KAMI bleibt zurück – wir gehen auf Entdeckungstour

Wir sind jetzt schon eineinhalb Monate am Rio Dulce und es wird Zeit für uns, mal ein wenig auszubrechen und das Land – zumindest einen Teil davon – zu erkunden. Guatemala ist mit seinen 109.021 Quadratkilometern so riesig, dass man sich im Vorfeld natürlich Gedanken machen muss, was man vom Land überhaupt sehen möchte. Und da wir ja mit Piper unterwegs sind, sind Dschungel- oder Vulkantouren über mehrere Tage für uns nicht möglich.

Also haben wir Erfahrungsberichte gelesen und uns für eine Tour nach Guatemala City entschieden, um mal wieder ein wenig shoppen zu gehen, denn gefühlt tragen wir seit einem Jahr dieselben Klamotten … grins. Danach soll es weiter nach Antigua und von dort aus zum Atitlánsee gehen. Für Guatemala City haben wir eine Woche eingeplant, da hier noch ein Tierarztbesuch mit Piper ansteht, für Antigua ebenfalls eine Woche und anschließend drei Nächte am Atitlánsee. Was sich im Laufe der Reise an Land als eher suboptimale Planung herausstellen sollte. Aber dazu später mehr.

Wir haben uns bei Taxi Richard hier am Rio Dulce ein Auto für einen Monat gemietet. Der Preis ist mit 450 Quetzales, umgerechnet 51,50 €, pro Tag wirklich nicht günstig. Die Alternative wäre gewesen, in Guatemala City am Flughafen einen Mietwagen zu nehmen. Dieser hätte uns nur 241 Quetzales, also etwa 27,60 €, pro Tag gekostet. Das Problem dabei: Wir müssen erst einmal nach Guatemala City kommen. Die örtlichen Busse vom Rio Dulce nach Guatemala City nehmen keine Tiere mit. Mit Piper fällt diese Möglichkeit also direkt aus. Es bliebe nur ein Taxi – und dafür hätten wir knapp 300 € pro Strecke bezahlt, hin und zurück also ungefähr 600 €. Unterm Strich wäre die Variante mit Mietwagen ab Guatemala City zwar etwa 119 € günstiger gewesen, aber mit Piper und unserem Gepäck für drei Wochen wesentlich umständlicher. Also entscheiden wir uns für die komfortablere Variante und nehmen den Mietwagen direkt hier vor Ort.

Am 01.07. übernehmen wir um 8 Uhr unseren Toyota RAV4 in einem Restaurant (Cafe Brunos) am Rio Dulce. Mit Richard klappt alles super. Am Nachmittag fangen wir an, das Auto mit sämtlichen Utensilien zu beladen: Reisetaschen, Sitz für Piper und ein bisschen Proviant für die Fahrt.

Da wir für unser Dinghy ein neues Cover machen lassen wollen und mit Hugo, dem ansässigen „Dinghy Doctor“, bereits Farbe und Preis verhandelt haben, kommt Mike auf die Idee, das direkt miteinander zu verbinden. Am Morgen des 02.07. bringen wir unser Dinghy zu Hugo. Der Mietwagen steht gleich im Restaurant nebenan und wenn wir von unserer Tour zurückkommen, holen wir unser Dinghy einfach mit seinem neuen Cover wieder ab. So sparen wir uns das Wassertaxi und müssen auch während der Woche, in der Hugo unser Cover anfertigt, nicht mit seiner Lancha fahren. Zumindest ist das der Plan.

Gesagt, getan. Wir verlassen am 02.07. unsere KAMI, machen alles dicht, bringen das Dinghy zu Hugo und dann kann unser kleines Guatemala-Abenteuer beginnen.

Guatemala City – drei Fahrspuren, vier Autos und wir mittendrin

Die Fahrt nach Guatemala City läuft wirklich erstaunlich gut. Wir haben kaum Stau und benötigen für die rund 200 Kilometer etwa sechs Stunden. Zwischendurch legen wir noch einen Stopp in einem kleinen Café ein und dann geht es hinein ins Großstadtgewimmel.

Und Großstadtgewimmel trifft es wirklich. Der Verkehr erinnert uns ein bisschen an Paris: drei Fahrspuren und irgendwie fahren trotzdem vier Autos nebeneinander. Überall schießen Motorräder zwischen den Fahrzeugen hindurch. Nach so langer Zeit auf dem Boot und in den ruhigen Buchten der Inseln ist das für uns erst einmal wieder ein kleiner Kulturschock. Mike gewöhnt sich allerdings erstaunlich schnell an den Verkehr und die teilweise abenteuerlichen Fahrweisen und passt sich den Gegebenheiten an. Ich würde am Steuer wahrscheinlich innerhalb der ersten zehn Minuten durchdrehen.

Gegen 14:30 Uhr erreichen wir das große Gebäude an der Avenida Las Américas, in dem wir unser erstes Airbnb gemietet haben. Alles ist bewacht und mit Security gesichert und Kathi muss erst einmal herausfinden, wie sie überhaupt in das Gebäude hineinkommt. Eine nette Dame an einem Empfangstresen öffnet ihr schließlich die Tür und fragt nach unseren Pässen. Danach bringt sie Kathi zu einem Bereich mit unzähligen Schlüsseltresoren. Mithilfe der Anweisungen in der Airbnb-App kann Kathi den richtigen Tresor öffnen und die Schlüsselkarte entnehmen.

Hier kommt man wirklich nur ins Gebäude, wenn sowohl das Fahrzeug als auch die Personen vorher angemeldet wurden. Auch Besucher müssen registriert werden, sonst erhalten sie keinen Zutritt. Für uns erst einmal ziemlich ungewöhnlich. Unser Apartment ist dafür wirklich schön – genauso wie auf den Fotos. Wir fühlen uns sofort wohl und freuen uns auf die erste Nacht in einem großen Bett und vor allem: ohne das Schaukeln der KAMI.

Direkt neben unserem Gebäude befindet sich ein kleines Einkaufszentrum mit Supermarkt und mehreren Restaurants. Sehr praktisch. Wir packen erst einmal ein paar Sachen aus und gehen anschließend mit Piper die Umgebung erkunden. Der Spaziergang dauert gefühlt eine Ewigkeit, da Piper an wirklich jeder Ecke stehen bleibt und schnüffelt. Wir glauben, dass auch sie es genießt, mal wieder ein bisschen Stadtleben zu erleben. Und die Temperaturen von rund 25 Grad sind für uns drei ebenfalls sehr angenehm. Kathi zieht sich direkt ihre Jeansjacke über, worüber Mike sich natürlich sofort lustig macht. Aber wenn man seit Wochen konstant 35 Grad gewohnt ist, fühlen sich zehn Grad weniger tatsächlich fast wie Winter an … grins.

Nach einer langen Gassirunde bringen wir Piper völlig erledigt zurück ins Apartment und gehen erst einmal einkaufen: Lebensmittel, Getränke und natürlich Kaffee. Abends machen wir es uns zu dritt auf der Couch gemütlich und schauen einen Film. Lange halten wir allerdings nicht durch. Der Tag war doch ganz schön anstrengend.

Die nächsten Tage verbringen wir mit regelrechten Marathonläufen durch zwei große Einkaufszentren – Piper natürlich immer mit dabei. Guatemala ist wirklich sehr hundefreundlich und sie ist in erstaunlich vielen Geschäften willkommen. Die erste Mall ist Oakland Place Guatemala mit rund 274.000 Quadratmetern und die zweite die Miraflores Mall mit etwa 62.000 Quadratmetern. Leider ist es bei solchen Einkaufszentren meistens so, dass man kaum landestypische Geschäfte findet. Stattdessen gibt es H&M, Bershka und viele andere Läden, die man bereits aus Europa kennt. Aber natürlich finden wir trotzdem die eine oder andere Sache und der Kofferraum wird immer voller … grins.

Kathi entdeckt in der Nähe unseres Airbnbs außerdem ein großes Tierfachgeschäft. Natürlich gehen wir nicht mit leeren Händen wieder heraus. Für Piper gibt es Leckerlis, eine neue Leine mit Geschirr und ein paar Spielsachen. In einem Käfig sitzt dort auch ein kleiner Havaneser – zumindest glauben wir, dass es einer ist. Er schaut so traurig aus, dass man ihn am liebsten sofort mitnehmen würde. Für 8.200 Quetzales, knapp 940 €, könnte man ihn kaufen. Für uns natürlich keine Option, denn unsere Reise ist mit einem Hund schon kompliziert genug. Trotzdem ist es wirklich traurig mit anzusehen.

Auch Pipers Tierarztbesuch steht noch an. Kathi hat bereits vom Rio Dulce aus mit der Ärztin über WhatsApp geschrieben und eine Zahnkontrolle sowie eine Zahnreinigung vereinbart. Da diese Untersuchung unter Vollnarkose erfolgt, muss natürlich alles genau geplant werden. Piper hatte in Deutschland bereits eine Wurzelresektion und Probleme mit ihrem linken Reißzahn. Deshalb möchten wir lieber noch einmal kontrollieren lassen, ob alles in Ordnung ist.

Die Ärztin empfängt uns wirklich sehr herzlich und auch die Mitarbeiterinnen in der Praxis sind unglaublich freundlich. Dadurch haben wir zumindest ein gutes Gefühl dabei, Piper dortzulassen. Trotzdem ist einem schon etwas mulmig. In einem fremden Land, dessen Sprache man nicht spricht, seinen Hund abzugeben und zu wissen, dass eine Vollnarkose gemacht wird, die natürlich immer gewisse Risiken mit sich bringt, fühlt sich einfach komisch an. Doch das Team der Anima Clinica Veterinaria gibt uns wirklich ein gutes Gefühl. Nach etwa vier Stunden können wir Piper wieder abholen und es geht ihr soweit gut. Sie ist natürlich noch etwas benommen, aber das lässt zum Glück schnell nach.

Wir besuchen während unserer Zeit in Guatemala City auch einige Restaurants – manche besser, manche eher durchschnittlich. Aber alles in allem kann man sagen, dass man in der City wirklich fast alles bekommt. Die Preise sind etwas höher als am Rio Dulce, aber das war uns vorher schon klar. Die Woche vergeht wie im Flug und unsere Schrittzähler spielen inzwischen völlig verrückt. So viel sind wir schon lange nicht mehr gelaufen.

Antigua – wunderschön, bunt und ein Hotel nur für eine Nacht

Am 09.07. machen wir uns auf den Weg in das etwa zwei Stunden entfernte Antigua und freuen uns wieder auf eine etwas ruhigere Umgebung. Schon die Fahrt dorthin durch die vielen Serpentinen ist spektakulär. Landschaftlich ist Guatemala wirklich wunderschön – wenn man über den ganzen Müll am Straßenrand hinwegsehen kann.

Antigua Guatemala gehört definitiv zu den Städten, die man in Guatemala gesehen haben sollte. Die Stadt liegt auf rund 1.500 Metern Höhe, ungefähr 40 Kilometer von Guatemala-Stadt entfernt, und ist von den Vulkanen Agua, Fuego und Acatenango umgeben. Antigua war früher die Hauptstadt der spanischen Kolonie in Guatemala. Nach schweren Erdbeben im Jahr 1773 wurde die Hauptstadt in das heutige Guatemala-Stadt verlegt. Viele Kirchen, Klöster und Gebäude blieben als Ruinen erhalten – und genau das macht heute einen großen Teil des besonderen Charmes der Stadt aus. Seit 1979 gehört Antigua zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Die Innenstadt ist wunderschön: Kopfsteinpflaster, farbenfrohe Kolonialhäuser, kleine Innenhöfe, alte Kirchen und Klosterruinen. Dazu kommen unglaublich viele hübsche Cafés, Restaurants, kleine Boutiquen, Kunsthandwerksläden und Rooftop-Bars. Fast alles lässt sich zu Fuß erkunden.

Wir suchen unser kleines Hotel, in dem wir ebenfalls über Airbnb ein Zimmer gemietet haben. Das Casa Donya ist ein kleines, charmantes Boutique-Hotel mitten im historischen Zentrum von Antigua. Besonders schön ist der grüne Garten mit eigenem Café, in dem morgens auch das Frühstück serviert wird. Zum Hotel gehört außerdem ein kleiner Recovery-Spa-Bereich mit Cold Plunge und traditionellem Temazcal. Bei einer Übernachtung sind Frühstück und eine einstündige Spa-Session bereits inklusive.

Als wir ankommen, sind wir wirklich begeistert von dem schönen Garten und dem kleinen Café. Alles ist liebevoll dekoriert und wir setzen uns erst einmal hin, um etwas zu trinken. Danach geht es zum Check-in. Wir bekommen eine kurze Einführung und ein junger Mann begleitet uns zu unserem Zimmer.

Wir gehen auf ein Gebäude zu, vor dessen Eingang ein Fernseher hängt. Zwei Mitarbeiter sitzen davor und schauen Fußball. Im Eingangsbereich befindet sich auf der einen Seite eine Couch mit einem kleinen Bücherregal und auf der anderen Seite eine Art Lagerbereich mit Kartons, Stühlen und Gartenbedarf. Hmm … nicht besonders einladend.

Dann betreten wir unser Zimmer und sind sprachlos. Leider nicht vor Begeisterung. Ein kahler Raum mit einem Bett und einem erhöhten, tresenartigen Tisch mit einem Hocker. Kein Schrank, und keine vernünftige Sitzgelegenheit. Auch Dusche und Toilette wirken leider genauso lieblos. Zum Glück haben wir unser Gepäck noch im Auto gelassen.

Also beschließen wir erst einmal, in die Stadt zu gehen und etwas zu essen. Im veganen Restaurant, das wir uns aussuchen, wird Piper direkt von zwei größeren Hunden angegangen. Mike stellt sich schützend vor sie – unser großer Wachhund Piper … grins. Die Besitzerin kommt sofort angerannt, nimmt die beiden Hunde weg und sperrt sie in ihr Büro. Erster Schreck verdaut. Nichts passiert, allen geht es gut.

Und dann sitzen wir auch noch in einem veganen Restaurant. Wer Mike kennt, weiß, dass wir damit eigentlich schon komplett falsch abgebogen sind. Aber auf der Karte entdecken wir Tortellini mit Spinat und Rucola und Kathi kann Mike überzeugen. Schließlich haben wir seit dem Frühstück nichts mehr gegessen. Und tatsächlich: Es ist richtig lecker.

Während wir essen, schaut Mike Kathi an und sagt: „Da können wir nicht bleiben.“

Kathi schaut ihn an: „Wo?“

„Na, in dem Hotel. Für eine Nacht okay. Aber doch nicht für eine Woche.“

Und er hat recht. Wir arbeiten auch unterwegs und brauchen zumindest eine halbwegs vernünftige Möglichkeit, am Laptop zu sitzen, ohne danach einen Bandscheibenvorfall zu haben. Kathi stimmt zu: „Ja, das Zimmer ist wirklich ungemütlich.“

Also suchen wir kurzerhand auf Airbnb eine neue Unterkunft. Diesmal kein Hotel, sondern wieder ein Apartment mit Küche und Wohnzimmer. Mit Hund und Arbeit für uns einfach praktischer. Wir buchen direkt und fahren los. Das Apartment ist niedlich und hat genau das, was wir brauchen. Kathi kann das andere Zimmer zum Glück noch stornieren und bekommt immerhin ein Viertel des Preises zurück. Als wir am Abend den Schlüssel zurückgeben, schaut uns der Portier etwas fragend an. Kathi erklärt ihm, dass das Zimmer für uns einfach nicht passt.

Unser neues Apartment haben wir bis zum 16.07. gemietet. Es liegt nah am Stadtzentrum – wobei Antigua ohnehin nicht besonders groß ist.

Am nächsten Tag erkunden wir die Stadt und Kathi rennt natürlich in so ziemlich jedes Geschäft, das sie finden kann. Handgemachte Figuren, Schmuck, Kleidung, Deko – genau das wollte sie sehen.

Es gibt außerdem unzählige Restaurants. In einem entdecken wir sogar Mikes Lieblingsessen: Steak Tatar. Dort landen wir dann natürlich gleich mehrmals. Viele schöne Cafés, bunte Gassen, wunderschöne Kirchen und Torbögen – Antigua ist wirklich ein malerisches kleines Städtchen.

Durch die Temperaturunterschiede erwischt Kathi leider eine Erkältung und sie verbringt zwei Tage mehr oder weniger im Bett. Zum Glück ist sie zu unserer geplanten Quad-Tour wieder einigermaßen fit. Wir fahren in einer kleinen Gruppe mit dem Quad zunächst zu einem Aussichtspunkt, von dem aus man über die gesamte Stadt schauen kann. Danach geht es auf eine Kaffeeplantage. Unser Guide erklärt uns dort, wie der Kaffee angebaut und verarbeitet wird. Wirklich interessant.

Er erzählt uns auch, dass es früher in Guatemala kaum Milch gab und viele Guatemalteken Milch bzw. Laktose nicht gut vertragen. Wir hatten uns schon am Rio Dulce immer gewundert, warum wir so häufig gefragt werden, ob wir normale oder laktosefreie Milch möchten. Jetzt wissen wir es. Der Ausflug ist wirklich schön und unser Guide sehr nett.

Ansonsten erkunden wir Antigua größtenteils zu Fuß. Unter anderem besuchen wir die Ermita de San Jerónimo, eine wunderschöne kleine Ruinenanlage mit grünen Gärten, alten Mauern und einem Brunnen. Dadurch wirkt sie fast wie ein kleiner Park mitten in Antigua. Ursprünglich sollte hier tatsächlich eine Schule bzw. ein Studienhaus entstehen. Die Mercedarier begannen 1739 mit dem Colegio de San Jerónimo, das 1757 fertiggestellt wurde. Da jedoch die notwendige königliche Genehmigung fehlte, durfte das Kolleg nicht dauerhaft als solches betrieben werden. Ab 1765 wurde die Anlage unter anderem als königliches Zollhaus, die Real Aduana, genutzt. Beim großen Erdbeben von 1773 wurde sie stark zerstört. Heute sind noch Teile des ursprünglichen Klosters bzw. Kollegs, die Kapelle und der zentrale Brunnen erhalten. Gerade die Kombination aus Ruinen, Blumen, Rasenflächen und Vulkanblick macht den Ort zu einem wunderschönen und ruhigen Zwischenstopp.

Auch der Parque Central gehört natürlich dazu. Er ist das lebendige Herz von Antigua Guatemala. Umgeben von farbenfrohen Kolonialgebäuden, der Kathedrale und dem historischen Rathaus lädt der grüne Platz mit seinen schattigen Bäumen und Bänken zum Verweilen und Beobachten des bunten Treibens ein. In der Mitte steht die berühmte Fuente de las Sirenas, der Meerjungfrauenbrunnen aus dem 18. Jahrhundert. Ein schöner Ort, um kurz zur Ruhe zu kommen und die besondere Atmosphäre Antiguas auf sich wirken zu lassen. Rund um den Platz stehen viele Einheimische mit kleinen Ständen und bieten ihre Handwerkskunst an.

Die Kirche Iglesia Santo Hermano Pedro de San José de Betancur gehört zum Santuario de San Francisco el Grande und ist eng mit dem Heiligen Pedro de San José de Betancur, dem „Hermano Pedro“, verbunden. Er widmete sein Leben in Antigua besonders den Armen und Kranken und gilt als eine der bedeutendsten religiösen Persönlichkeiten Guatemalas. Seine Grabstätte befindet sich hier und macht die Kirche bis heute zu einem wichtigen Wallfahrtsort.

Wir erreichen die Kirche eher zufällig während eines Gottesdienstes. Die wunderschöne Musik und besonders das Gebet des Pfarrers zu Beginn – welches sich für uns einfach nur wunderschön anhört, weil wir Spanisch leider nicht verstehen – sorgen für einen ganz besonderen und unerwartet berührenden Moment.

Die Zeit in Antigua war wirklich schön. Im Nachhinein hätten wir hier allerdings keine ganze Woche eingeplant, sondern eher zwei bis drei Tage. Denn in dieser Zeit kann man wirklich sehr viel sehen und die Stadt ist doch ziemlich touristisch.

Atitlánsee – Baustelle, Erdbeben, Skorpion … und dann doch noch verliebt

Am 16.07. machen wir uns auf den Weg zum Atitlánsee. Die Fahrt dauert ebenfalls ungefähr zwei Stunden. Wir freuen uns auf unsere Blockhütte direkt am See – inklusive Whirlpool auf der Terrasse. Da Mike sich inzwischen bei Kathi angesteckt hat und jetzt auch eine fette Erkältung hat, freuen wir uns besonders auf ein paar ruhige und entspannte Tage. Hier haben wir nur drei Nächte gebucht.

Die Straße zur Unterkunft lässt Mikes Laune allerdings schon deutlich sinken. Straße ist eigentlich ein sehr großzügiger Begriff. Ein Schotterweg führt uns mit gefühlten 30 Grad Steigung den Berg hinauf. Oben angekommen sehen wir ein kleines Häuschen, daneben unsere Hütte und weiter unten … Baustellen. Eine nach der anderen. Na gut. Vielleicht wird es ja trotzdem schön. Spoiler: wird es nicht.

Wir schauen in die Hütte und sehen zunächst die Küche und einen Teil des Wohnzimmers. Check-in ist erst ab 15 Uhr und wir sind schon gegen 14 Uhr dort. Da wir hier wirklich mitten im Nirgendwo sind, beschließen wir, noch einmal in den nächsten Ort zu fahren und einzukaufen. Kathi überlegt, was wir in den nächsten Tagen essen wollen, macht eine Liste und kommt mit einem komplett gefüllten Einkaufswagen aus dem Supermarkt. Getränke, Essen und natürlich Pistazien.

Zurück an der Hütte schleppen wir alles hinein und lassen uns erschöpft auf die Couch fallen. In diesem Moment steht Mike wieder auf: „Was ist denn das hier?“ Direkt vor unserer Terrasse befindet sich eine frisch gegossene Bodenplatte. Oh nein. Ernsthaft? Damit ist der schöne Blick schon einmal deutlich eingeschränkt.

Aber es kommt noch besser. Kathi macht wie immer ein Video von der Unterkunft für Freunde und Familie. Dabei fällt uns nach und nach auf, wie schmutzig das Apartment tatsächlich ist. Hinter dem Kühlschrank steht eine volle Mülltüte, der Glastisch im Wohnzimmer ist völlig verdreckt und die Ablageflächen im Bad ebenfalls. Eigentlich ist die gesamte Unterkunft so schmuddelig, dass wir am liebsten direkt wieder losfahren würden.

Und dann kommt der Höhepunkt. Wir sitzen mit einem Glas Wein auf der Couch und versuchen erst einmal, das Ganze zu verdauen. Plötzlich steht ein Bauarbeiter direkt vor unserer Terrasse. Er wässert mit einem Gartenschlauch den frisch gegossenen Beton, winkt freundlich und setzt sich anschließend auf eine Holzbohle – direkt vor unser Fenster.

Man muss dazu sagen, dass die Hütte aus zwei offenen Ebenen besteht. Zur Seeseite gibt es keine Vorhänge. Sprich: Die Bauarbeiter können uns am nächsten Morgen gemütlich ins Bett zuwinken. Super. Genau so hatten wir uns die romantische Unterkunft am See vorgestellt.

Wir haben in Antigua bereits Geld durch das stornierte Hotel verloren, aber Kathi sagt trotzdem sofort: „Auf keinen Fall bleibe ich hier.“ Wir beschließen, eine Nacht dort zu bleiben. Wir benutzen weder Handtücher noch Bademäntel und Kathi kontaktiert sofort den Airbnb-Support. Unser Ziel: die kompletten Kosten für die beiden übrigen Nächte zurückzubekommen.

Am nächsten Morgen sitzen wir beim Kaffee. Mike arbeitet am Laptop und Kathi schreibt mit Airbnb. Plötzlich fängt alles an zu wackeln. Mike springt auf und Kathi bleibt erst einmal wie angewurzelt auf der Couch sitzen. Die Baustelle? Nein.

Am 17. Juli 2026 bebte plötzlich die Erde. Vor der Küste des südlichen Mexikos, nahe der Grenze zu Guatemala, ereignete sich ein starkes Erdbeben der Stärke 7,3. Das Beben war auch in weiten Teilen Guatemalas deutlich zu spüren und löste kurzzeitig sogar eine Tsunamiwarnung für die Pazifikküste aus. Zum Glück wurden trotz der enormen Stärke keine größeren Schäden oder Todesopfer gemeldet. Zahlreiche Nachbeben folgten. Ein ziemlich eindrucksvoller Moment, der uns wieder einmal zeigt, wie aktiv die Erde in dieser Region ist. Wahnsinn. Wir können es kaum glauben.

Kathi rappelt sich auf und bringt die Hütte wieder in den Zustand, in dem wir sie vorgefunden haben. Sie macht das Bett, räumt die Decken von der Couch und packt sämtliche Lebensmittel wieder ein, die wir erst einen Tag zuvor mühsam hineingeschleppt haben. Alles wieder raus.

In diesem Moment macht Piper plötzlich einen Riesensatz. Kathi sieht einen Skorpion quer durch den Eingangsbereich laufen. Na wunderbar. Jetzt fehlt eigentlich nur noch, dass der Vulkan ausbricht.

Mike googelt sofort, was bei Hunden passieren kann, wenn sie von einem Skorpion gestochen werden. Die Tiere sind überwiegend nachtaktiv und verstecken sich tagsüber gerne in Schuhen, Kleidung oder Betten. Kathi untersucht Piper gründlich, kann aber keine Einstichstelle entdecken. Wir beschließen, sie den restlichen Tag genau zu beobachten.

Zum Glück haben wir bereits am Vorabend eine andere, hoffentlich schönere Airbnb-Unterkunft gefunden und einen frühen Check-in vereinbart. Also geht es wieder mit Sack und Pack los – natürlich über die hervorragenden guatemaltekischen Straßen. Mike kämpft immer noch mit seiner Erkältung, was die ganze Aktion nicht gerade angenehmer macht. Kathi hat die Taschen inzwischen so umgepackt, dass wir wenigstens nicht wieder das komplette Auto ausräumen müssen.

Wir kommen an einem großen grünen Tor an. Kathi öffnet den Schlüsselkasten, nimmt den Schlüssel heraus und öffnet damit das Tor. Mike fährt hinein. Vor uns liegt eine kleine Wohnanlage mit mehreren Bungalows und schon der erste Eindruck ist komplett anders. Blumenreich angelegte Wege führen zu unserem Häuschen. Innen ist alles liebevoll in Blau- und Weißtönen maritim eingerichtet. Von der Terrasse haben wir einen wunderschönen Blick auf den Atitlánsee. Und dann hängt dort auch noch eine Hängematte. Kathi ist verliebt.

Wahnsinn.

Und als wäre das nicht schon genug, bestätigt uns die Mitarbeiterin vom Airbnb-Kundenservice auch noch, dass wir die beiden Nächte in der ersten Unterkunft komplett erstattet bekommen. Sehr schön!

Wir sind so begeistert von unserer neuen Unterkunft, dass wir spontan beschließen, nicht nur zwei Nächte, sondern gleich eine ganze Woche zu bleiben. So hat Mike genug Zeit, sich auszukurieren. Schließlich wartet hier auch noch unser gebuchter Paragliding-Flug auf uns, auf den wir uns schon den ganzen Trip freuen.

Also tragen wir wieder alles in die Wohnung, räumen aus und danach folgt erst einmal ein dreistündiges Nickerchen in der Hängematte. Traumhaft.

Da wir ohnehin genug eingekauft haben, beschließen wir, die nächsten Abende einfach im Apartment zu kochen. Wir genießen die Ruhe und den wunderschönen Blick auf den See. Am nächsten Tag machen wir ganz entspannt: ein bisschen chillen, ein bisschen arbeiten und ein bisschen nichts tun. Kathi geht mit Piper an den See, denn die Anlage hat einen eigenen Zugang zum Wasser. Piper tobt ein wenig am Ufer und wir genießen die Sonne.

Am nächsten Tag fahren wir mit dem Tuk-Tuk in die nächstgelegene Stadt Panajachel. Panajachel, von den Einheimischen liebevoll „Pana“ genannt, liegt direkt am wunderschönen Lago de Atitlán und gilt als das Tor zum See. Der Ort ist lebendig und bunt, mit kleinen Restaurants und Cafés, unzähligen Ständen mit traditionellem Maya-Kunsthandwerk und der bekannten Calle Santander.

Das eigentliche Highlight ist aber die traumhafte Kulisse. Der Atitlánsee liegt eingebettet zwischen Bergen und den mächtigen Vulkanen Atitlán, Tolimán und San Pedro. Vom Ufer aus hat man einen fantastischen Blick über den See und mit den kleinen Lanchas kann man von Panajachel aus die verschiedenen Maya-Dörfer rund um den See erkunden. Ein wunderschöner Ort, an dem beeindruckende Natur, Maya-Kultur und das quirlige Leben Guatemalas aufeinandertreffen.

Das beste Fortbewegungsmittel hier ist definitiv das Tuk-Tuk. Die kleinen Dinger fahren überall durch die Stadt wie Ameisen durch ihren Bau. Und wenn man am Straßenrand steht, hält fast immer eines an. Wir fahren ungefähr zehn Minuten bis zur Calle Santander und zahlen dafür 35 Quetzales, umgerechnet etwa 4 €. Perfekt. Keine Parkplatzsuche, kein Stress im engen Verkehr und kein Kampf mit schmalen Straßen.

Wir laufen die Calle Santander entlang und Kathi ist völlig überwältigt. Alles ist bunt und überall gibt es wunderschöne Sachen. Mike bekommt der Ausflug allerdings gesundheitlich noch nicht besonders gut. Also beschließen wir, noch etwas zu essen und anschließend wieder zurück zur Unterkunft zu fahren.

Auf dem Weg zum Restaurant entdeckt Kathi eine Hängematte, die genauso aussieht wie die in unserer Unterkunft, und zieht Mike natürlich direkt in den Laden. Der Händler hat unglaublich viele wunderschöne Sachen. Alles handgemacht – echte Handwerkskunst. Wir kaufen die Hängematte und Kathi ist überglücklich.

Doch dann entdeckt sie in dem Geschäft einen Traumfänger und der erobert sofort ihr Herz.

„Wie schön ist der denn bitte?“

Mike schaut ihn an: „Wir haben keinen Platz dafür.“

Womit er natürlich recht hat.

Aber er ist trotzdem soooo schön.

Wir verlassen den Laden erst einmal nur mit der Hängematte.

Am nächsten Tag fährt Kathi alleine in die Stadt. Eine ziemlich witzige Fahrt, denn ein Tuk-Tuk gehört natürlich nicht automatisch einem Fahrgast. Ist noch ein Platz frei, werden einfach weitere Leute eingesammelt. So lernt Kathi unterwegs eine sehr nette einheimische Dame kennen und macht noch schnell ein Foto, bevor diese aussteigt.

Der Einkaufsbummel wird begleitet von Nachrichten mit Kathis Tochter Lea und Ihrer Mutter sowie ihren Freundinnen Katha und Steffi.. Kathi schickt Videos und zeigt allen, wie herrlich es in Panajachel ist. Es ist immer wieder toll, mit der Heimat und den geliebten Menschen zu kommunizieren und zu hören, wie es ihnen geht.

Und natürlich schickt sie auch Fotos vom Traumfänger. Mike hatte am Abend vorher noch gesagt: „Na, wenn du ihn unbedingt haben möchtest, dann finden wir schon einen Platz.“ Damit war der Kauf eigentlich schon besiegelt … lach. Kathi ist sich nur noch nicht ganz sicher, wo dieser riesige Traumfänger auf der KAMI überhaupt hin soll.

