Letzter Seetag – Ankunft in YHD

08.07.2023 – 12:00 Uhr MEZ

43. Seetag

Etmal: 140 sm

Gesamtsumme: 5.400 sm


Windstill

Segelstellung: alles unten – wir motoren

Speed über Grund: 4 kn

Wir kommen am Ende des NOK an und legen uns an der Backbordseite an den Wartesteg in der Schleuse Kiel-Holtenau. Die Wartezeit bis zum nächsten Schleusengang soll eine Stunde dauern. Bei unserer Ankunft an der Schleuse liegen bereits drei weitere Segelboote auf Reede. Die Wartezeit verlängert sich insgesamt auf drei Stunden! Mittlerweile liegen bis zu 30 Segelboote im Päckchen am Wartesteg oder kreisen im Schleusenvorbecken. Wir nehmen ein älteres Ehepaar an unserer Steuerbordseite an und unterhalten uns sehr nett. Die Wartezeit vergeht dadurch wie im Flug.

Im Schleusenbecken

Als das Schleusenbecken freigegeben wird, eilen ALLE in die Schleusenkammer. Wir haben Glück und können im „Mittelfeld“ an der Backbordseite sicher anlegen. Nach 20 Minuten sind wir durch und alle Segelboote strömen in Richtung Kiel.

Wir setzen unseren Kurs in Richtung Insel Fehmarn und nach deren Umrundung in Richtung Rostock fort. Gegen 3:30 Uhr wird es langsam hell, und gegen 8:30 Uhr laufen wir in unseren neuen Heimathafen in Warnemünde ein.

Die Reise ist beendet – wir sind gesund und ohne größere Schäden angekommen.
Wir haben es geschafft !

42. Etmal 64 Seemeilen

07.07.2023 – 12:00 Uhr MEZ

43. Seetag

Etmal: 64 sm

Gesamtsumme: 5260 sm

Windstill

Segelstellung: alles unten – wir motoren

Speed über Grund: 4 kn

Pünktlich gegen 15 Uhr schleusen wir in die Kiel-Kanal-Schleuse Brunsbüttel ein. Wir haben Glück, denn ohne Wartezeit können wir direkt in die alte Schleuse einfahren. Während der Einfahrt sehen wir, dass sämtliche Liegeplätze im Inneren bereits von Sportbooten belegt sind. Wir machen den Fehler und versuchen, uns in eine viel zu kleine Lücke auf der Backbordseite zu quetschen. Der Wind, der ins Schleusenbecken bläst, schiebt die KAMI dabei zur Seite – sie bricht aus und dreht sich mitten in der Schleuse um 180 Grad. Was für ein Hafenkino!

Wir legen im Päckchen an einem Segelboot eines älteren Herrn an. Nach dem Schleusenvorgang drehen wir uns mit einer Kehrtwende aus der Schleuse heraus. Alles ist gut gegangen. Komischerweise haben wir niemanden touchiert – wirklich Glück gehabt.

Nach etwa 40 Kilometern auf dem Kanal fahren wir einen Liegeplatz an, da Sportboote nachts im Kanal nicht fahren dürfen. Als wir eintreffen, sehen wir, dass wieder alle Liegeplätze belegt sind. Naja, wie sollte es auch anders sein. Weiterfahren können wir nicht, also legen wir uns seitlich an ein Arbeitsboot des Wasser- und Schifffahrtsamtes (eigentlich verboten!). Gegen 7 Uhr sollen hier die Arbeiter ihren Dienst aufnehmen. Bis dahin müssen wir also wieder weg sein.

Auf dem NOK

Morgens um 6 Uhr stehen wir auf, trinken einen Kaffee und legen ab. Auf dem Kanal ist es relativ ruhig. Die Sonne scheint, und der Tag erwacht. Weiter geht es in Richtung Kiel, wo wir am Nachmittag aus dem NOK ausschleusen wollen. Dann sind wir auf der Ostsee. Etwa 80 Seemeilen haben wir dann noch bis Warnemünde.

41. Etmal 40 Seemeilen

06.07.2023 – 12:00 Uhr MEZ

42. Seetag

Etmal: 40 sm

Gesamtsumme: 5192 sm


Wind aus SW

Segelstellung: Genua voll – Groß unten

Speed über Grund: 6 kn

In den frühen Nachmittagsstunden bricht die Hölle über Helgoland herein. So starke Windböen donnern über die Insel, dass einer unserer Fender platzt und die Planenverkleidung im Cockpit einreißt. Die ausgebrachten Fender werden so stark eingequetscht, dass wir kaum hoffen können, dass der Rumpf unbeschädigt bleibt.

Der Sturm zerdrückt die Fender – unglaublich!

Das Segelboot vor uns legt sich fast auf den Steg, und ständig rutschen ihm die Fender weg. Das Holz der Scheuerleiste bricht und splittert. Fast alle Segler sind jetzt in Regenkleidung auf dem Steg und packen überall mit an, wo Hilfe gebraucht wird. Ein unglaublich schönes Gefühl – dieser Zusammenhalt. Jeder spricht dem anderen Mut zu, und wir verbünden uns, als wären wir eine Familie. Wirklich toll! Diese Momente werden wir wohl nie vergessen!

Der Sturm drückt die Segelboote auf den Steg.

Als sich das Wetter dann zum Abend hin beruhigt, entscheiden wir uns, noch rasch eine Kleinigkeit zu essen, und gehen in der Nähe des Hafens zu einem Italiener (der von Russen geführt wird). Wir verputzen eine Portion Nudeln und eilen zurück an Bord. Nicht viel später trifft die zweite Sturmwelle auf Helgoland ein. Wir sitzen im Salon und sind bereit – bereit für das, was kommen soll. Vorhergesagt sind Orkanspitzen über 130 km/h. Der Wind hat weiter gedreht, was uns am Steg sehr zugutekommt. Komischerweise liegen wir jetzt ruhiger als am Nachmittag im Wind. Während der Sturm über die Insel fegt, schlafen wir beide völlig erschöpft im Salon ein. Ich wache erst gegen 4 Uhr morgens wieder auf und bin ganz irritiert. Ich wecke Karsten, denn wir wollen doch weiter. Schnell noch einen Kaffee, und gegen 5 Uhr verlassen wir Helgoland und segeln nur mit der Genua in Richtung Cuxhaven.

