Nach einer sehr anstrengenden Fahrt gegen Wind und Welle erreichen wir erschöpft die erste Insel der Bahamas, Inagua. Wir kommen gegen Sonntagmittag an und lassen den Anker vor dem kleinen Hafen Matthew Town in kristallklarem, türkisfarbenem Wasser auf 3 Meter fallen.
Bei den Behörden können wir am nächsten Vormittag problemlos einklarieren; dazu fahren wir mit dem Dinghy in den kleinen Hafen. Es dauert nur wenige Augenblicke, da werden wir schon von einem Local angesprochen. Kurz darauf taucht wie aus dem Nichts ein Taxifahrer auf, der sich mit dem Local ein kleines Wortgefecht liefert. Wir steigen ins Taxi ein, und schon braust er mit uns zur „Behördenbaracke“. Nach nur 5 Minuten ist die kostenlose Fahrt vorbei, und der Taxifahrer erklärt uns, dass der Local, der uns im Hafen angesprochen hat, kein guter Mensch ist und immer wieder versucht, Geld von Seglern und Touristen zu erbetteln. Ferner erzählt er, dass den Einheimischen viel daran liegt, mehr Tourismus anzuziehen. Leider wird die Insel oft nur als erster Anlauf zum Einklarieren besucht und dann meist schon am selben Tag wieder von den Seglern verlassen.




Wir bleiben gut fünf Tage, denn wir müssen unsere Segel wieder auf Vordermann bringen und nachtanken. Wir belesen uns im Netz und finden viele Hinweise, dass man auf kleinen Inseln möglichst nicht nachtanken sollte. Oft ist der Diesel mit Wasser und Schmutz versetzt und sehr schwefelhaltig. Gut, dass wir noch 300 Liter in Kanistern als Ersatz an Bord haben. Wir tanken jeweils 100 Liter pro Maschine und Bug mit Kanistern nach und planen, unseren Kraftstoffvorrat in George Town in den Exumas wieder aufzufüllen. Hier ist die Bootsdichte so hoch, dass ein gewisser Dieselumsatz an den Tankstellen gegeben ist. Das Risiko, verschmutzten Treibstoff zu bunkern, ist wohl in George Town gering.
Auf Anker vor Inagua kümmern wir uns um unsere Segel. Wir stellen fest, dass der massive Metallschäkel der Genua aufgebogen war und sich bei stärkerem Seegang vom Genuaschlitten abgesprengt hat. Wir finden ihn zufällig an Deck. Zum Glück ist das Segel nicht beschädigt, wie erst angenommen. Kathi muss hoch in den Mast und das Genuafall wieder freigängig machen – es hat sich oben verklemmt. Nach etwas Hin- und Herholen bekommen wir das Fall frei (es hatte sich umwickelt). Wir schlagen das Segel neu an (wir hatten passenden Schäkelersatz an Bord), und die Genua ist wieder fit. Als Nächstes holen wir den Gennaker herunter. Mike nimmt sich den Furler vor, flechtet ein Dyneema-Seil als Klemme ein und vernäht alles sauber. Durch UV-Strahlung und Salzwasser hat sich die Gummirutschsicherung am Furler aufgelöst und ist teilweise aus der Trommel gebrochen. Wir hoffen, dass unsere Ersatzsicherung hält – ein neuer Furler ist uns momentan zu teuer.




Nun muss noch das Großsegel geklärt werden. Mike lässt sich von Kathi in den Mast hochziehen und schleift die gröbsten Grate von der Mastschiene. Danach versuchen wir, das Großsegel durchzusetzen – leider wieder ohne Erfolg. Dann fällt uns auf, dass die Halterungen der Segellatten komisch aussehen: Hier sitzt eine kleine Spange, die sich geweitet hat und keine Funktion mehr erfüllt. Wir fixen die einzelnen Spangen mit Gafferband und einem kleinen Kabelbinder. Et voilà, das Großsegel lässt sich von Hand fast bis zum Ende durchholen. Wir freuen uns, dass wir die Probleme gelöst haben.
In der kleinen City von Matthew Town finden wir einen Minimarkt. Es gibt fast nichts zu kaufen, und die wenigen Dinge in der Auslage sind wahnsinnig teuer. Wir ergattern fünf kleine Äpfel und zahlen fast 12 Dollar dafür. Auf dem Rückweg zum Hafen kehren wir in einen kleinen Imbiss ein und geraten dort mit einer älteren Amerikanerin ins Gespräch, die vor 15 Jahren aus Liebe hierhergezogen ist. Sie ist die Lehrerin auf der Insel, die gerade einmal 550 Bewohner hat.
Direkt an der Hauptstraße, in unmittelbarer Nähe einer Bankfiliale, des Minimarkts und des Imbisses, betreibt man den Inselgenerator zur Stromproduktion. Dieser riesige Generator läuft Tag und Nacht, ist schrecklich laut und spuckt extrem viel Stickoxid und Dreck in die Luft. Wir können es nicht fassen, dass Wohnhäuser direkt danebenstehen. Eine Haltestelle des Schulbusses liegt direkt davor an der Hauptstraße. Schlimm!
Zurück an Bord werden wir einen Tag vor dem Ablegen in Richtung Hogsty Reef von drei Delfinen besucht. Sie floaten stundenlang um unsere KAMI herum, spielen und necken sich. Was für ein toller Anblick!








