Es ist Montag früh, gegen 8 Uhr stehen wir auf. Wie so oft vor einer längeren Überseepassage haben wir beide schlecht geschlafen. Wir träumen komische Sachen, werden mehrmals in der Nacht wach, liegen mit vielen Gedanken im Bett und versuchen, ein wenig Ruhe zu finden.
Eigentlich wollten wir erst mittags „Anker auf“ gehen, doch wir haben Hummeln im Bauch und starten nach dem Frühstückskaffee aus der Ankerbucht in Camaret-sur-Mer. Langsam tuckern wir mit 5 Knoten um die Landzunge – und landen im dichten Nebel. Vor uns zeichnen sich schemenhaft mehrere Kriegsschiffe der französischen Marine ab.
Dann trifft die erwartete Mail von Sebastian Wache ein – keine guten Nachrichten! Das nervt mittlerweile. Nicht nur, dass wir wochenlang in jedem zweiten Hafen abwettern müssen, auch das richtige Sommer-Reisefeeling will einfach nicht aufkommen.
Sebastian schreibt, dass der Hurrikan Erin seine Ausläufer nach Europa schicken wird – und das verheißt nichts Gutes. Meteorologen erwarten Stürme und bis zu 5 Meter hohe Wellen. Besonders die Küste Frankreichs soll es hart treffen, rund um den 28. August. Für uns gibt es zwei Optionen:
Weiter in einem französischen Hafen abwettern – und dort die volle Wucht abbekommen.
Verkürzt über die Biskaya starten, dann schnell nach Süden abfallen und hoffen, damit den schlimmsten Winden zu entkommen.
Aber: Die erwarteten 5-Meter-Wellen werden wir wohl trotzdem aushalten müssen.
Na klasse!
Delfinbegleitung & erste Etappe
Noch im dichten Nebel aus der Bucht von Camaret-sur-Mer motorend, wagen wir es und machen uns trotz der angsteinflößenden Prognosen auf den Weg nach Madeira. Schon am Vormittag, draußen vor Brest, begleiten uns fast eine Stunde lang Delfine.
Piper ist völlig aus dem Häuschen, rennt aufgeregt über das Bootsdeck und beobachtet das Schauspiel durchs Trampolin. Die Delfine springen und vollführen wunderschöne Pirouetten knapp unter der Oberfläche.
Und die Überraschungen gehen weiter: Wenig später landet ein kleiner Vogel – ein Trauerschnäpper – bei uns am Steuerstand. Zutraulich lässt er sich fotografieren und bleibt rund eine halbe Stunde, bevor er weiterfliegt. Fast märchenhaft: Nebel über dem Wasser, winkende Robben und nun dieser Vogelbesuch.


Die ersten Wellen und die erste Nacht
Am Nachmittag kommt endlich Wind und Sonne. Der Nebel ist vertrieben und die KAMI nimmt Fahrt auf in Richtung unseres ersten Wegpunkts. Der Wind bläst noch spitz von vorn und unbeständig, die KAMI springt über die Wellen – Kathi wird seekrank.
Zum Glück haben wir eine gute Bordapotheke, und dank Götz’ verschriebener Medis ist schnell Linderung da. Piper bleibt diesmal seegängig, was uns sehr beruhigt. Ich baue unser „Schlaflager“ im Salon auf, damit wir drei nah beieinander sind – bewährt für lange Passagen. Bald darauf liegen Kathi und Piper zusammen eingerollt und schlafen tief.
Abends entfällt die Bordküche, wir gehen in die erste Nacht. Ritualgemäß übernehme ich die Nachtwache. Kein Problem: Zwei Segler aus Österreich kreuzen unseren Kurs, wie in einem Dreieck fahren wir parallel durch die Nacht. Erst in den Morgenstunden trennen sich unsere Wege: Sie steuern A Coruña an, wir dagegen halten Kurs ins offene Blauwasser gen Süden. Das tiefe Blau – es ist überwältigend, ich liebe es einfach!
Alltag auf See
Um ordentlich Strecke zu machen, lassen wir bei unter 10 Knoten Wind eine Maschine mit geringer Drehzahl laufen – so laden wir auch unsere Energiespeicher auf, denn die Solarausbeute war zuletzt dürftig.
Gegen 5 Uhr UTC (zwei Stunden vor deutscher Zeit) übernimmt Kathi die Wache am Kartentisch. Noch geht es ihr nicht besonders, wir probieren ein anderes Präparat. Ich döse tagsüber nur in Etappen, echter Tiefschlaf will nicht kommen.
Am frühen Nachmittag kehrt der Wind zurück. Gemeinsam setzen wir das Großsegel und rollen die Genua aus – klappt schon richtig gut. Ich bin überzeugt: Spätestens ab Madeira kann Kathi die KAMI allein segeln.
Tagsüber probiere ich mich mit unserer neuen Trollingangel – noch ohne Erfolg. Vielleicht liegt’s am Köder oder an unseren Einstellungen. Aber wir üben weiter, denn frischer Fisch soll in unser Proviantkonzept integriert werden. Auch Piper würde davon profitieren: Neben Trockenfutter wollen wir ihr immer wieder frisches Gemüse und Fleisch/Fisch abkochen.


