13. Etmal 143,5 Seemeilen

08.06.2023 – 12:00 Uhr Ortszeit – 15:00 UTC
14. Seetag

Etmal: 143,5 sm

Gesamtsumme: 1.567 sm


Wind aus S – SW

Segelstellung: Großsegel voll, Genua voll

Speed über Grund: 6 kn

Wir sitzen im Salon und raufen uns die Köpfe. Das Thema Segelkurse beschäftigt uns nun schon seit Tagen: Welchen Windwinkel verkraftet die KAMI, wenn der Wind von vorne (Amwind) oder seitlich von hinten (Vorwind) kommt? Wie bekommen wir die Windwinkel und die gewünschten Steuerkurse in Einklang?
Aufgrund eines Tiefdruckgebiets, das sich im Norden festsetzt, rät uns Sebastian Wache, den Kurs zunächst auf „Osten“ zu setzen. Leider fehlt uns dafür gerade der passende Wind. Um nach Osten zu segeln, bräuchten wir Nordwest- oder Südwestwind. Was aber, wenn der Wind aus Süden bläst? Wir können also nur kreuzen. Doch wie viel Zeit verlieren wir dabei? Wir segeln acht Stunden Umwege, für eine Strecke, die bei idealem Wind in nur drei bis vier Stunden machbar wäre.

Ist das nicht deprimierend? Haben wir einen Denkfehler?

Mit der Nordatlantikkarte auf dem Tisch, bewaffnet mit Kursdreieck und Winkelmesser, spielen wir verschiedene Windszenarien durch. Wir müssen nach Osten! Motoren bis zu den Azoren, die etwa 1.200 Seemeilen entfernt sind, ist keine Option – das schaffen wir nicht mit 600 Litern Diesel.
Wir grübeln, googeln und diskutieren. Plötzlich erscheint auf dem Kartenplotter neben uns das Segelboot „Ariadne“ aus Schweden. Sie war mit uns vor Tagen aus Bermuda ausgelaufen und verschwand nach etwa zehn Stunden aus unserem Kursbereich. Völlig verblüfft sehen wir uns an. Die „Ariadne“ fährt Kurs 102 Grad, also östlich. Sofort halsen wir die KAMI (wenden das Heck durch den Wind) und erreichen fast den gleichen Kurs wie die „Ariadne“ – Richtung Osten, leicht südlich. Hat der Wind tatsächlich auf Südwest gedreht? Verrückt! Mit 6,5 Knoten Fahrt nehmen wir Kurs 110° und segeln in die Nacht. Für die Nacht sind 4 bis 5 Beaufort vorhergesagt. Das könnte wieder ein gutes Etmal werden, sofern der Wind nicht ungünstig dreht oder an Stärke verliert.

Ein Tanker ist weit voraus auszumachen.

Wieder wird uns bewusst, dass wir noch lange keine erfahrenen Segler sind. Zwar funktionieren die Manöver mit Großsegel und Genua schon sehr gut, und auch das Trimmen der Segel klappt von Tag zu Tag besser, aber der ganze Kopfsalat mit den Gradzahlen – das müssen wir noch üben.

Den Gennaker haben wir bisher auch noch nicht gesetzt. Es ist ein großes Leichtwindsegel, das bei 110° Windwinkel und bis zu maximal 16 Knoten genutzt werden kann. Bei der Bootsübergabe hatte der Voreigner den Gennaker kurz gesetzt, und die KAMI fuhr direkt über 10 Knoten. Doch wir trauen uns noch nicht so recht ran und warten auf den richtigen Windwinkel und weniger Wind, um es auszuprobieren. Das Problem beim Gennaker ist, dass er bei zu starkem Wind nur schwer wieder eingeholt werden kann. Außerdem besteht die Gefahr, dass er bei einem Winddreher ins Wasser fällt – ihn dann nass an Bord zu holen, muss eine Tortur sein. Wenn wir den Gennaker setzen wollen, müssen die anderen Segel eingeholt werden – das bedeutet wieder Arbeit!

Heute wollen wir uns um die Einhausung des Cockpits (Anschlusspersenning) kümmern. Im Moment sind nur einige Sonnenschutzelemente um die hintere Sitzecke angebracht. Diese rollen wir ein und verstauen sie im Vorschiff. Dann setzen wir den Keder in die Schiene und befestigen daran die Persenningteile. Ab Freitag soll das Wetter ungemütlicher werden, und so hätten wir im Cockpit mehr Schutz vor Wind und Regen. Außerdem fallen die Temperaturen in der Nacht bereits auf 16 Grad – wir müssen draußen in der Nähe des Steuerstands für mehr Behaglichkeit sorgen. Hoffentlich bleiben dann auch die Polster trocken.

Abends nehmen wir das Großsegel in das 2. Reff, da Wind über 23 Knoten (in Böen bis zu 26) vorhergesagt ist. Die Werftgarantie für die Vollbesegelung liegt bei Vorwindkursen bei 0 bis 23 Knoten – darüber hinaus muss gerefft werden. Also tun wir das, zumal wir noch Anfänger im Segelsport sind.

Wie heißt es so schön: „Learning by Doing!“ Genau mein Ding! Wenn wir in ein paar Wochen in Rostock ankommen, werden wir schon einiges mehr draufhaben – ganz bestimmt!

12. Etmal 155 Seemeilen

07.06.2023 – 12:00 Uhr Ortszeit – 15:00 UTC

13. Seetag

Etmal: 155 sm

Gesamtsumme: 1.423 sm


Wind aus S – SW

Segelstellung: Großsegel voll, Genua voll

Speed über Grund: 8 kn

Nachmittags stellt sich endlich der erhoffte Wind ein, und die KAMI nimmt wieder Fahrt auf. Von Stunde zu Stunde frischt der Wind auf, und es kommt richtig Bewegung ins Schiff. Unser Begleiter, das Segelboot Javelin auf der Steuerbordseite, ist jedoch nicht mehr auf unserem Kartenplotter zu sehen. Wir vermuten eine Kursänderung nach Südosten, fragen uns aber, warum wir keine AIS-Signale bzw. Symbole mehr auf dem Display sehen.

Wieder ein technisches Problem? Wir wissen es nicht und entscheiden daher, in der Nacht sicherheitshalber das Radar laufen zu lassen. Morgens um 8 Uhr sehen wir glücklicherweise wieder ein AIS-Signal, diesmal von einem Tanker. Das AIS-System funktioniert also. Gut so.

Am Abend schauen wir gemeinsam eine Dokumentation von Arte über die Tiefsee im Mittelmeer. Gegen 22 Uhr machen wir das Schiff für die Nacht fertig: Der Kartenplotter wird in den Nachtmodus geschaltet (rote Beleuchtung), elektrisches Kerzenlicht eingeschaltet, die Positionslampen aktiviert und die Thermoskanne mit Kräutertee gefüllt. Wer schläft wohl rasch wieder ein? Richtig – der liebe Karsten. Das Schiff springt von Welle zu Welle und macht bis zu 9 Knoten Fahrt. So kann es gern weitergehen – wir machen endlich Strecke, wenn man das so nennen kann. Auch ich schlafe im Salon ein und hebe mein Haupt alle 60 Minuten, um blinzelnd auf den Kartenplotter zu schauen. Nichts zu sehen. Ab und an schlagen die Segel im Wind, besonders wenn Windböen mit bis zu 23 Knoten auf die KAMI treffen – dann rumpelt es ordentlich über und unter dem Schiff.

Ich sitze am Kartentisch und vertreibe mir die Zeit, indem ich meinem Schwimmfreund Frank per WhatsApp schreibe. Gegen 4 Uhr wird Karsten wieder wach, und ich gehe in meine Koje, wo ich noch zwei Stunden schlafe. Doch die Wellen nehmen weiter zu, und bei dem Gepolter an Bord finde ich keine Ruhe mehr.

Nach Sonnenaufgang beratschlagen wir den weiteren Kurs. Im Moment fällt der Wind so ein, dass die KAMI zu nördlich läuft. Sebastian Wache hat uns geraten, einen östlichen Kurs einzuschlagen, um einem sich möglicherweise bildenden Sturmtief auszuweichen. Wir machen gerade richtig gute Fahrt und entscheiden uns, einen Zick-Zack-Kurs zu fahren, um weiter östlich zu kommen. Am Freitag könnte es dann etwas schwieriger werden, da ein Tiefdruckgebiet unseren Kurs kreuzen wird. Mal sehen, wie weit wir bis dahin kommen – vielleicht rutschen wir knapp daran vorbei.

