Nach zehn Tagen in der Ankerbucht von Playa Calimera heißt es für uns: Anker auf! Unser nächstes Ziel ist La Palma. Wir müssen am Sonntag schon um sechs Uhr morgens starten – eigentlich überhaupt nicht unsere Uhrzeit –, aber laut Berechnung sind es rund 36 Stunden Fahrt. Wenn alles gutgeht, kommen wir also am Montagnachmittag in der Ankerbucht des Parque Natural de Cumbre Vieja an.


Das Wetter meint es, wie so oft, nicht besonders gut mit uns. Kaum sind wir unterwegs, stellt sich heraus: Die Vorhersage hatte recht – satte zwei Knoten Wind. Oh Mann! Das heißt mal wieder: Motoren statt Segeln. Wir nehmen es gelassen, auch wenn das gleichmäßige Brummen des Motors nach ein paar Stunden eher an eine Meditation erinnert, die man nie gebucht hat.
Immerhin ist das Meer ruhig, kaum Wellen, und der Atlantik zeigt sich von seiner schönsten Seite. Dieses unendliche Blau, das in der Sonne fast leuchtet, entschädigt uns ein wenig für den fehlenden Wind. Wir ziehen gemütlich dahin, hören Musik, kochen zwischendurch und genießen das Gefühl, endlich wieder auf offener See zu sein.



Wie geplant erreichen wir am Montagnachmittag La Palma. In der Bucht liegt nur ein weiteres Segelboot vor Anker – perfekt, genug Platz für uns. Wir lassen den Anker fallen und genießen den Sonnenuntergang. Nach der langen Motorfahrt wirkt das goldene Abendlicht wie eine Belohnung vom Atlantik persönlich.
Am nächsten Tag geht’s direkt weiter, denn wir haben in der Marina La Palma einen Liegeplatz reserviert – Mikes Mama Uschi kommt am Mittwoch zu Besuch! Also starten wir früh und machen uns auf den Weg zum Hafen. Vor der Marina befindet sich ein Fähranleger mit Industriehafen, und laut Beschreibung sollen wir zunächst den Industriehafen auf Kanal 6 anfunken, um um Erlaubnis zur Einfahrt zu bitten, und danach auf Kanal 9 die Marina kontaktieren. Zwischen Industrie- und Yachthafen befindet sich ein massives Metalltor, das verhindern soll, dass zu viel Schwell durch die Fähren und Kreuzfahrtschiffe in den Yachthafen dringt. Klingt theoretisch einfach – mal sehen, wie das in der Praxis läuft.
Gesagt, getan: Der erste Kontakt mit dem Industriehafen klappt reibungslos. Zu früh gefreut – beim Anfunken der Marina wird’s etwas chaotisch. Eine freundliche Dame meldet sich sofort, doch leider versteht Kathi sie nicht so richtig. Ein kleines Funk-Hin-und-Her folgt („Say again, please?“ – „No, other side!“ – „Left or right?“ – „Sí, sí, right!“), bis wir schließlich die Hafeneinfahrt ausmachen können. Die Dame weist uns an, am ersten Steg zu warten. Und siehe da – dort steht schon ein Marinero bereit, winkt energisch und lotst uns zur nächsten freien Box in der Mitte der Steganlage.
Das Hafenmanöver ist – wie immer – aufregend, aber alles klappt wunderbar. Kaum liegen wir fest, machen wir uns daran, die KAMI ordentlich zu sichern, denn trotz Metalltor schwappt hier ordentlich Schwell durch. Die Leinen knarzen, das Boot wippt, und wir atmen erleichtert auf: angekommen, wohlbehalten – und bereit für Uschis Besuch.
Am Mittwochmorgen machen wir uns auf den Weg zum Fährterminal, denn dort haben wir für unseren Aufenthalt auf der Insel einen Mietwagen gebucht. Damit wollen wir La Palma erkunden – und natürlich unseren Besuch vom Flughafen abholen. Es läuft alles reibungslos: Wir werden schon erwartet, bekommen den Schlüssel in die Hand gedrückt und können direkt starten. Zurück an Bord machen wir noch schnell klar Schiff (diesmal wortwörtlich grins), bevor wir gegen Mittag zum Flughafen fahren.

