25. Etmal 115 Seemeilen

20.06.2023 – 12:00 Uhr UTC

26. Seetag
Etmal: 115 sm

Gesamtsumme: 3147 sm


Wind aus E – SE

Segelstellung: Großsegel voll, Genua voll

Speed über Grund: 5 kn

Am Nachmittag schlägt das Wetter um, und die Sonne lässt sich doch noch blicken. Auch der Wind kehrt zurück und bläst mit 7 bis 12 Knoten. Wir nehmen wieder etwas Fahrt auf und schaffen es tatsächlich, 5 Knoten zu erreichen. Nicht schlecht! Gegen 18 Uhr sehen wir auf der Steuerbordseite, in einem Abstand von etwa einer halben Meile, die ersten Wale. Wir entdecken mehrere „Blas“ (die nach dem Tauchvorgang ausgeatmete Atemluft der Wale) und ab und zu kleinere, graue Rückenflossen. Für Fotos sind die Tiere leider zu weit entfernt. Schade!

Das kurzzeitig gute Wetter haben wir auch genutzt, um zwei Waschmaschinenladungen zu waschen und 280 Liter Trinkwasser zu produzieren. Wer weiß, wie sich das Wetter in den nächsten Tagen entwickelt.

Aktuell planen wir, im Laufe der nächsten Woche Schottland zu umrunden und dann vom Atlantik in die Nordsee einzubiegen.

Am Abend entdecken wir auf dem Vorschiff eine verbogene Rolle am Genuaschlitten. Wir bauen die Rolle ab und richten die Profile mit einer Rohrzange. Wieder eingesetzt, funktioniert alles wie vorher. Glücklicherweise haben wir die Rolle nicht verloren. In diesem Zusammenhang stellen wir fest, dass viele Blöcke, Umlenkrollen und Klemmen sehr schwergängig sind. Eine Rolle quietscht, eine andere lässt sich gar nicht drehen, da sie fest sitzt. Auch hier warten einige Arbeiten im Heimathafen auf uns. Insgesamt sind wir enttäuscht vom derzeitigen Zustand der segeltechnischen Komponenten. Der Vorbesitzer hat in den letzten Monaten offenbar nicht mehr viel Wartung betrieben.

Die Nacht verläuft ruhig und stressfrei. Mit voller Besegelung läuft die KAMI wieder mit 5 bis 6 Knoten. Die Wellen sind erträglich.

Am Morgen weckt uns die Sonne – endlich mal wieder ein freundlicher Tag. Als wir gegen 9 Uhr die Kartenplotter vom Nacht- in den Tagesmodus umschalten wollen, entdecken wir auf dem Kartenplotter am Steuerstand einen schwarzen Fleck, etwa so groß wie ein Ein-Euro-Stück, in der unteren linken Ecke des Bildschirms. Ist das jetzt der nächste Mangel oder Defekt? Geht eine Atlantiküberquerung so sehr auf das Material? Unglaublich.

Wir machen gerade sehr gute Fahrt und bolzen nach der Kurskorrektur zum nächsten Wegpunkt wieder schräg gegen die Wellen. Im Zeitplan liegen wir derzeit sehr gut. Der Wasserkessel pfeift auf dem Herd – es gibt jetzt eine Tasse Kaffee.

Gestern ist unsere zweite Propangasflasche leer geworden, und wir müssen jetzt mit einer größeren Gasflasche improvisieren, die wir auf den Bahamas gekauft haben. Leider passt sie nicht in das dafür vorgesehene Fach, sodass wir hier etwas basteln müssen.

Behelfsmäßige Propanflaschenhalterung

24. Etmal 77 Seemeilen

19.06.2023 – 12:00 Uhr UTC

25. Seetag

Etmal: 77 sm (kaum Wind)

Gesamtsumme: 3032 sm


Wind aus E – SE

Segelstellung: Großsegel kompl. gerefft, Genua voll

Speed über Grund: 3 kn

Wir hängen nach wie vor im Flautengebiet fest und treiben mit gesetzter Genua in Richtung Nordost, mit durchschnittlich 3 Knoten. Der Wind weht mit maximal 7 Knoten.

Bis Mittwoch wird die Flautenlage voraussichtlich anhalten, mit durchschnittlichen Windgeschwindigkeiten von 6 Knoten. Da können wir nicht viel an Fahrt herausholen – die KAMI ist mit fast 11 Tonnen einfach zu schwer.

Der Himmel ist größtenteils bedeckt, nur selten zeigt sich die Sonne. Vielleicht versuchen wir es heute einmal mit dem Gennaker, dem großen Leichtwindsegel. Mal sehen …

Sonst gibt es heute nichts weiter zu berichten.

23. Etmal 112 Seemeilen

18.06.2023 – 12:00 Uhr UTC

24. Seetag

Etmal: 112 sm (kaum Wind)

Gesamtsumme: 2955 sm


Wind aus S – SW

Segelstellung: Großsegel kompl. gerefft, Genua voll

Speed über Grund: 5 kn

Nach unserem gelangweilten Nachmittag gehen wir mit 7 Knoten Fahrt in die Nacht. Es scheint tatsächlich so, dass wir die meisten Erlebnisse während der Nachtstunden haben – so auch in dieser.

Gegen 21 Uhr lege ich mich in die Koje. Mein Kopf schmerzt etwas, da mir der regelmäßige Schlaf fehlt. Nach etwa einer Stunde werde ich vom Schlagen des Großsegels geweckt. Karsten steht oben am Steuerstand und probiert verschiedene Kurseinstellungen, doch es hilft nichts – Flaute!