Unser 1-kg-Orangennetz (17,50 USD) sieht mittlerweile nicht mehr so ansehnlich aus, also presse ich daraus zwei größere Gläser frischen Orangensaft. Ich stelle die Gläser in der Küche auf die Arbeitsplatte, um die ausgepressten Schalen zu entsorgen, doch dann springt die KAMI auf eine seitliche Welle und beide Gläser ergießen sich abrupt im Salon. Klasse! Ein wenig Abwechslung ist doch schön.

Ach, wie ärgerlich.

Nach den Reinigungsarbeiten verlegen wir das Datenkabel der Starlink-Antenne über zwei Revisionsklappen ins Schiffsinnere. Nachts wird es jetzt doch schon recht kühl, und wenn der Wind achterlich einfällt, ist es im Salon nicht mehr so behaglich. Wir konnten wegen des Datenkabels die Salontür bisher nicht schließen, aber dank unseres improvisierten Provisoriums geht das ab heute.

Nach dem Frühstück (leider ohne Orangensaft), das aus einer kleinen Schale Müsli besteht, werfe ich die Waschmaschine an. Bei dem heutigen Wind sollte die Wäsche schnell trocknen. Insgesamt laufen zwei Maschinen (à 3 kg) durch, jeweils 40 Minuten. Generator und Wassermacher laufen parallel.

An unsere ausgebrachte Angel (Trollingleine) will nichts beißen. Gerne würden wir zum Abendessen ein Stück gebratenen Mahi-Mahi verspeisen, aber das Schiff läuft gerade viel zu schnell für die Fangköder. Also bleibt der Teller bis auf Nudeln, Gemüse und etwas Pute (als Ersatz) leer.

Sonst gibt es nichts zu tun – außer schlafen, dösen und an unsere Lieben daheim denken.

11. Etmal 70 Seemeilen

06.06.2023 – 12:03 Uhr Ortszeit – 15:03 UTC

12. Seetag

Etmal: 70 sm

Gesamtsumme: 1.268 sm


Wind aus SW

Segelstellung: Alles draussen was geht (außer Gennaker)

Speed über Grund: 5,7 kn

Wir kommen nicht richtig voran. Die Flautenbereiche haben uns fest im Griff. Die Nacht ist sehr ruhig. Mehrmals schläft der Wind auf „0“ ein, und der Alarm des Autopiloten ertönt, da er seinen befohlenen Kurs nicht halten kann. Also starten wir kurz die Maschine und bewegen uns mit 2 bis 3 Knoten in Richtung des nächsten Wegpunkts. Dann frischt der Wind wieder bis auf 7 Knoten auf. Rasch die Maschine aus und die Genua ausgerichtet. Dieses Spielchen wiederholt sich zwei- bis dreimal in der Nacht.

7 Meilen an unserer Steuerbordseite sehen wir seit dem späten Nachmittag auf dem AIS („Automatic Identification System“) das Segelboot „Javelin“. Nach ihrer MMSI (Funkkennung) zu urteilen, müsste es sich um ein niederländisches Schiff handeln. Leider finden wir im Netz keine weiteren Informationen über das Boot. Die Javelin fährt nun schon seit 14 Stunden auf gleicher Höhe an unserer Steuerbordseite – Richtung Nordost. Wir können sie nicht sehen, sie ist mit aktuell 9,23 Meilen zu weit entfernt. So merkwürdig es klingt, aber wir freuen uns, das eine oder andere Segelboot hier draußen zu sehen.

Gestern wurden wir über Funk gerufen. Ich war gerade im Bad, und Karsten, der sich langsam als richtiger Funkprofi entpuppt, sprach mit einem französischen Katamaran. Wir wurden gefragt, ob wir wissen, wann der Wind wiederkommt, und man wünschte uns eine gute Fahrt durch die Nacht. Abschließend wurde uns vorgeschlagen, uns doch in „Horta“ auf den Azoren in einem Café zu treffen. Mit dem französischen Katamaran, der mit voller Besegelung in der Flaute unter Maschine fuhr, sahen wir vielleicht 3 Meilen dahinter noch zwei weitere Kats. Diese hatten keine Segel gesetzt und schienen nur unter Motor zu fahren. Selbst als wieder ein bisschen Wind aufkam (5 bis 7 Knoten), motorisierten die drei Katamarane weiter. Erst zum Sundowner (hinter den Wolken) sahen wir einen der Katamarane doch noch seine Segel setzen, in der Hoffnung, die Nacht würde etwas Wind bringen. Leider sollte der Plan nicht aufgehen.

Die KAMI schiebt sich mit durchschnittlich 2 Knoten durch die Dunkelheit. Nachdem wir uns eine heiße Dusche gegönnt hatten, bauten wir unser Lager im Salon auf. Jeder machte es sich auf einer Seite der Sitzecke bequem. Wir überlegen, die Sitzecke zu einem durchgängigen Schlaflager umzubauen – vielleicht in den nächsten Tagen?! Nach einem Blick auf den Kartenplotter (die Javelin ist in sicherem Abstand) und leiser Chill-out-Musik im Ohr schlafen wir beide tief und fest ein. Moment mal, wer hätte eigentlich Wache?
Ich werde nach 2 Stunden wach und schaue mich ringsum um. Wegen der Flaute gibt es kaum Wellen. Alles ist in Ordnung. Gegen 4 Uhr nasche ich einen Mr.Tom und belebe mich mit einer echten US-Coke, die übrigens ganz anders schmeckt als unsere in Deutschland. Karsten schläft – wie immer! Wie er das macht: Er legt sich hin und ist nach 2 Minuten schon im Traumland. Ich bekomme das nicht hin. Irgendwie habe ich immer eine „Grundnervosität“ in mir. Gedanken wie: „Kreuzt uns ein anderes Schiff?“, „Schlagen die Segel?“, „Ist alles sicher?“ – wecken mich nach relativ kurzen Schlafintervallen. Es ist kein Problem – durch die viele Seeluft fühlt man sich gut, und die Müdigkeit verfliegt schnell. Dann müssen tagsüber eben noch ein paar Powernaps gemacht werden.

Gegen 6 Uhr gehe ich aufs Vorschiff und setze wieder alles an Tuch, was geht. Etwas schneller laufen wir der aufgehenden Sonne entgegen. Danach gibt’s den ersten Kaffee des Tages. Mein Wachpartner schläft noch immer, nicht mal der Geruch von frischem Kaffee erweckt seine Lebensgeister. Pennbeutel! lach
Ich checke mit der Kaffeetasse in der Hand meine E-Mails. Wieder Post von Sebastian Wache: Heute soll sich noch achterlicher Wind einstellen, der uns etwas zügiger voranbringen wird. Oh ja, das wäre schön. Wir sind gespannt.

Wir freuen uns über die E-Mail von Sebastian Wache von Wetterwelt.

Gestern Nachmittag flog ein Pärchen Weißschwanz-Tropikvögel mindestens 1,5 Stunden um die KAMI. Sehr hübsche Tiere und unglaublich kunstvolle Flieger. Dann fiel uns im Wasser ein Lebewesen auf, das wie ein aufgeblasener Folienhandschuh aussah. Zuerst dachten wir, es wäre Plastikmüll, doch bei genauerem Hinsehen lösten wir das Rätsel: Es war eine Portugiesische Galeere – eine Seeblase, die zu den giftigen Staatsquallen gehört. Stunden später zählten wir noch immer etliche dieser Tiere, die an der KAMI vorbeitrieben. Selbst heute früh sieht man sie überall auf dem Atlantik – Baden fällt also erstmal aus.

Uns geht es gut.

10. Etmal 129 Seemeilen

05.06.2023 – 12:45 Uhr Ortszeit – 15:45 UTC

11. Seetag

Etmal: 129 sm

Gesamtsumme: 1.198 sm


Wind aus SW

Segelstellung: wir motoren bei 3 kn Wind

Speed über Grund: 2,6 kn

Heute Nacht, in den frühen Morgenstunden, drehte der Wind von NW auf SW und weiter auf S, jetzt wieder SW. Wir mussten unseren Kurs mehrmals anpassen (der sichtbare Haken auf der Karte). Bei Tagesanbruch sahen wir für 1,5 Stunden die Sonne, doch dann kam das nächste Regengebiet, und seitdem regnet es unaufhörlich wie aus Eimern. Leider ist der Wind auch komplett eingeschlafen (1 bis 5 Knoten), sodass wir unsere Segel reffen mussten. Nun motoren wir mit 1.200 Umdrehungen, um wenigstens einigermaßen die Richtung zum nächsten Wegpunkt zu halten. Unsere Geschwindigkeit beträgt jetzt mit Unterstützung der Backbordmaschine 2,8 Knoten. Zum späteren Nachmittag hoffen wir auf mehr Wind, damit wir die Maschine wieder abstellen und die Segel setzen können.

Wir müssen Diesel sparen!

