1. Seetag – Sonntag, 16.11.
Wir starten pünktlich gegen 8 Uhr und verlassen die Marina in Santa Cruz de La Palma. Die Sonne scheint, der Wind bläst mäßig. Am Samstagnachmittag haben wir die Routing-Mail von Alina (wetterwelt.com) bekommen und die geplanten Wegpunkte für die ersten zehn Seetage in unseren Plotter eingegeben. Sie hat eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 5,6 Knoten angesetzt. Insgesamt sind es etwa 2.550 Seemeilen bis Martinique, geplante ETA ist der 5. Dezember.
Nachdem wir den Hafen verlassen haben, setzen wir Großsegel und Genua und machen zunächst um die 5 Knoten Fahrt. Leider schläft der Wind rasch ein, und wir befinden uns in der Landabdeckung. Also Großsegel runter und Genua weg. Stattdessen rollen wir den Gennaker, unser Leichtwindsegel, aus und machen so weiter zwischen 4 und 5 Knoten Fahrt. Gegen Abend wollen wir eine Halse fahren und ziehen uns dabei aus Versehen das Relingsnetz in den Steuerbord-Gennakerblock. Ich (Mike) greife schnell hinterher (leider ohne meinen Grips einzuschalten) und quetsche mir den linken Ringfinger und verbrenne mir den Zeigefinger. Ein lauter Schrei hallt über das Meer, und Kathi kommt sofort zu Hilfe. Die Schmerzen an den Fingern sind kaum zu ertragen. Warum habe ich meine Handschuhe nicht angezogen? Ein Eispack und zwei Ibuprofen helfen mir über die nächsten Stunden. Ärgerlich.
Gegen 18:30 Uhr wird es dunkel und wir entscheiden uns, mit Genua und Backbord-Maschine durch die Nacht zu fahren – in der Hoffnung, dass der Wind endlich stabiler wird und wir aus der Abdeckung der Insel La Palma kommen. Die Nacht ist sehr schwellig. Wellenberge von bis zu 3 Metern treffen uns seitlich an Steuerbord und schlagen unter der Gondel (der Mitte des Katamarans) zusammen. Das gibt fürchterliche Rumpel- und Rumpsgeräusche, super laut. Schlaf finden wir nur schwer. Kathi leidet schon wieder an leichter Übelkeit (meistens in den ersten Tagen auf Passage), findet aber gegen Mitternacht Schlaf und Träume.
Piper kommt mit dem Start der Atlantiküberquerung sehr gut klar. Sie schläft viel und schmust gerne. Ich sitze – wie so oft – um Mitternacht am Kartentisch, als mir ein weißes Blinken in unserer achterlichen Kabine auffällt. Ich gehe runter und sehe, wie ein Deckenstrahler blitzt und blinkt. Das Gehäuse ist heiß und der Strahler lässt sich nicht ausschalten. Was ist das? Schnell hole ich einen passenden Innensechskantschlüssel aus der Schublade und montiere den Deckenstrahler ab. Dabei kommt mir ein Schwall Salzwasser entgegen – das Bettlaken ist nass. Ich schaue verdutzt und trenne die Funzel schnell vom 12-Volt-Strom. Kurzschluss! Na prima – was für ein toller erster Seetag. Leider lässt sich nicht herausfinden, wo das Wasser oben aus der Kabinendecke herkommt. Ich lege erst einmal ein Handtuch und Küchenrolle aus.
Gegen 2 Uhr lege ich mich auch auf unser Schlaflager im Salon. Piper schnarcht und Kathi ist im Land der Träume. Ich stelle Plotter und Radaralarm ein und richte mir Timer im Zweistundenrhythmus ein. So richtig komme ich aber nicht zur Ruhe. Erst als es gegen 7:30 Uhr langsam hell wird, falle ich in einen kurzen Tiefschlaf. Seit gestern Abend konnten wir kein Schiff in unserer Nähe oder auf unserer Kurslinie ausmachen.
Gegen 9 Uhr stehen wir auf und trinken einen Kaffee. Piper hat schon wieder Hunger und fordert ihr Frühstück ein. Für uns gibt es eine Tasse mit Crunchy und Kellogg’s. Nach dem Frühstück setzen wir wieder das Großsegel und die Genua und stellen die Backbord-Maschine ab. Bei einem Windwinkel von 140 Grad halten wir unseren Kurs grob in Richtung des nächsten Wegpunkts. Vormittags versuche ich mein Glück mit der Angel. Es gibt tatsächlich einen kräftigen Biss, doch nach der Hälfte der eingeholten Angelschnur verlieren wir das Sushi. Schade. Weiterprobieren.
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2. Seetag – Montag, 17.11.
Erstes Etmal: 135 Seemeilen (24 Stunden)
Windstärke zwischen 2 und 4 Beaufort (max. kurzzeitig 21 Knoten)
Großsegel voll – Genua voll
Wir dösen im Salon, das Wetter ist wechselhaft. Wir machen etwa 6 Knoten Fahrt und unser nächster Wegpunkt ist 73 Seemeilen entfernt. Kathi kämpft noch mit ihrer Übelkeit, und ich will versuchen, sie wenigstens zu einer kleinen Mahlzeit am Abend zu überreden. In weiser Voraussicht hat sie auf La Palma für fünf Tage vorgekocht – gut so. Der Schwell ist mit 2,5 bis 3 Metern noch immer sehr unangenehm. Morgen soll er langsam nachlassen und sich um die 2 Meter einpendeln. Mitte der Woche lässt der Schwell hoffentlich noch weiter nach. So wäre die Überfahrt deutlich entspannter und ruhiger. Wir sind gespannt.
Bis zum Nachmittag machen wir kein einziges Schiff aus. Viele der Atlantikstarter haben ihren Kurs südlich in Richtung Kapverden abgesetzt. Nur eine Handvoll anderer Segler zieht es direkt hinüber in die Karibik. Am Sonntag kommt dann der Pulk der rund 150 Segelboote der ARC, startend von Gran Canaria in Richtung Karibik, Saint Lucia. Zu diesem Zeitpunkt haben wir – sofern alles gut geht und der Wind uns nicht hängen lässt – schon eine Woche Vorsprung mit knapp 1.000 Seemeilen im Kielwasser.
Die Nacht ist durch den immensen Schwell sehr laut. Die Wellenberge donnern gegen und unter das Schiff, an erholsamen Schlaf ist nicht zu denken. Dazu kommt, dass der Wind ständig hin- und herdrehst und wir keinen richtigen Kurs finden. Mit voller Besegelung gehen wir auf südlichen Kurs und verlassen damit eigentlich unsere geplante Wegpunktroute. Gegen 6 Uhr dreht der Wind weiter auf Südost, wir würden nun völlig in die falsche Richtung fahren. Also fahren wir eine Halse und gehen auf Gegenkurs. Auch hier finden wir keinen beständigen Wind und holen eine Stunde später Großsegel und Genua ein.
Wir rollen den großen Gennaker aus und setzen den Kurs auf den 155 Seemeilen entfernten Wegpunkt ab. Der Wind brist auf 25 Knoten auf – eigentlich viel zu viel für das Leichtwindsegel – und wir machen um die 8 Knoten Fahrt. In Anbetracht unseres nächtlichen Wegverlustes erfreulich. Dann höre ich die Angelrute klicken: ein Biss. Ich hole die Angelschnur ein und merke nach gut der Hälfte, dass sich der Haken gelöst haben muss. Wieder kein Angelglück.
Als ich meinen Kopf zum Heck drehe, sehe ich unsere Rettungsinsel, die sich aus der Halterung gelöst hat und „auf halb acht“ hängt. Oh nein. Schnell öffne ich den Seezaun und versuche, den Container, in dem sich die Rettungsinsel befindet, mit einem Gurtband zu fixieren. Das gelingt, sie scheint erst einmal wieder fest zu sitzen. Die hohen Wellen haben die Rettungsinsel ständig in der Halterung nach oben gedrückt, dadurch muss sich ein Fixierband gelockert haben. Gut, dass mir das aufgefallen ist. Nicht auszumalen, wenn wir die Insel unbemerkt verloren hätten oder sie ins sprudelnde Heckwasser gefallen wäre.
Bis jetzt war jeder Tag aufregend. Langsam darf es bitte etwas ruhiger werden. Besonders der krasse Schwell macht uns zu schaffen.
Noch ein Nachtrag: Heute früh haben wir auf der Steuerbordseite während unserer ersten Gassirunde an Deck riesige Fischschuppen und eine bräunliche Blutspur an der Mittelklampe entdeckt. Abenteuerlich. Was war hier in der Nacht los? Es sind keine Überreste von Meeresbewohnern an Deck zu finden, nur Schuppen und Blut. Die Nacht war und ist stockdunkel, und von 18:30 Uhr bis 7:30 Uhr fühlt sie sich auch besonders lang an.