Zweite Nacht – Verkehr in der Biskaya
Die zweite Nacht segeln wir unter vollen Segeln. 17 Knoten Wind aus Nordwest bringen uns gute Fahrt – 7 Knoten im Schnitt. Wenn es so bleibt, erwischen uns die Ausläufer von „Erin“ nicht mehr. ETA Madeira: Mittwoch nächster Woche. Mit etwas Glück sogar Dienstag früh.
Doch die Nacht ist anstrengend: Wir kämpfen uns durch dichten Schiffsverkehr – Fracht-, Container- und Fischerboote, Fähren, Kreuzfahrer. Gegen 23 Uhr sind wir von über 20 Schiffen umzingelt. Bei einem Containerriesen muss ich funken, da er auf Kollisionskurs bleibt. Seine Antwort: „Ja, wir sehen Sie – Sie sind genau voraus.“ Aber er ändert den Kurs nicht. Erst 500 Meter hinter uns zieht er nach Backbord ab. Die Heckwelle kracht unter die KAMI, Gischt spritzt übers Deck – was für ein Schreckmoment!
Marinetraffic zeigt das Szenario wie ein Spalier aus bunten Schiffssymbolen. Mittendrin die Fischer, die Yachten, ein einziges Gewimmel. Hoffentlich sind wir bald aus der Hauptachse raus. Ein Trost: Bei dem dichten Verkehr wäre im Notfall sofort Hilfe da – die Medaille hat eben zwei Seiten. lach


Sorge: Orcas an Iberiens Küste
Ein Thema bleibt uns noch im Kopf: die Meldungen über Orca-Angriffe vor Spanien und Portugal. Schon seit einigen Jahren attackieren Schwertwale dort Segelboote und beschädigen Ruderblätter – einige Yachten sind dadurch sogar gesunken!
Warum gerade diese Gruppe von Tieren dieses Verhalten zeigt, ist nicht klar. Besonders gefährlich ist die Straße von Gibraltar. Da man Orcas nicht vertreiben darf und Schutzversuche mit Lärm oder Sand nichts gebracht haben, bleibt Skippern nur, die Gebiete weiträumig zu umfahren. Unser Plan: deutlich abgesetzt von der Küste und weit draußen im Tiefwasser (bis 5000 m) gen Madeira segeln. Besonders viel Glück schadet da nicht – also: Daumen drücken!
Jetzt ist es 00:47 Uhr UTC (= 02:47 Uhr MESZ). Auf dem Radar taucht schon der nächste Pulk Frachter auf. Meine Augen kleben am Plotter, die Müdigkeit kommt langsam. Sonnenaufgang ist um 05:30 Uhr UTC, dann darf Kathi übernehmen.






