Im Abstand von 3 bis 18 Seemeilen werden wir auf unserer Kurslinie von drei weiteren Segelbooten begleitet. Wir verfolgen sie auf unserem Radarbildschirm und stellen fest, dass auch sie „gähnend langsam“ unterwegs sind – genau wie wir. Alle Boote fahren in Richtung Azoren – auch wir werden diese Woche die Azoren anpeilen und hoffen, dann irgendwann später weiter nördlich abfallen zu können.

Sebastian Wache hat uns wieder geschrieben und neue Wegpunkte übermittelt. Wir müssen allerdings feststellen, dass die Vorhersagen doch oft etwas „daneben“ liegen. Im Großen und Ganzen passt das aber schon.
Wir haben ihm heute zurückgeschrieben, dass seine Wegpunktplanung „zu straff“ für die KAMI ist. Wir kommen nicht hinterher.

Karsten hat sich heute früh (noch vor Tagesanbruch) mit den Angeln versucht. Außer Sargassum war nichts am Haken. Für kurze Aufregung sorgte das Einholen der Trollingleine, als sie unter dem Boot feststeckte – vielleicht sogar an der Schraube. Mit Geduld haben wir sie im strömenden Regen freibekommen und konnten sie dann an Bord ziehen. Gott sei Dank! Also, das nächste Mal angeln – erst wieder bei Wind und Fahrt!

Blick aus dem Salon – Backbordseite

Ab Mittwoch soll sich ein Hochdruckgebiet zeigen. Darauf freuen wir uns, denn Sonne und Wärme vermissen wir sehr. Wir müssen unbedingt zwei, drei Waschmaschinen ansetzen, und bei freundlichem Wetter trocknet die Wäsche dann auch relativ schnell.

Zum Wochenende hin wird es mit Regenschauern und Gewittern wieder ungemütlich. Das haben wir so nicht bestellt! lach

Der Regen prasselt aufs Dach, und im Salon läuft leise chillige Jazzmusik, à la Hohe Düne-Klavierspieler.

Das graue Wetter setzt uns ein wenig zu, unsere Gedanken sind oft zu Hause – aber jetzt bloß nicht schwermütig werden …!!!

Wir segeln

04. Juni 2023

Gegen 8 Uhr klarieren wir aus und legen kurz danach am Tanksteg an. Der Liter Diesel kostet hier 2,07 Euro. Wir füllen unsere Tanks mit insgesamt 320 Litern.

Bei 3 Meter Welle verlassen wir den Hafen gemeinsam mit anderen Seglern bei strahlendem Sonnenschein. Jeder fährt seinen eigenen Kurs, und die Abstände werden nach und nach größer. Mit gut 6 bis 7 Knoten durchpflügen wir die seitlich auftreffenden Wellen.

Wir laufen gemeinsam mit anderen Segelbooten aus … (Plotterbild)

Karsten ist schon wieder blass um die Nase, sein Frühstück fällt heute sehr übersichtlich aus.

Wir machen gute Fahrt und hoffen, dass sich die See noch etwas beruhigt. Am Horizont achteraus verschwindet die Insel Bermuda, und wir steuern unseren nächsten Wegpunkt an … endlich!

Abschied von Geza

03. Juni 2023

Wieder herrschte eine super Stimmung gestern Abend im Wahoo. Nachdem Karsten unser Abendessen ausgegeben hatte, tranken wir vorn an der Bar noch einige Getränke „aufs Haus“.
Geza versprach uns, in der Frühe gegen 8 Uhr von der KAMI abzuholen, um mit uns eine Inseltour zu unternehmen. So kam es dann auch. Pünktlich hupt es auf dem Parkplatz, und wir steigen in Gezas Kia ein. Es geht Richtung Süden, und während der Fahrt inspizieren wir die Gegenden der Millionäre und Milliardäre. Hotels, die Kirk Douglas gehörten, und ganze Straßenzüge in der Hand von Bill Gates – das ist Bermuda (die schöne Seite). Wir besuchen einige Strände, die trotz Nieselregen und bedecktem Himmel bei 22 Grad von amerikanischen Tagesgästen überflutet sind. Im Süden der Insel liegen die großen Kreuzfahrtschiffe, und Massen von Touristen wuseln auf den Straßen und Wegen herum.

Geza verpflichtet uns, auf dem Rückweg am „Swizzle In“ einen Stopp einzulegen. Es ist die angesagteste Location auf der Insel, und jeder „muss“ hier kurz einkehren. Das tun wir dann auch, und überraschend lädt uns Geza zu einem kleinen Imbiss sowie zu einem „Bermuda Swizzle Rum – Recipe“ ein. Es schmeckt wie Orangensaft mit Rum – ganz lecker. An der Decke im Swizzle In hängen etwa 10.000 Ein-Dollar-Noten (Schätzung von Geza), auf denen sich vergangene Gäste verewigt haben. Das wollen wir natürlich auch, und schwups, hängt eine Dollarnote mit der Aufschrift: „Mike und Karsten – SY KAMI – 3.6.23“ mit einem Reißnagel an der Decke.

Karsten, Geza und ich im „Swizzle In“

Zurück in St. George’s gehen wir gleich in den Supermarkt, um die letzte Einkaufsrunde zu machen. Leider gibt es keine H-Milch, sodass wir uns zwei frische Liter mitnehmen müssen. Wir bereiten noch die KAMI für die Abfahrt morgen früh vor. Das Dinghy wird ordentlich vertäut, und dann sind wir soweit „ready“.

Die reparierte Winsch lief gestern Abend, als wir vom Wahoo zurückkamen, schon wieder. Scheinbar hat der Elektriker doch keine so gute Arbeit geleistet. Wir haben erst einmal die Sicherungen herausgenommen. Bei dem Dauerregen könnte schon wieder Feuchtigkeit in den Fußschalter eingedrungen sein. Kommt mit auf die Reparaturliste in Deutschland.

Karsten geht gleich noch einmal kurz in die fußläufig erreichbare Stadt. Er sucht noch ein, zwei Souvenirs für daheim.

Morgen früh geht es um 6 Uhr rüber zum Ausklarieren und danach zur Tankstelle, um Diesel nachzubunkern. Direkt danach wollen wir den Hafen verlassen und unsere Reise Richtung Nord-Nordost fortsetzen!

Weiterfahrt am Sonntag

02. Juni 2023

Seit gestern Mittag regnet es fast pausenlos, sodass wir auf der KAMI festsitzen. Den Vormittag hat Karsten noch für einen Fußmarsch zur nahegelegenen Tobacco Bay genutzt. Als er wieder da war, fiel er erschöpft in seine Koje und machte einen ausgiebigen Mittagsschlaf. Nachmittags laufen wir im Regen noch einmal zum Mini-Supermarkt um die Ecke und holen uns eine Flasche Gin, etwas Tonic, zwei Croissants zum Frühstück und eine Paprika. Zum Abendbrot zaubert uns Karsten einen frischen Salat (köstlich), den wir mit einem „Munchiesburger“ von nebenan etwas verfeinern. lach

Abends schauen wir zwei Seglerdokus auf dem Laptop und krabbeln gegen 22 Uhr in die Koje.

Gegen 9 Uhr werden wir wach, weil das Schiff hin und her schlingert und auf und ab tanzt. Blinzelnd überlege ich, ob wir schon los sind, hechte dann nach vorn ins Bad und schaue aus der Luke nach draußen. Der Wind hat zugenommen, und im Hafen hat sich eine Kabbelsee gebildet; Wellen klatschen aus allen Richtungen zusammen, und Starkregen prasselt oben aufs Deck. Karsten sitzt schon oben mit der ersten Tasse Kaffee in der Hand. Ich frage ihn scherzhaft, ob er schon losgesegelt ist, worauf er mit einem Grinsen antwortet, dass Regen und Welle bis zum nächsten Tag so bleiben sollen. Na toll!

Der Wind drückt die KAMI fest an die Kaimauer; die ausgebrachten Fender quietschen und knarzen unter dem Druck. Können Fender eigentlich platzen? Uns ist leicht unwohl.

Da seit Tagen eine ordentliche Sonnenperiode für unsere Solarzellen fehlt, meckert zum Frühstück unser Bordcomputer mit einem lautstarken Gepiepse (Spannung nur noch 11,5 Volt). Wir werfen den Generator an, um die Batterien wieder aufzuladen.

Ich sitze mit meinem ersten Kaffee in der Hand und checke die Bordmails. Ersehnte Post von Sebastian!
Er schreibt, dass wir am 04. oder am 05. Juni die Fahrt fortsetzen können. Es bleibt aber eher durchwachsen – egal – wir wollen jetzt auch langsam weiter Richtung Heimat.