3. Seetag – Dienstag, 18.11.
Zweites Etmal: 136 Seemeilen
Gesamt: 270 Seemeilen
Bis Martinique: 2.354 Seemeilen
Windstärke zwischen 5 und 6 Beaufort
Gennaker voll bei 144 Grad
Der heftige Atlantikschwell sitzt uns noch immer in den Knochen, aber wir kommen gut voran und hoffen auf ein gutes nächstes Etmal (Zeitmessung von 12 Uhr mittags bis zum nächsten Tag um 12 Uhr). Wir ruhen uns aus, soweit das bei dem Geschaukel möglich ist, und essen abends selbst gekochten weißen Bohneneintopf. Lecker. Gegen 18:15 Uhr wird es dunkel und kurz darauf ist wieder pechschwarze Nacht. Wir machen es uns im Salon bequem und schauen über Starlink und VPN-Tunnel ein, zwei deutsche Komödien.
Gegen 23 Uhr hören wir einen Knall in der Nähe unseres achterlichen Cockpits. Piper schreckt auf, schaut sich um und fängt an zu bellen und zu schimpfen. Sie läuft zur Salontür und ihr Fell stellt sich auf. Was hat sie nur entdeckt? Wir können nichts erkennen und versuchen, sie wieder zu beruhigen. Das gelingt recht schnell und wir legen uns wieder auf unser selbstgebautes Passagebett im Salon und schlafen ein.
In der Nacht löst der Radaralarm aus. Kein annäherndes Schiff, sondern ein Squall, eine Schlechtwetterzelle mit Regen und Gewitter, etwa 5 Meilen südlich unserer Position. Sie zieht rasch vorbei, und so vergeht die Nacht ohne weitere Kontakte, bis es langsam gegen 7:20 Uhr hell wird. Draußen nieselt es. Kathi geht mit Piperli zur morgendlichen Decksrunde, und kaum ist sie draußen, höre ich ein lautes „Iiihh“. Hinten liegt ein toter fliegender Fisch. Seine Schuppen sind über die Stufen verteilt und kleben überall am GFK. Wir ziehen Piper vom Fisch weg – zu gerne würde sie kosten, so sieht es jedenfalls aus.
Nach dem morgendlichen Schreck gibt es ein schönes Frühstück mit selbst gebackenem Brot und Spiegeleiern. Köstlich. Gegen halb elf passiert uns an der Backbordseite ein kleineres Kreuzfahrtschiff mit Namen „MARINA“. Es ist in La Gomera auf den Kanaren gestartet und hat Barbados in der Karibik als Zielhafen. „Hey, warte und zieh uns hinterher“, denken wir uns im Spaß. Der Wind hat nachgelassen und wir machen gerade einmal 4 Knoten Fahrt, also rund 7 km/h. Da kommt uns das von hinten überholende Kreuzfahrtschiff mit seinen knapp 18 Knoten Fahrt wie ein Speedboot vor.
Die Sonne ist wieder da und wir hören chillige Musik. Piper liegt an Deck in der Sonne und schlummert. Die Angel ist draußen. Mike hat sich nun zusätzlich zu seinem kleinen Handunfall auch noch eine Erkältung eingefangen. Was soll’s – bis Martinique ist hoffentlich alles wieder okay.



4. Seetag – Mittwoch, 19.11.
Drittes Etmal: 140 Seemeilen
Gesamt: 400 Seemeilen
Bis Martinique: 2.084 Seemeilen
Windstärke zwischen 4 und 5 Beaufort
Gennaker voll bei 147 Grad – teilweise läuft die Maschine mit
Der Schwell beruhigt sich langsam, und je näher der Abend rückt, desto mehr schläft der Wind ein. Dafür sind wir jetzt regelmäßig von Squalls umzingelt – der Radaralarm piept fast im Viertelstundentakt, und wir sehen die Regengebiete um uns herumziehen. Wir essen zum Abend die letzte Portion weißen Bohneneintopf und bereiten uns für die Nacht vor. Mike nimmt Paracetamol sowie frischen Pfefferminztee mit Ingwer zur Schlafförderung ein.
Dann holen uns die Regenfronten ein, und die KAMI wird ordentlich abgeduscht – zu unserer Freude, denn so wird die Salzkruste auf dem Schiff über Bord gespült. Gegen Mitternacht fällt der Wind auf 6 Knoten ab, und wir machen nur noch 2 bis 3 Knoten Fahrt. Der Gennaker flattert wie ein altes Handtuch auf der Wäscheleine, also holen wir ihn ein und fahren mit einer Maschine weiter. Wir nutzen die Flaute, um unseren Kurs zu korrigieren, den wir zuvor wegen des nicht optimalen Windwinkels nicht halten konnten. Die Maschine dreht mit 1.800 U/min, und wir machen 4 bis 5 Knoten Fahrt. So brummt es wieder durch die stockdunklen Nachtstunden.
Der Atlantik beruhigt sich mehr und mehr, der Schwell wird endlich erträglich, sodass wir längere Schlafphasen genießen können. Morgens weckt uns die Sonne; die Regengebiete liegen nun fast 30 Seemeilen entfernt, und wir fahren weiter Richtung Westen. Die Flaute soll bis morgen Nachmittag anhalten. Wir nutzen die ruhige See, füllen 50 Liter Diesel in den Backbordtank nach, und Kathi wirft eine Waschmaschine an und befreit den Salon von Staub und Hundehaaren.
Mir fällt auf, dass wieder Wasser durch den Deckenlampensockel in unserer Kabine getropft ist – bei den nächtlichen Regengüssen kein Wunder. An Deck entdecke ich in der Nähe eine lose Persenninghalterung: Die Schraube steckt nur locker und greift nicht mehr. Ich entferne sie und verschließe die Löcher provisorisch mit Panzertape. Beim nächsten Regenguss werden wir sehen, ob hier das Problem des Wassereinbruchs liegt – sonst könnten wir uns keinen Reim darauf machen. Auch an diesem Seetag kein Anglerglück. Ich versuche, das Schleppangel-Setup zu verbessern (andere Köder + mehr Blei). Wir werden sehen.



5. Seetag – Donnerstag, 20.11.
Viertes Etmal: 115 Seemeilen
Gesamt: 515 Seemeilen
Bis Martinique: 2.107 Seemeilen
Windstärke zwischen 0 Flaute und 1
Keine Segel – wir motoren
Wir motoren weiter, denn die Flaute soll noch bis zum Nachmittag anhalten. Wir arbeiten ein wenig digital und beschäftigen uns mit dem Wetterrouting von Predictwind. Sehr interessant: Nach der Routenberechnung sollen wir in 17 Tagen in Martinique eintreffen. Niemals!
Durch die Flaute haben wir endlich Ruhe im Schiff. Wir nutzen die Zeit für einen kleinen Rundumschlag. Die Sonne scheint, und bei Wind könnte man von Champagnersegeln sprechen. Wir hoffen, dass der Wind bald wiederkommt. Die Nacht ist ruhig, und wir finden alle drei mal wieder tiefen Schlaf. Gegen Morgen ist das Meer fast spiegelglatt. Wir lesen 1,6 Knoten Windgeschwindigkeit ab und stellen die ersten Treibstoffrechnungen an. Bisheriger Verbrauch durch die Motorstunden: knapp 90 Liter. Das macht 3 bis 4 Liter pro Stunde bei 1.800 U/min und 4,5 Knoten Fahrt. Mit unserem gesamten Diesel kämen wir auf ca. 900 Seemeilen. Wir hoffen aber, dass der Wind heute Nachmittag oder abends wieder einsetzt und wir segeln können. Das Motorenbrummen reicht erst einmal.
Ich werfe gleich nach Tagesanbruch die Angel erneut aus. Gegen 10 Uhr ist er endlich da – der richtige Biss! Wir holen einen schönen Mahi-Mahi an Bord. Das Heck sieht aus wie nach einer Schlachtung. Wir halten uns ran, den Fisch zu filetieren und das Boot danach zu putzen. Welch eine Freude – endlich ein richtiger Fang! Abends geht er auf den Grill.
Wir sind happy.