Um das Material zu schonen (die Segel schlagen bei Flaute zu stark, wenn eine Böe kommt), beschließen wir, die Segel einzuholen – was wir dann auch unverzüglich im einsetzenden Regen tun. Währenddessen tauchen plötzlich drei Frachtschiffe auf unserem Kartenplotter auf. Den ganzen Tag über hatten wir keine anderen Schiffe gesichtet, und jetzt auf einmal drei gleichzeitig?

Eines der Containerschiffe ruft uns sogar über Funk. Man erkundigt sich, ob bei uns alles in Ordnung sei, da man hier, mitten im Nordatlantik, selten Segelboote sehe. Wir freuen uns über das Interesse des Containerriesen und wünschen uns gegenseitig eine gute Weiterfahrt.

Sebastian hatte uns in seiner letzten E-Mail mindestens vier Flautentage vorhergesagt – Tage mit wenig bis gar keinem Wind. Es gibt derzeit keine besseren Alternativen für uns. Wir entscheiden uns, die Maschine zu starten, um zumindest ein paar Meilen zu machen. Zuvor informieren wir uns noch einmal im Netz über den Dieselverbrauch der verbauten Yanmar-Schiffsdiesel. Bei 1.200 Umdrehungen, was etwa 3 Knoten pro Stunde entspricht, verbrauchen wir ca. 1,6 Liter Diesel. Das würde am Tag etwa 40 Liter Diesel für 72 Seemeilen bedeuten.

Wir stellen den Autopiloten auf 48° Nordost ein und lassen die KAMI unter Maschinenkraft in diese Richtung schieben. Gegen 3 Uhr morgens ertönt plötzlich ein Alarm. Hochgeschreckt vom Piepen lese ich die Meldung „Kurs kann nicht gehalten werden“. Ich gehe nach oben zum Steuerstand und spüre kräftigen Wind. Wie aus dem Nichts bläst es auf einmal mit 23 Knoten. Die Maschine, die fast im Standgas lief, konnte dagegen nicht gegensteuern. Ich öffne die Genua (Vorsegel), und schon nimmt die KAMI wieder Fahrt auf – 4 bis 5 Knoten. Das freut mich, die Maschine kann nun wieder aus.

Als ich danach den Salon betrete, fällt mir eine blinkende rote Anzeige am Schaltpanel auf – Bilgenalarm im Backbordrumpf. Ich eile nach unten und nehme die Bodenplatten hoch. Tatsächlich stehen dort etwa 2 Liter klares Wasser. Wo kommt das denn jetzt wieder her? Das Wasser in der Steuerbordbilge kennen wir ja, aber nun auch im Backbordrumpf? Unverständnis macht sich breit. Wir müssen das im Auge behalten. Kleine Mengen werden von der Automatikpumpe zum Glück schnell abgesaugt.

Zum Frühstück gibt es heute aufgebackene Sonntagsbrötchen, und wir genießen sie. Angetrieben nur von unserem Vorsegel steuern wir weiter auf das nächste Flautengebiet zu. Es zieht sich sehr im Moment … wir schaffen nur kleine Etmale.

22. Etmal 82 Seemeilen

17.06.2023 – 12:00 Uhr UTC

23. Seetag

Etmal: 82 sm (Flaute)

Gesamtsumme: 2843 sm


Wind aus S

Segelstellung: Großsegel 2. Reff, Genua 60%

Speed über Grund: 6 kn

Flautentag!
Mit gerefften Segeln treiben wir im Atlantik in einem Flautengebiet. Erst am späten Nachmittag setzt langsam wieder etwas Wind ein (8 Knoten), und wir setzen die Segel. Wie in Zeitlupe bewegt sich das Schiff Richtung Nordosten. Langsam nehmen wir wieder etwas Fahrt auf, und so geht es in die Nacht. Im Durchschnitt macht die KAMI jetzt 7 Knoten. Am Morgen nehmen dann auch die Wellen wieder zu, und wir segeln am Rand eines kleinen Tiefdruckgebiets entlang.

Flautentage werden zum ausgiebigen Baden im Ozean genutzt.

So wird es erst einmal weitergehen, bis wir am Montagmorgen vermutlich im nächsten Flautengebiet feststecken. Wir versuchen, uns von Tag zu Tag weiter nach Norden vorzuarbeiten, um schließlich die Spitze Schottlands zu erreichen. Im Moment ist es sehr mühsam! Auch die Sonne bekommen wir kaum zu sehen. Es ist wolkig, bedeckt und regnet seit heute früh fast ununterbrochen. Momentan fegen erneut kräftige Windböen über uns hinweg. Die Wellenberge tragen weiße Schaumkronen, und das Seewasser spritzt aus allen Richtungen aufs Vorschiff. Der Wind pfeift durch die Türritzen.

Gemütlich!

21. Etmal 129 Seemeilen

16.06.2023 – 13:30 Uhr Ortszeit – 14:30 UTC
22. Seetag

Etmal: 129 sm

Gesamtsumme: 2761 sm


Wind aus SW

Segelstellung: Großsegel 1. Reff, Genua 80%

Speed über Grund: 6 kn

Wir machen am Nachmittag noch gute Fahrt und überlegen, was wir zum Abendessen zubereiten wollen. Im Kühlschrank haben wir noch etwas Mischgemüse, dazu möchten wir Bratwurst und Reis kochen. Als wir jedoch im Salon unter der Sitzecke die Vorratskiste öffnen, schlägt uns ein seltsamer Geruch entgegen – eine Mischung aus Apfelessig und saurer Sahne. Es muss Wasser eingedrungen sein. Eine Katastrophe!
nDer große Reissack ist zu zwei Dritteln verdorben (6 kg schlecht), fünf Nudelpackungen sind hinüber, und auch die Linsen und Spaghetti sind unbrauchbar. Was für ein Verlust! Aber mit den verbleibenden 3 kg Reis, 2 kg Nudeln und mindestens 5 kg Kartoffeln werden wir nicht verhungern.