Ausflug auf Bermuda mit Karsten

Wir entscheiden uns, am Sonntag früh aufzubrechen. Morgen soll der Regen ja aufhören, das heißt, wir können in Ruhe das Dinghy wieder verzurren und letzte Einkäufe tätigen. Sonntag früh um 6 wollen wir gegenüber bei den Offiziellen ausklarieren und danach zur Tankstelle fahren, die um 7 Uhr öffnet. Wir haben jetzt aktuell ca. 240 Liter Diesel verbraucht, die es wieder aufzufüllen gilt.

Nach dem Tankstopp geht es ohne Umwege wieder raus auf den Atlantik, und wir steuern den ersten von Sebastian Wache übermittelten Wegpunkt an. So der Plan!

Den heutigen Regentag verbringen wir im Salon. Lesen, schlafen, dösen und eventuell heute Abend ein letzter Besuch im Wahoo. Mal sehen …!!!


Unser Tag auf der Insel

01. Juni 2023

Mit einiger Verspätung kam gestern dann noch der Elektriker, den wir am Großfall mit der Winsch auf die Mastspitze befördert haben. Leider konnte er oben nichts entdecken, was auf einen Mangel an der Windfahne hindeuten könnte. Schade! Wir werden wohl so weitersegeln müssen. Die Vermutung liegt nahe, dass ein Kontakt an der Leitung, die im Mast verläuft, durch das Schlagen des Mastes im Wind einen Wackelkontakt hat – eventuell aufgrund von Materialermüdung.
Seine Dienste lässt sich der Elektriker von uns mit insgesamt 300 USD honorieren.

Der Elektriker hoch oben im Mast.

Nachmittags haben wir uns ein Taxi geschnappt und sind in die Hauptstadt „Hamilton“ gefahren. Mit dem Besuch des Aquariums und des kleinen Zoos waren wir nach 3 Stunden wieder zurück in St. George’s.

Ihr könnt euch also denken, wie der Ausflug verlaufen ist. lach

In Hamilton sieht man ausschließlich Businessgebäude. Im „Flanierbereich“ des Hafens steht jeder dritte Laden leer und wird durch ein Schild zur Miete angeboten. Wir haben drei Boutiquen gefunden, die insgesamt das gleiche Angebot hatten (Nippes, Shirts, Souvenirs). Sonst gab es ein paar Schmuck- und Uhrenläden – nichts Aufregendes. In einem Café in der Seitenstraße haben wir uns zwei Paninis und zwei Cola für 46 USD gegönnt.

Zurück in St. George’s machen wir die erste Einkaufsrunde. Auf unserem Proviantzettel stehen Cola, Tonic, Cornflakes, Äpfel und Milch. Der Supermarkt ist fußläufig erreichbar. Wir werden mit unseren Rucksäcken zwei- bis dreimal hinlaufen müssen, bis der Vorrat an Bord wieder aufgefüllt ist.

Abends holen wir uns am „Munchies“ (Imbissbude direkt neben unserem Boot) einen Munchiburger mit Fries. Pro Burger zahlen wir 14 USD. Er schmeckt sehr gut!
Ihr denkt euch jetzt bestimmt, warum wir nicht selbst kochen und an Bord essen?!
Wir wollen natürlich möglichst nicht an unsere Vorräte gehen, und die Preise im Supermarkt sind auch jenseits von gut und böse. Jeden Abend im Wahoo essen zu gehen, ist auch keine Option. Unter 100 USD kommen wir dort nicht weg, und wir wollen es ja auch nicht übertreiben.

Karsten ist gerade unterwegs und schaut sich einige Sehenswürdigkeiten in der Nähe an. Da ich nicht so der Läufer bin, bleibe ich an Bord und nutze die Zeit für kleinere Reparaturarbeiten.

Bei dem bescheidenen Wetter (bewölkt, böig, frisch 25 °C) kann man hier nicht viel machen. Also warten wir (mal wieder) auf den Wind, der hoffentlich ab Montag wiederkommt. Sebastian Wache von Wetterwelt wird sich bei uns mit den neuesten Prognosen melden und ein Feedback geben …

Bermuda – im Kreis der Segler

31. Mai 2023

Geza war so lieb und hat uns einen Bekannten, der Elektriker ist, aufs Boot geschickt. Nach zweistündiger Fehlersuche war klar, dass sich im Fußschalter der Elektro-Winsch ein Kurzschluss durch Nässe und Bewegung gebildet hat. Mit Lötkolben und Sikaflex wurde das Problem behoben. Die Winsch funktioniert also wieder. Prima!

Die Windanzeige, die wir seit unserer Ankunft hier betreiben, ist nicht wieder ausgefallen, was uns sehr verwundert. Wahrscheinlich liegen wir hier zu ruhig an der Kaimauer, und die Bewegungen reichen nicht aus, damit der Fehler wieder auftritt. Der Elektriker will heute Mittag hoch in den Mast (22 Meter), um nachzuschauen, ob die elektrischen Verbindungen direkt an der Windfahne „fest“ sitzen oder ob sich durch Wellen und Wind etwas gelöst hat. Wir sind gespannt und erwarten ihn in den nächsten 30 Minuten.

Gestern Abend waren wir bei Geza im „Wahoo“, um „meinen“ Tag etwas zu feiern. Schon als wir ankamen, war die Stimmung super – laute Musik, ausgelassene Leute … Eine schwarze Dame spricht uns auf Deutsch an; sie lebt hier mit einem Amerikaner. Schnell waren wir im Gespräch, und um uns herum bildete sich eine Traube von Menschen. Der eine spendierte uns ein Bier, der nächste einen speziellen Wahoo-Drink (Kaffeelikör, Manhattan, Rum). Je später der Abend wurde, desto lauter wurde es im Bistro-Patio (schuld ist bestimmt der ansteigende Alkoholspiegel der Gäste).

Es war ein klasse Abend!

Heute oder morgen wollen wir nach Hamilton. Das ist die kleinste und wohl auch teuerste Hauptstadt der Welt. Auf dem Plan steht ein Besuch des Aquariums, dann wollen wir uns noch in einem Marineshop ein Windhandmessgerät holen (als Backup) und die eine oder andere Sehenswürdigkeit beäugen.

Der Supermarkt ist nur 400 Meter von unserem Liegeplatz entfernt. Gestern waren wir schon einmal kurz schauen. Die Dose Cola kostet 2,45 USD, eine kleine Packung Cornflakes 7,50 USD, und für eine Flasche Mundspülung plus einen kleinen Marsriegel habe ich 14 USD bezahlt. Hier wird einem wieder bewusst, wie günstig wir in Deutschland Lebensmittel kaufen können! Mein Bestand an Bargeld (USD) hat reichlich abgenommen. Ich werde wohl noch einmal zum Automaten traben müssen.

Neben uns hat gestern ein Segelboot mit zwei deutschen Jungs aus Cuxhaven festgemacht. Sie kamen bei New York in schweres Wetter und haben einige Schäden, die sie unbedingt reparieren müssen. Wenn das Wetter besser wird, wollen sie auch Richtung Europa – Azoren. Hier liegen viele Boote, die durch den Sturm beschädigt wurden. Bei einem amerikanischen Pärchen hat es den Mast umgeknickt, bei anderen Seglern sind Solarmodule gebrochen, und einige haben Elektroprobleme. Bermuda ist DER Reparatur-Anlaufpunkt für Yachten, die weiter nach Europa wollen, also für die West- > East-Route.

Sonst stehen im Hafen überall die Segler zusammen und tauschen sich aus:
Woher kommt ihr?
Wo geht’s hin?
Habt ihr Probleme?
Es ist ein ganz besonderes Flair, das sich schwer beschreiben lässt.

Wir fühlen uns gerade sehr wohl, sind richtig ausgeschlafen und genießen (wartend auf den Elektriker) ein wenig die Sonne.

Ankunft in Bermuda

29. / 30. Mai 2023

Nachdem wir über Funk von „Radio Bermuda“ die Erlaubnis zum Einlaufen in den Hafen bekommen haben, legen wir gegen 19:45 Uhr am Steg der Customs Immigration an. Prompt setzt wieder ein sturzflutartiger Niederschlag ein, sodass wir beide trotz Regenbekleidung innerhalb von 10 Minuten durchgeweicht sind.

Was ist das hier bloß für ein Wetter (seit Tagen)?

Die Beamten sind durchweg super nett und höflich. Schon beim Festmachen am „Amtssteg“ haben wir ihnen den einen oder anderen Schmunzler ins Gesicht gezaubert – so war schnell das „Eis“ gebrochen, und der Akt des offiziellen Einklarierens war rasch vollzogen.