Am späten Nachmittag müssten wir über die Elbe den Eingang zum NOK erreichen. Wir hoffen, dass wir dann noch einschleusen können.

40. Etmal 88 Seemeilen

05.07.2023 – 12:00 Uhr MEZ

41. Seetag

Etmal: 88 sm

Gesamtsumme: 5152 sm


Wind aus SW – W

Segelstellung: Genua voll – Groß unten

Speed über Grund: 7 kn

Aktuell: Im Schutzhafen Helgoland!
Wir erreichen gegen 3 Uhr die Insel Helgoland. Im Dunkeln fahren wir in den Südhafen ein und suchen uns einen Liegeplatz, was sich als gar nicht so leicht herausstellt. Wir sind nicht die einzigen, die hier gerade Schutz suchen. Wir machen am Ende eines Steges fest und stellen später fest, dass das Anlegen dort untersagt ist (das Schild war in der Dunkelheit kaum zu sehen). Wir entscheiden uns erst einmal, liegen zu bleiben, und bringen alle Fender und Festmacherleinen aus, um das Schiff sicher zu vertäuen.

Die KAMI im Nothafen auf Helgoland.

In den Morgenstunden donnert die erste Sturmwand über die Insel. Die Boote an den Stegen wippen wie Joghurtbecher auf und ab – unsere KAMI mittendrin. Einige kleine Blessuren hat sie sich schon am Rumpf eingefangen. Wieder eine schlaflose Nacht, jedenfalls für mich – immer mit einem Ohr in Richtung Leinen und Fender. Gegen 8 Uhr kommt die Hafenmeisterin, in dickes Ölzeug gehüllt, schnurstracks auf die KAMI zu. Sie ruft: „Hier können Sie nicht liegen bleiben – der Steg hält das nicht!“ Ich antworte, dass es bei dem jetzigen Sturm völlig undenkbar ist, das Schiff zu verlegen. Sie knurrt mich an: „Dann bezahlen Sie den Steg, wenn etwas kaputt geht.“
„Ja, danke – bis später!“ erwidere ich.

Gegen 9 Uhr kann ich die KAMI mit zwei netten Stegnachbarn noch ein Stück nach vorne verlegen. Karsten ist inzwischen auf dem Weg zum Edeka, um das Nötigste und frische Brötchen zu holen. Gegen 10 Uhr mache ich mich auf zum Hafenmeisterbüro, um die Gastliegegebühr von 18 Euro (inklusive 2x Kurtaxe) für eine Nacht zu entrichten. Die Hafenmeisterin hat sich nun auch beruhigt und bedankt sich, dass wir die KAMI noch ein Stück verlegt haben. Ich hinterlasse 2 Euro für die Kaffeekasse und laufe zurück zum Schiff.

Dort wartet schon ein Frühstück mit frischen Brötchen auf mich. Nach der langen Zeit auf dem Atlantik genießen wir die Teilchen im Salon.
Später wollen wir noch einige Läden auf Helgoland erkunden (falls der Sturm es zulässt). Man kann hier überall steuerfrei einkaufen. Wir werden getrennt gehen müssen, da wir bei dem Wind und der Welle das Schiff nicht allein im Hafen lassen können. Zu groß ist die Gefahr, dass Fender verrutschen oder vielleicht eine Trosse bricht. Sicher ist sicher! Wir erwarten heute Mittag bis Abend noch Sturmböen bis 58 Knoten (110 km/h).

Der Plan ist, nach dem Durchzug des Sturmtiefs „Poly“ die Fahrt Richtung Brunsbüttel fortzusetzen. Wir wollen morgen in den NOK schleusen, damit wir es vielleicht schaffen, die 80 Kilometer lange Kanalpassage an einem Tag zu fahren. Ankunft in „Kiel“ ist für Freitagabend geplant. Mal sehen.
Wir warten also, bis Poly durch ist (vielleicht heute Nacht – spätestens morgen früh). Drückt uns die Daumen, dass in den nächsten 12 bis 18 Stunden alles gut geht und die KAMI – und natürlich auch wir – heil bleiben!!!

39. Etmal 140 Seemeilen

04.07.2023 – 12:00 Uhr MEZ

40. Seetag
Etmal: 140 sm

Gesamtsumme: 5064 sm


Wind aus SW – W

Segelstellung: Genua voll – Groß unten

Speed über Grund: 7 kn

Am Nachmittag haben wir relativ gutes Wetter. Lediglich die Wellenfrequenz hier in der Nordsee hat es in sich, aber dafür ist sie ja (gemeinsam mit der Ostsee) bekannt. Beide Meere sind relativ flach (etwa 30 Meter tief), da türmen sich die Wellenberge anders auf als zum Beispiel im Atlantik, wo die Wellen eher langgezogen sind. Ich glaube, man spricht hier von der Wellenfrequenz.

Am frühen Abend trifft uns eine Gewitterzelle, die es in sich hat. Gut zwei Stunden lang werden wir mit heftigen Windböen und gefühlt 4 Meter hohen Wellen gequält, die zum Glück achterlich auf die KAMI treffen. In den Spitzen „rennt“ das Schiff mit 12 Knoten voraus. Das fühlt sich komisch an, wenn man zuvor stundenlang nur mit 2 bis 3 Knoten unterwegs war. lach

Die Nacht verläuft ohne besondere Vorkommnisse. Wir stellen jedoch fest, dass das Seekartenmaterial auf dem Plotter nicht mehr ganz aktuell ist. Einige Windparks fehlen, und auch die VTGs haben sich teilweise etwas geändert. Aber kein Problem, wir haben auf dem iPad als Backup eine brandneue Seekarte geladen, sodass wir zeitweise mit zwei Anzeigen fahren.

Das Highlight der Nacht:
>>>>> 5.000 Seemeilen <<<<<
haben wir jetzt im Fahrwasser zurückgelegt! Ich glaube, darauf können wir schon stolz sein. Welcher Newbie oder Laie ohne Segelpraxis und fundiertes Wissen nimmt so ein Abenteuer auf sich? Selbst gestandene Segler meiden die Überquerung von West nach Ost über die Nordkreisroute und holen sich dafür lieber einen Honorarskipper an Bord! Bei den herrschenden Wetter- und Windbedingungen wissen wir jetzt auch warum.