Als sie schließlich wieder in dem Laden steht, geht der Künstler mit dem Preis auch noch 300 Quetzales herunter. Damit ist eigentlich alles entschieden. Kathi kann nicht mehr Nein sagen. Nach vier Stunden kommt sie mit mehreren Oberteilen, einer Hose, einem Armkettchen, einem Halskettchen und natürlich dem Traumfänger zurück zur Unterkunft. Überglücklich. Mike rollt nur mit den Augen … hihi.

Das Auto platzt inzwischen fast aus allen Nähten. Und spätestens am Rio Dulce müssen wir das ganze Zeug auch noch mit dem Dinghy zurück auf die KAMI bekommen. Hmmm … das Problem verschieben wir einfach auf später.

Wir verbringen noch ein paar wunderschöne Tage in Panajachel und am letzten Tag steht schließlich unser Paragliding-Flug mit Leo und Toto an. Wir treffen uns am Pier in Panajachel und fahren mit der Lancha nach San Marcos. Dort soll uns ein Jeep einsammeln und auf den Berg bringen.

Was wir nicht wissen: Ausgerechnet an diesem Tag gibt es eine Straßenparade und der Ort ist teilweise von der Polizei gesperrt. Also warten wir ungefähr 40 Minuten. Kathi stört das überhaupt nicht. Die Sonne scheint und viele süße Kids ziehen in Fußballkleidung durch die Straßen. Für unsere beiden Guides ist die Verzögerung natürlich weniger lustig, da wir nicht die einzigen Gäste sind, die an diesem Tag mit ihnen fliegen möchten.

Irgendwann kommt der Jeep. Es folgt eine ziemlich wilde Fahrt auf der Ladefläche und wenig später stehen wir etwa 600 Meter über dem See auf dem Berg. Kurze Einweisung, Schirme aufbauen und los geht’s.

Traumhaft!

Der See von oben, die Berge, die Vögel, die an uns vorbeiziehen, und diese unglaubliche Ruhe beim Paragliding – es ist wirklich schwer zu beschreiben. Nach ungefähr 25 Minuten landen wir an einem Strand und fahren mit dem Tuk-Tuk weiter zum nächsten Hafen. Unsere Guides haben dort schon die nächsten beiden Flugwilligen bestellt und machen sich direkt wieder auf den Weg nach oben. Für uns bleibt ein wahnsinnig schönes Erlebnis.

Am Abend wollen wir ein letztes Mal in der Stadt essen gehen und diesmal soll Piper mit. Also heißt es auch für sie: ab ins Tuk-Tuk. Na ja – ob Segelkatamaran, Dinghy, Auto oder Tuk-Tuk. Das schafft sie jetzt auch noch.

Und tatsächlich sitzt sie ganz brav hinten zwischen uns auf der Sitzbank. Begeisterung sieht zwar eindeutig anders aus, aber Piper ist immer gerne dabei, wenn wir unterwegs sind. Also muss sie da jetzt leider durch.

Was uns hier außerdem sofort auffällt: Rund um den Atitlánsee gibt es unglaublich viele Straßenhunde. Sie laufen frei durch die Straßen, liegen vor Geschäften, schlafen am Straßenrand oder begleiten einen einfach ein Stück. Mit Piper sorgen wir dagegen regelmäßig für erstaunte Blicke. Sie läuft ganz selbstverständlich mit uns an der Leine durch die Stadt und manchmal haben wir wirklich das Gefühl, dass die Leute eher Piper anschauen als uns. Wahrscheinlich denken sie: „Warum ist der Hund denn angeleint?“.

Am nächsten Tag, dem 22.07., machen wir uns wieder auf den Weg nach Guatemala City. Dort haben wir erneut das gleiche Airbnb gemietet und werden noch einmal zwei Nächte bleiben, bevor es endgültig zurück zum Rio Dulce und zu unserer KAMI geht.

Kathi hat bereits Anfang der Woche mit Hugo geschrieben, der unser Dinghy hat. Wir kündigen an, dass wir am Samstag gegen 15 Uhr wieder am Rio Dulce sein werden. Seine Antwort: „Kein Problem, ihr könnt dann direkt euer Dinghy abholen.“

Klar … das klingt ja fast zu einfach für Guatemala. Aber wir sind inzwischen schlauer und wissen: Ein Plan B schadet hier eigentlich nie … grins.

Am Samstag machen wir uns früh auf den Rückweg. Kathi schreibt Hugo, dass wir gegen 14 Uhr ankommen werden. Seine Antwort kommt prompt: Er hat den Geburtstag seines Sohnes vergessen und ist auf einer Familienfeier – und natürlich auch gar nicht in der Stadt.

Na wunderbar. Genau so hatten wir uns unsere Rückkehr vorgestellt. Das Auto bis unters Dach voll, Piper dabei und unser Dinghy irgendwo ohne uns. Und Piper findet Lancha fahren nach wie vor auch nicht gerade großartig.

Aber Hugo organisiert uns zum Glück einen Freund mit einer Lancha, der uns zur Monkey Bay Marina bringen soll. Und tatsächlich funktioniert alles. Am Rio Dulce angekommen, kommt kurze Zeit später sein Kumpel. Wir nehmen nur das Wichtigste aus dem Auto mit und lassen uns zurück nach Hause zu unserer KAMI bringen.

Zum Glück haben wir noch ein paar Konserven und genug zu trinken an Bord. Denn bis Montag, wenn wir unser Dinghy endlich bekommen, können wir nicht mal eben zum Einkaufen fahren.

Damit endet ein wirklich wahnsinnig aufregender Trip. Wenn wir vorher gewusst hätten, wie schön es am Atitlánsee ist, wären wir dort mindestens zwei Wochen geblieben und hätten noch viel mehr von den Städten und Dörfern rund um den See erkundet. Für uns definitiv einen Besuch wert.

Und zu guter Letzt müssen wir auch noch etwas sagen, was uns während der gesamten Reise aufgefallen ist: In Guatemala sieht man wirklich viele bewaffnete Männer. Vor Geschäften, Banken, Apotheken oder Wohnanlagen steht fast überall Security. Das wirkt für uns am Anfang schon etwas befremdlich.

Aber trotz all dieser sichtbaren Sicherheitsmaßnahmen hatten wir während unseres gesamten Trips keine einzige Situation, in der wir uns unwohl fühlten oder gar Angst hatten. Und vielleicht ist genau das auch eine der größten Überraschungen dieser Reise gewesen.

Mit vielen neuen Eindrücken, unvergesslichen Erlebnissen und jeder Menge schöner Erinnerungen geht es für uns zurück auf unsere KAMI.

Jetzt heißt es aber erst einmal wieder: Arbeiten statt Abenteuer. Am 03.08. kommt unsere KAMI aus dem Wasser und die nächsten Wochen stehen ganz im Zeichen von Wartung, Reparaturen und vielen kleinen und großen Projekten an Bord.

Langweilig wird uns also garantiert nicht. Im nächsten Blogbeitrag nehmen wir euch mit hinter die Kulissen unseres Bootsalltags und zeigen euch, was bei einem Werftaufenthalt alles auf dem Programm steht.

Bis dahin – bleibt neugierig und bis bald! ⚓😊

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Zwischenstop in Belize – Sapodilla Cayes Marine Reserve

Mit gutem Wind geht es für uns Richtung Mittelamerika. Entgegen unserer Planung kommen wir schon nach vier Tagen „drüben“ an. Nach ausgiebiger Internetrecherche entscheiden wir uns, noch ein paar Tage im Nationalpark Sapodilla Cayes in Belize zu ankern. Das offizielle Einklarieren ist hier wohl nicht zwingend notwendig; lediglich die Parkgebühren sollen bei den Rangern bezahlt werden. Wir werfen unseren Anker in der Nähe von Lime Caye, einer kleinen Insel mit einer Art Ferienanlage (Zelte und kleine Holzhäuschen).

Lime Caye ist eine abgelegene, unbewohnte Trauminsel im äußersten Süden von Belize. Sie liegt etwa 35 Seemeilen vor der Küste von Punta Gorda, gehört zum Sapodilla Cayes Marine Reserve und bietet perfekte Bedingungen für einen echten Robinson-Crusoe-Urlaub abseits des Massentourismus.

Das Manövrieren hier hat es in sich. Die Tiefenangaben auf unserem Plotter stimmen überhaupt nicht mit den tatsächlichen Gegebenheiten überein. Die digitale Seekarte zeigt 65 Meter – wir messen jedoch lediglich 13 Meter. So wird die Einfahrt in das Flachwassergebiet der Sapodilla Cayes zum Abenteuer. Es geht aber alles gut, und wir liegen bei vier Metern Wassertiefe sicher vor Anker. Am nächsten Tag düsen wir mit unserem Dinghy zur Nachbarinsel Hunting Caye. Dort befinden sich die Coast Guard sowie das Büro der Parkranger. Im Büro treffen wir einen sehr jungen Mann und zahlen brav 50 USD für die Genehmigung unseres einwöchigen Aufenthalts für zwei Personen.

Zurück an Bord packen wir unsere ABC-Tauchausrüstung ein, um die Riffe in der Gegend zu erkunden. Leider ist es gerade sehr windig und die See hat ordentlich Schwell, entsprechend ist die Sicht unter Wasser ziemlich eingeschränkt. Viel bekommen wir nicht zu sehen. Leider.
Auch in den Folgetagen werden die Tauchbedingungen nicht viel besser. So genießen wir den ungeplanten Zwischenstopp, dösen tagsüber im Schatten und gehen bei 34 Grad Wassertemperatur viel baden. Bald wird es mit dem „Blauwasser“ erst einmal vorbei sein, wenn wir in den Río Dulce fahren, um dort die Hurrikansaison zu verbringen.

Am vorletzten Tag unseres Belize-Stopps wird die See etwas ruhiger. Etwa eine Seemeile von unserem Boot entfernt beobachten wir ein kleines Ausflugsschiff, das Besucher mit Maske und Schnorchel ins Wasser lässt. Ob es dort wohl etwas zu sehen gibt? Nachdem das Boot wieder Anker auf gegangen ist, legen wir unsere Ausrüstung an und schnorcheln in Richtung der Stelle. Tatsächlich entdecken wir auf dem Weg einige große Kissenseesterne. Dann erreichen wir zwei größere Riffe: Kleine, bunte Fische schwärmen zwischen den Korallen, Diademseeigel sitzen zwischen den Steinkorallen, und ganz unten am Boden entdecken wir in den Ritzen zahlreiche Langusten, die dort Schutz suchen. Hinter dem letzten Riff sehen wir schließlich noch einen jungen Ammenhai auf dem Meeresgrund liegen. Was für ein toller Anblick! Wir tauchen auf und beschließen, zurück an Bord zu schwimmen, um die GoPro zu holen. Gesagt, getan – doch wie so oft ist der Ammenhai inzwischen verschwunden. Wir können ihn nicht mehr finden. Schade. Trotzdem haben wir eine Menge Spaß und freuen uns über unsere Entdeckungen.

Die Sonne geht langsam unter, und wir genießen einmal mehr einen fantastischen Sundowner. Der Grill wird angeworfen, und schon bald landen vier kleine Filetsteaks darauf. Für die geplante Weiterfahrt am nächsten Tag nach Guatemala ist alles vorbereitet. Das Dinghy ist vertäut, und der Wecker steht auf 5 Uhr. Wir wollen spätestens gegen Mittag in Livingston eintreffen. Dort erwartet uns unser Agent für die Einklarierungsformalitäten (Zoll, Immigration und Health kommen an Bord). Guatemala wird unser Hurricane Hole für sechs Monate.

Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen: Wir werden uns in dieses Land sprichwörtlich verlieben. Aber dazu später mehr. Bleibt gespannt …

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Grand Cayman eine Luxusinsel mit Tränen

Wir machen uns von Georgetown, Bahamas, auf den Weg nach Inagua, um auszuklarieren und von dort aus weiter auf die Cayman Islands zu segeln. Die Wetterprognose sieht gut aus, mit angesagtem NE-Wind … doch wir müssen schnell feststellen, dass die Vorhersage mal wieder nicht stimmt. Schon bei der Ausfahrt aus der Lagune kämpfen wir mit beiden Maschinen bei 2000 Umdrehungen gegen Wind, Welle und Strömung. Leider wird die Situation draußen auch nicht besser. Wir haben E-Wind – das heißt für uns Wind und Welle von vorn, was Segeln unmöglich macht. Also mal wieder Motoren.

Als wir den Comer Channel erreichen und unseren Kurs nach Süden korrigieren können, können wir endlich die Genua setzen und eine Maschine ausmachen. Der Comer Channel ist sehr flach, und Mike muss sehr konzentriert die Seekarte mit den Tiefenlinien beobachten, damit wir nicht ins zu flache Wasser geraten. Das ist wirklich sehr anstrengend. Die Fahrt durch den Channel dauert ca. 5 Stunden, und unser niedrigster Punkt laut Tiefenmesser war 1,40 m. Wir haben einen Tiefgang von 1,20 m – also entscheiden 20 cm darüber, ob wir auf Grund laufen oder nicht. Nervenaufreibend.

Wir ankern hier mitten im Channel bei einer Tiefe von 7 m. Die Nacht wird für die gesamte Crew sehr unruhig. Es ist windig sowie schwellig, und die KAMI bewegt sich an der Kette hin und her. Am nächsten Morgen machen wir uns auf zur südlichsten Spitze von Long Island. Hier war auch schon unser Stopp auf dem Weg zu den Exumas. Dort gibt es eine kleine, süße Bar und einen wunderschönen Strand, an dem wir mit Piper toben können.

Dort angekommen, schauen wir erst einmal nach den kommenden Wetterprognosen. Es soll flautig werden, kein Wind, kein Segeln. Wir beschließen, noch zwei Tage hierzubleiben und hoffen, dass sich das Wetter bis dahin für uns bessert.

Vor Anker versuchen wir mal wieder, unsere Solaranlage zu reparieren – zum gefühlten 20. Mal. Aber wir können noch lachen, denn wir wissen, dass wir nicht die Einzigen mit solchen Problemen sind. Mike telefoniert mit unserem Elektriker, wir messen alle Leitungen und wechseln einige Stecker. Hm, es zeigt sich keine Besserung … unsere Anzeige steht bei null. Okay, wir geben noch nicht auf, stellen das Projekt jedoch zurück, da wir uns auf den Weg zu den Acklins machen wollen.

Die Wetterprognosen sind nach wie vor nicht zu unseren Gunsten. Wir beschließen, die Acklins auszulassen und direkt nach Inagua zu segeln. Das sind ca. 150 Seemeilen, und wir werden dafür 1,5 Tage brauchen. Ein Tiefdruckgebiet kommt in den nächsten Tagen aus Miami, und wir hoffen, den Wind für die Überfahrt auf die Cayman Islands nutzen zu können.

Die Überfahrt nach Inagua war mal wieder geprägt von Motorengeräuschen. Wir können es bald schon nicht mehr hören. Und bei den momentanen Dieselpreisen ist es für unseren Geldbeutel auch alles andere als schön. Auf Inagua angekommen, gehen wir gleich zu den Customs zum Ausklarieren; auch diese waren wie bei unserer Ankunft supernett.

Wir schreiben noch Kenny, der hier auf der Insel für Diesel verantwortlich ist. Er kommt zum Hafen, und wir fahren mit dem Dinghy und unseren Kanistern im Gepäck zu ihm. Er hilft uns beim Tanken aus einem Anhänger im Hafen, und wir schwatzen ein wenig, während über uns schon dicke Regenwolken aufziehen. Wir müssen uns also beeilen und zahlen stolze 3,04 US-Dollar pro Liter. Wahnsinn!


Mike sagt: „Jetzt müssen wir uns aber beeilen, damit wir die Kanister trocken an Bord bekommen.“ Alles wird ins Dinghy gehievt – ein Kanister wiegt etwa 25 kg, und wir haben sieben Stück dabei. Das ist immer eine ganz schöne Plackerei. Aber wir schaffen es, alles zu verstauen und zu sichern, bevor es anfängt zu regnen.

Nach der Tanksession schauen wir wieder bei Windy nach, und es stimmt: Ab Mitternacht soll der Wind auffrischen. Am Morgen setzen wir noch vor Anker gleich das Großsegel und machen uns auf den Weg. Es ist fantastisch, mit Großsegel und Genua zum Ziel gepustet zu werden. Die ersten Seemeilen kommen wir gut voran, mit 31 Knoten Wind in Böen und 7,5 Knoten Fahrt. So kann es bleiben, denken wir uns.

Na ja, nicht ganz. Die Durchfahrt zwischen den Inseln, Kuba und Haiti, war alles andere als entspannt … hier gibt es starke Strömungen, und der Wind wird immer stärker. Dadurch, dass wir die Störung von der Seite haben, wird unsere KAMI immer weggedrückt, und der Autopilot steigt aus, da er das Ruder nicht mehr halten kann. Wir passen den Kurs an und müssen kreuzen, damit wir die Strömungen im günstigsten Fall von hinten haben. Die Windward Passage hat es wirklich in sich!

Wir haben bis zu 35 Knoten Wind in Böen und machen gut Fahrt. Das Meer ist sehr rau, aber mit Wind und Welle von hinten lässt es sich gut aushalten. Piper wird auch immer entspannter. Sie musste sich erst wieder an die längeren Passagen gewöhnen.

Hier im karibischen Meer sind viele Frachter, Tanker und Containerschiffe unterwegs. Manche liegen zwischen Kuba und Jamaika auch auf Reede und lassen sich treiben. Also immer ein wachsames Auge haben. Mike sitzt am Steuerstand und überlegt, wann wir unseren Kurs wieder zum Kreuzen anpassen wollen. Auf einmal brüllt er: „Kathi, hier ist gerade ein dicker mindestens 5 Meter langer Baumstamm kurz neben der KAMI vorbeigeschwommen …“ Daraufhin beobachten wir das Wasser genauer: Äste, Stämme, Wurzelballen, große Müllberge im Sargassum … unglaublich, was hier so alles rumschwimmt. Wir hoffen, dass wir nicht von etwas Größerem getroffen werden, denn das wäre verheerend für die KAMI.

Nach zwei Tagen Fahrt schläft der Wind langsam ein. Wir bergen das Großsegel und segeln mit der Genua weiter. Es ist Freitagmorgen, und wir schauen, wie viel wir von den 480 Seemeilen noch vor uns haben. Hm, wir sind eigentlich viel zu schnell, wir haben jetzt noch knapp 200 Seemeilen vor uns. Die Customs machen aber erst Montag früh um 8:30 Uhr auf. Wenn man außerhalb der Geschäftszeiten ankommt, muss man eine zusätzliche Gebühr von 90 Dollar zahlen, darauf haben wir keine Lust.

Also lassen wir uns ein wenig treiben. Mit 10 Knoten Wind und gehisster Genua machen wir 3,5 Knoten Fahrt. Das ist entspannt. Die KAMI liegt ruhig im Wasser, und Kathi und Piper genießen das seichte Geschipper sehr … grins.

Unser Plan geht zwar nicht ganz auf, die Motoren müssen wir am Abend auch wieder mit dazu nehmen, aber mit niedriger Drehzahl, sodass sie nicht allzu laut sind. Wir haben echt gut kalkuliert. Am Montagmorgen um 8:00 Uhr sind wir in der 12-Meilen-Zone der Caymaninseln angekommen.

Wir funken die Port Control an und fragen nach weiteren Instruktionen. Sie antworten, dass wir uns zwei Meilen vor George Town auf Kanal 14 wieder melden sollen. Entspannt halten wir auf George Town zu und funken zwei Meilen davor erneut. Port Control gibt uns Koordinaten von einem Steg, an dem wir festmachen sollen. Sie fragen gleich, wie viele Personen an Bord sind und ob wir Tiere dabeihaben. Wir bekommen auch sofort den Hinweis, dass wir das Schiff nicht verlassen dürfen.

Wir beantworten alle Fragen und steuern Richtung Steg. Hier machen wir fest und sagen Bescheid, dass wir angekommen sind. Es kommt ein Beamter mit Formularen in der Hand auf uns zu. Diese übergibt er uns und fragt, ob wir Waffen an Bord haben. Wir sagen: eine Harpune. Diese müssen wir abgeben und bekommen sie bei der Ausreise wieder.
Er erklärt uns die Formulare und sagt, dass er später wiederkäme. Also ran: Gesundheitsformular für uns, Immigration-Formular, Crewliste mit Auflistung, welcher Alkohol und in welchen Mengen sich an Bord befindet, und das Customs-Formular. Puh. Eigentlich hatten wir im Vorfeld über Sailclear alle Daten von uns und auch von der KAMI angegeben. Aber gut: Wer schreibt, der bleibt.

Nach einer halben Stunde kommt der Beamte mit drei weiteren Beamten wieder, zwei von den Customs und einer vom Cayman Islands Department of Agriculture wegen Piper. Er fragt nach dem Permit für Piper. Wir erklären, dass wir eine Mail von der Behörde haben, in der uns mitgeteilt wurde, dass Piper zu einer verbotenen Rasse gehört. Sie darf aber einreisen, solange sie das Schiff nicht verlässt.

Wir müssen trotzdem ein aktuelles Gesundheitszeugnis, einen Tollwut-Titer-Test und den Chipnachweis vorlegen. Wir haben alles dabei, und ich übergebe alles den Beamten.

Noch einmal zum Verständnis: Piper ist ein Continental-Bulldog-Mix, und die Continental Bulldogge stammt von der Old English Bulldogge ab. Als Kathi sich damals mit den Caymaninseln und den Einreisebestimmungen beschäftigt hatte, hat sie das Formular für das Permit heruntergeladen. Vier Seiten mit sämtlichen Informationen und Dokumenten, die man benötigt.

Bereits auf den Bahamas hat Kathi den Antrag ausgefüllt und an das Cayman Islands Department of Agriculture gesendet. Auf dem Formular waren als verbotene Rassen lediglich diese genannt
:
a. Pit Bull Terrier and its breed types;

b. Dogo Argentino and its breed types;

c. Fila Brasileiro and its breed types;

d. Japanese Tosa and its breed types;

e. any breed of dog or crossbreed of dog whose breeding lineage was for the primary purpose of dog fighting.*

Als die Antwort vom Ministerium kam und Piper zu den verbotenen Rassen gezählt wurde, haben sie der Mail eine Liste mit angehängt, auf der noch 25 andere Rassen standen, gefühlt alle Hunde über 15 kg. Für uns absolut unverständlich, zumal die Rasselisten verboten werden müssten. Es wird immer gefährliche Hunde geben, das liegt aber nicht an der Rasse, sondern am Menschen, der sie dazu macht.
„Unsere Meinung“.

Also stand in der Mail, dass wir alle Voraussetzungen erfüllen müssen und Piper das Schiff nicht verlassen darf. Da es hier auf den Cayman Islands sehr warm ist und Piper eh sehr hitzeempfindlich ist, war das für uns kein Problem. Sie fühlt sich an Bord viel wohler, bekommt von uns eine Menge Auslastung und hat hier auch genug Bewegungsfreiraum. Die dreitägige Atlantiküberquerung hat sie auch super gemeistert.

Nachdem der Beamte Pipers Chip ausgelesen hatte und noch ein Foto von ihr machte, prüfte er unsere Bescheinigungen. Auf einmal sah Kathi ihn telefonieren und ahnte Schlimmes. Er kam auf uns zu und sagte, wir dürften einreisen, allerdings nur für sieben Tage. Das heißt, wir müssen kommenden Montag die Insel verlassen, sonst wird Piper beschlagnahmt.

Kathi bricht sofort in Tränen aus … was den Beamten nicht wirklich interessierte. Sie sagte ihm unter Tränen, dass wir am Montag Besuch von Kathis bester Freundin erwarten und diese bei uns auf der KAMI schlafen sollte. Er meinte jedoch, er könne es nicht ändern. Wir waren fassungslos. Hätte man uns das nicht gleich in der E-Mail mitteilen können? Kathi ist todtraurig … sie hatte sich schon so sehr auf ihre Freundin gefreut, einen Mietwagen organisiert und Aktivitäten rausgesucht. Es ist unglaublich unfair, aber wir sind der Behördenwillkür leider ausgesetzt und können viele Dinge einfach nicht beeinflussen.

Traurig ruft Kathi ihre Freundin an und schildert ihr die Situation. Beide finden keine Worte für diese Situation. Die anderen drei Beamten nahmen unsere Harpune mit und fragten uns noch, welche Pflanzen wir an Bord hätten. Wir haben eine Chilipflanze, die gerade viele Früchte trägt, zwei Tomatenpflanzen und dreimal Petersilie. Sie erwiderten darauf, dass die Pflanzen die KAMI nicht verlassen dürfen. Ja, ne, klar. Wir gehen ja auch nicht mit unseren Pflanzen spazieren.

Wir verabschieden uns und machen uns auf den Weg in den Governors Creek, das ist eine Lagune im Inselinneren. Hier lassen wir den Anker fallen und müssen das Geschehene erst einmal verarbeiten.

Wir überlegen, wie der Plan aussieht, wenn wir die Insel verlassen müssen … wir haben im Rio Dulce in Guatemala erst ab dem 01.06. einen Liegeplatz, und eine andere Insel können wir nicht anlaufen, da wir kein aktuelles Gesundheitszeugnis für Piper bekommen, weil sie ja nicht von Bord darf. Na, mal schauen …

Mike sagt: „Komm, lass uns mal wieder was Vernünftiges essen gehen.“ Er versucht, mich ein wenig aufzumuntern.
Also los. Mit dem Dinghy machen wir an einem nahe gelegenen Steg fest und machen uns auf den Weg zum Milkberry Restaurant, die Karte verspricht asiatische Küche. So gern würden wir mal wieder Sushi essen. Dort angekommen sieht alles sehr freundlich und einladend aus … wir werden herzlich empfangen.

Bestellt und in großer Vorfreude warten wir auf unser Essen … aber wie sollte es an diesem Tag wohl anders sein. Wir waren sehr erschrocken über die Portionsgröße und die dazugehörigen Preise. Kathis Hauptspeise – siehe unten auf dem Bild – bestand aus drei Teigschälchen mit gewürfeltem Lachs für 36 US-Dollar. Es war wirklich sehr lecker, aber satt geworden sind wir davon nicht.

Von Mücken zerstochen kamen wir hungrig wieder auf die KAMI zurück und machten es uns in unserem Cockpit mit einem Glas Gin Tonic gemütlich. Kathi war von der Insel bedient.

Am nächsten Tag können wir um 12 Uhr unseren Mietwagen abholen. Wir fuhren gleich ein paar wichtige Besorgungen machen, unter anderem eine neue Getränkebox für unseren Rumpf und eine neue Lichterkette fürs Cockpit. Unsere war leider schon völlig verrostet.

Einkaufen – endlich wieder ein riesiger Supermarkt, toll! Und ein paar Leckerlis für Piper natürlich, die brav an Bord auf uns wartete. Da es hier wirklich heiß ist, mit fast 36 Grad, haben wir in unserem Rumpf die Klimaanlage zwei Stunden bevor wir losfuhren angemacht und Piper nach unten in unseren Rumpf gelegt, damit es ihr angenehm kühl ist.

Zurück an Bord, alle Einkäufe verstaut, bemerkten wir, dass die Lichterkette leider mit Stecker und nicht mit Batterie funktioniert und auch die Box nicht unter unseren Schreibtisch passt – nächstes Mal sollte man vorher mal ausmessen. Ob man hier solche Fehlkäufe auch reklamieren kann? Ein Versuch ist es wert.

Am nächsten Tag fuhren wir erneut zum Einrichtungshaus Kirk. Eine ältere Dame wurde zu uns gerufen und erklärte, dass sie die Box nicht zurücknehmen kann, da sie bereits ausgepackt ist. Hm, verstehen wir. Mist, was machen wir nur damit?
Kathi fragt die Dame, ob wir diese trotzdem da lassen können, da wir mit einem Segelboot hier sind und sie zu schade zum Wegwerfen ist. Die Dame ist sofort völlig begeistert, gibt uns die Hand und stellt sich vor. Sie fragt mit wachsender Begeisterung, wo wir herkommen und wo wir schon überall waren. Auf einmal sagt sie zu ihrer Kollegin, dass sie die Box doch zurücknehmen soll.
Sie ist so nett und herzlich, wir freuen uns … schwatzen noch ein wenig, bis wir uns verabschieden. Ein tolles Erlebnis.

Auch in der Marina, die hier im Governors Creek ist, sind alle superfreundlich. Wir unterhalten uns mit dem Gärtner, der uns auch zeigt, wo wir unseren Mietwagen über Nacht hinstellen können.

Nach den Einkäufen sind unsere Dieseltanks dran. Wir haben insgesamt 200 Liter Diesel auf dem Weg hierher verbraucht. Das heißt, wir müssen mit unseren Kanistern die Tanks befüllen und im Hafen die Kanister wieder nachtanken.
Jedoch stellen wir mit Erschrecken fest, dass der Diesel, den wir auf Inagua getankt haben, trüb ist. Es ist Wasser im Diesel, was im schlimmsten Fall die Motoren beschädigen könnte. Gut, dass wir immer mit unseren Kanistern nachtanken, so kann man Verunreinigungen und auch Wasser erkennen und gegebenenfalls den Diesel noch einmal filtern, bevor er in unsere Tanks kommt.

Mike mischt den trüben Diesel mit unserem Diesel aus Georgetown, Bahamas, und hofft, dass die Motoren keinen Schaden nehmen.

Am Nachmittag bekommt Kathi eine WhatsApp-Nachricht von einer unbekannten Nummer:
„Guten Tag, hier spricht Richard vom Landwirtschaftsministerium der Kaimaninseln. Ich schreibe Ihnen, um mich nach Ihrem Befinden und Ihrem aktuellen Aufenthaltsort zu erkundigen.
Wir möchten noch einmal betonen, dass Ihr Hund zu keinem Zeitpunkt das Schiff verlassen darf, solange wir uns auf den Gewässern der Kaimaninseln befinden.“
Wir können es nicht glauben und schütteln den Kopf!

Am Abend entschließen wir uns, in ein Restaurant direkt in der Marina zu gehen: Morgan’s Seafood Restaurant. Ein wirklich schönes und sehr geschmackvoll eingerichtetes Restaurant, das uns gleich anspricht. Wir werden freundlich empfangen und zu einem Tisch auf der Veranda begleitet.

Der Kellner erkennt irgendwie gleich, dass wir Deutsche sind, und ruft seinen Kollegen Sascha an unseren Tisch. Sascha kommt aus Österreich, und seinem Onkel gehört das Restaurant. Er freut sich über unseren Besuch, und gleich beginnen wir zu erzählen. Wir fragen ihn auch, was es mit den vielen freilaufenden Hühnern auf der Insel auf sich hat. Er erzählt uns, dass es bei dem Hurrikan Ivan in 2004 zwei Geflügelfarmen erwischt hat. Die Tiere entkamen und pflanzen sich jetzt auf der Insel unkontrolliert fort. Überall ist das Gegacker zu hören und die Tiere scheinen keine Angst vor den Menschen zu haben. Sie gehören hier einfach zum Inselleben dazu.

Als wir meinten, dass wir aus der Nähe von Berlin kommen, holt Sascha prompt Matthias aus der Küche, einen Berliner Koch, der schon seit 30 Jahren durch die Welt reist und schon auf vielen karibischen Inseln gearbeitet hat. Wir freuen uns sehr über den Austausch, und das Essen ist auch wahnsinnig lecker.

Die beiden erzählen uns, dass auf der Insel selbst auch „verbotene Hunderassen“ wie Pitbulls leben. Unser Unverständnis über die behördliche Willkür wird immer größer.

