Gegen 10 Uhr lichten wir den Anker in der Bucht von Playa Francesca auf La Graciosa und nehmen Kurs auf Arrecife, die Hauptstadt Lanzarotes.

Dort haben wir uns in der Marina Lanzarote bereits im Voraus einen Liegeplatz für 21 Tage gesichert – klingt gemütlich, ist aber eigentlich eher logistischer Selbstschutz. Schon die Einfahrt in den Hafen gestaltet sich sportlich, denn 15 Knoten Wind machen das Manövrieren zu einer echten Zitterpartie. Über Funk erfahren wir, dass wir an Steg K, Platz 1 festmachen sollen. Leider finden wir auf dem Hafenplan im Internet keinerlei brauchbare Details. Also bleiben wir mit der KAMI, unserem liebevoll „schwimmender Joghurtbecher“ genannten Katamaran, erst mal ratlos vor den Stegen stehen, bis uns ein Marinero wild zuwinkt. Ab in die letzte Gasse, ganz hinten in eine Box, bei starkem Seitenwind – na danke. Aber siehe da: Als hätten wir nie etwas anderes gemacht, bugsieren wir die KAMI souverän hinein und legen ein perfektes Manöver hin.



Man könnte meinen, wir genießen jetzt erst einmal die Ruhe im Hafen, doch der wahre Grund für die lange Liegezeit sind Ersatzteile und Ausrüstung, die wir uns aus Deutschland nachsenden lassen wollen. Und genau hier beginnt das Drama, denn die Kanaren haben ein eigenes Steuersystem und zählen zolltechnisch nicht zur EU. Heißt: doppelt zahlen. In Deutschland schon 19 Prozent Mehrwertsteuer auf die Waren – und hier noch einmal ein variabler spanischer Zollaufschlag obendrauf. Damit unsere Pakete überhaupt halbwegs kalkulierbar ankommen, bleibt nur DHL Express. Express bedeutet hier allerdings nicht „morgen“, sondern „vielleicht innerhalb einer Woche“. Schon der erste Testversand mit Fahrradtaschen, Rucksäcken und Kleinkram kostet uns 180 Euro Porto. Nach einer Woche liegt das Paket zwar im Hafenmeisterbüro, dafür aber mit Zoll-Siegel und der Spur neugieriger Zollbeamten, die es in Berlin aufgerissen haben. Offenbar war Röntgen zu unspektakulär.
Unser größeres Problem ist allerdings der Wassermacher. Eigentlich sollte die französische Anlage von Desselator 100 Liter pro Stunde entsalzen, doch zuletzt waren es nur noch 70. Die Membranen sind nach 800 Betriebsstunden wohl nicht mehr taufrisch, also bestellen wir drei Ersatzstücke in Frankreich, die nach Deutschland geschickt und von dort aus weiter nach Lanzarote gesendet werden sollen. Soweit die Theorie. Praktisch ruft der spanische Zoll an, behält das Paket zurück und fordert 80 Euro Nachzahlung. Inhalt: drei Membranen und eine Luftmatratze für Piper, unsere Bordhündin, die das Teil als Einstiegshilfe und Hundepool nutzen sollte. Ob wir das Paket jemals sehen, ist ungewiss – und unsere Laune entsprechend frostig.