Piper bleibt an Bord – sie muss sich erst wieder an den Hafen und die Temperaturen gewöhnen. Es ist schon ein Unterschied, ob man 37 Grad vor Anker oder im heißen Hafen hat. Ganz schön warm!


Uschi landet pünktlich, und wir empfangen sie freudestrahlend. Koffer und Besuch ins Auto – und schon geht’s zurück zur KAMI. Erst einmal durchatmen und etwas trinken, bevor wir in der Hitze dahinschmelzen. Wir plaudern über die letzten Tage, was es Neues aus der Heimat gibt, und schmieden Pläne, was wir in der Woche alles unternehmen wollen.
Am Abend gehen wir ins Hafenrestaurant „Lucy“ und lassen den Tag beim Abendessen und guter Laune ausklingen. Es fühlt sich schön an, wieder familiäre Gesellschaft an Bord zu haben.


Am nächsten Tag steht ein besonderes Ziel auf dem Programm: der Vulkan Tajogaite. Der Ausbruch auf La Palma 2021 dauerte vom 19. September bis zum 13. Dezember und war der längste bekannte Vulkanausbruch auf der Insel. Mit Blick auf die Schäden gilt er auch als der folgenreichste in der Geschichte La Palmas. Der im Juni 2022 offiziell benannte Tajogaite-Vulkan entstand am Westhang des Höhenrückens Cumbre Vieja.
Vor Ort zu stehen, ist beeindruckend und erschreckend zugleich. Man sieht, wie die Natur sich in wenigen Wochen ein neues Gesicht geschaffen hat – mächtig, schön und zugleich zerstörerisch. Wir sind still, als wir die schwarzen Lavafelder betrachten, die sich über ganze Täler gelegt haben. Es ist kaum zu fassen, was hier passiert ist.
Die Lava floss damals über mehrere Spalten nach Westen, zerstörte ganze Dörfer in den Gemeinden El Paso, Los Llanos de Aridane und Tazacorte und ergoss sich schließlich spektakulär über die Steilküste ins Meer. Besonders hart traf es das Dorf Todoque – dort blieb kein Stein auf dem anderen.
Auf dem Rückweg schweigen wir eine Weile und genießen einfach die atemberaubende Landschaft. Überall blühen neue Pflanzen zwischen der dunklen Lava, und irgendwie wirkt alles, trotz der Zerstörung, friedlich und lebendig. La Palma hat uns tief beeindruckt – eine Insel, die zeigt, wie nah Schönheit und Gewalt in der Natur beieinanderliegen.
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Auch die vom Hafen aus fußläufig erreichbare Innenstadt von Santa Cruz gefällt uns ausgesprochen gut. Viele alte, liebevoll restaurierte Häuser lassen sich bestaunen, und in versteckten Innenhöfen laden kleine Cafés mit schattigen Plätzen zum Verweilen ein. Die engen Gassen winden sich steil bergauf und bergab, jede Ecke hat ihren eigenen Charme. An einer Seite des Plaza de España steht die Kirche El Salvador, deren Bau bereits Anfang des 16. Jahrhunderts begann – beeindruckend, wie viel Geschichte hier in den Mauern steckt.







Die Woche mit Uschi vergeht wie im Flug. Kathi und sie erkunden gemeinsam die Altstadt, natürlich mit einer kleinen Shoppingtour – „nur mal gucken“, wie es so schön heißt. Die Stadt ist wirklich wunderschön: viele kleine, bunte Häuser mit hübschen Läden und charmanten Cafés, die einen förmlich dazu einladen, einfach sitzen zu bleiben, einen Kaffee zu trinken und das bunte Treiben zu beobachten.