Aber der Abend und auch die immer wieder kleinen Gespräche mit Sascha und Matthias waren super schön.

So vergehen die Tage, und wir beschließen am Samstag, nachdem wir den Mietwagen zurückgegeben haben, uns vor George Town an eine Mooringboje zu legen, um am Montag früh gleich auszuklarieren und die Insel zu verlassen.

Hier angekommen entdecken wir direkt unter unserer KAMI ein großes Riff mit vielen Fischen. Wir springen gleich zum Schnorcheln ins Wasser. Wunderschön: viele bunte Fische und ein neugieriger Schwarm, der uns gleich umkreist. Die Korallen vom Riff sind leider nicht mehr so schön, aber die verschiedenen Fische wecken unsere Begeisterung.
Wir holen unser Not-Tauchset, eine kleine Pressluftflasche mit Automaten raus und tauchen ein wenig um die KAMI herum. Endlich mal ein wenig Leben unter Wasser.

Am Montagmorgen, als wir uns gerade fertig machen, um zu den Customs zu fahren, hält ein Boot von der Port Authority neben uns. Ein freundlicher Beamter erklärt uns, dass wir die Mooringboje wechseln müssten, da diese nur für Tauchboote vorgesehen ist.

Wir erklären, dass wir gleich zu den Customs zum Ausklarieren müssen. Da sagen uns die Beamten, dass heute ein Feiertag ist und die Customs zusätzliche 90 Dollar Gebühren verlangen. Na toll, das wussten sie natürlich letzten Montag noch nicht. Was für ein Abschied von der Insel.

Wir klarierten trotzdem aus, zahlten brav die 90 Dollar in bar und werden auf keinen Fall wiederkommen.

Grand Cayman: Die Insel an sich ist wirklich sehr schön, viel Grün, tolle Villen und Einkaufsmöglichkeiten. Kulinarisch auch echt klasse, allerdings auch wahnsinnig teuer. Es war für uns eine Erfahrung, jetzt blicken wir aber nach vorne und sind beide schon sehr auf unser nächstes Ziel gespannt.

Wir segeln nach Guatemala, wo wir die Hurrikan-Saison von Juni bis November im Rio Dulce verbringen werden. Die KAMI wird auch noch einmal für vier bis sechs Wochen im August aus dem Wasser gehoben, und wir haben eine lange technische To-do-Liste.

Was werden wir in den nächsten sechs Monaten noch alles anstellen? Drei Wochen Urlaub in Guatemala-Stadt in einer schicken Airbnb sind geplant, Erkundung des Dschungels mit den drei Vulkanen und Boatlife in der Monkey Bay Marina bei fast 100% Luftfeuchtigkeit und 40 Grad Celsius bei täglichem Brüllaffenrufen ….

Die KAMI segelt schnell in Richtung Guatemala, vielleicht lassen wir vorher noch einmal den Anker in einem Atoll in Belize fallen. Dort muss man nicht unbedingt einklarieren, nur den Parkrangern einen Obolus für den Aufenthalt bezahlen.

Wir sind gespannt, was uns erwartet!

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Mit Marie & Olli den Exumas (BAHAMAS) entlang

Wir erwarten schon sehnsüchtig unseren Besuch aus Deutschland und nutzen die Zeit bis dahin, um im Exuma Market nahe dem Dinghy-Dock unsere Lebensmittelvorräte aufzufüllen. Gleichfalls bunkern wir nochmal 200 Liter Diesel (leider minderer Qualität) sowie 20 Liter Benzin für unseren Außenborder am Dinghy. Dann wollen wir die gastronomischen Highlights hier in George Town erkunden, um später unseren Besuch ausführen zu können. Das Ergebnis fällt nüchtern aus. Fast alle Bars und Restaurants bieten typische US-Gerichte an. Fettgebratenes in allen erdenklichen Variationen. Frittierte Chickenwings mit Fries, frittierte Conch-Bälle mit Coleslaw, BBQ-Rippchen, die in der Marinade schwimmen, frittierten Fisch … uns wird ganz schwindelig. Normale Menüs mit Gemüsebeilage (außer Coleslaw) sind hier nur schwer zu finden. Die Küche, die Locations selbst, die Cocktails sind ausschließlich amerikanisch ausgerichtet. Angesichts der meisten US-Yachten, die hier vor Anker liegen, ist es auch kein Wunder.

Am Vorabend unseres Besuchs findet in George Town ein kleines Fest statt. Die amerikanische Segler-Community veranstaltet einen Kostümumzug und die Locals spielen Musik mit karibischen Rhythmen. Was für ein Spaß. Leider ist es an diesem Tag so windig, dass viele aufwändig hergestellte Kostüme nicht getragen werden können. So ist es halt hier. Das Wetter ist in diesem Jahr sehr unbeständig. Nachts fallen die Temperaturen auf bis zu 19 Grad Celsius (es lässt sich gut schlafen) und die windigen und böigen Tage dominieren das derzeitige Klima. Die Wassertemperaturen sind auf 24 Grad Celsius gefallen und bewölkte, regenreiche Tage sind leider keine Seltenheit. Auch die Locals wundern sich über das Wetter.

Als wir am nächsten Abend Marie und Olli ins Dinghy einladen, bläst ein ordentlicher Wind aus Ost. Der Schwell ist nicht zu unterschätzen und so wird die Fahrt vom Festland zur KAMI ein erstes nasses Erlebnis für den angereisten Besuch. Koffer und Rucksäcke nass, auch die Fahrgäste erhalten eine salzige Dusche.

Willkommen auf den Bahamas!

Am nächsten Tag fahren wir gemeinsam nochmals in den Supermarkt sowie in den Getränkeladen, um noch einiges an Bord zu schaffen. Wir wollen am nächsten Tag aufbrechen und die Inselkette der Exumas absegeln. Unsere gemeinsamen Abende verbringen wir oft mit Karten- und Würfelspielen. Die Zeit vergeht dabei wie im Flug.

Unser erstes Ziel ist die „Schweineinsel“ White Cay. Nur 16 Seemeilen von George Town entfernt verlassen wir die Lagune und segeln auf dem offenen Meer bei zwei Meter Welle, die seitlich auf uns trifft. Für die Stammcrew kein Problem, der Besuch aber sitzt mit blassem Gesicht im Cockpit. Nach 3 Stunden ist das Geschaukel vorbei und wir sind wieder auf der anderen Inselseite im seichten türkisfarbenen Wasser. Kaum ist der Anker geworfen, bekommen wir auch schon Besuch von 2 Delfinen, die ihre Runden durch die Lagune drehen. Wir lassen das Dinghy ins Wasser und fahren rüber an den Strand, um die Schweine zu besuchen. Im knietiefen Wasser ziehen Stachelrochen ihre Runden. Auf der Insel liegen mindestens 50 Schweine unter den Bäumen und dösen in der Nachmittagssonne. Große Muttersäue und viele kleine Ferkelchen grunzen zufrieden vor sich hin. Hühner picken dazwischen nach Fressbarem. Einige wenige Schweine kommen uns entgegen und betteln nach Leckereien. Wir haben aber nichts dabei und so düsen wir nach einer halben Stunde wieder zurück zur KAMI. Hier beobachten wir ein Ausflugsboot, das sich nähert. Gefüllt mit mindestens 20 Touristen ruft der Guide noch 20 Meter entfernt vom Strand die grunzende Menge. Und tatsächlich traben mindestens 5 Borstentiere in Richtung Ausflugsboot und schwimmen den Touristen entgegen. Hier wird einiges ins Wasser geworfen: Möhrenstücke, Kartoffeln und Salatblätter. Dem Vieh gefällt es.

Die darauffolgende Nacht wird unruhig. Wir liegen zwar einigermaßen windgeschützt, doch der Schwell, der um die Insel zieht, bewegt das Schiff auf und nieder. Nach dem Frühstück fahren wir weiter unserem nächsten Ziel entgegen. Der Wind bläst wieder ordentlich und auf der Atlantikseite ist die Fahrt wieder anspruchsvoller. Unter Gennaker segeln wir mit 7 Knoten und überspringen zwei geplante Zwischenstopps und laufen Rudder Cat Cay an.

Rudder Cat Cay sowie die Nachbarinsel Musha Cay sind Privatinseln. Der Eigentümer, ihr kennt ihn, David Copperfield, ließ an den jeweiligen Strandabschnitten entsprechende Hinweis- / Verbotsschilder aufstellen. Die Inseln dürfen nicht betreten werden. Doch Rudder Cat Cay stellt sich im Nachhinein als unser Tourenhöhepunkt heraus. Die Ankerbucht ist wunderschön. Kristallklares Wasser, schwimmende Rochen und Ammenhaie, Schildkröten, Riffe mit bunten Fischen und als Höhepunkt die von Copperfield versenkte Meerjungfrau am Piano.

Wir sind einige Tage vor Ort und verbringen viel Zeit beim Schnorcheln und auf den Sup-Boards. Ein kleiner wilder Strand wird trotz Verbotsschildes von den Seglern besucht, so fahren wir dort auch mehrmals mit Piper hin. Hier liegen viele Conch-Schnecken im Wasser, die sich ohne Probleme mit der Hand aufsammeln lassen. Die Conch-Schnecke (Lobatus gigas) ist eine große Meeresschnecke, bekannt für ihr rosa Gehäuse und ihr festes, weißes Fleisch. Sie gilt als Delikatesse, wird oft in Salaten oder als frittierte „Conch Fritters“ hier auf den Bahamas serviert.

Auch Piper ist verrückt nach ihnen und tatsächlich beginnt Piper „freiwillig“ zu schwimmen, um zu versuchen, die Schnecken aus dem Wasser zu holen. Wir sind völlig aus dem Häuschen, denn Piper hatte ja bis jetzt eher Angst vor dem Schwimmen. Jetzt geht sie tatsächlich von allein ins Wasser und macht einige Schwimmzüge.

Leider bekommt Marie von unseren Schnorchelausflügen Probleme mit ihrem linken Ohr, so dass an weiteren Unterwasseraktivitäten für sie nicht zu denken ist. Das ist natürlich sehr schade. Wir versuchen auch mit der Bordapotheke eine Verbesserung herbeizuführen und mailen einen HNO-Arzt in Berlin an. Leider bleibt alles erfolglos. Ärgerlich.

Doch auch über Wasser kann man einiges erleben. So entdecken wir an einem Nachmittag an einem kleinen Strandabschnitt zwei Schildkröten, die sich im flachen Wasser am Seegras laben. An Land entdecken wir einige Echsen, die sich von den Sonnenstrahlen verwöhnen lassen. Insgesamt verbringen wir wundervolle Tage an Rudder Cat Cay.

Wir gehen Anker auf und fahren unter Motor am Edelresort von David Copperfield an der Insel Musha Cay vorbei. Für 57.000 USD am Tag kann man dort mit bis zu 12 weiteren Gästen Urlaub machen. 5 Nächte muss man aber allerdings mindestens buchen. Ein Schnäppchen – nicht wahr?

Ein amerikanischer Katamaran, der vor uns fährt, fährt hinter Musha Cay nicht durch den Pass, sondern „innen“ in der Lagune weiter. Wir wundern uns gerade noch darüber, als sich vor uns eine große Brandung zeigt. Mit beiden Motoren versuchen wir, uns aus dem Pass zu schieben. Wellen türmen sich vor uns auf, die größte Welle schätzen wir mit 4,5 Metern, alles fliegt im Schiff umher, wir stampfen durch das Wasser, eine der Brandungswellen geht „über“ das Schiff. Unser Besuch ist nicht amüsiert – doch nach 5 Minuten ist alles vorbei und wir sind durch – wieder auf dem offenen Meer. Wir nehmen Kurs auf Big Farmers Cay. Während der Fahrt können wir den anderen Katamaran in der Lagune weiter sehen. So müssen wir nach kurzer Fahrt erneut in die Lagune durch den Pass. Diesmal mit der Welle – also mit Rückenschub. Das macht keine Probleme und so lassen wir bei 1,5 Meter Tiefe in der Nähe vom Little Farmer’s Cay Yacht Club den Anker fallen. Die Nacht hier verläuft wieder sehr unruhig aufgrund des Wellenschlags und so beschließen wir am nächsten Tag unser nächstes Ziel „Black Point“ anzulaufen. Hier soll am Wochenende eine große Party steigen.

In Black Point legen wir uns an den Rand der Bucht mit etwas Abstand zu den anderen Yachten. Es ist nicht sehr voll hier, worüber wir uns wundern. Die Veranstaltung wird schon seit Wochen in der Seglercommunity beworben. Das Lorraine’s Café Bahamas Gathering geht über 3 bis 4 Tage mit kleinen Segelregatten, Kostümfesten, Livemusik und Beachaktivitäten. Die Bucht ist im Bereich des Strandes sehr seicht, was das Anlanden mit dem Dinghy bei Ebbe und Flut nicht gerade einfach macht. Man muss hier immer in der Nähe sein und das Dinghy entweder näher an Land ziehen oder mit einem kleinen Anker etwas weiter herausführen. Generell scheint es auf den Bahamas auch öfter „verlorene“ Dinghies zu geben. In den Wochen auf den Bahamas haben wir mindestens 5 Meldungen über abgetriebene oder verlorene Dinghies erhalten.

Eigentlich sollte die Veranstaltung am Freitag beginnen. Überraschenderweise verlassen immer mehr Segler die Bucht. Warum? Liegt es am vorausgesagten schlechten Wetter? Wind und Schwell nehmen die Tage wieder zu und am Samstag erleben wir einen einzigartigen Wolkenbruch. Der Veranstalter muss sich ärgern. Tags darauf fahren wir abends zur Bühne am Strand, es soll Live-Musik geben. Wir warten fast zwei Stunden und fangen an zu frieren, da der Wind immer weiter zunimmt. Die darauffolgende Nacht wird so unruhig, dass wir beschließen, uns in eine Nachbarbucht zu verlegen. Und wie in Abrahams Schoß finden wir endlich wieder ruhigen und erholsamen Schlaf.

Die Urlaubstage von Marie und Olli neigen sich dem Ende zu. Wir beschließen mit einem kurzen Zwischenstopp in Rudder Cat Cay wieder zurück nach George Town zu segeln. So sind wir am Montag zurück und der Flug nach DE über Nassau geht Donnerstag in den frühen Morgenstunden.

Wir nutzen die restlichen Tage und besuchen die kultige Strandbar „Chat & Chill“. Hier gibt es einen Conch-Stand, der einen frischen Salat mit der Schnecke für 20 USD anbietet. Die Abfälle (Eingeweide der Schnecke) werden dort ins flache Wasser geworfen. Das lockt einige große und zahme Stachelrochen her, die man dort sogar im flachen Wasser füttern kann.

Olli hilft uns tatkräftig bei einigen kleineren Bootsproblemen. Einmal will unser Ankerlicht nicht mehr scheinen und ein anderes Mal versagt die Abflusspumpe der Gästedusche. Meist sind es nur korrodierte Kontakte, aber helfende Hände bei der Problemlösung sind immer gern gesehen und willkommen.

Nun ist der Abreisetag gekommen und Mike fährt beide (diesmal einzeln) früh um 6 Uhr von Bord der KAMI an den Dinghy-Stegg. Hierher haben wir das Taxi für die Fahrt zum kleinen Flughafen hier in George Town bestellt. Die Überfahrt samt Gepäck verläuft dieses Mal trocken und der Taxifahrer trifft fast pünktlich ein. Marie und Olli düsen Richtung Flughafen los und wir legen uns noch einmal für 2 Stunden aufs Ohr, schließlich ist es ja noch dunkel und früh am Tag.

Die nächsten Tage wirken seltsam leer. Wir müssen oft an die Beiden denken – wie weit sie jetzt wieder weg sind. Über 24 Stunden hat ihre Rückreise nach Berlin gedauert. Insgesamt 4 Flüge mussten sie absolvieren. Hoffentlich sehen wir uns bald wieder.

Es fällt uns auf, dass es hier in George Town immer „leerer“ wird. Eigentlich liegen hier das ganze Jahr hunderte von amerikanischen und kanadischen Yachten. Im Moment sind es nicht wirklich viele. Liegt es daran, dass die amerikanischen Ferien (Spring Break) zu Ende sind?


Einen großen Vorteil hat es für uns. Die Regale im Supermarkt sind endlich wieder richtig gefüllt. Natürlich sind die Preise enorm. Zum Beispiel zahlt man für ein Glas Miracle Whip 16,25 USD und für einen Blumenkohl 13 USD. Kathi wurde mal im Supermarkt von einer Amerikanerin angesprochen, ob sie wüsste, wie teuer der Blumenkohl hier ist. Ja, wissen wir. Wir brauchen aber im Gegensatz zu euch Obst und Gemüse für eine gesunde Ernährung.

Auf unserer Bucketliste steht noch das „Probieren“ des bahamischen Conchsalats. Tage lang war der Stand am Chat & Chill Beach geschlossen. Doch dann haben wir Glück und bestellen eine Schale von dem legendären Salat. Er besteht aus fein geschnittenem / gehacktem Conchmuskel, Zwiebel, grüner Paprika, Salz, Tomate und einer ausgepressten Zitrone. Mike schmeckte es gut, Kathi könnte darauf verzichten. Also unentschieden!

Im „The Beach Club“ wollten wir zu unserem Wedding Day schick essen gehen. Eine Reservierung war im Vorfeld zwingend erforderlich. Es war ein kurzer aber angenehmer Besuch. Die Speisen waren ganz okay (und endlich mal etwas Gemüse auf dem Teller), aber mit der Zeit wurde es in der Location immer lauter – eine amerikanische Gruppe bestehend aus 15 Damen feierte wohl einen Junggesellenabschied. Die Örtlichkeit hat uns aber sehr gefallen. Ein Mix aus Ferienwohnungen und Lofts, alles sehr gepflegt, hier und da das eine oder andere „Sold“-Schild.

Nun liegen wir wieder bei doch eher mäßigem Wetter (Wind & Regen) vor Stocking Island (gegenüber von George Town) vor Anker. Wir wollen in den nächsten Tagen noch einige Arbeiten am Boot machen und müssen für unsere nächste Passage zu den Cayman Islands noch aufproviantieren. Geplant ist die Route von hier wieder in Richtung Inagua zum Ausklarieren und dann spätestens Ende der 17ten KW. zu den Caymans aufzubrechen. Es sind dann rund 480 Seemeilen bis dorthin und wir planen 4 bis 5 Tage für die Passage ein. Auf Grand Cayman bekommen wir von Kathis Freundin zwei wöchigen Besuch und werden dort in der vorletzten Maiwoche in Richtung Guatemala aufbrechen.


Unser Fazit zu den Bahamas: Ein tolles Revier mit kristallklarem Wasser und vielen Blautönen. Die Unterwasserwelt ist nicht sehr aufregend, man sieht größtenteils immer das Selbe. Ammenhaie, Schildkröten, Delfine, Stachelrochen. Nur an exponierten Rifflagen auch mal karibische bunte Fische wie den Palettendoktorfisch, Falterfische, Grundeln usw. Die Preise hier sind heftig und vermutlich wegen der Gebührenerhöhung der Cruising Permits in diesem Jahr bleiben viele Segler weg. Wir haben einige Inseln gesehen und können fast sagen: Kennst du eine – kennst du alle. Nichtsdestotrotz wollen wir die hier gewonnenen Erfahrungen nicht missen und hoffen, noch weiter „westlich“ artenreichere Fauna und Flora zu entdecken.

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BAHAMAS – Endlich 1000 Farben Blau!

Nach einer sehr anstrengenden Fahrt gegen Wind und Welle erreichen wir erschöpft die erste Insel der Bahamas, Inagua. Wir kommen gegen Sonntagmittag an und lassen den Anker vor dem kleinen Hafen Matthew Town in kristallklarem, türkisfarbenem Wasser auf 3 Meter fallen.
Bei den Behörden können wir am nächsten Vormittag problemlos einklarieren; dazu fahren wir mit dem Dinghy in den kleinen Hafen. Es dauert nur wenige Augenblicke, da werden wir schon von einem Local angesprochen. Kurz darauf taucht wie aus dem Nichts ein Taxifahrer auf, der sich mit dem Local ein kleines Wortgefecht liefert. Wir steigen ins Taxi ein, und schon braust er mit uns zur „Behördenbaracke“. Nach nur 5 Minuten ist die kostenlose Fahrt vorbei, und der Taxifahrer erklärt uns, dass der Local, der uns im Hafen angesprochen hat, kein guter Mensch ist und immer wieder versucht, Geld von Seglern und Touristen zu erbetteln. Ferner erzählt er, dass den Einheimischen viel daran liegt, mehr Tourismus anzuziehen. Leider wird die Insel oft nur als erster Anlauf zum Einklarieren besucht und dann meist schon am selben Tag wieder von den Seglern verlassen.

Wir bleiben gut fünf Tage, denn wir müssen unsere Segel wieder auf Vordermann bringen und nachtanken. Wir belesen uns im Netz und finden viele Hinweise, dass man auf kleinen Inseln möglichst nicht nachtanken sollte. Oft ist der Diesel mit Wasser und Schmutz versetzt und sehr schwefelhaltig. Gut, dass wir noch 300 Liter in Kanistern als Ersatz an Bord haben. Wir tanken jeweils 100 Liter pro Maschine und Bug mit Kanistern nach und planen, unseren Kraftstoffvorrat in George Town in den Exumas wieder aufzufüllen. Hier ist die Bootsdichte so hoch, dass ein gewisser Dieselumsatz an den Tankstellen gegeben ist. Das Risiko, verschmutzten Treibstoff zu bunkern, ist wohl in George Town gering.

Auf Anker vor Inagua kümmern wir uns um unsere Segel. Wir stellen fest, dass der massive Metallschäkel der Genua aufgebogen war und sich bei stärkerem Seegang vom Genuaschlitten abgesprengt hat. Wir finden ihn zufällig an Deck. Zum Glück ist das Segel nicht beschädigt, wie erst angenommen. Kathi muss hoch in den Mast und das Genuafall wieder freigängig machen – es hat sich oben verklemmt. Nach etwas Hin- und Herholen bekommen wir das Fall frei (es hatte sich umwickelt). Wir schlagen das Segel neu an (wir hatten passenden Schäkelersatz an Bord), und die Genua ist wieder fit. Als Nächstes holen wir den Gennaker herunter. Mike nimmt sich den Furler vor, flechtet ein Dyneema-Seil als Klemme ein und vernäht alles sauber. Durch UV-Strahlung und Salzwasser hat sich die Gummirutschsicherung am Furler aufgelöst und ist teilweise aus der Trommel gebrochen. Wir hoffen, dass unsere Ersatzsicherung hält – ein neuer Furler ist uns momentan zu teuer.

Nun muss noch das Großsegel geklärt werden. Mike lässt sich von Kathi in den Mast hochziehen und schleift die gröbsten Grate von der Mastschiene. Danach versuchen wir, das Großsegel durchzusetzen – leider wieder ohne Erfolg. Dann fällt uns auf, dass die Halterungen der Segellatten komisch aussehen: Hier sitzt eine kleine Spange, die sich geweitet hat und keine Funktion mehr erfüllt. Wir fixen die einzelnen Spangen mit Gafferband und einem kleinen Kabelbinder. Et voilà, das Großsegel lässt sich von Hand fast bis zum Ende durchholen. Wir freuen uns, dass wir die Probleme gelöst haben.

In der kleinen City von Matthew Town finden wir einen Minimarkt. Es gibt fast nichts zu kaufen, und die wenigen Dinge in der Auslage sind wahnsinnig teuer. Wir ergattern fünf kleine Äpfel und zahlen fast 12 Dollar dafür. Auf dem Rückweg zum Hafen kehren wir in einen kleinen Imbiss ein und geraten dort mit einer älteren Amerikanerin ins Gespräch, die vor 15 Jahren aus Liebe hierhergezogen ist. Sie ist die Lehrerin auf der Insel, die gerade einmal 550 Bewohner hat.

Direkt an der Hauptstraße, in unmittelbarer Nähe einer Bankfiliale, des Minimarkts und des Imbisses, betreibt man den Inselgenerator zur Stromproduktion. Dieser riesige Generator läuft Tag und Nacht, ist schrecklich laut und spuckt extrem viel Stickoxid und Dreck in die Luft. Wir können es nicht fassen, dass Wohnhäuser direkt danebenstehen. Eine Haltestelle des Schulbusses liegt direkt davor an der Hauptstraße. Schlimm!

Zurück an Bord werden wir einen Tag vor dem Ablegen in Richtung Hogsty Reef von drei Delfinen besucht. Sie floaten stundenlang um unsere KAMI herum, spielen und necken sich. Was für ein toller Anblick!

Am nächsten Tag nehmen wir Kurs auf die Exumas. Wir werden jetzt etappenweise jeden Tag 30 bis 40 Seemeilen in diese Richtung absolvieren. Der erste Stopp ist das Hogsty Reef, ein kleiner Sandhaufen mitten im Ozean. Dort gehen wir mit Piper an Land und lassen sie ohne Leine laufen. Hier gibt es nichts außer einer baufälligen Landmarke und angespültem Plastikmüll. Auch unter Wasser ist es eher unspektakulär. Von den erwarteten Haien, Schildkröten und Rochen lässt sich nichts blicken. Nach einer tausendsternfunkelnden Nacht an diesem surrealen Ort geht es am morgen weiter Richtung Acklins.

Auf dem Weg dorthin fällt uns ein graues Schiff der Küstenwache auf, das in etwa 10 Seemeilen Entfernung mit einer amerikanischen Segelyacht funkt und nach Schiffs- und Personendaten fragt. Wir ahnen schon, dass wir die Nächsten sein werden, haben aber Glück. Sie ziehen in Gegenrichtung an uns vorbei und sind nach 30 Minuten am Horizont verschwunden.

Im Süden der Insel Acklins legen wir nach sechs Stunden Fahrt einen weiteren Ankerstopp ein. Wir genießen den Nachmittag, als wie aus dem Nichts das Küstenwachschiff wieder auftaucht. Es wirft unweit von uns den Anker und lässt ein Beiboot zu Wasser. Na klasse – wird es bald Besuch geben? Die Beamten fahren zuerst zu einer in der Nähe liegenden Motoryacht. Wir setzen uns ins Cockpit und flachsen herum, da taucht das Beiboot neben uns auf. Besetzt mit sechs uniformierten Beamten bitten sie, an Bord kommen zu dürfen. Auf Steuerbord drücken sie ihr RIB gegen die KAMI, drei Beamte steigen wacklig über. Ein Beamter bleibt hinten mit Sturmgewehr im Anschlag stehen, die zwei anderen kommen ins Cockpit. Einer ist für das Protokoll zuständig, der andere führt das Gespräch und ist wohl der Chef.
Piper ist über diesen Besuch nicht sehr erfreut. Sie schimpft und lässt sich nur schwer beruhigen. Kein Wunder, die Beamten verbreiten eine negative Ausstrahlung. Kathi gelingt es ihr das Geschirr umzulegen und sie auf ihrem Schoß festzuhalten.


Wir legen brav alle Dokumente vor und geben Auskunft: Woher kommen Sie? Wohin wollen Sie? – Na, die üblichen Fragen. „Sind Waffen an Bord?“, wird gefragt. Der Chef möchte sich im Inneren der KAMI umschauen. Im Salon öffnet er den Kühlschrank und das Fach mit Gewürzen und trockenen Nahrungsmitteln (Nudeln, Reis usw.). Im Backbordrumpf staunt er über unseren Lagerraum und fragt, was in den großen Kisten ist. „Ersatzteile und Werkzeug“, gebe ich Auskunft. Er lässt eine Kiste öffnen, wirft einen Blick hinein, grübelt kurz und geht in den anderen Rumpf. Dort wirft er einen kurzen Blick und eilt zurück zu seinem protokollführenden Kollegen.
Der zeigt ständig auf Kathis Tischdeko – kleine Muscheln und Schneckenhäuser, die wir bisher an Stränden gesammelt haben. Ein größeres Schneckenhaus ist wohl eine geschützte Art. Der Chef winkt ab, und nach ca. 20 Minuten verlassen sie das Schiff und düsen davon. Zurück bleiben viele schwarze Schuhabdrücke auf dem weißen Deck und dem frisch geputzten Teak im Cockpit. Wir sind bedient! Wir schrubben das Deck; der Schmutz lässt sich nur schwer entfernen. Nach zwei Stunden sind die ärgerlichen Mitbringsel beseitigt. Was für ein schöner Besuch!

Nach einer weiteren Nacht im Nordwesten der Insel setzen wir nach Long Island über. Im Süden der Insel besuchen wir eine kleine Strandbar. Hier soll es nach Berichten anderer Segler legendären Rum-Punsch geben. Den wollen wir verkosten – und sind begeistert! Ein schöner Fleck auf der Insel, leider wird in der Nähe Tag und Nacht Müll verbrannt. Die Geruchsbelästigung treibt uns schnell weiter in Richtung Inselmitte. Vor dem kleinen Ort Clarence Town verlegen wir in eine flache, türkisfarbene Lagune und ankern im flachen Wasser – teilweise nur noch 50 Zentimeter unter dem Kiel. Da wird einem unwohl. Aber alles passt, und wir düsen mit dem Dinghy zum Dinghy-Dock. Hier sehen wir mehrere Haie und einen riesigen Stachelrochen im seichten Wasser schwimmen. Hinweisschilder am Dock warnen ausdrücklich vor den Haien. Die einheimischen Fischer, die hier Abfälle ins Wasser werfen, werden von den Tieren gern angenommen. Dadurch kam es wohl schon zu kleineren Bissverletzungen bei Touristen, die ihre Hände ins Wasser hielten. Im Ort finden wir einen kleinen Bakery-Shop und kaufen ein paar Eier und soeben gebackenen Rumkuchen. Leider gibt es kein frisches Obst. Schade. Auf dem Weg zur naheliegenden Marina entdecken wir endlich wieder Kokospalmen. Auf Acklins gab es keine, nur Gestrüpp – daher ist unsere Freude groß, wieder Kokosnüsse zu sehen. Direkt an der Straße stehen mehrere große Palmen, darunter liegen vereinzelt Früchte. Wir nehmen eine grüne, frische Kokosnuss mit an Bord – Piper ist außer sich vor Freude. Sie schleckt das Kokoswasser auf und macht sich über das frische Kokosfleisch her. 

Nach einem weiteren Ankerstopp im Norden der Insel erreichen wir nach sechs Stunden Motoren bei Flaute endlich George Town auf den Exumas. Dieser Ort ist besonders: Hier haben wir 2023 das erste Mal die KAMI von den Voreignern besichtigt. Aber nicht nur das – George Town ist für die US-Segelcommunity der absolute Hotspot. Veranstaltungen an den Stränden, Hunderte Schiffe vor Anker, Supermärkte, Tankstellen und ein Flugplatz in der Nähe machen diesen Ort aus. Hier werden wir in den nächsten Tagen Marie und Olli für drei Wochen an Bord begrüßen. Gemeinsam wollen wir die Exumas erkunden – über und unter Wasser. Wir freuen uns riesig auf den Besuch aus der Heimat.

Es gibt auch Negatives zu berichten: Unsere Saildrives machen beide Probleme. Wir hatten ja schon berichtet, dass der Saildrive auf Backbord Öl verliert und die Reparatur durch Gregory in Sint Maarten keine Besserung brachte. Das ist nach wie vor so – wir verlieren weiter geringe Mengen, aber es ist bedenklich.

Marie bringt ein Mittel aus Deutschland mit, das unter Schwarzlicht die Leckstelle sichtbar machen soll. Wir berichten davon später.