6. Seetag – Freitag, 21.11.
Fünftes Etmal: 111 Seemeilen
Gesamt: 626 Seemeilen
Bis Martinique: 1.990 Seemeilen
Flaute
Wir motoren
Der Wassermacher läuft, und wir füllen unsere Frischwassertanks mit 150 Litern nach. Wir wollen die Tanks mit 600 Litern Volumen nicht mehr ganz füllen – das Gewicht bremst uns nur aus. Wir einigen uns auf die Hälfte, das reicht noch zum täglichen Duschen, Abwaschen und für die eine oder andere Waschmaschine. Zur Not produzieren wir pro Stunde 100 Liter nach.
In den letzten 24 Stunden haben wir kein einziges Schiff gesehen. Nachmittags taucht die polnische „Meteor“ auf dem Plotter auf – ein Segelboot mit vermeintlich gleichem Kurs hinüber in die Karibik. Die „Meteor“ hatte uns letzte Nacht überholt, jetzt dümpelt sie ohne Fahrt im Flautenfeld. Wir motoren langsam vorbei und sind gespannt, ob und wann sie uns wieder einholt, wenn der Wind zurückkehrt. Zum Abend bereitet Kathi den frisch gefangenen Mahi-Mahi auf dem Herd zu. Er landet doch nicht auf dem Grill, sondern zu einem Drittel gedünstet in Pipers Fressnapf und zu zwei Dritteln im Backofen mit Zitronenbutter bestrichen plus Microgreens-Petersilie aus dem Schiffssalon. Eine Delikatesse – das Abendbrot ist perfekt und schmeckt himmlisch.
Nachdem die Sonne gegen 19 Uhr untergegangen ist, machen wir es uns wieder auf unserem Salonlager bequem. Auf einer externen Festplatte haben wir über 400 Spielfilme und Serien dabei. Davon schauen wir zwei, und so geht es in die Nacht. Gegen Mitternacht kommt langsam der Wind zurück, und einige Squalls ziehen dicht an uns vorbei. Zur Prävention legen wir die externen Festplatten, das Sat-Telefon, ein Handy, eine Handfunk und Mikes Laptop in den Backofen – er wirkt bei einem etwaigen Blitzeinschlag wie ein Faradayscher Käfig. Wir haben Glück, und die Gewitterzellen ziehen vorbei.
Gegen 3 Uhr bringen wir den Gennaker wieder aus und schalten die zuvor laufende Backbord-Maschine ab. Zwar ändert sich der Kurs durch die neue Windrichtung, aber grob passt es erst einmal. Durch den Wind nimmt die Welle wieder zu, und es wird laut im Schiff – so laut, dass diesmal Kathi keinen Schlaf findet. Gegen Morgen klagt sie über starke Kopfschmerzen und Halsweh. Sie bekommt Medikamente, einen Kräutertee und legt sich zu einem ausgiebigen Vormittagsschlaf hin.



7. Seetag – Samstag, 22.11.
Sechstes Etmal: 128 Seemeilen
Gesamt: 754 Seemeilen
Bis Martinique: 1.886 Seemeilen
Flaute bis 3 Uhr nachts – danach 3 bis 4 Beaufort
Wir motoren bis 3 Uhr, danach unter Gennaker
Wir haben ordentliche Windsee, und die KAMI wird kräftig durchgeschüttelt. Dieser Zustand soll nun einige Tage anhalten. Der Wind hat aufgefrischt, und wir machen gute Fahrt. Leider ist der Windwinkel für unseren eigentlichen Kurs nicht optimal, sodass wir mit 145 Grad kreuzen müssen, um voranzukommen. Gegen Abend entscheiden wir uns für einen südlicheren Kurs und machen gut Strecke. Der Nachteil: Wir kommen unserem Ziel nicht viel näher. Durch das Kreuzen geht viel Zeit und Weg verloren. Trotzdem tasten wir uns langsam heran – Stück für Stück.
Seit Tagen kein Schiff in Sicht – das ändert sich heute. Auf dem Plotter taucht eine AIS-Linie auf, die frontal auf uns zukommt: der Frachter „Donaugracht“. Wir berechnen die Kurse, und uns wird es mulmig. Je näher wir kommen, desto öfter kreuzen sich die Linien. Das liegt auch daran, dass die KAMI im „Windmodus“ des Autopiloten fährt und bei der hohen Windsee die Kurslinie ständig springt. Ein schneller Kurswechsel wäre hier schwierig – wir müssten halsen und Segel einholen. Als wir nur noch wenige Meilen entfernt sind, tritt Piper auf den Plan: Sie bellt und schimpft in Richtung Frachter. Security Dog im Einsatz. Sweet! Wir passieren recht nah an seiner Backbordseite und fragen uns warum er nicht mehr abgedreht hat? Wer weiß.
Humpelig geht es in die Nacht. Auf dem Radar sind etliche Squalls zu sehen, und wir hoffen, ohne Kontakt durchzuschlüpfen. Reines Wunschdenken! Der Wind nimmt zu, die KAMI läuft immer schneller – in Spitzen bis 12,5 Knoten. Zu viel. Wir wünschen uns, dass die wahre Windgeschwindigkeit abnimmt – da geht ein Schlag durch die KAMI, wir hören lautes Rauschen und spüren ein Schlingern. Der Plotter zeigt: 31,5 Knoten wahrer Wind! Schockstarre! Unbemerkt sind wir in einen Squall geraten. Wir springen auf, ziehen Rettungswesten an und stürzen zum Steuerstand, um den voll ausgeholten Gennaker wegzunehmen. Ein Leichtwindsegel für bis 15 Knoten – über 30 geht gar nicht, Rigg oder Tuch könnten beschädigt werden. Beim Einholen lässt die Bö nach, und wir rollen es ohne Risiko gut weg. Glück gehabt. Es gießt wie aus Eimern, wir sind in zwei Minuten nass bis auf die Haut. Wir setzen die Genua, Großsegel im 2. Reff – safe Setup, gute Fahrt.



8. Seetag – Sonntag, 23.11.
Siebtes Etmal: 141 Seemeilen
Gesamt: 893 Seemeilen
Bis Martinique: 1.767 Seemeilen
Windstärke zwischen 4 und 5 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Gennaker ab 0 Uhr Wechsel auf Genua
Wir kommen einigermaßen gut voran. Der Wind bläst aus Ost-Nordost, und wir segeln „Vorwind“ – der Wind bläst achterlich ins Segel. Aufgrund der Bauart unseres Katamarans können wir leider nur bei Vorwindkursen mit einem Winkel zum wahren Wind von maximal 145 Grad fahren. Das heißt, die KAMI braucht Wind schräg von hinten, sonst müssen wir etwas eindrehen. So ist es gerade bei uns. Einen direkten Kurs westwärts können wir nicht nehmen, sondern nur Südwest oder Nordwest segeln. Deshalb müssen wir regelmäßig halsen und die Kurslinie kreuzen. Dadurch benötigen wir mehr Zeit und Strecke als andere Segler, die direkt vor den Wind segeln können.
In der Praxis werden wir von Segelbooten überholt, die mit uns in Richtung Karibik gestartet sind. Das sorgt bei uns für ein wenig Frust, und wir rechnen damit, dass wir unseren angestrebten Ankunftstermin in Martinique nicht halten können. Natürlich haben wir alle Zeit der Welt – trotzdem ärgern wir uns ein bisschen darüber, dass wir segeltechnisch durch den Katamaranaufbau eingeschränkt sind.
Nachmittags werfen wir die Angel wieder aus und haben tatsächlich einen kräftigen Biss. Wir schaffen es kaum, die Leine mit der Rolle einzudrehen, bis sich der Fisch im letzten Moment doch noch befreit. Wahrscheinlich waren wir zu schnell. Wir probieren es weiter.
Abgesehen von der kräftigen 2-Meter-Windsee war der Tag recht entspannt. Kathi hat sich mit unserer 3D-Kamera Insta 360+ beschäftigt, und Mike las ein Ebook von Segelaussteigern. Abends gab es einen Schweinebraten mit Kartoffelstampf – super lecker!
Die erste Nachthälfte war sehr laut und unruhig. Erst als Mike auf Gegenkurs wechselte, kehrte etwas Ruhe ein und wir alle fanden Schlaf.
Seit den Morgenstunden läuft der Generator. Durch die erschwerten Ruderbedingungen in der Nacht hat unser hydraulischer Autopilot ordentlich Strom verbraucht, sodass die Batteriebänke auf 77% gefallen sind. Trotz Solarertrag werden wir einige Stunden zum Laden brauchen. Nebenbei produzieren wir heißes Wasser und Frischwasser mit dem Watermaker.