Am Freitag, den 31. Oktober, wird hier – wie überall – Halloween gefeiert. Also machen wir uns abends zu dritt auf den Weg in die Altstadt, um das Spektakel mitzuerleben. Überall laufen verkleidete Kinder herum, und ihre Kostüme sind wirklich zum Dahinschmelzen. Zwischen Hexenhüten und Mini-Vampiren wuseln Feen, Skelette und Geisterkinder durch die Straßen – Zuckerrausch inklusive. An einer Bar ist eine kleine Bühne aufgebaut, auf der eine Band spanische Musik spielt, während durch die Gassen ein Spielmannszug mit Trommeln und rhythmischen Klängen zieht. Die Stimmung ist ausgelassen, fröhlich und einfach wunderbar.


Wir kehren schließlich in ein kleines, süßes Restaurant ein, essen gut und genießen die lebhafte Atmosphäre. Später, wieder an Bord, lassen wir den Abend wie gewohnt gemütlich ausklingen – natürlich mit einer Runde Karten. Das TO-Kartenspiel unseres Vereins Trans-Ozean ist mittlerweile fester Bestandteil unserer Bordabende geworden. Wir versuchen uns gegenseitig auszustechen, was regelmäßig in Gelächter und neckischem Geplänkel endet. Sehr zu empfehlen – für alle, die auf See mal einen Abend ohne Netflix verbringen wollen.




Ein paar Tage später machen wir noch einen Ausflug in den Süden der Insel zur Saline von Fuencaliente – ein echtes Highlight. Hier werden jedes Jahr rund 600 Tonnen Meersalz gewonnen, und gleichzeitig dient das Gelände als wichtiger Rastplatz für viele Zugvögel. Die weißen Salzhügel, das Schwarz der Lavafelder und das Blau des Meeres ergeben zusammen ein atemberaubendes Bild – fast surreal schön.



Und ehe wir uns versehen, ist es auch schon wieder Mittwoch. Nach einem letzten gemeinsamen Frühstück heißt es Abschied nehmen. Wir bringen Uschi zum Flughafen, winken ihr noch lange hinterher und können kaum glauben, wie schnell die Woche vergangen ist. Es war eine richtig schöne Zeit – herzlich, lebendig und voller kleiner Abenteuer.
Nach nun einer Woche im Hafen fällt uns auf, dass hier erstaunlich viele TO-Boote liegen – also Boote, die den Stander unseres Vereins am Mast führen. Mike schreibt kurzerhand in die Lossegler-Gruppe, ob jemand Lust auf ein kleines TO-Treffen in der Hafenbar am Abend hat. Da wir aber nicht wissen, wer von den umliegenden Booten tatsächlich in der WhatsApp-Gruppe ist, beschließt Mike, selbst über die Stege zu laufen und die anderen Segler persönlich einzuladen.
Zuerst sitzen wir abends allein in der Bar, aber nach und nach trudeln immer mehr Segler ein. Unsere Freude ist groß – es wird eine richtig nette Runde. Wir philosophieren über Reisepläne, tauschen Erfahrungen aus und lachen über die kleinen und großen Missgeschicke des Bordalltags. Ein wirklich toller Abend – spontan, gesellig und genau so, wie man sich das Seglerleben wünscht.
Am nächsten Tag wird’s dann wieder etwas praktischer: Wir beginnen, unsere TO-DO-Liste abzuarbeiten und starten mit den ersten Einkäufen. Baumärkte, Supermärkte, kleine Läden – wir durchstöbern alles, was wir finden können, um uns auf die große Überfahrt vorzubereiten. Von La Palma nach Martinique sind es rund drei Wochen, also müssen wir genau planen, was wir einkaufen und wie lange die Lebensmittel haltbar sind.
Auch Pipers Versorgung steht dabei natürlich mit auf der Liste. Sie bekommt eine Mahlzeit pro Tag frisch gekocht – damit ihr Trockenfutter so lange wie möglich reicht. Also müssen wir auch das in unsere Kalkulation einbeziehen. Wir erstellen eine ellenlange Einkaufsliste: Hygieneartikel, Konserven, haltbare Lebensmittel – all das wollen wir nach und nach besorgen, damit wir nicht alles auf einmal schleppen müssen. Die Wege durch den Hafen sind schließlich lang, und die KAMI liegt gefühlt immer am anderen Ende. Die frischen Sachen wie Obst, Gemüse und Fleisch werden wir erst am Samstag kaufen, kurz bevor wir den Mietwagen zurückgeben.
Auf dem Weg zum Baumarkt entdecken wir zufällig eine kleine Taverne, die mitten in den Hang gebaut ist. Das sieht so urig aus, dass wir spontan beschließen, dort einzukehren. Gesagt, getan – und wir werden nicht enttäuscht. Die hübsche kleine Taverne ist wunderschön, wir werden zu einem kleinen Tisch begleitet, und auch Piper wird herzlich begrüßt. Das Essen ist köstlich, der hauseigene Wein fantastisch. Ein herrlicher Nachmittag mitten in unseren doch recht praktischen Vorbereitungen – ein Stück Urlaubsgefühl zwischen Einkaufsliste und Schraubenschlüssel.