In der Nacht kommen uns fünf Frachtschiffe entgegen, darunter drei große Containerschiffe der Reederei Maersk, ein LNG-Tanker und ein normales Frachtschiff. Wir nähern uns bis auf 2 Meilen, aber alles verläuft reibungslos, und wir passieren uns sicher. Trotzdem sind wir vor allem nachts immer sehr angespannt, wenn wir auf dem Kartenplotter entgegenkommende Schiffe erkennen.

Karsten studiert die Seekarte

Seit heute Vormittag stecken wir in einer Flaute fest. Erst in der Nacht soll sich wieder etwas Wind einstellen. Wir nutzen die windstille Zeit für Putzarbeiten, füllen die Dieseltanks aus den Kanistern nach und produzieren frisches Wasser. Morgen wird uns ein Tiefausläufer aus südlichen Richtungen mit Regen und Windböen bis zu 30 Knoten treffen. Heute Abend kehrt also Ruhe auf dem Schiff ein – die perfekte Gelegenheit für einen Grillabend.

20. Etmal 140 Seemeilen

15.06.2023 – 13:30 Uhr Ortszeit – 14:30 UTC

21. Seetag

Etmal: 140 sm

Gesamtsumme: 2.632 sm


Wind aus SW

Segelstellung: Großsegel voll, Genua voll

Speed über Grund: 6 kn

Der restliche Tag vergeht eher unspektakulär. Am späteren Nachmittag füllen wir unsere Wassertanks mit 300 Litern frisch produziertem Wasser. Zum Abend gönnen wir uns wieder eine heiße Dusche. Die Temperaturen sind zurzeit mit tagsüber 16 bis 18 Grad und nachts um die 14 Grad nicht besonders sommerlich. Wir laufen daher nur in langen Klamotten auf der KAMI herum, abends und nachts zusätzlich noch mit einer Fleecejacke.

Mit guter Fahrt tauchen wir in die Nacht ein. Das Schiff pflügt wieder mit 6 bis 10 Knoten durch die Wellen. Der Mast und die Schoten knarzen im Wind, und wir finden unten in den Kojen mal wieder keinen Schlaf. Im Salon legen wir unsere Köpfe auf die Kissen, und einer nach dem anderen döst ein. Alle 60 Minuten wachen wir kurz auf und werfen einen Blick auf den Kartenplotter. Alles in Ordnung – kein Schiff in der Nähe. Schon sind die Augen wieder zu. So zieht sich das Prozedere bis zum späten Vormittag hin.

Der Himmel ist grau und es ist immer noch kühl. Die KAMI macht weiterhin gute Strecke. Wir frühstücken sehr spät und besprechen unseren weiteren Tagesablauf. Vielleicht abends mal die Angel auswerfen? Und sonst? Hmm … Bei dem Wellengang fällt es schwer, richtig „klar Schiff“ zu machen.


Wir entscheiden uns, morgen, bei dem erwarteten Schwachwind, mal wieder „aktiv“ zu werden. Auf der Liste stehen: Teibstofftanks aus den Kanistern nachfüllen, Salon wischen, Küchenschränke reinigen (es finden sich immer noch Spuren des Orangensaft-Malheurs), zwei Waschmaschinen durchlaufen lassen und die Bäder putzen.

Uns geht es gut – es läuft – und die KAMI macht trotz ihrer Blessuren einen guten Job!

19. Etmal 163 Seemeilen

14.06.2023 – 12:00 Uhr Ortszeit – 14:00 UTC
20. Seetag

Etmal: 163 sm

Gesamtsumme: 2.490 sm


Wind aus W / SW

Segelstellung: Großsegel voll, Genua voll

Speed über Grund: 6 kn

Nachmittags, beim Reffen des Großsegels, muss ich aufs Vorschiff und mich nach hinten zum Baum hangeln, um das abgelassene Tuch ordentlich im Lazy Bag zu verstauen. Natürlich mit Weste und ordentlich gesichert (eingepickt) – der Bereich rund um den Baum ist an Bord der gefährlichste, hier wurden schon etliche Segler erschlagen. Beim Verstauen des Segeltuchs entdecke ich oben auf dem Bimini-Dach einen etwa 20 cm langen Riss. Ach, wie ärgerlich … Vor zwei Tagen im Starkwind hatten wir bereits bemerkt, dass der Baum bei Wellengang und Böen gelegentlich das Bimini-Gestell touchiert.
 Auf den Social-Media-Kanälen lesen wir, dass auch andere Lagoon-Besitzer über diesen werftseitigen Konstruktionsmangel klagen. Die Lösung wäre, eine niedrigere Sprayhood zu installieren. Die Kosten inklusive Rahmen und neuer Verdeckteile würden sich auf knapp 4.000 Euro belaufen. Grrrr …

Riss im BIMINI Dach

Bei 4 Meter hohen Wellen gehen wir in den Abend und in die Nacht. Ganz nach dem Motto „Und täglich grüßt das Murmeltier“ machen wir, wie in der vorherigen Nacht, ordentlich Fahrt. Mit Böen bis zu 36 Knoten kämpfen wir uns durch die steilen Wellenberge. Erst am Vormittag beruhigt sich die Lage etwas.