Während wir uns mit Zoll, Ersatzteilen und Staubplage herumschlagen, sorgt unsere Bordhündin Piper für echte Sorgenfalten. Schon nach wenigen Tagen in Arrecife fällt uns auf, dass sie beim Spazierengehen nach kurzer Zeit anfängt zu röcheln, als würde sie kaum Luft bekommen. Dazu kommen rote Hautstellen, die aussehen wie Nesselsucht. Unser erster Gedanke: eine Reaktion auf die Calima. Schließlich liegt dieser Sahara-Staub wie eine feine, beige Decke über Boot, Straßen, Stegen – einfach über allem.
Wir wollen kein Risiko eingehen und suchen einen örtlichen Tierarzt auf. Die Diagnose lautet: Allergie und verdacht auf brachyzephalen Atemwegssyndrom. Wir bekommen spezielles Hundeshampoo, Ohrenspülung und ein Desinfektionsspray verschrieben, außerdem wird uns dringend geraten, eine endoskopische Untersuchung des Rachenraumes und eine Röntgenaufnahme vom Thorax vornehmen zu lassen. Uns rutscht das Herz in die Hose, doch wir stimmen zu – in der Hoffnung, Klarheit zu bekommen.
Ein paar Tage später ist es soweit: Piper muss unter Vollnarkose. Für uns ein schrecklicher Moment. Wir geben sie morgens unter Tränen ab und verbringen die Stunden bis zur Abholung in einer Mischung aus Anspannung, Bangen und Schuldgefühlen. Am Nachmittag dürfen wir sie wieder holen. Sie ist noch benommen, jammert und klagt in einer Art, die wir von ihr noch nie gehört haben. Jeder Laut geht uns durch Mark und Bein, wir leiden mit ihr und fühlen uns hilflos.
Der detaillierte Befund wird uns einige Tage später per Mail zugesendet. Inzwischen stehen wir in engem Kontakt mit unserer vertrauten Tierarztpraxis in Deutschland. Die Blutwerte, die wir aus Spanien mitbekommen, sehen nicht gut aus, insbesondere die Leberwerte bereiten uns Sorgen. Die spanischen Tierärzte drängen uns erneut, Piper im Rachenraum operieren zu lassen. Aus der Heimat jedoch kommt eine ganz andere Einschätzung: Sie halten nichts von einer Operation, sondern raten zu einer Behandlung mit Antibiotikum, da es sich um eine ernsthafte Atemwegserkrankung handelt.


Zum Glück ist unsere Bordapotheke so umfangreich bestückt, dass wir die passenden Medikamente direkt an Bord haben. Wir beginnen sofort mit der Behandlung. Zusätzlich duschen wir Piper alle zwei Tage mit der Heckdusche ab, um den Saharastaub von ihrem Fell und ihrer Haut zu bekommen. Es ist fast schon ein Ritual geworden: Einer hält sie fest, der andere schäumt mit dem Spezialshampoo – Piper schaut dabei jedes Mal beleidigt, erträgt es aber tapfer. Wir bieten ihr außerdem regelmäßig Eiswürfel an, die sie begeistert annimmt und darauf herumkaut. Sie helfen, den Rachen zu kühlen und die Schwellung zu lindern.

Langsam bessert sich die Nesselsucht, und auch ihr Allgemeinzustand wirkt stabiler. Das Röcheln ist allerdings noch immer da, und wir hoffen jeden Tag, dass das Antibiotikum endlich durchschlägt. Die Calima wird schwächer, aber der Staub bleibt, als hätte sich die Insel in eine Dauerwüste verwandelt. Regen gibt es hier ja so gut wie nie.
Trotz aller Sorgen sind wir unendlich dankbar, dass wir unsere deutsche Tierarztpraxis im Hintergrund haben. Das gibt uns Sicherheit und ein zweites Urteil, auf das wir vertrauen können. Von dem Tierarzt hier auf Lanzarote sind wir enttäuscht, auch wenn wir natürlich verstehen, dass er nach bestem Wissen handelt. Doch das Gefühl, dass Piper fast in eine unnötige Operation gedrängt worden wäre, hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack. Umso größer ist unsere Erleichterung, dass wir die Medikamente an Bord hatten und selbst handeln konnten.
Uns bleibt nur die Hoffnung, dass sich Pipers Zustand bald dauerhaft stabilisiert und sie in der Karibik wieder frei und ohne Röcheln atmen kann.
Zwischendurch zeigt sich, dass wir manchmal auch Glück haben. Bei der Fahrt zum Flughafen, um unseren Mietwagen abzuholen, verliert Mike im Taxi sein Handy. Entsetzen pur. Ein Anruf bei der Taxizentrale, ein paar gestammelte Worte Englisch und wenig Hoffnung später die überraschende Nachricht: Der Fahrer hat das Handy gefunden und wartet vor dem Hospital auf uns. Da zahlt sich wohl das großzügige Trinkgeld aus. Wir fahren sofort hin und tatsächlich – da steht er schon, winkt, gibt das Handy zurück. Ein Wunder auf Lanzarote!
Weniger wundersam verläuft ein Ausflug nach Playa Blanca, wo wir vor Jahren schon Silvester gefeiert hatten. Im Restaurant dort werden wir endlos ignoriert, bis ein Kellner endlich genervt unsere Bestellung aufnimmt. Kathi probiert neugierig kleine frittierte Krabbenkugeln – und merkt sofort ein Kribbeln in den Lippen. Ihre Schalentierallergie meldet sich. Während das Lokal immer lauter wird und wir uns ohnehin unwohl fühlen, kippt plötzlich ihr Kreislauf. In einer Seitenstraße geht sie in die Knie, ich bin kurz davor, in Panik auszubrechen. Schließlich schaffen wir es zurück zum Auto, an Bord gibt’s Antihistamin, und nach einer Weile bessert sich ihr Zustand. Glück im Unglück – aber es hätte übel enden können.