Am nächsten Tag nehmen wir Kurs auf die Exumas. Wir werden jetzt etappenweise jeden Tag 30 bis 40 Seemeilen in diese Richtung absolvieren. Der erste Stopp ist das Hogsty Reef, ein kleiner Sandhaufen mitten im Ozean. Dort gehen wir mit Piper an Land und lassen sie ohne Leine laufen. Hier gibt es nichts außer einer baufälligen Landmarke und angespültem Plastikmüll. Auch unter Wasser ist es eher unspektakulär. Von den erwarteten Haien, Schildkröten und Rochen lässt sich nichts blicken. Nach einer tausendsternfunkelnden Nacht an diesem surrealen Ort geht es am morgen weiter Richtung Acklins.






Auf dem Weg dorthin fällt uns ein graues Schiff der Küstenwache auf, das in etwa 10 Seemeilen Entfernung mit einer amerikanischen Segelyacht funkt und nach Schiffs- und Personendaten fragt. Wir ahnen schon, dass wir die Nächsten sein werden, haben aber Glück. Sie ziehen in Gegenrichtung an uns vorbei und sind nach 30 Minuten am Horizont verschwunden.
Im Süden der Insel Acklins legen wir nach sechs Stunden Fahrt einen weiteren Ankerstopp ein. Wir genießen den Nachmittag, als wie aus dem Nichts das Küstenwachschiff wieder auftaucht. Es wirft unweit von uns den Anker und lässt ein Beiboot zu Wasser. Na klasse – wird es bald Besuch geben? Die Beamten fahren zuerst zu einer in der Nähe liegenden Motoryacht. Wir setzen uns ins Cockpit und flachsen herum, da taucht das Beiboot neben uns auf. Besetzt mit sechs uniformierten Beamten bitten sie, an Bord kommen zu dürfen. Auf Steuerbord drücken sie ihr RIB gegen die KAMI, drei Beamte steigen wacklig über. Ein Beamter bleibt hinten mit Sturmgewehr im Anschlag stehen, die zwei anderen kommen ins Cockpit. Einer ist für das Protokoll zuständig, der andere führt das Gespräch und ist wohl der Chef.
Piper ist über diesen Besuch nicht sehr erfreut. Sie schimpft und lässt sich nur schwer beruhigen. Kein Wunder, die Beamten verbreiten eine negative Ausstrahlung. Kathi gelingt es ihr das Geschirr umzulegen und sie auf ihrem Schoß festzuhalten.
Wir legen brav alle Dokumente vor und geben Auskunft: Woher kommen Sie? Wohin wollen Sie? – Na, die üblichen Fragen. „Sind Waffen an Bord?“, wird gefragt. Der Chef möchte sich im Inneren der KAMI umschauen. Im Salon öffnet er den Kühlschrank und das Fach mit Gewürzen und trockenen Nahrungsmitteln (Nudeln, Reis usw.). Im Backbordrumpf staunt er über unseren Lagerraum und fragt, was in den großen Kisten ist. „Ersatzteile und Werkzeug“, gebe ich Auskunft. Er lässt eine Kiste öffnen, wirft einen Blick hinein, grübelt kurz und geht in den anderen Rumpf. Dort wirft er einen kurzen Blick und eilt zurück zu seinem protokollführenden Kollegen.
Der zeigt ständig auf Kathis Tischdeko – kleine Muscheln und Schneckenhäuser, die wir bisher an Stränden gesammelt haben. Ein größeres Schneckenhaus ist wohl eine geschützte Art. Der Chef winkt ab, und nach ca. 20 Minuten verlassen sie das Schiff und düsen davon. Zurück bleiben viele schwarze Schuhabdrücke auf dem weißen Deck und dem frisch geputzten Teak im Cockpit. Wir sind bedient! Wir schrubben das Deck; der Schmutz lässt sich nur schwer entfernen. Nach zwei Stunden sind die ärgerlichen Mitbringsel beseitigt. Was für ein schöner Besuch!





