten.

Wir stellen den Autopiloten auf 48° Nordost ein und lassen die KAMI unter Maschinenkraft in diese Richtung schieben. Gegen 3 Uhr morgens ertönt plötzlich ein Alarm. Hochgeschreckt vom Piepen lese ich die Meldung „Kurs kann nicht gehalten werden“. Ich gehe nach oben zum Steuerstand und spüre kräftigen Wind. Wie aus dem Nichts bläst es auf einmal mit 23 Knoten. Die Maschine, die fast im Standgas lief, konnte dagegen nicht gegensteuern. Ich öffne die Genua (Vorsegel), und schon nimmt die KAMI wieder Fahrt auf – 4 bis 5 Knoten. Das freut mich, die Maschine kann nun wieder aus.

Als ich danach den Salon betrete, fällt mir eine blinkende rote Anzeige am Schaltpanel auf – Bilgenalarm im Backbordrumpf. Ich eile nach unten und nehme die Bodenplatten hoch. Tatsächlich stehen dort etwa 2 Liter klares Wasser. Wo kommt das denn jetzt wieder her? Das Wasser in der Steuerbordbilge kennen wir ja, aber nun auch im Backbordrumpf? Unverständnis macht sich breit. Wir müssen das im Auge behalten. Kleine Mengen werden von der Automatikpumpe zum Glück schnell abgesaugt.

Zum Frühstück gibt es heute aufgebackene Sonntagsbrötchen, und wir genießen sie. Angetrieben nur von unserem Vorsegel steuern wir weiter auf das nächste Flautengebiet zu. Es zieht sich sehr im Moment … wir schaffen nur kleine Etmale.

22. Etmal 82 Seemeilen

17.06.2023 – 12:00 Uhr UTC

23. Seetag

Etmal: 82 sm (Flaute)

Gesamtsumme: 2843 sm


Wind aus S

Segelstellung: Großsegel 2. Reff, Genua 60%

Speed über Grund: 6 kn

Flautentag!
Mit gerefften Segeln treiben wir im Atlantik in einem Flautengebiet. Erst am späten Nachmittag setzt langsam wieder etwas Wind ein (8 Knoten), und wir setzen die Segel. Wie in Zeitlupe bewegt sich das Schiff Richtung Nordosten. Langsam nehmen wir wieder etwas Fahrt auf, und so geht es in die Nacht. Im Durchschnitt macht die KAMI jetzt 7 Knoten. Am Morgen nehmen dann auch die Wellen wieder zu, und wir segeln am Rand eines kleinen Tiefdruckgebiets entlang.

Flautentage werden zum ausgiebigen Baden im Ozean genutzt.

So wird es erst einmal weitergehen, bis wir am Montagmorgen vermutlich im nächsten Flautengebiet feststecken. Wir versuchen, uns von Tag zu Tag weiter nach Norden vorzuarbeiten, um schließlich die Spitze Schottlands zu erreichen. Im Moment ist es sehr mühsam! Auch die Sonne bekommen wir kaum zu sehen. Es ist wolkig, bedeckt und regnet seit heute früh fast ununterbrochen. Momentan fegen erneut kräftige Windböen über uns hinweg. Die Wellenberge tragen weiße Schaumkronen, und das Seewasser spritzt aus allen Richtungen aufs Vorschiff. Der Wind pfeift durch die Türritzen.

Gemütlich!

5. Etmal 97 Seemeilen

25.05.2023 – 12:00 Uhr Ortszeit – 16:00 UTC
6. Seetag

Etmal: 97 sm

Gesamtsumme: 508 sm

ENDLICH Wind aus SW zwischen 8 und 12 Knoten

Segelstellung – Großsegel voll – Genua voll – Raumwindkurs 110°

Speed über Grund: gerade um die 7,2 kn

Wir befinden uns in völliger Flaute, kein Lüftchen ist zu spüren. Wir nutzen die Gelegenheit, springen ins fantastische 5.000 Meter tiefe blaue Wasser und kühlen uns etwas ab. Danach bauen wir eine Angel zusammen und machen das Schiff klar.

Baden mitten auf dem Atlantik – dieses tiefblaue Wasser ist einfach phänomenal.