Auch die Erkundung von Arrecife selbst sorgt eher für Ernüchterung. Die Innenstadt wirkt wie ein einziges Schaufenster von Leerstand, selbst in Baumärkten gähnen leere Regale. Für unsere Temperatursensoren suchen wir vergeblich Knopfzellen. Immerhin, Treibstoff kostet nur 1,05 Euro pro Liter, Lebensmittel sind vergleichsweise günstig. Also bunkern wir, was das Zeug hält: Dosengetränke, Milch, Fleisch und natürlich Wein, den wir platzsparend in große Wasserkanister umfüllen. Unsere Reisetaschen ächzen, aber die KAMI freut sich über volle Vorratskammern.
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Auch Kathis Geburtstag fällt in unsere Zeit hier. Ich hatte groß geplant, sie im Steakhaus Carbon einzuladen – leider ist es sonntags geschlossen. Dafür gab es eine Ayurveda-Massage im Grand Hotel. Erwartung: Wellness-Tempel. Realität: schimmelige Duschen, vergilbte Wasserflecken an der Decke. Immerhin war das warme Öl angenehm, auch wenn es ein wenig nach verbrannten Nüssen roch. Wir lachen, entspannen und vergessen für 80 Minuten, dass drumherum alles eher improvisiert wirkt.



Mein eigentliches Geburtstagsgeschenk hatte Kathi aber schon vorher eingelöst: eine Wingfoil-Stunde mit Privatlehrer. Erwartung: stylische Surfschule mit schicken Boards, Umkleiden, vielleicht noch einem kleinen Beach-Café für die wartenden Begleiter. Realität: ein grüner Van, der aussieht, als ob er gerade vom Schrottplatz eine zweite Karriere begonnen hätte. Der Surflehrer, nennen wir ihn einfach „Chill-Juan“, steigt lässig aus, schiebt die Heckklappe hoch und präsentiert uns sein Equipment: ein chaotisches Sammelsurium aus alten Neos, Kabeln, Wasserflaschen, Plastikstühlen und mittendrin – tatsächlich – ein aufblasbares Board und ein Wing. Ich bin mir in dem Moment nicht sicher, ob wir gleich eine Wingfoil-Stunde oder einen Garagenflohmarkt gebucht haben.
Kurz darauf steht Kathi auf dem Parkplatz und zieht sich am Polo um. Keine Umkleide, keine Dusche, kein „Welcome, dear students“ – nein, mitten in der Pampa, mit Blick auf ein paar verwunderte Hotelgäste am Zaun. Sie nimmt es sportlich, ich schäme mich stellvertretend. Der Surflehrer ist derweil ganz in seinem Element: Er zeigt ihr auf Englisch, wie man den Wing richtig hält. Zehn Minuten Trockenübung am Strand, während der Wind schon alles in Bewegung setzt, und schwupps – ab ins Wasser.
Und jetzt kommt das Beste: Der Surflehrer bleibt am Strand. In Jeans. Mit T-Shirt. Keine Spur davon, dass er etwa ins Wasser gehen würde, um seine Schülerin anzuleiten oder im Notfall zu retten. Stattdessen steht er breitbeinig da, winkt mit den Armen und brüllt Anweisungen, die im Wind ungefähr so klar bei Kathi ankommen wie eine Durchsage in einem alten DDR-Bahnhof: „Staaa… left… push… boaaard…!“ Sie schaut zurück, mit einem Blick zwischen Panik, Fragezeichen und „meint der mich?“. Ich stehe daneben, filme halb lachend, halb kopfschüttelnd und denke: Das ist Comedy pur.
Nach einer halben Stunde ist Kathi schon fix und fertig, nach einer Stunde treibt sie schräg in der Bucht herum, und nach eineinhalb Stunden ruft sie dem Lehrer zu, dass jetzt Schluss ist. Er nickt, packt in Rekordzeit sein Equipment zurück in den Van – diesmal wirkt er wie ein Profi, wahrscheinlich ist das Zusammenpacken sein Spezialgebiet – und hält mir die Handynummer für die Revolut-Zahlung hin. Geld überwiesen, Van-Tür zu, weg ist er. Kein Feedback, kein „good job“, nicht mal ein „bye-bye“. Einfach zack – und wir stehen da wie bestellt und nicht abgeholt.