9. Seetag – Montag, 24.11.
Achtes Etmal: 135 Seemeilen
Gesamt: 1.038 Seemeilen
Bis Martinique: 1.658 Seemeilen
Windstärke zwischen 4 und 5 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Genua ab 9 Uhr Wechsel auf Gennaker
Wir kreuzen nach wie vor und nutzen die raumen Kurse. Dadurch verplempern wir weiter Zeit und Strecke, und der Abstand zu den anderen Seglern wird immer größer. In der Nacht wechseln wir wieder von Gennaker auf Genua – zu sehr rauschen die Wellen achterlich ans Schiff. Die KAMI ächzt und knarrt, Schlaf finden wir so nicht. Wir gehen auf Gegenkurs und ändern die Besegelung. Der Wind ist so stark, dass Mike den Gennaker kaum einrollen kann – der Druck im Tuch ist enorm. Nach großer Anstrengung meistern wir das Manöver und gehen gegen 1 Uhr ins Bett.
Kathi übernimmt den Großteil der Nachtwache und sieht auf dem Plotter, wie die zwei Segler in unserer Nähe an uns vorbeiziehen. In den Morgenstunden entlädt sich eine Schauerzelle über der KAMI – wie eine Fahrt durch die Waschanlage. Regenwasser strömt vom Oberdeck nach unten, und wieder tropft es aus dem Lampensockel in unserer Kabine. Wo kommt es nur genau her? Wir forschen weiter.
Langsam geht frisches Obst und Gemüse zur Neige. Die Bananen haben sich zuerst verabschiedet, gefolgt von den Birnen. Noch ein paar Äpfel und Südfrüchte halten durch. Täglich checken wir und sortieren angegangenes Obst/Gemüse aus. Die Angel ist draußen, doch durch zunehmendes Sargassum wirds schwieriger – die Algen verfangen sich in Leine und Köder. Nachmittags Videocall mit Basti: Toll, dass wir dank Starlink hier draußen gute Datenverbindungen haben. Sonst nichts Neues. Die Zeit vergeht schnell – obwohl wir langsam unterwegs sind.



10. Seetag – Dienstag, 25.11.
Neuntes Etmal: 125 Seemeilen
Gesamt: 1.297 Seemeilen
Bis Martinique: 1.445 Seemeilen
Windstärke zwischen 2 und 2 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Gennaker voll / ab 2:00 Uhr motoren
In der Nacht nehmen wir ein immer lauter werdendes Knarzen aus dem Heckbereich wahr. Mike vermutet den hydraulischen Autopiloten als Ursache, und tatsächlich: Im Backbordmaschinenraum stellen wir fest, dass sich die Halterung des Hydraulikzylinders, der mit der Lenkstange verbunden ist, etwas gelöst hat. Wegen der Bewegungen drückt der gelockerte Zylinderfuß in die hölzerne Befestigungsplatte.
Wir ziehen raschg alle vier Befestigungsbolzen wieder fest, und die störenden Geräusche verschwinden. Im Hafen werden wir die Bolzen nochmals nachziehen und mit Loctite sichern.
Nach dem Frühstück sehen wir erstmals seit Beginn der Passage wieder Delfine. Eine kleine Dreiergruppe zeigt sich für einige Minuten unter unserem Trampolin im Bugbereich. Die Wassertemperatur liegt jetzt bei 28 Grad Celsius – auf den Kanaren waren es noch 24 Grad. Wir kommen also unserem Ziel näher.
Auch nachts ist es im Salon durchgehend warm, und wir bedecken uns nur noch mit leichten Tüchern – normales Bettzeug ist nicht mehr angenehm.
Am Vormittag erhalten wir Post von Alina (wetterwelt.com): Der Wind soll noch weiter nachlassen, und ab dem 1. Dezember rollt ein Tiefdruckgebiet aus Norden über uns mit Böen bis 32 Knoten und Squalls mit Gewittern. Klasse. Wir studieren verschiedene Wettermodelle im Detail und beschließen, uns mehr südlich zu halten, um den zahlreichen angekündigten Squalls möglichst aus dem Weg zu gehen. Wind und über 3 Meter hohe Wellen werden uns dennoch erreichen.
So richtig kommen wir mit unseren Segel-Setups nicht voran, da wir verschiedene Parameter wie Windrichtung, Windwinkel, Geschwindigkeit und Windstärke beachten müssen. Anders als Einrumpfsegler können wir wegen des stehenden Guts bei Katamaranen nicht beliebig segeln, sondern nur bei raumen Kursen. Bei achterlichem Wind (um 180 Grad) geht nichts mehr.
Deshalb durchforsten wir online hilfreiche Informationen zu Segelstellungen mit und ohne Hilfsmittel wie Barbarholer & Co. Auf YouTube finden wir einige gute Videos und planen, die Segelstellung „Butterfly“ am nächsten Tag auszuprobieren. Wir wissen jetzt schon: Ein Parasailer soll her, ein freifliegendes Segel, das bei achterlichen Winden für ruhigen und konstanten Vortrieb sorgt. Wir werden in der Karibik entsprechend Ausschau halten.



11. Seetag – Mittwoch, 26.11.
Zehntes Etmal: 125 Seemeilen
Gesamt: 1.422 Seemeilen
Bis Martinique: 1.320 Seemeilen
Windstärke zwischen 2 und 3 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Gennaker voll / ab 2:00 Uhr motoren
Nachdem wir die Nacht bei nur 4 Knoten Wind durchgemotort haben, setzen wir gleich nach dem Frühstück unser Vorhaben um: die Segelstellung „Butterfly“. Damit können wir bis zu 175 Grad zum Wind fahren – ein direkterer Kurs Richtung Martinique ist möglich, das ständige Kreuzen entfällt. Wir setzen den Gennaker auf Backbord und die Genua auf Steuerbord. Die Genua „ausbaumen“ wir leicht nach außen, damit sie nicht einfällt. Und tatsächlich klappt es: Bei 10 Knoten Wind machen wir gut 5 Knoten Fahrt. Cool – wieder etwas dazugelernt! Learning by doing! Anders geht es ja auch nicht.
In weiser Voraussicht auf das kommende Tiefdruckgebiet befüllen wir die Treibstofftanks erneut. Insgesamt 200 Liter Diesel haben wir schon verbraucht (Generator + Backbord-Maschine während der Flauten). Noch 500 Liter stehen zur Verfügung – das ist okay.
Unsere Brotvorräte neigen sich dem Ende zu. Also backen wir noch ein leckeres Sauerteigbrot, bevor die ruppigen Seetage ab 1. Dezember beginnen. Heute Abend nehmen wir an einem Online-Microseminar unseres Vereins teil: Thema „Proviantieren für Langfahrt“. Wir erhoffen uns Tipps zur Lagerung von frischem Obst und Gemüse. Mit der Zeitzone klappt es um 17:30 Uhr. Besonders nützlich: Tipps zu Hühnereiern – mit Öl abreiben, luftig lagern, regelmäßig drehen. So sollen Eier monatelang ohne Kühlung haltbar sein. Die Tipps setzen wir gleich nächsten Vormittag um.
Die Nacht fahren wir weiter im Schmetterling. Bei durchschnittlich 10 Knoten Wind machen wir 4 bis 5 Knoten Fahrt. Vermutlich wird das kommende Etmal unser bisher schlechtestes – aber bei mäßigem Wind ist momentan nichts mehr rauszuholen (jedenfalls für uns Segelanfänger).