Mit dem neuen Schiff war es für mich das erste Anlegemanöver. Ihr könnt euch sicherlich vorstellen, wie es bei strömendem Regen und Unerfahrenheit so ist. Wir haben es aber geschafft (ohne Schäden), und das Zusammenspiel zwischen mir und Karsten, der das Leinenhandling übernahm, war top.
Optimierungsbedarf sehe ich noch beim Knoten schlagen. So beim Üben klappt das eigentlich, doch dann im Manöver hat man öfter ein Brett vorm Kopf. lach

Gegenüber der Einklarierungsbehörde dürfen wir ganz ohne Kosten final an der Kaimauer festmachen. Dort liegt bereits ein großer, mindestens 50 Fuß langer Katamaran. Auch hier haben unsere komischen Anlegemanöver (vor, zurück, hin, her und im Kreis – Anlegen über alle Himmelsrichtungen) Interesse geweckt, worauf der Nachbar-Skipper in voller Regenmontur herüberkommt und uns beim Anlegen hilft. Oh, danke! Ah, stimmt – das ist so unter Seglern. Immer hilfsbereit!

Danach schnell aus den nassen Sachen und bei 90 % Luftfeuchtigkeit alles aufgehängt. Trocknen die Sachen eigentlich auf Dauer?

Blick von der KAMI rüber zum „Amtssteg“ der Customs Immigration

Wir ziehen uns um und laufen in den Ort. Der Regen hat aufgehört, und die Zikaden machen einen unglaublichen Lärm. Wir kehren im Wahoo (bei Alfred und Geza) ein und bestellen uns das wohlverdiente Anlegebier und essen köstlich Abendbrot. Zurück auf der KAMI kosten wir noch einen an Bord befindlichen französischen Cognac „Clement“ VSOP aus Martinique. Danach krabbeln wir „fertig“ in die Kojen.

Karsten steht gegen 08:30 Uhr auf, und Geza kommt angefahren und bespricht mit ihm das weitere Vorgehen. Gegen 11 Uhr sollen die ersten Monteure kommen, die sich der Windanzeige annehmen. Später kommt noch jemand wegen des Problems mit der elektrischen Winsch. Wir sind gespannt.

Ich stehe gegen halb 10 auf und freue mich über die vielen Glückwünsche auf meinem Handy. Nach dem morgendlichen Geburtstagskaffee wird gefrühstückt, Müll an Land entsorgt, die „Q“-Flagge am Schiff eingeholt und eine Einkaufsliste erstellt.

9. Etmal 137 Seemeilen

29.05.2023 – 12:00 Uhr Ortszeit – 16:00 UTC

10. Seetag

Etmal: 137 sm

Gesamtsumme: 1.029 sm


Wind aus E – NE

Segelstellung: wir motoren bei 4 kn Wind

Speed über Grund: 6 kn

Der gestrige Tag verlief ganz ruhig, und wir haben die Zeit genutzt, um uns mit der Angel (Trollingleine) zu beschäftigen. Leider hat aber nichts gebissen – wir vermuten, dass die laufende Maschine der Grund dafür ist.

Die Nacht war ebenfalls entspannt. Durch die Flaute hatten wir kaum Welle, und so war es ruhig im Schiff.

Der Tag erwacht auf dem Atlantik …

Wir laufen jetzt St. George’s auf Bermuda im Nordosten der Insel an und müssten nach unserer Rechnung gegen 20:00 Uhr dort sein. Sebastian Wache hat heute früh noch eine E-Mail geschickt, in der er uns mitgeteilt hat, dass wir das um den 04. Juni aufziehende Tief noch abwarten müssen, bevor es weitergehen kann. Eventuell könnten wir ab dem 05. Juni mit Nordwestwind die Tour fortsetzen. Die Entwicklung muss weiterhin beobachtet werden.

Das Schiff und die Mannschaft sind bereit zum Einlaufen.
Fender und Festmacherleinen liegen bereit.

8. Etmal 125 Seemeilen

28.05.2023 – 12:00 Uhr Ortszeit – 16:00 UTC

9. Seetag

Etmal: 125 sm

Gesamtsumme: 893 sm

Wind aus E – NE

Segelstellung: wir motoren bei 4 kn Wind

Speed über Grund: 6 kn

Wir haben den Abstand von 200 Meilen zur Insel Bermuda unterschritten und können nun davon ausgehen, dass wir morgen Abend gegen 20 Uhr in Saint George’s an der Nordostküste von Bermuda einlaufen werden. Wir fahren unter Maschine, da kaum Wind ist und wir nur sehr schwer mit Besegelung vorankommen würden.

Bermuda

Sebastian Wache hat uns mit seiner E-Mail von heute früh auch ans Herz gelegt, Bermuda anzulaufen, denn es ist am 30. Mai überall großflächig flau. Danach soll sich das USA-Hoch durchsetzen, und es stellt sich ein Ost- bis Nordost Wind ein. Spätestens dann müssen wir sowieso weiter nach Norden. Hoffentlich klappt das in der kurzen Liegezeit mit der erhofften Reparatur unserer Windanzeige.

Der gestrige Tag war eher unspektakulär. Es war der erste Tag, an dem es mal ruhiger auf dem Schiff war (abgesehen vom Brummen der Maschine). Wir nutzten die Zeit für zwei Waschmaschinenladungen und haben viel geschlafen und gedöst. Nachmittags zeigte sich für zwei, drei Stunden die Sonne – da war eine kühle Deckdusche eine Wohltat. Sonst gab es keine neuen Schäden oder entdeckten Mängel – yeah, so kann’s bleiben (Holzklopf).

Ich bin gestern Abend um 20 Uhr in die Koje und heute Morgen um 3 Uhr wieder hoch. Das erste Mal auf See habe ich sieben Stunden tief und fest geschlafen. Das hat gut getan! Karsten hat da nicht so seine Probleme, Ruhe zu finden und zu schlafen. Er kann immer!

Jetzt wollen wir dem Standortleiter des TO in Bermuda, Geza Wolf, noch eine E-Mail mit unseren geplanten Ankunftsdaten schreiben. Da wir auf Deutsch kommunizieren können, ist das für die Verständigung ganz gut. Geza betreibt das Restaurant Wahoo in Hafennähe. Dort werden wir wohl am Dienstagabend zu meinem 55. Geburtstag einkehren.

Heute liegt nichts Weiteres bei uns an. Unseren Gennaker konnten wir noch nicht ausprobieren, da entweder die Windrichtung oder allgemein das Wetter nicht passten. Aber wir haben ja noch ein großes Zeitfenster vor uns – da wird sich schon noch die Möglichkeit zeigen.

Jetzt, kurz vor dem Etmal, schon wieder: Gewitter, Regen, Regen, Regen und Kreuzwellen, die den Kat gut 2,5 Meter springen lassen. War heute nicht eine entspannte Flaute angesagt?

7. Etmal 126 Seemeilen

27.05.2023 – 12:20 Uhr Ortszeit – 16:00 UTC

8. Seetag

Etmal: 126 sm

Gesamtsumme: 767 sm


Wind aus S bis SW

Segelstellung – Großsegel 1. Reff – Genua voll – Vorwindkurs um 110°

Speed über Grund: 7 kn

Es ist 6:30 Uhr, und der Wasserkessel pfeift auf dem Gasherd. Wir genehmigen uns einen starken Kaffee zum Wachwerden und holen die ersten Daten für die Windy-App aus dem Internet. In der Nacht hatten wir guten Wind und machten zügige Fahrt – meistens um die 6 Knoten.

Ich hole die Seekarte für den Nordatlantik aus dem Schrank und trage mit einem Bleistift unseren aktuellen Standort ein. Wir haben bereits 700 Seemeilen geschafft, sind aber erst 380 Seemeilen von Nassau entfernt?! Durch das Kreuzen auf spitzen Amwindkursen haben wir die Hälfte der Zeit und Entfernung verloren.

Wir schauen gemeinsam auf die Nordatlantikseekarte. Es ist noch so wahnsinnig weit bis nach Hause. Das wird uns spätestens jetzt richtig bewusst.

Gestern hatten wir ja das Thema Zwischenstopp auf „Bermuda“. Bermuda ist ein britisches Überseegebiet im Atlantik. Nach dem Frühstück finden wir heraus, dass der Verein „Trans-Ocean e.V.“, bei dem ich seit zwei Jahren Mitglied bin, einen deutschsprachigen Basisleiter auf der Insel hat. Karsten sendet dem Basisleiter eine E-Mail und bekommt schon sehr zeitnah eine Rückmeldung. Wir sind willkommen, und man könnte uns sicherlich mit unseren kleineren technischen Problemen, wie der ständig ausfallenden Windanzeige, helfen. Da die Wetterprognose für die nächsten Tage eher schlecht ist, beschließen wir, direkt die Bermudainseln anzulaufen (sie liegen auf unserer Kurslinie nach Hause), um einen kurzen Stopp einzulegen – je nach Wetterprognose.