Auf dem Rückweg sitzen wir beide schweigend im Polo, bis ich vorsichtig frage: „Also… Wingfoilen, wie war’s?“ Kathi schaut mich an, klatschnass, mit Salzwasser in den Haaren, und sagt trocken: „Ich glaube, das war gerade die teuerste Slapstick-Einlage meines Lebens.“
Am nächsten Tag gehen wir dann in eine richtige Surfschule. Dort begrüßt uns ein junger, motivierter Surferboy mit sonnengebleichten Haaren, gibt uns ein paar Infos und zeigt uns echte Boards – Hardboards, wohlgemerkt. Und genau da kippt die Stimmung wieder. „Wo willst du das Ding denn verstauen? Unter meinem Kopfkissen?“, frage ich. Kathi ist sofort genervt, und wir streiten über die Lagerkapazitäten unseres schwimmenden Joghurtbechers. Am Abend googeln wir uns schlauer und beschließen, erstmal das SUP an Bord als Lernbrett zu nutzen. Wenig später kaufen wir zwei gebrauchte Wings – einen großen und einen kleinen – für kleines Geld. Damit ist klar: Das Training wird künftig in der Ankerbucht fortgesetzt, mit vollem Körpereinsatz und ohne Surflehrer in Jeans.
Gedanklich hatten wir zwischendurch auch mit einem Familienbesuch geliebäugelt. Oma Uschi und Tildi sollten eingeflogen werden – praktisch, um Ersatzteile mitzubringen und schön, um sich zu sehen. Doch die Flugpreise in den Herbstferien schlagen uns schnell alle Illusionen aus: 1.200 Euro pro Ticket! Außerhalb der Ferien gibt es Flüge ab 120 Euro. Und da Tildi ohnehin noch mit einer Fußverletzung kämpft, verschieben wir den Plan.
So bleibt uns vorerst nur, auf das nächste Ziel zuzusteuern. Von Lanzarote geht es weiter über den Süden der Insel Richtung Teneriffa, und am 28. Oktober wollen wir auf La Palma für mindestens 14 Tage festmachen. Bis dahin hoffen wir, dass der Zoll uns endlich in Ruhe lässt, dass die Calima endgültig verschwindet – und dass Piper bald wieder frei atmen kann.
Arrecife hat uns eine Menge Nerven gekostet, zwischen Zolltheater, Allergieschocks, Handydramen und improvisierten Surflehrern. Aber was bleibt, sind jede Menge Geschichten, ein paar graue Haare mehr und die Erkenntnis, dass man selbst aus den größten Pleiten noch lachen kann – irgendwann zumindest.
An dieser Stelle nochmals ganz lieben Dank an unsere heimatliche Tierarztpraxis in den Havelauen, Frau Dr. Inga Vetrella und Linda Fiedler, die uns jederzeit via Mail und telefonisch zur Seite stehen, wenn es um die Gesundheit von Piper`li geht.
Danke – Ihr seid wirklich ein tolles Team!