12. Seetag – Donnerstag, 27.11.
Elftes Etmal: 109 Seemeilen
Gesamt: 1.406 Seemeilen
Bis Martinique: 1.344 Seemeilen
Windstärke zwischen 2 und 3 Beaufort
Gennaker und Genua im Schmetterling (bis 7:00 Uhr danach – Großsegel im 2. Reff und Gennaker)
Tagsüber beschäftigen wir uns wieder mit den Wind- und Wetterprognosen. Ab Samstag soll es mit Böen bis 35 Knoten ruppiger werden. Wir vorsorgen: Trinkwassertanks auffüllen, für uns und Piper vorkochen. Das gestern angesetzte Sauerteigbrot backt bei 170 Grad für eine Stunde aus. Momentan pusten noch 10 Knoten Wind, wir machen um die 5 Knoten Fahrt. Erst ab morgen früh 4 Uhr soll der Wind zurückkommen und sich stetig aufbauen. Dann wechseln wir das Segel-Setup wieder: Großsegel im 2. Reff mit Genua als Vorsegel – hoffentlich gute und vor allem sichere Fahrt.
Bergfest!
Die Hälfte ist geschafft. Bei günstigem Wetter erreichen wir Martinique am 8. Dezember – perfekt zum gebuchten Liegeplatz ab 8.12. in der Marina Pointe du Bout. Zur Feier gibt’s heute Abend einen „milden“ Gin-Tonic auf die gemeisterte Strecke. Ausnahme von unserer Bordregel: während Passagen kein Alkohol.
Der leichte Wind schiebt die KAMI mit 4,5 Knoten weiter Richtung Südwest. Abends schauen wir von unserer Medienfestplatte wieder zwei leichte Schmunzelfilme, eine Art von Unterhaltung, die gemütlich dahinplätschert und keine große Konzentration erfordert. Gegen 23 Uhr legen wir uns hin und genießen eine relativ ruhige Nacht.



13. Seetag – Freitag 28.11.
Zwölftes Etmal: 120 Seemeilen
Gesamt: 1.526 Seemeilen
Bis Martinique: 1.229 Seemeilen
Windstärke zwischen 4 und 5 Beaufort
Großsegel im 2. Reff und Gennaker
In Erwartung der anrollenden Schlechtwetterfront bereiten wir die KAMI so gut wie möglich vor. Leinen werden geklariert, die Rettungsinsel durch ein zusätzliches Spannband nochmals gesichert, Kathi kocht für die nächsten Tage für uns und Piper vor. Wir verstauen alles sorgfältig und sichern bewegliche Ausrüstungsgegenstände.
Fast täglich erhalten wir von unserer Wetterscouterin Alina E-Mails mit Einschätzungen und Routenempfehlungen. Eins steht fest: Der Schlechtwetterwalze, die auf uns zukommt, entkommen wir nicht. Wir versuchen, uns so weit wie möglich südlich zu halten, um dem Gröbsten – 3 bis 4 Meter Wellen und Starkwindböen – zu entgehen. So die Theorie. Wer weiß, wie es wirklich kommt. Wir sind etwas angespannt; das Wetterthema beschäftigt uns täglich stundenlang. Wir vergleichen Vorhersagemodelle und Satellitenbilder. „Los“ geht es heute Nacht bzw. Samstag früh – dann werden wir Squalls mit Gewittern und Regenmassen ausweichen, soweit möglich. Ab Montag/Dienstag soll das Schlimmste vorbei sein. Ob wir in der Zeit Schlaf finden?
Langsam zählen wir die Tage bis zur Karibik. Es wird merklich wärmer, die Wassertemperatur hat fast 29 Grad erreicht. Die Luft wird feuchter, Nächte milder. Tausende Sterne funkeln nachts, Mondschein spiegelt sich auf dem Wasser. Ein wahnsinniges Erlebnis – so erhaben, so beeindruckend. Hier auf dem Atlantik mitten im Nirgendwo fühlt man sich klein, der Natur ausgesetzt.


14. Seetag – Samstag, 29.11.
Dreizehntes Etmal: 142 Seemeilen
Gesamt: 1.666 Seemeilen
Bis Martinique: 1.132 Seemeilen
Windstärke zwischen 4 und 5 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Genua voll
Langsam wird es immer unruhiger an Bord. Besonders in den Nachtstunden nehmen Wind und Wellen erheblich zu. Es ist wieder sehr laut im Schiff. In der Nacht wechseln wir mehrmals unseren Zickzack-Kurs und nähern uns damit langsam unserem nächsten Wegpunkt. Der Wind frischt in Böen nun bis 21 Knoten auf, und auf dem Radar können wir die ersten Schlechtwetterzellen schon in 32 Seemeilen Entfernung sehen.
Morgens kommt die erwartete E-Mail von Alina. Sie schreibt, dass die vorhergesagte Störung sich nun doch schneller entwickelt als gestern prognostiziert. Sie empfiehlt, den Kurs auf 16°N 48°W weiter anzusteuern – für uns die beste Option, um Wind und Wellen in den nächsten Tagen zu reduzieren. Wir steuern also weiter Zickzack auf die Koordinaten zu. Im Moment sind Wellen und Wind erträglich. Die Sonne ist schon hinter Wolken verschwunden, und wir machen bei 13 Knoten Wind um die 5 bis 6 Knoten Fahrt.
Gerne würden wir den Gennaker ausrollen, um etwas Speed zu machen. Da wir aber stündlich mit der Gewitter- und Regenfront rechnen, belassen wir es bei der jetzigen Besegelung. Gestern war es schon sehr schwer, unter 17 Knoten Winddruck den Gennaker einzurollen. Mit unserem Leichtwindsegel werden wir uns wohl noch bis Mitte der Woche gedulden müssen, bis das Schlechtwettergebiet durchgezogen ist. Uns ist im Moment wichtig, dass wir einigermaßen durch die anstehenden rauen Tage kommen – auch wenn wir dafür wieder einen zeitlichen Umweg machen müssen. Na und, dann kommen wir halt ein paar Tage später an. Hauptsache frei von Seekrankheit und gröberen Schäden am Boot.
Durch den Versatz des Schiffs durch die immer höher werdenden Wellen benötigt unser hydraulischer Autopilot viel Energie. Er ist richtig hungrig danach. Innerhalb von 12 Stunden saugt er uns 15% Leistung aus den Batterien. Wir müssen nun schon in den frühen Morgenstunden unseren 7,5-kW-Stromgenerator anwerfen, um die Batteriebänke wieder zu laden und nicht zu sehr ins Minus zu rutschen.
Durch den bewölkten Himmel ist der Solarertrag unserer drei Heckpanele momentan sehr gering. Der Generator lädt mit 500 bis 2.500 Watt unsere Batteriebänke (je nach momentaner Kapazität). Für ein Ladevolumen von 10% benötigt er ca. drei Stunden.
Trotz der erschwerten Wetterbedingungen schaffen wir es in der Nacht, ein paar Stunden Schlaf zu finden. Gestern Abend ist noch ein Squall über uns hinweggerollt, brachte kurzzeitig 34 Knoten Wind und beschleunigte die KAMI auf dem Wellenritt für einen Moment auf 14 Knoten.
So unangenehm die Reisebedingungen im Moment sind – wir machen Fahrt, und das ist gut.


