Energie – Energie / Brest-Marina du Chateau

Wir liegen in der Ankerbucht vor Postermen in der Bretagne, nahe Brest, und genießen die Ruhe. Leider zeigt sich das Wetter auch hier wenig sommerlich: Der Himmel ist grau, und in regelmäßigen Abständen wird unser Schiff von oben mit Niederschlägen „gereinigt“. Die Sonne lässt sich seit zwei Tagen kaum blicken, und wir bemerken ganz nebenbei, dass unsere Batteriebänke nur noch 56% Kapazität haben. Also werfen wir den Generator an (das Gebrumme erinnert uns sofort an die Fahrt hierher) und berechnen, wie lange es wohl dauert, bis die Batterien wieder voll sind. Nach einer Generatorstunde haben wir gerade mal 2,2% nachgeladen – und das bei knapp 900 Watt Ladestrom!

Die Zeit mit laufendem Generator nutzen wir, um den Wassermacher zu betreiben und eine Ladung Wäsche zu waschen. Nach sechs Stunden schalten wir das Gerät allerdings wieder ab – das ständige Brummen unter der Sitzbank im Cockpit nervt einfach zu sehr. Morgen soll endlich die Sonne scheinen, dann werden die Batterien bestimmt wieder per Solar geladen – denken wir zumindest.

Pustekuchen!

Wir wundern uns über die geringe Solarleistung von nur 180 Watt. Dabei haben wir doch drei große Solarpaneele mit jeweils 280 Watt auf dem Geräteträger – also insgesamt 840 Watt! Irgendetwas stimmt ganz und gar nicht. Fast alles an der KAMI haben wir in den letzten zwei Jahren überholt, an die Solaranlage hat dabei aber niemand gedacht. Ich recherchiere im Internet, wie man mit einer Stromzange die tatsächliche Leistung der Paneele messen kann, ohne eine elektrische Verbindung herstellen zu müssen. Ich prüfe die Spannung bei einer der drei Platten – die anderen beiden sind tot. Das darf doch nicht wahr sein.

Solarpanele auf der KAMI

Wir machen den Test: Ein großes Strandtuch auf die einzige funktionierende Platte gelegt, und siehe da – auch die letzten 140 bis 180 Watt verschwinden in unserem Victron Cerbo GX, die Anzeige zeigt „0“. Und nun? Ständig den Generator laufen lassen? Nein, das muss wirklich nicht sein. Klar, vielleicht sollten wir künftig größere Energieabnahmen wie den Backofen oder Wassermacher mit dem Generator abpuffern, aber im Alltag sollte die Solaranlage den normalen Verbrauch abdecken. Mit einer halb funktionierenden Solaranlage wird das nichts.
Also muss Ersatz her. Gemeinsam sitzen wir an den Laptops und durchforsten das Netz nach passenden Ersatzmodellen. Wir mailen diverse Firmen rund um Brest und suchen auch in Deutschland nach möglichen Lieferanten.

Den Gedanken, das Problem erst auf den Kanarischen Inseln zu lösen, verwerfen wir schnell wieder, als wir lesen, dass Pakete aus dem EU-Raum über 150 Euro Warenwert dort mit Einfuhrsteuer belegt werden. Die Solaranlage muss also noch auf dem europäischen Festland in Ordnung gebracht werden.

Sonntag Nachmittag meldet sich eine französische Solarfirma: Man will uns helfen! Übersetzen und Schreiben auf Französisch läuft dank Perplexity KI super. Der französische Solarspezialist erklärt, dass er eigentlich schon im Urlaub ist, aber erst Donnerstagabend mit der Familie verreist. Bis dahin könnte er versuchen, passende Panele zu beschaffen. Kurze Zeit später folgt jedoch die Nachricht, dass die vorrätigen Platten leider nicht passen, und es sei aktuell schwierig, neue zu organisieren – Ferienzeit eben. Mist!

Wir suchen weiter und stoßen tatsächlich auf eine Dachdeckerfirma nahe Chemnitz, die passende Solarpaneele auf Lager hat. Bestellt für ein früheres Projekt, jetzt über 100 Stück übrig, der Hersteller existiert allerdings nicht mehr – ein echter Glücksfund.

Wir rufen sofort an, und die freundliche Dame am Telefon bietet uns die Platten direkt zur Abholung für 100 Euro das Stück an. Perfekt! Wir beschließen, direkt alle drei zu tauschen – jeweils 300 Watt, macht zusammen 900 Watt Gesamtleistung. Jetzt stellt sich nur noch die Frage: Wie schnell bekommen wir die Platten nach Brest?

