Leinen los …

Die zum Segeln notwendige Windrichtung und die Prognosen sind immer noch nicht optimal. Wir bekommen aber langsam in Warnemünde einen „Lagerkoller“ und entschließen uns daher, die Leinen loszuwerfen und in Richtung NOK (Nord-Ostsee-Kanal) aufzubrechen.

Letzter Abend in Warnemünde

Die Nacht vor unserem Start schlafen wir beide schlecht. Aufregung? Zu viele Gedanken, die im Kopf kreisen? Wir wissen es nicht genau und stehen gegen 6 Uhr früh auf, um mit der aufgehenden Sonne die Leinen loszuwerfen. Die Motoren schnurren mit 1800 Umdrehungen, und wir machen bei Windstärke „0“ und fast spiegelglattem Wasser 6 Knoten Fahrt. Wir stellen den Autopiloten auf die Insel Fehmarn ein, die wir umrunden müssen, um nach Kiel zu gelangen.

Nach dem frühen Start aus Warnemünde genießen wir unser erstes Aussteigerfrühstück gegen 9 Uhr morgens. Very romantic!

Frühstück an Bord

Die lange Fahrtzeit hat Kathi genutzt, um den MOB-Sender (Mann-über-Bord-Sender), den wir extra für Piper gekauft haben, an ihre Schwimmweste zu nähen. Leider gibt es keine fertige Lösung für Offshore-Rettungswesten für Hunde. Also hier: Selbst ist die Frau!

Pipers Rettungsweste

Nach fast 13 Stunden Fahrt unter Motor treffen wir in den Abendstunden in Kiel-Holtenau ein. Über Funk werden wir vom Schleusenwärter gefragt, ob wir noch in den NOK einfahren wollen. Da wir alle drei vom Gebrumme der Maschinen müde sind, verneinen wir, bedanken uns für die höfliche Nachfrage und werfen den Anker gegenüber der Schleuseneinfahrt. Hier liegen bereits etliche große und kleine Freizeitboote und ein größerer Tanker auf Reede.

Die Nacht ist wieder kurz. Gegen 5 Uhr weckt uns Kathis Handy mit einem dröhnenden Alarmgeräusch – die Ankeralarm-App. Wir hatten am Vorabend bei fast 10 Metern Tiefe ca. 50 Meter Ankerkette gesteckt und haben uns in der Nacht mit dem Wind um 180 Grad gedreht. Das quittierte die App mit einem lauten Alarm. Guten Morgen! Wir sind völlig knülle, raufen uns aber rasch auf und schielen rüber zur Schleuse. Komm, lass uns gleich einschleusen. Anker auf und Motoren an – es geht mit einem großen Containerschiff und sechs Segelbooten in die Schleusenkammer. Der Schleusenwärter gibt über Funk durch: „Die Sportschifffahrt bitte an der Backbordseite festmachen.“ An der Steuerbordseite liegt das große Containerschiff und produziert ordentlich Schraubenwasser (sieht aus wie ein brodelnder Whirlpool). Bei der Einfahrt in die Schleuse wundern wir uns, dass das erste Segelboot (ein Trimaran) an der Steuerbordseite anlegt und nicht wie vom Schleusenwärter gefordert an der Backbordseite. Gruppenzwang – wir folgen alle. Aber was macht der Trimaranfahrer? Er stoppt auf der Hälfte der Schleusenlänge und macht sich fest. Da passen wir nicht dahinter. Kathi hat schon Fender und Leinen an der Steuerbordseite angebracht, da kommt der Funkspruch vom Schleusenwärter, wir können auch auf der Backbordseite anlegen. Kathi schnauft und schimpft vor sich hin, löst alle Fender und Leinen und wechselt, während wir schon einfahren, die Seite. Mit etwas zu viel Dampf rauschen wir gegen den in der Schleuse vorhandenen Schwimmsteg. Grrrr … Das war Mikes Schuld. Gott sei Dank keine Beschädigungen am Schiff – nochmal gut gegangen. Wir liegen vertäut in der Schleuse und springen zwischen KAMI und Schwimmsteg hin und her, um Leinen und Fender auszurichten. Die Schwimmstege sind mit einer dicken Algenschicht überwachsen, entsprechend sieht nach der Schleusung unser weißes Deck nicht mehr weiß aus, sondern … Bahhhh …

KAMI in der Schleusenkammer Kiel

Gegen 7:15 Uhr fahren wir dann endlich in Kolonne mit den anderen Booten die ersten 28 Kilometer bis zum Borgstedter See. Hier wollen wir direkt an der Autobahnbrücke der A7 den heißen Tag mit 37 Grad verbringen (baden und den Grill anwerfen) und morgen früh weiter bis zum Ende des NOK (noch 70 Kilometer) fahren. Geplant ist dann das Ausschleusen am Abend, und mit der anfänglichen Gezeitenflut wollen wir in den Amerikahafen in Cuxhaven fahren und dort für ein paar Tage festmachen. Unsere Ankerwinsch lässt sich sporadisch nicht mehr einfahren, was uns heute im Borgstedter See in eine brenzlige Lage gebracht hat. Wir hatten den Anker ausgebracht und sind dann in Richtung der Signaltonnen abgetrieben. Wir wollten den Anker schnell wieder aufholen und unsere Lage korrigieren – leider versagte in diesem Moment die Ankerwinsch. Kurzzeitig Panik. Gemeinsam haben wir dann mit reiner Muskelkraft 10 Meter Kette mit dem anhängenden 25-Kilo-Anker aus dem Wasser gezogen. Als wir das Boot danach etwa 100 Meter verholt hatten, fanden wir den Fehler relativ schnell: ein Kabelbruch an der Elektrowinsch. Das muss repariert werden. Wir werden uns in Cuxhaven einen Monteur suchen, der uns helfen kann. Wir sind optimistisch.

Leider sehen die Wetter- und Windprognosen bis zum Wochenende wieder bescheiden aus. Wann wir weiter nach Helgoland kommen, ist noch offen. Derzeit ändern sich ja die Vorhersagen fast stündlich. Gerade jetzt zieht ein Gewitter mit Regen über uns her, das war schon vor sechs Stunden angekündigt. Wir nutzen den Regen und schrubben das durch die Schleusenaktion verdreckte Deck, bis alles wieder blitzeblank ist. Es ist ja unser Zuhause. Da hat man es gerne ordentlich und rein. lach

Piper leidet auch unter der Hitze. Wir legen sie tagsüber auf Kühlmatten, geben ihr ab und an einen Eiswürfel zum Knabbern und ziehen ihr eine Kühlweste an. Ihr Geschäft hat sie gestern tatsächlich erst abends auf dem Boot verrichtet. Was haben wir sie gelobt! Sie tut sich noch sehr schwer mit dem „Lösen“. Aber wir sind guter Hoffnung. Sie ist ja mit 1,5 Jahren noch ein Teenager. Das klappt schon bald besser. Bestimmt!

Unser Engelchen "böser böser Kampfhund"

Gestern haben wir noch gegen Nachmittag Post von unseren Warnemünder Stegnachbarn erhalten. Sie haben uns eine gute Reise gewünscht und ein Foto, aufgenommen von ihrer Two Princess, von der KAMI beigefügt. Darüber haben wir uns sehr gefreut.

Foto von unseren Stegnachbarn

Alles in allem haben uns eine Vielzahl von Wünschen und guten Zusprüchen erreicht, selbst von Seglern, die wir gar nicht richtig persönlich kennen. Toll. Danke dafür!

Aktueller Trip: Genau 100 Meilen
Fahrtzeit gesamt: 17 Stunden und 26 Minuten

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