15. Seetag – Sonntag 30.11.
Vierzehntes Etmal: 144 Seemeilen
Gesamt: 1.810 Seemeilen
Bis Martinique: 1.000 Seemeilen
Windstärke zwischen 4 und 7 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Genua voll – Nachts Genua 80%
Durch die Zunahme des Windes machen wir ein wenig Strecke, jedoch quälen uns die Wellen, die seitlich von hinten auf die KAMI zudonnern.
Das Problem mit dem wasserlassenden Deckenstrahler besteht weiterhin. Wir hatten oben an Deck sämtliche Planenhalter demontiert und die Befestigungslöcher mit Panzertape verschlossen. Danach dachten wir schon, wir hätten das verursachende Problem gefunden – doch heute Nacht wurden wir wieder eines Besseren belehrt. Nachdem der große Squall einige Badewannen voll Wasser über der KAMI ausgeschüttet hat, war es kurz danach noch alles trocken in der Kabine. Erst ca. 1,5 Stunden später fing der Deckenstrahler wieder an zu tropfen. Wir kombinieren: Der Wassereintritt muss weiter weg sein, denn das Wasser braucht Zeit, um bis zum Endpunkt (hier der Deckenstrahler) zu gelangen. An Deck können wir nichts feststellen. Was machen wir jetzt nur? Die Innenverkleidung lässt sich augenscheinlich nicht mal so nebenbei ausbauen. Ratlosigkeit. Abends nimmt das anfängliche Tropfen immer mehr zu, so dass wir uns entscheiden eine große Plastikkiste unter den Deckenstrahler zu stellen.
Wir müssen prüfen, ob es sich bei dem eintretenden Wasser um Salz- oder Süßwasser (Regenwasser) handelt, um den Herkunftsort besser eingrenzen zu können. Wir telefonieren mit einem deutschsprachigen GFK-Spezialisten in Le Marin auf Martinique und fragen, ob er uns bei der Lecksuche unterstützen kann. Schnell haben wir das Gefühl, dass das nicht zu seinen Wunscharbeiten gehört. Das Gespräch nimmt einen negativen Verlauf: Es sei schwierig, bei solchen Booten Lecks zu finden, man müsse mit eingefärbtem Wasser arbeiten, und im Hafen ginge das ohnehin kaum, weil sich das Schiff dort nicht bewegt. Diese Suche könne schnell um die 3.000 Euro kosten, und in dem Zeitraum im Januar, in dem wir nicht mehr im Hafen liegen, sei er außerdem in Europa im Urlaub.
Wir betteln schon fast, ob er uns nicht jemanden empfehlen kann, der uns unterstützen könnte. Er will „mal überlegen“ und sich wieder melden. Wir sind gespannt, aber wenig zuversichtlich. So, wie es im Moment ist, kann es nicht bleiben. Wenn wir in Martinique angekommen sind und im Hafen liegen, wollen wir selbst intensiver nach der Ursache des Wassereinbruchs suchen. Eine kleine Endoskopkamera haben wir dabei – vielleicht können wir damit in die Deckenkonstruktion schauen. Eventuell kommen wir auch vom Cockpit an die Innenseite der Deckenverkleidung heran. Mal sehen. Hier draußen bei momentan 3 Metern Welle geht das nicht – wir müssen abwarten.
Tagsüber lässt sich die Sonne mehrmals blicken, und der Wind lässt nach und pendelt sich bei 10 Knoten ein. So sind wir wieder langsamer unterwegs. Alina hat sich mit den neuesten Wetterprognosen gemeldet. Wir sollen weiter auf den 246 Meilen entfernten Wegpunkt zuhalten und danach möglichst den Kurs nach West auf 16°N 53°W richten. Damit könnten wir eventuell dem sich in den nächsten Tagen noch weiter aufbauenden Schwell und dem Starkwindfeld entkommen. Ab dem 5.12. soll es sich mit Wind, Welle und Schwell wieder beruhigen.



16. Seetag – Montag 01.12.
Fünfzehntes Etmal: 147 Seemeilen
Gesamt: 1.956 Seemeilen
Bis Martinique: 880 Seemeilen
Windstärke zwischen 5 und 7 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Genua voll
Nachmittags gießt Kathi ihre Microgreening-Kräuter und Pflanzen im Salon, als sie vom Deck aus ein metallisches Klacken hört. Sie schaut nach draußen und sieht zwei Metallspangen auf dem Deck liegen. Eine Segellattenbefestigung am Mastrutscher hat sich gelöst und ist abgefallen. Schnell flitzen wir nach vorne und kriechen auf allen Vieren, um die Teile einzusammeln – bei dem ordentlichen Seegang von 3 Metern eine echte Herausforderung.
Ein Blick nach oben zum Mast bestätigt: Die erste Halterung von oben ist gebrochen, und die Segellatte flattert lose im Wind. Mist. Es nützt nichts, wir müssen das Großsegel einholen – und das bei dem Wind und Seegang. Zuvor überlegen wir, wie wir die Halterung wieder befestigen können. Der eigentliche kleine Befestigungsbolzen samt Feder liegt nicht mehr an Deck und muss wohl über Bord gegangen sein. Wir suchen und kramen schließlich eine passende Edelstahlschraube mit Unterlegscheiben und selbstsichernden Muttern aus der Werkzeugkiste.
Wir drehen uns in den Wind und lassen das Großsegel herunter. Zu zweit fummeln wir die Lattenhalterung in die Metallspangen und befestigen sie mit der Edelstahlschraube. Während wir auf dem Oberdeck auf Zehenspitzen arbeiten, tänzelt die KAMI auf den hohen Wellen, und wir haben alle Hände voll zu tun, uns festzuhalten. Unser Vorhaben ist glücklicherweise erfolgreich, so dass wir das Großsegel anschließend wieder setzen und das zweite Reff einbinden können. Wieder ein Schreck!
Nach einigen Stunden gehen wir mit Piper die wacklige Decksrunde, wohl wissend, dass sie sich wohl gleich erleichtern wird. Für einen Moment sind wir nicht ganz aufmerksam und sehen nur aus dem Augenwinkel, wie Piper auf einen kleinen, auf dem Deck liegenden fliegenden Fisch springt, ihn sofort ins Maul nimmt und vertilgt. Im Bruchteil einer Sekunde – wir konnten gar nicht so schnell reagieren. Das rächt sich für sie: Den Rest des Tages benimmt sie sich komisch, hechelt die ganze Zeit und zieht sich zurück. So bleibt es einige Stunden. Ob sie Bauchschmerzen hat? Erst am nächsten Morgen ist sie wieder ganz die Alte. Wir müssen mehr auf ungebetenen Besuch achten. Insgesamt hatten wir auf unserer Passage schon acht fliegende Fische, von handflächengroß bis etwa 20 cm, auf dem Bootsdeck. Die Schuppen der Flieger kleben überall. Irgendwie nicht so toll. Meistens segeln sie nachts an Deck; tagsüber konnten wir sie noch nie sehen, wie sie anfliegen.
Derzeit haben wir guten Wind um die 20 Knoten und machen zwischen 6 und 7 Knoten Fahrt pro Stunde. Das ist gut und soll bis Sonntag so bleiben. Die Welle kommt aus der gleichen Richtung wie der Wind – aus Osten. Sie ist mit 2,8 Metern schon beeindruckend, und in den nächsten Tagen soll sie um einen halben Meter zulegen.
Wir kreuzen bei Ostwind die Kurslinie Richtung Westen. In der Nacht haben wir uns etwas südlich gehalten und sind jetzt auf Gegenkurs. Langsam nähern wir uns der karibischen See, ganz langsam. In der Nacht sind wir durch ein schnelles Manöver einer großen, dunklen Schlechtwetterzelle mit vielen Blitzaktivitäten entkommen. Im Moment scheint die Sonne, und nur wenige Wolken sind am Himmel. Es wird schwül. Besonders im Salon laufen die Deckenventilatoren jetzt rund um die Uhr, da es sehr stickig ist.