Bis nach Bermuda sind es noch knapp 350 Seemeilen. Wir könnten am Pfingstmontag dort ankommen. Karsten möchte den Zwischenstopp auch nutzen, um Coca-Cola und Tonic nachzuprovientieren. Wir würden außerdem unsere Dieseltanks auffüllen und eventuell noch die eine oder andere kleine Besorgung machen. Am 30. Mai habe ich Geburtstag, da wäre doch ein Abendessen auf der Insel eine feine Sache.

Am Nachmittag werden wir von einem Frachtschiff angefunkt. Leider können wir den Anrufer nicht verstehen, da er so schnell und undeutlich Englisch spricht. Wir bitten mehrmals um langsame Wiederholung des Funkspruchs, bekommen aber keine Reaktion mehr. Wir vermuten, dass er uns vor einem Unwetter warnen wollte, mit dem wir schon für den Abend rechnen.

Kurz vor dem Sundowner ruft Karsten vom Steuerstand: „DELFINEEEE!!!“ Mindestens 20 Tiere begleiten unsere Fahrt für etwa 10 Minuten, bis sie weiterziehen. Einige der Tümmler springen 2 bis 3 Meter aus dem Wasser und drehen sich dabei wie ein Korkenzieher. Wir hatten schon gehört, dass Delfine gerne Katamarane begleiten – was für ein tolles Erlebnis.

Immer wieder ein Erlebnis, wenn ganze Delfinschulen die KAMI begleiten …

Es wird Abend, und die gewaltige Gewitterfront rückt auf uns zu. Ich beschließe, alle Segel zu reffen und zur Sicherheit über die Nacht zu motoren. Wir werfen die Steuerbordmaschine an und machen mit 2.000 Umdrehungen etwa 5 bis 6 Knoten Fahrt über Grund. In einer Stunde verbrauchen wir so ca. 4 Liter Diesel. Wir werden in Bermuda nachtanken.

Mit dem laufenden Motor produzieren wir nebenbei Heißwasser, da macht das Duschen am Abend richtig Spaß. Der Wassermacher läuft auch nebenbei und produziert in einer Stunde ca. 100 Liter Trinkwasser. Nachdem der Tank „3/4“ (450 Liter) anzeigt, schalten wir den Wassermacher wieder ab.

Bei dem Wind und Starkregen haben wir es uns in der Nacht im Salon gemütlich gemacht. Der Motor läuft und folgt via Autopilot unserer vorgegebenen Kurslinie nach Bermuda bzw. dem nächsten Wegpunkt. Wir lassen das Radar bei diesem schlechten Wetter als Sicherheitsoption mitlaufen und schauen gebannt nach draußen, wo die Blitze den Nachthimmel erleuchten.

Nachts bemerken wir, dass Karstens Rettungsweste im Cockpit automatisch ausgelöst hat. Der Wind und die gefühlten 1.000 Liter Regenwasser pro Minute müssen daran schuld gewesen sein. Jetzt sind wir schlauer und lassen die Weste bei solch einem Wetter nicht mehr draußen. Gott sei Dank haben wir noch vier weitere Westen an Bord. Sicherheit ist also gegeben.

In den frühen Morgenstunden die nächste Überraschung: Eine unserer elektrischen Winschen läuft plötzlich ohne unser Zutun los. Was für ein Krach! Ich renne in die achterliche Backbordkabine und schalte den Hauptschalter auf „off“. Der Regen muss hier einen Kurzschluss verursacht haben.

Das nächtliche Brummen der Maschine drückt uns die Augen zu. Nach dem Regengebiet haben sich die Wellen gelegt, und wir wollen nur noch in den Schlaf fallen …

6. Etmal 133 Seemeilen

26.05.2023 – 12:00 Uhr Ortszeit – 16:00 UTC

7. Seetag

Etmal: 133 sm

Gesamtsumme: 641,5 sm


Wind aus S bis SW

Segelstellung – Großsegel voll – Genua voll – Vorwindkurs 110°

Speed über Grund: 7,7 kn

Wir freuen uns über die E-Mail von Sebastian Wache, unserem Wetterguide, der uns aus Deutschland betreut. Leider gibt es nicht wirklich gute Nachrichten. Der gesamte Atlantik ist derzeit mit Hochdruckgebieten übersät, und die für den Wind nötigen Tiefs sind kaum in Sicht. Sebastian empfiehlt (als eine Option), Bermuda anzulaufen und dort auf ein passendes Tief mit entsprechendem Wind zu warten.
Zitat von Sebastian: „Und man muss schon beten, dass endlich mal ein Tief kommt und Wind bringt …“

Wir finden die Idee gar nicht so schlecht, zumal unsere Getränkevorräte (die CO2-haltigen) langsam zur Neige gehen. Kein Wunder, bei der Hitze hier. Außerdem könnten wir in Bermuda unsere Tanks auffüllen und versuchen, Hilfe für unsere ständig ausfallende Windanzeige zu finden.
Bis nach Bermuda sind es noch gut 700 Seemeilen. Bei den derzeit eher bescheidenen Tagesetappen würden wir etwa 6 bis 7 Tage benötigen, um dort einzutreffen. Vielleicht könnten wir auch mit zeitweiser Maschinenunterstützung weiterfahren. Wir müssen sehen, wie sich der Wind heute (derzeit sieht es mit 14 Knoten ganz gut aus) und in den nächsten Tagen entwickelt. Heute nutzen wir den Tag, um zu googeln, ob wir kurzfristige Hilfe auf Bermuda bekommen könnten.

Es ist also noch offen, ob wir einen Zwischenstopp einlegen oder uns weiter nach Osten durchkämpfen. Wir entscheiden das kurzfristig, je nach Feedback der Marinas auf Bermuda.

Unsere Nacht war recht gut, allerdings ist mir während der Wache beim Naschen eines Snickers ein Stück vom Schneidezahn abgebrochen. Mist!

Am Morgen haben wir einen Gast an Bord entdeckt, dem leider nicht mehr zu helfen war. Gerne würden wir uns einen leckeren Fisch fangen, aber Angeln ist hier nicht möglich. Überall treiben Sargassum-Algen (sehen aus wie grüner Salat) – die würden sofort in der Angelschnur hängen bleiben. Heute lassen wir es ruhig angehen (so der Plan). Karsten kocht gerade Kaffee, und ich werde gleich noch einmal aufs Deck gehen, um nach den Segeln zu schauen.

Fliegende Fische sind oft nächtliche Besucher an Bord.

Uns geht es gut, und wir sind froh, dass es die Internettechnologie wie „Starlink“ gibt, um hier mitten auf dem Ozean mit Freunden und Familie in Kontakt zu bleiben.

5. Etmal 97 Seemeilen

25.05.2023 – 12:00 Uhr Ortszeit – 16:00 UTC

6. Seetag

Etmal: 97 sm

Gesamtsumme: 508 sm


ENDLICH Wind aus SW zwischen 8 und 12 Knoten

Segelstellung – Großsegel voll – Genua voll – Raumwindkurs 110°

Speed über Grund: gerade um die 7,2 kn

Wir befinden uns in völliger Flaute, kein Lüftchen ist zu spüren. Wir nutzen die Gelegenheit, springen ins fantastische 5.000 Meter tiefe blaue Wasser und kühlen uns etwas ab. Danach bauen wir eine Angel zusammen und machen das Schiff klar.

Baden mitten auf dem Atlantik – dieses tiefblaue Wasser ist einfach phänomenal.

Der Flautentag neigt sich dem Ende zu, und am späten Nachmittag setzt leichter Wind mit 4 bis 5 Knoten ein. Wir setzen die Segel und steuern noch den alten Ostkurs weiter, da die Winddrehung auf Südost noch auf sich warten lässt. Langsam kehrt der Wind zurück, und es geht in die Nacht.

In den späten Nachtstunden müssen wir zwei Tankern ausweichen. Einen davon funken wir an; es antwortet eine Dame auf Englisch und bittet uns, sie zuerst passieren zu lassen. Das machen wir natürlich und fahren eine Ausweichwende.

In weiter Ferne blitzen neben uns Gewitterzellen und erhellen den Nachthimmel. Das Gewittergebiet begleitet uns bis in die frühen Morgenstunden, kommt uns aber nicht zu nah. Nachts sehen wir in unserem Kielwasser „Meeresleuchten“ – mikroskopisch kleine Algen, die umso stärker glühen, je mehr die Wellen sich brechen (Biolumineszenz). Das sieht toll aus, aber wir bekommen es leider nicht auf ein Foto. Es ist einfach zu dunkel.