Heute wäre eigentlich unser „Bergfest“. Doch die gerade eingetroffene E-Mail von Sebastian verdirbt uns die Stimmung. Wir werden den Anschluss an das jetzige Tief leider rasch verlieren (wir sind zu langsam) und stehen deshalb mindestens sechs windarme Tage bevor. Oh nein!

Das nachrückende Tiefdruckgebiet, auf das wir gehofft haben, wird uns wohl verfehlen. Das sich gerade neu bildende Tiefdruckgebiet aus Richtung Bahamas braucht mindestens eine Woche, um uns zu erreichen. Für Samstag ist sogar eine „0“-Flaute vorhergesagt. Es wird also erst mal im Schneckentempo weitergehen. Das Wetter ist wirklich nicht normal! Momentan leiden auch hunderte andere Segler – ein schwacher Trost.

Wir verschieben unsere Ankunftsprognose vom 7.7. auf den 14.7.!

Heute Nachmittag werden Wind und Wellen einschlafen. Wir setzen dann wieder alles an Segeln, was wir haben, in der Hoffnung, noch ein paar Meilen zu hamstern. Unser Wassertank ist auch fast leer. Um den Vorrat aufzufüllen, müssen wir den Wassermacher eine Stunde laufen lassen, um 100 Liter Trinkwasser zu erzeugen.

Gerade eben haben wir uns mal wieder ein „gutes“ Frühstück gegönnt: Zwei Spiegeleier auf Toast mit gebratenem Bacon. Hmm, lecker … In den letzten Tagen gab es aufgrund der Wellen meist nur Müsli & Co.

Für den „0“-Tag am Samstag haben wir uns vorgenommen, den Bordaußengrill anzuwerfen. Der Tiefkühler ist noch ordentlich mit Steaks & Co. gefüllt. Ich werde mich auch mal mit dem Gasbackofen beschäftigen.
 Karsten hat ja Dinkelmehl aus Deutschland mitgebracht. Also werden wir am Wochenende mal ein Brot backen!

Der Brotteig wird angesetzt und darf dann ordentlich „gehen“.

18. Etmal 185 Seemeilen

13.06.2023 – 12:00 Uhr Ortszeit – 14:00 UTC

19. Seetag

Etmal: 185 sm

Gesamtsumme: 2.327 sm


Wind aus W

Segelstellung: Großsegel 1. Reff, Genua 80%

Speed über Grund: 8 kn

Im Laufe des gestrigen Nachmittags hat sich das Wetter ein wenig beruhigt. Für drei Stunden kam die Sonne heraus, und die Wellen flachten auf etwa 2 Meter ab. Wir nutzten die Nachmittagsstunden zum Ausruhen und Schlafen, denn in der vorherigen Nacht war daran ja nicht zu denken.

Abends nahmen Wind und Wellen wieder zu. Wir saßen im Cockpit und diskutierten unsere weitere Routenplanung. Nach reichlicher Abwägung entschieden wir, Schottland doch in unsere Auswahl aufzunehmen. Jetzt müssen nur noch die Bedingungen passen … Wir werden sehen – wir sind ja flexibel!

Nachdem wir unsere Position auf der Nordatlantikkarte markiert hatten, stellten wir fest, dass morgen unser mathematisches „Bergfest“ ist. Von den geplanten 4.500 Seemeilen haben wir dann die Hälfte geschafft, und auch bei der Tageskalkulation (ca. 40 Seetage) liegen wir zur Hälfte. Unter Idealbedingungen könnten wir am 7. Juli in Rostock einlaufen. Hmm, wir sind aber Segler (oder gehören halb dazu) – daher machen wir uns hier nicht allzu viel Hoffnung. Wer weiß, wie oft und wie lange wir noch kreuzen müssen, um voranzukommen, und wie viel Zeit dadurch noch verloren geht.


Bis zur Dunkelheit blieben wir draußen im Cockpit und machten uns einen musikalischen Abend. Jeder spielte über Apple Music einen Musiktitel an, und der andere musste Titel und Band erraten. Wir aßen Fertigpizza und gefüllte Pizzataschen (geschmacklich so lala) und tranken Cola. So verging die Zeit wie im Flug, und wir gingen in die Nacht.

Wie erwartet, dauerte es nicht lange, und das Gebolze begann genauso wie in der vergangenen Nacht. Lediglich der Auftreffwinkel der Wellen war ein wenig anders, sodass es für uns etwas erträglicher war.
In den Morgenstunden nahm die Wellenintensität weiter zu, und wir hatten nun etwa 4 Meter hohe Wellen mit einigen größeren Ausreißern. Schreckmoment: Beim Auftreffen einer Welle beschleunigte die KAMI auf 17,2 Knoten – das ist viel zu schnell! Lagoon gibt eine Maximalgeschwindigkeit unter Segeln von 15 Knoten vor. Wir werden wohl noch mehr Segelfläche einholen müssen. Von der Wellenreiterei sind wir etwas genervt, denn man kann sich kaum vernünftig bewegen. Wir müssen auch wieder Wasser machen und hoffen, dass sich das Wellenbild in den nächsten Tagen wieder normalisiert. Wir würden morgen Abend gerne zur Feier des Tages den Grill anwerfen, aber im Moment ist das undenkbar.