Hier in George Town vor Anker wollten wir am Steuerbord-Saildrive nur den Ölstand prüfen, vernahmen aber beim Herausziehen des Ölmessstabs einen abscheulichen Geruch, und die Ölfarbe war mehr hellgrau als braun. Nicht gut! Das heißt: Wasser im Ölkreislauf. Wir sind sauer! Haben wir doch vor nicht einmal einem Jahr beide Saildrives in Deutschland bei der Firma Marine Service Rostock (Herrn Neumeister) für viel Geld warten lassen. Schon bei der Inspektion in Barth gab es Probleme – dass jetzt beide Antriebe solche Mängel zeigen, ist unakzeptabel.

Beide Saildrives müssen dringend repariert werden. Wir haben schon in einer Werft in Guatemala, wo wir die Hurricansaison verbringen werden angefragt und professionelle Hilfe zugesichert bekommen. Die KAMI wird dort auch wegen eines neuen Antifoulinganstrichs aus dem Wasser gehoben. In dieser Zeit müssen die Antriebe spätestens instandgesetzt werden.

Wir haben jetzt erst mal auf Steuerbord einen Ölwechsel gemacht. Nimmt die Wasserkonzentration im Ölkreislauf zu, steigt das Risiko von Rostbildung und Verlust der Schmierwirkung. Für uns heißt das: Ab sofort wöchentlich Ölstände in beiden Saildrives kontrollieren und bei gräulicher Farbe mit Geruch – sofort Öl wechseln.

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Pechsträhne

Wir haben in Sint Maarten ausklariert und verlassen die Bucht in Richtung Bahamas. Das Wetter ist angenehm, wir setzen unseren Gennaker und machen gute Fahrt. In der Nacht passieren wir die nördlichste Insel der Britischen Jungferninseln, und am Folgetag liegt Puerto Rico an unserer Backbordseite. Online prüfen wir bei Windy das Wetter – ein Sturm zieht auf! Zwei große Tiefdruckgebiete kommen direkt auf uns zu. Eines bewegt sich von Florida her und bringt kühle Luft, Böen bis 60 Knoten und Wellen bis 12 Meter.

Was nun? Wir müssen eine geschützte Ankerbucht finden und das Sturmtief abwarten, bevor wir weitersegeln können. Zuerst denken wir an die Dominikanische Republik, würden dort aber laut Berechnung erst in der Nacht ankommen. Für unbekannte Gewässer ist das keine gute Idee – Riffe und Flachwasserzonen müssen sicher umschifft werden. Kathi recherchiert und macht nach einer Weile den verhängnisvollen Vorschlag, lieber an der Westküste von Puerto Rico einen geschützten Platz anzulaufen.

Der Wind nimmt immer mehr zu, und wir entscheiden uns bei 20 Knoten, den Gennaker einzuholen – was trotz diverser Tricks diesmal einfach nicht gelingen will. Wie wild schlägt das riesige Leichtwindsegel im Wind, bis Mike völlig erschöpft versucht, es mit dem Endlosfurler einzudrehen. Das Problem: Die Endlosleine rutscht durch den Furler, und der Wind dreht das Segel immer wieder heraus. Nach bangen Minuten schaffen wir es schließlich gemeinsam, das Tuch einzuholen. Wir sind körperlich fertig – Mikes Arme und Beine schmerzen, das Energielevel liegt bei null. Der Furler muss dringend gewartet werden und kommt auf die To-do-Liste.

Am späten Sonntagnachmittag, dem 1. Februar, erreichen wir schließlich die Ankerbucht. Mit Hilfe einer App versuchen wir, elektronisch nach Puerto Rico einzuklarieren. Leider bedenken wir dabei nicht, dass Puerto Rico zu den USA gehört. Damit nimmt unsere Pechsträhne ihren Lauf.
Über die „Customs and Border Protection ROAM“-App werden wir von einem Officer kontaktiert. Er fragt nach Pässen und Visa. Wir besitzen jedoch kein Visum, nur ein abgelaufenes ESTA. Wir erklären dem Beamten, dass wir lediglich dem herannahenden Sturm ausweichen wollen – doch es hilft nichts. Wir müssen am nächsten Tag persönlich beim Department of Homeland Security am internationalen Flughafen der Insel erscheinen.

Kathi organisiert noch am Sonntagabend ein Taxi, und wir fahren Montag früh um 7:00 Uhr zu dem 1,5 Stunden entfernten Flughafen im Norden der Insel. Dort angekommen, begeben wir uns in das Customs Office – und werden fünf Stunden lang von zwei Beamten „bearbeitet“. Fingerabdrücke werden genommen, Fotos gemacht, und nach mehreren ernsten Belehrungen erhalten wir eine Sondergenehmigung, die mit 1.400 USD „honoriert“ wird. Immerhin sind die Beamten freundlich, und wir zeigen uns reumütig mit gesenkten Köpfen. Wie konnte uns das nur passieren? Wir waren so vertieft in die Wettermodelle, dass wir nicht nachrecherchiert haben, ob die Einreise nach Puerto Rico überhaupt erlaubt ist – dumm gelaufen.

Am frühen Nachmittag kehren wir erschöpft zum Schiff zurück. Der Taxifahrer, der geduldig auf uns gewartet hatte, brachte uns freundlicherweise wieder zurück. Seine Dienste belohnen wir mit 300 USD.

Um das Tageserlebnis perfekt zu machen, hat Mike dann die glänzende Idee, in die Maschinenräume zu schauen.
Und was entdeckt er wohl erneut? Wasser und Öl!
Oh nein – wir hatten doch das Getriebe auf Sint Maarten von Gregory warten lassen. Scheinbar war das gar nicht die Ursache des Öllecks. Wie ärgerlich!

Wir diskutieren, wägen Optionen ab, und nach einigen Tränen machen wir uns am Dienstag daran, die Maschinenräume gründlich zu säubern.

Wir prüfen erneut das Wetter und überlegen, am Mittwoch Richtung Dominikanische Republik weiterzusegeln, um dort in einem Hafen auf besseres Wetter zu warten. Wir fragen in Punta Cana nach einem Liegeplatz, erhalten aber keine Antwort. Also entscheiden wir uns, trotz nicht optimaler Bedingungen, in Richtung Bahamas weiterzufahren und gehen am Mittwochmorgen Anker auf.

Nachdem wir den Riffgürtel passiert haben, wollen wir das Großsegel setzen – doch es bewegt sich keinen Millimeter. Einige Mastrutscher an den Segellatten klemmen in der Schiene und verhindern das Durchholen. Als wir das Problem untersuchen, sehen wir: Die aus Aluminium bestehende Mastschiene ist beschädigt, vermutlich beim letzten Mastaufstieg durch das Gurtzeug oder den Bootsmannsstuhl. Mit einer Feile ließe sich der Schaden beheben, aber bei 2,8 Meter Welle ist daran nicht zu denken. Also verstauen wir das Großsegel wieder und segeln auf spitzem Amwindkurs nur mit der Genua. Bei 20 Knoten Wind machen wir immerhin 6,5 Knoten Fahrt.

Wir werden wohl auch motoren müssen – bis nach Inagua, der ersten Insel der Bahamas, sind es rund 450 Seemeilen. Die Reparatur der Mastschiene muss warten, und auch für das ölende Saildrive müssen wir uns noch etwas überlegen.

Nachts ist es derzeit mit 17 Grad erstaunlich frisch – ganz und gar nicht karibisch. Selbst hier scheint das Klima aus dem Gleichgewicht geraten zu sein. Es wird von Jahr zu Jahr besorgniserregender. Auf Kuba werden aktuell 0 Grad gemessen!! Das ist historisch einmalig.

Wir hoffen, dass diese trüben Tage bald vorbei sind – voller Optimismus blicken wir nach vorn!

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Weiter nördlich auf den kleinen Antillen

Nachdem wir die Marina Pointe du Bout verlassen haben, werfen wir den Anker vor „Le Carbet“. Wir genießen drei Tage dort und besuchen die Bar Le Wahoo. Hier gibt es den Mega-Cocktail Despejito – eine Mischung aus Mojito und Desperados. Unglaublich lecker! Dann geht es für uns weiter.

Wir liegen in der traumhaften Bucht Anse Couleuvre auf Martinique vor Anker, um unsere nächste Überfahrt zur Insel Marie-Galante vorzubereiten. Am nächsten Tag werden wir in den frühen Morgenstunden plötzlich von einem merkwürdigen Piepton geweckt. Wir schrecken hoch und stellen fest, dass wir keinen Strom mehr an Bord haben. Panisch rennen wir durch die KAMI und suchen den Fehler, prüfen Sicherungen, Systeme, Schalter – alles drin, alles normal … nur eben komplett ohne Strom. Die Batterien liefern nur noch rund 10 Volt. Mike ruft kurzerhand unseren Elektriker Matthias an, der die komplette Elektrik auf der KAMI neu aufgebaut hat. Zum Glück geht er sofort ans Telefon. Nach einem kurzen Gespräch schaltet er sich von Mallorca aus auf unser Victron-System und prüft alles remote. Und dann kommt der Hammer: Unsere Batterien sind komplett leer, obwohl das System am Abend vorher noch 60 % Kapazität angezeigt hatte!

Laut Matthias war die Kalibrierung fehlerhaft – vermutlich durch ein Server-Update von Victron. Offenbar waren wir schon länger mit viel zu wenig Spannung unterwegs, ohne es zu wissen. Zum Glück hatte Mike damals darauf bestanden, den Generator mit einer separaten Batterie abzusichern, denn wir konnten nicht einmal die Maschinen starten. Also: Generator an, durchatmen und weiter.
Matthias setzt die Batterieanzeige komplett auf null. Jetzt muss der Generator laufen, bis wir wieder bei echten 100 % sind – und diesmal sind 100 % auch wirklich 100 %. Bei LiFePO₄-Batterien entspricht das 14,7 Volt.

Eigentlich wollten wir erst am nächsten Morgen gegen fünf Uhr nach Marie-Galante starten, aber da der Generator die ganze Nacht hätte laufen müssen, wollten wir unseren Ankernachbarn den Krach nicht antun. Also ziehen wir die Abfahrt auf den Nachmittag vor und gehen gegen 17 Uhr Anker auf. Für die 65 Seemeilen brauchen wir rund 13 Stunden.

Wir starten am Nachmittag, setzen die Genua – doch plötzlich funktioniert eine unserer drei elektrischen Winschen im Cockpit nicht mehr. Na toll – was denn jetzt noch alles …
Aber dank Kurbel und Muskelkraft geht es auch so. Für Kathi ist es allerdings ziemlich mühsam, weil die Winsch relativ weit oben sitzt und sie aufgrund ihrer Körpergröße auf dem Steuerstand-Sitz knien muss, um sie bedienen zu können. Sieht witzig aus – und funktioniert.
Am nächsten Morgen gegen 10 Uhr erreichen wir Marie-Galante. Auf dem Weg in die Ankerbucht schlängeln wir uns durch unzählige Fischerbojen (manchmal nur leere Getränkeflaschen) – so etwas haben wir noch nie erlebt. Wir fahren Slalom bis kurz vor den Strand.
Es hat sich gelohnt: Die Bucht ist ein Traum. Weißer Sand, türkisfarbenes Wasser, und bis auf vier andere Ankerlieger nur wenige Besucher am Strand. Es ist herrlich ruhig. Wir verbringen dort drei wunderschöne Tage, schwimmen, genießen das Wasser und die Stille. Piper übt fleißig das Schwimmen und verliert mehr und mehr ihre Angst vor dem Wasser.
Kathi muss zwischenzeitlich „in den Mast“. Unsere Flaggenleine ist gerissen – die Sonne hat mit ihren UV-Strahlen das Gewebe der dünnen Leine völlig zersetzt.

Wir segeln weiter nach Guadeloupe, in die Hauptstadt Pointe-à-Pitre. Sie ist nur drei Stunden entfernt. Dort gibt es einen riesigen Hafen, diverse Yachthändler, und wir hoffen auf das passende Ersatzteil. Die elektronische Steuerbox hat ihren Dienst quittiert und muss ersetzt werden. Wir hatten hierzu auch mit dem Kundendienst des Herstellers (HARKEN Deutschland) telefoniert. Leider wird Mike in keinem der Shops fündig.
Wir ankern so nah an der Fahrrinne, dass wir die vorbeifahrenden Kreuzfahrtschiffe fast mit der Hand berühren können. Uns ist etwas unwohl – also geht es am nächsten Tag weiter nach Saint-Barthélemy – rund 190 Seemeilen, etwa 38 Stunden Passagezeit.

Wir haben uns als Ziel die wunderschöne Bucht Anse du Gouverneur ausgesucht – abseits von Städten und Trubel. Es ist zwar etwas schwellig, aber auf unserer KAMI gut auszuhalten. Nach einem Schnorchelausflug – inklusive Sichtung eines Rochens – fahren wir mit Piper an den Strand. Der ist nicht nur traumhaft schön, sondern auch Brutstätte für Landschildkröten, die überall über den Sand laufen. Wahnsinn! Piper schaut etwas verdattert, interessiert sich aber erstaunlicherweise wenig für die süßen Tierchen.

Zurück an Bord meint Mike plötzlich: „Du, lass uns mal die Motorräume und die Bilgen prüfen, ob alles safe ist.“ Also los – und dann beginnt das Unheil.
Die Bilgen sind trocken – super! – aber im Steuerbord-Motorraum steht Wasser. Bei genauerem Hinsehen entdecken wir, dass die erst letztes Jahr neu eingebaute Wasserpumpe völlig korrodiert ist. Grrr! Schlimmer kann es ja nicht mehr werden … oder doch?
Im Backbord-Motorraum steht Öl. Und das geht wirklich gar nicht. Die Motoren sind – neben Generator und Wassermacher – die wichtigsten Bauteile an Bord. Wir machen alles sauber und entscheiden uns sofort, am nächsten Morgen die Bucht zu verlassen und nach Saint-Martin in die Nähe der Hauptstadt Marigot zu segeln – nur etwa drei Stunden entfernt.

Die Infrastruktur der Insel ist gut, es gibt diverse Yachthändler, und wir hoffen auf passende Ersatzteile – zumindest für die Winsch und die Wasserpumpe, die wir selbst tauschen können. Für den Motor brauchen wir professionelle Hilfe. Auf der Insel gibt es einen Yanmar-Händler und diverse andere Yachtausrüster.

Wir ankern in der riesigen Bucht Baie de Marigot direkt vor der Hauptstadt. Überall Dinghy-Docks und unfassbar viele Schiffe – darunter auch Superyachten mit eigenem Helikopter-Landeplatz.
Als Erstes fahren wir mit dem Dinghy zum Marine-Shop Île Marine. Dort treffen wir auf Fabian, einen supernetten Berater, der sofort hilft, das richtige Teil für die Winsch zu finden, und uns den Kontakt zu Fabrice gibt – ein Mechaniker, der „sehr gut sein soll“.
Kathi schreibt Fabrice sofort, schickt Bilder vom öligen Motorraum und klärt, ob er die vermutlich defekten Dichtungen am Saildrive (Getriebe) wechseln kann und Zeit hat. Er antwortet: „Kein Problem.“ Er geht zu Île Marine, erklärt Fabian, welche Dichtungen wir brauchen, und Fabian bestellt sowohl die Dichtung als auch unsere Wasserpumpe in Miami (USA) – per FedEx, Lieferzeit etwa fünf Tage. Heute ist Freitag, also sollten die Teile Mittwoch oder Donnerstag da sein.

Wir reparieren in der Zwischenzeit die Winsch – klappt super – und kaufen Haltbares für unsere kommende Zeit auf den Bahamas ein.

Das heißt: mehrere Supermarktbesuche, schleppen, ins Dinghy laden, an Bord verstauen – und wieder von vorn. Es dauert, aber wir haben ja Zeit.
Wir besuchen mit Piper eine kleine Tierarztpraxis in Marigot. Impfungen auffrischen, Krallen schneiden und der Rundumcheck für das Gesundheitszertifikat (zum Einklarieren auf den Bahamas) stehen auf dem Programm. Die junge Ärztin ist toll – sie küsst Piper sogar auf den Kopf und geht sehr liebevoll mit unserem Fratz um.

Mit dem Mietwagen erkunden wir noch etwas die Insel, fahren nach Philipsburg, der niederländischen „Hauptstadt“, und schlendern mit Piper über die kleine Strandpromenade.

Dann, am Donnerstag, kommt endlich der ersehnte Anruf: Die Ersatzteile sind da! Kathi schreibt sofort Fabrice. Er antwortet, er komme Freitag früh um 10 Uhr.
Pünktlich um 10 Uhr steht Fabrice an Bord. Wir haben vorher schon die Zugänge zu den Maschinenräumen freigeräumt. Doch sein Gesichtsausdruck, als er in den Motorraum schaut, verheißt nichts Gutes. „Bei diesem Schwell hier in der Bucht kann ich nicht arbeiten“, sagt er nur.
Super. Eine Woche warten – für nichts.

Es ist 10:30 Uhr, Fabrice verlässt die KAMI mit seinem Dinghy. Wir schauen uns an, und Kathi sagt: „Komm, um 12 Uhr müssen wir den Mietwagen abgeben. In der Nähe von Philipsburg gibt es einen Yanmar-Händler und Reparaturservice. Da fahren wir jetzt noch schnell hin.“ Gesagt, getan.
Ein sehr netter älterer Herr sitzt am Tresen. Wir schildern unser Problem. Er blättert im Kalender – wir halten die Luft an – und dann sagt er: „Donnerstag nächste Woche – frühestens.“ Unser Grinsen konnte man vermutlich vom Parkplatz aus sehen. Natürlich nehmen wir den Termin, kaufen gleich den passenden Dichtungssatz und geben noch 10 Dollar Trinkgeld mit der Bitte, uns vorzuziehen, falls jemand abspringt.
Das bedeutet allerdings, dass wir vom französischen Teil der Insel in den niederländischen segeln müssen. Die Insel hat eine Lagune, die beide Seiten verbindet, aber auf der französischen Seite wird die Klappbrücke seit einem lokalen Aufstand in der letzten Woche bestreikt.
Für uns heißt das: außen herum.

Am Samstag wird zuerst die Wasserpumpe gewechselt. Nach Rücksprache mit Nico, unserem Techniker aus der Heimat, gehen wir ans Werk. Neue Pumpe vorbereiten, fetten, montieren – dann die alte Pumpe vom Motorblock ausbauen und die neue vorsichtig einsetzen. Klingt einfach, wäre da nicht der kaum vorhandene Platz in unseren Maschinenräumen. Aber wir schaffen es! Probelauf – alles dicht. Sehr gutes Gefühl.

Am Sonntag machen wir uns auf den Weg zur Simpson Bay Bridge im niederländischen Teil der Insel. Nach einem kurzen Telefonat mit dem Brückenwärter müssen wir erst vor der Brücke ankern und die Durchfahrtsgebühr von 41 US-Dollar bezahlen.
Wir nehmen alle Dokumente mit, denn wir müssen auf diesem Teil der Insel noch „klassisch“ einklarieren – das heißt vor Ort mit vielen Formularen, nicht so fortschrittlich digital wie auf den französischen Überseeinseln.

Im Polizeigebäude treffen wir auf eine freundliche junge dunkelhäutige Dame, die gerade das „Mittagspause“-Schild umdrehen will. Sie lächelt, fragt, ob sie uns noch helfen kann, und meldet die KAMI zur nächsten Brückenöffnung an. Einklarieren können wir allerdings noch nicht, da wir uns in Frankreich nicht abgemeldet haben. Das war uns neu – in Frankreich geht so etwas bequem online. Sie druckt die nötigen Formulare aus und erklärt uns den Ablauf. Wir geben noch 5 US-Dollar Trinkgeld und wünschen ihr eine erholsame Mittagspause.
Nach der Brückenöffnung gegen 14 Uhr fahren wir in die Lagune – und staunen nicht schlecht: Wir haben noch nie so viele Mega-Yachten auf einem Haufen gesehen. Wahnsinn!

Nachdem wir einen freien Ankerplatz gefunden haben, fahren wir zurück zur Immigration. Drei Paare warten bereits vor uns. Plötzlich kommt eine Polizistin heraus, erkennt uns wieder, nimmt unsere Dokumente entgegen – und drei Minuten später haben wir unsere Einreisepapiere. Reibungslos!
Wow! Lag es vielleicht an unserem kleinen Trinkgeld vorhin? Ohne Witz: Direkt an der Scheibe des Schalters steht ein transparenter Kunststoffbehälter mit der Aufschrift „Tip“. In Deutschland undenkbar – aber gut, uns hat es Wartezeit erspart, und die Damen dort waren wirklich sehr nett und freundlich.

Am Nachmittag haben wir noch einen Video-Call mit Mikes Familie und machen uns danach auf den Weg, den Hafen und die Stadt zu erkunden. Piper bleibt an Bord – der ganze Trubel wäre ihr zu viel. Also entspannt sie zu Hundemusik auf Apple Music und genießt die Ruhe.

Am Montagmorgen will Kathi dem Yanmar-Service schreiben, dass wir in der Bucht liegen. Doch nach dem Aufwachen gegen 7:30 Uhr entdeckt sie einen Anruf in Abwesenheit – Vorwahl +1, das kann nur von hier sein – vielleicht Yanmar? Sie ruft zurück, und ein freundlicher Mechaniker namens Gregory meldet sich. Er fragt, ob wir schon da sind und ob wir ihn am Dinghy-Dock abholen können.
Na klar können wir! Mike wird aus dem Schlaf gerissen, springt ins Dinghy, holt Gregory ab, und zehn Minuten später steht er bei uns an Bord und beginnt sofort mit der Arbeit. Mithilfe eines Flaschenzugs, der an unserer Dirk befestigt wird, hebt er den Motor an, um ihn vom Getriebe zu trennen. Der Schaden ist größer als gedacht – und laut seiner Aussage war das Getriebe falsch eingebaut. Deshalb war das Getriebeöl bereits tiefschwarz und die Kupplungsscheiben vorzeitig verschlissen. Durch die beschädigten Dichtungen trat Öl in den Maschinenraum aus.
Mike fährt mit Gregory zur Firma, um die beschädigte Getriebewelle reparieren zu lassen. Gott sei Dank sind die dazu benötigten Kupplungsteile vorrätig. Nach einer Stunde geht es zurück zur KAMI, und Gregory macht sich unverzüglich an den Zusammenbau. Gegen 14 Uhr ist das Werk getan – und die Maschine läuft wieder! Kein Ölaustritt mehr.

Wir fahren gemeinsam mit Gregory zurück zur Yanmar-Werkstatt und bezahlen beim netten älteren Herrn von letzter Woche. Bei der dankbaren Verabschiedung drücken wir Gregory noch ein ordentliches Trinkgeld in die Hand. Er grinst über beide Wangen und freut sich. Wir sind zutiefst dankbar für die rasche und professionelle Hilfe.

Zurück an Bord machen wir gleich eine Wetterrouting-Planung. Es sieht für die nächsten Tage nicht ganz optimal aus. Wir wollen jetzt so schnell wie möglich auf die Bahamas – endlich wieder in kristallklarem Wasser tauchen und die vielen kleinen Inseln mit schneeweißen Stränden genießen.
Ab Samstag sieht es windtechnisch ganz gut aus, also legen wir den Start darauf fest. Geschätzte Passagezeit: fünf Tage. Vorher müssen wir noch einmal Pipers Gesundheitszertifikat aktualisieren lassen, ausklarieren und verderbliche Lebensmittel aufproviantieren. Die Kühlschranktür muss noch nachgestellt und das Schiff segelfertig gemacht werden (Dinghy verzurren, Lagerkisten sichern usw.).

Wir freuen uns sehr auf die Exumas – und auf den bevorstehenden Besuch aus Deutschland Anfang März.

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Resümee zur Atlantikpassage

Ganz ehrlich: Wir haben uns die Überquerung des Atlantiks von Ost nach West ganz anders vorgestellt. Eigentlich ist diese Route ja durch die vorherrschenden Passatwinde für die Seglercommunity eine der beliebtesten. Vor einigen Jahren ist Mike mit der KAMI die entgegengesetzte Route, also von West nach Ost, gesegelt. Diese Route meiden wiederum viele Segler. Sie hat uns (Mike) aber viel besser gefallen. Hier gab es mal ein, zwei schöne Flautentage mit Badespaß im Atlantik und immer wieder mal verschiedene Segelkurse. Damals haben wir 5.200 Seemeilen in 42 Tagen gemeistert. Die jetzige absolvierte Route war in Summe 3.049 nm lang, und wir haben 22 Tage für die Passage gebraucht.

Der Passatwind war auf unserer Überfahrt nicht sehr beständig. Der Wind drehte andauernd von NNW, NE, Ost mit einigen Ausreißern. Über die Hälfte der Zeit hatten wir eher mäßigen Wind, und oft stimmte der benötigte Windwinkel für unser Schiff nicht (so dachten wir anfänglich). Nun ja, wir sind ja mehr oder weniger Segelanfänger – hätten wir uns eher getraut, mit Gennaker und Genua im Schmetterling zu fahren, hätten wir gut und gerne eineinhalb bis zwei Tage an Zeit gespart. Aber gut, wir sind ja noch in der Lernphase – do it yourself! Unsere durchschnittliche Geschwindigkeit betrug 5,8 kn. Unser höchstes Peak lag bei 14,3 kn, während wir eine Böe in unseren Segeln eingefangen haben. Viele der anderen Segler, die sich zur gleichen Zeit auf den Weg über den Atlantik gemacht haben, hatten einen Parasailor an Bord. Das ist ein großes, vor dem Schiff „fliegendes“ Leichtwindsegel, das das Schiff kontinuierlich und entspannt vorwärts zieht. Die Investition in solch ein zusätzliches Segel ist nicht ohne. Wir haben aber für uns schon entschieden, so ein Segel müssen wir uns unbedingt zulegen. Gerade später, wenn es auf den Pazifik geht und die Entfernungen noch gewaltiger werden, wollen wir es uns so leicht wie möglich mit dem gewünschten Vortrieb machen. Mal sehen, ob wir irgendwo in der Karibik einen Parasailor ergattern können.

Was wir damals auf unserer Atlantikroute von West nach Ost auch nicht hatten, waren die vielen nächtlichen Squalls. Oft kündigen sie sich auf dem Radarbild an und man kann teilweise den Kurs noch etwas verändern, meistens ist es aber schon zu spät. Hier gilt, mindestens in den Nachtstunden eine konservative Besegelung auszubringen. Also Reffs in das Großsegel einbinden und die Segelflächen der Vorsegel verkleinern – je nachdem wie doll es bläst. Segeln am Limit erhöht das Risiko von Materialverschleiß und Mastbruch. Dann doch bitte eher behutsamer.
Nach der Hälfte der Wegstrecke über den Atlantik mussten wir uns von der anfänglich von wetterwelt.com versprochenen entspannten Überfahrt verabschieden. Ein Tiefdruckgebiet aus dem Nordosten wird uns heimsuchen. Vorhergesagt waren 3 bis 4 Meter Welle und bis zu 35 kn in Böen. 

In Deutschland hatten wir bei wetterwelt.de ein Wetterrouting von Europa bis in die Karibik angefragt. Schnell waren wir uns im Juli preislich einig geworden und haben bis hier in die Karibik ein individuelles Streckenrouting per E-Mail erhalten. Parallel dazu haben wir bei Windy und PredictWind auch auf eigene Faust Planungen und Kalkulationen angestellt.
Zusammenfassend können wir sagen, dass wir die Routenplanungen auch allein hinbekommen hätten. Oft lagen die Vorhersagen aus Deutschland weit neben der Realität hier draußen auf dem Atlantik. Auch konnten wir das eine oder andere mal die übermittelten Wegpunkte gar nicht ansegeln, da es nicht zum Polardiagramm der KAMI passte (segelbare Windwinkel). Zum Ende der Passage haben wir nach unserem Bauchgefühl Kurs gesetzt – und sind damit auch nicht schlecht gefahren.
Das Wetterrouting war für uns Anfänger eine Art „Sicherheit“. Wir trauen uns aber jetzt für die Zukunft eine eigene Routenplanung zu – natürlich mit der entsprechenden Software und unserer Datenverbindung via Starlink.

Während der Überfahrt hatten wir nur kurz einmal Begegnung mit einer kleineren Delfinschule. Unsere Angelbemühungen brachten lediglich den Fang eines einzigen, sehr wohlschmeckenden Mahi Mahi.

Größere Schäden am Boot blieben uns erspart. Eher kleinere Patzer oder Mängel, wie ein abgebrochener Schrankknopf, ein verbogener Karabiner, eine gebrochene Segellattenhalterung, eine tropfende Deckenlampe oder eine lose Rettungsinsel in der Heckhalterung. Die Zylinderhalterung des Autopiloten hatte sich gelockert, und der Motor des Wassermachers macht zeitweise komische hochfrequente Schleifgeräusche.

Gesundheitlich waren wir in den drei Wochen abwechselnd etwas angeschlagen. Kathi hatte eine ganze Weile mit einer milden Seekrankheit zu kämpfen und bekam plötzlich ein „Musauge“ – woher, wissen wir nicht. Mike hatte sich ja zu Beginn der Reise an der linken Hand verletzt und war einige Tage leicht erkältet.

Das durch die hohen Wellen verursachte Schlafdefizit hat uns alle drei erwischt. Die erste Nacht im Hafen Pointe du Bout in Martinique war für uns alle eine Tiefschlafphase, wie wir sie so noch nicht erlebt haben. Unsere Körper haben sich den fehlenden Schlaf geholt. Diese Nacht war eine echte Wohltat.

Wir haben die Passage auch ohne Buddyboot oder Sicherheitsbegleitung einer ARC (gemeinsame Rallye von 150 Booten) geschafft. Wir sind nach wie vor Segelanfänger, auch wenn Mike nun schon fast 10.000 Seemeilen für sich verzeichnen kann. Gemeinsam sind wir stolz, es geschafft zu haben, und freuen uns jetzt auf schöne und erholsame Tage auf Martinique. Wir freuen uns sehr auf den Besuch von Lea-Marie über die Weihnachtstage und auf den anstehenden Jahreswechsel, bis es weiter nördlich in Richtung Guadeloupe gehen soll.

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Atlantic Crossing – Seetagebuch

1. Seetag – Sonntag, 16.11.

Wir starten pünktlich gegen 8 Uhr und verlassen die Marina in Santa Cruz de La Palma. Die Sonne scheint, der Wind bläst mäßig. Am Samstagnachmittag haben wir die Routing-Mail von Alina (wetterwelt.com) bekommen und die geplanten Wegpunkte für die ersten zehn Seetage in unseren Plotter eingegeben. Sie hat eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 5,6 Knoten angesetzt. Insgesamt sind es etwa 2.550 Seemeilen bis Martinique, geplante ETA ist der 5. Dezember.

Nachdem wir den Hafen verlassen haben, setzen wir Großsegel und Genua und machen zunächst um die 5 Knoten Fahrt. Leider schläft der Wind rasch ein, und wir befinden uns in der Landabdeckung. Also Großsegel runter und Genua weg. Stattdessen rollen wir den Gennaker, unser Leichtwindsegel, aus und machen so weiter zwischen 4 und 5 Knoten Fahrt. Gegen Abend wollen wir eine Halse fahren und ziehen uns dabei aus Versehen das Relingsnetz in den Steuerbord-Gennakerblock. Ich (Mike) greife schnell hinterher (leider ohne meinen Grips einzuschalten) und quetsche mir den linken Ringfinger und verbrenne mir den Zeigefinger. Ein lauter Schrei hallt über das Meer, und Kathi kommt sofort zu Hilfe. Die Schmerzen an den Fingern sind kaum zu ertragen. Warum habe ich meine Handschuhe nicht angezogen? Ein Eispack und zwei Ibuprofen helfen mir über die nächsten Stunden. Ärgerlich.