Der Flautentag neigt sich dem Ende zu, und am späten Nachmittag setzt leichter Wind mit 4 bis 5 Knoten ein. Wir setzen die Segel und steuern noch den alten Ostkurs weiter, da die Winddrehung auf Südost noch auf sich warten lässt. Langsam kehrt der Wind zurück, und es geht in die Nacht.

In den späten Nachtstunden müssen wir zwei Tankern ausweichen. Einen davon funken wir an; es antwortet eine Dame auf Englisch und bittet uns, sie zuerst passieren zu lassen. Das machen wir natürlich und fahren eine Ausweichwende.

In weiter Ferne blitzen neben uns Gewitterzellen und erhellen den Nachthimmel. Das Gewittergebiet begleitet uns bis in die frühen Morgenstunden, kommt uns aber nicht zu nah. Nachts sehen wir in unserem Kielwasser „Meeresleuchten“ – mikroskopisch kleine Algen, die umso stärker glühen, je mehr die Wellen sich brechen (Biolumineszenz). Das sieht toll aus, aber wir bekommen es leider nicht auf ein Foto. Es ist einfach zu dunkel.

Gegen 4 Uhr kommt endlich der erwartete SW-Wind, und wir können unseren Kurs nach Nordost absetzen. Gerade jagt uns wieder eine Gewitterzelle vor sich her, in Böen bis zu 28 Knoten. Wir reffen vorsichtshalber die Segel etwas ein.

Wassermassen ergießen sich aufs Deck. Achtern wird es wieder heller, und wir warten, bis der Regen aufhört …

4. Etmal 83 Seemeilen

24.05.2023 – 12:10 Uhr Ortszeit – 16:10 UTC
5. Seetag – FLAUTENTAG

Etmal: 83 sm

Gesamtsumme: 412 sm

Wind aus O zwischen 1 und 2 Knoten (derzeitig)

Segelstellung – Großsegel 1. Reff – Genua voll – Amwindkurs 59°

Speed über Grund: gerade um die 5 kn

Der gestrige Tag war bis zum späten Nachmittag entspannt und sonnig. Die Wellen hatten sich beruhigt, und wir konnten beide etwas Schlaf nachholen. Gegen 17 Uhr fiel der ohnehin kaum vorhandene Wind plötzlich auf „0“ ab.

Wieder Systemalarm!

Das Schiff stand wie angenagelt, die Segel fielen ein und flatterten leicht im Wind. Auf der Backbordseite zog schnell eine Squall (Regen- und Gewitterzelle) heran – das war wohl die Ruhe vor dem Sturm. Wir starteten das Radar und verfolgten, wie das Gebiet rasch näherkam. Was war jetzt zu tun? Wir bargen die Segel, warfen die Backbordmaschine an, kuppelten ein und setzten unseren Kurs mit 3 Knoten Richtung Osten fort. Wir holten Handtücher und andere Sachen von draußen herein und bereiteten uns auf den erwarteten starken Regenguss vor, der sich tatsächlich 15 Minuten später über uns ergoss. Ganze zwei Stunden prasselte der Regen aufs Schiff, und trotz Bimini-Verdeck war rings um den Steuerstand alles nass. So schnell wie die Regenzelle kam, verschwand sie auch wieder, und wir konnten noch einen halben Sundowner achter aus genießen. Wir stellten die Backbordmaschine ab und setzten die Besegelung für die Nacht.

Blick aus dem Salon zum Bug der KAMI

Kurz darauf ertönte erneut der Systemalarm – diesmal fiel die Elektronik des Autopiloten aus. Wir verstanden nicht, was gerade los war und warum sich diese Ausfälle seit gestern häuften. Wir setzten für den Autopiloten einen größeren Amwindkurs von 55° – so kamen wir ohne weitere Alarme durch die Nacht.