Da heute noch stärkere Böen von bis zu 36 Knoten zu erwarten sind, wollen wir später ins zweite Reff gehen. Lieber konservativer segeln. In der letzten Nacht waren wir einfach zu schnell unterwegs …

17. Etmal 179 Seemeilen

12.06.2023 – 12:00 Uhr Ortszeit – 14:00 UTC

18. Seetag
Etmal: 179 sm

Gesamtsumme: 2.142 sm


Wind aus SW

Segelstellung: Großsegel 1. Reff, Genua voll

Speed über Grund: 8 kn

Am Nachmittag kommt etwas die Sonne heraus, und die KAMI fährt mit korrektem Kurs auf Nordost. Durch das Absurfen und das Gegenstemmen der Wellen hat Karsten wieder Probleme mit seinem Magen (Seekrankheit?). Mit einem Vitamin-C-Kaugummi liegt er jetzt draußen im Cockpit und ruht. Hoffentlich fällt er mir nicht aus.

Die Wellenfahrt wird sich in den nächsten Tagen leider kaum ändern. Wir machen um die 7 Knoten Fahrt, werden aber abends ins erste Reff gehen, da für die Nacht Böen über 23 Knoten vorhergesagt sind.

Die Tagesetmale werden auf der Seekarte vermerkt.

Ich nutze den Nachmittag für etwas Internet-Recherche zu unserer Route und finde Hinweise von anderen Seglern. Das Seegebiet Schottland – Skagerrak – Kattegat soll sehr anspruchsvoll sein. Zum einen ist das Verkehrsaufkommen dort sehr hoch, zum anderen herrschen wegen der Gezeiten und Strömungen schwierige Bedingungen. Auch das Wetter spielt eine große Rolle. Ich schreibe Sebastian von Wetterwelt an und frage nach seiner Einschätzung. Außerdem kontaktiere ich Martin Daldrup von der „Jambo“, der vor einigen Jahren ebenfalls von West nach Ost über den Atlantik und dann über Schottland in die Nordsee gesegelt ist. Er segelt derzeit mit seiner Lebensgefährtin Anke in den USA. Schon nach 15 Minuten erhalte ich über den Facebook-Messenger seine Antwort: „Hallo Mike, im Pentland Firth etwas aufpassen, ansonsten alles easy. Gute Fahrt!“

Nun warte ich noch auf Sebastians Antwort, die vermutlich im Laufe des Tages (Montag) per E-Mail kommen wird. Plan B wäre (falls das Wetter nicht mitspielt), über die Azoren, die Biskaya und den Ärmelkanal in den Nord-Ostsee-Kanal (NOK) und dann in die Ostsee zu fahren – was ich eigentlich vermeiden möchte. Mal sehen …

Die Nacht bricht herein, und Poseidon ist mehr als schlecht gelaunt. Innerhalb einer Stunde fallen Starkwinde über uns her, die uns Hören und Sehen vergehen lassen. Die schlimmste Nacht der letzten 16 Seetage erwartet uns, begleitet von einem höllischen Gebrüll und donnernden Wellen von durchschnittlich 3 Metern Höhe. Immer wieder werden wir von einzelnen Wellen von bis zu 4 Metern getroffen. Die Wellen schlagen mit solch enormer Kraft auf das Schiff ein, dass sich alles Bewegliche an Bord selbstständig macht. Lampen, Tassen und Handys fliegen durch den Salon. Nicht gesicherte Schranktüren schlagen auf, und deren Inhalte verteilen sich schlagartig in den Ecken. Der Wind pfeift durch Türen und Luken, dass es einem graust. Ein Wasserschwall nach dem anderen schießt durch das Trampolin auf das Vorschiff. Die Gischt, die beim abrupten Eintauchen der KAMI in die Wellen entsteht, wirkt fast explosionsartig. Besonders beunruhigt sind wir, wenn die Wellen uns schräg von achtern treffen, das Schiff seitlich versetzen und wir uns wie auf einem Teller drehen. In diesen Momenten erreicht das Schiff eine Gleitgeschwindigkeit von bis zu 14 Knoten, bremst aber bald wieder auf 7 Knoten ab. Unser Autopilot leistet Schwerstarbeit. Wir müssen in der Nacht zweimal den Generator anwerfen, um den enormen Energieverlust auszugleichen. An Schlaf ist in dieser Nacht nicht zu denken. Wir klammern uns im Salon in halb liegender, halb sitzender Position an Sitzbank und Tisch. Wir sind erschöpft, und unsere Körper fallen in intervallartigen Sekunden- und Minutenschlaf. In diesem Zustand harren wir aus, bis der Tag anbricht und die Sonne die Dunkelheit verdrängt. Endlich können wir die bedrohlichen Wellenberge sehen und nicht nur hören.

Langsam beruhigt es sich „etwas“. Wir kochen uns unter artistischen Verrenkungen einen Kaffee und knabbern an kleinen Schokocookies. Wir setzen unseren Kurs noch etwas weiter nach Osten ab und holpern nun auf 70°. Immer wieder purzelt ein Gegenstand durch den Salon …

In den kommenden Stunden müssen wir unbedingt etwas Schlaf finden, denn die nächste Nacht verspricht kaum besser zu werden. Laut unserer Planung wird sich die Lage im Großen und Ganzen auch bis Dienstag kaum ändern. Vielleicht reffen wir heute Abend die Genua noch etwas ein.

Karsten brät uns ein wenig Speck, dazu gibt es Toast und vielleicht ein Ei. Das wird unser heutiges Bordmahl sein. Die See nimmt schon wieder zu, obwohl wir erst die Mittagsstunden erreicht haben.