Gegen 18:30 Uhr wird es dunkel und wir entscheiden uns, mit Genua und Backbord-Maschine durch die Nacht zu fahren – in der Hoffnung, dass der Wind endlich stabiler wird und wir aus der Abdeckung der Insel La Palma kommen. Die Nacht ist sehr schwellig. Wellenberge von bis zu 3 Metern treffen uns seitlich an Steuerbord und schlagen unter der Gondel (der Mitte des Katamarans) zusammen. Das gibt fürchterliche Rumpel- und Rumpsgeräusche, super laut. Schlaf finden wir nur schwer. Kathi leidet schon wieder an leichter Übelkeit (meistens in den ersten Tagen auf Passage), findet aber gegen Mitternacht Schlaf und Träume.

Piper kommt mit dem Start der Atlantiküberquerung sehr gut klar. Sie schläft viel und schmust gerne. Ich sitze – wie so oft – um Mitternacht am Kartentisch, als mir ein weißes Blinken in unserer achterlichen Kabine auffällt. Ich gehe runter und sehe, wie ein Deckenstrahler blitzt und blinkt. Das Gehäuse ist heiß und der Strahler lässt sich nicht ausschalten. Was ist das? Schnell hole ich einen passenden Innensechskantschlüssel aus der Schublade und montiere den Deckenstrahler ab. Dabei kommt mir ein Schwall Salzwasser entgegen – das Bettlaken ist nass. Ich schaue verdutzt und trenne die Funzel schnell vom 12-Volt-Strom. Kurzschluss! Na prima – was für ein toller erster Seetag. Leider lässt sich nicht herausfinden, wo das Wasser oben aus der Kabinendecke herkommt. Ich lege erst einmal ein Handtuch und Küchenrolle aus.

Gegen 2 Uhr lege ich mich auch auf unser Schlaflager im Salon. Piper schnarcht und Kathi ist im Land der Träume. Ich stelle Plotter und Radaralarm ein und richte mir Timer im Zweistundenrhythmus ein. So richtig komme ich aber nicht zur Ruhe. Erst als es gegen 7:30 Uhr langsam hell wird, falle ich in einen kurzen Tiefschlaf. Seit gestern Abend konnten wir kein Schiff in unserer Nähe oder auf unserer Kurslinie ausmachen.

Gegen 9 Uhr stehen wir auf und trinken einen Kaffee. Piper hat schon wieder Hunger und fordert ihr Frühstück ein. Für uns gibt es eine Tasse mit Crunchy und Kellogg’s. Nach dem Frühstück setzen wir wieder das Großsegel und die Genua und stellen die Backbord-Maschine ab. Bei einem Windwinkel von 140 Grad halten wir unseren Kurs grob in Richtung des nächsten Wegpunkts. Vormittags versuche ich mein Glück mit der Angel. Es gibt tatsächlich einen kräftigen Biss, doch nach der Hälfte der eingeholten Angelschnur verlieren wir das Sushi. Schade. Weiterprobieren.

(Klick auf das Foto für vergrößerte Ansicht)

2. Seetag – Montag, 17.11.
Erstes Etmal: 135 Seemeilen (24 Stunden)
Windstärke zwischen 2 und 4 Beaufort (max. kurzzeitig 21 Knoten)
Großsegel voll – Genua voll

Wir dösen im Salon, das Wetter ist wechselhaft. Wir machen etwa 6 Knoten Fahrt und unser nächster Wegpunkt ist 73 Seemeilen entfernt. Kathi kämpft noch mit ihrer Übelkeit, und ich will versuchen, sie wenigstens zu einer kleinen Mahlzeit am Abend zu überreden. In weiser Voraussicht hat sie auf La Palma für fünf Tage vorgekocht – gut so. Der Schwell ist mit 2,5 bis 3 Metern noch immer sehr unangenehm. Morgen soll er langsam nachlassen und sich um die 2 Meter einpendeln. Mitte der Woche lässt der Schwell hoffentlich noch weiter nach. So wäre die Überfahrt deutlich entspannter und ruhiger. Wir sind gespannt.

Bis zum Nachmittag machen wir kein einziges Schiff aus. Viele der Atlantikstarter haben ihren Kurs südlich in Richtung Kapverden abgesetzt. Nur eine Handvoll anderer Segler zieht es direkt hinüber in die Karibik. Am Sonntag kommt dann der Pulk der rund 150 Segelboote der ARC, startend von Gran Canaria in Richtung Karibik, Saint Lucia. Zu diesem Zeitpunkt haben wir – sofern alles gut geht und der Wind uns nicht hängen lässt – schon eine Woche Vorsprung mit knapp 1.000 Seemeilen im Kielwasser.

Die Nacht ist durch den immensen Schwell sehr laut. Die Wellenberge donnern gegen und unter das Schiff, an erholsamen Schlaf ist nicht zu denken. Dazu kommt, dass der Wind ständig hin- und herdrehst und wir keinen richtigen Kurs finden. Mit voller Besegelung gehen wir auf südlichen Kurs und verlassen damit eigentlich unsere geplante Wegpunktroute. Gegen 6 Uhr dreht der Wind weiter auf Südost, wir würden nun völlig in die falsche Richtung fahren. Also fahren wir eine Halse und gehen auf Gegenkurs. Auch hier finden wir keinen beständigen Wind und holen eine Stunde später Großsegel und Genua ein.

Wir rollen den großen Gennaker aus und setzen den Kurs auf den 155 Seemeilen entfernten Wegpunkt ab. Der Wind brist auf 25 Knoten auf – eigentlich viel zu viel für das Leichtwindsegel – und wir machen um die 8 Knoten Fahrt. In Anbetracht unseres nächtlichen Wegverlustes erfreulich. Dann höre ich die Angelrute klicken: ein Biss. Ich hole die Angelschnur ein und merke nach gut der Hälfte, dass sich der Haken gelöst haben muss. Wieder kein Angelglück.

Als ich meinen Kopf zum Heck drehe, sehe ich unsere Rettungsinsel, die sich aus der Halterung gelöst hat und „auf halb acht“ hängt. Oh nein. Schnell öffne ich den Seezaun und versuche, den Container, in dem sich die Rettungsinsel befindet, mit einem Gurtband zu fixieren. Das gelingt, sie scheint erst einmal wieder fest zu sitzen. Die hohen Wellen haben die Rettungsinsel ständig in der Halterung nach oben gedrückt, dadurch muss sich ein Fixierband gelockert haben. Gut, dass mir das aufgefallen ist. Nicht auszumalen, wenn wir die Insel unbemerkt verloren hätten oder sie ins sprudelnde Heckwasser gefallen wäre.

Bis jetzt war jeder Tag aufregend. Langsam darf es bitte etwas ruhiger werden. Besonders der krasse Schwell macht uns zu schaffen.

Noch ein Nachtrag: Heute früh haben wir auf der Steuerbordseite während unserer ersten Gassirunde an Deck riesige Fischschuppen und eine bräunliche Blutspur an der Mittelklampe entdeckt. Abenteuerlich. Was war hier in der Nacht los? Es sind keine Überreste von Meeresbewohnern an Deck zu finden, nur Schuppen und Blut. Die Nacht war und ist stockdunkel, und von 18:30 Uhr bis 7:30 Uhr fühlt sie sich auch besonders lang an.

3. Seetag – Dienstag, 18.11.
Zweites Etmal: 136 Seemeilen
Gesamt: 270 Seemeilen
Bis Martinique: 2.354 Seemeilen
Windstärke zwischen 5 und 6 Beaufort
Gennaker voll bei 144 Grad

Der heftige Atlantikschwell sitzt uns noch immer in den Knochen, aber wir kommen gut voran und hoffen auf ein gutes nächstes Etmal (Zeitmessung von 12 Uhr mittags bis zum nächsten Tag um 12 Uhr). Wir ruhen uns aus, soweit das bei dem Geschaukel möglich ist, und essen abends selbst gekochten weißen Bohneneintopf. Lecker. Gegen 18:15 Uhr wird es dunkel und kurz darauf ist wieder pechschwarze Nacht. Wir machen es uns im Salon bequem und schauen über Starlink und VPN-Tunnel ein, zwei deutsche Komödien.

Gegen 23 Uhr hören wir einen Knall in der Nähe unseres achterlichen Cockpits. Piper schreckt auf, schaut sich um und fängt an zu bellen und zu schimpfen. Sie läuft zur Salontür und ihr Fell stellt sich auf. Was hat sie nur entdeckt? Wir können nichts erkennen und versuchen, sie wieder zu beruhigen. Das gelingt recht schnell und wir legen uns wieder auf unser selbstgebautes Passagebett im Salon und schlafen ein.

In der Nacht löst der Radaralarm aus. Kein annäherndes Schiff, sondern ein Squall, eine Schlechtwetterzelle mit Regen und Gewitter, etwa 5 Meilen südlich unserer Position. Sie zieht rasch vorbei, und so vergeht die Nacht ohne weitere Kontakte, bis es langsam gegen 7:20 Uhr hell wird. Draußen nieselt es. Kathi geht mit Piperli zur morgendlichen Decksrunde, und kaum ist sie draußen, höre ich ein lautes „Iiihh“. Hinten liegt ein toter fliegender Fisch. Seine Schuppen sind über die Stufen verteilt und kleben überall am GFK. Wir ziehen Piper vom Fisch weg – zu gerne würde sie kosten, so sieht es jedenfalls aus.

Nach dem morgendlichen Schreck gibt es ein schönes Frühstück mit selbst gebackenem Brot und Spiegeleiern. Köstlich. Gegen halb elf passiert uns an der Backbordseite ein kleineres Kreuzfahrtschiff mit Namen „MARINA“. Es ist in La Gomera auf den Kanaren gestartet und hat Barbados in der Karibik als Zielhafen. „Hey, warte und zieh uns hinterher“, denken wir uns im Spaß. Der Wind hat nachgelassen und wir machen gerade einmal 4 Knoten Fahrt, also rund 7 km/h. Da kommt uns das von hinten überholende Kreuzfahrtschiff mit seinen knapp 18 Knoten Fahrt wie ein Speedboot vor.

Die Sonne ist wieder da und wir hören chillige Musik. Piper liegt an Deck in der Sonne und schlummert. Die Angel ist draußen. Mike hat sich nun zusätzlich zu seinem kleinen Handunfall auch noch eine Erkältung eingefangen. Was soll’s – bis Martinique ist hoffentlich alles wieder okay.

4. Seetag – Mittwoch, 19.11.
Drittes Etmal: 140 Seemeilen
Gesamt: 400 Seemeilen
Bis Martinique: 2.084 Seemeilen
Windstärke zwischen 4 und 5 Beaufort
Gennaker voll bei 147 Grad – teilweise läuft die Maschine mit

Der Schwell beruhigt sich langsam, und je näher der Abend rückt, desto mehr schläft der Wind ein. Dafür sind wir jetzt regelmäßig von Squalls umzingelt – der Radaralarm piept fast im Viertelstundentakt, und wir sehen die Regengebiete um uns herumziehen. Wir essen zum Abend die letzte Portion weißen Bohneneintopf und bereiten uns für die Nacht vor. Mike nimmt Paracetamol sowie frischen Pfefferminztee mit Ingwer zur Schlafförderung ein.

Dann holen uns die Regenfronten ein, und die KAMI wird ordentlich abgeduscht – zu unserer Freude, denn so wird die Salzkruste auf dem Schiff über Bord gespült. Gegen Mitternacht fällt der Wind auf 6 Knoten ab, und wir machen nur noch 2 bis 3 Knoten Fahrt. Der Gennaker flattert wie ein altes Handtuch auf der Wäscheleine, also holen wir ihn ein und fahren mit einer Maschine weiter. Wir nutzen die Flaute, um unseren Kurs zu korrigieren, den wir zuvor wegen des nicht optimalen Windwinkels nicht halten konnten. Die Maschine dreht mit 1.800 U/min, und wir machen 4 bis 5 Knoten Fahrt. So brummt es wieder durch die stockdunklen Nachtstunden.

Der Atlantik beruhigt sich mehr und mehr, der Schwell wird endlich erträglich, sodass wir längere Schlafphasen genießen können. Morgens weckt uns die Sonne; die Regengebiete liegen nun fast 30 Seemeilen entfernt, und wir fahren weiter Richtung Westen. Die Flaute soll bis morgen Nachmittag anhalten. Wir nutzen die ruhige See, füllen 50 Liter Diesel in den Backbordtank nach, und Kathi wirft eine Waschmaschine an und befreit den Salon von Staub und Hundehaaren.

Mir fällt auf, dass wieder Wasser durch den Deckenlampensockel in unserer Kabine getropft ist – bei den nächtlichen Regengüssen kein Wunder. An Deck entdecke ich in der Nähe eine lose Persenninghalterung: Die Schraube steckt nur locker und greift nicht mehr. Ich entferne sie und verschließe die Löcher provisorisch mit Panzertape. Beim nächsten Regenguss werden wir sehen, ob hier das Problem des Wassereinbruchs liegt – sonst könnten wir uns keinen Reim darauf machen. Auch an diesem Seetag kein Anglerglück. Ich versuche, das Schleppangel-Setup zu verbessern (andere Köder + mehr Blei). Wir werden sehen.

5. Seetag – Donnerstag, 20.11.
Viertes Etmal: 115 Seemeilen
Gesamt: 515 Seemeilen
Bis Martinique: 2.107 Seemeilen
Windstärke zwischen 0 Flaute und 1
Keine Segel – wir motoren

Wir motoren weiter, denn die Flaute soll noch bis zum Nachmittag anhalten. Wir arbeiten ein wenig digital und beschäftigen uns mit dem Wetterrouting von Predictwind. Sehr interessant: Nach der Routenberechnung sollen wir in 17 Tagen in Martinique eintreffen. Niemals!

Durch die Flaute haben wir endlich Ruhe im Schiff. Wir nutzen die Zeit für einen kleinen Rundumschlag. Die Sonne scheint, und bei Wind könnte man von Champagnersegeln sprechen. Wir hoffen, dass der Wind bald wiederkommt. Die Nacht ist ruhig, und wir finden alle drei mal wieder tiefen Schlaf. Gegen Morgen ist das Meer fast spiegelglatt. Wir lesen 1,6 Knoten Windgeschwindigkeit ab und stellen die ersten Treibstoffrechnungen an. Bisheriger Verbrauch durch die Motorstunden: knapp 90 Liter. Das macht 3 bis 4 Liter pro Stunde bei 1.800 U/min und 4,5 Knoten Fahrt. Mit unserem gesamten Diesel kämen wir auf ca. 900 Seemeilen. Wir hoffen aber, dass der Wind heute Nachmittag oder abends wieder einsetzt und wir segeln können. Das Motorenbrummen reicht erst einmal.

Ich werfe gleich nach Tagesanbruch die Angel erneut aus. Gegen 10 Uhr ist er endlich da – der richtige Biss! Wir holen einen schönen Mahi-Mahi an Bord. Das Heck sieht aus wie nach einer Schlachtung. Wir halten uns ran, den Fisch zu filetieren und das Boot danach zu putzen. Welch eine Freude – endlich ein richtiger Fang! Abends geht er auf den Grill.
Wir sind happy.

6. Seetag – Freitag, 21.11.
Fünftes Etmal: 111 Seemeilen
Gesamt: 626 Seemeilen
Bis Martinique: 1.990 Seemeilen
Flaute
Wir motoren

Der Wassermacher läuft, und wir füllen unsere Frischwassertanks mit 150 Litern nach. Wir wollen die Tanks mit 600 Litern Volumen nicht mehr ganz füllen – das Gewicht bremst uns nur aus. Wir einigen uns auf die Hälfte, das reicht noch zum täglichen Duschen, Abwaschen und für die eine oder andere Waschmaschine. Zur Not produzieren wir pro Stunde 100 Liter nach.

In den letzten 24 Stunden haben wir kein einziges Schiff gesehen. Nachmittags taucht die polnische „Meteor“ auf dem Plotter auf – ein Segelboot mit vermeintlich gleichem Kurs hinüber in die Karibik. Die „Meteor“ hatte uns letzte Nacht überholt, jetzt dümpelt sie ohne Fahrt im Flautenfeld. Wir motoren langsam vorbei und sind gespannt, ob und wann sie uns wieder einholt, wenn der Wind zurückkehrt. Zum Abend bereitet Kathi den frisch gefangenen Mahi-Mahi auf dem Herd zu. Er landet doch nicht auf dem Grill, sondern zu einem Drittel gedünstet in Pipers Fressnapf und zu zwei Dritteln im Backofen mit Zitronenbutter bestrichen plus Microgreens-Petersilie aus dem Schiffssalon. Eine Delikatesse – das Abendbrot ist perfekt und schmeckt himmlisch.

Nachdem die Sonne gegen 19 Uhr untergegangen ist, machen wir es uns wieder auf unserem Salonlager bequem. Auf einer externen Festplatte haben wir über 400 Spielfilme und Serien dabei. Davon schauen wir zwei, und so geht es in die Nacht. Gegen Mitternacht kommt langsam der Wind zurück, und einige Squalls ziehen dicht an uns vorbei. Zur Prävention legen wir die externen Festplatten, das Sat-Telefon, ein Handy, eine Handfunk und Mikes Laptop in den Backofen – er wirkt bei einem etwaigen Blitzeinschlag wie ein Faradayscher Käfig. Wir haben Glück, und die Gewitterzellen ziehen vorbei.

Gegen 3 Uhr bringen wir den Gennaker wieder aus und schalten die zuvor laufende Backbord-Maschine ab. Zwar ändert sich der Kurs durch die neue Windrichtung, aber grob passt es erst einmal. Durch den Wind nimmt die Welle wieder zu, und es wird laut im Schiff – so laut, dass diesmal Kathi keinen Schlaf findet. Gegen Morgen klagt sie über starke Kopfschmerzen und Halsweh. Sie bekommt Medikamente, einen Kräutertee und legt sich zu einem ausgiebigen Vormittagsschlaf hin.

7. Seetag – Samstag, 22.11.
Sechstes Etmal: 128 Seemeilen
Gesamt: 754 Seemeilen
Bis Martinique: 1.886 Seemeilen
Flaute bis 3 Uhr nachts – danach 3 bis 4 Beaufort
Wir motoren bis 3 Uhr, danach unter Gennaker

Wir haben ordentliche Windsee, und die KAMI wird kräftig durchgeschüttelt. Dieser Zustand soll nun einige Tage anhalten. Der Wind hat aufgefrischt, und wir machen gute Fahrt. Leider ist der Windwinkel für unseren eigentlichen Kurs nicht optimal, sodass wir mit 145 Grad kreuzen müssen, um voranzukommen. Gegen Abend entscheiden wir uns für einen südlicheren Kurs und machen gut Strecke. Der Nachteil: Wir kommen unserem Ziel nicht viel näher. Durch das Kreuzen geht viel Zeit und Weg verloren. Trotzdem tasten wir uns langsam heran – Stück für Stück.

Seit Tagen kein Schiff in Sicht – das ändert sich heute. Auf dem Plotter taucht eine AIS-Linie auf, die frontal auf uns zukommt: der Frachter „Donaugracht“. Wir berechnen die Kurse, und uns wird es mulmig. Je näher wir kommen, desto öfter kreuzen sich die Linien. Das liegt auch daran, dass die KAMI im „Windmodus“ des Autopiloten fährt und bei der hohen Windsee die Kurslinie ständig springt. Ein schneller Kurswechsel wäre hier schwierig – wir müssten halsen und Segel einholen. Als wir nur noch wenige Meilen entfernt sind, tritt Piper auf den Plan: Sie bellt und schimpft in Richtung Frachter. Security Dog im Einsatz. Sweet! Wir passieren recht nah an seiner Backbordseite und fragen uns warum er nicht mehr abgedreht hat? Wer weiß.

Humpelig geht es in die Nacht. Auf dem Radar sind etliche Squalls zu sehen, und wir hoffen, ohne Kontakt durchzuschlüpfen. Reines Wunschdenken! Der Wind nimmt zu, die KAMI läuft immer schneller – in Spitzen bis 12,5 Knoten. Zu viel. Wir wünschen uns, dass die wahre Windgeschwindigkeit abnimmt – da geht ein Schlag durch die KAMI, wir hören lautes Rauschen und spüren ein Schlingern. Der Plotter zeigt: 31,5 Knoten wahrer Wind! Schockstarre! Unbemerkt sind wir in einen Squall geraten. Wir springen auf, ziehen Rettungswesten an und stürzen zum Steuerstand, um den voll ausgeholten Gennaker wegzunehmen. Ein Leichtwindsegel für bis 15 Knoten – über 30 geht gar nicht, Rigg oder Tuch könnten beschädigt werden. Beim Einholen lässt die Bö nach, und wir rollen es ohne Risiko gut weg. Glück gehabt. Es gießt wie aus Eimern, wir sind in zwei Minuten nass bis auf die Haut. Wir setzen die Genua, Großsegel im 2. Reff – safe Setup, gute Fahrt.

8. Seetag – Sonntag, 23.11.
Siebtes Etmal: 141 Seemeilen
Gesamt: 893 Seemeilen
Bis Martinique: 1.767 Seemeilen
Windstärke zwischen 4 und 5 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Gennaker ab 0 Uhr Wechsel auf Genua

Wir kommen einigermaßen gut voran. Der Wind bläst aus Ost-Nordost, und wir segeln „Vorwind“ – der Wind bläst achterlich ins Segel. Aufgrund der Bauart unseres Katamarans können wir leider nur bei Vorwindkursen mit einem Winkel zum wahren Wind von maximal 145 Grad fahren. Das heißt, die KAMI braucht Wind schräg von hinten, sonst müssen wir etwas eindrehen. So ist es gerade bei uns. Einen direkten Kurs westwärts können wir nicht nehmen, sondern nur Südwest oder Nordwest segeln. Deshalb müssen wir regelmäßig halsen und die Kurslinie kreuzen. Dadurch benötigen wir mehr Zeit und Strecke als andere Segler, die direkt vor den Wind segeln können.

In der Praxis werden wir von Segelbooten überholt, die mit uns in Richtung Karibik gestartet sind. Das sorgt bei uns für ein wenig Frust, und wir rechnen damit, dass wir unseren angestrebten Ankunftstermin in Martinique nicht halten können. Natürlich haben wir alle Zeit der Welt – trotzdem ärgern wir uns ein bisschen darüber, dass wir segeltechnisch durch den Katamaranaufbau eingeschränkt sind.

Nachmittags werfen wir die Angel wieder aus und haben tatsächlich einen kräftigen Biss. Wir schaffen es kaum, die Leine mit der Rolle einzudrehen, bis sich der Fisch im letzten Moment doch noch befreit. Wahrscheinlich waren wir zu schnell. Wir probieren es weiter.

Abgesehen von der kräftigen 2-Meter-Windsee war der Tag recht entspannt. Kathi hat sich mit unserer 3D-Kamera Insta 360+ beschäftigt, und Mike las ein Ebook von Segelaussteigern. Abends gab es einen Schweinebraten mit Kartoffelstampf – super lecker!

Die erste Nachthälfte war sehr laut und unruhig. Erst als Mike auf Gegenkurs wechselte, kehrte etwas Ruhe ein und wir alle fanden Schlaf.

Seit den Morgenstunden läuft der Generator. Durch die erschwerten Ruderbedingungen in der Nacht hat unser hydraulischer Autopilot ordentlich Strom verbraucht, sodass die Batteriebänke auf 77% gefallen sind. Trotz Solarertrag werden wir einige Stunden zum Laden brauchen. Nebenbei produzieren wir heißes Wasser und Frischwasser mit dem Watermaker.

9. Seetag – Montag, 24.11.
Achtes Etmal: 135 Seemeilen
Gesamt: 1.038 Seemeilen
Bis Martinique: 1.658 Seemeilen
Windstärke zwischen 4 und 5 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Genua ab 9 Uhr Wechsel auf Gennaker

Wir kreuzen nach wie vor und nutzen die raumen Kurse. Dadurch verplempern wir weiter Zeit und Strecke, und der Abstand zu den anderen Seglern wird immer größer. In der Nacht wechseln wir wieder von Gennaker auf Genua – zu sehr rauschen die Wellen achterlich ans Schiff. Die KAMI ächzt und knarrt, Schlaf finden wir so nicht. Wir gehen auf Gegenkurs und ändern die Besegelung. Der Wind ist so stark, dass Mike den Gennaker kaum einrollen kann – der Druck im Tuch ist enorm. Nach großer Anstrengung meistern wir das Manöver und gehen gegen 1 Uhr ins Bett.

Kathi übernimmt den Großteil der Nachtwache und sieht auf dem Plotter, wie die zwei Segler in unserer Nähe an uns vorbeiziehen. In den Morgenstunden entlädt sich eine Schauerzelle über der KAMI – wie eine Fahrt durch die Waschanlage. Regenwasser strömt vom Oberdeck nach unten, und wieder tropft es aus dem Lampensockel in unserer Kabine. Wo kommt es nur genau her? Wir forschen weiter.

Langsam geht frisches Obst und Gemüse zur Neige. Die Bananen haben sich zuerst verabschiedet, gefolgt von den Birnen. Noch ein paar Äpfel und Südfrüchte halten durch. Täglich checken wir und sortieren angegangenes Obst/Gemüse aus. Die Angel ist draußen, doch durch zunehmendes Sargassum wirds schwieriger – die Algen verfangen sich in Leine und Köder. Nachmittags Videocall mit Basti: Toll, dass wir dank Starlink hier draußen gute Datenverbindungen haben. Sonst nichts Neues. Die Zeit vergeht schnell – obwohl wir langsam unterwegs sind.

10. Seetag – Dienstag, 25.11.
Neuntes Etmal: 125 Seemeilen
Gesamt: 1.297 Seemeilen
Bis Martinique: 1.445 Seemeilen
Windstärke zwischen 2 und 2 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Gennaker voll / ab 2:00 Uhr motoren

In der Nacht nehmen wir ein immer lauter werdendes Knarzen aus dem Heckbereich wahr. Mike vermutet den hydraulischen Autopiloten als Ursache, und tatsächlich: Im Backbordmaschinenraum stellen wir fest, dass sich die Halterung des Hydraulikzylinders, der mit der Lenkstange verbunden ist, etwas gelöst hat. Wegen der Bewegungen drückt der gelockerte Zylinderfuß in die hölzerne Befestigungsplatte.

Wir ziehen raschg alle vier Befestigungsbolzen wieder fest, und die störenden Geräusche verschwinden. Im Hafen werden wir die Bolzen nochmals nachziehen und mit Loctite sichern.

Nach dem Frühstück sehen wir erstmals seit Beginn der Passage wieder Delfine. Eine kleine Dreiergruppe zeigt sich für einige Minuten unter unserem Trampolin im Bugbereich. Die Wassertemperatur liegt jetzt bei 28 Grad Celsius – auf den Kanaren waren es noch 24 Grad. Wir kommen also unserem Ziel näher.

Auch nachts ist es im Salon durchgehend warm, und wir bedecken uns nur noch mit leichten Tüchern – normales Bettzeug ist nicht mehr angenehm.

Am Vormittag erhalten wir Post von Alina (wetterwelt.com): Der Wind soll noch weiter nachlassen, und ab dem 1. Dezember rollt ein Tiefdruckgebiet aus Norden über uns mit Böen bis 32 Knoten und Squalls mit Gewittern. Klasse. Wir studieren verschiedene Wettermodelle im Detail und beschließen, uns mehr südlich zu halten, um den zahlreichen angekündigten Squalls möglichst aus dem Weg zu gehen. Wind und über 3 Meter hohe Wellen werden uns dennoch erreichen.

So richtig kommen wir mit unseren Segel-Setups nicht voran, da wir verschiedene Parameter wie Windrichtung, Windwinkel, Geschwindigkeit und Windstärke beachten müssen. Anders als Einrumpfsegler können wir wegen des stehenden Guts bei Katamaranen nicht beliebig segeln, sondern nur bei raumen Kursen. Bei achterlichem Wind (um 180 Grad) geht nichts mehr.

Deshalb durchforsten wir online hilfreiche Informationen zu Segelstellungen mit und ohne Hilfsmittel wie Barbarholer & Co. Auf YouTube finden wir einige gute Videos und planen, die Segelstellung „Butterfly“ am nächsten Tag auszuprobieren. Wir wissen jetzt schon: Ein Parasailer soll her, ein freifliegendes Segel, das bei achterlichen Winden für ruhigen und konstanten Vortrieb sorgt. Wir werden in der Karibik entsprechend Ausschau halten.

11. Seetag – Mittwoch, 26.11.
Zehntes Etmal: 125 Seemeilen
Gesamt: 1.422 Seemeilen
Bis Martinique: 1.320 Seemeilen
Windstärke zwischen 2 und 3 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Gennaker voll / ab 2:00 Uhr motoren

Nachdem wir die Nacht bei nur 4 Knoten Wind durchgemotort haben, setzen wir gleich nach dem Frühstück unser Vorhaben um: die Segelstellung „Butterfly“. Damit können wir bis zu 175 Grad zum Wind fahren – ein direkterer Kurs Richtung Martinique ist möglich, das ständige Kreuzen entfällt. Wir setzen den Gennaker auf Backbord und die Genua auf Steuerbord. Die Genua „ausbaumen“ wir leicht nach außen, damit sie nicht einfällt. Und tatsächlich klappt es: Bei 10 Knoten Wind machen wir gut 5 Knoten Fahrt. Cool – wieder etwas dazugelernt! Learning by doing! Anders geht es ja auch nicht.

In weiser Voraussicht auf das kommende Tiefdruckgebiet befüllen wir die Treibstofftanks erneut. Insgesamt 200 Liter Diesel haben wir schon verbraucht (Generator + Backbord-Maschine während der Flauten). Noch 500 Liter stehen zur Verfügung – das ist okay.

Unsere Brotvorräte neigen sich dem Ende zu. Also backen wir noch ein leckeres Sauerteigbrot, bevor die ruppigen Seetage ab 1. Dezember beginnen. Heute Abend nehmen wir an einem Online-Microseminar unseres Vereins teil: Thema „Proviantieren für Langfahrt“. Wir erhoffen uns Tipps zur Lagerung von frischem Obst und Gemüse. Mit der Zeitzone klappt es um 17:30 Uhr. Besonders nützlich: Tipps zu Hühnereiern – mit Öl abreiben, luftig lagern, regelmäßig drehen. So sollen Eier monatelang ohne Kühlung haltbar sein. Die Tipps setzen wir gleich nächsten Vormittag um.

Die Nacht fahren wir weiter im Schmetterling. Bei durchschnittlich 10 Knoten Wind machen wir 4 bis 5 Knoten Fahrt. Vermutlich wird das kommende Etmal unser bisher schlechtestes – aber bei mäßigem Wind ist momentan nichts mehr rauszuholen (jedenfalls für uns Segelanfänger).

12. Seetag – Donnerstag, 27.11.
Elftes Etmal: 109 Seemeilen
Gesamt: 1.406 Seemeilen
Bis Martinique: 1.344 Seemeilen
Windstärke zwischen 2 und 3 Beaufort
Gennaker und Genua im Schmetterling (bis 7:00 Uhr danach – Großsegel im 2. Reff und Gennaker)

Tagsüber beschäftigen wir uns wieder mit den Wind- und Wetterprognosen. Ab Samstag soll es mit Böen bis 35 Knoten ruppiger werden. Wir vorsorgen: Trinkwassertanks auffüllen, für uns und Piper vorkochen. Das gestern angesetzte Sauerteigbrot backt bei 170 Grad für eine Stunde aus. Momentan pusten noch 10 Knoten Wind, wir machen um die 5 Knoten Fahrt. Erst ab morgen früh 4 Uhr soll der Wind zurückkommen und sich stetig aufbauen. Dann wechseln wir das Segel-Setup wieder: Großsegel im 2. Reff mit Genua als Vorsegel – hoffentlich gute und vor allem sichere Fahrt.