Ab Montag, dem 10. November, wollte sich Alina von Wetterwelt bei uns melden, um uns ein erstes Update für den geplanten Start am Sonntag zu geben. Das tat sie auch – und warnte uns gleichzeitig: Das Tiefdruckgebiet „Claudia“ zieht über die Kanarischen Inseln. Es soll jede Menge Regen, Wind und Gewitter bringen. Na super. Damit war klar, dass der Mittwoch und Donnerstag eher ruhig verlaufen würden – oder sagen wir: unfreiwillig ruhig.
Gestern hat es den ganzen Tag geschüttet. Ein Gutes hat es: Die KAMI ist endlich wieder frei von dem hartnäckigen, rotbraunen Calima-Staub. Mike nutzt das Wetter gleich aus, bewaffnet sich mit Schrubber und Eimer und schrubbt im Regen die letzten Reste runter – sozusagen Bordreinigung im „Öko-Modus“. Währenddessen sitzt Kathi an Bord und hat eine Videokonferenz mit einem Kunden. So verbringen wir den gesamten Mittwoch gemütlich – oder besser gesagt: produktiv – unter Deck.


Am Abend steht unser erstes TO-Seminar an. Das sind kleine Online-Kurse, die unser Verein kostenfrei anbietet – zu spannenden Themen rund ums Segeln, Navigation, Wetter und Co. Mike startet den Laptop, und Kathi grinst: „Irgendwie komisch – sonst haben wir die Seminare immer zu Hause auf dem Sofa geschaut und uns gefragt, wie es wohl ist, das von einem Boot aus zu machen. Jetzt gehören wir selbst dazu!“ Verrückt, wie sich das Leben manchmal ändert.
In den nächsten Tagen wollen wir alle restlichen Vorbereitungen treffen, damit wir am Sonntag unsere Atlantiküberfahrt nach Martinique starten können. Das Wetter soll sich laut Alina ab Freitag wieder beruhigen, und sie will uns dann noch einmal ein Update geben. Aber es sieht so aus, als könnten wir wie geplant starten.
Alles in allem können wir sagen: La Palma hat uns restlos begeistert. Für uns ist sie die schönste Insel der Kanaren. Santa Cruz verzaubert uns mit ihrer Atmosphäre, und das Inselinnere ist einfach spektakulär. Überall im Westen und Süden ziehen sich endlose Bananenplantagen, und der höchste Punkt – der Roque de los Muchachos – ragt stolze 2.426 Meter in den Himmel. Die Fahrt hinauf dauert fast eine Stunde und führt über unzählige Serpentinen – gefühlt tausend Kurven, manche davon so eng, dass man glaubt, man dreht gleich eine Pirouette mit dem Auto.
Oben angekommen, ist es, als würde man in eine andere Welt eintauchen. Die Nadelwälder wirken märchenhaft, die Luft ist kühl und klar, und irgendwann durchbrechen wir tatsächlich die Wolkendecke. Zehn Grad kälter als unten im Hafen – aber was für ein Ausblick! Wir sind begeistert, beeindruckt und uns sicher: La Palma hat uns mitten ins Herz getroffen.