Mit gesenktem Blick und tiefer Ehrfurcht rufen wir Poseidon an – sei milde mit uns!

16. Etmal 141 Seemeilen

11.06.2023 – 12:00 Uhr Ortszeit – 15:00 UTC

17. Seetag

Etmal: 141 sm

Gesamtsumme: 1.964 sm


Wind aus W

Segelstellung: Großsegel voll, Genua voll

Speed über Grund: 7 kn

Wir haben die nächste Zeitzone erreicht und somit verringert sich der Zeitunterschied nach Hause auf -4 Stunden. Auf der Papierkarte des Atlantiks tragen wir unsere Position ein und stellen fest, dass wir jetzt „richtig“ draußen sind – mitten auf dem Atlantik, weit weg von jeder Küste. Wahnsinn!

Gestern Abend fällt unser Abendessen mal wieder etwas üppiger aus. Vielleicht liegt es daran, dass sich das Wellenbild etwas beruhigt hat und wir dadurch mehr Appetit bekommen haben. Unsere letzten frischen Vorräte sind nun fast vollständig aufgebraucht oder verdorben. Karsten zaubert uns einen letzten leckeren Salat mit Tomaten, Paprika, Zwiebeln und Eisbergsalat. Dazu gibt es eingelegte amerikanische Gewürzgurken und scharfe Bratwürste. Fantastisch!

Karsten beim Abendbrot zaubern.

Unser Obst, abgesehen von ein paar Äpfeln, hat nur 7 bis 10 Tage überlebt. Besonders die Bananen und Südfrüchte sind schnell schlecht geworden. An Gemüse haben wir noch einige Kartoffeln, Zwiebeln und Möhren. In der warmen, salzigen Seeluft scheint alles rasend schnell zu verderben. Bevor es 2025 auf Langfahrt geht, müssen wir uns in dieser Hinsicht noch etwas einfallen lassen (zum Beispiel Vakuumieren, Einkochen usw.).

Vermutlich durch die heftigen Regenfälle der letzten Tage scheint alles auf dem Schiff „klamm“ zu sein. Selbst Bettzeug und Kissen trocknen nicht richtig, sodass man sich immer wieder in feuchte Betten legen muss – wahrlich kein angenehmer Zustand. Auch die frische Wäsche im Schrank fühlt sich feucht an. Nicht schön! Wir werden uns wohl einige dicht schließende Plastikkisten besorgen und ein Lager- und Staukonzept entwickeln müssen, um dem in Zukunft entgegenzuwirken.

Die Nacht war wieder sehr laut, und es kam viel Wasser von oben. Ein Weißschwanz-Tropikvogel hat uns stundenlang umkreist. Besonders unser grünes Positionslicht auf der Steuerbordseite scheint ihm gefallen zu haben. Selbst in den Sturmböen flog er mit einer beeindruckenden Leichtigkeit.

In den Morgenstunden halsen wir mit der KAMI auf Kurs Nordost. Das angekündigte Starkwindpeak gegen 8 Uhr blieb aus, und so haben wir das Schiff in den nun herrschenden Westwind gedreht. Das Manöver hat uns wieder etwas dazulernen lassen. Es blies mit 20 Knoten, und wir versuchten mehrmals, selbst mit Hilfe der Maschinen die KAMI in den Wind zu drehen – ohne Erfolg. Also erst die Segel wieder runter, beide Maschinen dazu, in den Wind gedreht und das Großsegel bis zur Hälfte gesetzt. Danach der Dreher in Zeitlupe, und anschließend mit etwas Druck das restliche Segeltuch ausgebracht. Profis hätten das wahrscheinlich in 5 bis 10 Minuten geschafft, bei uns dauerte der „Tanz“ fünfmal so lange.

Aber: Alles ist heil geblieben, wir sind auf Kurs und machen Fahrt!

Apropos alles heil: Der Schaden am Vorsegel hat sich ausgeweitet. Nun scheint sich das Cover über die gesamte Länge (1 Meter) gelöst zu haben. Trotzdem wirkt das Segel stabil, und wir hoffen weiterhin, dass es sich bei dem gelösten Stück Tuch nur um eine Art „Aufnäher“ zur Verstärkung oder einen vernähten UV-Schutz handelt. Die darunterliegende Tuchschicht müsste also das eigentliche Segelmaterial sein. Ein Loch oder Riss ist jedenfalls nicht zu sehen. Wir behalten es im Auge!

Zwischenzeitlich hat sich der Himmel wieder zugezogen, und mit Wellen von achtern und seitlich an Backbord steuern wir Richtung Nordost. Laut Vorhersage bleibt der Wind in den nächsten Tagen auf West bis West-Nordwest. Das passt perfekt. Wir müssen nur nah genug am ablaufenden Tief bleiben, um dessen Wind einzufangen. Hinter uns kündigt sich bereits das nächste Hochdruckgebiet an, was wir segeltechnisch gar nicht gebrauchen können, denn damit sind oft Flauten verbunden. Bleibt abzuwarten, wie sich das Wetter in den kommenden Tagen entwickelt.

15. Etmal 110 Seemeilen

10.06.2023 – 12:00 Uhr Ortszeit – 15:00 UTC

16. Seetag

Etmal: 110 sm

Gesamtsumme: 1.823 sm


Wind aus S – SW
Segelstellung: Großsegel im 2. Reff, Genua voll

Speed über Grund: 7 kn

Das Tiefdruckgebiet beruhigt sich am späten Nachmittag, und es kommt sogar kurz die Sonne heraus.