Bergfest!

Die Hälfte ist geschafft. Bei günstigem Wetter erreichen wir Martinique am 8. Dezember – perfekt zum gebuchten Liegeplatz ab 8.12. in der Marina Pointe du Bout. Zur Feier gibt’s heute Abend einen „milden“ Gin-Tonic auf die gemeisterte Strecke. Ausnahme von unserer Bordregel: während Passagen kein Alkohol.

Der leichte Wind schiebt die KAMI mit 4,5 Knoten weiter Richtung Südwest. Abends schauen wir von unserer Medienfestplatte wieder zwei leichte Schmunzelfilme, eine Art von Unterhaltung, die gemütlich dahinplätschert und keine große Konzentration erfordert. Gegen 23 Uhr legen wir uns hin und genießen eine relativ ruhige Nacht.

13. Seetag – Freitag 28.11.
Zwölftes Etmal: 120 Seemeilen
Gesamt: 1.526 Seemeilen
Bis Martinique: 1.229 Seemeilen
Windstärke zwischen 4 und 5 Beaufort
Großsegel im 2. Reff und Gennaker

In Erwartung der anrollenden Schlechtwetterfront bereiten wir die KAMI so gut wie möglich vor. Leinen werden geklariert, die Rettungsinsel durch ein zusätzliches Spannband nochmals gesichert, Kathi kocht für die nächsten Tage für uns und Piper vor. Wir verstauen alles sorgfältig und sichern bewegliche Ausrüstungsgegenstände.

Fast täglich erhalten wir von unserer Wetterscouterin Alina E-Mails mit Einschätzungen und Routenempfehlungen. Eins steht fest: Der Schlechtwetterwalze, die auf uns zukommt, entkommen wir nicht. Wir versuchen, uns so weit wie möglich südlich zu halten, um dem Gröbsten – 3 bis 4 Meter Wellen und Starkwindböen – zu entgehen. So die Theorie. Wer weiß, wie es wirklich kommt. Wir sind etwas angespannt; das Wetterthema beschäftigt uns täglich stundenlang. Wir vergleichen Vorhersagemodelle und Satellitenbilder. „Los“ geht es heute Nacht bzw. Samstag früh – dann werden wir Squalls mit Gewittern und Regenmassen ausweichen, soweit möglich. Ab Montag/Dienstag soll das Schlimmste vorbei sein. Ob wir in der Zeit Schlaf finden?

Langsam zählen wir die Tage bis zur Karibik. Es wird merklich wärmer, die Wassertemperatur hat fast 29 Grad erreicht. Die Luft wird feuchter, Nächte milder. Tausende Sterne funkeln nachts, Mondschein spiegelt sich auf dem Wasser. Ein wahnsinniges Erlebnis – so erhaben, so beeindruckend. Hier auf dem Atlantik mitten im Nirgendwo fühlt man sich klein, der Natur ausgesetzt.

14. Seetag – Samstag, 29.11.
Dreizehntes Etmal: 142 Seemeilen
Gesamt: 1.666 Seemeilen
Bis Martinique: 1.132 Seemeilen
Windstärke zwischen 4 und 5 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Genua voll

Langsam wird es immer unruhiger an Bord. Besonders in den Nachtstunden nehmen Wind und Wellen erheblich zu. Es ist wieder sehr laut im Schiff. In der Nacht wechseln wir mehrmals unseren Zickzack-Kurs und nähern uns damit langsam unserem nächsten Wegpunkt. Der Wind frischt in Böen nun bis 21 Knoten auf, und auf dem Radar können wir die ersten Schlechtwetterzellen schon in 32 Seemeilen Entfernung sehen.

Morgens kommt die erwartete E-Mail von Alina. Sie schreibt, dass die vorhergesagte Störung sich nun doch schneller entwickelt als gestern prognostiziert. Sie empfiehlt, den Kurs auf 16°N 48°W weiter anzusteuern – für uns die beste Option, um Wind und Wellen in den nächsten Tagen zu reduzieren. Wir steuern also weiter Zickzack auf die Koordinaten zu. Im Moment sind Wellen und Wind erträglich. Die Sonne ist schon hinter Wolken verschwunden, und wir machen bei 13 Knoten Wind um die 5 bis 6 Knoten Fahrt.

Gerne würden wir den Gennaker ausrollen, um etwas Speed zu machen. Da wir aber stündlich mit der Gewitter- und Regenfront rechnen, belassen wir es bei der jetzigen Besegelung. Gestern war es schon sehr schwer, unter 17 Knoten Winddruck den Gennaker einzurollen. Mit unserem Leichtwindsegel werden wir uns wohl noch bis Mitte der Woche gedulden müssen, bis das Schlechtwettergebiet durchgezogen ist. Uns ist im Moment wichtig, dass wir einigermaßen durch die anstehenden rauen Tage kommen – auch wenn wir dafür wieder einen zeitlichen Umweg machen müssen. Na und, dann kommen wir halt ein paar Tage später an. Hauptsache frei von Seekrankheit und gröberen Schäden am Boot.

Durch den Versatz des Schiffs durch die immer höher werdenden Wellen benötigt unser hydraulischer Autopilot viel Energie. Er ist richtig hungrig danach. Innerhalb von 12 Stunden saugt er uns 15% Leistung aus den Batterien. Wir müssen nun schon in den frühen Morgenstunden unseren 7,5-kW-Stromgenerator anwerfen, um die Batteriebänke wieder zu laden und nicht zu sehr ins Minus zu rutschen.

Durch den bewölkten Himmel ist der Solarertrag unserer drei Heckpanele momentan sehr gering. Der Generator lädt mit 500 bis 2.500 Watt unsere Batteriebänke (je nach momentaner Kapazität). Für ein Ladevolumen von 10% benötigt er ca. drei Stunden.

Trotz der erschwerten Wetterbedingungen schaffen wir es in der Nacht, ein paar Stunden Schlaf zu finden. Gestern Abend ist noch ein Squall über uns hinweggerollt, brachte kurzzeitig 34 Knoten Wind und beschleunigte die KAMI auf dem Wellenritt für einen Moment auf 14 Knoten.

So unangenehm die Reisebedingungen im Moment sind – wir machen Fahrt, und das ist gut.

15. Seetag – Sonntag 30.11.

Vierzehntes Etmal: 144 Seemeilen
Gesamt: 1.810 Seemeilen
Bis Martinique: 1.000 Seemeilen
Windstärke zwischen 4 und 7 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Genua voll – Nachts Genua 80%

Durch die Zunahme des Windes machen wir ein wenig Strecke, jedoch quälen uns die Wellen, die seitlich von hinten auf die KAMI zudonnern.

Das Problem mit dem wasserlassenden Deckenstrahler besteht weiterhin. Wir hatten oben an Deck sämtliche Planenhalter demontiert und die Befestigungslöcher mit Panzertape verschlossen. Danach dachten wir schon, wir hätten das verursachende Problem gefunden – doch heute Nacht wurden wir wieder eines Besseren belehrt. Nachdem der große Squall einige Badewannen voll Wasser über der KAMI ausgeschüttet hat, war es kurz danach noch alles trocken in der Kabine. Erst ca. 1,5 Stunden später fing der Deckenstrahler wieder an zu tropfen. Wir kombinieren: Der Wassereintritt muss weiter weg sein, denn das Wasser braucht Zeit, um bis zum Endpunkt (hier der Deckenstrahler) zu gelangen. An Deck können wir nichts feststellen. Was machen wir jetzt nur? Die Innenverkleidung lässt sich augenscheinlich nicht mal so nebenbei ausbauen. Ratlosigkeit. Abends nimmt das anfängliche Tropfen immer mehr zu, so dass wir uns entscheiden eine große Plastikkiste unter den Deckenstrahler zu stellen.

Wir müssen prüfen, ob es sich bei dem eintretenden Wasser um Salz- oder Süßwasser (Regenwasser) handelt, um den Herkunftsort besser eingrenzen zu können. Wir telefonieren mit einem deutschsprachigen GFK-Spezialisten in Le Marin auf Martinique und fragen, ob er uns bei der Lecksuche unterstützen kann. Schnell haben wir das Gefühl, dass das nicht zu seinen Wunscharbeiten gehört. Das Gespräch nimmt einen negativen Verlauf: Es sei schwierig, bei solchen Booten Lecks zu finden, man müsse mit eingefärbtem Wasser arbeiten, und im Hafen ginge das ohnehin kaum, weil sich das Schiff dort nicht bewegt. Diese Suche könne schnell um die 3.000 Euro kosten, und in dem Zeitraum im Januar, in dem wir nicht mehr im Hafen liegen, sei er außerdem in Europa im Urlaub.

Wir betteln schon fast, ob er uns nicht jemanden empfehlen kann, der uns unterstützen könnte. Er will „mal überlegen“ und sich wieder melden. Wir sind gespannt, aber wenig zuversichtlich. So, wie es im Moment ist, kann es nicht bleiben. Wenn wir in Martinique angekommen sind und im Hafen liegen, wollen wir selbst intensiver nach der Ursache des Wassereinbruchs suchen. Eine kleine Endoskopkamera haben wir dabei – vielleicht können wir damit in die Deckenkonstruktion schauen. Eventuell kommen wir auch vom Cockpit an die Innenseite der Deckenverkleidung heran. Mal sehen. Hier draußen bei momentan 3 Metern Welle geht das nicht – wir müssen abwarten.

Tagsüber lässt sich die Sonne mehrmals blicken, und der Wind lässt nach und pendelt sich bei 10 Knoten ein. So sind wir wieder langsamer unterwegs. Alina hat sich mit den neuesten Wetterprognosen gemeldet. Wir sollen weiter auf den 246 Meilen entfernten Wegpunkt zuhalten und danach möglichst den Kurs nach West auf 16°N 53°W richten. Damit könnten wir eventuell dem sich in den nächsten Tagen noch weiter aufbauenden Schwell und dem Starkwindfeld entkommen. Ab dem 5.12. soll es sich mit Wind, Welle und Schwell wieder beruhigen.

16. Seetag – Montag 01.12.

Fünfzehntes Etmal: 147 Seemeilen
Gesamt: 1.956 Seemeilen
Bis Martinique: 880 Seemeilen
Windstärke zwischen 5 und 7 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Genua voll

Nachmittags gießt Kathi ihre Microgreening-Kräuter und Pflanzen im Salon, als sie vom Deck aus ein metallisches Klacken hört. Sie schaut nach draußen und sieht zwei Metallspangen auf dem Deck liegen. Eine Segellattenbefestigung am Mastrutscher hat sich gelöst und ist abgefallen. Schnell flitzen wir nach vorne und kriechen auf allen Vieren, um die Teile einzusammeln – bei dem ordentlichen Seegang von 3 Metern eine echte Herausforderung.

Ein Blick nach oben zum Mast bestätigt: Die erste Halterung von oben ist gebrochen, und die Segellatte flattert lose im Wind. Mist. Es nützt nichts, wir müssen das Großsegel einholen – und das bei dem Wind und Seegang. Zuvor überlegen wir, wie wir die Halterung wieder befestigen können. Der eigentliche kleine Befestigungsbolzen samt Feder liegt nicht mehr an Deck und muss wohl über Bord gegangen sein. Wir suchen und kramen schließlich eine passende Edelstahlschraube mit Unterlegscheiben und selbstsichernden Muttern aus der Werkzeugkiste.

Wir drehen uns in den Wind und lassen das Großsegel herunter. Zu zweit fummeln wir die Lattenhalterung in die Metallspangen und befestigen sie mit der Edelstahlschraube. Während wir auf dem Oberdeck auf Zehenspitzen arbeiten, tänzelt die KAMI auf den hohen Wellen, und wir haben alle Hände voll zu tun, uns festzuhalten. Unser Vorhaben ist glücklicherweise erfolgreich, so dass wir das Großsegel anschließend wieder setzen und das zweite Reff einbinden können. Wieder ein Schreck!

Nach einigen Stunden gehen wir mit Piper die wacklige Decksrunde, wohl wissend, dass sie sich wohl gleich erleichtern wird. Für einen Moment sind wir nicht ganz aufmerksam und sehen nur aus dem Augenwinkel, wie Piper auf einen kleinen, auf dem Deck liegenden fliegenden Fisch springt, ihn sofort ins Maul nimmt und vertilgt. Im Bruchteil einer Sekunde – wir konnten gar nicht so schnell reagieren. Das rächt sich für sie: Den Rest des Tages benimmt sie sich komisch, hechelt die ganze Zeit und zieht sich zurück. So bleibt es einige Stunden. Ob sie Bauchschmerzen hat? Erst am nächsten Morgen ist sie wieder ganz die Alte. Wir müssen mehr auf ungebetenen Besuch achten. Insgesamt hatten wir auf unserer Passage schon acht fliegende Fische, von handflächengroß bis etwa 20 cm, auf dem Bootsdeck. Die Schuppen der Flieger kleben überall. Irgendwie nicht so toll. Meistens segeln sie nachts an Deck; tagsüber konnten wir sie noch nie sehen, wie sie anfliegen.

Derzeit haben wir guten Wind um die 20 Knoten und machen zwischen 6 und 7 Knoten Fahrt pro Stunde. Das ist gut und soll bis Sonntag so bleiben. Die Welle kommt aus der gleichen Richtung wie der Wind – aus Osten. Sie ist mit 2,8 Metern schon beeindruckend, und in den nächsten Tagen soll sie um einen halben Meter zulegen.

Wir kreuzen bei Ostwind die Kurslinie Richtung Westen. In der Nacht haben wir uns etwas südlich gehalten und sind jetzt auf Gegenkurs. Langsam nähern wir uns der karibischen See, ganz langsam. In der Nacht sind wir durch ein schnelles Manöver einer großen, dunklen Schlechtwetterzelle mit vielen Blitzaktivitäten entkommen. Im Moment scheint die Sonne, und nur wenige Wolken sind am Himmel. Es wird schwül. Besonders im Salon laufen die Deckenventilatoren jetzt rund um die Uhr, da es sehr stickig ist.

17. Seetag – Dienstag 02.12.

Sechszehntes Etmal: 153 Seemeilen
Gesamt: 2.109 Seemeilen
Bis Martinique: 750 Seemeilen
Windstärke zwischen 5 und 7 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Genua voll

Die See baut sich immer weiter auf und wir können uns nur noch mit viel Anstrengung halbwegs an Bord bewegen. Die Wellen werfen die KAMI von einer zur anderen Seite, und die vorbeiziehenden Squalls drücken in Böen bis zu 35 Knoten Wind in die Segel, sodass wir nur noch tosend durch die Wellentäler surfen. Nein, so macht Reisen keinen Spaß. Wir müssen uns bei jeder Bewegung im Boot festklammern, damit wir nicht durch den Salon purzeln. Das mag zwar von außen lustig aussehen, aber nach Tagen in diesem Zustand verliert sich der Humor.

Langsam haben wir alle drei genug von der tosenden See, vom Krach im Schiff und von dieser ständigen Unruhe. Der Schlafmangel steckt uns in den Knochen, die Vorräte gehen zur Neige. Frische Lebensmittel sind aufgebraucht, und auch die Getränke werden knapp. Es ist zwar nicht mehr wahnsinnig weit bis Martinique, doch durch das Gekreuze zwischen Südwest und Nordwest verlieren wir Zeit und müssen zusätzliche Strecke machen. Einen Schmetterling können wir bei diesem Wind nicht mehr fahren, und die Squall-Dichte ist weiterhin zu hoch. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als unseren Zickzack-Kurs beizubehalten. In den letzten 24 Stunden sind wir mindestens sechs Halsen gefahren, immer um unsere Kurslinie herum.

Nach den neuesten Vorhersagen wird sich das Wetter in den nächsten Tagen kaum ändern. Wir rechnen großzügig mit einer ETA am kommenden Dienstag in Martinique und müssen unsere Reservierung in der Marina wohl um einen Tag nach hinten schieben.

Die ersten Segler aus unserem Passagenfeld haben ihre Ziele in der Karibik, zum Beispiel Barbados, bereits erreicht. Wir fragen uns, wie sie das geschafft haben und welche Taktik sie genutzt haben, um so gut voranzukommen. Auf NoForeignLand sehen wir jedoch, dass noch viele andere Boote in unserer Umgebung unterwegs sind, die fast zur gleichen Zeit gestartet sind. Wir sind also nicht die Bummelletzten – das tut gut.

Außer tagsüber ein wenig am Laptop zu arbeiten, machen wir nicht viel. Durch das ständige Festkrallen an allen möglichen Oberflächen sieht das Schiff innen wie außen schlimm aus. Dazu kommen Staub und Salz. Es kribbelt uns in den Fingern, endlich wieder richtig klar Schiff machen zu können. Die Luftfeuchtigkeit nimmt weiter zu, wir sitzen und schwitzen.

18. Seetag – Mittwoch 03.12.

Siebzehntes Etmal: 171 Seemeilen
Gesamt: 2.280 Seemeilen
Bis Martinique: 610 Seemeilen
Windstärke zwischen 5 und 7 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Genua voll

Unser bestes Etmal bis jetzt. Kein Wunder: In den letzten 24 Stunden bläst es ordentlich und konstant mit rund 20 Knoten. Das mag die KAMI – sie läuft gut und schneidet sauber durch die Wellen. Wir kreuzen die Kurslinie, wobei wir in der Nacht ein ordentliches Stück südwärts gefahren sind. Seit heute Morgen sind wir wieder auf Gegenkurs. Die Südspitze von Martinique (in der Nähe von Le Marin) liegt bei 14°17′ N und ist noch etwa 600 Seemeilen entfernt. Wir pendeln aktuell um 15°00′ N und rutschen so Stück für Stück weiter westlich. Etwa 11 Längengrade müssen wir noch gutmachen.

Unser Autopilot hat beim unentwegten Surfen über die 3 bis 4 Meter hohen, achterlich anlaufenden Wellen ordentlich zu tun. Das kostet Strom, viel Strom, und wir sind froh, dass wir mit unserem Generator das tägliche Defizit ausgleichen können – die Solarenergie reicht im Moment nicht aus. Insgesamt haben wir seit dem letzten Nachtanken rund 60 Liter Diesel allein für die Stromerzeugung verbraucht. Angesichts fehlender Sonne und hoher Wellen ist das noch akzeptabel.

Nach dem Frühstück klarieren wir schon einmal online in Martinique ein und geben dort den 07.12. als ETA an. Wir sollen jetzt einen digitalen Einreisestempel erhalten, und das war’s auch schon. Ein persönliches Vorsprechen bei den Behörden nach der Ankunft ist für EU-Bürger nicht mehr nötig. Großartig – so müssen wir uns nicht mit Immigration und Customs herumschlagen. Das nennen wir verschlankte Bürokratie. Top!

Nachmittags kramen wir die WLAN-Endoskopkamera aus Lagerkiste 5. Beim Projekt „tropfender Deckenstrahler“ wollen wir weiterkommen. Leider bringt der Einsatz der Kamera keine neuen Erkenntnisse. Schade. Die Kiste unter dem Strahler war heute früh wieder nass – dabei hat es gar nicht geregnet. Das Wasser schmeckt salzig. Vielleicht doch Seewasser, das seinen Weg ins Innere findet? Spannende Ursachenforschung – hoffentlich mit gutem Ausgang. Im Moment sind wir weiter ratlos.

Kathi bereitet Weihnachtskarten für unser Team vor, und ich bestelle für Mamas Geburtstag einen Strauß rote Rosen samt Lindt-Nascherei bei Fleurop. Nachmittags wollen wir noch die Autovermietungen auf Martinique checken. So günstig wie auf Madeira oder Lanzarote/La Palma werden wir auf der französischen Insel wohl nichts mieten können. Also durchforsten wir das Netz.

19. Seetag – Donnerstag 04.12.

Achtzehntes Etmal: 160 Seemeilen
Gesamt: 2.440 Seemeilen
Bis Martinique: 488 Seemeilen
Windstärke zwischen 4 und 7 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Genua voll

Die anhaltende Unruhe und ständige Bewegung im Schiff zwingen uns, alle körperlichen Aktivitäten stark herunterzufahren. Das Risiko für blaue Flecken ist zu groß, wenn die KAMI vor den Wellen quer schlägt oder plötzlich anfängt zu surfen. So dösen wir den ganzen Tag auf unserem Salonlager, toben ein wenig mit Piper und erstellen schon mal eine To-Do-Liste für unseren Hafenaufenthalt in Martinique. Die Zeit zieht sich zäh wie ein Gummiband.

Durch unsere Zickzack-Kreuzkurse haben wir in den letzten 24 Stunden ganze 38 Meilen verloren. Wir überlegen, die Kreuzkurse enger zu fahren, um zu sehen, ob wir so die Mehrmeilen verringern können. Nach unseren Berechnungen wird die ETA jetzt auf kommenden Montag gegen Abend geschätzt.

Die Nacht war eine der schlimmsten. Wir bekommen kaum ein Auge zu. Draußen haben sich durch Wellen und Schwell Kreuzseen gebildet. Die KAMI rumpelt stundenlang, und es ist extrem laut im Schiff. Aus allen Ecken sind Knarzgeräusche zu hören, wenn die Wellen unten gegen die Gondel schlagen. Wir sitzen alle senkrecht – so laut und ungemütlich. Dieses Wellengeschlinger begleitet uns nun schon fast eine Woche. Ganz ehrlich: Davon haben wir wirklich die Schnauze voll. Erholsamen Schlaf findet man nicht, und auch Aktivitäten wie Sport oder Angeln sind kaum möglich. Was für eine blöde Überfahrt.

20. Seetag – Freitag 05.12.

Neunzehntes Etmal: 150 Seemeilen
Gesamt: 2.590 Seemeilen
Bis Martinique: 350 Seemeilen
Windstärke zwischen 4 und 5 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Genua voll
Mama hat Geburtstag! Happy Birthday!


Tagsüber duschen wir Piper mit der Heckdusche ab – danach ist ihr Fell wieder seidenweich, und sie schnuppert gut. Zum Abendbrot gibt es heute klassische Nudeln mit Tomatensoße nach ostdeutschem Rezept. Hmm, lecker! Für die Soße nutzen wir den guten Werder-Ketchup aus der alten Heimat.

Wir kommen weiter gut voran: Der Wind bläst konstant um die 20 Knoten, und wir machen ordentliche Fahrt. Nach aktuellen Berechnungen sind es noch gut 2,5 Tage bis zum Ziel. Die Welle hat sich langsam beruhigt und nimmt von 3 Metern auf 2,80 bis 2,50 Meter weiter ab. Bis zur Ankunft in Martinique soll sich das Wind- und Wetterfenster nicht groß ändern. Einzig die Regen- und Gewitterwahrscheinlichkeit steigt wieder, je weiter wir westlich kommen. Also wieder auf Squalls einstellen.

Im Moment haben wir fast Vollmond. Die Fahrt durch die Nacht wirkt richtig mystisch, wenn sich der Mondschein auf den Wellen spiegelt. Man kann sich gar nicht satt sehen. Nach dem Frühstück gehen wir unserem Wassereinbruchproblem durch den Lampensockel weiter auf den Grund. Wir entfernen die Seitenverkleidung in der Küche und schauen hinter die Baugruppe – können aber nichts ausmachen. Kein Wasser, keine Feuchtigkeit. Die Vermutung liegt nahe, dass das Wasser von der Elektroleitung kommt.
Wir testen das heute aus: Wir verlängern die aus dem Sockel hängende Elektroleitung mit einer kurzen Leine, stopfen das Innere des Sockels mit Microfasertüchern aus und warten ab, was passiert. Gefühlt wird das Wasser, das wir durch die darunter gestellte Wanne auffangen, immer mehr. Komisch. Selbst wenn das Wasser durch die Elektroleitung kommt (Kapillareffekt), wissen wir noch immer nicht, wo das salzige Wasser von außen hereinkommt. Im Moment können wir nur nach dem Auschlussverfahren vorgehen.
Falls die Stelle gar nicht auffindbar ist, müssten wir über eine Ableitung nach außen nachdenken. Wir haben da schon ein paar Ideen. Eine saubere Lösung wäre das aber nicht.

21. Seetag – Samstag 06.12.

Zwanzigstes Etmal: 154 Seemeilen
Gesamt: 2.744 Seemeilen
Bis Martinique: 246 Seemeilen
Windstärke zwischen 5 und 7 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Genua voll

Wir rücken dem Staub im Salon zu Leibe, und Mike geht danach ans Heck, um den Staubbehälter zu leeren. Dabei klopft er kräftig auf die hintere Heckklampe auf der Backbordseite und sieht noch, wie der Deckel des Behälters wegfliegt. Oh nein – das ist ja doof. Mit schwarzem Panzertape verschließen wir den Behälter notdürftig; ohne Staubsauger geht es an Bord gar nicht. Allein die verlorenen Haare von Piper saugen wir im Salon mindestens zwei Mal am Tag weg. In Martinique werden wir uns wohl einen neuen Handstaubsauger kaufen müssen. Nicht zu ändern – trotzdem ärgerlich.

Die Nacht ist wieder super unruhig. Die Wetterberuhigung, die Alina orakelt hatte, ist leider nicht eingetroffen – im Gegenteil. Die Welle nimmt in der Nacht wieder extrem zu, sodass wir zwei Halsen fahren müssen, weil der Krach im Schiff kaum auszuhalten ist. Der Wind bläst jetzt mit 22 Knoten aufwärts, und die KAMI schlittert erneut von Wellental zu Wellental. Zwar haben wir mit 154 Seemeilen ein gutes Etmal, dem Gekreuze müssen wir aber wieder über 40 Meilen zuschreiben. Gefühlt kommen wir nur elendig langsam voran – was natürlich Quatsch ist. Der Wunsch, endlich anzukommen, wird von Stunde zu Stunde stärker, und das Ergebnis sorgt für etwas schlechte Laune.

Dazu kommt, dass es Kathi nicht gut geht. Wie aus dem Nichts hat sie ein „Musauge“ (entzündetes Auge) bekommen – es sieht schlimm aus. Sofort kramen wir aus unserer Medibox Augentropfen mit Antibiotikum hervor. Nach 12 Stunden sieht es langsam wieder etwas besser aus: Es ist zwar noch sehr geschwollen, aber die Rötung ist etwas zurückgegangen – gut so. Ihr Magen macht sich ebenfalls wieder bemerkbar – droht auf den letzten Meilen ein Totalausfall? Unsere Hoffnung, vielleicht schon morgen Abend in der Nähe der Marina den Anker fallen zu lassen, haben wir aufgegeben. Es wird wohl doch erst am Montag etwas mit unserer Ankunft.

22. Seetag – Sonntag 07.12.

Einundzwanzigstes Etmal: 164 Seemeilen
Gesamt: 2.908 Seemeilen
Bis Martinique: 112 Seemeilen
Windstärke zwischen 5 und 7 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Genua voll

Vor Reisebeginn hatte ich mir noch Segelhandschuhe von Gill gekauft, in der Hoffnung, sie lange nutzen zu können. Leider haben sie die Passage nicht einmal ansatzweise überlebt. Schade. Die Segelhandschuhe von Kathi sind von der Firma Bauhaus, Linie „Nautic“. Komischerweise sind ihre Handschuhe okay – natürlich mit Nutzungsspuren, aber ohne Löcher oder Materialrisse. In Martinique werde ich mir Ersatzhandschuhe besorgen. Auf verbrannte Finger habe ich keine Lust mehr, also lieber auf Nummer sicher. Die nächsten werden nicht von Gill sein, sorry.

Am frühen Nachmittag kommt uns die Sea Cloud II entgegen, ein großes Segelschiff mit drei Masten. Sie ist auf dem Weg nach Barbados, kommt von La Palma und macht 12 Knoten Fahrt. So große Segelschiffe sehen schon beeindruckend aus. Man fragt sich unwillkürlich, was man für einen Törn auf so einem Schiff wohl bezahlen darf.

Kathi bucht über das Internet einen Mietwagen für uns. Wir können ihn am 10. Dezember am Flughafen in Martinique abholen, und er steht uns dann bis zum 3. Januar zur Verfügung. Das ist gut. Wir müssen unsere Vorräte wieder aufstocken und rund 400 Liter Diesel nachbunkern. Das bedeutet: 16 Kanister à 25 Liter wollen bewegt werden – ohne Mietwagen wäre das schwierig. Außerdem stehen auf unserer To-do-Liste noch Supermärkte, Decathlon, der Elektronikmarkt Darty, Schiffsausrüster und Baumarkt. Unser Weihnachtsbesuch aus der Heimat möchte natürlich auch gerne vom Airport abgeholt werden. Kurz gesagt: So ein Mietwägelchen ist schon was Schönes.

Gegen Abend fahren wir fast die Segelyacht CAVA über den Haufen. Nur durch ein beherztes Ausweichmanöver können wir eine Kollision hier mitten auf dem Atlantik verhindern. Verrückt. An Bord ist eine belgische Crew, ein älteres Pärchen, ebenfalls mit Hund unterwegs. Wir funken und stellen fest, dass wir beide das gleiche Ziel haben. Die CAVA fährt nur unter einem kleinen Vorsegel, dafür aber im Gegensatz zu uns auf Direktkurs Martinique. So wie wir sie verstanden haben, steuern sie die gleiche Marina an. Wir sind gespannt. Die CAVA plant, am Montag in den Morgenstunden in der Marina anzukommen.

23. Seetag – Montag 08.12.

Zweiundzwanzigstes Etmal: 141 Seemeilen
Gesamt: 3.049 Seemeilen
Ankunft in Martinique
Windstärke zwischen 3 und 5 Beaufort
Genua & Motoren

Wir schätzen unsere Ankunft in den frühen Morgenstunden und bereiten schon jetzt die Festmacherleinen sowie die inflatables Fender vor. Das Großsegel wird ordentlich im Lazy Bag verstaut und das Großfall gegen das Schlagen am Mast gesichert. Wir sind nun für den anstehenden Landfall nach über 3.000 Seemeilen gewappnet. Der tosende Atlantik liegt endlich hinter uns, der über zehn Tage andauernde Wellenritt im letzten Drittel der Reise hat uns körperlich doch zugesetzt, denn an erholsamen Schlaf war nicht zu denken.

Endlich – wir haben es geschafft. Der Atlantik ist bezwungen. Nach 22 Tagen machen wir in der Marina Pointe du Bout fest. Yippieh – den Anlege-Gin-Tonic haben wir uns mehr als verdient.

Martinique empfängt uns mit dicken Wolken und intervallartigen Regengüssen. Ab 11 Uhr dürfen wir in die Marina. Kurz vor der Ankunft erleben wir einen Wolkenbruch der Extraklasse. Wir brechen die Anfahrt zur Marina ab und werfen den Anker in unmittelbarer Nähe. Als das Unwetter abgezogen ist, wollen wir Anker auf gehen. Die Winsch macht noch einmal kurze Geräusche – dann ist Schluss. Sie hat ihren Dienst aufgegeben.

Völlig übermüdet holen wir die ausgebrachten 13 Meter Kette samt 25-kg-Spade-Anker von Hand ein. Wow, was für eine körperliche Anstrengung. Es gelingt, und wir bekommen den Anker nach oben. In weiser Voraussicht haben wir bereits eine Ersatzwinsch an Bord. Diese werden wir hier in Martinique in der Marina einbauen. Es bleibt also immer etwas zu tun. Willkommen, Karibik – willkommen Martinique!