Die „Schönwettersegler“, die im November/Dezember den Atlantik auf der Barfußroute von Ost nach West überqueren, gibt es dagegen zuhauf.
Fast 40 Tage – 24 Stunden am Tag – learning by doing. Dank durchgehendem Internet und Telefon ist das kein Problem. Viele Informationen googeln wir uns, schauen Videos auf YouTube zu bestimmten Manövern oder holen uns telefonischen Rat beim Nachbarn (ein ambitionierter Segler). Aus einer Facebook-Gruppe fischen wir uns Tipps zum Trimmen der Segel bei bestimmten Windwinkeln heraus.

Ich muss gerade an den Leitspruch von Bert Frisch (Marineoffizier a.D. und Macher im Verein TransOcean e.V.) denken: „Wann hast du das letzte Mal etwas zum ersten Mal gemacht?!“
Einfach machen – so wie der Start ins Blauwasserleben!
Ich freue mich schon sehr auf 2025. Ein ganz anderes Leben erwartet mich und Kathi – unser Zuhause wird viele Jahre dort sein, wo der Wind uns hinträgt. Very romantic!

UPDATE:
E-Mail von Sebastian – Wetterwelt.
Ein Tief mit Orkanpotenzial (bis 60 kn oder mehr) wird sich bilden und morgen über Nord- und Ostsee ziehen. Wir müssen zwingend einen Schutzhafen anlaufen, und das bis spätestens morgen Mittag um 12:00 Uhr. Dann geht der Hexentanz los.
Wir haben jetzt schon etwas Puls!
Bis zur Insel Helgoland sind es knapp 90 Seemeilen, bis Brunsbüttel (Einfahrt NOK – Elbe) 135 Seemeilen. Jetzt kommt es auf Geschwindigkeit an – Genua ausbaumen und in der Nacht beide Maschinen auf volle Kraft!

38. Etmal 108 Seemeilen

03.07.2023 – 12:00 Uhr UTC – wir stellen wieder auf die lokale europäische Zeit also 14:00 Uhr

39. Seetag

Etmal: 108 sm

Gesamtsumme: 4926 sm

Wind aus SW

Segelstellung: Genua voll – Groß unten

Speed über Grund: 6 kn

Die Nacht hält wieder einige Überraschungen bereit. Während wir brav dem VTG folgen, treffen wir in der Dunkelheit auf einen riesigen Offshore-Windpark an unserer Steuerbordseite. Tausende rote Lichter blinken am Horizont von den Windrädern – das sieht beeindruckend aus. Leider gelingt es uns nicht, das Spektakel mit unseren Handykameras festzuhalten, aber den achterlichen „Fast“-Vollmond haben wir fotografiert.

Kurz vor einem Ankerfeld werden wir gegen 1 Uhr angefunkt. Es ist ein „Guard“, der die vor Ort liegenden Pipelineschiffe bewacht. Ich habe Wache, während Karsten unten schläft. Mit meinem schlechten Englisch kann ich den Funkspruch nicht vollständig verstehen. Ich entschuldige mich am Mikrofon, eile nach unten und hole Karsten, der glücklicherweise gerade dabei ist, aufzuwachen, um seine Schicht zu übernehmen. Karsten eilt zum Funkgerät, und wir werden gefragt, ob wir irgendwelche Manöver fahren wollen oder im Ankerfeld bleiben möchten. Wir verneinen und wünschen uns gegenseitig eine gute weitere Nacht.

Das Erlebte zeigt mir erneut, wie wichtig die englische Kommunikation auf See ist. Das Funken muss ich bis 2025 unbedingt hinbekommen! Wenigstens die Standard-Seesprüche und Grundkommunikation. Ich glaube, ich werde mir einen Nachhilfelehrer suchen, der mir das beibringt – vielleicht über Zoom.

Am Vormittag haben wir das Gebiet „Rotterdam“ passiert. Hier kreuzen hunderte Schiffe aus allen Richtungen oder liegen vor dem Hafen auf Reede. Wieder sehen wir auf unserem Kurs Fischerboote und neu hinzugekommen sind Militärschiffe. Unser Plotter ist weiterhin voll mit Schiffsmarkierungen. Wir versuchen, die richtige Route zu finden und dabei Wellen, Strömung und Wind zu berücksichtigen. In den letzten fünf Stunden konnten wir wieder segeln. Leider wird der Kurs immer ungünstiger zum Wind, und wir werden wieder eine Zeit lang motoren müssen. Wichtig ist jetzt einfach, dass wir vorankommen.

Aktuell streben wir den Sonntag für den Hafeneinlauf an. Haben wir eine Chance?


37. Etmal 104 Seemeilen

02.07.2023 – 12:00 Uhr UTC

38. Seetag

Etmal: 104 sm

Gesamtsumme: 4817 sm


Wind aus W

Segelstellung: Genua voll – mit Bb. Maschine

Speed über Grund: 6 kn

Langsam schieben wir uns in das Nadelöhr des Ärmelkanals, die 19 Meilen breite Engstelle zwischen Dover und Calais. Wir fahren weiterhin unter Maschine gegen Strömung und Gezeiten.

Am Nachmittag tanken wir 120 Liter Diesel nach. Nun haben wir insgesamt 9 leere Kanister zu je 5 Gallonen in der Backskiste. Nur noch ein voller Kanister ist übrig. Das passt!

Am Nachmittag entdeckt Karsten einen geflügelten blinden Passagier an Bord. Womöglich handelt es sich um eine Zuchttaube, die oben auf der Sprayhood sitzt und uns aus nur 10 cm Entfernung beobachtet. Die Taube ist doppelt beringt (einmal gelb und einmal rot) und erschreckend zutraulich. Wir versuchen mehrmals, sie zu verscheuchen, doch es gelingt uns nicht. Sie spaziert über das Vordeck und bleibt von unseren Bemühungen, sie zu vertreiben, völlig unbeeindruckt. Wir lassen sie erst einmal in Ruhe und beobachten sie.
Leider muss ich feststellen, dass sie sich inzwischen an mehr als drei Stellen auf dem Boot verewigt hat – nicht gerade erfreulich. Sie bleibt vor den Fenstern des Salons sitzen und scheint ein Schläfchen machen zu wollen. Okay, wir haben nichts dagegen, vielleicht muss sie sich einfach nur ausruhen.