Nach einer weiteren Nacht im Nordwesten der Insel setzen wir nach Long Island über. Im Süden der Insel besuchen wir eine kleine Strandbar. Hier soll es nach Berichten anderer Segler legendären Rum-Punsch geben. Den wollen wir verkosten – und sind begeistert! Ein schöner Fleck auf der Insel, leider wird in der Nähe Tag und Nacht Müll verbrannt. Die Geruchsbelästigung treibt uns schnell weiter in Richtung Inselmitte. Vor dem kleinen Ort Clarence Town verlegen wir in eine flache, türkisfarbene Lagune und ankern im flachen Wasser – teilweise nur noch 50 Zentimeter unter dem Kiel. Da wird einem unwohl. Aber alles passt, und wir düsen mit dem Dinghy zum Dinghy-Dock. Hier sehen wir mehrere Haie und einen riesigen Stachelrochen im seichten Wasser schwimmen. Hinweisschilder am Dock warnen ausdrücklich vor den Haien. Die einheimischen Fischer, die hier Abfälle ins Wasser werfen, werden von den Tieren gern angenommen. Dadurch kam es wohl schon zu kleineren Bissverletzungen bei Touristen, die ihre Hände ins Wasser hielten. Im Ort finden wir einen kleinen Bakery-Shop und kaufen ein paar Eier und soeben gebackenen Rumkuchen. Leider gibt es kein frisches Obst. Schade. Auf dem Weg zur naheliegenden Marina entdecken wir endlich wieder Kokospalmen. Auf Acklins gab es keine, nur Gestrüpp – daher ist unsere Freude groß, wieder Kokosnüsse zu sehen. Direkt an der Straße stehen mehrere große Palmen, darunter liegen vereinzelt Früchte. Wir nehmen eine grüne, frische Kokosnuss mit an Bord – Piper ist außer sich vor Freude. Sie schleckt das Kokoswasser auf und macht sich über das frische Kokosfleisch her.





















Nach einem weiteren Ankerstopp im Norden der Insel erreichen wir nach sechs Stunden Motoren bei Flaute endlich George Town auf den Exumas. Dieser Ort ist besonders: Hier haben wir 2023 das erste Mal die KAMI von den Voreignern besichtigt. Aber nicht nur das – George Town ist für die US-Segelcommunity der absolute Hotspot. Veranstaltungen an den Stränden, Hunderte Schiffe vor Anker, Supermärkte, Tankstellen und ein Flugplatz in der Nähe machen diesen Ort aus. Hier werden wir in den nächsten Tagen Marie und Olli für drei Wochen an Bord begrüßen. Gemeinsam wollen wir die Exumas erkunden – über und unter Wasser. Wir freuen uns riesig auf den Besuch aus der Heimat.
Es gibt auch Negatives zu berichten: Unsere Saildrives machen beide Probleme. Wir hatten ja schon berichtet, dass der Saildrive auf Backbord Öl verliert und die Reparatur durch Gregory in Sint Maarten keine Besserung brachte. Das ist nach wie vor so – wir verlieren weiter geringe Mengen, aber es ist bedenklich.
Marie bringt ein Mittel aus Deutschland mit, das unter Schwarzlicht die Leckstelle sichtbar machen soll. Wir berichten davon später.
Hier in George Town vor Anker wollten wir am Steuerbord-Saildrive nur den Ölstand prüfen, vernahmen aber beim Herausziehen des Ölmessstabs einen abscheulichen Geruch, und die Ölfarbe war mehr hellgrau als braun. Nicht gut! Das heißt: Wasser im Ölkreislauf. Wir sind sauer! Haben wir doch vor nicht einmal einem Jahr beide Saildrives in Deutschland bei der Firma Marine Service Rostock (Herrn Neumeister) für viel Geld warten lassen. Schon bei der Inspektion in Barth gab es Probleme – dass jetzt beide Antriebe solche Mängel zeigen, ist unakzeptabel.
Beide Saildrives müssen dringend repariert werden. Wir haben schon in einer Werft in Guatemala, wo wir die Hurricansaison verbringen werden angefragt und professionelle Hilfe zugesichert bekommen. Die KAMI wird dort auch wegen eines neuen Antifoulinganstrichs aus dem Wasser gehoben. In dieser Zeit müssen die Antriebe spätestens instandgesetzt werden.
Wir haben jetzt erst mal auf Steuerbord einen Ölwechsel gemacht. Nimmt die Wasserkonzentration im Ölkreislauf zu, steigt das Risiko von Rostbildung und Verlust der Schmierwirkung. Für uns heißt das: Ab sofort wöchentlich Ölstände in beiden Saildrives kontrollieren und bei gräulicher Farbe mit Geruch – sofort Öl wechseln.