Unser Resümee zur Atlantikpassage folgt … 
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Madeira – Insel der Blumen / Hunde unerwünscht

Es ist früher Nachmittag, als wir mit dem letzten Energieschub Madeira erreichen. Wir steuern die Marina „Quinta do Lorde“ im Osten der Insel an. Kurz vor dem Eintreffen funken wir die Marina an und bitten um Zuweisung eines Liegeplatzes sowie um einen Pick-up am Hafeneingang. Wir sollen einfahren und Kurs auf den Steg „D“ nehmen. Wir biegen in den Hafen ein und sehen in der Mitte drei Marineros in hellblauen Poloshirts, die uns aufgeregt zuwinken. Mit ordentlich Seitenwind machen wir am Schwimmsteg fest. Vertäut geht es schnurstracks zum Marinabüro. Dort sitzen zwei Damen, die uns freundlich empfangen. Wir klarieren für zehn Tage ein, mieten für den nächsten Tag einen Kleinwagen und fragen nach technischem Support für unsere Funkanlage. Wir bekommen eine Visitenkarte von „Oliver“, den wir direkt im Anschluss per WhatsApp kontaktieren. Er will uns am Donnerstag besuchen.

Wir erkunden den Hafen, der inmitten einer großen Ferienanlage liegt. Das „Dreams“ wurde vor kurzem von Hyatt übernommen. Besonders die kleine Bar an der Hafenmole zieht unsere Aufmerksamkeit auf sich. Ein kurzer Stopp entpuppt sich leider als Flop: Die Getränke sind eher mittelmäßig, der Burger mit Pommes fast ungenießbar – enttäuschend. Ein kleiner Eisladen daneben bietet Kugeln für 2,50 € an. Wir versuchen es – alle Sorten schmecken gleich: künstlich und süß. Hm.

Oliver besucht uns im Hafen von Quinta do Lorde und misst als Erstes die Signalstärke unserer VHF-Antenne. Die Messergebnisse sind gut, alle Stecker sind in Ordnung und es gibt keine Korrosion. Einen Fehler an unserer Funk- oder AIS-Anlage kann er nicht finden – eigenartig. Nach anderthalb Stunden brechen wir die Fehlersuche ab. Wir fragen, was wir ihm für seine Hilfe zahlen dürfen. Oliver ist es offenbar unangenehm, trotz erfolgloser Fehlersuche ein Honorar zu verlangen. Schließlich nennt er 50 Euro. Das finden wir mehr als fair. Zwei Tage später kommt Christian von der SY Fuchur zu uns an den Steg und berichtet von exakt denselben Problemen auf seinem Segelboot: Auch er hat AIS-Ausfälle und gelegentlich Schwierigkeiten mit der Funkverbindung. Das kann doch kein Zufall sein! Vielleicht liegt ja gar kein technischer Defekt vor? Wir sind ratlos.

Wir bemerken, dass wir uns den Steg „D“ mit Tagesausflüglern der örtlichen Tauchbasis sowie der Delfin- und Walbeobachtungsstation teilen müssen. Mehrmals am Tag, ab 9 Uhr morgens, hasten bis zu 20 Gäste über den Steg und springen in die Schlauchboote. Das zieht sich bis in den späten Nachmittag. Piper, natürlich wachsam, ist ständig am Bellen. Die Angestellten der Tauchbasis interagieren immer wieder mit ihr, rufen und streicheln sie durch den Seezaun.

Am nächsten Tag wird uns ganz unkompliziert der Mietwagen direkt am Steg übergeben. Im Hafen liegen zwei weitere Segelboote unseres Vereins (TransOcean). Die Crew der „Fuchur“ schreibt uns via WhatsApp und begrüßt uns, die Crew der „Hyperion“ kommt direkt vorbei und sucht das Gespräch. Es ergeben sich schnell nette Kontakte, und wir beschließen, am Abend mit Silke und Peter von der Hyperion in einer 16 km entfernten, von Einheimischen empfohlenen Gaststätte zu essen. Dort soll es die traditionellen Fleischspieße geben, die am Tisch aufgehängt werden. Mitten in den Bergen finden wir das Lokal. Der erste Hinweis: „Hunde nicht erlaubt“. Nach langem Diskutieren mit dem Wirt und Unterstützung durch die sprachgewandte Silke dürfen wir Piper doch mitnehmen. Es wird ein schöner Abend, den wir genießen.

Am nächsten Tag rücken wir der Salzkruste zu Leibe, die sich während der Überfahrt wie ein Schleier um das Schiff gelegt hat. Nach drei Stunden glänzt die KAMI wieder und die Spuren der Offshore-Passage sind beseitigt. Mit unseren 25-Liter-Kanistern fahren wir zu einer nahegelegenen Tankstelle und füllen die Dieselvorräte auf – insgesamt lagern wir Treibstoff für knapp 700 Euro ein. Die Tour zur Tankstelle machen wir zweimal.

Quinta do Lorde liegt sehr abgelegen. Für die Fahrt nach Funchal, der Hauptstadt, benötigen wir etwa 30 Minuten. In der Hauptstadt suchen wir zunächst eine Decathlon-Filiale. Auch hier sind Hunde nicht erlaubt, wir tricksen und setzen Piper in den Einkaufswagen – so lässt man uns gewähren. Wir kaufen eine Fitnessmatte und zwei Angelköder und besuchen anschließend ein Anglergeschäft. Dort finden wir eine Multirolle für die Trollingangel.

Weiter geht es nach Machico. Dort gibt es ein Restaurant namens „Munchis“. Auch auf Bermuda gab es einst einen Imbiss namens „Munchi“. Die Burger dort waren richtig lecker – 2023 war ich mit Karsten Stammgast. Das Munchi hier auf Madeira muss also auch getestet werden. Wir werden herzlich empfangen und draußen mit Piper bewirtet. Getränke und Essen schmecken super. Wir sind begeistert und nehmen uns vor, wiederzukommen.

Leider ist die Waschmaschine im Hafen kaputt und der Waschraum riecht unangenehm. Also organisieren wir in Funchal einen Laundry-Service, wo unsere Bettwäsche und Handtücher für 18 Euro express gewaschen werden. Die Wartezeit verbringen wir in einer kleinen Bar an der Küste. Der Chef spricht ein paar Brocken Deutsch, kommt aus Brasilien und lebt mit seiner „Schmetterling“ – wie er seine Partnerin liebevoll nennt – auf Madeira. Wir unterhalten uns bei einem Mojito fast eine Stunde mit ihm. Im Hintergrund läuft chillige Musik. Wir fragen danach und bekommen den Link zur Spotify-Playlist. Genau unser Ding: smooth und entspannt – schön.

Am Wochenende nutzen wir die Zeit und starten Teams-Meetings mit Lea und Madeleine. Schön, mal wieder etwas aus der Heimat zu hören. Tagsüber arbeitet Kathi an ihrem Ausbildungshandbuch für Brandschutzhelfer und möchte eine gebundene Ausgabe für die Schulungsteilnehmer erstellen. Mike erledigt kleinere Reparaturen am Schiff. So vergeht die Zeit im Hafen und auf der Insel wie im Flug.

Das Wetter auf Madeira ist sehr wechselhaft: Morgens scheint die Sonne, mittags stürmt der Wind und nachmittags gibt es Regen. Mit dem Mietwagen sind wir unterwegs und suchen einen Strand, wo Piper ins Wasser kann. Leider ist das fast unmöglich – alle öffentlichen Strände mit Eintritt sind während der Saison für Hunde tabu. Ärgerlich. Wir finden einen kleinen, steinigen Strandabschnitt abseits, wo einige Surfer unterwegs sind. Nicht gerade einladend, aber zum kurzen Baden reicht es. Piper genießt es, wir auch – bis uns eine größere Welle bis zur Hüfte erwischt. Wir stehen in nassen Sachen da. Mist! Schnell aufs Schiff und umgezogen.

Abends fahren wir ohne Piper nach Canical in ein abgelegenes Restaurant mit guter Tripadvisor-Bewertung. Der Kellner ist nett, aber das Essen überzeugt uns nicht. Hier zeigt sich wieder, wie unterschiedlich Meinungen und Geschmäcker sein können.

In Funchal besuchen wir einen Obst- und Gemüseladen. Der Verkäufer spricht Deutsch und erklärt die tropischen Früchte in der Auslage. Wir nehmen drei verschiedene Drachenfrüchte und eine Monstera-Frucht mit. Zum Frühstück wollen wir probieren – nur eine der drei Drachenfrüchte schmeckt uns richtig gut. Die Monstera erinnert an eine Mischung aus Banane und Ananas, die Konsistenz ist eher breiig.

Unsere Suche nach einem schönen Sandstrand endet in Funchal, in der Nähe des Madeira Forum. Laut Internet sind dort Hunde erlaubt – das wollen wir sofort ausprobieren. Wie im B5-Center in Dallgow sind auch hier die Shops über Außenbereiche zugänglich. Leider dürfen wir mit Hund die meisten Geschäfte nicht betreten. Also ein Reinfall! Schade!
Über den „schönen Sandstrand“ (Ironie aus) freut sich immerhin Piper – und eins steht fest: Unser nächster Halt auf den Kanaren wird von der Aussicht auf „weißen, feinkörnigen Sand“ abhängig gemacht.

Am vorletzten Abend bekommen wir auf der KAMI spätabends unerwarteten Besuch: Mike entdeckt im Salon auf der Lehne ein Krabbeltier spazieren. Zuerst denken wir an eine Eidechse (davon gibt es hier ja unzählige), doch der Besucher entpuppt sich als riesige Schabe. Wie vom Blitz getroffen springen wir auf, schalten das Licht an und greifen nach der elektronischen Fliegenfalle (die aussieht wie ein Tennisschläger).
Nach mehreren wilden Sprüngen durch den Salon landet die afrikanische Kakerlake schließlich unter der Fliegenfalle. Mit Hilfe einer Küchenrolle fliegt sie im hohen Bogen über die Reling ins Freie. Wie eklig!

Natürlich googeln wir sofort – und finden Schlagzeilen wie „Madeira, Hochburg der Schaben“ oder „Kakerlakenplage in Portugal“. Kathi ekelt sich so sehr, dass sie direkt einen Herpesausschlag bekommt. Die Nacht ist unruhig, und am nächsten Morgen wird das gesamte Schiff auf den Kopf gestellt. Zum Glück finden wir keine Nester, Eier oder weitere Tiere. Gott sei Dank! Hoffentlich war es nur eine einzelne nächtliche Besucherin, die über eine Festmacherleine an Bord gelangt ist. Wachsam bleiben wir jedenfalls und behalten unsere Vorräte gut im Auge.

Am letzten Abend sind wir bei Silke und Peter auf ihrer Hyperion eingeladen. Bei einer Flasche Roséwein philosophieren wir über die nächsten Reisepläne. Auch die Crew der Hyperion möchte Ende des Jahres den Sprung über den Atlantik in die Karibik wagen. Im Gegensatz zu uns wollen sie jedoch noch einige Wochen auf Madeira bleiben. Für uns wäre das keine Option – wir vermissen schlicht die schönen Strände und wünschen uns noch ein paar Grad wärmere Temperaturen.

Madeira ist abgehakt. Man kann die Insel besuchen – muss man aber nicht unbedingt. Für Liebhaber von Blumen, Pflanzen und steilen Bergen sicherlich eine Bereicherung.

Go to Canary Islands (Lanzarote 270 sm) … erstes Ziel: Playa Francesa auf La Graciosa

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Landfall nach 1.300 Seemeilen

Es ist Montag Nacht, 23:26 Uhr UTC. Der Kurs steht auf 206 Grad, Ziel ist Madeira. Noch rund 90 Seemeilen, dann laufen wir in den Hafen der Marina da Quinta do Lorde ein – und unsere erste große Passage von etwa 1.300 Seemeilen liegt hinter uns.

So richtig „Traumfahrt in den Süden“ war diese Überfahrt allerdings nicht. Die Überreste des Hurrikans Erin hatten uns in den letzten Tagen ordentlich auf Trab gehalten: Sturmwarnungen, Vorhersagen mit bis zu 12 Meter hohen Wellen und ständig Druck, Richtung Süden auszuweichen.

Der Wind stand dabei ungünstig – zwischen 150 und 180 Grad – normales Segeln fast unmöglich. Zum Glück hatten wir unseren Gennaker und konnten so wenigstens mit dem Leichtwindsegel Strecke machen, auch wenn dabei eine der Maschinen zwei Drittel der Zeit mitlaufen musste.
Seit dem Nachmittag spürten wir dann die vollen Ausläufer von Erin: hohe Wellen, erst seitlich, später achterlich. Nicht unbedingt angenehm – besonders für Kathi, die sich fragte, ob so ein Katamaran tatsächlich auch kentern könne. Nach einigen Gesprächen konnte ich sie aber wieder beruhigen. Piper, unsere treue Bordhündin, musste am Abend ein wenig medizinische Unterstützung bekommen, um in der Nacht entspannen und schlafen zu können. Mit Erfolg!

Trotz aller Strapazen – wir haben die 2.000-Seemeilen-Marke jetzt überschritten und die erste richtige Blauwasserfahrt erfolgreich gemeistert. Mehr noch: wir sind zu einem richtig guten Bordteam zusammengewachsen. Jeder kennt seine Aufgaben – es läuft.

Technik und Reparatur – der ständige Begleiter
Wie wohl bei allen Langfahrtseglern gilt: Auf Passage gehen fast immer Dinge kaputt, die besser halten sollten. Auch bei uns. Drei Luken waren undicht und ließen Wasser ins Schiff – aber mit Butylband konnten wir sie innerhalb eines Vormittags abdichten. Ein fehlerhaft angeschlossener Lüfter für die beiden Victron Quattros wurde während der Überfahrt repariert.
Dazu kamen Probleme mit Funk und AIS. Ein Frachter ließ sich in der vorletzten Nacht nicht sauber anfunken, und die ständigen AIS-Aussetzer sind ebenfalls nicht normal. Meine Vermutung: die Antenne am Mast ist das Problem. Das steht nun auf der Madeira-Checkliste. Ebenfalls zu klären: die ausgefallene Fernbedienung unseres Autopiloten und die Wartung der Ankerwinsch (Motorwechsel nötig wegen Brandspuren).
Wenn wir die Kanaren erreichen, soll zudem ein neues AIS-System eingebaut werden – für uns eine zentrale Sicherheitskomponente, gerade zur Kollisionsvermeidung. Die Wartungs- und Reparaturliste wächst jedenfalls Schritt für Schritt, unter anderem kommen auch die Elektrowinschen bald dran.

Ankunftsmodus – Alltag nach der Passage
Aber jetzt heißt es erst einmal: ankommen, ausschlafen, das Schiff vom Salz der letzten Tage befreien. Klar Schiff machen! Außerdem muss Diesel nachgebunkert werden und unsere Proviantvorräte gehören aufgefüllt. Mit einem Mietwagen möchten wir dazu nach Funchal fahren, Madeiras Hauptstadt. Ein Besuch im Anglerfachgeschäft steht ebenfalls auf dem Plan – ich brauche dringend eine gute Multirolle fürs Schleppangeln.
Unsere Idee ist, ungefähr zehn Tage auf Madeira zu bleiben, bevor es weitergeht zu den Kanarischen Inseln. Dort wollen wir die Inseln nach und nach absegeln, endlich wieder unsere Tauchausrüstung aus der Backskiste holen und die Unterwasserwelt erkunden. Außerdem steht Kathis Geburtstag an – und aus Deutschland erwarten wir Pakete mit dringend benötigten Ersatzteilen.

Alltag an Bord – unser „Neues Normal“
So langsam finden wir uns in unseren Bordalltag ein: Trinkwasser machen, Wäsche waschen, kleine Reparaturen erledigen, Routen planen, zwei Mal täglich die Wetterberichte über Windy oder PredictWind checken, Piper beschäftigen und regelmäßig über Deck führen. Und zwischendurch immer wieder ein bisschen Büroarbeit.

Logbuch Madeira
Location: Quinta do Lorde, Madeira
Wassertemperatur Atlantik: 25,2 °C
Lufttemperatur: endlich Sommer, 26–30 °C
Trip-Stunden: 372
Trip-Seemeilen: 2.012

Es war keine leichte Überfahrt, aber wir haben sie geschafft. Englischer Kanal – Biskaya – Nordatlantik – Wir haben gelernt, viel repariert, sind miteinander gewachsen – und der nächste Abschnitt wartet schon. Weiter so!

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Endlich… Blauwasser

Es ist Montag früh, gegen 8 Uhr stehen wir auf. Wie so oft vor einer längeren Überseepassage haben wir beide schlecht geschlafen. Wir träumen komische Sachen, werden mehrmals in der Nacht wach, liegen mit vielen Gedanken im Bett und versuchen, ein wenig Ruhe zu finden.

Eigentlich wollten wir erst mittags „Anker auf“ gehen, doch wir haben Hummeln im Bauch und starten nach dem Frühstückskaffee aus der Ankerbucht in Camaret-sur-Mer. Langsam tuckern wir mit 5 Knoten um die Landzunge – und landen im dichten Nebel. Vor uns zeichnen sich schemenhaft mehrere Kriegsschiffe der französischen Marine ab.
Dann trifft die erwartete Mail von Sebastian Wache ein – keine guten Nachrichten! Das nervt mittlerweile. Nicht nur, dass wir wochenlang in jedem zweiten Hafen abwettern müssen, auch das richtige Sommer-Reisefeeling will einfach nicht aufkommen.
Sebastian schreibt, dass der Hurrikan Erin seine Ausläufer nach Europa schicken wird – und das verheißt nichts Gutes. Meteorologen erwarten Stürme und bis zu 5 Meter hohe Wellen. Besonders die Küste Frankreichs soll es hart treffen, rund um den 28. August. Für uns gibt es zwei Optionen:
Weiter in einem französischen Hafen abwettern – und dort die volle Wucht abbekommen.
Verkürzt über die Biskaya starten, dann schnell nach Süden abfallen und hoffen, damit den schlimmsten Winden zu entkommen.
Aber: Die erwarteten 5-Meter-Wellen werden wir wohl trotzdem aushalten müssen.
Na klasse!

Delfinbegleitung & erste Etappe
Noch im dichten Nebel aus der Bucht von Camaret-sur-Mer motorend, wagen wir es und machen uns trotz der angsteinflößenden Prognosen auf den Weg nach Madeira. Schon am Vormittag, draußen vor Brest, begleiten uns fast eine Stunde lang Delfine.
Piper ist völlig aus dem Häuschen, rennt aufgeregt über das Bootsdeck und beobachtet das Schauspiel durchs Trampolin. Die Delfine springen und vollführen wunderschöne Pirouetten knapp unter der Oberfläche.
Und die Überraschungen gehen weiter: Wenig später landet ein kleiner Vogel – ein Trauerschnäpper – bei uns am Steuerstand. Zutraulich lässt er sich fotografieren und bleibt rund eine halbe Stunde, bevor er weiterfliegt. Fast märchenhaft: Nebel über dem Wasser, winkende Robben und nun dieser Vogelbesuch.

Die ersten Wellen und die erste Nacht
Am Nachmittag kommt endlich Wind und Sonne. Der Nebel ist vertrieben und die KAMI nimmt Fahrt auf in Richtung unseres ersten Wegpunkts. Der Wind bläst noch spitz von vorn und unbeständig, die KAMI springt über die Wellen – Kathi wird seekrank.
Zum Glück haben wir eine gute Bordapotheke, und dank Götz’ verschriebener Medis ist schnell Linderung da. Piper bleibt diesmal seegängig, was uns sehr beruhigt. Ich baue unser „Schlaflager“ im Salon auf, damit wir drei nah beieinander sind – bewährt für lange Passagen. Bald darauf liegen Kathi und Piper zusammen eingerollt und schlafen tief.
Abends entfällt die Bordküche, wir gehen in die erste Nacht. Ritualgemäß übernehme ich die Nachtwache. Kein Problem: Zwei Segler aus Österreich kreuzen unseren Kurs, wie in einem Dreieck fahren wir parallel durch die Nacht. Erst in den Morgenstunden trennen sich unsere Wege: Sie steuern A Coruña an, wir dagegen halten Kurs ins offene Blauwasser gen Süden. Das tiefe Blau – es ist überwältigend, ich liebe es einfach!

Alltag auf See
Um ordentlich Strecke zu machen, lassen wir bei unter 10 Knoten Wind eine Maschine mit geringer Drehzahl laufen – so laden wir auch unsere Energiespeicher auf, denn die Solarausbeute war zuletzt dürftig.
Gegen 5 Uhr UTC (zwei Stunden vor deutscher Zeit) übernimmt Kathi die Wache am Kartentisch. Noch geht es ihr nicht besonders, wir probieren ein anderes Präparat. Ich döse tagsüber nur in Etappen, echter Tiefschlaf will nicht kommen.
Am frühen Nachmittag kehrt der Wind zurück. Gemeinsam setzen wir das Großsegel und rollen die Genua aus – klappt schon richtig gut. Ich bin überzeugt: Spätestens ab Madeira kann Kathi die KAMI allein segeln.
Tagsüber probiere ich mich mit unserer neuen Trollingangel – noch ohne Erfolg. Vielleicht liegt’s am Köder oder an unseren Einstellungen. Aber wir üben weiter, denn frischer Fisch soll in unser Proviantkonzept integriert werden. Auch Piper würde davon profitieren: Neben Trockenfutter wollen wir ihr immer wieder frisches Gemüse und Fleisch/Fisch abkochen.

Zweite Nacht – Verkehr in der Biskaya
Die zweite Nacht segeln wir unter vollen Segeln. 17 Knoten Wind aus Nordwest bringen uns gute Fahrt – 7 Knoten im Schnitt. Wenn es so bleibt, erwischen uns die Ausläufer von „Erin“ nicht mehr. ETA Madeira: Mittwoch nächster Woche. Mit etwas Glück sogar Dienstag früh.
Doch die Nacht ist anstrengend: Wir kämpfen uns durch dichten Schiffsverkehr – Fracht-, Container- und Fischerboote, Fähren, Kreuzfahrer. Gegen 23 Uhr sind wir von über 20 Schiffen umzingelt. Bei einem Containerriesen muss ich funken, da er auf Kollisionskurs bleibt. Seine Antwort: „Ja, wir sehen Sie – Sie sind genau voraus.“ Aber er ändert den Kurs nicht. Erst 500 Meter hinter uns zieht er nach Backbord ab. Die Heckwelle kracht unter die KAMI, Gischt spritzt übers Deck – was für ein Schreckmoment!
Marinetraffic zeigt das Szenario wie ein Spalier aus bunten Schiffssymbolen. Mittendrin die Fischer, die Yachten, ein einziges Gewimmel. Hoffentlich sind wir bald aus der Hauptachse raus. Ein Trost: Bei dem dichten Verkehr wäre im Notfall sofort Hilfe da – die Medaille hat eben zwei Seiten. lach

Sorge: Orcas an Iberiens Küste
Ein Thema bleibt uns noch im Kopf: die Meldungen über Orca-Angriffe vor Spanien und Portugal. Schon seit einigen Jahren attackieren Schwertwale dort Segelboote und beschädigen Ruderblätter – einige Yachten sind dadurch sogar gesunken!
Warum gerade diese Gruppe von Tieren dieses Verhalten zeigt, ist nicht klar. Besonders gefährlich ist die Straße von Gibraltar. Da man Orcas nicht vertreiben darf und Schutzversuche mit Lärm oder Sand nichts gebracht haben, bleibt Skippern nur, die Gebiete weiträumig zu umfahren. Unser Plan: deutlich abgesetzt von der Küste und weit draußen im Tiefwasser (bis 5000 m) gen Madeira segeln. Besonders viel Glück schadet da nicht – also: Daumen drücken!

Jetzt ist es 00:47 Uhr UTC (= 02:47 Uhr MESZ). Auf dem Radar taucht schon der nächste Pulk Frachter auf. Meine Augen kleben am Plotter, die Müdigkeit kommt langsam. Sonnenaufgang ist um 05:30 Uhr UTC, dann darf Kathi übernehmen.

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Land in Sicht – Willkommen in Brest!

Nach vier Tagen und fünf Stunden auf See, mit wenig Schlaf, viel Seegang und einer Achterbahn aus Emotionen, sind wir endlich in der Bucht von Brest angekommen. Als hätte sie auf uns gewartet, ließ sich die Sonne pünktlich zu unserer Ankunft blicken – und wir konnten es kaum fassen: Wir haben’s geschafft!
Die letzten Seemeilen hatten es nochmal ordentlich in sich. Plötzlich wurde der Motor der Backbordmaschine ungewöhnlich laut – ein tiefes Grollen ging durch die KAMI, das ganze Schiff vibrierte. Mike schaltete sofort den Autopiloten aus, übernahm das Steuer von Hand, drosselte die Fahrt, fuhr ein paar Manöver vor und zurück. Das Ruder war schwerfällig, kaum zu bewegen – ein unwohles Gefühl mitten auf dem Wasser. Doch nach ein paar Bewegungen lockerte sich das Ganze etwas, und wir entschieden, vorsichtig weiterzufahren. Tauchen würden wir dann später – in der ruhigen Ankerbucht.

Und dann – als würde das Meer sagen „Gut gemacht“ – tauchten zwei Delfine auf. Sie schwammen spielerisch zwei Runden um die KAMI, als wollten sie uns aufmuntern und gratulieren. Es sind diese kleinen, magischen Begegnungen, die alle Mühe vergessen lassen.
Die Ankerbucht Postermen hatten wir uns bereits unterwegs über Navily ausgesucht – eine App, die unter Seglern wirklich Gold wert ist. Bewertungen, Fotos, Hinweise zu Einkaufsmöglichkeiten, Tankstellen, Ankergründen oder auch Restauranttipps – alles, was man braucht, um einen Ort für sich richtig einschätzen zu können.
Einen Hafen in Brest wollten wir dieses Mal bewusst nicht ansteuern. Die Berichte waren eindeutig: laut, trubelig, Fischer, die auf den Stegen ihre Fänge ausnehmen, und Jugendgruppen, die bis spät in die Nacht unterwegs sind. Alles legitim, aber nicht das, was wir gerade brauchten. Nach den intensiven Tagen wollten wir nur eins: Ruhe.
Postermen empfing uns ruhig und friedlich. Nur wenige andere Boote lagen vor Anker. Das Wasser war still, die Landschaft grün und sanft – ein Ort zum Durchatmen. Wir warfen den Anker, atmeten tief durch – und begannen, die KAMI wieder in ihren Normalzustand zu bringen: Großfall abbinden, damit es nicht gegen den Mast schlägt, Salonbett zurückbauen, Segel ordentlich verstauen und das Dinghi lösen, das Mike vor Abfahrt so fest verzurrt hatte, dass es sich auf der ganzen Überfahrt keinen Millimeter bewegt hatte.
Dann setzten wir uns mit Piper ins Trampolin, ein kalter Gin Tonic in der Hand – unser verdienter Anker-Drink. Die Erschöpfung wich langsam der Zufriedenheit. Das war der Moment, für den man all die Mühe auf sich nimmt.

Ankunft in Brest

Am Abend fuhren wir noch mit dem Dinghi zum nahegelegenen Ufer, damit Piper endlich mal wieder festen Boden unter den Pfötchen spüren konnte. Der Strand war leider sehr steinig, also blieben wir nicht lang. Aber allein die kurze Pause auf festem Grund tat uns allen gut.

KAMI in der Bucht von Postermen

Natürlich – wie immer – steht auch nach einer langen Passage gleich wieder „To-Do“ auf dem Programm. Noch unterwegs hatten wir uns eine Aufgabenliste erstellt, die wir jetzt in Angriff nahmen:
Mike backte zwei Brote, denn tagelang nur Müsli zu essen, ist auf Dauer keine Lösung. Die KAMI wurde außen gründlich vom braunen Kanalwasser befreit, das sich wie ein Film über das gesamte Unterwasserschiff gelegt hatte. Mike schlüpfte in den Neopren-Shorty und tauchte ab – und wie vermutet hatte sich am Backbord-Ruderblatt eine dicke Schicht Sargassum festgesetzt. Die Algen hatten sich sogar ums Rudergestänge gewickelt. Nach ein paar beherzten Tauchgängen war alles wieder frei – die KAMI wieder klar zum Start.
Das Wetter bleibt dabei wechselhaft. Am Donnerstag war der Nebel so dicht, dass wir die gegenüberliegende Küste – keine 200 Meter entfernt – kaum erkennen konnten. Heute zeigt sich das Wetter etwas freundlicher: wolkig bis heiter. Trotzdem mussten wir den Generator anwerfen, denn nach dem Brotbacken und Kochen war ordentlich Strom verbraucht – und ohne Sonne liefern die Solarpanele natürlich nichts.

Beim Durchsehen unseres Großsegels fiel Mike dann ein weiteres Detail auf: Die Gummis, mit denen der Segelmacher in Warnemünde das Segel an die Mastrutscher befestigt hatte, waren teilweise schon durchgescheuert – nach gerade mal ein paar Tagen Einsatz. Glücklicherweise haben wir noch Dyneema-Tauwerk an Bord, mit denen wir schon vorher das Groß angeschlagen hatten. Also bastelten wir neue Loops und befestigten das Segel damit neu. Dabei entdeckten wir auch noch lose Imbusschrauben an den Segellatten, die wir natürlich gleich nachzogen.
Merke: Nur weil etwas vom Profi gemacht wurde, heißt das nicht, dass es auch wirklich hält. Man muss alles selbst noch mal checken – schade eigentlich, aber lieber so als eine böse Überraschung mitten auf dem Atlantik.

Zum Tagesabschluss wagten wir uns – trotz strömendem Regen – noch mit dem Dinghi an Land nach Roscanvel, in ein kleines familiengeführtes Bistro, das von anderen Seglern in Navily empfohlen wurde. Piper blieb an Bord, wir hatten reserviert – und wollten uns diesen Abend nicht entgehen lassen.

Dinghi mit Regen in Postermen

Die Betreiberin empfing uns herzlich, erklärte die kleine Karte auf Englisch – es gab französische Snacks, viel Weißbrot, kleine Leckereien. Zwar grummelte der Magen später etwas – Weißbrot ist einfach nicht mehr ganz unseres – aber der Abend war stimmungsvoll und schön. Im Bistro gab es außerdem viele kleine, handgemachte Dinge: Tassen, Puzzles, Notizbücher, liebevolle Kleinigkeiten.

Wir nahmen zwei kleine Erinnerungen mit – auch wenn wir wissen: Wir müssen aufpassen, sonst ist die KAMI irgendwann randvoll mit Souvenirs. Die erworbenen Kleinigkeiten wurden liebevoll verpackt – das kennt man so gar nicht aus der alten Heimat. Frankreich ist wirklich schön – dieses Flair hier zieht uns sehr in den Bann.

Gift Brest

So ihr Lieben – wie ihr seht, uns wird nicht langweilig. Zwischen Bordoffice und Bootsarbeiten vergehen die Tage schnell – aber erfüllt. Uns geht’s gut, Piper hat ihr neues Lieblingsbett im Salon entdeckt, und wir genießen den Moment, bevor die nächste Etappe ruft.

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Durch die Nacht im Kanal

Es wird Abend, als wir in die Straße von Dover einbiegen. Mitten im Kanal verläuft ein Verkehrstrennungsgebiet – eine Art Autobahn nur für Schiffe aller Größen. Auf der englischen Seite fahren die Pötte Richtung Biskaya, auf der französischen gen Nordsee.