17. Seetag – Dienstag 02.12.
Sechszehntes Etmal: 153 Seemeilen
Gesamt: 2.109 Seemeilen
Bis Martinique: 750 Seemeilen
Windstärke zwischen 5 und 7 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Genua voll
Die See baut sich immer weiter auf und wir können uns nur noch mit viel Anstrengung halbwegs an Bord bewegen. Die Wellen werfen die KAMI von einer zur anderen Seite, und die vorbeiziehenden Squalls drücken in Böen bis zu 35 Knoten Wind in die Segel, sodass wir nur noch tosend durch die Wellentäler surfen. Nein, so macht Reisen keinen Spaß. Wir müssen uns bei jeder Bewegung im Boot festklammern, damit wir nicht durch den Salon purzeln. Das mag zwar von außen lustig aussehen, aber nach Tagen in diesem Zustand verliert sich der Humor.
Langsam haben wir alle drei genug von der tosenden See, vom Krach im Schiff und von dieser ständigen Unruhe. Der Schlafmangel steckt uns in den Knochen, die Vorräte gehen zur Neige. Frische Lebensmittel sind aufgebraucht, und auch die Getränke werden knapp. Es ist zwar nicht mehr wahnsinnig weit bis Martinique, doch durch das Gekreuze zwischen Südwest und Nordwest verlieren wir Zeit und müssen zusätzliche Strecke machen. Einen Schmetterling können wir bei diesem Wind nicht mehr fahren, und die Squall-Dichte ist weiterhin zu hoch. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als unseren Zickzack-Kurs beizubehalten. In den letzten 24 Stunden sind wir mindestens sechs Halsen gefahren, immer um unsere Kurslinie herum.
Nach den neuesten Vorhersagen wird sich das Wetter in den nächsten Tagen kaum ändern. Wir rechnen großzügig mit einer ETA am kommenden Dienstag in Martinique und müssen unsere Reservierung in der Marina wohl um einen Tag nach hinten schieben.
Die ersten Segler aus unserem Passagenfeld haben ihre Ziele in der Karibik, zum Beispiel Barbados, bereits erreicht. Wir fragen uns, wie sie das geschafft haben und welche Taktik sie genutzt haben, um so gut voranzukommen. Auf NoForeignLand sehen wir jedoch, dass noch viele andere Boote in unserer Umgebung unterwegs sind, die fast zur gleichen Zeit gestartet sind. Wir sind also nicht die Bummelletzten – das tut gut.
Außer tagsüber ein wenig am Laptop zu arbeiten, machen wir nicht viel. Durch das ständige Festkrallen an allen möglichen Oberflächen sieht das Schiff innen wie außen schlimm aus. Dazu kommen Staub und Salz. Es kribbelt uns in den Fingern, endlich wieder richtig klar Schiff machen zu können. Die Luftfeuchtigkeit nimmt weiter zu, wir sitzen und schwitzen.


18. Seetag – Mittwoch 03.12.
Siebzehntes Etmal: 171 Seemeilen
Gesamt: 2.280 Seemeilen
Bis Martinique: 610 Seemeilen
Windstärke zwischen 5 und 7 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Genua voll
Unser bestes Etmal bis jetzt. Kein Wunder: In den letzten 24 Stunden bläst es ordentlich und konstant mit rund 20 Knoten. Das mag die KAMI – sie läuft gut und schneidet sauber durch die Wellen. Wir kreuzen die Kurslinie, wobei wir in der Nacht ein ordentliches Stück südwärts gefahren sind. Seit heute Morgen sind wir wieder auf Gegenkurs. Die Südspitze von Martinique (in der Nähe von Le Marin) liegt bei 14°17′ N und ist noch etwa 600 Seemeilen entfernt. Wir pendeln aktuell um 15°00′ N und rutschen so Stück für Stück weiter westlich. Etwa 11 Längengrade müssen wir noch gutmachen.
Unser Autopilot hat beim unentwegten Surfen über die 3 bis 4 Meter hohen, achterlich anlaufenden Wellen ordentlich zu tun. Das kostet Strom, viel Strom, und wir sind froh, dass wir mit unserem Generator das tägliche Defizit ausgleichen können – die Solarenergie reicht im Moment nicht aus. Insgesamt haben wir seit dem letzten Nachtanken rund 60 Liter Diesel allein für die Stromerzeugung verbraucht. Angesichts fehlender Sonne und hoher Wellen ist das noch akzeptabel.
Nach dem Frühstück klarieren wir schon einmal online in Martinique ein und geben dort den 07.12. als ETA an. Wir sollen jetzt einen digitalen Einreisestempel erhalten, und das war’s auch schon. Ein persönliches Vorsprechen bei den Behörden nach der Ankunft ist für EU-Bürger nicht mehr nötig. Großartig – so müssen wir uns nicht mit Immigration und Customs herumschlagen. Das nennen wir verschlankte Bürokratie. Top!
Nachmittags kramen wir die WLAN-Endoskopkamera aus Lagerkiste 5. Beim Projekt „tropfender Deckenstrahler“ wollen wir weiterkommen. Leider bringt der Einsatz der Kamera keine neuen Erkenntnisse. Schade. Die Kiste unter dem Strahler war heute früh wieder nass – dabei hat es gar nicht geregnet. Das Wasser schmeckt salzig. Vielleicht doch Seewasser, das seinen Weg ins Innere findet? Spannende Ursachenforschung – hoffentlich mit gutem Ausgang. Im Moment sind wir weiter ratlos.
Kathi bereitet Weihnachtskarten für unser Team vor, und ich bestelle für Mamas Geburtstag einen Strauß rote Rosen samt Lindt-Nascherei bei Fleurop. Nachmittags wollen wir noch die Autovermietungen auf Martinique checken. So günstig wie auf Madeira oder Lanzarote/La Palma werden wir auf der französischen Insel wohl nichts mieten können. Also durchforsten wir das Netz.



19. Seetag – Donnerstag 04.12.
Achtzehntes Etmal: 160 Seemeilen
Gesamt: 2.440 Seemeilen
Bis Martinique: 488 Seemeilen
Windstärke zwischen 4 und 7 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Genua voll
Die anhaltende Unruhe und ständige Bewegung im Schiff zwingen uns, alle körperlichen Aktivitäten stark herunterzufahren. Das Risiko für blaue Flecken ist zu groß, wenn die KAMI vor den Wellen quer schlägt oder plötzlich anfängt zu surfen. So dösen wir den ganzen Tag auf unserem Salonlager, toben ein wenig mit Piper und erstellen schon mal eine To-Do-Liste für unseren Hafenaufenthalt in Martinique. Die Zeit zieht sich zäh wie ein Gummiband.
Durch unsere Zickzack-Kreuzkurse haben wir in den letzten 24 Stunden ganze 38 Meilen verloren. Wir überlegen, die Kreuzkurse enger zu fahren, um zu sehen, ob wir so die Mehrmeilen verringern können. Nach unseren Berechnungen wird die ETA jetzt auf kommenden Montag gegen Abend geschätzt.
Die Nacht war eine der schlimmsten. Wir bekommen kaum ein Auge zu. Draußen haben sich durch Wellen und Schwell Kreuzseen gebildet. Die KAMI rumpelt stundenlang, und es ist extrem laut im Schiff. Aus allen Ecken sind Knarzgeräusche zu hören, wenn die Wellen unten gegen die Gondel schlagen. Wir sitzen alle senkrecht – so laut und ungemütlich. Dieses Wellengeschlinger begleitet uns nun schon fast eine Woche. Ganz ehrlich: Davon haben wir wirklich die Schnauze voll. Erholsamen Schlaf findet man nicht, und auch Aktivitäten wie Sport oder Angeln sind kaum möglich. Was für eine blöde Überfahrt.

20. Seetag – Freitag 05.12.
Neunzehntes Etmal: 150 Seemeilen
Gesamt: 2.590 Seemeilen
Bis Martinique: 350 Seemeilen
Windstärke zwischen 4 und 5 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Genua voll
Mama hat Geburtstag! Happy Birthday!
Tagsüber duschen wir Piper mit der Heckdusche ab – danach ist ihr Fell wieder seidenweich, und sie schnuppert gut. Zum Abendbrot gibt es heute klassische Nudeln mit Tomatensoße nach ostdeutschem Rezept. Hmm, lecker! Für die Soße nutzen wir den guten Werder-Ketchup aus der alten Heimat.
Wir kommen weiter gut voran: Der Wind bläst konstant um die 20 Knoten, und wir machen ordentliche Fahrt. Nach aktuellen Berechnungen sind es noch gut 2,5 Tage bis zum Ziel. Die Welle hat sich langsam beruhigt und nimmt von 3 Metern auf 2,80 bis 2,50 Meter weiter ab. Bis zur Ankunft in Martinique soll sich das Wind- und Wetterfenster nicht groß ändern. Einzig die Regen- und Gewitterwahrscheinlichkeit steigt wieder, je weiter wir westlich kommen. Also wieder auf Squalls einstellen.
Im Moment haben wir fast Vollmond. Die Fahrt durch die Nacht wirkt richtig mystisch, wenn sich der Mondschein auf den Wellen spiegelt. Man kann sich gar nicht satt sehen. Nach dem Frühstück gehen wir unserem Wassereinbruchproblem durch den Lampensockel weiter auf den Grund. Wir entfernen die Seitenverkleidung in der Küche und schauen hinter die Baugruppe – können aber nichts ausmachen. Kein Wasser, keine Feuchtigkeit. Die Vermutung liegt nahe, dass das Wasser von der Elektroleitung kommt.
Wir testen das heute aus: Wir verlängern die aus dem Sockel hängende Elektroleitung mit einer kurzen Leine, stopfen das Innere des Sockels mit Microfasertüchern aus und warten ab, was passiert. Gefühlt wird das Wasser, das wir durch die darunter gestellte Wanne auffangen, immer mehr. Komisch. Selbst wenn das Wasser durch die Elektroleitung kommt (Kapillareffekt), wissen wir noch immer nicht, wo das salzige Wasser von außen hereinkommt. Im Moment können wir nur nach dem Auschlussverfahren vorgehen.
Falls die Stelle gar nicht auffindbar ist, müssten wir über eine Ableitung nach außen nachdenken. Wir haben da schon ein paar Ideen. Eine saubere Lösung wäre das aber nicht.