Unser Nico macht sich noch am Montag von Werder nach Chemnitz auf den Weg und holt die drei Solarpaneele unkompliziert ab. Zeitgleich recherchiert Micha im Office nach Expressversand-Optionen. Jetzt wird’s spannend: Die Platten wiegen zusammen fast 60 Kilo, ein kleines Paket wird das nicht. Eher eine Palette. Wir checken UPS, FedEx, Hermes, GLS und DHL. Bei den Maßen 170 cm x 100 cm x 3 cm und dem Gewicht finden wir lange keinen Anbieter. Letztlich bleibt nur DHL Express als Geschäftskunde – Versandkosten hoch, aber angesichts des günstigen Kaufpreises akzeptabel.

Wir schreiben dem französischen Solarunternehmer, und er erklärt sich bereit, seine Adresse für die Lieferung zu nutzen. Treffen für den Tausch ist Donnerstagmorgen um 9 Uhr im Hafen von Brest. Ob das wohl klappt? Bis Dienstag 16 Uhr will DHL die Platten abholen und bis Mittwoch 16 Uhr sollen sie in Brest sein – schwer vorstellbar, bei knapp 1.500 Kilometern von Werder bis hierher.

Dienstag, 16 Uhr: Von DHL ist noch nichts zu sehen. Typisch. Alle (Micha, Basti, Mike, Kathi und Nico) sind angespannt. Nach mehreren Telefonaten mit dem Kundendienst stellt sich heraus: Der Fahrer war schon vormittags da, aber unser Büro war nicht besetzt. Wirklich? Er kommt ein zweites Mal zwischen 16 und 17 Uhr – diesmal klappt es. Die Platten werden auf der Palette in den gelben DHL-Transporter verladen, und los geht es. Wir bekommen einen Tracking-Link und verfolgen gespannt alle paar Stunden die Sendungsverfolgung. Gegen 20 Uhr sind die Platten schon im Verteilerzentrum Leipzig, und vermutlich per Frachtflugzeug um 4 Uhr früh bei Paris. Ab Mittwochnachmittag verfolgen wir fast im Minutentakt den Status, bis um 15:50 Uhr: „Sendung zugestellt“ in der Statusanzeige erscheint. Yeah! Wir freuen uns riesig. Jetzt muss morgen früh nur noch alles mit dem Solarexperten klappen.

Am Mittwoch nutze ich die Zeit, um die Verschraubungen und zahllosen Kabelbinder der alten Solarpaneele zu lösen. Die Edelstahlschrauben, Unterlegscheiben und Muttern lege ich in ein Phosphorsäurebad – zwei Flaschen davon haben wir an Bord, um dem Flugrost auf Edelstahlteilen den Garaus zu machen. Das klappt super, alles sieht danach wie neu aus. Wenn wir morgen die alten Platten abbauen, werde ich den Edelstahlrahmen noch mit Drahtbürste und Politur auf Vordermann bringen – zwischen den Platten und dem Rahmen sitzt eine ordentliche Salzkruste von der Gischt der vergangenen Seemeilen.

Während ich mich mit dem Solarpanel beschäftige, putzt Kathi das Schiff von außen. Dabei wird sie von einigen Franzosen beobachtet, die auf der über uns liegenden Hafenmole stehen. Einige rufen etwas hinunter, woraufhin Piper sofort anschlägt und mit lautem Bellen ihren Unmut kundtut. Die Waschmaschine läuft hier im Hafen in Dauerschleife – Strom und Wasser sind inklusive.

Wir hoffen, die drei alten Platten können wir hier in Brest entsorgen, vielleicht nimmt der nette Franzose sie ja mit. Mal sehen.

Es ist schon verrückt, was wir alles am Schiff erneuern mussten – aber so ist das eben auf Langfahrt. Zwei Liegeplätze weiter liegt übrigens auch eine TO-Yacht: Auch dort wird gebastelt und repariert. Vor uns am Steg eine schwedische Segelyacht, dort waren den ganzen Vormittag Flex- und Schleifgeräusch zu hören.
Hier macht jeder sein Schiff fit für die Biskaya.

Wir sind froh, wenn wir Brest bald verlassen können. Der Hafen ist laut, schmutzig und nicht wirklich erholsam. Da liegen wir doch lieber in einer geschützten Ankerbucht – günstiger, entspannter, und mit dem Dinghi sind wir für Einkäufe und Besorgungen trotzdem fix an Land.

Für unsere drei Nächte hier im Hafen von Brest durften wir übrigens 210 Euro bezahlen; die vierte Nacht wäre kostenlos gewesen. Wenn morgen alles mit dem Paneeltausch klappt, sind wir spätestens Freitagvormittag wieder weg – zurück in die Bucht von Camaret-sur-Mer und, wenn Alina das meteorologische „Go“ gibt, weiter hinaus auf den Atlantik.

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