Kurz vor dem Abendessen wird die Taube wieder wach und läuft schnurstracks auf unseren Steuerstand und unser Cockpit zu. Nein, das geht nicht – jetzt ist unsere Gastfreundschaft ausgereizt und beendet. Mit einem Handtuch bewaffnet gehe ich nun etwas energischer gegen die Taube vor. Sie fliegt mehrmals um die KAMI und jeder Landeversuch wird von mir vereitelt. So geht das einige Minuten, bis der Vogel schließlich abdreht und das Weite sucht. An Bord bleiben nur einige Daunenfedern und mehrere „Häufchen“ zurück.
Hoffentlich kommt sie nicht wieder. Sie ward nicht mehr gesehen!

Um 17:45 Uhr überqueren wir auf der Höhe von Greenwich den Nullmeridian.
Wir befinden uns also genau auf 000° 00.000!
Das Ende der Reise rückt nun immer näher.

Die Nacht verläuft ruhig, und am Morgen sehen wir in Abständen rote und gelbe Kanister treiben. Wir wundern uns, denn wir fahren nach wie vor im Verkehrstrennungsgebiet. Mindestens 20 Doppelkanister (gelb und rot) können wir auf einer Strecke von fünf Seemeilen ausmachen. Gott sei Dank befanden sich keine in unserem direkten Fahrwasser und damit in einer unserer Schrauben. Wir vermuten, dass die Kanister an Netzen oder Krabbenkäfigen befestigt sind – hier im VTG bestimmt nicht legal!

In der Nähe von Calais begegnen uns große Algenteppiche, durchsetzt mit Plastikmüll, Netzresten und anderem Unrat. Die KAMI gräbt sich unbeirrt durch den Müll, und wir hoffen, dass nichts davon an unseren Ruderblättern oder Schrauben hängen bleibt. Wir haben Glück.

Kurz vor unserem heutigen Etmal haben wir Dover-Calais passiert. In der Engstelle werden wir gleichzeitig von sechs Schnellfähren überholt. Was für ein Erlebnis! Karsten kann es jedoch nicht so richtig genießen – die Angst ist natürlich unbegründet. Die Fähren fahren mit ordentlichem Abstand um uns herum. Alles ist gut und passt! Weiter geht es in Richtung Rotterdam – gemeinsam und im Strom der VTGs mit den Großpötten.

Die Sonne scheint, und trotz des Verkehrsaufkommens fühlen wir uns wohl.

36. Etmal 114 Seemeilen

01.07.2023 – 12:00 Uhr UTC

37. Seetag

Etmal: 114 sm

Gesamtsumme: 4714 sm


Wind aus W

Segelstellung: alle Segel unten – wir motoren

Speed über Grund: 4 kn

Unser erstes Verkehrstrennungsgebiet haben wir gut gemeistert. Nach dessen Ausfahrt fährt hinter uns querab ein LNG-Tanker, der in regelmäßigen Abständen einen langen Ton abgibt. Wir fragen uns, ob dieser akustische Hinweis uns gelten soll?! Wir haben doch Funk an Bord. Wir ändern unseren Kurs ein wenig nach Steuerbord und lassen den LNG-Tanker mit ordentlichem Abstand an uns vorbeifahren. Dann verstummt auch dessen Signalhorn.

Leider hat sich der Wind noch immer nicht aus der Westrichtung verändert, sodass wir weiter in Richtung Dover-Calais motoren müssen. Die Nacht vergeht ohne Probleme, und so halten wir auf das nächste Trennungsgebiet zu. In den frühen Morgenstunden sehen wir wieder einige Segler (Franzosen und Engländer), die unseren Kurs im 90°-Winkel kreuzen. Da wir unter Maschine laufen, sind wir ausweichpflichtig. Wir sind also wachsam.

Wie aus dem Nichts taucht auf einmal ein kleines Segelboot an unserer Backbordseite auf. Durch Zufall hat Karsten es erspäht. Es ist weder auf dem AIS-Bildschirm noch auf dem Radar zu sehen. Spinnt der?
Wie kann man hier ohne Radarreflektor unterwegs sein – also im Blindflug?! Völliges Unverständnis macht sich bei uns breit.

Kein Wunder, dass die Segler in der Seefahrt so einen schlechten Ruf genießen.
Ein komisches Volk – jetzt gehören wir auch dazu.
Also: Fremdschämen!

Gegen 10:00 Uhr schlägt unsere Funkanlage „Alarm“. Wieder ein Mayday! Diesmal wurde es automatisch über das Funksystem versendet. Wir eilen zum Kartentisch und lesen die Distress-Nachricht auf dem Display der Funkanlage. Im Notruf stehen nur die Koordinaten und die Uhrzeit, aber nicht der Grund. Wir lauschen auf dem Notrufkanal „16“, ob die Berufsschifffahrt reagiert. Es vergehen einige Minuten, dann funkt die englische Küstenwache und „relayed“ das zuvor empfangene Mayday. Ein Segelboot hat Probleme, und die Schifffahrt in der Nähe wird aufgefordert, die Koordinaten des Havaristen anzulaufen. Da nicht genau erkennbar ist, welches Problem auf dem Segelboot besteht, soll vor Ort beobachtet und die Küstenwache danach informiert werden. Nach einer Stunde wird das Mayday von der Küstenwache „geschlossen“. Erst später hören wir auf dem Kanal, dass das Segelboot gekentert war und einige Personen im Wasser waren.
Die See ist heute mit 1,5 Meter Wellen, moderatem Wind und 19° Temperatur nicht allzu problematisch. Wir denken, dass keiner der Segler in echte Schwierigkeiten geraten ist. Ach, was für eine Aufregung!

Gut über die Hälfte des Kanals haben wir geschafft, und es dauert nicht mehr lange, bis wir in das größte und aufregendste VTG einfahren. Hier geht es dann durch die Engstelle zwischen Dover und Calais in die Nordsee. Wir hoffen, dass wir dann endlich wieder die Segel setzen können. Ständig unter Maschine zu fahren, macht keinen Spaß. Auch die motorte Geschwindigkeit mit 4 Knoten ist eher bescheiden. Da lieber wieder Wind in den Segeln und mit 6 bis 7 Knoten in Richtung Heimathafen unterwegs sein.

Heute Nachmittag soll sich noch die Sonne zeigen. Wir sind gespannt. Das tägliche Grau hängt uns ordentlich zum Hals heraus. Jetzt kann es bitte endlich besser und gerne auch sommerlicher werden. Den Heizkörper würden wir auch gerne wieder verpacken und verstauen.