Die See war nachts etwas gnädiger zu uns, mit einem gemäßigten Wellenbild, sodass wir endlich längere Ruhephasen im Schiff hatten. Wir fanden beide Schlaf und träumten sehr intensiv. Während meiner Wache, gegen 3 Uhr, sah ich auf dem Kartenplotter zwei Tanker, die genau parallel zueinander auf uns zukamen. Der Abstand zu uns verringerte sich schnell, und ich scannte ständig den Plotter, um abzuschätzen, ob wir uns tatsächlich begegnen würden. Der erste Tanker zog im Abstand von 18 Seemeilen achtern an uns vorbei, der zweite folgte ihm und ich maß auf dem Plotter einen Abstand von nur 2,3 Seemeilen. Ich stürzte ins Cockpit, nahm das Fernglas mit und hielt Ausschau. Ah, da war er – ich verfolgte ihn noch eine Weile mit meinen Blicken und kehrte dann in den Salon zurück. Auf dem Plotter verfolgte ich die beiden Tanker weiter und merkte, wie mir langsam die Augen zufielen.

Oh ha … Kurz vor Sonnenaufgang kam Karsten nach oben, und ich ging sofort in meine Koje. Innerhalb von fünf Minuten fiel ich in einen tiefen Schlaf.

Der Autopilot bzw. die Steueranlage macht seit zwei Tagen laute quietschende Geräusche. Nach unserem morgendlichen Kaffee beschlossen wir, gut eingepickt (mit Weste und Lifeline gesichert) die Maschinenräume zu öffnen und dem Geräusch auf den Grund zu gehen. Zuerst vermuteten wir die Umlenkrollen der Lenkungszüge als Ursache, doch nach längerem Suchen unter Taschenlampenlicht entdeckten wir Schleifspuren auf der oberen Seite der Lenkstange (die beide Ruderblätter verbindet), die an dem darüberliegenden Aluminium-Kasten reibt. Mit WD40 bewaffnet, setzten wir einige beherzte Sprühstöße ab, bis das Quietschen leiser wurde und fast verschwand. Das muss in Rostock unbedingt näher untersucht und repariert werden – kommt also mit auf die ohnehin schon lange To-do-Liste.

Jetzt stecken wir in einer Flaute! Nur noch 3 Knoten Wind – das Schiff macht keine Fahrt mehr. Windy hatte uns das Flautengebiet vorhergesagt. Über Tage hinweg zu motoren, wollen wir am Anfang der Reise auf keinen Fall – wir wollen Diesel sparen. Wer weiß, welche Überraschungen uns das Schiff im weiteren Verlauf der Reise noch bietet. Wir sind daher vorsichtig und defensiv. Da sich die Sonne derzeit kaum zeigt, werden wir wohl heute Nachmittag den Generator anwerfen müssen, um die Batterien für die Nacht zu füllen. Es ist kaum zu glauben, dass auf solch einem Schiff das Energiekonzept nicht aufgeht. Die vorhandenen Bordstrombatterien sind ein Witz, wenn man nicht einmal richtig durch die Nacht kommt. Hier besteht definitiv Optimierungsbedarf – auch das kommt auf die To-do-Liste.

Morgen (Donnerstag) sollen am späten Nachmittag die so sehr erwarteten Südwinde kommen. Bis dahin dümpeln wir hier im Nirgendwo und stehen praktisch still. Wir überlegen, heute Abend den Außengrill (Gasgrill) anzuschmeißen, aber im Moment haben wir beide keinen großen Appetit. Vielleicht schlägt uns das Abenteuer doch etwas auf den Magen. Apropos: Karsten, unser Chef-Smutje, ging gestern Abend die Getränkevorräte durch. Coca-Cola neigt sich schon dem Ende zu, Tonic ist aufgebraucht, Sprudelwasser haben wir noch ein wenig. Da haben wir uns wohl mächtig verkalkuliert. Heißt jetzt also: mehr Wasser aus dem Wassermacher und Tee trinken.

Ach, so ein „Luxusurlaub“ auf einer Yacht ist schon was Feines! lach

Was steht heute noch auf dem Programm? Vielleicht probieren wir uns heute mal mit den Angeln. Drohnenaufnahmen unter Wolken sind nicht so toll, also warten wir ab, ob die Sonne noch rauskommt, damit wir hier noch ein paar schöne Aufnahmen machen können.

Und sonst? Schlafen, ausruhen und an unsere Lieben zu Hause denken.