21. Seetag – Samstag 06.12.
Zwanzigstes Etmal: 154 Seemeilen
Gesamt: 2.744 Seemeilen
Bis Martinique: 246 Seemeilen
Windstärke zwischen 5 und 7 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Genua voll
Wir rücken dem Staub im Salon zu Leibe, und Mike geht danach ans Heck, um den Staubbehälter zu leeren. Dabei klopft er kräftig auf die hintere Heckklampe auf der Backbordseite und sieht noch, wie der Deckel des Behälters wegfliegt. Oh nein – das ist ja doof. Mit schwarzem Panzertape verschließen wir den Behälter notdürftig; ohne Staubsauger geht es an Bord gar nicht. Allein die verlorenen Haare von Piper saugen wir im Salon mindestens zwei Mal am Tag weg. In Martinique werden wir uns wohl einen neuen Handstaubsauger kaufen müssen. Nicht zu ändern – trotzdem ärgerlich.
Die Nacht ist wieder super unruhig. Die Wetterberuhigung, die Alina orakelt hatte, ist leider nicht eingetroffen – im Gegenteil. Die Welle nimmt in der Nacht wieder extrem zu, sodass wir zwei Halsen fahren müssen, weil der Krach im Schiff kaum auszuhalten ist. Der Wind bläst jetzt mit 22 Knoten aufwärts, und die KAMI schlittert erneut von Wellental zu Wellental. Zwar haben wir mit 154 Seemeilen ein gutes Etmal, dem Gekreuze müssen wir aber wieder über 40 Meilen zuschreiben. Gefühlt kommen wir nur elendig langsam voran – was natürlich Quatsch ist. Der Wunsch, endlich anzukommen, wird von Stunde zu Stunde stärker, und das Ergebnis sorgt für etwas schlechte Laune.
Dazu kommt, dass es Kathi nicht gut geht. Wie aus dem Nichts hat sie ein „Musauge“ (entzündetes Auge) bekommen – es sieht schlimm aus. Sofort kramen wir aus unserer Medibox Augentropfen mit Antibiotikum hervor. Nach 12 Stunden sieht es langsam wieder etwas besser aus: Es ist zwar noch sehr geschwollen, aber die Rötung ist etwas zurückgegangen – gut so. Ihr Magen macht sich ebenfalls wieder bemerkbar – droht auf den letzten Meilen ein Totalausfall? Unsere Hoffnung, vielleicht schon morgen Abend in der Nähe der Marina den Anker fallen zu lassen, haben wir aufgegeben. Es wird wohl doch erst am Montag etwas mit unserer Ankunft.


22. Seetag – Sonntag 07.12.
Einundzwanzigstes Etmal: 164 Seemeilen
Gesamt: 2.908 Seemeilen
Bis Martinique: 112 Seemeilen
Windstärke zwischen 5 und 7 Beaufort
Großsegel im 2. Reff – Genua voll
Vor Reisebeginn hatte ich mir noch Segelhandschuhe von Gill gekauft, in der Hoffnung, sie lange nutzen zu können. Leider haben sie die Passage nicht einmal ansatzweise überlebt. Schade. Die Segelhandschuhe von Kathi sind von der Firma Bauhaus, Linie „Nautic“. Komischerweise sind ihre Handschuhe okay – natürlich mit Nutzungsspuren, aber ohne Löcher oder Materialrisse. In Martinique werde ich mir Ersatzhandschuhe besorgen. Auf verbrannte Finger habe ich keine Lust mehr, also lieber auf Nummer sicher. Die nächsten werden nicht von Gill sein, sorry.
Am frühen Nachmittag kommt uns die Sea Cloud II entgegen, ein großes Segelschiff mit drei Masten. Sie ist auf dem Weg nach Barbados, kommt von La Palma und macht 12 Knoten Fahrt. So große Segelschiffe sehen schon beeindruckend aus. Man fragt sich unwillkürlich, was man für einen Törn auf so einem Schiff wohl bezahlen darf.
Kathi bucht über das Internet einen Mietwagen für uns. Wir können ihn am 10. Dezember am Flughafen in Martinique abholen, und er steht uns dann bis zum 3. Januar zur Verfügung. Das ist gut. Wir müssen unsere Vorräte wieder aufstocken und rund 400 Liter Diesel nachbunkern. Das bedeutet: 16 Kanister à 25 Liter wollen bewegt werden – ohne Mietwagen wäre das schwierig. Außerdem stehen auf unserer To-do-Liste noch Supermärkte, Decathlon, der Elektronikmarkt Darty, Schiffsausrüster und Baumarkt. Unser Weihnachtsbesuch aus der Heimat möchte natürlich auch gerne vom Airport abgeholt werden. Kurz gesagt: So ein Mietwägelchen ist schon was Schönes.
Gegen Abend fahren wir fast die Segelyacht CAVA über den Haufen. Nur durch ein beherztes Ausweichmanöver können wir eine Kollision hier mitten auf dem Atlantik verhindern. Verrückt. An Bord ist eine belgische Crew, ein älteres Pärchen, ebenfalls mit Hund unterwegs. Wir funken und stellen fest, dass wir beide das gleiche Ziel haben. Die CAVA fährt nur unter einem kleinen Vorsegel, dafür aber im Gegensatz zu uns auf Direktkurs Martinique. So wie wir sie verstanden haben, steuern sie die gleiche Marina an. Wir sind gespannt. Die CAVA plant, am Montag in den Morgenstunden in der Marina anzukommen.




23. Seetag – Montag 08.12.
Zweiundzwanzigstes Etmal: 141 Seemeilen
Gesamt: 3.049 Seemeilen
Ankunft in Martinique
Windstärke zwischen 3 und 5 Beaufort
Genua & Motoren
Wir schätzen unsere Ankunft in den frühen Morgenstunden und bereiten schon jetzt die Festmacherleinen sowie die inflatables Fender vor. Das Großsegel wird ordentlich im Lazy Bag verstaut und das Großfall gegen das Schlagen am Mast gesichert. Wir sind nun für den anstehenden Landfall nach über 3.000 Seemeilen gewappnet. Der tosende Atlantik liegt endlich hinter uns, der über zehn Tage andauernde Wellenritt im letzten Drittel der Reise hat uns körperlich doch zugesetzt, denn an erholsamen Schlaf war nicht zu denken.
Endlich – wir haben es geschafft. Der Atlantik ist bezwungen. Nach 22 Tagen machen wir in der Marina Pointe du Bout fest. Yippieh – den Anlege-Gin-Tonic haben wir uns mehr als verdient.
Martinique empfängt uns mit dicken Wolken und intervallartigen Regengüssen. Ab 11 Uhr dürfen wir in die Marina. Kurz vor der Ankunft erleben wir einen Wolkenbruch der Extraklasse. Wir brechen die Anfahrt zur Marina ab und werfen den Anker in unmittelbarer Nähe. Als das Unwetter abgezogen ist, wollen wir Anker auf gehen. Die Winsch macht noch einmal kurze Geräusche – dann ist Schluss. Sie hat ihren Dienst aufgegeben.
Völlig übermüdet holen wir die ausgebrachten 13 Meter Kette samt 25-kg-Spade-Anker von Hand ein. Wow, was für eine körperliche Anstrengung. Es gelingt, und wir bekommen den Anker nach oben. In weiser Voraussicht haben wir bereits eine Ersatzwinsch an Bord. Diese werden wir hier in Martinique in der Marina einbauen. Es bleibt also immer etwas zu tun. Willkommen, Karibik – willkommen Martinique!














