Auf unserer Aufgabenliste steht heute noch, den Steuerbordtank mit Diesel aus den Vorratskanistern nachzufüllen. Es müssten jetzt etwa 120 Liter verbraucht sein – also sechs Kanister.

35. Etmal 126 Seemeilen

30.06.2023 – 12:00 Uhr UTC

36. Seetag

Etmal: 126 sm

Gesamtsumme: 4600 sm


Wind aus W

Segelstellung: alle Segel unten – wir motoren

Speed über Grund: 4 kn

Am Nachmittag stecken wir wieder in einem Fischereifeld fest und werden über Funk gebeten, unseren Kurs nach Süden zu ändern, da Fanggeschirr ausgebracht wurde. Also schlagen wir einen Haken und beschließen, einen großen Bogen um die Fischereifahrzeuge zu machen. Es scheint sicherer, sich in der Nähe der Großschiffe aufzuhalten – sie halten ihren Kurs und sind berechenbar, ganz im Gegensatz zu den unvorhersehbaren Fischerbooten.

Wir nehmen Kurs Richtung Süden, bis wir die Fahrbahnen der Frachter, Containerschiffe und Fähren erreichen. Dort reihen wir uns artig in den nicht enden wollenden Strom der Berufsschifffahrt ein. Am späten Abend dreht der Wind auf West, was für uns bedeutet, die Segel zu bergen, da wir mit Westwind keinen vernünftigen Windwinkel zum Segeln finden. Also starten wir die Steuerbordmaschine und navigieren uns durch das Fahrgebiet auf die rechte Außenseite, entlang des Randes des Verkehrstrennungsgebiets (VTG) „Platte Fougere.“ Heute gegen 14 Uhr werden wir in das VTG einfahren und dabei den großen Schiffen bis auf 100 Meter nahe kommen.

Die Regeln im VTG sind streng, und sie werden von der Küstenwache sowie den Koordinierungsstellen an Land genau überwacht. Ein Segler wurde kürzlich zu einer Geldstrafe von 9.000 Pfund verurteilt, weil er die Fahrbahnen nicht im vorgeschriebenen 90°-Winkel gekreuzt und dadurch die Berufsschifffahrt gefährdet hat. Mit dem VTG ist also definitiv nicht zu spaßen.

Es gibt mehrere Verkehrstrennungsgebiete im Ärmelkanal, insbesondere in den Engstellen nahe der Kanalinseln. Stellt euch das wie eine Autobahn für Schiffe vor: Auf der rechten Seite fahren alle in Richtung Steuerbord, auf der gegenüberliegenden nach Backbord. Zwischen den Bahnen gibt es keinen Grünstreifen, sondern einen „Blaustreifen“ – eine bis zu fünf Meilen breite Trennzone.

Unsere Geschwindigkeit im Ärmelkanal variiert stark, da wir mit Ebbe und Flut fahren. Einige Stunden am Tag profitieren wir von der Strömung und machen sechs Knoten, dann wieder kämpfen wir gegen die Strömung und kommen nur auf vier Knoten. Diesen Unterschied sehen wir deutlich auf unserem Kartenplotter, der sowohl die Geschwindigkeit über Grund als auch die Geschwindigkeit im Wasser anzeigt.

Das Wetter ist, wie so oft, grau und regnerisch. Von Sebastian haben wir schon seit über einer Woche nichts mehr gehört. Vielleicht ist er krank?

Unterdessen schlagen wir uns weiter entlang der Ränder der Fahrbahnen und nutzen die Maschine. Sollte sich kein guter Wind mehr einstellen, könnten wir theoretisch bis Deutschland unter Motor fahren. Unser Dieselverbrauch liegt bei etwa zwei Litern pro Stunde, was uns eine Geschwindigkeit von rund vier Knoten ermöglicht. Im Nord-Ostsee-Kanal könnten wir nachtanken, falls nötig – aktuell haben wir von insgesamt 600 Litern Diesel etwa 160 Liter verbraucht. Damit sind wir auf jeden Fall gut versorgt!

34. Etmal 162 Seemeilen

29.06.2023 – 12:00 Uhr UTC

35. Seetag
Etmal: 162 sm

Gesamtsumme: 4473 sm


Wind aus SW

Segelstellung: Großsegel 1. Reff, Genua 80%

Speed über Grund: 6 kn

Am Nachmittag kommt die Sonne heraus, und wir genießen die warmen Strahlen im Cockpit. Doch sobald es dunkel wird, ändert sich unsere Stimmung – fast stündlich. Die KAMI wird wieder heftig hin- und hergeschleudert, und wir trauen der Windvorhersage nicht. Deshalb reffen wir die Genua um bis zu 80%. Die Wellen schlagen mit voller Wucht gegen das Boot, und an Schlaf ist nicht zu denken. Mitten in einer französischen Fischfangflotte versuchen wir, unseren Kurs zu halten, müssen aber häufig ausweichen und kleine Haken schlagen. All das in der stockfinsteren Nacht – es macht wirklich keinen Spaß und zehrt gewaltig an unseren Kräften. Wir sind erschöpft und übermüdet, was die Konzentration erschwert.

Gegen 2 Uhr nachts hören wir einen Funkspruch, der uns das Blut in den Adern gefrieren lässt – ein Mayday Relay! Die Tonqualität ist sehr schlecht, verrauscht und verzerrt, sodass wir nur mit Mühe verstehen, dass ein blau-weißes Segelboot mit einer Person an Bord dringend Hilfe benötigt. Was genau passiert ist, bleibt unklar. Die See ist in dieser Nacht wieder extrem rau und unbarmherzig. Wir hoffen inständig, dass der Segler gerettet werden kann und nicht sein Leben verliert. Der Vorfall macht uns betroffen und nachdenklich; Gedanken rasen durch unsere Köpfe, begleitet von Selbstzweifeln und der Angst zu versagen.

Der Ozean ist wahrlich kein Kinderspielplatz – es ist eine harte Prüfung für uns selbst.