Wir halten uns am Rand auf der französischen Seite auf und haben entsprechend Gegenverkehr. Kein Grund zur Sorge: Die Berufsschifffahrt hält sich streng ans VTG. In der Dämmerung sehen wir einige französische Kriegsschiffe patrouillieren – vermutlich halten sie Ausschau nach Flüchtlingsbooten. Immer wieder versuchen Migranten mit Schlauchbooten von Frankreich nach England überzusetzen.

Kathi und Piper haben es sich im Salon gemütlich gemacht. Bereits gegen 20 Uhr schlafen beide ein, und ich übernehme wieder die Nachtwache. Eine große Regenzelle zieht von England herüber, wandert über die KAMI hinweg zum französischen Festland – nicht ohne einen ordentlichen Schauer zu hinterlassen. Durch das Springen in den Wellen ist das ganze Schiff von salziger Gischt glitzernd dekoriert. Alles, was wir an Deck anfassen – Fallen, Schoten und Leinen – hinterlässt nun klebrige Hände. Dem Salz werden wir in Brest mit unserem Kärcher zu Leibe rücken.

Den frühen Abend haben wir für einen Testlauf unseres Wassermachers genutzt. Das Wasser hier im Kanal ist überraschend sauber. Nur ab und zu sieht man leere Kanister in der Strömung treiben oder etwas Unrat auf den Wellenbergen schwimmen. Der Wassermacher tut, was er soll, und füllt unsere Frischwassertanks nach. Wir nutzen das sofort für eine heiße Dusche – schließlich klebt an uns ebenfalls das Salz.

Die Nacht bricht herein, und ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt so eine tiefschwarze Finsternis erlebt habe. Der Wind nimmt wieder zu; ich eile an Deck und rolle die Genua aus. Durch die Gegenströmung machen wir stellenweise nur 2 Knoten Fahrt über Grund. Vielleicht hilft die Genua ja, einen Knoten mehr herauszuholen.

Kartentisch im Salon der KAMI

Ich sitze am Kartentisch und steuere das Schiff von hier aus. Über die iPads, die die beiden Plotter spiegeln, bediene ich den Autopiloten. Auf dem linken iPad sehe ich das Radarbild, eingestellt auf einen Radius von 4 Seemeilen. Alle Anzeigen laufen im Nachtmodus, das heißt, weiße Schrift erscheint rot und die Helligkeit ist heruntergedimmt. Eine kleine Lampe spendet weiteres rotes Licht – so gewöhnen sich die Augen an die Dunkelheit, und mein nächtlicher Arbeitsplatz strahlt eine angenehme Gemütlichkeit aus. Auf dem rechten iPad liegt die digitale Seekarte mit den AIS-Signalen der Schiffe in der Nähe. Um meinen Hals hängt eine kleine Fernbedienung; mit ihr kann ich den Autopiloten in Zehn- oder Ein-Grad-Schritten steuern. Da wir an der Außenseite des Verkehrstrennungsgebietes fahren, muss ich regelmäßig unseren Kurs korrigieren – durch Gezeitenströmung, Seitenwind und Wellen versetzt es die KAMI immer mal wieder, aber das ist schnell behoben.

Um Kathi und Piper nicht zu stören, setze ich meine Kopfhörer auf und höre verschiedene Alben, um der Müdigkeit zu trotzen. Gerade läuft ein Album von Mike Oldfield, während ich per Marinetraffic-App auf dem Handy nach den anderen bekannten Seglern aus unserem TO-Verein schaue. Irgendwie muss ich mir die Zeit vertreiben – bei diesem wahnsinnig rasanten Reisetempo (Ironie aus). Lach.

Kathi wird in der Nacht hin und wieder wach und fragt, ob sie mich ablösen soll. Eigentlich keine schlechte Idee, aber ich möchte sie in dieser verkehrsreichen Nacht nicht allein fahren lassen. Ich weiß, dass sie noch großen Respekt hat und sich schwertut, Entfernungen zu anderen Schiffen abzuschätzen. Der Blick nach draußen verliert sich in absoluter Schwärze. Es ist fast wie ein Videospiel – das Schiff wird nachts komplett über die Instrumente gesteuert. Klar, ich könnte mich auch ans Steuerrad setzen und von Hand steuern – aber man sieht nichts, und bei den Temperaturen sitzt es sich drinnen wirklich angenehmer.

Es ist 04:45 Uhr. In einer Stunde müsste das erste Licht am Horizont erscheinen, dann könnte Kathi übernehmen. Ich bin wieder ziemlich übernächtigt – bei einer kleinen Zwei-Personen-Crew aber ganz normal, besonders bei Überfahrten und längeren Passagen. Uns erwarten noch ein bis zwei weitere Nächte, bis wir unser Zwischenziel Brest in Frankreich erreichen.

In der letzten Stunde habe ich um die 40 Frachtschiffe, Tanker, Containerschiffe und Fähren gezählt – was für ein Verkehr! Wenn man bedenkt, dass täglich mehr als 6.000 Containerschiffe auf den Weltmeeren unterwegs sind – nur Containerschiffe! Wahnsinn, oder?

Bald ist es 5 Uhr. Im Schneckentempo taucht am Horizont der neue Tag auf. Ich bin müde, die Konzentration lässt nach, das Funkgerät läuft in Dauerschleife – nur Geplapper, nichts Interessantes.

Meine Gedanken schweifen ab … Welche Abenteuer warten auf uns, und wann wird es endlich warm genug, um die KAMI von den Persenningen zu befreien und die Hängematte aufzuspannen?

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IJmuiden – Erholung, Erkundung & neue Pläne

Nachdem wir uns von der letzten, ziemlich kräftezehrenden Passage nach IJmuiden erholt hatten, kehrte so langsam wieder Alltag auf der KAMI ein. Schlaf nachholen, Eindrücke sortieren, neue Energie tanken. Und irgendwann kam der Punkt, an dem wir beschlossen: Jetzt möchten wir auch mal ein wenig von der Gegend sehen.

Auf der Suche nach der Innenstadt

Am zweiten Tag nach unserer Ankunft machten wir uns zu Fuß auf den Weg – Ziel: die Innenstadt von IJmuiden. Der Blick ging vorab auf die Karte: Es schien machbar, vielleicht nicht ganz um die Ecke, aber gut erreichbar. Also packten wir einen Regenschirm ein, schnappten Piper – und los ging’s.
Der Weg führte vorbei an großen Lagerhallen, Logistikfirmen, Industrie – ein klassisches Gewerbegebiet eben. Und er zog sich. Immer weiter geradeaus, kein Ende in Sicht. Nach gut 4,5 Kilometern tauchte endlich eine erste Wohnsiedlung auf. Unsere Hoffnung stieg … aber die erhoffte Innenstadt? Fehlanzeige. Stattdessen ein kleiner Supermarkt – immerhin. Wir stöberten ein wenig durch das Sortiment, holten ein paar Kleinigkeiten und machten uns dann wieder auf den Rückweg. Zu weit, zu monoton – vor allem auch für Piper.
Und natürlich – wie sollte es anders sein – auf dem Rückweg erwischte uns ein ordentlicher Wolkenbruch. Zu dritt unter unserem großen Regenschirm warteten wir mitten auf dem Gehweg, bis der Regen etwas nachließ. Zurück auf der KAMI waren wir uns einig: Morgen probieren wir es mit dem Bus – diesmal soll es nach Haarlem gehen.

Haarlem – Ein echtes Highlight

Am Dienstag gegen Mittag stiegen wir in den Bus Richtung Haarlem. Kathi hatte alles perfekt recherchiert: Umstieg, Fahrzeiten, Ticketpreise – und natürlich, ob Piper mitfahren darf (darf sie – Leine und Maulkorb griffbereit). Die freundliche Busfahrerin wies uns gleich beim Einsteigen darauf hin, wo wir umsteigen müssen – alle sehr hilfsbereit.
Nach etwa 45 Minuten erreichten wir den Bahnhof von Haarlem. Von dort waren es noch rund 10 Minuten zu Fuß bis in die Altstadt – und dann: Wow. Kleine, charmante Gassen, hübsche Läden, Cafés mit Außensitzplätzen, Kopfsteinpflaster, Fahrräder überall. Ein bisschen Amsterdam, aber entspannter. Wir schlenderten bis 17 Uhr durch die Straßen, schauten in Geschäfte, gönnten uns einen Kaffee und kauften ein paar Kleinigkeiten ein.
Der Rückweg verlief reibungslos. Piper hatte den Ausflug super mitgemacht – ein rundum gelungener Tag, der uns allen richtig gutgetan hat.

Der Strand direkt hinter dem Hafen

Am Mittwoch entdeckten wir zufällig den Strand von IJmuiden – nur ein paar Schritte hinter dem Hafengebäude. Weitläufig, bei Ebbe fast endlos, mit feinem, hellem Sand. Die Sonne ließ sich blicken, das Thermometer kletterte auf angenehme 22 Grad – und Piper tobte glücklich über den Strand, schnüffelte in kleinen Krebs-Löchern und rannte durch die Wellen.
Das Wasser war mit 21 Grad überraschend warm – wir gingen zumindest mit den Füßen rein. Danach ließen wir den Nachmittag in einer kleinen Beachbar ausklingen. In der Sonne sitzen, aufs Meer schauen, das Salz auf der Haut – ein perfekter Seglertag ohne Segeln.

Wetterplanung – und eine Mail zur rechten Zeit

Am Donnerstag stand – wie so oft – das Wetter im Mittelpunkt. Nach dem Frühstück setzten wir uns mit Kaffee und iPad ins Cockpit und checkten die Modelle. Unsere Frage: Wie weit kommen wir beim nächsten Fenster?
Und genau in dem Moment: eine Mail von Alina. Timing perfekt. Sie schrieb, dass sich ab Samstagabend ein passendes Windfenster auftun würde – mit guten Bedingungen bis mindestens Montag. Unsere innere Ungeduld war geweckt, aber gleichzeitig war uns klar: Wenn’s passt, dann früh los – mit der ersten Tide.

Vorbereitungen für die Weiterfahrt

Also planten wir Freitag noch einmal einen kleinen Einkauf. Kathi kümmerte sich um Proviant und Kleinkram, Mike ging nochmal zur Tankstelle. Die nette Dame im Hafenbüro hatte uns bestätigt, dass man dort an einem Terminal selbst zahlen könne – also eine klassische Self-Service-Tankstelle. Mike schaute nochmal ob auch genug Platz zum Anlegen ist, alles perfekt.
Am Samstagmorgen dann unser Fahrplan: Noch ein letzter Kaffee, dann gegen 8 Uhr zum tanken, um spätestens 9 Uhr ablegen zu können – die Tide sollte uns ein wenig Schub geben. Doch wie es halt so ist: An der Tankstelle hängt plötzlich ein Schild. „DEFECT – geöffnet nur von 10–17 Uhr.“ Kein Terminal in Betrieb. Natürlich.
Wir versuchten es telefonisch – keiner erreichbar. Also Funkgerät raus. Mike ruft den Hafenmeister auf Kanal 74. Zum Glück die Antwort: „Ich bin in 20 Minuten da.“ Er kam tatsächlich, öffnete die Zapfanlage manuell, und wir konnten unsere Tanks füllen. Der Zeitplan passte – gerade so.

Weiter geht’s – unter erschwerten Bedingungen

Nach dem Tanken machten wir uns direkt auf den Weg. Doch die Bedingungen waren alles andere als komfortabel: Gegen Wind und Welle kämpften wir uns mit der Strömung mühsam voran. Die KAMI hatte ordentlich zu tun, um überhaupt Fahrt über Grund zu machen.
Wie so oft: Wind direkt von vorn – an Segeln war nicht zu denken. Kathi versuchte währenddessen, Piper zu beruhigen, die den ständigen Seegang nicht wirklich mochte. Mike gab dem Großsegel noch eine Chance, doch schnell wurde klar: aussichtslos.
Also blieb es beim Motoren – wieder einmal.
Gegen Abend dann endlich die Wende: Der Wind drehte, wie von Alina vorhergesagt. Wir konnten die Genua setzen – und sofort lief es deutlich besser. Ruhigere See, mehr Geschwindigkeit, endlich etwas Segelfeeling! In der Nacht schlief der Wind noch einmal kurz ein, kam aber am frühen Morgen zurück.

Mike übernahm wie gewohnt die erste Nachtwache – und die hatte es in sich: Nicht nur herrschte dichter Verkehr auf der Route, auch die Ein- und Ausfahrten der Großhäfen Rotterdam und Zeebrügge lagen auf unserem Weg. Große Container- und Frachtschiffe kreuzten mit hoher Geschwindigkeit – volle Konzentration war gefragt. Kathi löste ihn gegen 5:30 Uhr ab.
In der Nacht kam plötzlich ein Funkspruch von der Küstenfunkstelle Zeebrügge direkt an die KAMI – Kathi war sofort hellwach. Die Dame fragte auf Englisch, wohin wir unterwegs seien und welchen Kurs wir fahren würden. Mike antwortete über Funk, während Kathi unterstützend zur Seite stand. Offenbar waren wir aus ihrer Sicht ein wenig zu nah an ein Arbeitsschiff zur Kabelverlegung herangefahren – man wollte einfach kontrollieren, wer wir sind und was wir vorhaben.
Ein kleiner Schreckmoment für uns – aber alles halb so wild. Wir hatten genügend Abstand gehalten, die Situation war ruhig und freundlich. Trotzdem: Ein klares Zeichen, dass in diesen stark frequentierten Gewässern auch die „Kleinen“ genau beobachtet werden.
In solchen Momenten sind wir froh über unser umgebautes Bett im Salon – wir schlafen in Reichweite zueinander, jederzeit bereit, im Notfall sofort zu reagieren. Auch Piper findet unser kleines Nest super gemütlich und bleibt am liebsten die ganze Zeit dort. So ist es auch für sie ein Stückchen angenehmer unterwegs zu sein.

Jetzt, gegen 12 Uhr mittags, sind wir kurz vor Calais – dem Eingang zum Englischen Kanal. Wenn alles wie geplant läuft, werden wir am Dienstag / Mittwoch in Brest ankommen. Das ist unser Ziel. Aber wie immer auf See: Mal sehen, was passiert …

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Kurs IJmuiden – endlich geht es los!

Nach fast 18 Tagen im Cuxhavener Seglerhafen entscheiden wir uns, endlich abzulegen und Kurs auf IJmuiden in den Niederlanden zu nehmen. Das Wetter und die Vorhersagen bei Windy passen einigermaßen für die rund 200 Seemeilen lange Etappe – und wir wollen jetzt auch einfach mal weiter.

Bevor wir am Freitagabend gegen 20 Uhr mit der ablaufenden Tide starten, füllen wir an der SB-Tankstelle im Hafen beide Tanks mit jeweils 72 Litern Diesel nach. Dann geht es los. Bei schönstem Abendsonnenschein biegen wir in die Elbmündung ein und motoren Richtung Nordsee zum ersten VTG (Verkehrstrennungsgebiet) „Jade Approach“.
Die ablaufende Flut aus Hamburg schiebt uns mit rund 2 Knoten – super.

Diesmal lassen wir nur eine Maschine laufen, um Sprit zu sparen und eine erste Verbrauchskalkulation zu machen. Natürlich ist das bei Strömung, Gegenwind und Welle nur bedingt aussagekräftig, aber für einen Mittelwert sollte es reichen.
Am Ende der Etappe rechnen wir hoch: 700 Liter Diesel ergeben eine Reichweite von ca. 1.000–1.200 Seemeilen, also rund 2.000 Kilometer. Nicht, dass ihr denkt, wir wollen absichtlich motoren – ganz im Gegenteil! Das dumpfe Gebrumme nervt uns wahnsinnig und geht irgendwann richtig auf den Kopf. Wir wollen segeln. Aber der Wind muss eben mitspielen.

Erste Nachtfahrt – neue Erfahrungen

Wir motoren also in die Nacht hinein. Laut Vorhersage soll es in den frühen Morgenstunden Wind geben. Ich schicke Kathi gegen 23 Uhr in die Koje und übernehme die komplette erste Nacht bis 8 Uhr morgens. Irgendwann kommt sie nochmal hoch und fragt: „Soll ich dich ablösen?“ Ich verneine, sie geht wieder schlafen.


Unsere Hündin Piper erlebt ihre erste Nachtfahrt – und ist völlig unentspannt. Sie weicht mir nicht von der Seite, schläft nur kurz, und wenn ich mich einmal bewege oder mir ein Getränk aus dem Kühlschrank hole, schaut sie mich mit ihren müden Augen an, als wolle sie sagen: Warum bewegt sich hier alles?! Sie muss sich natürlich erst daran gewöhnen, Tag und Nacht an Bord zu verbringen.
Beim „Lösen“ klappt es schon richtig gut: Wir gehen mit ihr auf das Vorschiff, geben den Befehl „Piper, los!“ – und sie macht brav ihr Geschäft. Danach wird wie auf See üblich alles mit Schlauch und Pütz abgespült. Natur zur Natur!

Wind? Fehlanzeige.

Am Samstagmorgen um 8 Uhr übernimmt Kathi die Wache, ich lege mich in den Salon in ihre Nähe und sage noch: Weck mich, wenn dir was komisch vorkommt oder du mit Radar oder AIS nicht klar kommst. Nach 20 Minuten bin ich wieder wach – Schlaf will sich einfach nicht einstellen. Also trinken wir einen Kaffee, und ich rolle die Genua aus. Immerhin: 9 Knoten Wind! Vielleicht reicht das für ein wenig Segelbetrieb?
Leider nicht. Nach zwei Stunden schläft der Wind wieder ein und das Segel fällt back. Also Genua einrollen. Wir tuckern weiter unter Maschine. Die Tide ist mittlerweile gekippt, der Strom kommt jetzt von vorn – unsere Geschwindigkeit sinkt auf nur noch 2,5 Knoten. Gerade einmal 4,6 km/h! Das ist langsamer als Gehen.

Tagsüber nutzt die Sonne jede Gelegenheit, vorbei zu schauen. Ich versuche, mal im Salon, mal im Cockpit ein Nickerchen zu machen – vergeblich. Ich finde keinen Schlaf.
Ab dem Nachmittag baut sich die See auf – 2,5 Meter Welle schiebt uns von hinten. Der Wind frischt auf: 10 bis 12 Knoten. Endlich! Aber: direkt von achtern, 180 Grad. Für unseren Katamaran KAMI denkbar ungünstig – wir können nur zwischen 40 und 135 Grad segeln. Also: Maschine bleibt an.

Wach bleiben um jeden Preis

Am Abend wird’s wolkig, wir sehen kaum noch Schiffe. Nach dem Abendbrot übernehme ich erneut die Nachtwache. Kathi geht schlafen – Kopfhörer auf, ich höre mal wieder „Domian“. Gegen Mitternacht schreibt meine Mom, dass sie nicht schlafen kann. Wir tauschen ein paar WhatsApp-Nachrichten aus. Ich vermisse Sie und meine Gedanken sind oft bei ihr.
Gegen 2 Uhr steht plötzlich Kathi bei mir. „Willst du dich ablösen lassen?“ fragt sie. Ich schicke sie nochmal in ihre Koje. Natürlich bin ich noch fit. Oder etwa nicht? Irgendwie hatte sie wohl eine Vorahnung. Immerhin bin ich zu dem Zeitpunkt schon fast einen ganzen Tag wach.

Um 4 Uhr werde ich richtig müde. Augenlider schwer, auf dem Plotter nichts, Radar leer, kein Verkehr – Langeweile macht sich breit. Und dann der gefährlichste Moment: Sekundenschlaf. Ich spüre, wie mein Körper ein klares Alarmsignal sendet. Nicht einschlafen! Also gehe ich sofort runter und wecke Kathi. Sie übernimmt ohne zu zögern.
Nach zwei Stunden narkotischen Tiefschlaf wache ich wieder auf. Es wird hell, Kathi steuert die KAMI mit Autopilot die Küste entlang. Aber weit sind wir noch nicht gekommen – kein Wunder bei der Gegenströmung. Unsere kalkulierten 34 Stunden für die Überfahrt nach IJmuiden werden wir nicht schaffen, am Ende sind es 40 Stunden.

Kontrolle auf See

Am Sonntag gegen 10 Uhr – mittlerweile haben wir sieben Stunden Verspätung – entdecke ich an Steuerbord ein großes Schiff der niederländischen Küstenwache. Kurz darauf wird ein RIB zu Wasser gelassen und rast mit Highspeed achteraus. Ich ahne schon: Die kommen zu uns.
Ein paar Minuten später liegen sie längsseits. „Woher kommen Sie?“, ruft einer der Beamten auf perfektem Deutsch. Ich antworte freundlich (trotz Müdigkeit) und erzähle von unserer Weltumsegelung. Nach ein paar Fragen und einem kurzen Gespräch wünschen sie uns alles Gute – und brausen wieder ab. Unsere erste Kontrolle auf See!

IJmuiden – der erste Stop außerhalb Deutschlands

Eine Stunde später erreichen wir IJmuiden. Wir funken den Hafenmeister auf Kanal 74 an. Kathi hatte dort zuvor angerufen, die Dame hatte einen freien Liegeplatz zugesagt – auf Deutsch. Jetzt fordert man uns über Funk auf, auf Englisch umzuschalten. Kathi übernimmt entspannt.
Wir motoren mit 15 Knoten Gegenwind in den Hafen. Ein „Marinero“ kommt im Dinghy entgegen und winkt uns, wir sollen folgen. Unser Liegeplatz ist in Reihe „F“. Die Ansteuerung klappt fast wie bei den Profis. Danach geht’s direkt ins Hafenmeisterbüro – wir buchen für eine Woche.

Nächste Schritte: Der Atlantik ruft!

Schon in der Nacht hatten wir via Podcast von Sebastian Wache (wetterwelt.com) gehört, dass das Wetter weiterhin suboptimal bleibt. Unser Plan: notfalls motoren bis Brest – raus aus dem Ärmelkanal, rein in den Atlantik.
Denn wir wollen endlich ins Warme! Segeln! Türkisfarbenes Wasser!

Bis dahin sind es noch ca. 600–700 Seemeilen. Aber: Gegenwelle und Gegenströmung sind das, was am meisten belastet – auch für unsere Piper. Sie musste schon Reisetabletten nehmen, um etwas zu entspannen. Sie ist ein wichtiger Teil der Crew – auch ihr Wohlbefinden steht für uns an erster Stelle.


Die Infos schicke ich in der Nacht an Alina. Direkt am Sonntagvormittag kommt ihre Antwort: Gegen Ende der Woche will sie sich mit neuen Wetterdaten melden.

Ankommen, schlafen, Pläne schmieden

Sonntagnachmittag gönnen wir uns ein Erholungsschläfchen – drei Stunden tiefster, erholsamer Schlaf. Der Körper holt sich, was er braucht. Am Abend fühlen wir uns wieder frisch und erkunden den Hafen und die Umgebung.

Seebeine wachsen nicht über Nacht – und wir sind froh, dass wir nicht ausschließlich auf Wind angewiesen sind. Wer nur auf’s Segeln gesetzt hätte, würde womöglich heute noch in der Ostsee treiben. Gut, dass wir auf einem Katamaran leben – die Vorteile gegenüber einer Monohülle sind enorm. Wir haben größten Respekt vor all unseren Mitseglern, mit denen wir über WhatsApp im Austausch stehen: die anderen Lossegler 2025.

Was kommt als Nächstes?

Am 26. Juli startet das legendäre Rolex Fastnet Race von Cowes nach Cherbourg. Über 400 Yachten nehmen teil. In den umliegenden Häfen wird es voll, laut – und spannend! Für uns ein weiterer Grund, so bald wie möglich durch den Ärmelkanal zu kommen.

Unsere Wunschroute:
 Noch einmal in IJmuiden auftanken, dann durch den Kanal nach Brest. Von dort aus Proviant und Diesel auffüllen – und auf Alinas „GO“ warten. Dann geht’s rüber über die Biskaya in einem weiten Atlantik-Bogen nach Madeira.
Dort ist gerade genau unser Wetter: Sonne, 32 Grad – Happy Feeling.

Jetzt beobachten wir aus den Niederlanden weiter die Wetterkapriolen. Die Wetterentwicklung wird immer rasanter, kurzfristiger, unberechenbarer.

Zur Stunde tobt ein höllisches Gewitter über dem Hafen…

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Leinen los …

Die zum Segeln notwendige Windrichtung und die Prognosen sind immer noch nicht optimal. Wir bekommen aber langsam in Warnemünde einen „Lagerkoller“ und entschließen uns daher, die Leinen loszuwerfen und in Richtung NOK (Nord-Ostsee-Kanal) aufzubrechen.

Letzter Abend in Warnemünde

Die Nacht vor unserem Start schlafen wir beide schlecht. Aufregung? Zu viele Gedanken, die im Kopf kreisen? Wir wissen es nicht genau und stehen gegen 6 Uhr früh auf, um mit der aufgehenden Sonne die Leinen loszuwerfen. Die Motoren schnurren mit 1800 Umdrehungen, und wir machen bei Windstärke „0“ und fast spiegelglattem Wasser 6 Knoten Fahrt. Wir stellen den Autopiloten auf die Insel Fehmarn ein, die wir umrunden müssen, um nach Kiel zu gelangen.

Nach dem frühen Start aus Warnemünde genießen wir unser erstes Aussteigerfrühstück gegen 9 Uhr morgens. Very romantic!

Frühstück an Bord

Die lange Fahrtzeit hat Kathi genutzt, um den MOB-Sender (Mann-über-Bord-Sender), den wir extra für Piper gekauft haben, an ihre Schwimmweste zu nähen. Leider gibt es keine fertige Lösung für Offshore-Rettungswesten für Hunde. Also hier: Selbst ist die Frau!

Pipers Rettungsweste

Nach fast 13 Stunden Fahrt unter Motor treffen wir in den Abendstunden in Kiel-Holtenau ein. Über Funk werden wir vom Schleusenwärter gefragt, ob wir noch in den NOK einfahren wollen. Da wir alle drei vom Gebrumme der Maschinen müde sind, verneinen wir, bedanken uns für die höfliche Nachfrage und werfen den Anker gegenüber der Schleuseneinfahrt. Hier liegen bereits etliche große und kleine Freizeitboote und ein größerer Tanker auf Reede.

Die Nacht ist wieder kurz. Gegen 5 Uhr weckt uns Kathis Handy mit einem dröhnenden Alarmgeräusch – die Ankeralarm-App. Wir hatten am Vorabend bei fast 10 Metern Tiefe ca. 50 Meter Ankerkette gesteckt und haben uns in der Nacht mit dem Wind um 180 Grad gedreht. Das quittierte die App mit einem lauten Alarm. Guten Morgen! Wir sind völlig knülle, raufen uns aber rasch auf und schielen rüber zur Schleuse. Komm, lass uns gleich einschleusen. Anker auf und Motoren an – es geht mit einem großen Containerschiff und sechs Segelbooten in die Schleusenkammer. Der Schleusenwärter gibt über Funk durch: „Die Sportschifffahrt bitte an der Backbordseite festmachen.“ An der Steuerbordseite liegt das große Containerschiff und produziert ordentlich Schraubenwasser (sieht aus wie ein brodelnder Whirlpool). Bei der Einfahrt in die Schleuse wundern wir uns, dass das erste Segelboot (ein Trimaran) an der Steuerbordseite anlegt und nicht wie vom Schleusenwärter gefordert an der Backbordseite. Gruppenzwang – wir folgen alle. Aber was macht der Trimaranfahrer? Er stoppt auf der Hälfte der Schleusenlänge und macht sich fest. Da passen wir nicht dahinter. Kathi hat schon Fender und Leinen an der Steuerbordseite angebracht, da kommt der Funkspruch vom Schleusenwärter, wir können auch auf der Backbordseite anlegen. Kathi schnauft und schimpft vor sich hin, löst alle Fender und Leinen und wechselt, während wir schon einfahren, die Seite. Mit etwas zu viel Dampf rauschen wir gegen den in der Schleuse vorhandenen Schwimmsteg. Grrrr … Das war Mikes Schuld. Gott sei Dank keine Beschädigungen am Schiff – nochmal gut gegangen. Wir liegen vertäut in der Schleuse und springen zwischen KAMI und Schwimmsteg hin und her, um Leinen und Fender auszurichten. Die Schwimmstege sind mit einer dicken Algenschicht überwachsen, entsprechend sieht nach der Schleusung unser weißes Deck nicht mehr weiß aus, sondern … Bahhhh …

KAMI in der Schleusenkammer Kiel

Gegen 7:15 Uhr fahren wir dann endlich in Kolonne mit den anderen Booten die ersten 28 Kilometer bis zum Borgstedter See. Hier wollen wir direkt an der Autobahnbrücke der A7 den heißen Tag mit 37 Grad verbringen (baden und den Grill anwerfen) und morgen früh weiter bis zum Ende des NOK (noch 70 Kilometer) fahren. Geplant ist dann das Ausschleusen am Abend, und mit der anfänglichen Gezeitenflut wollen wir in den Amerikahafen in Cuxhaven fahren und dort für ein paar Tage festmachen. Unsere Ankerwinsch lässt sich sporadisch nicht mehr einfahren, was uns heute im Borgstedter See in eine brenzlige Lage gebracht hat. Wir hatten den Anker ausgebracht und sind dann in Richtung der Signaltonnen abgetrieben. Wir wollten den Anker schnell wieder aufholen und unsere Lage korrigieren – leider versagte in diesem Moment die Ankerwinsch. Kurzzeitig Panik. Gemeinsam haben wir dann mit reiner Muskelkraft 10 Meter Kette mit dem anhängenden 25-Kilo-Anker aus dem Wasser gezogen. Als wir das Boot danach etwa 100 Meter verholt hatten, fanden wir den Fehler relativ schnell: ein Kabelbruch an der Elektrowinsch. Das muss repariert werden. Wir werden uns in Cuxhaven einen Monteur suchen, der uns helfen kann. Wir sind optimistisch.

Leider sehen die Wetter- und Windprognosen bis zum Wochenende wieder bescheiden aus. Wann wir weiter nach Helgoland kommen, ist noch offen. Derzeit ändern sich ja die Vorhersagen fast stündlich. Gerade jetzt zieht ein Gewitter mit Regen über uns her, das war schon vor sechs Stunden angekündigt. Wir nutzen den Regen und schrubben das durch die Schleusenaktion verdreckte Deck, bis alles wieder blitzeblank ist. Es ist ja unser Zuhause. Da hat man es gerne ordentlich und rein. lach

Piper leidet auch unter der Hitze. Wir legen sie tagsüber auf Kühlmatten, geben ihr ab und an einen Eiswürfel zum Knabbern und ziehen ihr eine Kühlweste an. Ihr Geschäft hat sie gestern tatsächlich erst abends auf dem Boot verrichtet. Was haben wir sie gelobt! Sie tut sich noch sehr schwer mit dem „Lösen“. Aber wir sind guter Hoffnung. Sie ist ja mit 1,5 Jahren noch ein Teenager. Das klappt schon bald besser. Bestimmt!

Unser Engelchen "böser böser Kampfhund"

Gestern haben wir noch gegen Nachmittag Post von unseren Warnemünder Stegnachbarn erhalten. Sie haben uns eine gute Reise gewünscht und ein Foto, aufgenommen von ihrer Two Princess, von der KAMI beigefügt. Darüber haben wir uns sehr gefreut.

Foto von unseren Stegnachbarn

Alles in allem haben uns eine Vielzahl von Wünschen und guten Zusprüchen erreicht, selbst von Seglern, die wir gar nicht richtig persönlich kennen. Toll. Danke dafür!

Aktueller Trip: Genau 100 Meilen
Fahrtzeit gesamt: 17 Stunden und 26 Minuten

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