Gegen 4 Uhr kommt endlich der erwartete SW-Wind, und wir können unseren Kurs nach Nordost absetzen. Gerade jagt uns wieder eine Gewitterzelle vor sich her, in Böen bis zu 28 Knoten. Wir reffen vorsichtshalber die Segel etwas ein.

Wassermassen ergießen sich aufs Deck. Achtern wird es wieder heller, und wir warten, bis der Regen aufhört …

4. Etmal 83 Seemeilen

24.05.2023 – 12:10 Uhr Ortszeit – 16:10 UTC

5. Seetag – FLAUTENTAG

Etmal: 83 sm

Gesamtsumme: 412 sm


Wind aus O zwischen 1 und 2 Knoten (derzeitig)

Segelstellung – Großsegel 1. Reff – Genua voll – Amwindkurs 59°

Speed über Grund: gerade um die 5 kn

Der gestrige Tag war bis zum späten Nachmittag entspannt und sonnig. Die Wellen hatten sich beruhigt, und wir konnten beide etwas Schlaf nachholen. Gegen 17 Uhr fiel der ohnehin kaum vorhandene Wind plötzlich auf „0“ ab.

Wieder Systemalarm!

Das Schiff stand wie angenagelt, die Segel fielen ein und flatterten leicht im Wind. Auf der Backbordseite zog schnell eine Squall (Regen- und Gewitterzelle) heran – das war wohl die Ruhe vor dem Sturm. Wir starteten das Radar und verfolgten, wie das Gebiet rasch näherkam. Was war jetzt zu tun? Wir bargen die Segel, warfen die Backbordmaschine an, kuppelten ein und setzten unseren Kurs mit 3 Knoten Richtung Osten fort. Wir holten Handtücher und andere Sachen von draußen herein und bereiteten uns auf den erwarteten starken Regenguss vor, der sich tatsächlich 15 Minuten später über uns ergoss. Ganze zwei Stunden prasselte der Regen aufs Schiff, und trotz Bimini-Verdeck war rings um den Steuerstand alles nass. So schnell wie die Regenzelle kam, verschwand sie auch wieder, und wir konnten noch einen halben Sundowner achter aus genießen. Wir stellten die Backbordmaschine ab und setzten die Besegelung für die Nacht.

Blick aus dem Salon zum Bug der KAMI

Kurz darauf ertönte erneut der Systemalarm – diesmal fiel die Elektronik des Autopiloten aus. Wir verstanden nicht, was gerade los war und warum sich diese Ausfälle seit gestern häuften. Wir setzten für den Autopiloten einen größeren Amwindkurs von 55° – so kamen wir ohne weitere Alarme durch die Nacht.

Die See war nachts etwas gnädiger zu uns, mit einem gemäßigten Wellenbild, sodass wir endlich längere Ruhephasen im Schiff hatten. Wir fanden beide Schlaf und träumten sehr intensiv. Während meiner Wache, gegen 3 Uhr, sah ich auf dem Kartenplotter zwei Tanker, die genau parallel zueinander auf uns zukamen. Der Abstand zu uns verringerte sich schnell, und ich scannte ständig den Plotter, um abzuschätzen, ob wir uns tatsächlich begegnen würden. Der erste Tanker zog im Abstand von 18 Seemeilen achtern an uns vorbei, der zweite folgte ihm und ich maß auf dem Plotter einen Abstand von nur 2,3 Seemeilen. Ich stürzte ins Cockpit, nahm das Fernglas mit und hielt Ausschau. Ah, da war er – ich verfolgte ihn noch eine Weile mit meinen Blicken und kehrte dann in den Salon zurück. Auf dem Plotter verfolgte ich die beiden Tanker weiter und merkte, wie mir langsam die Augen zufielen.

Oh ha … Kurz vor Sonnenaufgang kam Karsten nach oben, und ich ging sofort in meine Koje. Innerhalb von fünf Minuten fiel ich in einen tiefen Schlaf.

Der Autopilot bzw. die Steueranlage macht seit zwei Tagen laute quietschende Geräusche. Nach unserem morgendlichen Kaffee beschlossen wir, gut eingepickt (mit Weste und Lifeline gesichert) die Maschinenräume zu öffnen und dem Geräusch auf den Grund zu gehen. Zuerst vermuteten wir die Umlenkrollen der Lenkungszüge als Ursache, doch nach längerem Suchen unter Taschenlampenlicht entdeckten wir Schleifspuren auf der oberen Seite der Lenkstange (die beide Ruderblätter verbindet), die an dem darüberliegenden Aluminium-Kasten reibt. Mit WD40 bewaffnet, setzten wir einige beherzte Sprühstöße ab, bis das Quietschen leiser wurde und fast verschwand. Das muss in Rostock unbedingt näher untersucht und repariert werden – kommt also mit auf die ohnehin schon lange To-do-Liste.

Jetzt stecken wir in einer Flaute! Nur noch 3 Knoten Wind – das Schiff macht keine Fahrt mehr. Windy hatte uns das Flautengebiet vorhergesagt. Über Tage hinweg zu motoren, wollen wir am Anfang der Reise auf keinen Fall – wir wollen Diesel sparen. Wer weiß, welche Überraschungen uns das Schiff im weiteren Verlauf der Reise noch bietet. Wir sind daher vorsichtig und defensiv. Da sich die Sonne derzeit kaum zeigt, werden wir wohl heute Nachmittag den Generator anwerfen müssen, um die Batterien für die Nacht zu füllen. Es ist kaum zu glauben, dass auf solch einem Schiff das Energiekonzept nicht aufgeht. Die vorhandenen Bordstrombatterien sind ein Witz, wenn man nicht einmal richtig durch die Nacht kommt. Hier besteht definitiv Optimierungsbedarf – auch das kommt auf die To-do-Liste.

Morgen (Donnerstag) sollen am späten Nachmittag die so sehr erwarteten Südwinde kommen. Bis dahin dümpeln wir hier im Nirgendwo und stehen praktisch still. Wir überlegen, heute Abend den Außengrill (Gasgrill) anzuschmeißen, aber im Moment haben wir beide keinen großen Appetit. Vielleicht schlägt uns das Abenteuer doch etwas auf den Magen. Apropos: Karsten, unser Chef-Smutje, ging gestern Abend die Getränkevorräte durch. Coca-Cola neigt sich schon dem Ende zu, Tonic ist aufgebraucht, Sprudelwasser haben wir noch ein wenig. Da haben wir uns wohl mächtig verkalkuliert. Heißt jetzt also: mehr Wasser aus dem Wassermacher und Tee trinken.

Ach, so ein „Luxusurlaub“ auf einer Yacht ist schon was Feines! lach

Was steht heute noch auf dem Programm? Vielleicht probieren wir uns heute mal mit den Angeln. Drohnenaufnahmen unter Wolken sind nicht so toll, also warten wir ab, ob die Sonne noch rauskommt, damit wir hier noch ein paar schöne Aufnahmen machen können.

Und sonst? Schlafen, ausruhen und an unsere Lieben zu Hause denken.

3. Etmal 121,2 Seemeilen

23.05.2023 – 12:05 Uhr Ortszeit – 16:05 UTC

4. Seetag

Etmal: 121,2 sm

Gesamtsumme: 328,2 sm


Wind aus NW zwischen 11 und 17 Knoten

Segelstellung – Großsegel 1. Reff – Genua voll – spitzer Amwindkurs 47°

Speed über Grund: gerade um die 5,8 kn

Wir steuern seit gestern Abend hart auf Ost-Nordost und peilen die Wegpunkte an, die wir von Sebastian Wache per E-Mail bekommen haben. Wenn es ein Voting für die aufregendste Nachfahrt gäbe, wäre die vergangene Nacht derzeit auf Platz 1. Seit Sonnenuntergang segeln wir so extrem hart am Wind, dass wir die teils 3 bis 3,5 Meter hohen Wellen von schräg vorne (Backbord – Portside) direkt auf die Nase bekommen.

Eine Achterbahnfahrt auf der Kirmes wäre dagegen ein Kinderkarussell!

Wieder ist an erholsamen Schlaf nicht zu denken. Die Müdigkeit sitzt fest auf uns wie eine alte Mütze, die wir nicht ablegen können. Wir lümmeln beide im Salon, denn unten in der Koje ist es jetzt gar nicht mehr auszuhalten. Die Wellen schlagen von allen Seiten auf das Schiff ein, als wollen sie uns sagen, dass die Materialbelastung kaum noch im Akzeptanzbereich liegt. Natürlich sind das nur unsere Empfindungen – das Schiff muss das abkönnen, schließlich fahren wir ja nicht auf einem Dorfteich, sondern auf dem Atlantik. Jeder von uns nickt immer mal wieder für zwanzig bis dreißig Minuten ein. Unser vor der Reise aufgestellter Wachplan wird völlig ignoriert. Jeder macht das, wozu er gerade fähig ist und was der Körper noch hergibt.