Am Eingang des Englischen Kanals nimmt die Verkehrsdichte weiter zu. Auf dem Kartenplotter sehen wir nur noch Schiffe, wohin wir auch blicken – ein Wahnsinn! Mindestens drei anstrengende Tage liegen vor uns, in denen uns noch einiges abverlangt wird. Der Wind soll bald auf West drehen, was unserem Kurs überhaupt nicht entgegenkommt. Wenn nötig, werden wir motoren, bis sich der Wind auf Nordwest oder Südwest dreht. Jetzt heißt es, irgendwie durchzukommen – wir hoffen nur, dass das Wetter einigermaßen mitspielt.

33. Etmal 140 Seemeilen

28.06.2023 – 13:30 Uhr UTC

34. Seetag

Etmal: 140 sm

Gesamtsumme: 4311 sm


Wind aus SW

Segelstellung: Großsegel 1. Reff, Genua voll

Speed über Grund: 7 kn

Heute gibt es nicht viel Neues zu berichten. Die Dichte der Fischereifahrzeuge hat deutlich zugenommen, was uns in der Nacht einige Herausforderungen beschert hat. Zum einen ändern die Fischerboote ständig ihre Position, und zum anderen sind ihre Kurse kaum vorhersehbar. In der Nacht hatten wir ein Fischereischiff neben uns, das offenbar ein großes Netz ausgebracht hatte. Alle 100 Meter war eine AIS-Boje befestigt, was auf unserem Kartenplotter durchaus spannend aussah.

Mit dem zunehmenden Schiffsverkehr – schon vor dem Ärmelkanal – ist an Ruhepausen während der Wache nicht mehr zu denken. Um sicher voranzukommen, heißt es jetzt „scharf Ausschau halten“. Ab sofort müssen wir Tag und Nacht aufmerksam sein, denn die entspannte Reisezeit auf dem offenen Atlantik ist vorbei. Jetzt wird es verkehrstechnisch eng und „kuschelig“.

Trotz allem kommen wir weiterhin gut voran und machen Strecke! Wind und Wellen sind erträglich.

32. Etmal 155 Seemeilen

27.06.2023 – 12:00 Uhr UTC

33. Seetag
Etmal: 155 sm

Gesamtsumme: 4171 sm


Wind aus SW

Segelstellung: Großsegel 2. Reff, Genua voll

Speed über Grund: 7 kn

Immer noch gefangen im Tiefdruckgebiet pflügt die KAMI unermüdlich durch die Wellen in Richtung Ärmelkanal. Der Himmel ist grau, es ist neblig und insgesamt recht trist. Auf unserer Strecke begleiten uns nun ständig Großschiffe in unmittelbarer Nähe. In der Regel sehen wir drei bis fünf Schiffe auf unserem Kartenplotter. Es bleibt spannend, wenn sich unser Kurs mit dem der Berufsschifffahrt kreuzt.

Eine Amada von Frachtschiffen steuert durch den Ärmelkanal.

Am späten Nachmittag werden wir über Funk informiert, dass in der Nähe militärische Übungen stattfinden und wir vorsorglich unseren Kurs auf 90° abändern sollen. Leider verstehen wir den gesamten Funkspruch nicht genau. Der Sprecher übermittelt Koordinaten und Zeitangaben, die wir jedoch nicht schnell genug notieren können. Mithilfe von „Google“ finden wir Informationen über ein großes NATO-Manöver in der Region.

Den Abend verbringen wir mit der Routenplanung durch den Ärmelkanal. Dazu haben wir eine separate App auf das iPad geladen. Bei der Planung müssen wir eine Vielzahl von Faktoren berücksichtigen, wie zum Beispiel: Strömungen, Gezeiten (Ebbe und Flut), Verkehrstrennungsgebiete, militärische Sperrzonen, Offshore-Parks, Fischereiflotten, Untiefen, Fährlinien, Naturschutzgebiete und hunderte Wracks.

Unter Berücksichtigung der aktuellen Wetter- und Windprognosen ergibt sich folgende Zeitplanung: Wir planen, den Ärmelkanal am Freitagmorgen zu erreichen. Die Durchfahrt sollte bis Montag abgeschlossen sein, sofern alles reibungslos verläuft. Danach geht es weiter in der Nordsee Richtung Elbmündung, um schließlich den Nord-Ostsee-Kanal zu erreichen. Wann genau das passieren wird, ist allerdings noch zu früh abzusehen.

Kleine Wetten sind erlaubt: Karsten tippt auf den 9. Juli für den Hafeneinlauf, ich eher auf den 10. Juli! Das schnellstmögliche Szenario – unter Idealbedingungen – wäre der 8. Juli. Wenn der Wind und die Passage durch den Kanal jedoch nicht optimal sind, könnte es auch der 14. Juli werden. Es bleibt also alles offen …

31. Etmal 151 Seemeilen

26.06.2023 – 12:30 Uhr UTC

32. Seetag
Etmal: 139 sm

Gesamtsumme: 4017 sm

Wind aus SW

Segelstellung: Großsegel 2. Reff, Genua voll

Speed über Grund: 7 kn

Wir haben es geschafft: Die 4.000-Seemeilen-Marke ist geknackt! Insgesamt sind wir nun 7.440 Kilometer mit der KAMI unterwegs, bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 5,4 Knoten, also etwa 10 km/h – zügiges Gehtempo! lach In Strecke ausgedrückt, fahren wir pro Tag einmal die Tour von Werder (Havel) nach Rostock-Warnemünde über die Autobahnen A19 und A24.

Wow, Geschwindigkeit mal anders erleben!

In der Nacht hatten wir wieder ungebetenen Besuch: Ein Kalmar (Tintenfisch) lag heute früh tot auf unserem Poopdeck (Achterdeck). Ein Foto des Tieres könnt ihr hier bestaunen.

Mit derzeit 7 Knoten Fahrt kommen wir gut voran. Der Wind hat nun auf Südwest gedreht, und wir können unsere Route direkt segeln. Die Wellen kommen jetzt von achtern, sodass die KAMI sie schön abreiten kann – das macht es an Bord etwas erträglicher. Gegen Abend nehmen Wind und Böen wieder zu. Wir hoffen, dass die Windrichtung stabil bleibt und die zunehmend höheren Wellenberge schön von hinten kommen. Ärmelkanal, wir kommen!

