12.06.2023 – 12:00 Uhr Ortszeit – 14:00 UTC
18. Seetag
Etmal: 179 sm
Gesamtsumme: 2.142 sm
Wind aus SW
Segelstellung: Großsegel 1. Reff, Genua voll
Speed über Grund: 8 kn
Am Nachmittag kommt etwas die Sonne heraus, und die KAMI fährt mit korrektem Kurs auf Nordost. Durch das Absurfen und das Gegenstemmen der Wellen hat Karsten wieder Probleme mit seinem Magen (Seekrankheit?). Mit einem Vitamin-C-Kaugummi liegt er jetzt draußen im Cockpit und ruht. Hoffentlich fällt er mir nicht aus.
Die Wellenfahrt wird sich in den nächsten Tagen leider kaum ändern. Wir machen um die 7 Knoten Fahrt, werden aber abends ins erste Reff gehen, da für die Nacht Böen über 23 Knoten vorhergesagt sind.

Ich nutze den Nachmittag für etwas Internet-Recherche zu unserer Route und finde Hinweise von anderen Seglern. Das Seegebiet Schottland – Skagerrak – Kattegat soll sehr anspruchsvoll sein. Zum einen ist das Verkehrsaufkommen dort sehr hoch, zum anderen herrschen wegen der Gezeiten und Strömungen schwierige Bedingungen. Auch das Wetter spielt eine große Rolle. Ich schreibe Sebastian von Wetterwelt an und frage nach seiner Einschätzung. Außerdem kontaktiere ich Martin Daldrup von der „Jambo“, der vor einigen Jahren ebenfalls von West nach Ost über den Atlantik und dann über Schottland in die Nordsee gesegelt ist. Er segelt derzeit mit seiner Lebensgefährtin Anke in den USA. Schon nach 15 Minuten erhalte ich über den Facebook-Messenger seine Antwort: „Hallo Mike, im Pentland Firth etwas aufpassen, ansonsten alles easy. Gute Fahrt!“
Nun warte ich noch auf Sebastians Antwort, die vermutlich im Laufe des Tages (Montag) per E-Mail kommen wird. Plan B wäre (falls das Wetter nicht mitspielt), über die Azoren, die Biskaya und den Ärmelkanal in den Nord-Ostsee-Kanal (NOK) und dann in die Ostsee zu fahren – was ich eigentlich vermeiden möchte. Mal sehen …
Die Nacht bricht herein, und Poseidon ist mehr als schlecht gelaunt. Innerhalb einer Stunde fallen Starkwinde über uns her, die uns Hören und Sehen vergehen lassen. Die schlimmste Nacht der letzten 16 Seetage erwartet uns, begleitet von einem höllischen Gebrüll und donnernden Wellen von durchschnittlich 3 Metern Höhe. Immer wieder werden wir von einzelnen Wellen von bis zu 4 Metern getroffen. Die Wellen schlagen mit solch enormer Kraft auf das Schiff ein, dass sich alles Bewegliche an Bord selbstständig macht. Lampen, Tassen und Handys fliegen durch den Salon. Nicht gesicherte Schranktüren schlagen auf, und deren Inhalte verteilen sich schlagartig in den Ecken. Der Wind pfeift durch Türen und Luken, dass es einem graust. Ein Wasserschwall nach dem anderen schießt durch das Trampolin auf das Vorschiff. Die Gischt, die beim abrupten Eintauchen der KAMI in die Wellen entsteht, wirkt fast explosionsartig. Besonders beunruhigt sind wir, wenn die Wellen uns schräg von achtern treffen, das Schiff seitlich versetzen und wir uns wie auf einem Teller drehen. In diesen Momenten erreicht das Schiff eine Gleitgeschwindigkeit von bis zu 14 Knoten, bremst aber bald wieder auf 7 Knoten ab. Unser Autopilot leistet Schwerstarbeit. Wir müssen in der Nacht zweimal den Generator anwerfen, um den enormen Energieverlust auszugleichen. An Schlaf ist in dieser Nacht nicht zu denken. Wir klammern uns im Salon in halb liegender, halb sitzender Position an Sitzbank und Tisch. Wir sind erschöpft, und unsere Körper fallen in intervallartigen Sekunden- und Minutenschlaf. In diesem Zustand harren wir aus, bis der Tag anbricht und die Sonne die Dunkelheit verdrängt. Endlich können wir die bedrohlichen Wellenberge sehen und nicht nur hören.
Langsam beruhigt es sich „etwas“. Wir kochen uns unter artistischen Verrenkungen einen Kaffee und knabbern an kleinen Schokocookies. Wir setzen unseren Kurs noch etwas weiter nach Osten ab und holpern nun auf 70°. Immer wieder purzelt ein Gegenstand durch den Salon …
In den kommenden Stunden müssen wir unbedingt etwas Schlaf finden, denn die nächste Nacht verspricht kaum besser zu werden. Laut unserer Planung wird sich die Lage im Großen und Ganzen auch bis Dienstag kaum ändern. Vielleicht reffen wir heute Abend die Genua noch etwas ein.
Karsten brät uns ein wenig Speck, dazu gibt es Toast und vielleicht ein Ei. Das wird unser heutiges Bordmahl sein. Die See nimmt schon wieder zu, obwohl wir erst die Mittagsstunden erreicht haben.
Mit gesenktem Blick und tiefer Ehrfurcht rufen wir Poseidon an – sei milde mit uns!