Durch die Gischt, die sich wie Zuckerwatte ums Schiff legt, sind alle Oberflächen salzig und stumpf. Ich entscheide mich, die Dusche im Eignerbad das erste Mal auszuprobieren (in Nassau haben wir nur die Decksdusche im Freien genutzt). Das heiße Wasser tut sehr gut, und schon fühlt man sich ein wenig wohler und zufriedener.

Karsten, unser Smutje, hat das Abendbrot vorbereitet. Heute gibt es Burger. Eigentlich wollten wir den Tischgrill ausprobieren, aber bei diesem Wellenritt ist daran nicht zu denken. Also wird alles in der Pantry vorbereitet, und der Abendbrotstisch im Cockpit (Tisch achtern draußen) wird gedeckt. Wir wünschen uns guten Appetit, doch dann hält Karsten inne. Er bekommt nichts herunter, knabbert nur an einem Salatblatt und lässt seinen Burger fast unangetastet stehen. Mir geht es magenmäßig besser, und ich verputze zwei Burger (die übrigens aus Donut-Brötchen bestehen). Der Tisch wird wieder abgeräumt, denn die Ketchupflasche und unsere Kräutertee-Thermoskanne fliegen von rechts nach links und verlassen selbständig ihren zugewiesenen Platz.

Doch dann … Systemalarm!

Karsten ruft in meine Richtung, dass sämtliche Winddaten auf unserem Plotter verschwunden sind und der Autopilot von Segelsteuerung auf Maschinensteuerung umgestellt hat. Wir legen in Windeseile unsere Sicherheitswesten an, schlüpfen in die Decksschuhe und stürmen zum Steuerstand, wo wir uns zur Sicherheit erst einmal einpicken, damit wir bei den Wellenschlägen nicht über Bord katapultiert werden. Was nun? Die Gefahr ist groß, dass die KAMI in den Wind schlägt. Sofort drehen wir in den Wind, holen die Rollgenua ein und ziehen das Großsegel nach unten. Alle Segel sind unten! Unter Maschinenfahrt bleiben wir in der Windachse stehen, damit sich die Situation ein wenig beruhigt.

Tausend Gedanken poltern durch meinen Kopf. Ohne funktionierende Windanzeige ist die Reise hier beendet. Wir könnten nur noch unter Maschine nach Nassau zurückfahren, um das Problem dort beheben zu lassen. So ein Mist! Das kann doch nicht sein … Karsten holt eine Taschenlampe, und wir wollen das Mast-Top ableuchten, da wir vermuten, dass die Windfahnen oben auf der Spitze durch das Hin- und Herschlagen des Schiffs verloren gegangen sind. Wir leuchten den Mast ab und sehen, dass oben alles in Ordnung ist. Da kommt mir der Gedanke, das ganze Navigationssystem einmal komplett auszuschalten und dann neu hochzufahren. Gesagt, getan – die Windanzeigen sind wieder da, sogar die verklemmte Anzeige für die Geschwindigkeit durch das Wasser funktioniert plötzlich wieder.

Habt ihr die zwei Steine plumpsen gehört?

Gott sei Dank – es scheint nur ein Softwaresystemfehler gewesen zu sein. Wir schauen uns fragend an und setzen wieder: „Segel auf“! Mit Motorkraft drehen wir das Schiff wieder an den „spitzen Amwind“, bis es wieder Fahrt aufnimmt und die Segel richtig stehen. Meine Duschaktion kurz davor war für die Katz (das Wasser läuft mir den Rücken herunter) – wir müssen uns erst einmal wieder akklimatisieren und setzen uns ins Cockpit. Was für eine aufregende Aktion! Wir wünschen uns gegenseitig, dass der Fehler nicht noch einmal auftritt, und besprechen bereits das Vorgehen bei einer möglichen Wiederholung.

Und als ob die Aufregung nicht schon genug wäre, sehe ich vom Cockpit aus, wie die Bilgenlampe für den Steuerbordrumpf ständig an- und ausgeht (leuchtet grün, wenn die Pumpe automatisch in Betrieb ist). Ich eile in den Eignerrumpf und nehme die Bodenplatten hoch. In der Bilge steht dunkles Wasser, vielleicht ein Liter. Ich nehme auch die benachbarten Bodenplatten auf (man bedenke, dass das Schiff durch den Wellenritt irre Bewegungen macht) und kann eine grobe Richtung der Wasserherkunft ausmachen. Ich lege die Bodenplatten wieder ein und beschließe, dem Problem bei ruhigerer See auf den Grund zu gehen.

In der Nacht springt die Pumpe ungefähr zwei bis drei Mal die Stunde für ein paar Sekunden an. Es scheint nichts Bedrohliches zu sein. Ich behalte das in den nächsten Tagen im Auge.

Gegen 3 Uhr liegen wir beide völlig erschöpft oben im Salon auf der Sitzbank. Durch die L-Form können wir uns dort gemütlich ausbreiten. Karsten schläft sofort ein (er tut sich mit dem Schlafen nicht so schwer), während ich an die Salondecke starre. Erste Zweifel tauchen in meinem Kopf auf. Inzwischen sind die Wellenschläge noch intensiver geworden. Das Quietschen des Autopiloten wird gefühlt immer lauter, die Reffleinen im Großsegel knarren, und meine Augen fallen für eine Viertelstunde zu.

Weit und breit ist kein Schiff mehr auszumachen, unter uns geht es jetzt 4.000 Meter in die Tiefe. Die Landkanten der Bahamas-Inseln sind nicht mehr zu sehen.

Jetzt sind wir wohl richtig draußen!!
Schön, aber auch ein wenig ehrfurchtgebietend.

Gegen 5 Uhr kündigt sich der fünfte Seetag an. Genau vor uns im Osten wird es langsam heller, und die Sonne geht auf. Ich rappele mich auf, torkle nach draußen und setze mich an den Steuerstand. Dieses Morgengrauen, die warme, salzige Luft und die Wolkenformationen – so schön anzusehen. Schnell verfliegen die dunklen Gedanken der Nacht aus meinem Kopf, und ich schaue über den Ozean in Richtung Heimat. Prompt dröhnt der nächste Systemalarm: „Spannung unter 11 Volt“. Der Autopilot hat wohl in der Nacht zu viel leisten müssen. Ich eile nach drinnen und werfe den Generator an. Ich wundere mich jedoch fünf Minuten später, dass die Batterien immer noch keine höhere Spannung anzeigen. Was ist denn jetzt schon wieder los?! Langsam reicht es, und ich schimpfe vor mich hin. Da entdecke ich das Problem … Mein schlafender Passmann muss mit dem Rücken an das Bedienpanel am Kartentisch gekommen sein. Der Ladeschalter stand auf „off“! Nun erhalten die Batterien wieder genügend Ladespannung. Langsam wird es hell, und die Sonne bahnt sich ihren Weg durch die Wolken. Sobald sie das Solarpanel mit voller Leistung beschienen hat, wird der Generator wieder ausgeschaltet. Diesel sparen!

Der erste Kaffee des Tages wird gekocht, und wir sitzen mal wieder zusammen und machen Wetter- und Routenpläne. Wir segeln in ein richtiges Flautengebiet, bevor uns dann endlich am Donnerstag, spätestens Freitag, der ersehnte Südwind erreicht. Wir wollen den Flautentag nutzen, um den Außengrill anzuwerfen, die Filmdrohne mal nach oben zu schicken und ein Bad im tiefblauen Wasser zu nehmen – und vor allem endlich mal richtig zu schlafen. Die Angeln müssen wir auch noch vorbereiten, damit, wenn es weitergeht, auch der ein oder andere Mahi-Mahi (Goldmakrele) auf unseren Tellern landet. Die angekündigte Flaute wollen wir aussitzen (kein Segel, kein Motor).

Eine weitere Aufgabe: Ein Sicherheitsblick in die Backskiste. Dort lagern zwischen den Bootsfendern zehn Dieselkanister aus Kunststoff zu je 20 Litern sowie zwei kleine Kanister für den Dinghy-Sprit (Außenborder).

Wir hören Musik, und es geht uns gut. Der ein oder andere blaue Fleck vom Manövergetänzel stört uns nicht.

Ab dem dritten Seetag sollen einem ja „Seebeine“ wachsen. Das passt!

Im Moment läuft alles vor sich hin. Gleich gibt es ein „Spätfrühstück“, und dann wird nochmal geruht …