Nun befinden wir uns auf der Route „North American East Coast – English Channel“, die mit 2.720 nautischen Meilen die kürzeste Verbindung zwischen den Kontinenten über den Atlantik darstellt. Dementsprechend begegnen uns jetzt viele Frachter, Tanker und Containerschiffe aus Richtung Ärmelkanal. Kurioserweise finden die meisten dieser Begegnungen in den Nachtstunden statt. Während unserer Wache sitzen wir oft vor dem Kartenplotter und studieren die AIS- und Radardaten, um sicherzustellen, dass sich die Kurse der Schiffe sicher mit unserem kreuzen.

Die schiere Masse an Schiffen, die hier in Richtung Hamburg und Rotterdam unterwegs ist, ist überwältigend. Wir schauen häufig im Internet auf der MarineTraffic-Seite nach, woher die Schiffe kommen, welchen Hafen sie ansteuern, was sie geladen haben, wann sie ihr Ziel voraussichtlich erreichen und unter welcher Flagge sie fahren. Das ist zu einem kleinen Zeitvertreib auf der KAMI geworden. Ihr glaubt gar nicht, wie viele LNG-Tanker in Richtung Deutschland unterwegs sind. Was für ein ökologischer Unsinn – typisch deutsch! Wir finden das einfach daneben.

Unsere Vorräte neigen sich allmählich dem Ende zu. Schokolade, Kekse, Nüsse und Chips sind aufgebraucht, und die Cerealien reichen noch für etwa vier Tage. Ein Brot liegt noch im Tiefkühler, und wir haben 1,5 kg Dinkelmehl, aus dem wir noch drei Brote backen können. Apropos Backen: Der Gasofen bereitet mir Schwierigkeiten. Es ist nahezu unmöglich, eine konstante Temperatur im Inneren zu halten. Entweder ist sie zu niedrig oder zu hoch. Zwar gibt es am Regler Skalen von 1 bis 8, doch das Thermometer zeigt ständig andere Werte an. Das macht das Backen etwas knifflig. Da ich gerne backe, werde ich den Ofen wohl gegen einen elektrischen tauschen müssen.

Auch der Kühlschrank leert sich merklich. Obst und Gemüse haben wir nur noch in Konservenform an Bord. Wir müssen uns einschränken! Mindestens 14 Tage liegen noch vor uns.

30. Etmal 151 Seemeilen

25.06.2023 – 12:00 Uhr UTC

31. Seetag
Etmal: 151 sm

Gesamtsumme: 3878 sm


Wind aus W

Segelstellung: Großsegel 2. Reff, Genua 80%

Speed über Grund: 7 kn

Wir kreuzen weiter in Richtung Ärmelkanal und genießen am Nachmittag ein paar Sonnenstunden, die wir gleich mit einem Kaffee im luftigen Cockpit verbinden. Erneut sichten wir einen Wal in der Nähe. Kurz sehen wir den „Blas“ und die dunkle Rückenflosse aus dem welligen Wasser auftauchen, doch dann verschwindet der Kollege wieder in den Tiefen.

Zum Abend hin wird es wieder ungemütlich, und es fühlt sich an, als stünden wir 24 Stunden lang auf einem Balanceboard. Die Wellen werfen die KAMI in alle Richtungen, und manchmal sehen wir durch die Fenster nur Wasser. Wir zählen bereits die Tage bis zur Ankunft im Kanal, wo Wind und Wellen hoffentlich wieder entspannter werden.

Unsere Weltkarte im Salon.

Den ganzen Tag und die Nacht über segeln wir bei 20 bis 30 Knoten Wind (bis zu 35 in Böen) in Richtung Osten. Ab morgen früh soll der Wind auf Südwest drehen, und das lästige Hin- und Herkreuzen hat dann endlich ein Ende. Ab dann zählt wieder jede zurückgelegte Seemeile.

Wir kommen einfach nicht aus den Tiefs heraus – kein Urlaubsflair und kein „happy feeling“, sondern nur stumpfes Gebolze unter grauem Himmel und regelmäßige heftige Decksduschen. Lieber Reiseveranstalter, so war das nicht gebucht! lach

29. Etmal 144 Seemeilen

24.06.2023 – 12:00 Uhr UTC
30. Seetag
Etmal: 144 sm

Gesamtsumme: 3727 sm


Wind aus W

Segelstellung: Großsegel 2. Reff, Genua voll

Speed über Grund: 6 kn

Am Nachmittag erreicht uns die Freitagsmail von Sebastian Wache. Ihr erinnert euch: Sebastian ist Diplom-Meteorologe und betreut uns während der Überfahrt. Die Nachrichten sind nicht gut. Wie sich das Wetter aktuell entwickelt, besteht die Gefahr, dass wir ab der Höhe Irlands und weiter in Richtung Schottland in ein ausgeprägtes Tiefdruckgebiet geraten. Dort erwarten uns Winde bis zu 45 Knoten und sehr raue Bedingungen. Sebastian empfiehlt uns daher den „sicheren“ Weg durch den Ärmelkanal (Englischen Kanal) in die Nordsee und dann weiter durch den 80 Kilometer langen Nord-Ostsee-Kanal (Kiel-Kanal) in die Ostsee zu nehmen. Wir folgen diesem Rat gern und markieren die entsprechenden Wegpunkte in unserem Kartenplotter an Bord.

Die Fahrt durch den Ärmelkanal wird anspruchsvoll. Dieses Seegebiet gehört zu den meistbefahrenen Schifffahrtsstraßen der Welt. Täglich verkehren hier bis zu 400 Großschiffe (Tanker, Frachter, Fähren) in Richtung Rotterdam und Hamburg und zurück. Das Nadelöhr zwischen Calais und Dover ist nur 34 Kilometer breit. Es gibt streng überwachte Verkehrstrennungsgebiete sowie Offshore-Parks, die nicht befahren werden dürfen. Dazu kommen Fischereifahrzeuge, die oft nur mit Radar sichtbar sind. Die Tidenströmungen und Wellensituationen im Kanal sind beachtlich und erfordern eine sorgfältige Zeitplanung. Für uns ist das eine neue Herausforderung!

Am Abend dreht der Wind auf West. Da wir Richtung Osten müssen, bedeutet das, dass wir zwischen den Wegpunkten kreuzen müssen, was wieder Zeit kostet. Der Wind bläst kräftig, und die bis zu 4 Meter hohen Wellen setzen uns zu. Leider trifft der Welleneinfallswinkel die KAMI oft seitlich, was das Bewegen im Salon, in der Koje oder im Bad erschwert. Die Wellen schlagen unaufhörlich gegen das Schiff; es rumst, donnert und vibriert ohne Pause. Gischt sprüht über das Deck. Für die nächsten Tage ist keine große Wetteränderung in Sicht, und die unruhige See bleibt uns erhalten. In vier Tagen sollten wir den westlichen Eingang des Kanals erreichen.