Wir überprüfen die Segel und stellen das nächste Malheur fest:
An unserem Genuasegel (Vorsegel) hat sich in der Höhe der ersten Saling (Querstrebe am Mast) das Segeltuch – oder vermutlich ein aufgenähtes Cover (es sieht aus wie ein 1×1 Meter großer verstärkender Flicken) – etwas abgelöst und flattert im Wind. Es sieht aus wie ein zerfetztes Stück Stoff.
Vermutlich haben wir bei einem Reffmanöver das Tuch nicht straff genug geholt, sodass das Segel an der Saling gescheuert (schamfielt) hat und sich dadurch die Naht gelöst hat. Es könnte aber auch sein, dass dieser besagte Flicken nur aufgeklebt war. Von unten ist das nicht auszumachen. Da die Genua auf einer Rollreffanlage montiert ist, können wir das komplette Genuafall bei den aktuellen Windbedingungen nicht herunterlassen. Wir müssen den Schaden im Auge behalten und hoffen, dass der Grundstoff des Segels nicht einreißt. Ab sofort ist also ein besonders vorsichtiger Umgang mit der Genua angesagt.

Wir gehen mit der gesicherten Segelstellung im Reff in die Nacht, da einige kräftige Böen gemeldet sind. Spätestens ab heute Morgen müssen wir das nächste Tiefdruckgebiet durchsegeln, und es sind Starkwinde mit größeren Böen vorhergesagt. Der Nachteil unserer konservativen Segelstellung ist der Geschwindigkeitsverlust, was das heutige Etmal (die gesegelte Strecke) gut zeigt.

In der Nacht bemerke ich, dass sich das Segelboot „Calinka“ unserer Position bedenklich nähert. Das ist nachts nicht besonders angenehm, denn unter Segeln lassen sich Ausweichmanöver, besonders bei starkem Wind, nicht so schnell umsetzen. Zudem ist es stockdunkel da draußen. Da unsere Batteriekapazitäten wieder in Richtung 11 Volt sinken, entscheide ich, die Steuerbordmaschine zu starten, um uns von dem nahen Segelboot abzusetzen und einen akzeptablen Sicherheitsabstand zu erreichen. Nach einer Stunde liegt die „Calinka“ etwa 3 Seemeilen hinter uns, was ausreichend sein sollte. Also Maschine wieder aus.

Ein Blick auf den Kartenplotter zeigt, dass das Segelboot beharrlich unserer Kurslinie folgt. Wollen die sich wirklich an uns, zwei Segelanfänger, heften? Unglaublich! Seit nunmehr 36 Stunden „klebt“ das schwedische Segelboot an uns. Hmm…

In den frühen Morgenstunden höre ich über Funk jemanden das „Segelboot“ rufen. Ich schaue auf unseren Kartenplotter und sehe einen großen Tanker in unmittelbarer Nähe (1,5 sm) zur „Calinka“.
Kollisionskurs!
Der Tanker wiederholt seinen Funkruf insgesamt sechs Mal, doch von der „Calinka“ kommt keine Reaktion. Mit einem Manöver in letzter Sekunde macht der Tanker einen Schlenker, weicht dem Segelboot aus und setzt sich dann schnell mit 15 Knoten Fahrt ab. Völlig verwirrt versuche ich, das Erlebte zu analysieren. Mir fällt ein, dass Karsten bei seinem gestrigen Funkgespräch mit der „Calinka“ nach deren Anruf darum bat, vom allgemeinen Anruf- und Notrufkanal 16 auf den Arbeitskanal 6 (Ship-to-Ship) zu wechseln – gut gemacht, Karsten! Das macht man, um den Notrufkanal für die übrige Schifffahrt freizuhalten. Vielleicht hat die „Calinka“ vergessen, nach dem Gespräch wieder auf Kanal 16 zurückzuschalten? Das würde erklären, warum der Tanker keine Antwort bekam. Oder vielleicht hat der Skipper einfach nur geschlafen. Es bleibt mysteriös!

Heute früh gönnen wir uns wieder einen Kaffee und ein ordentliches Frühstück. Kurz danach nutzen wir die etwas ruhigere Zeit, um die Bordduschen zu verwenden. Ich selbst verspüre das Bedürfnis, mich zu rasieren, während Karsten seinem „Gangerl-Style“ treu bleibt, lach. Gegen 10:30 Uhr kommt es dann wie erwartet: Die Wellen beginnen sich aufzutürmen und drücken mit ordentlich Wind von achtern in das Schiff. Schnell nehmen wir Fahrt auf und erreichen in den Peaks und Wellentälern, die wir absurfen, bis zu 10 Knoten Geschwindigkeit. Im Schnitt liegen wir momentan zwischen 7 und 8 Knoten. Perfekt! Mit den achterlichen Wellen ist es auch im Schiff einigermaßen auszuhalten. Wir entspannen uns, frisch geduscht, im Salon und hören Podcasts rund ums Segeln.

Bis morgen Vormittag soll es im „Groben“ so bleiben: Windstärken von 5 bis 6 Beaufort, in Böen 7. Ein paar Starkböen werden uns noch treffen, aber am Sonntag beruhigt sich das Wetter wieder, und der Wind dreht in den kommenden Tagen auf West, sodass wir unseren Kurs weiter nördlich absetzen können (Richtung Azoren).

Auf dem Foto seht ihr das Plotterbild der Beinahe-Kollision: Die beiden weißen Dreiecke im oberen Bereich. Die gestrichelten Linien vor den Dreiecken zeigen den Fahrtenabstand der nächsten 60 Minuten. Unten seht ihr die KAMI. Die blaue Linie zeigt den reinen Steuerkurs über 60 Minuten, die rote Linie den tatsächlichen Kurs, inklusive Versatz durch Wind, Strömung und Wellen.