Trotz der starken Schaukelei gibt es heute frisches Brot, das wir uns gleich nach dem Backen mit deutscher Salami schmecken lassen. Der Duft von frisch gebackenem Brot – ein Hauch von Heimat.

28. Etmal 140 Seemeilen

23.06.2023 – 12:00 Uhr UTC

29. Seetag

Etmal: 140 sm

Gesamtsumme: 3583 sm


Wind aus W

Segelstellung: Großsegel 2. Reff, Genua 80%

Speed über Grund: 6 kn

Am Nachmittag entdeckt Karsten erneut eine Delfinschule an unserer Steuerbordseite. Er eilt nach draußen, um Filmaufnahmen zu machen – leider wieder nicht in der gewünschten Qualität. Bei dem bedeckten und regnerischen Wetter entstehen eben keine kinoreifen Aufnahmen. Insgesamt hatten wir jetzt bereits viermal Besuch von Delfinen. Es ist wirklich faszinierend, ihnen zuzuschauen.

Trotz einer sehr konservativen Segelstellung machen wir wieder ein gutes Etmal. Heute Nachmittag, gegen 17 Uhr, erwarten wir für ein paar Stunden Starkwind mit Böen über 35 Knoten und Wellenhöhen von 5 bis 6 Metern. Die derzeit noch ruhige Phase haben wir für ein ausgiebiges Frühstück genutzt und sitzen nun im Salon, wartend auf das, was kommen mag.

Letzte Nacht war es auf der KAMI so bitterkalt, dass wir den Ölradiator zweimal einschalten mussten, um wenigstens ein paar Grad mehr im Salon zu erreichen. Nachts haben wir hier etwa 13 Grad, und unten in den Kojen (Bugkabinen) ist es wahrscheinlich noch 3 Grad kälter. Tagsüber klettert das Thermometer nicht über 15 Grad, und es soll in den nächsten Tagen sogar noch kälter werden!

Den Ölradiator für etwas Wärme in der Nacht haben wir im Salon am Tischbein festgetäut.

Wir sitzen hier im Zwiebelschalenlook: doppelte Socken, Beanie auf dem Kopf und mehrere Schichten Kleidung. Ab der nächsten Nacht kommen wahrscheinlich auch noch zwei lange Unterhosen dazu. Durch die fehlende Bewegung an Bord kühlt man sehr schnell aus. Wir frieren – und langsam beginnt der Hals zu kratzen. Mist!

27. Etmal 147 Seemeilen

22.06.2023 – 12:00 Uhr UTC
28. Seetag
Etmal: 147 sm

Gesamtsumme: 3442 sm


Wind aus SW

Segelstellung: Großsegel 1. Reff, Genua voll

Speed über Grund: 7 kn

Am Nachmittag mache ich die Koje sauber und stelle dabei fest, dass die Bettdecke schon wieder klamm und feucht ist. Daraufhin inspiziere ich die fest verschlossene Luke, und tatsächlich – es tropft. Es sind zwar nicht viele Tropfen, aber bestimmt zwei bis drei pro Minute. Außer ein Handtuch darunter zu legen oder bei starkem Regen eine kleine Schüssel aufzustellen, kann ich im Moment nicht viel tun. Der Vorbesitzer hat im Vorschiff eine nagelneue Luke verstaut. Ich werde sie wohl im Hafen austauschen müssen. Auch eine kleine Luke im Backbordrumpf, im Bereich der Toilette, scheint undicht zu sein (laut Karsten). Das muss ebenfalls kontrolliert werden.

Es tropft von der Luke

Eine weitere Kuriosität: Morgens setze ich mich im Salon in die Sitzecke und entdecke einen Wassertropfen auf der Ablage in der Nähe des Mastes. Darüber ist die Verkleidung leicht feucht. Bei dem derzeitigen Dauerregen vielleicht nicht überraschend, aber normal ist das auch nicht. Die „Erledigungs- bzw. Reparaturliste“ hat mittlerweile eine beachtliche Länge angenommen.

Der Wind bläst ordentlich, und wir kommen wieder gut voran. Wir sind derzeit so zügig unterwegs, dass wir der Wegpunktplanung von Sebastian Wache bereits um einen Tag voraus sind. Gestern Abend, bei mäßigem Wind, haben wir mit der Segelstellung experimentiert und versucht, einen Schmetterling zu fahren. Dabei ist das Großsegel auf Backbord und die Genua auf Steuerbord ausgebracht. Beide Segel werden mit „Barber Haul“ und „Preventer“ gesichert, sodass sie nicht zurückschlagen können. Das Manöver hat mit ein paar kleinen Schnitzern ganz gut geklappt, doch der Wind ist im Moment so unbeständig, dass wir zur sicheren normalen Segelstellung zurückgekehrt sind.

Der Himmel ist grau, und die Temperaturen sind weiter gesunken. In der Nacht ist es unten in den Bugkabinen kaum noch auszuhalten, und selbst oben im Salon frösteln wir, eingewickelt in Decken. Heute werden wir den Elektroheizkörper nach oben holen und ihn einschalten, sobald der Generator wieder läuft, um die Batterien aufzuladen.

Es ist deutlich spürbar – wir kommen nach Norden!

26. Etmal 148 Seemeilen

21.06.2023 – 12:00 Uhr UTC

27. Seetag
Etmal: 148 sm

Gesamtsumme: 3295 sm


Wind aus SW

Segelstellung: Großsegel voll, Genua voll

Speed über Grund: 4 – 5 kn

Der Wind bringt uns am Nachmittag und in der Nacht gut voran, bis er am Morgen auf Südwest dreht. Dann lässt er wieder nach, sodass wir uns entscheiden, in Richtung Osten zu motoren, bis sich der Windwinkel zu unseren Gunsten ändert und der Wind wieder stärker bläst.

Sonst gibt es heute nichts weiter zu berichten. Wir hoffen weiterhin, Ende Juni die Spitze Schottlands zu erreichen. Drückt uns die Daumen …