14. Etmal 146 Seemeilen

09.06.2023 – 12:20 Uhr Ortszeit – 15:20 UTC

15. Seetag

Etmal: 146 sm

Gesamtsumme: 1.714 sm


Wind aus S – SW

Segelstellung: Großsegel im 2. Reff, Genua 80%

Speed über Grund: 7 kn

Am Nachmittag schauen wir hoch zum Großsegel und stellen fest, dass die Dirk (ein Seil von der Mastspitze zum Ende des Baums) an mehreren Stellen durchgescheuert ist. Wir hatten am Tag zuvor vergessen, die Dirk nach einem Manöver wieder richtig frei zu geben. So lag sie unter Spannung auf dem durch Wind ausgebauchten Großsegel und rieb an den mittleren Segellatten. An einer Stelle hielt die Dirk nur noch an zwei Polyesterseelen – sie war also kurz davor, komplett zu reißen.
Wir schnitten die beschädigten Teile, etwa zwei Meter, mit dem Messer heraus und verknoteten die Enden mit Palstek-Knoten. Dieses Provisorium muss nun bis Rostock halten. Es war ohnehin geplant, das laufende Gut durch neue Leinen zu ersetzen.

Die durchgescheuerte Dirk muss repariert werden.

Am Abend nimmt der Wind immer weiter zu, und die Wellen schütteln die KAMI ordentlich durch. Da für die Nacht und den frühen Morgen Windböen von über 28 Knoten vorhergesagt sind, reffen wir das Großsegel ins zweite Reff und rollen in den Morgenstunden auch das Genuasegel auf 80 % ein. Sicher ist sicher! Unermüdlich gräbt sich die KAMI durch die nun etwa drei Meter hohen Atlantikwellen. Trotz der gerefften Segel machen wir etwa 7 Knoten Fahrt, beim Absurfen der Wellen erreichen wir sogar 10 Knoten.
Der Autopilot muss kräftig arbeiten, um das Schiff durch die Wellen zu steuern. Kein Wunder also, dass wir in der Nacht mehrmals den Stromgenerator starten müssen, um die Batterien wieder aufzuladen. Gegen 4 Uhr fällt mir jedoch auf, dass die Ladeanzeige eher abnimmt als zunimmt. Irgendetwas stimmt nicht. Obwohl das Tuckern des Generators zu hören ist, zeigt das Voltmeter „0“ an. Komisch – was ist jetzt schon wieder los?

Ich erinnere mich, wo der Sicherungskasten des Generators ist, und schaue nach. Alle Sicherungen stehen auf „off“. Ich vermute einen Kurzschluss im Warmwasserboiler (Heizelement), da ich mir den Ausfall sonst nicht erklären kann. Nachdem ich den Boiler ausgeschaltet habe und die Sicherungen wieder einlege, läuft der Generator wieder einwandfrei und produziert fleißig Strom. Situation gerettet! Das Thema Warmwasserboiler stellen wir erstmal hinten an – im Moment bläst es draußen viel zu stark, und unser Fokus liegt gerade auf der Besegelung.

Das Tiefdruckgebiet tobt weiterhin unerbittlich, sodass wir seit dem Morgengrauen jeder nur einen Apfel gegessen haben. An Kaffee kochen ist gerade nicht zu denken, es sei denn, wir hätten eine artistische Ausbildung. Stellt euch vor, ihr steht auf einem Balanceboard und versucht, kochendes Wasser in eine Kanne zu gießen – keine gute Idee!

Der Höhepunkt des Tiefs soll gegen 14 Uhr erreicht sein. Wir hoffen, dass sich die See bis dahin etwas beruhigt, damit wir wieder unserem Tagwerk nachgehen können. Im Moment sitzen wir fest auf der Salonbank, und selbst ein Toilettengang fühlt sich wie eine Kirmesfahrt an. In den nächsten Stunden wird der Wind etwas nachlassen, doch leider bleibt uns das raue Wetter auch am Abend erhalten. Am Sonntagmorgen könnten wir Glück haben und ein paar Sonnenstrahlen erhaschen. Danach sollte es wieder etwas angenehmer werden.

Seit heute Nacht fährt das schwedische Segelboot „Calinka“ vor uns her. Wie festgeklebt bleibt der Abstand zwischen uns gleich, und wir verfolgen sie regelmäßig auf dem Kartenplotter (AIS). Auch die „Calinka“ ist zur selben Zeit wie wir von den Bermudas aufgebrochen. Wir vermuten, dass sie ebenfalls Kurs auf die Azoren nimmt. Mal sehen, wie lange unsere kleine Zwei-Boot-Gruppe zusammenbleibt – derzeit ist sie etwa 7 Seemeilen entfernt.

Top-Update: Gerade funkt uns der Skipper der „Calinka“ an und fragt nach Informationen zum aktuellen Sturm. Karsten gibt sein Bestes und teilt ihm in gebrochenem Englisch unsere Wegpunkte mit. Im Großen und Ganzen sagen wir ihm, dass wir Kurs „Osten“ fahren: von 54° West nach 47° West in den kommenden Tagen. In einer Woche dann gerne bei 38° West – Kurs Azoren!

Das Positive im Moment: Wir machen Fahrt (auch wenn es kein Kreuzfahrtfeeling ist) und sind hier draußen nicht ganz allein!